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Der feurige Hund von Budissin (Ziehnert)

Textdaten
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Autor: Widar Ziehnert
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Titel: Der feurige Hund von Budissin
Untertitel:
aus: Sachsen’s Volkssagen: Balladen, Romanzen und Legenden. Band 2, S. 233–240
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1838
Verlag: Rudolph & Dieterici
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Erscheinungsort: Annaberg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Stadt Bautzen im Markgraftum Oberlausitz 1634 von kaiserlichen Truppen unter Martin Maximilian von der Goltz (1593–1653) vor ihrem Abzug in Brand gesteckt. Im darauffolgenden Jahr trat der böhmische König und deutsche Kaiser Ferdinand II. die beiden lausitzischen Markgraftümer im Prager Frieden an das Kurfürstentum Sachsen unter Johann Georg I. ab.
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[233]
26.
Der feurige Hund

von
Budissin.

[234] Nachstehende Erzählung fällt den 1. und 2. Mai 1634, und ist vollkommen geschichtlich glaubwürdig, den Schlußvers ausgenommen, der deutlich zeigt, wie gern sich die Volkssage an die Geschichte knüpft, und den Faden derselben, wo ihn die Chroniken abschneiden, abergläubisch weiter spinnt.




[235]

     Der Wallensteiner Hauptmann Golz
     voll Tygergrimm und bösem Stolz
          lag schon ein halbes Jahr
               in Budissin,

5
               und seine Schaar

               verübte drin
unsägliche Greuel, Raub und Mord;
gern flöhe der Bürger, doch kann er nicht fort,
     denn die Thore bei Tag und Nacht

10
          waren streng bewacht.1)


     Da rückt mit vierzigtausend Mann
     der Altenburger Herzog2) an.
          Die Bürger seh’n das Heer
               wohl still erfreut,

15
               noch aber schwer

               sind sie bedräut;
denn wenn sich der Hauptmann nicht halten kann,
so steckt er den Ort ohnfehlbar an,
     daß der Feind in der wüsten Stadt

20
          dann kein Bleiben hat.


     Die Bürger gaben Alles her
     daß Golz mit ihnen schonend wär’,
          und zu Walpurgis früh
               mit Kranz und Straus

25
               bekränzen sie

               des Hauptmanns Haus,
und pflanzen süßduftende Maien umher,
als ob es das Haus ihres Fürsten wär’,
     und stehen und harren lang

30
          auf des Hauptmanns Dank.


[236]

     Mit stolzem Blick sah der Barbar
     vom Fenster auf der Bürger Schaar,
          doch ach, mit schlechtem Dank
               wies er sie fort,

35
               und häßlich klang

               das böse Wort:
„Reif seid ihr zum Tode! Ihr steckt vor die Thür
mir Maien? Ihr Hunde, nun ist es an mir!
     Bald steck’ ich den rothen Hahn3)

40
          euern Dächern an!“


     Er lachte teuflisch auf, und schlug
     das Fenster zu mit argem Fluch.
          Die armen Bürger sah’n
               ob solchem Wort

45
               einander an,

               und schlichen fort.
Aufgab ein Jeder sein irdisches Theil,
und bedachte betend sein Seelenheil,
     und gab auf Befehl die Wehr

50
          ohn’ Weigern her.


     Der Mond zieht über Budissin,
     der letzte! bleich und blutig hin;
          die Glocken schlagen drei,
               so dumpf und bang,

55
               als ob es sey

               ihr letzter Klang;
noch einmal nur summet ihr Läuten vom Thurm,
und wimmert in heulenden Schlägen Sturm,
     und weckt die Bürger, und zerrt

60
          aus der Flamm’ in’s Schwert.


[237]

     Allseitig bricht das Feuer aus,
     und wälzt sich rasch von Haus zu Haus,
          von Feindeshand genährt,
               und Feuersgluth

65
               und Feindesschwert

               in gleicher Wuth
tobt wüthend die taghellen Gassen entlang;
der Sterbenden Aechzen und Waffenklang
     und Zetergeschrei erscholl

70
          weithin grausenvoll.4)


     Hohnlachend, wie sich Teufel freu’n,
     schaut Golz in all den Greul hinein:
          „Ha, wie das lustig brennt!
          Wie schnell und groß

75
               das Element

               als Kriegsgenoß!
Wie wird doch der Herzog, wie wird er sich freu’n,
wenn er siegreich zieht in die Trümmern ein!
     Komm, Herzog, und such’ ein Haus,

80
          such’ das schönste aus!


     Drauf rief er einen Reitersmann
     aus dem Gewühl zu sich hinan,
          und sprach: „Reit’ vor das Thor
               zum Feind sofort,

85
               und stell’ ihm vor

               mit sanftem Wort:
Ich wolle die Stadt nicht länger mehr
verweigern seinem gerechten Begehr,
     doch mit dem Beding, daß frei

90
          mir der Abzug sey.


[238]

     Der Reiter reitet schnell hinaus,
     und richtet Alles klüglich aus,
          und als der Herzog frägt,
               wer wohl den Brand

95
               hab’ angelegt

               mit böser Hand,
da läugnet er’s ihm mit heuchelndem Blick,
und erhält so Gewährung, und reitet zurück,
     und zum Abzug versammelt ist

100
          Alles in kurzer Frist.


     Fortzieht die Schaar mit Hörnerklang,
     mit teuflisch lust’gem Spottgesang
          und stolzem Siegerschritt.
               Voran dem Troß

105
               der Hauptmann ritt

               auf schwarzem Roß.
Im Lauenthor, da schaut’ er zurück
in sein gräßliches Werk mit höhnischem Blick:
     „Hört, wie die Hunde von Budissin,

110
          hört, wie sie heulen drin!“


     Und eh’ er wendet sein Gesicht,
     da ruft ihn Gott schon vor Gericht;
          sein Angesicht erbleicht,
               sein Arm erschlafft,

115
               sein Körper neigt

               sich ohne Kraft
zum Falle, und schmettert auf’s Pflaster hin,
nicht mehr hört er die Hunde von Budissin!
     es knackte sein Wirbelbein. –

120
          Mög’ ihm Gott verzeih’n!


[239]

     Ihn aufzuheben ist nicht Zeit,
     schon ist die Flamme nicht mehr weit,
          die hintern drängen vor,
               und Roß an Roß

125
               in’s enge Thor

               zwängt sich der Troß,
und kümmert, von Rauch und Flammen gehetzt,
sich nicht, ob der Hufschlag den Todten zerfetzt,
     und zerstampft auf dem nackten Gestein

130
          knackt des Wüth’richs Gebein.




     Der feur’ge Hund von Budissin
     läuft nächtlich durch die Straßen hin;
          das ist der böse Golz.
               Bleich glimmt sein Fell,

135
               wie faules Holz,

               und sein Gebell
verkündet den Straßen, die er durchrennt,
daß es nach drei Tagen darinnen brennt;
     darum immer, Gott, halte ihn

140
          fern von Budissin.







[240]
Anmerkungen.

1) Die Chronik erzählt: Anno 1633, den 30. Oktober, Sonntags Nachmittags um 2 Uhr sind die Kaiserlich Wallensteinischen Völker, 70,000 Mann, gekommen, und haben die Stadt belagert und beschossen, und Dienstags mit Accord übereingekommen, worauf der kaiserliche General Golz mit seinem Regiment zu Fuß und einer großen Esquadron zu Roß nebst etlichen Panduren hereingekommen, welche 27 Wochen bis auf den andern Mai nach Misericordias domini 1634 in der Stadt gelegen und Alles verzehrt, und stahlen noch dazu Alles denen Leuten, u. s. w.

2) Die Chronik: Zu Anfang des Jahres 1634 beschloß der Churfürst von Sachsen, Johann Georg I. die Oberlausitz wieder zu erobern. Es rückte demnach der Herzog Friedrich Wilhelm von Altenburg nebst dem General Arnim mit 40,000 Mann vor die Stadt Budissin.

3) Jemanden den rothen Hahn aufs Dach stecken, dem Dache anstecken, s. v. a. Jemanden das Haus anzünden.

4) Die Chronik erzählt: Heute den 2. Mai 1634 hat der Obrist Golz befohlen, jeder Soldat soll früh 3 Uhr sein Haus anzünden, was auch geschehen. Auf der Seidau, in der Fischergasse und den Ueberresten der Vorstadt brach das Feuer aus, flog in die innere Stadt, steckte zuerst die Juden- (jetzt Herings-) Gasse an, und legte alle Privathäuser, Kirchen (die Peterskirche, in die sich 300 Personen geflüchtet hatten, zündeten die Panduren mit Pechkränzen an) und alle andern öffentliche Gebäude, ja selbst einen Theil des nahen Dorfes Teichnitz, in Asche. Nur die St. Nicolaikirche war noch zum Gottesdienste brauchbar. Gräßliche Mordthaten, Raub, Unzucht u. a. Greuel machten diese Schreckensnacht den Bürgern von Budissin noch schrecklicher.




Druck von J. H. Nagel in Leipzig.