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Autor: Paul Niemeyer
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Titel: Der elektrische Heil-Apparat
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 518-519
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der elektrische Heil-Apparat.
Von Dr. Paul Niemeyer.

Bei der steigenden Theilnahme, welche das Publicum der wissenschaftlichen Entwickelung der medicinischen Elektrisation widmet, erscheint es zeitgemäß, auch über die elektrischen Apparate ein Wort zu reden, umsomehr als in der Benennung derselben noch immer eine große Verwirrung herrscht.

Der „Magnetiseur“ zwar liebt es, sich in ein geheimnißvolles Dunkel zu hüllen und zu der blindgläubigen Menge in einer fremden Sprache zu reden; es paradirt auch so manches unbrauchbare Schaustück als heilkräftige Vorrichtung in dergleichen Zaubersalons –; betrachten wir hier nur die nach physikalischen Grundsätzen gefertigten Apparate:

Der Magnet, früher höchstens zur Entfernung eingedrungener Metallstückchen und ähnlichen mechanischen Zwecken benutzt, wurde Anfangs dieses Jahrhunderts in Mesmer’s Hand zu einer Universal-Heilpotenz, zum Vermittler des sogenannten Lebensmagnetismus (Mesmerismus); später fand sich, daß das Streichen mit der bloßen Hand ganz dieselben wunderthätigen Wirkungen habe: auch so entstand ein kritischer Schlaf (magnetischer Somnambulismus) und viele Leiden, besonders Nervenübel, waren wie weggeblasen. Immermehr entfernte sich der sonderbare Schwärmer vom physikalischen Boden und träumte nun von einer „Allfluth“ in der gesammten Schöpfung. Seine Nachfolger (die Puysegurs etc.) zogen vollends den Gegenstand auf’s Gebiet des Phantastischen und, die Glaubwürdigkeit der Berichte dahingestellt, so spielte Einbildung, geistige Aufregung und willkürliche Mitwirkung eine Hauptrolle beim Mesmerisiren.

Zu dem Magnetismus als physikalischem Begriff hat unser Organismus durchaus keine Beziehung. Die Vorgänge im Nervensystem sind vielmehr elektrischer Art, und es wird heutzutage in der Medicin nur elektrisirt, nicht magnetisirt.

Je nach der Quelle der Elektricität sind auch die Elektrisirmaschinen verschieden; die Namen beziehen sich also stets auf die besondere Art der Entwickelung der Elektricität und sind in der Regel nach den Erfindern gewählt: hiernach unterscheidet man:

1) Reibungs-Elektricität: da dies die zuerst bekannte, von O. v. Guericke entdeckte, von Dufay studirte Gattung ist, so heißt der Apparat, welcher durch Reibung von Glas und Leder Elektricität entwickelt, noch immer vorzugsweise die Elektrisirmaschine; die bekannten Funken, welche man in der Leydener Flasche sammelt, ertheilen sehr empfindliche Schläge, die man aber zu wenig in seiner Gewalt hat; dabei ist die Erregung nur eine vorübergehende, so daß dieses Verfahren fast gänzlich außer Gebrauch gekommen ist.

2) Berührungs- (Contact-) Elektricität, Galvanismus: Galvani entdeckte, daß zwei verschiedene Metalle in Berührung gebracht einen elektrischen Strom entwickeln; Volta vereinigte eine Anzahl solcher Metallpaare zu der nach ihm benannten (trocknen) Säule und erzielte so eine bedeutende Verstärkung des Stromes; dieser blieb auch ein beständiger (constanter), als man zwischen die Metalle flüssige Leiter einschaltete, und die zweckmäßigste Combination der Art bildet eine sogenannte constante Kette, deren mehrere vereint eine galvanische Batterie bilden.

Fig. 1.

Die Gartenlaube (1857) b 518 1.jpg

Der faradische Apparat.

Dieser „constante“ Strom wird in neuester Zeit benutzt, um kranke Nerven und Muskeln zu galvanisiren, nachdem Experimente an Thieren gelehrt hatten, daß der Galvanismus einen Nerven der Einwirkung anderer Reize entziehe, daß er die gesunkene Erregbarkeit wieder herstelle und mittelbar die Muskeln dehnbar mache. Von diesen Gesichtspunkten aus wendet man ihn jetzt bei gewissen Lähmungen, Krampfformen (Veitstanz, Schreibekrampf) und besonders bei Muskelcontracturen an, und in der That versprechen die ersten Erfahrungen eine große Zukunft. Setzt man die Pole einer 20–25paarigen Batterie über einen Nerven auf die befeuchtete Haut, so empfindet man alsbald längs der ganzen Nervenbahn einen eigenthümlichen Wärmestrom; öffnet man nach einiger Zeit die Batterie, so entsteht eine Zuckung in der ganzen zugehörigen Muskelprovinz; diese Erscheinungen bieten Verschiedenheiten dar, je nachdem der Strom den Nerven nach auf- oder abwärts durchläuft. Die Fähigkeiten des galvanischen Stromes, Eisen (beim Oeffnen und Schließen) magnetisch zu machen – der Elektro-Magnetismus – findet keine Verwendung zu Heilzwecken, erfüllt aber beim volta-elektrischen Inductions-Apparat eine höchst wichtige Aufgabe, wie wir sehen werden.

Fig. 2

Die Gartenlaube (1857) b 518 2.jpg

Das Innere des Apparats im Durchschnitt

3) Inductions-Elektricität, Faradismus. Endlich entsteht Elektricität durch Induction (Einleitung); in einem Leiter (einer Kupferspirale) wird nämlich ein elektrischer Strom nach Faraday’s Entdeckung erzeugt, eingeleitet auf doppelte Weise:

1) bei abwechselnder Annäherung und Entfernung eines Magnetes,
2) bei Oeffnung und Schließung eines genäherten galvaninischen Stromes.

Die Inductionsapparate sind somit entweder magnetisch-elektrische oder volta- (galvanisch-) elektrische: der faradische Strom hat die Eigenthümlichkeit, daß er nur von momentaner Dauer ist; will man ihn beständig haben, so muß für stete Annäherung und Entfernung des Magnetes und respective Oeffnung und Schließung des galvanischen Stromes Sorge getragen werden. Diese Aufgabe wird beim magnet-elektrischen Apparate durch Drehung der Pole der Inductionsspirale bei fixirtem Magnet erfüllt und diese Drehung durch Menschenhand verrichtet, er heißt daher auch Rotations-(Drehungs-) Apparat.

Bei der volta-elektrischen Inductionsmaschine ist zu diesem Zwecke ein elektro-magnetisches Hammerspiel zwischen den Endpunkten der Bahn des galvanischen Stromes angebracht. Die beigefügte Abbildung stellt einen solchen Apparat, wie er neuerdings hier in Magdeburg gefertigt wird, in der vollständigen Zusammenstellung dar; Fig. 2. durchschneidet im Durchschnitte das Innere desselben.

Der Apparat besteht im Wesentlichen aus zwei auf einer hölzernen Sohlplatte gelagerten, in einander zu schiebenden Holzcylindern, von denen jeder mit einer Kupferspirale mannichfach umwunden; dieselben umgibt nach Außen ein Mantel von Eisenstäben (C), [519] welcher wesentlich zur Verstärkung beiträgt. Die Sohlplatte ist mit einer Schiebervorrichtung versehen, welche den mittlern Cylinder (D) theilweise oder ganz über den innern (H) zu führen gestattet. Das zum Betrieb benutzte galvanische Element (E) ist in der Regel ein Daniel’sches aus Kupfer (Cu) und Zink (Zk); als flüssige Halbleiter dienen Cypervitriollösung außerhalb und Kochsalzlösung innerhalb des Thoncylinders (Th). Die Menge der Elektricität wächst mit der Zahl der Elemente, die Stärke (elektrische Spannung) mit der Größe der Metallflächen. Bei Vereinigung mehrerer werden die ungleichnamigen Metalle (Cu mit Zk des nächstfolgenden u. s. w.) verbunden. Der galvanische Strom wird nun durch die Drähte (d) auf eine behufs der Isolirung mit Seide übersponnene Kupferspirale geleitet, welche den innersten Holzcylinder (H) umwickelt und auf diesem nach G zurückkehrt. Hier ist das Hammerspiel (FG) eingeschaltet; der Eisenkern F wird durch den galvanischen Strom elektro-magnetisch und zieht daher den Hammer an, welcher an einer Messingfeder haftend, durch diese Entfernung von der Schraube G den Strom öffnet; er wird daher wieder von F losgelassen, und schließt nun den Strom von Neuem, daher abermals Anziehung erfolgt u. s. f.

Auf dem Holzcylinder D verläuft der Draht, auf welchen der faradische Strom inducirt wird, und dieser geht durch die Schrauben auf B in die Leitungsdrähte über; letztere sind zur Isolirung und bequemern Handhabung ebenfalls mit Seidenfaden umwickelt. Mit der Länge der Spirale wächst die Stärke des inducirten Stromes, sie ist am bedeutendsten, wenn a und b sich berühren.

Der ursprüngliche galvanische Strom heißt auch wohl der primäre, der inducirte im Gegensatz der secundäre; jeder kann besonders in Anwendung gezogen werden.

Hierüber, so wie über die Beschaffenheit der Conductoren und die Methode der localen Faradisation nach Duchenne ist bereits in Nr. 36 v. J. dieses Blattes ausführlich berichtet. Es erübrigt noch ein Wort über die sogenannten elektrischen Ketten, welche am Körper getragen werden. Dieselben sind zum Theil, wie namentlich die Goldberger’schen und ihre zahllosen Nachahmungen, von gar keiner physikalischen Wirkung; mehr Sinn hat der Romershausen’sche Bogen, welcher ein einfaches galvanisches Element darstellt; am wirksamsten sind die Pulvermacher’schen Ketten, die auf höchst sinnreiche Weise construirt, einen merklichen Strom entwickeln, doch erstreckt sich die Wirkung aller dieser Vorrichtungen nur auf die Haut, welche dadurch gereizt und geröthet wird; dieser Reiz wird beträchtlicher, wenn die betreffende Hautstelle durch Blasenpflaster der Oberhaut beraubt ist.