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Titel: Aus dem Beamtenleben/Nr. 1. Der Herr Director
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 519-522
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[519]
Aus der Beamtenwelt.[1]
Skizzen nach der Natur.
I. Der Herr Director.

Es mußte ein außerordentlicher Anlaß sein, der heute eine so ungewöhnliche Bewegung in den sonst so gleichmäßig ruhigen und soliden Haushalt des Herrn Geheim-Secretairs brachte. Die Vorboten außerordentlicher Wirthschaftsereignisse waren, wie immer in derlei Fällen, zuerst in der Küche bemerkbar geworden, und es fiel den Hausgenossen nicht wenig auf, daß die Frau Geheim-Secretairin, als sie am gestrigen Markttage mit ihrem Dienstmädchen vom Einkaufen zurückkehrte, den Succurs einer „Tragefrau“ hatte requiriren müssen, um die eingekauften Vorräthe nach Hause zu schaffen. Bald genug kam das große Geheimniß durch das Factotum der Familie, das erwähnte Dienstmädchen, zur allgemeinen Kenntniß: es handelte sich um nichts Geringeres, als um eine Abendgesellschaft in großem Styl: Thee und warmes Abendbrod, dazwischen Tanz und Spielpartieen. Das dreistöckige Haus der Alten Jacobsstraße kam schier in Aufruhr über so ungewohnte Dinge! Wußte doch Jedermann, wie sehr die Familie sich sonst einschränkte, sich einschränken mußte! Es ist wahr, er hatte ein schönes Gehalt, der Herr Geheimsecretair, mit den üblichen Weihnachts-Gratificationen vom Herrn Minister, über 800 Thaler. Aber dafür war auch der Kindersegen stark; zwei herangewachsene Mädchen und drei Knaben, die zum Theil noch die theuren Schulen besuchten und, wie die Frau Geheim-Secretairin einer vertrauten Nachbarin zu klagen pflegte, „gar nicht vom Schuhmacher und Schneider fortkamen.“ Dazu kam, daß der Mann erst seit wenigen Jahren in die gegenwärtige, auskömmliche Stellung gelangt war und, wie man munkelte, aus früherer, schlechterer Zeit Schulden hatte, die nach und nach getilgt werden mußten. Und so war es denn natürlich genug, daß die Familie sich einschränkte, wie es nur irgend anging. Freilich hatte dieses Einschränken seine Grenzen; man mußte doch einigermaßen seiner Stellung in der Gesellschaft Ehre machen, konnte die erwachsenen Töchter nicht wie Dienstmädchen gekleidet einhergehen lassen, und die Söhne nicht in die gewöhnliche Volksschule schicken, welche allenfalls für die Zukunft von Proletarierkindern ausgereicht hätte, die von Hause aus dazu bestimmt waren, das Handwerk ihres Vaters fortzusetzen oder ein entsprechendes zu ergreifen. Nicht eben, daß der Geheim-Secretair hoch hinaus wollte, aber es wollte ihm doch auch nicht zu Sinne, und noch weniger der Frau, die aus guter Familie stammte, daß seine Söhne gewöhnliche Professionisten werden sollten. Welcher Gedanke, daß ihm, dem Herrn Geheim-Secretair, wenn er mit dem Bündchen im Knopfloch und den Acten unter dem Arm aus dem Ministerium nach Hause ginge, sein Jüngster, der Blondkopf, mit klappernden Pantoffeln, im Schurzfell, in der obligaten Tracht eines „Schusterjungen“ begegnete, und das vielleicht, wenn zufällig einer der Herren Räthe dem Vater die Ehre erwiese, eine Strecke neben ihm herzugehen, wie das schon vorgekommen war. Entsetzlicher Gedanke!

Der bedeutungsvolle Abend war gekommen, und die vier Frontfenster der nach der Alten Jacobsstraße gelegenen Wohnung glänzten hell inmitten der bescheiden beleuchteten Nachbarhäuser. Der Gegensatz bürgerlicher Gastlichkeit gegen die billige Scheidemünze der Gastfreundschaft in den „höheren Gesellschaftskreisen“ machte sich sofort darin kenntlich, wie die Eingeladenen anlangten. Die Meisten kamen zu Fuße, wenige in Droschken, Niemand in einer Kutsche. Dieses und die Art der Bewirthung unterschied die Gesellschaft einzig von den Soiréen anderer Kreise, wenigstens was die äußere Erscheinung betraf; doch muß gewissenhafter Weise hinzugefügt werden, daß, wenn die Herren weniger Bänder und Orden im Knopfloche hatten, die Blumenfülle in den Haaren der Damen desto beträchtlicher war, und daß, was den Coiffüren an Eleganz und Kostbarkeit abging, reichlich durch jugendliche Gesichter, blühende Farben und munter blickende Augen ersetzt wurde. Man sah es den Gestalten dieses Kreises an, daß sie nicht müde und gelangweilt von einer Soirée in die andere eilten, daß sie sich nicht vergeblich in dem Ringen nach Unterhaltung abmühten, ohne selbst etwas Anderes in die Gesellschaft mitzubringen, als vornehme Blasirtheit.

Die Gesellschaft war so zahlreich, daß sie die vorhandenen drei Zimmer vollständig füllte. In dem mittleren fand der eigentliche Ball statt, zu welchem die Töchter des Hauses, abwechselnd mit den vorhandenen musikalischen Kräften der Gesellschaft, Clavier spielten. In dem Vorderzimmer, welches sonst die Arbeitsstube des Hausherrn war, hatten sich einige Spielpartieen zusammengefunden; in dem dritten hatten diejenigen Elemente der Gesellschaft Posto gefaßt, welche weder am Tanz noch Spiel Theil nahmen, und ihre Rechnung bei einer allerdings nicht brillanten, aber dafür auch nicht unnatürlich geschraubten Unterhaltung fanden.

„Wie, Herr Director, Sie entziehen sich heute unserer Whistpartie? Das ist eine Auflehnung gegen alle gesetzliche Ordnung!“

Mit diesen scherzhaften Worten näherte sich der Hausherr einem Manne des zuletzt geschilderten Kreises, und machte Miene, den sich Sträubenden mit freundlicher Gewalt in das Spielzimmer zu ziehen.

Der mit dem stattlichen Titel „Director“ Angeredete war ein noch junger Mann, etwa ein Vierziger; ließ ihn aber die schlanke, [520] hagere Gestatt und das blonde Haupthaar fast noch jünger erscheinen, so konnte man ihn dafür wiederum, nach der gefurchten Stirn und der gekrümmten Haltung, für einen Fünfziger halten. Ein aufmerksamer Beobachter, aber auch nur ein solcher, würde vielleicht bemerkt haben, daß der Anzug des Herrn Directors bei tadelloser Sauberkeit doch eine gewisse Fadenscheinigkeit verrieth, welche die offenbar angewandte größte Sorgfalt nicht vollständig zu verdecken vermocht hatte, und welche mit dem pomphaften Titel des Inhabers dieser Kleidung nicht ganz im Einklang stand. Es gehört eine ziemlich genaue Kenntniß der wunderlichen Nomenclatur des Beamtenthums dazu, um zu wissen, daß es Subalternbeamte mit diesem Titel gibt, der vollständig eigentlich „Canzlei-Director“ lautet, den Vorsteher einer Canzlei bezeichnet, und aus Courtoisie gewöhnlich in den wohlklingenderen „Director“ abgekürzt wird, bis der also Titulirte die seltsamer Weise höhere Rangstufe des „Canzlei-Rathes“ erreicht. Endlich wird er gar „Geheimer Canzlei-Rath“, ohne daß er trotzdem aufhört, ein Subalternbeamter zu sein, welcher nichtsdestoweniger als Herr „Geheimer-Rath“ unter den übrigen Geheimen-Räthen der Gerichtshöfe und Verwaltungsbehörden figurirt. So kommt es denn zuweilen, daß ein junger Assessor bei einer Behörde den Herrn „Geheimen-Rath“ anweist, dieses oder jenes Aktenstück herbeizuschaffen, oder eine Expedition zu erledigen.

Der Director, von dem wir reden, schien diese Einladung zur Theilnahme am Whist mit Besorgniß vorausgesehen zu haben, denn mit augenscheinlicher Aengstlichkeit suchte er sich durch unzusammenhängende Ausflüchte der ihm zugemutheten Betheiligung zu entziehen. Glücklicher Weise kam ihm seine Frau im entscheidenden Augenblicke zur Hülfe, und entwickelte mit geläufiger Beredsamkeit ausreichende Gründe für die Dispensation ihres Gatten, unter denen als der entscheidendste ein heftiger Kopfschmerz gelten gelassen wurde, den sich der Aermste durch übereifriges Arbeiten zugezogen habe. Als der Herr des Hauses den Director nach mancherlei Versicherungen freundlichen Bedauerns wieder verlassen hatte, athmete der Letztere erleichtert auf. Aber sein Kopfschmerz schien ihn während des ganzen Abends nicht zu verlassen, denn er blieb einsylbig, und trotz manchen leisen Winks seiner Frau war er zu keiner lebhafteren Theilnahme an der Unterhaltung zu bewegen. Auch an der Abendtafel nahm er stillschweigenden Antheil, obgleich die laute Fröhlichkeit um ihn her wohl geeignet gewesen wäre, ihn von seinen Gedanken abzuziehen. Von Zeit zu Zeit sandte seine Frau Blicke voller Besorgniß zu ihm herüber, um sich dann desto lebhafter zu dem Tischnachbar oder der Tischnachbarin zu wenden, welche die angenehme Unterhaltungsgabe der Frau Directorin zu gut zu schätzen wußten, um sis sich selbst oder der ausschließlichen Theilnahme für den Gatten zu überlassen. Aber auch sie schien das Ende des Mahls herbeizusehnen, denn nachdem die lange Reihe lächerlicher Complimente beendet war, mit denen eine wohlerzogene Tischgesellschaft sich marionettenartig zum Schlusse zu regaliren pflegt, gab sie ihrem Manne einen leisen Wink, und Beide verabschiedeten sich unter mannichfachen Versicherungen gegenseitigen Bedauerns über das frühe Scheiden.

Die Hausfrau wies das Mädchen an, eine Droschke für die Herrschaften herbeizuholen. Die Frau Directorin lehnte das Anerbieten eifrig ab.

„Es wird meinem armen Manne bei seinem Kopfschmerz wohl thun, wenn wir die kurze Strecke nach Hause zu Fuße zurücklegen.“

„Aber ich bitte Sie, Sie haben bis zum Rosenthaler Thore eine halbe Stunde zu gehen; außerdem ist Schnee gefallen, und Sie gewärtigen, sich zu erkälten.“

Mit munterem Lachen beharrte indessen die Directorin bei ihrer Ablehnung, und man verabschiedete sich endlich. Das Mädchen leuchtete voran, um das bereits verschlossene Haus zu öffnen. Auf der letzten Treppenstufe flüsterte die Frau ihrem Maime etwas in’s Ohr. Dieser zuckte statt aller Antwort mit den Achseln.

„Es ist schrecklich!“ stöhnte die Frau leise vor sich hin. Damit waren sie bis an die Thür gelangt. „Ich danke, liebes Kind – ein ander Mal –“

Sie waren auf die Straße getreten.

„Schäbiges Volk –“ brummte das Dienstmädchen, unwillig die Thür zuschlagend, daß das Licht beinahe erlosch – „tragen seidene Kleider und Glacéhandschuhe, gehen in feine Gesellschaften und geben nicht einmal einem armen Dienstmädchen ein Trinkgeld. Je vornehmer, desto ruppiger – na, kommt Ihr nur wieder!“

Wer weiß, ob Du also gesprochen hättest, derbes, aber treuherziges Geschöpf, wenn Du den Beiden gefolgt wärest, die jetzt schweigend in den beschneiten Straßen den Heimweg antraten. Sie sahen nicht aus, als kämen sie aus einer fröhlichen Abendgesellschaft, und auch sie, die sonst so gesprächige Frau, ging in trübem Schweigen an der Seite ihres Mannes einher.

Als sie eine geraume Zeit gegangen waren, unterbrach die Frau die unheimliche Stille.

„Ich dachte. Du hättest noch Geld bei Dir, mindestens einen Thaler –“

„Du hast vergessen,“ antwortete der Mann gereizt, „daß ich heute meinen Beitrag für den Festpokal zum Jubiläum des Hofraths geben mußte. Sollte ich der einzige Beamte sein, der sich ausschloß? Mein Beitrag war ohnehin der geringste.“

„Wir haben keinen Pfennig Geld im Hause – nicht einmal zum Frühstück morgen für die Kinder, und der Bäcker mahnt jedes Mal -“

Der Mann antwortete nicht; als sie aber an die Brücke gelangt waren, welche über den größeren Arm des Flusses führt, faßte er seine Frau bei der Hand und sagte mit einem Tone, aus dem die trostlose Lebensmüdigkeit sprach:

„Wie es kommt, wir müssen es tragen, so oder so, alles Jammern macht das Elend noch elender. Sonst lieber gleich hier hinein, dann wär’ mir wohl. Lange wird es ohnedies nicht mit mir dauern,“ setzte er leise hinzu.

Aber als hätte es dieser Aumahnung zur Standhaftigkeit nur bedurft, um die entgegengesetzte Wirkung hervorzurufen, so brach das arme Weib gerade jetzt in unaufhaltsame Thränen aus, und vorübereilende Nachtschwärmer blickten ihr verwundert nach, vermeinend, das Ehepaar fülle die Zeit der Rückkehr von einem fröhlichen Gelage mit einer Ehestands-Scene aus.

„Und bei alledem noch in Gesellschaften gehen zu müssen,“ schluchzte sie, „es hat mir fast das Herz abgedrückt. Die üppige Rendantin hat mir fortwährend auf die ausgewaschenen Handschuhe geguckt und ein Mal über das andere Deinen Canzlei-Frack gemustert.“

„Ich konnte nicht anders,“ sagte der Mann resignirt, „der Geheim-Secretair hätte unser Ausbleiben übel genommen, und Du weißt, welche Verbindlichkeiten wir ihm schuldig sind.“

„Aber ein Entschluß muß doch gefaßt werden, Wilhelm, es muß doch etwas geschehen,“ fuhr die Frau wieder fort, „der Wirth drohte schon gestern, die Exmissionsklage anzustellen –“

„Jawohl,“ versetzte der Mann mit leisem Hüsteln, „es wird recht spaßhaft für meine Canzlisten sein, wenn sie die Vorladungen oder gar die Executions-Mandate gegen ihren Chef ausfertigen.“

Er mußte stärker husten und suchte sich fröstelnd fester in den dünnen Ueberrock zu wickeln. Die Frau schmiegte sich dichter an ihn, als wollte sie ihn so vor der kalten Nachtluft besser schützen.

„Sprich nicht mehr,“ bat sie, „Du mußt sonst husten. Wenn nur erst wenigstens das Frühjahr da wäre, das ist doch immer ein Trost, daß dann die ewige Noth um Licht und Feuerung geringer wird!“

Sie hörte nicht, wie der Mann leise vor sich hinmurmelte: „Zum Frühjahr! das ist auch mein letzter Trost!“

Sie waren an ihr Haus gelangt und schlossen eben die Hausthür auf, als sie schwere Schritte hinter sich hörten. Es war der wohlbeleibte Wirth, der aus seiner Tabagie zurückkehrte. Das Begegniß konnte sich nicht unglücklicher für das Ehepaar treffen.

„Ei, sieh da, Herr Director und Frau Gemahlin, guten Abend! Gewiß in vornehmer Gesellschaft gewesen – ja, ja, so geht’s, zu Allem langt es, nur nicht, dem armen, geplagten Hauswirth die Miethe zu bezahlen –“

„Bester Herr Ehrenberg,“ bat die geängstigte Frau, „haben Sie noch einige Tage Geduld, wir sind Ihnen ja sicher –“

„Hoho!“ lachte der Wirth mit grober Stimme, „ich danke für die Sicherheit! Sie glauben, ich hätte den Wechseljuden nicht bei Ihnen ein- und ausgehen sehen? Ich weiß recht gut, daß Sie sich von einem Termin zum andern nur durch Prolongation gegen hohe Zinsen hinschleppen. Ich muß Ihnen sagen, Herr Director, daß mir an solchen Miethern gar nichts gelegen ist. Da ziehe ich nur lieber einen reputirlichen Handwerker vor, der keinen großartigen Titel hat, der aber dafür seine Miethe pünktlich bezahlt, anstatt sich mit Wechseljuden und solchem Pack abzugeben.“

„Sie sind vollkommen in Ihrem Rechte, Herr Wirth,“ nahm [521] der Mann das Wort. „daß Sie auf Ihrer Forderung bestehen, aber Sie sind wohl ungerechter in Ihrem Urtheil, als Sie selbst es vermuthen. Glauben Sie mir, man kann unverschuldet in Verhältnisse gerathen –“

„Niemals –!“ polterte der in Eifer gerathene, von reichlich genossenem Weißbier erwärmte Hausmann, „niemals darf ein honetter Mann, am Allerwenigsten ein königlicher Beamter in die Lage kommen, zu Wucherern und Halsabschneidern seine Zuflucht zu nehmen. Miethsleute, die Wechselreiterei treiben, passen nicht in anständige Häuser –“

Der Canzleidirector wollte nochmals etwas entgegnen, um dieser peinlichen Scene ein Ende zu machen, aber ein erneuerter Hustenanfall ließ ihn nicht zu Worte kommen. Das Gespräch hatte in der Zugluft zwischen zwei offenen Thüren stattgefunden, und der Husten des Directors wurde so heftig, daß die Frau es ihre nächste Sorge sein ließ, den fast Athemlosen von der unheimlichen Stelle fort und nach der Wohnung zu bringen.

Einen Augenblick hatte der Wirth sich durch das heftige, keuchende Husten seines Miethers in seinen Vorhaltungen unterbrechen lassen, als er aber das hartbedrängte Ehepaar die Treppe zur Wohnung hinaufsteigen sah, rief er dem Manne noch nach:

„Richten Sie sich danach, Herr Canzleidirector, habe ich bis morgen früh um neun Uhr nicht die rückständige Miethe, so reiche ich die Klage ein! – Lumpenvolk, hochmüthiges, weiter nichts,“ brummte der pünktliche Mann vor sich hin, indem er sorglich die Hausthür schloß und sich im Gefühl erhöhter Würde zur Ruhe begab.

Die Wohnung des Canzleidirectors lag im zweiten Stock und war für eine aus sechs Köpfen bestehende Familie eng genug, denn sie bestand nur aus drei verhältnißmäßig kleinen Zimmern, deren Miethpreis nichtsdestoweniger beinahe den vierten Theil des Gehaltes in Anspruch nahm.

In dem ersten Zimmer ließ sich der Director erschöpft nieder. Er fühlte sich von Fieberschauern geschüttelt und der erstickende Husten hatte ihm den hellen Angstschweiß auf die Stirn getrieben, von der die dicken Tropfen jetzt auf die krankhaft gerötheten Wangen niederrieselten. Die Frau brachte ihm eilig etwas lauwarmen Thee, der in der Ofenröhre stand; er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand –.

„Sieh nach den Kindern,“ sagte er, „ich höre sie.“

Sie eilte in das Nebenzimmer, in dem die drei jüngsten Kinder schliefen, und hatte genug zu thun, das Kleinste zu beschwichtigen, das von dem Balle etwas mitgebracht haben wollte, die andern zuzudecken, welche über Kälte klagten, und das Dienstmädchen zu Bette zu schicken, welches sorglos bei den Kindern eingeschlafen war. Dann eilte sie wieder zu ihrem Manne, der die Hände fest auf die Brust gepreßt hielt, um einen wiederholten Hustenanfall zu unterdrücken. Er saß auf dem Nande seines Bettes, die Brust arbeitete schwer und die abgemagerten Hände waren eiskalt. Mit dem Ausdrucke der schmerzlichsten Theilnahme beugte sich die Frau über ihn, wischte ihm den Schweiß von der Stirn und suchte seine kalten Hände in den ihrigen zu erwärmen. Sie half ihm, sich zu entkleiden und als er zu Bette gebracht war, winkte er ihr, sich zu ihm zu setzen. Aber sie mußte sich ganz zu ihm hinunterbeugen, um seine leise geflüsterten Worte zu verstehen.

„Versprich mir, mich ruhig und gefaßt anzuhören …“

Sie rang in stummer Verzweiflung die Hände, denn sie ahnte das Schreckliche. Was sollte aus ihr, aus den vier unmündigen Kindern werden! Aber dieser Gedanke war es nicht, der sie zunächst mit grenzenlosem Jammer ergriff, sie dachte zunächst nur an den geliebten Mann, den Vater ihrer Kinder, der, ein Muster der Hingebung, sich unablässig für die Seinen gemüht und geplagt, bis die Frohnarbeit des Tages im Verein mit nächtlicher Arbeit seine Kraft aufgezehrt und aus der einst so blühenden Mannesgestalt einen Schwindsüchtigen gemacht hatte.

„Wilhelm, einziger, guter Mann, ich will zum Doctor laufen, der Anfall wird vorübergehen –“

„Wenn Du mich lieb hast, so thue nichts dergleichen, sondern füge Dich in’s Unvermeidliche. Laß den letzten und größten Liebesdienst sein, den Du mir erweisest, daß Du mir das Scheiden nicht noch bitterer machst, als es schon ist. Vertrau’ auf Gott, den Vater der Wittwen und Waisen …“

Sinke nur immer nieder auf Deine Knie, armes Weib! schmiege Dein thränenüberströmtes Antlitz an die keuchende Brust des Sterbenden und lehne Dein Ohr an seine zuckenden Lippen, um sein letztes Vermächtniß zu hören! Was Du in mancher Stunde banger Sorge zitternd ahntest, die Trennung für immer von ihm, mit dem Du Freud’ und Leid, mehr noch Kummer und Sorge lange Jahre hindurch getragen hast, – sie tritt jetzt in schreckensvoller Nähe an Dich heran, und Du darfst nicht laut jammern, um seine letzte Stunde nicht noch mehr zu erschweren.

„Ich habe ein Testament errichtet und Dich zur befreiten Vormünderin der Kinder ernannt. Das ist Alles, was ich Dir hinterlassen kann … mein Vertrauen und meine Liebe, über’s Grab hinaus …. Du wirst keine Weitläufigkeiten mit dem Vormunddchaftsgericht haben und hast über die Zukunft der Kinder zu bestimmen. Du wirst sie zu tüchtigen Handwerkern erziehen oder zu sonst einem anständigen Gewerbe bestimmen, … das Elend des Beamtenthums möge ihnen, so Gott will, erspart bleiben … Du wirst mit den paar Thalern Wittwengehalt nicht fertig werden, aber Ihr werdet Euch einschränken können, wenn ich … wenn Ihr allein seid, werdet Ihr eine kleine Wohnung vor dem Thore beziehen, und Du wirst als arme Beamtenwittwe mit den Mädchen getrost arbeiten können, ohne daß es Deine bürgerliche Stellung schändet … Ich habe heute früh ein Schreiben an den Präsidenten aufgesetzt … das gib ihm … morgen … segne Dich Gott! … mir wird mit einem Mal so leicht … Deine Hand …!“




Zur Mittagsstunde des nächsten Tages ließ sich ein bleiches, abgehärmtes Weib bei dem Präsidenten der Behörde anmelden, an welcher der Canzleidirector angestellt war.

„Was bringen Sie mir, liebe Frau?“ sprach der Präsident, indem er theilnehmend in das blasse Antlitz der Supplicantin blickte, „ist Ihr Mann etwa erkrankt? Er soll sich ja schonen, seine Gesundheit ist nicht die beste, und ich werde Bedacht nehmen, daß ihm zum Sommer eine Unterstützung zu einer Badereise bewilligt wird –“

„Er leidet nicht mehr, Herr Präsident!“ war Alles, was die Wittwe zu antworten vermochte.

Der Präsident war sichtlich betroffen und sprach in herzlichen Worten seine Theilnahme, sein Bedauern aus. Sie reichte ihm das Schreiben und er las mit lebhafter Bewegung:

„Da ich meinen Tod herannahen fühle, so mag ich nicht scheiden, ohne Ihnen, innigst verehrter Herr Präsident, ein letztes Lebewohl und den innigsten Dank für die vielen Beweise des Vertrauens und der Theilnahme auszusprechen, deren ich mich während meiner ganzen Dienstzeit zu erfreuen hatte. Leider vermochte alles mir unverdient gespendete Wohlwollen nicht, mich der nagenden Sorge zu überheben, die mich frühzeitig elend gemacht hat und meine unversorgten Kinder bald zu Waisen machen wird. So weit es einem vor Gott demüthigen Herzen ansteht, sich von wissentlicher Schuld freizusprechen, so weit darf ich von mir sagen, daß ich mein Unglück nicht verschuldet habe. Erst seit einigen Jahren habe ich durch Ihr Wohlwollen eine Stelle erhalten, von deren Besoldung ich meine Familie hätte ernähren können, wenn nicht das frühere, ganz unauskömmliche Gehalt, von dem ich eine zahlreiche Familie bei immer zunehmender Theuerung aller Lebensbedürfnisse zu erhalten hatte, mich in Schulden gestürzt hätte, die mir die Früchte einer vermehrten Einnahme nicht zu Gute kommen ließen. Und so gehe ich meinem Ende entgegen, ohne den Meinen etwas Anderes zu hinterlassen als den, wie ich hoffe, unbefleckten Namen eines pflichttreuen Beamten. Ich weiß, daß mir von Ihrer Gnade eine Unterstützung zu einer Badereise zugedacht war – möge diese Unterstützung meiner Frau zu Theil werden, damit sie in ihrem Schmerze wenigstens der Sorge überhoben sei, wie sie den Todten geziemend zur Erde bestatte …“

Der Präsident las nicht weiter, er reichte der Wittwe liebreich die Hand und sprach ihr mit herzlichen Worten Trost zu, Hülfe verheißend, so weit es in seinen Kräften stand. Sie schied mit strömenden Thränen des Dankes.

Drei Tage darauf bewegte sich an einem hellen Februartage ein stattlicher Leichenzug vom Sterbehause die Straße entlang, zum Thore hinaus. Der majestätische Hauswirth selbst folgte in einem eleganten Trauerwagen, und aus der Art und Weise, wie er sich mit dem Präsidenten begrüßte, schien hervorzugehen, daß sie unlängst eine Conferenz gehabt hatten, welche die Gesinnungen des strengen Mannes in Beziehung auf die Familie des Canzleidirectors [522] wesentlich umstimmte. Wenigstens behaupteten die Hausbewohner allgemein, daß die Trauerkleidung der Wittwe und Kinder durch die Frau des Wirthes in höchsteigener Person in die Sterbewohnung gebracht worden waren.

In den Zeitungen aber war am folgenden Tage unter den „Todesanzeigen“ zu lesen:

„Am vierzehnten Februar starb hierselbst der königliche Canzleidirector Wilhelm August … im eben vollendeten dreiundvierzigsten Jahre an den Folgen einer Brustkrankheit, welche durch eine hinzugetretene Erkältung einen schnellen tödtlichen Ausgang nahm. Der Dahingeschiedene war während seiner zwanzigjährigen Dienstzeit ein Muster der Pflichttreue und Hingebung an seine dienstlichen Obliegenheiten gewesen, und hatte sich in gleichem Grade des Vertrauens seiner Vorgesetzten, wie der Achtung und Liebe seiner Collegen und Untergebenen zu erfreuen gehabt. Sein Name wird für immer in ehrenvollem Andenken bleiben.“

  1. Unter diesem Titel werden wir eine Reihe Artikel bringen, worin die innern Zustände unseres Beamtenthums in scharfen, aber getreuen Strichen von sachkundiger Hand gezeichnet werden. Den heutigen wollen unsere verehrten Leser als einleitende Skizze ansehen.
    D. Redact.