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Titel: Eine Gerichtsscene in Mexico
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 524
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[524] Eine Gerichtsscene in Mexico. Es war zu Cosala in Mexico – erzählt ein englischer Reisender – wo ich mich einige Tage aufhielt. Es war zu jener Zeit gerade ein gewisser Joachim Pachero, ein gefürchteter Straßenräuber, eingefangen und ins Gefängniß gebracht worden. Die ganze Stadt war auf den Beinen und wallfahrtete förmlich nach dem Gefängnisse, um den kühnen Straßenräuber durch das Gitter zu beobachten, der in seiner Zelle in der vollkommensten Ruhe und Sorglosigkeit die Zeit damit todtschlug, Cigarren zu rauchen, von denen er allerdings einen nicht unansehnlichen Vorrath zu besitzen schien.

Am folgenden Tage sollte er verhört werden; da ich durch eine Empfehlung Gelegenheit hatte, dem Verhöre beizuwohnen, so entschloß ich mich, hinzugehen, und wahrlich, die Originalität desselben, sowie des ganzen richterlichen Actes wird mir stets unvergeßlich bleiben. Das Gerichtszimmer war sehr imposant, denn die Ausstattung desselben bestand aus einer von Gras geflochtenen Hängematte, die vermittelst zweier Haken an der Decke befestigt war, einigen Stühlen von Bambusrohr, einem Tisch von Mahagoni, der vor Zeiten auch einmal neu gewesen, gegenwärtig aber von Würmern so ziemlich ganz zerfressen war. Ferner war das Zimmer mit Steinen gepflastert; an der Thür war eine schlechte Strohmatte. In der Hängematte ruhte, halb sitzend, halb liegend, auf den Ellnbogen gestützt, die Hand unter dem Kinne, ein kleiner, spindeldürrer Mann mit ruhigem Gesicht, dessen schäbige und schmutzige Kleidung von der hohen richterlichen Würde eben keinen hohen Begriff gab. Auf dem Tische stand ein Gefäß mit glühenden Kohlen, welches den Zweck hatte, daß Jeder, der rauchen wollte, sich eine Cigarre aus einem daneben liegenden Bündel, aus dem einige herausgefallen und sich über den Tisch zerstreut hatten, anzünden konnte. In der Mitte des Tisches stand ein staubbedecktes Tintenfaß, aus welchem das Bruchstück einer vergilbten kurzen Feder herausschaute; Papier war nicht zu sehen. Um das Bild des Gerichtshofes von Cosala zu vollenden, braucht sich der Leser nur noch den Angeklagten zu denken, wie er, ganz phlegmatisch auf einen Stuhl hingestreckt, auf dessen Hinterbeinen sich hin und der schaukelt und seinen Wächtern, zwei Dragonern, den Rücken zukehrt, die neben einander auf der Strohmatte sitzen und, den Carabiner zwischen den Knieen, emsig beschäftigt sind, Papiercigarren zu drehen, bis der Dienst sie wieder ruft.

„Nun, hombre (Mann),“ sagte der Mann, sich aus seiner bequemen Stellung etwas aufrichtend, „nun wollen wir Euch verhören.“

„Mit Eurer Erlaubniß, Señor,“ sprach Pachero, indem er, ohne dem Richter zu antworten, aufstand, zum Tische ging und eine Cigarre, welche er vorher zwischen den Fingern gehalten hatte, am oben erwähnten Kohlenbecken anzündete.

„Macht keine Umstände, Mann,“ sagte der Richter zu ihm, „rauchen ist eines der wichtigsten Geschäfte im ganzen Leben; aber seit die Regierung das Tabacksmonopol an sich genommen hat, wird der Taback von Tage zu Tage schlechter.“

„Allerdings. Doch gibt es immer noch einige brave Burschen, die sich nichts daraus machen, mit den Zollbeamten ein paar Kugeln zu wechseln,“ erwiderte der Angeklagte, „und wenn Euer Gestrengen sich davon überzeugen wollen, so brauchen Sie mir nur die Ehre erweisen, und dieses Bündel Cigarren anzunehmen.“

„Mit Vergnügen, bester Freund,“ war des Richters Antwort, indem er das ihm dargereichte Cigarrenbündel nahm, eine herauszog und sie an dem Kohlenbecken anzündete. „Wahrhaftig!“ rief er, als er schweigend einige Minuten lang den Dampf der Cigarre von sich geblasen hatte, „Ihr habt Recht, das ist etwas Köstliches! Ihr Räuber seid heutzutage die einzigen Caballeros, welche gute Cigarren zu rauchen bekommen. Mein lieber Junge,“ fuhr er mit seiner süßesten Stimme fort, „Ihr müßt wirklich bei dem Conrrabandista, der Euch diese herrlichen Cigarren geliefert har, ein gutes Wort für mich einlegen. Es wird Eurem Freund nicht zum Schaden gereichen, denn außer dem Gelde, das er in die Tasche steckt, kann man nicht wissen, ob ich ihm nicht einmal nützen kann, wenn er über kurz oder lang in Unannehmlichkeiten kommen sollte. Doch nun zum Geschäft, wenn’s Euch recht ist. Sagt mir einmal, beim Teufel, weshalb habt Ihr den armen Kerl, den Antonio, umgebracht?“

„Um Euch die Wahrheit zu gestehen, Richter,“ antwortete der Angeklagte mit der größten Kaltblütigkeit von der Welt, „so bin ich niemals im Stande gewesen, das genau zu begreifen. Wenn ich mich nicht irre, so waren an jenem Morgen meine Nerven sehr aufgeregt, und dadurch war ich sehr reizbar geworden.“

„Das ist allerdings ein Entschuldigungsgrund, muß ich sagen,“ entgegnete der Richter, „aber doch von nur geringer Bedeutung, und deshalb kann ich diese Entschuldigung nicht gelten lassen. Doch was ich sagen wollte, wie hoch läßt sich denn Euer Contrabandista die Nuda (ein großes rundes Packet) von seinen Cigarren bezahlen?“

„Zwölf Realen, und in jedem Packet sind 32 Bündel.“

„Und dafür läßt die Regierung uns zwei Piaster, das sind doch 16 Realen, bezahlen!“ rief der Richter heftig. „Das ist ja Diebstahl, offenbarer und schamloser Diebstahl. Sprecht mir nur nicht von den Regierungen, die bestehen alle aus Spitzbuben, einer immer ärger, als der andere.“

„Darin bin ich vollkommen mit Euch einverstanden,“ sagte der Angeklagte, „nur lassen sie sich gegenseitig nicht erschießen, wenn sie sich dabei erwischen.“

„Richtig, alter Bursche, aber dabei fällt mir etwas ein: die Untersuchung ist zu Ende, und ich will jetzt das Urtheil sprechen.“ Mit diesen Worten streckte der würdige Richter die Hand aus, um seine Feder zu ergreifen; aber sie steckte so fest in der eingetrockneten Tinte, daß er sie nicht herausziehen konnte. „Caramba!“ rief er aus, „ich habe ja auch ganz vergessen, Stempelpapier holen zu lassen. Was soll ich nun machen?“ Dann, wie plötzlich von einer Idee inspirirt, wandte er sich zu den beiden Dragonern mit den Worten: „Da ich gerade kein Papier habe, um mein Urtheil darauf zu schreiben, so nehme ich Euch, meine beiden Söhne, zu Zeugen, daß ich hiermit den Joachim Pachero, den Mörder des Don Antonio, verurtheile, nach Verlauf von 48 Stunden erschossen zu werden, auf der Stelle, wo das Verbrechen verübt wurde. Die Untersuchung ist geschlossen, bringt den Verurtheilten wieder in’s Gefängniß.“

Während Joachim das Zimmer verlassen wollte, sprang der Richter aus der Hängematte, und ihn am Arme fassend, sagte er: „Mein armer Freund, Ihr werdet es mir nicht nachtragen, daß ich diese kleine Formalität in Eurer Geschichte habe vornehmen müssen, und vergeßt nicht. Eurem Freunde, dem Contrabandista, wenn Ihr ihn noch einmal sprechen solltet, ein Wörtchen in Betreff meiner zu sagen, wie Ihr mir eben versprochen habt.“

Zwei Tage darauf wurde Joachim erschossen.