Der Zug und die Zugstraßen der Vögel

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Autor: Emil A. Göldi
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Titel: Der Zug und die Zugstraßen der Vögel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 606–608
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: neue Theorien zur Vogelwanderung
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[606]

Der Zug und die Zugstraßen der Vögel.

Mit einer Karte nach Dr. J. Palmén.

Als ich dieser Tage im schönen Thüringen bei der „Fröhlichen Wiederkunft“ in eine Laube trat, beschlich ein eigenthümlich Gefühl meine Brust beim Anblick der bereits im herbstlichen Roth prangenden Blätter einer sogenannten „wilden Rebe“, welche die Abendsonne, durch einen Riß von regenschweren Wolken hindurchleuchtend, mit ihrem Golde übergoß. In der That, der Herbst ist im Anzuge; die Tage werden sichtlich kürzer, die Morgen und Abende kühler. Noch ein paar Wochen und unser Ohr vernimmt geheimnißvolle Stimmen in den Weiden am Bache, in Garten, Wald und Feld.

Unseren aufmerksamen Blicken begegnen öfters junge Nachtigallen, welche anscheinend in geschäftiger Eile von Gebüsch zu Gebüsch, von Gartenhecke zum Haag, von Hain zu Hain pilgern, während Singdrosseln und viele andere befiederte Freunde vom Beerensegen des Nachsommers den Zehnten erheben und mit Gezwitscher und lauten Strophen ein bevorstehendes Etwas ankündigen. Freund Staarmatz inspicirt noch einmal seinen wettergeschwärzten Brutkasten, sein Baum- und Mauerloch, schlüpft ein und aus, schlägt mit den Flügeln, die metallisch glitzern im Sonnenschein, und läßt als allezeit wohlgelaunter Bursche seine bauchrednerischen Musikweisen ertönen über der trauten Stätte seines Heims.

Aber auch in den Lüften regt sich’s merklich unter den Vögeln. Dohlen und Saatkrähen sammeln sich in schwarzen Flügen in den Vorhölzern unserer Wälder, wimmelnd und schwätzend, dem Ohr des Kundigen ein gewichtiges Vorhaben ausplaudernd. Aehnlich schaaren sich die Wildtauben, allabendlich in Nadelhölzer einfallend. Auch die Reiher schlagen sich zu Trupps zusammen und sitzen auf den kahlen Aesten der Eichenwälder und Triftbäume, während der klappernde Freund der Kinderwelt, der rothbeinige Storch, unten auf den feuchten Wiesengründen Musterung hält. Auf den morgenfrischen Dächern sammeln sich die Hausschwalben zum Stelldichein. In dichtgedrängten Reihen sitzen die Rauchschwalben auf den Bäumen und den Telegraphendrähten der Eisenwege, von Zeit zu Zeit einzeln, zu zwei oder drei oder gruppenweise ihre Flugkünste zeigend – ein wahres Turnfest.

Zuweilen aber, plötzlich wie auf ein verborgenes Commando, stiebt das ganze Vogelheer wimmelnd und zwitschernd in die Luft. Nach und nach jedoch bevölkert sich der als Sammelplatz dienende Draht wieder auf’s Neue von den Zurückkehrenden: es war ein bloßes Spiel, ein Manöver gewesen.

So viel wird uns klar, daß eine geheimnißvolle Bewegung durch alle Reihen der gefiederten Welt hindurch sich abspielt, eine Bewegung, die immer deutlicher wird, je mehr die Natur an herbstlichem Charakter gewinnt. Wenn schon unsere Menschenbrust eines eigenthümlichen Gefühles sich nicht erwehren kann beim Anblick des bunten, theilweise schon fallenden Laubes in Wald und Hain, der frostzähen Georginen und Astern, die in unseren Gärten in grellen Farbentönen dem Auge sich aufdrängen, der kurz scheidenden Tage, so ist das nur ein schwacher Widerhall von dem, was in der leichtbeschwingten Schaar vorgeht, vom kleinen Sänger im Gebüsch bis hinauf zu den Riesengeschwistetn in den Lüften. Sie alle belebt ein Etwas, das der Naturfreund von ihren Augen ablesen zu kennen glaubt, ein Etwas, das ihrem ganzen Benehmen ein bestimmtes Gepräge verleiht. Selbst der Gefangene wird ergriffen von dieser Unruhe, wenn die herbstliche Luft durch das offene Fenster an den Stäben seines Käfigs vorbeistreicht. Oft mitten in der Nacht erwacht er, wie geplagt von heftigen Träumen, schlägt mit seinen Flügeln in blindem Eifer gegen die Wände, stößt wie ein Tobsüchtiger mit dem Kopfe gegen die Decke, sodaß wir ernstlich um sein Leben besorgt sind. Kurz, ein Losungswort spricht die beredte Sprache in der Vogelbrust; in Millionen Vögelherzen hallt es wieder, und eines Tages hat es bei allen gewirkt: Auf in die Fremde!

Segler, Kukuk und Pirol sind bereits unseren Blicken entrückt; sie eröffnen den Reigen zur Weltreise gegen Süden. Ihnen auf dem Fuße folgen die zarten Laubvögel, die Schilfsänger, die Würger, bald auch Wachteln, Wiedehopfe, Sumpfschnepfen. Nun nimmt die Auswanderung immer wachsende Ausdehnung an. Auch aus dem Spiele der Schwalben auf dem Kirchthurmdache ist Ernst geworden: ein Septembermorgen hat sie uns entführt auf die ganze Dauer des Winters.

Ganz vereinzelt im Thierleben steht der Zug der Vögel nicht da. Kennen wir doch schon unter den Insecten eine ganze Anzahl von Arten, welche gemeinschaftliche Wanderungen – wenn auch in kleinem Maßstabe – unternehmen, theils im Larvenstadium, theils im ausgebildeten Zustande. Ich verweise auf die Züge des Heerwurms (Sciara Thomae), der Larve einer auch in Deutschland vorkommenden Mücke, auf die Schaaren von Processionsspinnerraupen, unliebsamen Gästen unserer Eichenwälder, auf die hier und da zu beobachtenden Züge der Distelfalter, der Kohlweißlinge, gewisser Libellen und besonders die verheerenden Schwärme von Wanderheuschrecken. Aber auch unter den Wirbelthieren giebt es Wanderer. Der Lemming (Myodes lemnus), ein kleiner Nager auf hohen Gebirgen Norwegens und Schwedens, unternimmt alljährlich in ungeheuren Schaaren Wanderungen vor dem Ausbruche der Kälte, und noch von manchen anderen höheren Thieren, z. B. von gewissen Fischen, kennt man ähnliche Gewohnheiten. Solche Kenntniß führt uns in zwangloser Weise zu der Frage nach den Ursachen, welche im Allgemeinen den Wanderungen der Thiere zu Grunde liegen. Da wird sich nach einiger Ueberlegung als Resultat ergeben, daß es vornehmlich zwei Factoren sind, die hierbei in Betracht kommen: eintretender Nahrungsmangel einerseits, Abnahme der Wärme andererseits. (In manchen Fällen werden auch durch eigenthümliche Fortpflanzungsverhältnisse solche Wanderungen hervorgerufen.) Es wird also unsere Aufgabe sein, zu prüfen, inwiefern diese beiden äußeren Ursachen beim Zuge der Vögel eine Rolle zu spielen berufen sind, ob einer von beiden eine größere Bedeutung zugeschrieben werden muß.

Eintretender Nahrungsmangel ist bei den vorgenannten Thieren sehr oft die Triebfeder zu größeren oder kleineren Wanderungen. Wenn ein bestimmter Bezirk für die Ernährung der ihn bewohnenden Wesen nicht mehr ausreicht, werden letztere eben auswandern müssen, sofern sie nicht untergehen sollen im Kampfe um’s Dasein. Für die Mehrzahl der Vögel jedoch kann Nahrungsmangel eigentlich kaum als Ursache des Fortziehens angenommen werden, wenigstens nicht im Momente, wo der Zug anhebt. Vor dem Wegziehen sind zwei wichtige Abschnitte im Leben des Vogels vorüber: Brut und Mauser. Die durch diese beiden anstrengenden Lebensepochen entschwundenen Kräfte hat der Vogel wieder doppelt ersetzt durch seine jetzt entschieden der Ernährung hingegebene Lebensweise. Für die meisten Vögel ist ja auch im Herbste der Tisch vortrefflich gedeckt, und es dürfte eine hinlänglich bekannte Thatsache sein, daß die im Herbste uns verlassenden Vögel keineswegs mager, sondern sehr fett und wohlgenährt aussehen. Von beginnendem Nahrungsmangel könnte im Anfang der Zugperiode höchstens etwa bei ausgesprochenen Insectenfressern die Rede sein, während viele andere Arten, deren Nahrung während des Sommers auch vorwiegend aus Insecten bestand, im Herbste recht gern eine Beerencur unternehmen.

Wir werden somit zu dem Schlusse geführt, daß es die Wärme-Abnahme sein muß, welche in der Vogelwelt diese wunderbare Zugerscheinung hervorgerufen hat. Der Vogel ist eben ein echtes Luftthier, ein Thier des Lichtes und der Wärme. „Diese sensitiven Wesen – wo anders streben sie auf ihrem Zuge hin, als zur Sonne, zum wärmenden Sommer des Südens?“ Weist uns doch schon die Bekleidung des Vogels darauf hin.

[607] „Die Feder, dieses lockere, vielverzweigte Feingebilde einer hornartigen Substanz, zeigt sich gegen den so sehr vermehrten Wasserdunst und die stetigen naßkalten Niederschläge unserer Winter sehr empfindlich. Ein feuchtes oder nasses Federkleid schwillt an, sträubt sich und erhöht das Gewicht des Vogels, dessen Wärme entflieht durch die Lücken in seiner durchnäßten und verwirrten Hülle, sowie durch die Verdunstung.“

Kleine Thiere haben relativ die größte Verdunstungsoberfläche und werden daher von den Temperatur-Schwankungen ihrer Umgebung am meisten beeinflußt. Der Vogel mit seiner Federhülle kann daher in unserem Klima nicht gut bestehen, ist leichter dem Verderben anheim gegeben, als die Säugethiere, die zum Theil im Winterschlaf den schädlichen Einflüssen der Winterkälte zu begegnen suchen. Die Mehrzahl der Vögel muß wandern, ihr Zug in die Ferne ist eine Nothwendigkeit, eine Lebensbedingung. Wenn aber die Wärme-Verringerung die Ursache des Zuges bildet, so müssen wir von Süden nach Norden eine Zunahme der Zugvögel nachweisen können. Und in der That stellen die in kalten und gemäßigten Klimaten nistenden Vögel das hauptsächlichste Contingent zum Zuge. Je näher dem Süden, desto mehr vermindert sich die Erscheinung des Zuges bei der dort einheimischen Vogelschaar. Dagegen scheinen in den Aequatorialländern die Wechsel von Dürre und Regenzeit auf die Gewohnheiten der Thiere Wirkungen zu äußern wie in unserem Erdtheile die großen Temperaturwechsel, und durch Alexander von Humboldt wissen wir, daß zur Zeit großer Ueberschwemmungen auf der Südseite der Antillen große Flüge verschiedener Zugvögel aus dem Gebiete des Orinoco und seiner Nebenflüsse eintreffen.

Früher suchte man die Ursache des Zuges hauptsächlich in einem von der Natur dem Vogel tief eingeprägten Wandertriebe, ja man nahm bei der Erklärung zu einem hochentwickelten Ahnungsvermögen von Kälte und Unwirthlichkeit die Zuflucht, ohne dies irgendwie begründen zu können. Alle die räthselhaften Erscheinungen, welche uns hier entgegen treten, wurden durch ein anderes noch dunkleres Räthsel, den geheimnißvollen Instinct, erklärt. Die Neuzeit hat mit dieser willkürlichen Auslegung der Naturereignisse längst gebrochen und auf Grund sorgfältiger Beobachtungen Ansichten aufgestellt, die wir in Nachfolgendem kurz zusammenfassen. Es sind bei dem Zugphänomen zunächst zwei Momente in’s Auge zu fassen, das zeitliche und das räumliche.

Die Zeit des Hauptzuges bei der Mehrzahl der Vögel fällt in die der beiden Tag- und Nacht[g]leichen. Abzug und Ankunft ist natürlich für die einzelnen Vogelarten höchst verschieden. Für einige der bekanntesten der zahlreichen Pilgernden habe ich die allgemeinen Umrisse der Zugzeiten bereits oben angedeutet. Mit einer genaueren Aufzählung glaube ich den Leser verschonen zu müssen, und ich begnüge mich damit, anzugeben, daß im Allgemeinen ein Vogel, welcher am frühesten seine Brutgeschäfte vollendet und mausert, auch am zeitigsten zur Reise aufbricht. Arten, die jährlich nur einmal brüten, wer[den] selbstverständlich früher zur Abreise schreiten, als solche mit zwei und drei Bruten. Desgleichen macht sich die Regel geltend, daß die zuerst ziehenden Vögel immer zuletzt wiederkehren, und umgekehrt die spät ziehenden am ehesten wieder in ihrer Heimath sind. Gereist wird bald bei Tag, bald bei Nacht.

Hinsichtlich des Zeitpunktes des Abzuges und der Rückkehr läßt sich, wie angedeutet, im Allgemeinen für die einzelnen Arten eine bestimmte Regelmäßigkeit constatiren, die ja vielfach zu Bauernregeln und Jägersprüchen Veranlassung gegeben hat. Ich brauche blos an die bekannten Schnepfensonntage zu erinnern. Doch kommen auch mehr oder minder beträchtliche Schwankungen vor. Läßt doch die alltägliche Auffassung sogar die Ankunft der Vögel an einem gewissen Orte als Zeichen für die Witterungsverhältnisse in denjenigen Ländern erscheinen, wohin sie ziehen, anstatt derjenigen, von wo sie kommen. Auf Grund dieser Annahme hat man den gefiederten Wesen ein Ahnungsvermögen zuerkannt, die sie zu Wetterpropheten besonders geeignet machen sollte.

Von ganz besonderem Interesse ist das räumliche Moment der Zugerscheinung, das Studium der Zugstraßen und der Winterstationen für die beschwingten Südenpilger. Lange war man sich über diesen Punkt im Unklaren und manches ältere Handbuch der Thierkunde bringt irrthümliche Angaben, wie z. B. das Werk von Lenz „Ueber die Vögel“. Ergötzlich sind, nebenbei gesagt, die Auseinandersetzungen der alten Naturforscher über den Charakter der winterlichen Vogelfauna in ihrer Heimath. Der bei dem Vesuvausbruche von 79 n. Chr. verunglückte römische Naturforscher Plinius glaubte, daß der Kukuk jeweils im Herbst sich in einen Sperber verwandelte und im Frühjahre wieder Kukuksgestalt annähme. Bei der oberflächlichen Aehnlichkeit beider Vögel ist dieser Irrthum erklärlich; er sah eben während des Winters keinen Kukuk mehr. Bis in’s Mittelalter cursirten dergleichen Sagen, und selbst bei Conrad Geßner finden wir noch keine klare Vorstellung von dem Verbleiben unserer Zugvögel während der kalten Jahreszeit.

Genauere Kenntniß der Zugstraßen und Winterstationen hat uns eigentlich erst die jüngste Periode der Naturwissenschaft gebracht. Nachdem schon früher ein russischer Reisender, von Middendorff, in Sibirien den Verlauf der Zugwege im Osten zu ergründen bestrebt war, machte 1876 ein schwedischer Forscher, Dr. J. Palmén, in einem eigenen Werke „Die Zugstraßen der Vögel“[1] zum Gegenstande einer speciellen Untersuchung. Durch eine Fülle eigener Beobachtungen, durch emsiges Sammeln von Beobachtungsnotizen bewährter Ornithologen, wie Naumann, Alex. von Homeyer, Alfred Brehm und vieler Anderer, durch das Studium von Museen und Privatsammlungen endlich hat sich Dr. Palmén in den Besitz eines reichen Materials zu setzen verstanden, das ihn zu Resultaten führt, die in der That Jedermanns Interesse verdienen.

Ein Blick auf die beigegebene Karte (S. 608) belehrt uns über den Verlauf der Zugstraßen auf unserm Erdtheil. Palmén unterscheidet deren dreierlei. Auf unserer Karte haben wir, da es sich nur darum handelt, dem Leser einen Einblick in das Wesen der Zugstraßen zu ermöglichen, nur zwei Arten derselben angedeutet, und zwar die marin und submarin-litoralen, d. h. die durch das Meer und die Meeresküsten bestimmten (durchbrochene Linien), und diejenigen, welche dem Laufe der Flüsse und Küsten entsprechen (fein punktirte Linien), die sogenannten fluvio-litoralen, während wir die für uns weniger wichtigen, durch Eisfelder des Polarmeeres bedingten glacial-litoralen Straßen weglassen.

An der Hand der Beobachtungsnotizen über 19 Vogelspecies zeigt uns nun der Verfasser, welche Wege jeweils eine der fraglichen Arten auf dem Herbst- und Frühjahrszug einschlägt. Uns interessiren zunächst die Linien, welche für Deutschland in Betracht kommen.

Da sehen wir denn, daß eine große Heerstraße aus hohem Norden über Nowaja Semlja durch die Halbinsel Kanin zum weißen Meer sich hinzieht und über die großen Seen im nordwestlichen Rußland zum finnischen Meerbusen verläuft. Mehrfach sich theilend und wieder vereinigend, streicht sie in zwei Aesten längs der südschwedischen und deutschen Gestade der Ostsee hin, durchschneidet die dänische Halbinsel, um sich an der niederländischen Küste auf’s Neue in zwei Aeste zu spalten. Während der eine davon den atlantischen Küsten Frankreichs und der iberischen Halbinsel folgt (verstärkt durch Zuzügler aus England), um nach Afrika hinüberzuführen, setzt der andere mitten durch den Continent hindurch.

Da nun die Zugvögel mit Vorliebe den Verlauf von Flußthälern als Wanderstraßen benutzen, so lange dieselben nicht allzu sehr von der allgemeinen Zugrichtung abweichen, so kann es nicht wundern, wenn die Hauptzugstraße Mitteleuropas durch den Unterlauf des Rheins, die Mosel und die Saone gegeben wird.

Ein ebenfalls sehr stark besuchter Weg begleitet den Rheinstrom beträchtlich weiter nach Süden, führt über die westschweizerischen Seen durch das Thor von Genf, um, der Rhone nach verlaufend, in spitzem Winkel mit der vorbeschriebenen Straße zusammenzutreffen und dem Golf von Lion zuzustreben.

Was nun den Weg über das Mittelmeer anbetrifft, so macht die Karte ersichtlich, daß dreierlei Fälle möglich sind. Ein Theil der Zugvögel begleitet[WS 1] westwärts noch eine Strecke weit die Mittelmeerküste Frankreichs und Spaniens, setzt dann etwa auf der Höhe des Cap de la Nao nach Algier über. Andere Arten ziehen ostwärts, um längs Corsica und Sardinien nach Tunis zu gelangen oder durch die Meerenge von Messina die große Syrte zu erreichen.

Der Verlauf der mitteleuropäischen Zugstraße ist nicht genau der von Nord nach Süd, sondern zeigt eine westliche Ablenkung. Diese Ablenkung wird durch die Alpenkette verursacht, welche durch ihre quere Lage und ihre Höhe zu einem Hinderniß wird, das manche der befiederten Pilger zu umgehen suchen. Indessen giebt es genug andere, die sich durch das Alpengebirg keineswegs in ihrer Reiseroute beirren lassen.

Manche Wandervögel nun kommen durch den Vierwaldstättersee [608] das Reußthal herauf. Wenn sie im Urserenthal anlangen, bietet sich ihnen eine Aussicht auf drei Pässe dar, auf die Furka, die nach Wallis, auf den Oberalppaß, der nach Graubünden, und auf den Gotthard, der nach Italien führt. Der letztere ist der höchste und auch der am weitesten vorgestreckte von diesen Pässen. Nichtsdestoweniger lassen sich die Vögel nicht irre machen. Sie schwenken, ohne die beiden übrigen Pässe zu beachten, gleich zum St. Gotthard ein, als wenn sie wüßten, daß dieser auf dem kürzesten Wege sie ihrem Ziele entgegenführe. Nach kurzer Rast auf den kleinen Gotthardseen eilen sie, Thäler und Gebirgseinschnitte als Anhaltspunkte verwerthend, hinab zur Po-Ebene.

Was die übrigen Zugwege durch das Innere von Mitteleuropa anbetrifft, so scheinen nicht wenige Arten mit einer gewissen Regelmäßigkeit die Weser und die Elbe hinauf zu ziehen. Ebenso gehen sie auch die Oder hinauf nach Schlesien, wohin die Elbe theilweise Beiträge liefert. Soweit Thatsachen vorliegen, scheinen die in dieser Weise angekommenen Vögel später durch die baierische Niederung zu dem Flußthale der Donau und längs desselben weiter nach dem südöstlichen Europa zu ziehen.

Nach dem Beigebrachten und einem nochmaligen Blick auf unsere Zugkarte wird dem Leser klar werden, daß man im Irrthum befangen war, wenn man Aegypten als die Winterherberge unserer mitteleuropäischen Zugvögel ansah, wie man bisher allgemein zu thun pflegte. (Vergl. „Lenz, Die Vögel“, Seite 14.) Die Wintergäste Aegyptens und der Nilländer stammen wohl sämmtlich aus dem Osten und ziehen längs der Zugstraße, welche die Levante mit dem Schwarzen Meer und dem Gebiete des Ob in Verbindung setzt.

Die Gartenlaube (1883) b 608.jpg

Zugstrassen der Vögel.

Daß eine Ausdehnung der Wanderungen einzelner unserer Zugvögel von der nördlichen Erdhälfte über den Aequator hinaus bis zur südlichen Hemisphäre stattfinde, wird einstweilen wohl mit Recht in Zweifel gestellt.

Früher glaubte man den Zug durch die Richtung der Meridiane bedingt. Der obengenannte russische Naturforscher von Middendorff stellte fernerhin die Hypothese auf, welche das erstaunliche Orientirungsvermögen der Zugvögel dadurch erklärte, daß sie immerwährend der Richtung des Magnetpoles sich bewußt wären und dem zufolge auch ihre Zugrichtung genau innezuhalten wüßten.

„Was dem Schiffe die Magnetnadel ist, wäre dann diesen Seglern der Lüfte das innere magnetische Gefühl, welches vielleicht in engstem Zusammenhange mit den galvanisch-magnetischen Strömungen stehen mag, die im Inneren des Körpers dieser Thiere erwiesenermaßen kreisen – der Vogel ist durch und durch Magnet.“

Eine merkwürdige, für unsere groben Sinne nicht recht faßbare Erscheinung ist allerdings das genaue Einhalten dieser Luftwege von den Vögeln. Allein ich glaube nicht, daß wir die Erklärung so weit herzuholen haben, wie es durch von Middendorff geschehen, und bin überzeugt, daß die Ansicht der Gebrüder Müller, wonach der ziehende Vogel sich im großen Ganzen an die herrschenden Luftströmungen hält zur Zeit seiner Weltreise, weit mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat.

„Diese Luftströmungen – sie sind das ihn erweckende und leitende Agens, dem er in seiner ausgeprägten Eigenschaft als Luftthier regelmäßig folgt und dessen Walten er sich übergiebt.“

Im Gegensatz ferner zu der herrschenden Meinung, daß der ziehende Vogel in der Regel oder stets der Windrichtung entgegen steuere, stellen die Gebrüder Müller die durch eine Reihe von Thatsachen gestützte Ansicht auf, daß auch die geringste (nur keine allzu heftige, orkanartige) Windströmung in seiner Zugrichtung dem Wandervogel förderlich sei.

Ich glaube ferner, daß im Allgemeinen das Moment der Erziehung beim Zugphänomen immer noch nicht genügend betont wird. Wenn wir die Thatsachen würdigen, daß innerhalb einer und derselben Art die älteren Individuen die Führung der Jüngeren, der ganzen luftigen Karawane übernehmen, daß zu den verirrten, verschlagenen Zugvögeln die jungen Exemplare das Hauptcontingent liefern, daß besonders klugen und vorsichtigen Vogelarten minder kluge und wehrhafte sich anvertrauen, so werden wir zu der Ueberzeugung gelangen, daß die Erfahrung eine überaus wichtige Rolle zu spielen berufen ist beim Zuge der Vögel. Die Summe der Erfahrungen wird um so größer sein, je länger die Lebensdauer des Individuums währt, beziehungsweise je öfter ein Vogel den Zug in die Fremde und die Heimkehr zu unternehmen Gelegenheit hat.

Wir müssen zwar dem Vogel ein ungemein feines Ortsgedächtniß, hoch entwickelte Sinneswerkzeuge, vor Allem ein außerordentlich scharfes, ein gleichsam fernrohrbewaffnetes Gesicht zusprechen, wir müssen das Zugphänomen entschieden als eine „Großthat“ bezeichnen, aber wir brauchen bei Erklärung keineswegs zu übernatürlichen Kräften unsere Zuflucht zu nehmen. Der Zug wird auch vieles von seinem geheimnißvollen Nimbus verlieren, wenn wir ihn betrachten als eine Gewohnheit, die, ursprünglich hervorgerufen durch Aenderung der Klimate auf unserer Erdoberfläche, späterhin im Laufe unermeßlicher Zeiträume sich fixirt hat in der Natur des Vogels – ein treffliches Beispiel von der Macht der Vererbung.
Dr. Emil A. Göldi.

  1. Erschienen bei W. Engelmann in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: hegleitet