Der Wander-Professor deutscher Literatur

Textdaten
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Autor: H. B.
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Titel: Der Wander-Professor deutscher Literatur
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 228–231
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Wander-Professor deutscher Literatur.

„Nicht so vieles Federlesen,
Laßt mich immer nur hinein!
Denn ich bin ein Mensch gewesen,
Und das heißt ein Kämpfer sein.“

Mit diesen trotzigen Worten erzwingt sich ein Held Goethe’s Einlaß in den Himmel. Unser Prutz braucht so etwas gar nicht mehr zu sagen: er ist schon ein Stern am Himmel unserer Literatur, ein anerkannter, vom deutschen Volke verehrter Kämpfer und Wanderprediger, der von Stadt zu Stadt die ewigen Schätze unserer Literatur verkündet. Und ein Mensch ist er auch gewesen und ist es noch. Wir wollen uns das gesagt sein lassen, um nicht der ziemlich allgemein herrschenden Krankheit des Idealisirens und redensartigen Aufputzens unserer Helden zu verfallen.

Robert Prutz ist bekanntlich einer der gefeiertesten Literatur-Rhapsoden unserer Zeit und arbeitet so mit seinen Genossen, außer für die Gegenwart, noch viel segensreicher für die Zukunft. Er schöpft seine Stoffe aus den Schätzen des achtzehnten Jahrhunderts, das die ewige kräftige Quelle des unsrigen, des neunzehnten, ist. Aus diesen reichen wissenschaftlichen und idealen Schätzen des achtzehnten Jahrhunderts aber vermögen wir vielleicht allein die wahren Mittel zur neuen Erhebung unserer tief in Materialismus versunkenen Zeit zu gewinnen. Und gerade deshalb erscheinen mir die Vorträge von Robert Prutz für die großen Massen aller Stände von so großer Wichtigkeit und versprechen einen Segen, der erst gewürdigt und genossen werden mag, wenn die ausgestreuten Saaten als gereifte Früchte zur Volksnahrung werden und wieder und wieder gesäet auf gebildeterem Boden immer reichlichere Früchte tragen.

Wie ist er’s geworden? Eine lange Leidensgeschichte wie die unserer meisten Kämpfer des neunzehnten Jahrhunderts. Er sieht eben so beleibt und beliebt aus, wie Fritz Reuter und Karl Vogt. Aber wer ihn im vorigen Winter mühsam die paar Stufen auf die blumenbekränzte Rednerbühne zu Berlin wanken sah, merkte wohl, daß dieser kräftige Bau in seinen Grundpfeilern bereits erschüttert war. Aber welch’ ein Triumph! Eine dichtgedrängte Schaar, stehend und sitzend und sich durch die nicht verschließbaren Thüren drängend, freudig begrüßend und Wort für Wort eifrig und andächtig lauschend – dieselben begeisterten Schaaren in Stettin, [229] Bremen, Breslau, Frankfurt, Hannover, Braunschweig, Stralsund, Rostock etc. und viel weiter, das war und ist doch vieler Thränen und Leiden der Vergangenheit werth! Vieler, aber nicht so vieler, nein, nein, so vieler nicht! Die meisten hätten ihm Polizei und Cultusminister ersparen können, ihm und unzähligen seiner Zeit- und Leidensgenossen. Fast sein ganzes Leben und Streben war ein quälerischer Kampf gegen geistige Zwerge, die nur mit ihren geistespolizeilichen Waffen sich stärker erwiesen, als er in seiner ursprünglichen, derb pommerschen Natur und der ihm angeborenen, redlich fortgebildeten Geisteskraft. Er war eben aus langen Leiden und Lähmungen mühsam wiedererstanden, als er im vorigen Jahre zum zweiten Male in Berlin begrüßt ward. Was hätte er in freieren Staaten zwischen glücklicheren Menschen, wenn nicht gefördert, so doch ungehindert und ungehetzt während der dreißig Jahre nach seinem Doctorexamen in Halle wirken können! Wie stämmig, hoffnungsblühend stand der lockige Jüngling vor zweiunddreißig Jahren in der Aula des neuen Hallischen Universitätsgebäudes unter der lächerlichen Doctormütze, welche er sich eben im besten Latein erdisputirt hatte, und die ihm der Decan der philosophischen Facultät mit lateinischen Segenssprüchen auf den vollen Lockenkopf hielt! Der zweiundzwanzigjährige Doctor war fertig. Es war schnell gegangen.

Robert Prutz.

Am 30. Mai 1816 in Stettin geboren, daselbst als Gymnasiast aufgewachsen und in Berlin, Breslau und Halle als frischer und fleißiger Student in einem frischen Kampfe geistiger Bestrebungen und Gegensätze gereift, war der bürgerlich noch Unmündige in der Welt der Wissenschaft schon ein königlich preußisch geprüfter Lehrer.

Auf den Universitäten regte sich damals ein neuer Geist der Wissenschaft, und der unvergeßliche Cultusminister von Altenstein pflegte nicht nur seine Blumen, sondern zog auch berühmte Professoren mit neuen, frischen Richtungen nach Preußen. Die alten Demagogenhetzer Kamptz, Schmalz und Tschoppe hatten ausgetobt, und manches Opfer ging kräftiger aus dem Gefängnisse hervor, besonders gerüstet Ruge in Halle. Die schwarz-roth-goldenen Bänder und Pfeifenquasten kamen ebenfalls wieder zum Vorschein, und sonstige Verbindungen wurden wenigstens im Stillen geduldet. Freilich waren die meisten Studenten in Halle mehr „Kümmeltürken“, Studenten, die mit Lebensmitteln vom Hause versorgt werden, und „Kameele“, als forsche „Paukanten“ auf dem Fechtboden. Dafür betheiligten sie sich um so freudiger an den Kämpfen der wissenschaftlichen Geister, die gerade zu unserer Zeit mit der „Werdelust des Hallischen Dichterbundes“ und den „Hallischen Jahrbüchern“ so recht kräftig aufeinander platzten. Ruge und Leo, Leo und Diesterweg, Wegscheider und Tholuck, alte Kantianer und Jung-Hegelingen und sonstige alte Krippensetzer der Romantik und hölzerner Abfächerung im ohnmächtigen Kampfe gegen lebendiges, belebendes Wissen.

Das war eine herrliche Zeit! Die Hallischen Jahrbücher hieben unbarmherzig mit den blanken Waffen Hegel’scher Dialektik [230] in den alten Kram überlieferter, fester Sätze und auf die Krämer los. Wir hatten besondere Lesecirkel für dieselben, und der alte Schneider, der sie umhertrug, war den ganzen Tag auf den Beinen und lebte davon. Und welche Wonne, als unsere ersten Beiträge darin erschienen! Prutz war einer der stämmigsten und schlagendsten Freiwilligen unter diesen Mitarbeitern, und wir jauchzten ihm zu. Erfüllt und gekräftigt von diesem Kampfe, dessen Helden sich zutrauten, die Welt zu überwinden und neu zu gestalten, fühlte er sich bald getrieben, die Städte vieler Menschen zu sehen, ihren Sinn zu erkennen und zu singen. Von seinen Weisen klangen deshalb bald Lebenszeichen, meist duftige Blüthen der Poesie, in unser altes rauchiges Halle hinein. Ich, nach Berlin verschlagen, verlor ihn seitdem fast für immer aus den Augen, aber seit dem Jahre 1840, dem von mir auf zweihundertvierzig Seiten besungenen, censirten und confiscirten „Jubeljahre“, sang er unter den neuerwachten, zum Theil stürmischen Haß predigenden und „die Kreuze aus der Erde reißenden“ Dichtern so frisch und reich an freudigen Illusionen mit, daß die leibliche Abwesenheit wenig beachtet ward. Herwegh, Prutz, Freiligrath und unzählige dünnere Stimmen, die klanglosen, prosaischen „vier Fragen eines Ostpreußen“ – Geisterdrang aus den Hörsälen der Wissenschaft in das Leben, in den Staat, dessen Kampf dagegen – Hin- und Hergeschiebe von Hoffnungen und Befürchtungen, von Zugeständnissen und Verboten – Prutz fast immer mitten darunter. Er war viel mäßiger und edler, als die eigentlichen Revolutionäre, geachteter durch seine positive und prosaische Arbeit, blieb aber doch viele Jahre lang ein polizeilich verfolgter, gemaßregelter, hin- und hergehetzter Lieblingsfeind der frommen Herren in Berlin, welche allmählich den reichen und des Edelsten fähigen Geist Friedrich Wilhelm’s des Vierten verwirren und zerstören halfen.

Was hatte er denn eigentlich begangen? I nun, den „Moritz von Sachsen“, sein feurigstes, gelungenstes dramatisches Gedicht, oder vielmehr seinen Dank für die stürmisch begeisterte Aufnahme im Berliner Schauspielhause. Es war im oder bald nach dem Jubeljahre. Das vollste Haus mit einem auserwählten Publicum, wie damals bei allen ersten Aufführungen. Ausbrüche des Beifalls und der Begeisterung durch alle Acte hindurch. Endlich vor den gefallenen Vorhang: Prutz, Prutz, Prutz! und immer wieder und immer stürmischer: Prutz! bis er, mit weißen Handschuhen den schwarzen Hut schwingend, hervortrat. Dank, herzlichster Dank mit warmer, klangvoller Stimme, aber auch die Mahnung, Dichterworte der Freiheit und der Menschenerlösung nicht blos im Theater zu beklatschen, sondern vielmehr im Leben geltend zu machen. – Dafür mußte er büßen. Ausgewiesen oder bedroht oder ohne polizeiliche Erlaubniß, sich ernähren zu dürfen, finden wir ihn Jahre lang ohne sicheren Wohnsitz in Jena, Halle, Dresden, Hamburg, wieder in Halle, wieder in Berlin, in seinem Geburtsorte, in Leipzig, mehr oder weniger behindert und gehetzt, immer in überhäufter Arbeit, so daß er wohl mancher Bestellung, manchem Verleger untreu ward, auch nicht selten im tragikomischen Kampfe mit den unerbittlichen Forderungen des prosaischen Lebens. Der begeisterte Idealist und Dichter hatte in Dresden noch eine schöne Künstlerin von den idealen Brettern her und vor dem Altare vorbei heimgeführt. Nun galt es doppelt, sich mit kräftigem Ruderschlag durch die Wogen zu steuern, harte, mühevolle Arbeit kam Jahr aus, Jahr ein, bis endlich für Prutz das Ziel seiner wahren Wirksamkeit erreicht war und damit die Aussicht auf einen schönen, ruhigen, von der Ehre und Liebe eines ganzen Volkes sonnig erleuchteten und erwärmten Lebensabend. Die Werke des Literarhistorikers und Dichters finden wohl kaum in dreißig Bänden Raum. Manches war Kind der Zeit, hat seine Dienste gethan und ist vergessen; aber sein „Göttinger Dichterbund“, Geschichte des „deutschen Journalismus“ und des „Theaters“, die „Zehn Jahre“ (1840 bis 1850), das „literarhistorische Taschenbuch“ (1843 bis 1848) bieten der Erkenntniß unserer Zeit noch werthvolle Lichter. Von den Romanen: „Die Schwägerin“, „Felix“, „Das Engelchen“ und „Oberndorf“ wird sich namentlich der vorletzte als eine Erquickung edler Gemüther gegen Vergänglichkeit zu schützen wissen. Seine dramatischen Dichtungen, schon vor sechszehn Jahren in vier Bänden erschienen, spielten kaum eine bedeutende Rolle auf den sich immer mehr deutschem Geiste und Streben entfremdenden Bühnen, und „Moritz von Sachsen“ wurde blos aufgeführt, um verboten zu werden.

Solche Schicksale und Zustände reizten zur Satire, in welcher er trotz seiner mehr pathetischen und lyrischen Natur durch die „Politische Wochenstube“ zum deutschen Aristophanes ward. Das „Deutsche Museum“ war seit 1851 beinahe fünfzehn Jahre lang eins der edelsten Organe für die Erscheinungen und Bestrebungen in unserer Literatur, aber auch Quelle vieler Leiden, wozu noch seine Professur in Halle kam. Also war er doch wirklich Professor geworden? Ja, 1849 außerordentlicher, und zwar der Literaturgeschichte. Der erste Lehrstuhl dafür auf deutschen Universitäten, ein kurzer Jammer und dann seitdem der letzte für die reichste Quelle unserer Größe, unseres idealen Ruhmes auf der Erde, unseres wahren Herzensglückes. Die Facultäts-Professoren, der Cultusminister von Raumer, Verdrießlichkeiten und Krankheiten aller Art verwandelten diese außerordentliche Ehre in damals wieder ordentliche Polizeiquälerei. Davon krank und niedergeworfen, raffte er sich blos auf, um sich aus dieser Hölle zu befreien und in seiner Vaterstadt Stettin einen neuen Kampf gegen Krankheiten und Entbehrungen aller Art aufzunehmen. Während aller dieser niederdrückenden Schicksale blieb ihm die Gabe Gottes, zugleich tröstend für die Welt dichterisch zu sagen und zu singen, was er leide, eine treue Gattin und neben seinem Schmerzenslager hold erblühende Töchter. „Gedichte“, „Neue Gedichte“ in zwei Bänden und mehreren Auflagen „Aus der Heimath“, „Aus goldenen Tagen“, „Herbstrosen“ und endlich „Das Buch der Liebe“ gaben uns einen Dichter, dessen bald elegische, bald anmuthig tröstende und immer herzerquickende Töne wohl niemals in dem klangreichen deutschen Dichterwalde verstummen werden. Die große Welt weiß sie freilich kaum zu würdigen. Man findet Dies und Jenes hübsch, schön, niedlich, und Dies und Jenes noch besser, und wie sonst die holden Damen urtheilen; aber nur Wenige ahnen, wie der Schmerz die Tiefen des Gemüthes befruchtend aufwühlte und die Passionsblumen solcher Lieder mit den Marterwerkzeugen in ihren Kelchen hervortrieb. Doch mag manche Thräne aus schönen Augen als Perlenthau beschwichtigten Schmerzes darauf zittern. –

Gebrochen in seiner körperlichen Kraft und Gesundheit, aber geistig gereifter und gerüsteter als je, erhob er sich endlich aus niederdrückender Krankheit und Noth zu seiner wahren, höchsten Wirksamkeit als Wanderprofessor der deutschen Literaturgeschichte. Der Staat, die Universitäten haben keinen einzigen armseligen Platz dafür; Prutz schuf ihr allein eine gute Anzahl von Lehrstühlen und zauberte freudig gedrängte und lauschende Schaaren um sie her. „Der Vortrag macht des Redners Glück“ und zwar ein schöneres, verdienstvolleres, als die meist unbeholfen sprechenden oder ablesenden Universitätsprofessoren ahnen. Prutz verdankt einen guten Theil des Erfolges und Ruhmes der schön ausgebildeten seltenen Gabe seines lebendigen, mit kräftiger Mannesstimme wahr, warm, frei und klar fließenden Vortrags. Dazu kommt: „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen.“ Und er fühlt es nicht nur, er weiß es auch; er beherrscht den mächtigen Stoff, in welchem wir den wahren Stolz Deutschlands ahnen, als Meister. Dabei dürfen wir seine Vergangenheit, sein tragisches Geschick, den Lorbeerkranz, welchen ihm die Muse deutscher Dichtkunst auf die Stirn drückte, nicht übersehen. Diese Verhältnisse wirkten glücklich zusammen, um ihm den Weg zu seinem jetzt erreichten Ziele zu bahnen oder wenigstens abzukürzen. Und doch ist wohl sein eigentlichstes Thema, dieses achtzehnte Jahrhundert, die Hauptmacht. Freilich haben auch viele andere nicht unbedeutende Männer gut und glücklich darüber geschrieben und gelesen ohne das Volk zu packen und zu erwärmen. Deshalb ist es auch wieder zweifelhaft, ob wir den Mann oder sein Material an die Spitze stellen sollen. Das Beste wird sein, sie neben einander innigst verbunden aufzufassen. Die Tausende, welche ihn gehört haben, werden auch gern bezeugen, daß sie gerade in dieser innigsten Durchdringung so erwärmend und geistig verklärend wirkte. Ja, so muß man den Stoff beherrschen, geistig durchdrungen haben, im Innersten fühlen und mit urkräftigem Behagen ausströmen lassen, um die Herzen aller Hörer zu zwingen! Dieses achtzehnte Jahrhundert steigt vor uns in dem ganzen Umfange seiner Größe und Bedeutung, seinen gewaltigen Ideen und großen Männern, seinem Riesenkampfe gegen die steinernen Gäste mittelalterlicher Romantik, die Bastille des Despotismus, verknöcherte Satzungen der Schulweisheit und die französische Louis- und Maitressenwirthschaft auf. Die Haupthelden und Märtyrer Englands, Frankreichs und Deutschlands [231] erheben sich aus ihren Gräbern und wirken oder wehklagen wieder vor unseren Augen. Voltaire, Rousseau auf der einen, Kant, Lessing auf der andern Seite werden vor uns wieder lebendig, sie geben Zeugniß von der großen Zeit unserer Wiedergeburt und weisen uns mit bedeutungsvollen Winken auf die Aufgaben unseres Jahrhunderts, denen wir uns theils durch Gewalt, theils aus eigener Verirrung so oft schon jämmerlich entfremden wollten.

H. B.