Der Erbe des Göttlichen/Einleitung

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Über die Frage: Wer ist der Erbe der göttlichen Dinge? und über die Teilung in Gleiches und Gegensätzliches.

Diese Schrift Philos ist eine rein allegorische Erklärung von 1 Mos. 15, 2–18 mit der Haupttendenz, das Ideal eines vollkommen tugendhaften, gotterfüllten Weisen zu zeichnen, der der ewigen Glückseligkeit würdig und teilhaftig ist. Die Beantwortung der in der Überschrift gestellten Frage ist eigentlich schon mit § 129 erledigt, wenn auch Philo noch hier und da auf sie anspielt und zum Schluß (§ 303) ausdrücklich auf sie zurückkommt.

Das zweite Thema wird beiläufig § 133–229 behandelt. Nachdem Philo (§ 130–132) die Bibelworte: „Er teilte sie (die ihm gebrachten Tiere Kalb, Widder und Ziege) mitten durch und legte die Stücke einander gegenüber“ (1 Mos. 15, 10) allegorisch dahin erklärt hat, daß Gott die Seele in Vernünftiges und Vernunftloses, die Sprache in Wahrheit und Lüge, die Sinnlichkeit in faßbare und unfaßbare Vorstellungen mit seinem Logos als Teiler zerlegt und die Teile einander gegenübergestellt hat, schildert er daran anknüpfend die gesamte Zerlegungstätigkeit des Logos, der die Welt ihre Entstehung und ihr Dasein verdankt. Alles sei geworden durch die Teilung des Urstoffes, der Substanz des Weltganzen, in die vier Elemente und durch deren Zerlegung. Sonst (z. B. § 197 und 199) läßt Philo, wie die Stoiker, die Welt durch Zusammensetzung, Mischung und Verbindung der Elemente entstehen. Mit Anlehnung an das Bibelwort: „Er teilte mitten durch“ sagt dann Philo, daß alles in der Welt einander gleich ist, teils vollständig gleich, teils an Größe, Gewicht oder Wert, teils verhältnismäßig, teils deswegen, weil alles aus Gottes Hand hervorgegangen ist und an seiner Meisterschaft teilhat.

Schließlich geben die Worte: „Er legte sie einander gegenüber“ ihm Veranlassung, die auf Heraklit zurückgehende und besonders [215] von den Stoikern begründete Lehre von der Einheit der Gegensätze und der auf ihnen beruhenden Weltharmonie zu behandeln. Wie die in § 132 gegebenen Beispiele lehren, bilden die Gegensätze ursprünglich eine Einheit, sie gehören zueinander, sie bedingen und benötigen einander (Über die Cherubim § 111f.). Wie das Licht zu seiner Kennzeichnung und Würdigung die Finsternis benötigt, so werden das sittlich Gute, die Wahrheit, die Tugend, die Gerechtigkeit usw. in ihrem ganzen Wert und ihrer Vorzüglichkeit dadurch erkannt, daß man jedes seinem Gegenteil gegenüberstellt und mit ihm vergleicht (§ 306). Die Gegensätze sind durch unsichtbare „geistige Sehnen“ verbunden (§ 242); „göttliche Kräfte“ durchziehen und durchdringen sie, heben jedoch ihre Gegensätzlichkeit nicht auf, sondern lassen die Verschiedenheit ihrer Naturen deutlich erkennen (§ 312). Diese „göttlichen Kräfte“ sind offenbar die des alles zusammenhaltenden Logos (§ 188). Dessen Wirksamkeit als Teiler wird § 235 mit der kritischen Tätigkeit des Menschengeistes verglichen, der ebenfalls alles sichtet und sondert, schneidet und zerlegt, um zur Erkenntnis der Wahrheit, zu einem richtigen Urteil zu gelangen. Ohne Zweifel hat die Betrachtung dieser Seite des Menschengeistes die griechischen Philosophen zur Lehre von dem teilenden Logos geführt. Bei Heraklit hängt diese Lehre sicherlich zusammen mit seinen Lehrsätzen „alles fließt“, „alles ist in beständigem Wechsel“, „Überfluß und Mangel“ (heraklitische Bezeichnung für das Werden der Welt aus dem Feuer und ihr Aufgehen in Feuer), die aber Philo All. Erkl. III § 7 bei der Erklärung von 4 Mos. 5, 2 (die Entfernung des זב‎ aus dem Lager) als Gegner der Lehre vom Weltuntergang (§ 228) scharf bekämpft. Nur die Lehre von der Einheit der Gegensätze akzeptiert er, weil ihm 1 Mos. 15, 10 diese zu enthalten scheint.

Inkonsequenzen begegnen uns auch in dieser philonischen Schrift nicht selten. So folgt er bei der Einteilung der Seelenkräfte bald der platonischen (§ 225), bald der stoischen Ansicht (§ 232); so nimmt er die Abraham befohlene Auswanderung aus der Heimat bald im buchstäblichen Sinne (§ 26, 277, 287), bald versteht er darunter die Abwanderung und Loslösung von der chaldäischen Weltvergötterung (§ 97f. und § 289), bald die Auswanderung aus sich selbst, das Sichversetzen in den ekstatischen Zustand (§ 69). Für die sonderbare Art Philos, die mannigfachsten Theorien in einen Bibelvers hineinzuinterpretieren, geben uns die §§ 277–283 ein interessantes Beispiel. Die einfache und einzig richtige Erklärung der an Abraham [216] gerichteten Worte: „Du wirst zu deinen Vätern eingehen“ weist er zurück; es sei undenkbar, daß ihm die Wiedervereinigung seiner Seele mit denen seiner Eltern und Verwandten, von denen er sich auf göttlichen Befehl habe trennen müssen, verheißen werden konnte. Mithin müssen „Väter“, zu denen die Seele zurückkehrt, andere Erzeuger sein, und zwar sind es erstens nach der (von ihm sonst bekämpften) Ansicht der Chaldäer Sonne, Mond und Sterne, denn sie sind die Urheber und Erzeuger alles dessen, was auf Erden ist und geschieht, – zweitens nach der idealistisch-platonischen Theorie die Urideen, die als wirkende Ursachen anzusehen sind, – drittens nach der materialistisch-stoischen die vier Urkräfte oder Elemente, aus denen die Welt entstanden ist, und viertens nach der aristotelischen das fünfte (oder dem Range nach erste) Element, der Äther, aus dem der Himmel mit allen Sphären besteht und von dem auch die Seele (oder wenigstens der tätige Geist νοῦς ποιητικός) ein Teilchen ist. Allem Anschein nach teilt Philo die letzte Ansicht, daß die Seelen der Verstorbenen sich zum Äther aufschwingen; auch in der Schrift Über die Geburt Abels usw. § 5 erklärt er mit Bezug auf ויאסף אל עמיו‎ (1 Mos. 25, 8), daß Abraham, „als er das Irdische verließ, dem Volke Gottes zugestellt wurde und, den Engeln gleich geworden, Unsterblichkeit genießt“; die Engel aber – das Volk Gottes – weilen „hoch oben am Äther“ (Über die Pflanzung Noahs § 14). Auffallend ist jedoch, daß Philo, nachdem er einmal aus dem Plural „Väter“ einen Singular gemacht hat, nicht auf den Gedanken kommt, für Äther Gott zu setzen in Übereinstimmung mit seinen eignen Worten in §§ 56 und 184. Denn die Ansicht, daß die Seele ein Teilchen des Äthers ist, teilt Philo wohl nicht, s. die Anm. zu § 283.

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