Textdaten
<<< >>>
Autor: Franz August Stocker
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Absynth
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 536–537
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[536]
Der Absynth.
Eine Warnung, von F. A. Stocker.


Der Canton Neuenburg ist wohl einer der interessantesten Cantone der ganzen Schweiz. Kann er sich auch nicht mit der großen Alpenwelt messen, so bieten dagegen seine Jura-Berge und seine Thäler unendlichen Reiz, der um so größer ist, je mehr sich die eine Gegend wieder von der andern durch die Mannigfaltigkeit ihrer Gestaltung unterscheidet. Locle und Chauxdefonds, das Traversthal haben mit den lieblichen Partien am See nichts gemein, und doch sind dort die Anziehungspunkte so mächtig, daß eine zahlreiche Bevölkerung, die von Jahr zu Jahr sich mehrt, sich die heimeligsten Stätten daselbst errichtet hat. Es ist die Industrie, welche prächtige Wohnsitze gebaut und das rauhe, aber malerische Land zu einem gewerbliche Arkadien umgeschaffen; nicht die rußige, rauchige Industrie der großen Städte mit ihren geschwärzten Essen und Schlöten, sondern das leichte, glänzende und flimmernde Gewerbe der Uhrenfabrikation, die ihre Producte mit weltberühmten Namen über alle Meere sendet.

Doch wir wollen uns heute nicht mit derselben befassen, sondern einer andern Industrie gedenken, die aus kleinen Anfängen einen ungeahnten Aufschwung genommen hat und unsere Beachtung verdient, obschon der Mißbrauch, der mit ihr getrieben wird, schwer auf der dortigen Arbeiterbevölkerung lastet.

Der Sitz dieser Industrie, von der wir sprechen wollen, liegt in dem langen, breiten, wilden und schönen Traversthale, bekannt durch seine seit mehr denn hundert Jahren in Betrieb stehenden Asphaltgruben, die seit dreißig Jahren gegen eine Million Centner Asphalt geliefert haben, und durch seine – Absynth-Fabrikation. Diese letztere Industrie hat ihren Anfang in Couvet genommen, dem Geburtsorte des berühmten Mechanikers Ferd. Berthoud, des Erfinders der See-Uhren für geographische Längenbestimmungen. Couvet hatte Anfangs der fünfziger Jahre erst 1700 Einwohner, nach der Volkszählung von 1870 zählt es 2222, meist Protestanten, die sich zum Theil namentlich mit der Fabrikation von Uhrmacherwerkzeugen beschäftigen.

Die Fabrikation des Absynth im Val de Travers reicht in die letzten Jahrzehnte des achtzehnten Jahrhunderts zurück. Wie ein französischer Arzt, Arnold de Vilneuve, es war, der im vierzehnten Jahrhundert die Darstellung von Weingeist durch Destillation des Weines lehrte und den Branntwein in gewissem Sinne als Universalmittel (Lebenselixir) erachtete, so stammt auch die erste Anwendung des Absynth von einem französischen Arzte her. Die Geschichte dieses Getränkes ist lehrreich und nach zuverlässigen Quellen folgende:

Ein französischer Flüchtling, der Arzt Dr. Ordinaire, wählte Couvet zum Aufenthaltsorte seiner Verbannung und seiner ärztlichen Thätigkeit. Er war für seine Zeit ein talentvoller Arzt und leistete dem ganze Traversthale, in welchem die medicinische Kunst noch eine ziemlich unbekannte Sache war, wesentliche Dienste. Mit der Ausübung der Medicin vereinigte er den Beruf eines Apothekers, wie es damals zu Stadt und Land oft üblich, wenigstens geduldet war. Panaceen verschmähte er keineswegs, und namentlich stand ein Universalmittel bei ihm in hoher Gunst, welches er aus aromatischen Kräutern selbst bereitete und dessen Zusammensetzung er allein kannte.

Viele Leute erklärten sich in Folge des Gebrauchs dieses Heilmittels, das nunmehr den Namen „Wermuthextract“ erhielt, vollkommen von ihre Leiden befreit, und der Arzt konnte nichts Anderes thun, als die wiederholten Gebrauch des Mittels anempfehlen. Aber leider, so vielfach dasselbe auch half, ihm selbst konnte es nicht über die Schwelle des Todes hinüberhelfen, maßen gegen den Tod kein Kräutlein gewachsen ist.

Vor seinem Ende vermachte Ordinaire das geheimnißvolle Recept seinem Dienstmädchen, der Mamsell Grandpierre. Diese verkaufte das Mittel den Töchtern des Lieutenants Henriod, welche selbst die benöthigten Kräuter und Pflanzen in ihrem Garten pflegten und zogen und die Destillation des Liqueurs am Küchenherde besorgten. Diese Art der Fabrikation des Elixirs erzeugte nur wenig, und der Verkauf desselben geschah, wie bei den Thüringer sogenannten Olitätenhändlern und Balsamträgern, auf dem Wege des Hausirhandels.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts ging das Recept durch Kauf an Herrn Pernod Sohn in Couvet über, und von diesem Augenblicke an kam das „Extrait d'Absynthe“ in den Handel. Die ersten Geschäftsleute, welche sich dieses Artikels bemächtigten, waren Dubied, Vater und Sohn, und ihr Verwandter Henri Louis Pernod, Sohn, alle Drei in Couvet. Allerdings fabricirten die beiden Häuser noch in zierlich beschränktem Maßstabe; der Bedarf war weder groß noch allgemein und der Mangel an den benöthigten aromatischen Kräutern ein nächstes Hinderniß für die Entwickelung der Fabrikation. Dubied und Pernod hatten keine andere Bezugsquelle für ihre Ingredienzien als ihre eigenen Gärten. Nach und nach wurde aber die Nachfrage nach dem „Extrait d'Absynthe“ stärker und damit auch die Cultur der Kräuter umfangreicher.

Im Jahre 1830 schätzte man die Einnahme für die Wermuthpflanzungen in den vier Gemeinden Couvet, Môtiers, Fleurier und Buttes auf tausend bis zwölfhundert Louisd'or, und man rühmte einem Privatmanne von Couvet nach, daß er allein für zweitausendfünfhundert Franken verkauft habe. Von diesem Zeitpunkte an nahm die Cultur der Absynthpflanzen einen immer größeren Umfang an, und heute ziehen die Eigenthümer von ihren Absynthfeldern in Couvet bedeutende Einkünfte. Das Dorf Boveresse verkauft jährlich für mehr als sechstausend Franken, Môtiers und Couvet in ähnlichen Verhältnissen. Die Landwirthschaft wird durch diese Cultur sehr begünstigt; ist der quantitative Ertrag gering, so sind die Preise hoch, ist der Ertrag reichlich, so gewinnen die Bauern wiederum durch die Menge.

Im Jahre 1810 hatte einer der hauptsächlichsten Fabrikanten auf seinen ersten Reisen nach Paris nur sechs Kunden zu besuchen, als er aber, reich geworden, sich vom Geschäfte zurückzog, zählte er sie zu Hunderten. Man schätzt heute die Quantität Absynth, welche die Fabriken des Traversthales liefern, auf 370,000 Liter, ein im Verhältniß zu der dabei beschäftigten Arbeiterzahl bedeutendes Ergebniß.

Das Kraut (Artemisia Absynthium), aus dem der Absynth zunächst bereitet wird, ist ein durch ganz Mitteleuropa auf steinigen Anhöhen, wie auch in Gärten vorkommendes Gewächs, das zwei bis vier Fuß hoch wird; sein Stengel ist holzig, die Wurzel ist ausdauernd; es fällt namentlich auf durch seine geschlitzten, graufilzigen Blätter und gelbe überhängende Blüthenköpfe. Das Wermuthkraut hat frisch wie getrocknet einen eigenthümlichen, stark würzhaften Geruch und intensiven bittern Geschmack. Die Pflanze enthält einen harzigen und einen krystallisirbaren Bitterstoff, verschiedene Salze und ein ätherisches Oel (Oleum Absynthii), das den Geruch der Pflanze hat, scharf aromatisch und weniger bitter schmeckt. Die Verwendung der Pflanze ist eine doppelte: einmal wird ihre Blüthe gesammelt und getrocknet und in den Apotheken zur Bereitung von Tincturen und Extracten gegen Magenleiden gehalten; und zweitens wird der Extract derselben mit anderen aromatischen Zuthaten als Absynthliqueur verwertet. Die Absynthliebhaber sind namentlich in Frankreich, England, Nordamerika, der Schweiz und auch Deutschland häufig, obgleich die nachtheilige Wirkung des Getränkes auf das Nervensystem von der Erfahrung hinlänglich nachgewiesen ist.

Fast zahllose wissenschaftliche Untersuchungen haben sich bis jetzt vergeblich bemüht, den unwiderstehlichen Reiz zu erklären, welcher die Absynthtrinker an dieses schädliche Getränk fesselt. Dagegen ist es hinsichtlich der Folgen rationell, anzunehmen, daß das Gift des Absynths auf das Gehirn im Speciellen und auf das Nervensystem im Allgemeinen ähnlich wirkt, wie das Gift des Tabaks und des Opiums. Die fortwährende Einwirkung der giftigen Substanz auf das so außerordentlich zarte Gehirnnetz führt schließlich zu materiellen Aenderungen der Structur dieses Organs, und es ist wohl selbstverständlich, daß diese Störungen in der Gehirnthätigkeit traurige Veränderungen in allen intellectuellen Thätigkeiten hervorbringen müssen.

Thierische Rohheit, Stumpfsinnigkeit, Wahnsinn und theilweise oder völlige Lähmung der Organe sind das unausweichliche Ende der Absynthtrinker, die dieses Gift in größerer Menge genießen, falls nicht eine Leber- oder Magenkrankheit ihrem Zustande ein rascheres Ende bereitet. In der That ist dieser Liqueur [537] um so verführerischer und schädlicher, als er die Verdauungsorgane scheinbar, und momentan belebt und kräftigt, in Wahrheit sie aber schädigt und zerstört.

Dr. Dehaut, dem wir den medicinischen Theil dieser Belehrung verdanken, sagt: „Ein fernerer Umstand bei Beurtheilung der Wirkungen dieses Getränkes ist der, daß die Opfer desselben bis zum Tage, an dem irgendeine Krankheit sich deutlich zu erkennen giebt, scheinbar einer ausgezeichneten Gesundheit sich erfreuen; daß aber der Arzt bei der ersten Untersuchung den ganzen Organismus gestört findet. Nichts ist schwieriger, als einen Absynthtrinker zu curiren, denn seine erste Krankheit in diesem Zustande ist gewöhnlich auch seine letzte: sie hat den Tod im Gefolge.“

Unterrichtete und wohlmeinende Männer betrachten nur mit Beunruhigung die reißenden Fortschritte, welche die Leidenschaft des Absynthgenusses in Deutschland und der Schweiz, namentlich in der romanischen Schweiz, macht. Es ist dies um so peinlicher, als man andererseits anerkennen muß, daß die öffentliche Gesundheitspflege es dahin gebracht hat, die mittlere Lebensdauer zu verlängern. Mit großer Genugthuung muß man daher die Bestrebungen aufnehmen, die gerade in der romanischen Schweiz gegen die Trunksucht in’s Werk gesetzt werden. Wenn sie auch noch keine Erfolge aufzuweisen haben, so ist schon der Weg der Erkenntniß, wenn er rechtzeitig beschritten wird, selbst ein Erfolg.

In Frankreich wirkt ein im Jahre 1871 gegründeter Mäßigkeitsverein, der, fern von frömmelnden Tendenzen, der Verthierung der menschlichen Race und der Vermehrung der Geisteskranken durch Anleitung zu rationeller Lebensweise entgegen arbeitet, mit sichtlichem Nutzen. An der Spitze des Unternehmens stehen der Akademiker Dumas, der Irrenarzt Dr. Limier, sowie andere Aerzte und Gelehrte. Der Verein belohnt alljährlich mit silbernen und kupfernen Medaillen sammt Sparcassenbüchern eine gewisse Anzahl von Individuen, Kutscher, Fabrikarbeiter, Krankenwärter in den Spitälern und andere mehr, denen ihre Dienstherren, Arbeitgeber und Vorgesetzten das Zeugniß ausstellen, daß sie sich während einer Reihe von Jahren nie betrunken haben. So wurden in dem Jahr 1875 einundvierzig Personen auf diese Weise belohnt.

Zum Unterschiede von den englischen und amerikanischen Vereinen sind die Frauen grundsätzlich von dieser Auszeichnung ausgeschlossen, weil diejenigen, welche sich betrinken, Auswüchse der Gesellschaft sind, die Mäßigen und Anständigen aber nicht als Ausnahmen behandelt werden dürfen. Außerdem befolgt der Verein das Ziel, durch wissenschaftliche Arbeiten und auf praktischem Wege gegen die Fälschung der Weine und Alkohole zu wirken, durch Verbreitung volksthümlicher Schriften Mäßigkeit zu predigen und durch statistische Publicationen die Fortschritte der aus der Trunksucht entspringenden Uebel wahrheitsgemäß zu beleuchten. Einer solchen Beleuchtung entnehmen wir unter Anderm die Notiz, daß, während noch im Jahre 1864 in vierzehn von hundert Fällen die Ursache eingetretenen Wahnsinns oder Idiotismus dem Genusse geistiger Getränke zugeschrieben werden konnte, dieses Verhältniß seitdem auf fünfundzwanzig Procent gestiegen ist und acht Zehntel der Wahnsinnsfälle bei Officieren auf Rechnung des Absynths fallen. Es ist ferner noch festzustellen, daß die Kinder der Absynthtrinker gewöhnlich mit Dispositionen zur Welt kommen, die zu den schwersten Krankheitssymptomen zählen, zur Epilepsie etc.

Das beste Mittel, dem Uebel zu steuern, wäre das Verbot der Absynthfabrikation; allein die Staaten können bei dem von ihnen geschützten Grundsatze der Gewerbefreiheit nicht dazu gelangen. Es bleibt somit nur noch übrig, auf die Gefahr des Absynthtrinkens aufmerksam zu machen und Diejenigen, die der Leidenschaft noch nicht ganz erlegen sind, dadurch zu retten, daß man ihnen empfiehlt, die gewohnte Portion täglich zu halbiren und sich so nach und nach von ihm ganz zu entwöhnen. Nach Verlauf eines Monats wird sich der Absynthfreund an die halbe Portion gewöhnt haben, nach drei Monaten hat er den Sieg errungen. Der Ersatz wird um so leichter, wenn an die Stelle des Absynths eine Tasse Kaffee tritt. Nur der erste Schritt ist schwer, aber auch dieser ist schon von Erfolg!