Das Diamantengeschäft

Textdaten
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Autor: Wilhelm Hasbach
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Titel: Das Diamantengeschäft
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 763–765
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Abbau von Diamanten im heutigen Südafrika und Weiterverarbeitung
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Das Diamantengeschäft.

Die Diamanten-Fundstätten in Brasilien und die südafrikanischen Diamantfelder. – Das Steingraben. – Bodenpreise. – Arbeiterverhältnisse. – Der Diamant in Handel und Wandel. – Schleifereien in Amsterdam und London. – Die erste deutsche Diamantschleiferei zu Pforzheim. – Schleifoperationen. – Der Diamantenstaub. – Letzter Schliff. – Der Diamant in den Händen des Goldschmieds und des Händlers.

Liebe ist bekanntlich immer von Neugierde begleitet. Selbst Elsa im „Lohengrin“ kann sich nicht enthalten, den Geliebten nach dem Geburtsschein zu fragen. Auf Grund dieses alten Erfahrungssatzes von der Neugierde der Liebe dürfte man mit der Vermuthung nicht irre gehen, der von zahllosen Schönen feurig geliebte Diamant sei bezüglich seiner Geburtsstätte nicht selten das Ziel forschender Neugierde geworden. Würde aber der Diamant von einer liebenden Seele nach seiner Herkunft befragt, so könnte er mit gleichem Rechte wie Lohengrin erwidern, daß er aus fernem Lande stamme, nicht gerade „unnahbar Euren Schritten“, aber oft schwer zugänglich. Denn er findet sich unter Anderem auf der Halbinsel Dekan, auf den Inseln Borneo und Sumatra und am Ural. Am bedeutendsten sind aber für uns Europäer seine Fundstätten in Brasilien und Südafrika. In dem südamerikanischen Kaiserreiche ist das Stromgebiet des San Francisco seit mehr als hundert Jahren wegen seiner kostbaren Steine berühmt, und noch jetzt liefern die Provinzen Minas-Geraes und Bahia die schönsten Exemplare. Wenn wir aber die Minen nach der Menge der erzeugten Producte schätzen, so müssen wir unbedingt Südafrika den Preis zuerkennen. Alle Formen, welche der moderne Betrieb angenommen hat, haben sich dort in rascher Folge entwickelt, und deshalb sind die südafrikanischen Diamant-Verhältnisse einer flüchtigen Skizzirung werth.

Im Norden der Randgebirge von Südafrika dehnt sich eine ungeheure holz- und wasserarme Gegend aus, welche von dem Orangefluß durchströmt wird, dem viele Nebenflüsse nur in Regenzeiten Wasser zuführen. „Dry River“ (trockner Strom) ist ein sehr bezeichnender Name eines derselben, und daher sind armselige, Fonteine genannte Brunnen, in welche das Wasser hinuntersickert, für den Reisenden dieses Landstriches von der größten Wichtigkeit. In dieser Ebene, in dem Delta zwischen dem Orange- und Waalflusse, unter dem 43. Grad östlicher Länge und dem 29. Grad südlicher Breite, liegen die berühmten Diamantfelder, über 1000 Kilometer von der Capstadt entfernt.

Es ist nicht mehr als zwölf Jahre her, als in diesen Gegenden zuerst Diamanten gefunden wurden; denn ob die Edelsteine, welche vorher in die Seeplätze gelangten, von den „Diamond-Fields“ stammten, ist ungewiß. Erst gegen Ende der sechsziger Jahre brachte ein Boer aus dem Orange-Freistaate einen Diamanten in seinen Besitz, welcher einem Kinde als Spielzeug gedient hatte. Als er ihn in der Capstadt zeigte, wollte Niemand in dem ungeschliffenen Kiesel einen Diamanten erkennen, und selbst als man an der Natur des Steines nicht mehr zweifeln konnte und mehr Diamanten gefunden wurden, war man noch immer mißtrauisch. Man erinnerte sich vielmehr der Fabel von dem sterbenden Vater, der seinen Söhnen mittheilte, daß ein Schatz im Weinberge verborgen sei, und es wurde allgemein geglaubt, daß die angeblich gefundenen Diamanten nur künstliche Lockmittel seien, um jene Gegenden mit gewinnsüchtigen Einwanderern zu bevölkern. Aber seit 1870 war an dem factischen Diamantenreichthum jener Länderstriche nicht mehr zu zweifeln, und Tausende, Boers, Engländer, Amerikaner, Franzosen und Deutsche, trieb die heiße Gier, rasch ein Vermögen zu erwerben, in die öden Ebenen Südafrikas. Die Waal wurde schon einige Zeit vorher fast in ihrer ganzen Ausdehnung durchsucht, und zwar nicht nur der Ufersand, sondern auch das Flußbett; es geschah unter den unglaublichsten Entbehrungen und Schwierigkeiten, welche die ungeheuren Entfernungen noch steigerten. Die Ausbeute war indessen im Ganzen gering. Da veränderte sich mit einem Schlage die ganze Sachlage.

Südlich von dem Punkte, wo sich Hart und Waal mit einander vereinigen, breitet sich eine Ebene aus, deren aus röthlichem Sande bestehende Oberfläche an manchen Stellen von Eruptivgesteinen durchbrochen ist. Hier lagen drei, holländischen Boers gehörige Güter, Voruitzigt, Du Toit’s Pan und Bultfontein. Im Jahre 1870 verbreitete sich nun plötzlich die Nachricht, daß auf dieser sandigen Ebene Diamanten gefunden worden seien, und sofort verließ die größere Menge der am Waalflusse beschäftigten Bergleute ihre Arbeit und wanderte nach dem etwa 25 englische Meilen südwärts gelegenen Landstriche aus. Rasch entstanden die drei Gruben Du Toit’s Pan, Bultfontein und Old de Beer’s (de Beer ist der Name des früheren Besitzers von Voruitzigt), und bald darauf wurde eine vierte auf dem Besitzthume de Beer’s begonnen, welche sich in kurzer Zeit als bedeutendste erwies und heute unter dem Namen Kimberley allgemein bekannt ist; auch die folgenden Entdeckungen in Jagersfontein und Coffeefontein haben den Ruhm von Kimberley nicht zu verdunkeln vermocht.

Man erzählt sich in London interessante, stark übertriebene Einzelnheiten über Kauf- und Verkaufpreise dieser Landstrecken. Folgende Version ist jedoch wahrscheinlich die richtige: Englische Gesellschaften, welche die Natur des Bodens ahnten, kauften im Jahre 1869 für etwa 2000 Pfund Sterling Bultfontein und die Besitzung de Beer’s. Als ein Jahr später der Diamantfund bekannt wurde und die Bergleute zu Tausenden herbeiströmten, boten sie den Besitzern 10 Schillinge monatlich, wenn ihnen die Nachforschung nach Diamanten auf ihrem Boden gestattet würde. Die Eigenthümer verlangten 25 Procent aller gefundenen Steine, aber die Bergleute erwiderten im Gefühle ihrer numerischen Stärke, wenn sie die 10 Schillinge nicht annehmen wollten, würden sie ihnen gar nichts geben. Die Eigenthümer wandten sich an den Orange-Freistaat – vergebens; denn derselbe war zu schwach, um entschieden eingreifen zu können. Darauf wurde die englische Regierung am Cap um Regelung der Verhältnisse ersucht, und diese nahm die Aufforderung begierig an; sie bewies dem Orange-Freistaat, daß das Land zu England gehöre, bezahlte aber dennoch der Republik einige tausend Pfund Sterling und kaufte darauf Kimberley für 100,000 Pfund Sterling an.

Inzwischen hatten die Bergleute ihre Thätigkeit längst begonnen. Der rothe Sand verführte sie zu dem Glauben, daß sie, wie es in anderen diamantreichen Gegenden der Fall ist, nur einige Fuß tief zu graben hätten, um die kostbaren Steine zu finden. Die ganze Oberfläche wurde deshalb von ihnen in Quadrate von etwa 900 Quadratfuß eingetheilt und Jedem die Bearbeitung eines Antheils gestattet. Aber man hatte sich getäuscht; denn nachdem man den Sand beseitigt, stieß man zunächst auf eine Kalkschicht, unter welcher sich erst das Diamanten enthaltende Sedimentärgestein befand. Daher werden die Schachte gegenwärtig immer tiefer, und haben einige bereits eine Tiefe von über 100 Metern erreicht. Die Masse, welche Diamanten enthält, wird losgesprengt, mit Hämmern zerschlagen, an die Oberfläche gebracht, dem Einflusse der Sonne ausgesetzt, welche die Zersetzung bald rascher, bald langsamer bewirkt, und endlich gewaschen.

Man kann sich leicht vorstellen, welchen Schwierigkeiten die Arbeiter begegneten. Da sie das ganze Feld in kleine, neben einander liegende Quadrate vertheilt hatten, mußten Wege und Servituten geschaffen werden. Dabei mangelte es an Maschinen, um das Gestein an die Oberfläche zu schaffen. An vielen Orten fehlte es an Aufbereitungsplätzen, und diese mußten nun außerhalb des Grubenfeldes in größerer Entfernung erst hergerichtet werden. [764] Ueberall mangelte es aber an Wasser. Die großen Entfernungen, die ungenügenden Communicationsmittel hinderten so fühlbar jeden raschen und energischen Fortschritt, daß man sogar den Vorschlag machte, das Wasser künstlich aus dem fünfundzwanzig englische Meilen entfernten Waalflusse auf die Diamantenfelder zu leiten. Die Grubenarbeiter, deren etwa sechs von einem sehr gut bezahlten weißen Aufseher überwacht werden, sind Eingeborene, die ungefähr zwanzig Mark Wochenlohn beziehen, aber trotz der strengen Aufsicht schätzt man die Menge der gestohlenen Edelsteine auf dreißig Procent der ganzen Ausbeute.

Als die Cap-Regierung Besitz von den Minen ergriff, traten ihr eine Menge vollendeter Thatsachen und schwieriger Fragen entgegen. Sie hatte ein ungeheueres Material rechtlich zu ordnen, vor Allem aber den gewaltsamen Besitz in rechtliches Eigenthum zu verwandeln. Ohne Zweifel bietet die Geschichte der Diamond-Fields interessante Probleme für den Juristen, während der Philosoph bei der Betrachtung derselben neues Material gewinnt zur Ausprägung der Begriffe: Gewalt, Recht, Gesetz und Besitz.

Nachdem wir den Proceß der Edelsteingewinnung verfolgt haben, werden wir die Diamanten auf ihrer Wanderung in Fabriken und Handel begleiten. Die Producenten verkaufen sie an Händler und Agenten. Niemand aber kann ohne einen Erlaubnißschein der Cap-Regierung, welcher jährlich dreißig Pfund Sterling kostet, Diamanten kaufen oder verkaufen. Selbst der Agent muß eine solche Erlaubniß nachweisen und dafür eine Summe von fünfzehn Pfund Sterling zahlen. Wohin die größte Menge der Diamanten geht, ist unentschieden; denn wenn auch die Juweliere behaupten, daß die besten und größten Steine nach Nordamerika versandt werden, so wird doch ein großer Theil derselben auch von Londoner, Amsterdamer und Antwerpener Firmen angekauft. Auf dieser Stufe des Diamantengeschäfts ist keine klare Arbeitstheilung; doch giebt es Händler, welche zugleich Schleifereien besitzen, und Schleifer, welche sich nicht mit dem Diamantenhandel befassen.

Die nach London versandten Diamanten nehmen ihr Absteigequartier meistens in der Hauptwohnstätte der Diamantenhändler, in Hatton-Gardens, einer verhältnißmäßig ruhigen Straße in der Londoner City, deren Häusern Niemand ansieht, welche Schätze sie beherbergen. Hier führen die Steine, sorgsam in Seidenpapier eingewickelt, ein behagliches Stillleben in Geldschränken und Pulten, bis sie an die Schleiferei abgeliefert werden. Zuweilen läßt der Händler sie in London schleifen. Es kommt aber auch nicht selten vor, daß er sie nach Amsterdam bringt oder bringen läßt, wo sich noch immer der Hauptsitz der Diamantenschleifereien befindet, nicht weil sich dort etwa die besten Traditionen erhalten hätten und die geübtesten Arbeiter fänden, sondern einzig und allein, weil dort die Arbeitslöhne billiger sind als in London, was jedoch von einigen Seiten bestritten wird.

Wenn man in Amsterdam vom Dam aus durch die Damstraße die eleganteren und reinlicheren Quartiere allmählich verläßt, gelangt man bald in ein Viertel, dessen äußerer Charakter Jedem auffallen muß. Die Hauptstraßen sind unreinlich, die Nebenstraßen entschieden schmutzig, und die ärmlich gekleideten Menschen, welche aus den unsauberen, kleinen Häusern kommen, sprechen Holländisch, aber sie gesticuliren lebhaft. Hier und da wird auch Deutsch mit derselben Zungenfertigkeit wie in Mainz, Frankfurt und Worms gesprochen, und zwar mit derselben Vorliebe für Nasallaute und entschiedener Abneigung gegen den Consonanten „n“. Die Gesichtszüge der redseligen Leute sprechen deutlich – nicht jene Gesichtszüge, mit denen moderne schönfärbende Romanschriftsteller ihre jüdischen Helden und Heldinnen ausstatten – wir sind im Judenviertel Amsterdams.

Die Geschichte der Juden ist mit der Geschichte der Diamanten unzertrennbar verknüpft; denn die Juden waren die Ersten, welche Diamanten in Amsterdam schliffen, und noch heute befinden sich die Diamantenschleifereien in dem Amsterdamer Ghetto; noch heute sind die meisten Besitzer der Schleifereien wie ihre Arbeiter Juden, und die Löhne der besseren unter den letzteren sind so bedeutend, daß mancher hohe deutsche Beamte diese Juden um ihr Einkommen beneiden könnte.

Die Mittheilung wird manchen Leser interessiren, daß wir seit kurzer Zeit die erste Diamantschleiferei in Pforzheim besitzen. Der hohe Zoll (25 Procent), welcher in Nordamerika die Einfuhr geschliffener Steine belastete, hat auch jenseits des Oceans die Einrichtung von Schleifereien bewirkt. Bedeutende Mühlen befinden sich auch in Antwerpen.

Die Einrichtungen sind überall dieselben, und der Proceß ist überall ein doppelter. Zuerst muß die künftige Form des Diamanten in einer rohen Weise auf dem Steine vorgezeichnet werden, und man befestigt zu diesem Zwecke zwei Diamanten auf zwei kurzen Stäben vermittelst eines eigenthümlichen Cementes, der ebenso rasch zum Erwärmen wie zum Erkalten gebracht werden kann, und reibt die beiden Steine so lange gegen einander, bis die Grundlinien der Facetten angedeutet sind.

Ist die Krystallform deutlich ausgeprägt, so ist schon ein großer Theil der Arbeit gethan. Schwieriger ist diese einleitende Arbeit, wenn der Diamant keine klare krystallische Form zeigt; denn alsdann muß er gespalten werden, was aber nicht immer gelingt. Schon bei diesem Aneinanderreiben der beiden Diamanten wird ein grauschimmernder Staub erzeugt, der bei dem Schleifen weitere Verwendung findet. Der größere Theil alles Diamantstaubes wird jedoch durch das Zerstoßen solcher Diamanten gewonnen, welche des Schleifens nicht werth sind. Bevor das Schleifen beginnt, befestigt der Arbeiter den in jener rohen Weise bearbeiteten Diamanten auf einen Bleikegel, aber das Blei muß sich selbstverständlich in geschmolzenem Zustande befinden, ehe es den Edelstein aufnehmen kann. Der Diamant ist verhältnißmäßig so klein, und der Verlust bei fehlerhaftem Schleifen so groß, daß oft die größte Sorgfalt und Mühe daran gewendet werden muß, ihm die gerade nöthige Lage im Bleikegel zu geben, und dies ist der Grund, warum Diamant und Bleikegel gewöhnlich verschiedene Male der Glasflamme ausgesetzt werden.[1] Das Einsetzen, Befestigen, Herausnehmen und Wiedereinsetzen des Diamanten aus und auf der glühenden Bleimasse nimmt der Arbeiter mit den Fingern vor.

Als ich fragte, ob es denn nicht möglich sei, die Operation mit einem Lappen oder irgend einem anderen Objecte vorzunehmen, sahen Arbeiter und Unternehmer mich mit einem vielsagenden Lächeln an. Das Lächeln des Arbeiters war entschieden verächtlich. Sein stolzes Selbstgefühl empörte sich gegen meine niedrige Meinung von der Stärke seiner Fingerhäute, und um sein Können in’s hellste Licht zu setzen, fingerte er mit einer, wie mir schien, unnöthigen Langsamkeit an dem Bleikegel herum. Hat der Arbeiter den Diamant auf dem Bleikegel befestigt, dann bringt er ihn mit einer schnell rotirenden Scheibe, welche man mit Oel und Diamantstaub angefeuchtet hat, so lange in Berührung, bis die Fläche gehörig abgeschliffen ist.

Dies zur Veranschaulichung der Schleifoperationen!

Versuchen wir nun, in allgemeinen Zügen das Bild einer Schleiferei zu entwerfen! Im Hintergrunde eines langen Saales steht parallel mit der Rückwand eine Reihe von eisernen Scheiben in horizontaler Lage, welche mit einer im unteren Stock befindlichen Dampfmaschine durch ein Räder- und Riemenwerk in Verbindung stehen und in kreisende Bewegung gesetzt werden. Hinter den Scheiben sitzen auf einer langen Bank so viele Arbeiter, wie Scheiben vorhanden sind. Ehe der Diamant all seine Facetten erhalten hat, verfließt eine geraume Zeit, und er verliert dabei sein Volumen bis zur Hälfte. Wenn man allein diese Verhältnisse, die hohen Arbeitslöhne der Schleifer sowie den bedeutenden Verlust an Material während des Schleifens in Betracht zieht und ganz von den hohen Gewinnungskosten, dem Risico des Unternehmens, den bedeutenden Entfernungen, dem Gewinn all der Zwischenpersonen, durch deren Hände der Stein geht, und den noch folgenden Processen absieht, selbst dann kann der hohe Preis der Diamanten nicht in Verwunderung setzen. Weit erstaunlicher ist es aber, daß trotz der ungeheuer vermehrten Production – man schätzt allein den Werth der in Südafrika gewonnenen Steine auf 400 Millionen Mark – der Preis der Diamanten sich nicht vermindert hat, sondern im Gegentheil gestiegen ist. Das erklärt sich nur dadurch, daß dem kolossalen Angebote eine noch kolossalere Nachfrage gegenübersteht. Kimberley-Actien, welche zu 10 Pfund Sterling ausgegeben wurden, werden jetzt an der Londoner Börse 370 notirt.

[765] Hat nun der Diamant den „letzten Schliff“ erhalten und für den unbestimmten Gattungsnamen Diamant die individuellere Bezeichnung Brillant oder Rosette erlangt, dann vertauscht er seine schmutzige unruhige Erziehungsstätte mit dem Hause des Juweliers. Den Lehrjahren folgen die Wanderjahre. „Juwelier“ ist heute ein so schwankender Begriff geworden, daß es sich wohl der Mühe lohnt, denselben etwas genauer zu bestimmen. Der letzte Goldschmied ist dahingegangen, wie der letzte Mohikaner, und auch die Goldschmiederei ist dem Großbetrieb, dem Maschinenbetrieb zum Opfer gefallen, ganz unter denselben Erscheinungen, welche diesen Proceß überall kennzeichnen: Die Production ist leichter und billiger geworden; der Unternehmer kann sich ein bedeutendes Vermögen erwerben, der Goldschmied aber ist zum capitallosen Fabrikarbeiter herabgesunken; denn Tausende von Goldarbeitern empfangen in London für eine zwölf- bis vierzehnstündige Arbeit einen Lohn von etwa zwei Mark nach unserer Währung. Die letzte Stelle, wohin sich die Kunst der Goldarbeit geflüchtet hat, ist die Juwelierwerkstätte; denn die künstlerische Anordnung und Fassung von Geschmeiden kann nicht von einer Maschine vorgenommen werden. Es ist interessant, den Juwelier über einem Armbande, einer Brosche brüten zu sehen, wie er nachdenklich die einzelnen Steinchen auf einer Wachsscheibe zusammenlegt, bis sie seinen künstlerischen Anforderungen entsprechen. Hat nun die Intelligenz, das Schönheitsgefühl des Unternehmers das Ihrige gethan, dann werden die Intentionen des Meisters in der Werkstätte ausgeführt. Es würde die Grenze unserer Aufgabe überschreiten, wollten wir die Entstehung eines Geschmeides bis zur letzten Abwaschung unter der Hand einer Arbeiterin darstellen. Nur das mag noch hinzugefügt werden, daß auch diese Arbeiter höhere Löhne erzielen, weil sich hier der Großbetrieb nicht entwickeln kann.

Einsam, in Ringe eingefügt, oder in Reih und Glied, auf kostbaren Geschmeiden, verlassen die Edelsteine die Werkstätte des Juweliers und werden, auf Seide und Sammet gelagert, hinter den Schaufenstern der Juwelen- und Goldwaarenverkäufer ausgestellt – der Juwelen- und Goldwaarenverkäufer, sagen wir; denn die nach der neuesten Mode gekleideten Männer, welche hinter glänzenden Ladentischen stehen und die Käufer mit gewinnendem Lächeln einladen, auf schwellenden Stühlen Platz zu nehmen, während sie eine Fülle verführerischer Geschmeide vor ihnen ausbreiten, sind keine Juweliere; sie sind keine Goldschmiede, weder Handwerker noch Künstler – sie sind eben Kaufleute. Ihr Einkommen besteht in der Differenz zwischen dem Einkaufspreise, den sie dem Juwelier, dem Besitzer der Werkstätte, für gelieferte Waaren bezahlen, und dem Verkaufspreise, den sie erzielen. Das Hinterstübchen, in welchem einige Männer mit Blasebälgen und Löthrohren hantiren, ist nicht die Stätte, aus welcher diese leuchtenden und strahlenden Geschmeide hervorgehen. Da wird nur reparirt und kleineren Bedürfnissen abgeholfen.

Von hier aus zerstreuen sich die strahlenden, leuchtenden Kinder ferner Welttheile nach allen Richtungen hin und gehen in den Besitz eines hohen Adels und verehrungswürdigen Publicums über. Ihr schönen Frauen, wenn die Edelsteine an euren zarten Händen, an euren schwellenden Armen, in euren dunklen Haaren und um euren schneeweißen Nacken funkeln, denkt ihr dann wohl zuweilen an die mannigfachen Irrfahrten, die ein Geschmeide machte, bis es in eure Hände gelangte – und an die Wanderungen, die es vielleicht noch machen wird? Wilhelm Hasbach.     


  1. Bei dieser Operation springt mancher Diamant, weil, wie in einem Artikel der „Gartenlaube“ (Nr. 51, 1880) richtig bemerkt wurde, die in dem Stein zuweilen vorkommenden Luftbläschen sich stark ausdehnen. Aber der dort mitgetheilte Fall (ein in einem Ring eingesetzter Diamant sei gesprungen, als der Eigenthümer die Hand an die Stirn gelegt habe) verdient bezweifelt zu werden; denn, wenn ein Diamant verschiedene Male die Wärme der Glasflamme und des Bleikegels ausgehalten hat – und jedem Diamanten ist dieses Loos bescheert – dann ist es unbegreiflich, wie die geringere Wärme der Hand und der Stirn ihn zum Zerspringen bringen könnte.