Ein Friedensstörer

Textdaten
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Autor: Victor Blüthgen
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Titel: Ein Friedensstörer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43–52, S. 709–712, 725–728, 741–744, 757–763, 773–776, 793–796, 809–815, 825–828, 841–846, 868–871
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[709]

Ein Friedensstörer.

Erzählung von Victor Blüthgen.


1.

Die klare Herbstsonne schien auf Pelchow so warm, wie sie nur je einem vorpommerschen Gutsdorfe den Nachgeschmack des Sommers gespendet. Freilich stand sie im Augenblicke auf der Höhe ihrer Mission; denn es war gegen drei Uhr Nachmittags. Bei der kristallenen Klarheit, welche die Luft in dieser Jahreszeit namentlich in Gegenden hat, wo die Nähe der See sich bemerklich macht, gewinnt der ungedämpfte Sonnenschein leicht etwas Blendendes, und wohl darum zog das junge Mädchen, welches vom Herrenhause her über den Gutshof schlenderte, an einer Gummischnur den vordern Rand des gelben Schwingers thunlichst tief über das hübsche, lebhaft gefärbte Gesicht.

Sie nahm den Weg zum Dorfausgange, über uraltes holpriges Steinpflaster, zwischen dessen Ritzen in dreister Ueppigkeit Gras, Löwenzahn und Wegebreit wucherten; rechts die Verbalkung des Kuhringes, links ein gänzlich sich selbst überlassnes Stück Land, das die ziemlich verfallene und verbröckelte Lehmmauer des Gutes abschloß. Der Kuhring war leer; die Kühe konnte man weit jenseits des Hofes im Wiesenlande beobachten, wo sie eingekoppelt mit erhobenen Schwänzen herumgaloppirten oder friedlich weideten. Nur Spatzen, Tauben und Hühner trieben sich in dem Ringe umher, in diesem Augenblick das einzige Lebendige, welches die junge Dame auf dem Hofe gewahrte; denn die Störche, welche während des Sommers das halbe Dutzend struppiger Nester auf den Scheunen und Ställen da oben bewohnt hatten, waren bereits vor geraumer Zeit auf die Wanderschaft gegangen. Das öde Stück Land links, zwischen Herrnhaus und Mauer, war durch Nesseln fast unzugänglich; dieselben beschützten mit ihrer abschreckenden Eigenschaft ein paar Obstbaumruinen, welche kaum noch Blätter, geschweige denn Früchte trugen, und gegen die Mauer hin eine Wucherung fettstrotzender Hollundersträucher, deren bläulichdunkles Grün den bekannten fatalen Geruch bis zu der Spaziergängerin herüberströmte.

Ihr feines Näschen, das nur ein wenig kurz gerathen war, zuckte denn auch mißmuthig, während die muntern braunen Augen mit Wohlgefallen dem Fluge etlicher Nesselfüchse und Pfauenaugen folgten; die Finger machten sogar einmal den Versuch, eines der letztern einzufangen, wiewohl vergeblich. Diese Finger waren gut geformt, verriethen aber den Einfluß von Luft und Sonne; denn sie zeigten die Farbe leicht angerauchten Meerschaums. Eine andere Handbekleidung als diese Halbhandschuhe aus Zwirnmaschen, wie sie jetzt den vom Aermel nicht bedeckten Unterarm schützten, hatte die junge Dame wohl nur ausnahmsweise getragen.

Sie trat durch den Thorweg, dessen in Ziegel aufgemauerte Pfeiler durch zwei stattliche Findlingsblöcke aus Granit als Prellsteine geschützt waren; von den nicht so gut verwahrten Pfeilerköpfen war der eine herabgestürzt, das Material bis auf den Rumpf des Sandsteinlöwen, der in Gras und Nesseln halb verborgen ruhte, verschleppt worden. Der andere Löwe hatte seinen Platz behauptet, zeigte sich aber – vermuthlich durch Steinwürfe der Jugend - bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Alles trug den Charakter des Ruinenhaften, selbst die Thorflügel, deren halb vermorschtes aschgraues Holz mit grünglänzendem Moose bewachsen war und an ein paar Stellen in breiten Lücken klaffte.

Für das junge Mädchen hatte das offenbar nichts Befremdliches. Mit der heiteren Unbekümmertheit ihrer Jahre – sie konnte deren kaum mehr als achtzehn zählen – summte sie irgend etwas vor sich hin, während der Mund wiederholt wie von einem munteren Einfall in leisem Lächeln zuckte und die braunen Augen nach Art von Kinderaugen, bald hier, bald da, an irgend etwas Unbedeutendem hafteten, das ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie schritt links an den verwitterten Kopfweiden eines Tümpels hin, dessen tintenfarbenes Wasser zur Hälfte mit Wasserlinsen bedeckt war, wogegen zur Rechten aus einem sumpfigen Terrain die Stämme von Eschen, Erlen und Birken ragten, die Blätter bereits von den Farben des Herbstes angekränkelt.

Am Teiche saßen Kinder und belustigten sich damit, Klümpchen von dem tief ausgefahrenen Erdreich des Weges loszubröckeln und sie nach den Enten zu werfen, welche zwischen den Wasserlinsen schnatterten.

„Fräulein Anne-Marie, Fräulein Anne-Marie!“ rief es plattdeutsch aus der Gesellschaft, und eines der Mädchen, ein dralles, barfüßiges Ding von etwa fünf Jahren, sprang zu der Nahenden her und sah sie aus den großen blauen Augen halb verlegen, halb vergnügt an.

„Na, Dirning, wie geht es Dir? Du bist schon lange nicht auf dem Hofe gewesen. Gott bewahre, wie siehst Du aus! Den halben Syrup hat sie wieder im Gesicht.“

„Ich kann’s auch noch, Frölen,“ nickte das flachshaarige Ding und machte ganz verschmitzte Augen dazu.

„So? Na, da sag’s mal auf!“

Und ohne Stocken plapperte das Kind:

„Gösselken, Glattsnut,
Süht so gel as Rapp ut,
Het ’n Kleed von Sanftmanschester;
Schenk mi dat för mine Swester!“

[710] „Siehst Du, was Du klug bist, Frieding! Du mußt nun wohl bald zum Herrn Mederow in die Schule gehen. Wenn Du wieder zu mir auf den Hof kommst, sollst Du was Neues lernen. Wo hast Du denn Lütt-Jehann heute gelassen?“

„Da,“ sagte die Kleine, nachdem sie den Finger aus dem Munde genommen, und deutete zu einem dürftigen kleinen, vielleicht anderthalbjährigen Geschöpf hinüber, welches auf dem Bauche im Grase lag und das junge Mädchen aus großen Augen wie ein Meerwunder anstarrte.

Die nicht allzu schlanke, blühende und doch unbewußt vornehme Gestalt glitt mit einer weichen Bewegung nieder, um den ziemlich schmutzigen Lütt-Jehann auf die andere Seite zu drehen, worauf sie ihn nach einer weiteren Anstrengung glücklich zum Sitzen brachte.

„Wie der Junge gewachsen ist!“ rief sie mit naivem Staunen. „Wie kann so ’n kleiner Kerl in ein paar Monaten so wachsen! Aber ein kleines Ferkel bist Du, mein süßes Pathchen, und ich wollte Dich wohl gern abwaschen, wenn ich nicht vorher wüßte, daß Du fünf Minuten nachher gerade wieder so aussehen würdest, wie jetzt. Na, Adschüs, Frieding, und laß Deinen Bruder nicht in’s Wasser fallen, und ihr Kropzeug: werft mir die Enten nicht todt, sonst fliegen sie in den Himmel und verklagen Euch beim lieben Gott.“

„Adschüs, Frölen Anne-Marie!“ scholl es hinter ihr drein, immer vollstimmiger, immer lauter und lustiger, und gleich drauf patschten wieder ein paar Erdklumpen in das hoch aufspritzende Wasser.

Die junge Dame schritt lächelnd den Weg zwischen den Häuschen des Dorfes hin. Die niedrigen Hütten, strohgedeckt, zum Theil sichtlich sehr alt, gehörten sämmtlich zum Gute und wurden von dessen Arbeitern bewohnt: das war für jeden aufmerksamen Beobachter außer Zweifel, der ähnliche Gutsdörfer in der Gegend einmal studirt. Zwischen Fachwerk und Lehm, mit mehr oder weniger sauberem Anstrich, überall dieselben niedrigen Fenster, grüne, halbblinde Butzenscheiben, dahinter wohl die rothe Blüthe von Geranium oder die lichtere von Nelken. Nur die Schmiede, zugleich Stellmacherei oder Radmacherei, wie man hier sagt, und Tischlerei, zeichnete sich durch ihre aparte Form aus: zum Hause kam noch die angebaute Werkstatt mit dem überdeckten Schuppen daneben und einem Unterstandsdache vor der halben Front.

In der Thür der Werkstatt stand eine Frau; sonst war die Dorfstraße wie ausgestorben: es war Herbstbestellung draußen, dazu der Anfang der Grummetmahd. Die Frau hatte ein rothes geblümtes Kopftuch übergebunden, und ihre Kleidung war die einer einfachen Städterin. Sie sprach noch ein paar Worte in den Raum hinein, aus welchem der knirschende Ton des Hobels drang, wandte sich dann herum und kam lebhaft die niedrige Böschung heruntergesprungen, als sie die junge Dame gewahrte.

„Guten Tag auch, gnädiges Fräulein; ich wollte eben einen Gang zu Ihnen thun; nun kann ich’s wohl gleich unterwegs abmachen.“

Sie reichte der Ankommenden vertraulich die Hand; war sie doch mit ihr als Pflegerin der Zwölfjährigen nach Pelchow gekommen und in dieser Stellung verblieben, bis sie den Radmacher, das Gutsfactotum, geheirathet hatte, und bei Lütt-Jehann, ihrem Jüngsten, hatte Anne-Marie von Lebzow Gevatter gestanden.

„Habt Ihr etwas auf dem Herzen, Radmacherin?“ fragte die junge Dame. „Ich will ein Bischen in’s Holz hinauf gehen, und Ihr könnt mich ja ein Stück begleiten; da wollen wir’s besprechen. – Ah, guten Tag, Herr Mederow!“

Aus dem schmalen Wege, der hinter der Schmiede herum führte, stieß eine dritte Person zu der Gruppe, eine lange, schmächtige Figur in ziemlich abgeschabtem schwarzem Anzuge, welche eilfertig einen ungewöhnlich hohen alten Cylinderhut vom Kopfe riß und sich ein paarmal so tief verbeugte, daß die langen Arme fast bis zum Erdboden reichten.

„Ich erlaube mir, das gnädige Fräulein devotest zu fragen,“ stotterte der Schullehrer, „ob Dero Herr Onkel zu Hause sind?“

„Ich bedaure, mein lieber Herr Mederow, er ist seit gestern in Branitz auf der Jagd und wird frühestens diesen Abend zurückkommen. Wünschen Sie etwas von ihm?“

„Ich möchte wohl so kühn sein. Der Herr Baron haben die Gnade gehabt, mir zu versprechen, daß der Schweinebehälter hinter dem Schulgebäude neu aufgemauert werden sollte; das ist nun schon ein Jahr her, und mittlerweile ist das Behältniß von Tage zu Tage schadhafter geworden, bis vorhin auch die zweite Wand und mit ihr die Bedachung dem ungestümen Drängen der Vierfüßler erlegen und eingestürzt ist. Wie durch eine besondere Gnade ist dem Vieh kein Schade weiter geschehen, nur daß dasselbe anjetzt obdachlos ist. So wollte ich denn unterthänigst anfragen, ob ich hoffen dürfte –“

„Mein guter Herr Mederow,“ fiel die junge Dame hier ein, „Onkel Boddin ist jetzt in einer schwierigen Lage. Wie Sie wohl gehört haben, geht in der Verwaltung des Gutes eine Aenderung vor, und es ist ungewiß, wieweit die Befugnisse des Onkels noch reichen –“ die blühenden Wangen der Sprecherin übergoß plötzlich ein dunkles Roth, und zwischen die Augen legten sich feine Fältchen des Unmuthes – „kurz, ich würde Ihnen nicht rathen, jetzt seine Hülfe anzurufen. Warten Sie wenigstens ein paar Tage noch!“

„Sie können die Schweine zu uns her treiben, Herr Mederow; wir haben Platz für sie,“ wandte sich die Radmacherin an den Lehrer. „Ich habe doch immer gedacht, daß das alte Gerümpel eines Tags zusammenbrechen würde.“

„Wenn ich mir das erlauben dürfte!“ sagte der Höfliche mit einer Verbeugung zu dieser. „Wir müssen die Creaturen aber erst einfangen. Ich empfehle mich bestens und bitte, auch dem Herrn Baron meine unterthänigste Empfehlung auszurichten.“

„Adieu, Herr Mederow! Grüßen Sie Ihre Frau schönstens!“ nickte Fräulein Anne-Marie und schritt mit der Radmacherin weiter, während der Lehrer den Rückweg antrat.

Anne-Marie stieß einen Seufzer aus, und ein Schatten lag auf ihrem sonst so klaren Gesicht.

„Ich fürchte, ich kann auch Euch nichts Besseres sagen, Radmacherin,“ meinte sie. „Was habt Ihr auf dem Herzen?“

„Ach, mein Mann wollte gern noch das zweite Stückchen Acker hinter unserm Hause dazu pachten. Es ist gestern umgepflügt worden, und wir möchten die Sache in’s Reine bringen, ehe es vom Gute aus bestellt wird. Es wäre so vortheilhaft für uns; denn wir könnten dann Alles, was wir im Hause brauchten, selber ziehen. Der Radmacher hat schon einmal mit dem Herrn Baron darüber gesprochen, und er hat gemeint, er werde sich die Sache bis zum Herbst überlegen. Und nun wollte ich das gnädige Fräulein bitten, ein gutes Wort für uns einzulegen.“

Die junge Dame schüttelte traurig den Kopf.

„Ihr kommt ein paar Tage zu spät, Radmacherin,“ entgegnete sie, und es mischte sich ein Klang von wehmüthiger Resignation in ihre Worte. „Der Onkel darf bezüglich der Verwaltung von Pelchow nicht mehr selbstständig verfügen. In den nächsten Tagen wird ein Administrator eintreffen, der ihm die Mühe abnehmen wird, ein Vetter von mir, von den Teterower Boddins; an den müßt Ihr Euch wenden. Ich will aber wenigstens dem Statthalter sagen, daß er das Stück vorläufig nicht bestellen soll.“

„Nun aber!“ machte die Radmacherin verwundert. „Das Gut gehört doch dem gnädigen Herrn, und er kann doch darauf thun, was er will? Ich habe wohl gehört, daß so was im Gange ist, aber ich habe das für dummen Schnack gehalten.“

„Ich kann Euch das nicht Alles so aus einander setzen,“ meinte Anne-Marie, der es sichtlich widerstrebte, die intimen Familienangelegenheiten zum Gegenstande einer Erörterung mit der Frau zu machen. „Aber es ist so. Wer weiß, ob der Onkel je wieder die Verwaltung zurückbekommen wird.“

„Na, Pelchow bleibt Ihnen doch mal,“ nickte die Radmacherin lächelnd.

„O nein! Das fällt an die Teterower. Ich bin so arm wie eine Kirchenmaus. Höchstens was der Onkel gespart hätte, das würde er mir geben dürfen.“

„Das wird freilich nicht viel sein,“ sagte die Frau verblüfft. „Ja, dazumal, wo er noch durch die Straße von Trebbin geritten ist und die Jungens mit harten Thalern gegen die Köpfe geworfen hat – aber er ist doch so reich gewesen! Alles kann er ja wohl nicht –“

Anne-Marie machte eine ungeduldige Bewegung.

„Lassen wir die Frage, Radmacherin! Das ist seine Sache. Was ich Euch nützen kann, thue ich gewiß germ – das wißt Ihr. In den nächsten Tagen wird allerlei Umwälzung bei uns vorgehen. Mein Gott, ich wollte, die Aufregung für den Onkel wäre erst vorüber!“

[711] Das Letzte sprach sie mehr zu sich selber, als zu ihrer Begleiterin, welche etwas verschüchtert und stumm noch ein paar Schritte weiter mitging und endlich Halt machte.

„Ja, da soll ich dann wohl wieder umkehren, gnädiges Fräulein?“ fragte sie. „Entschuldigen Sie auch, daß ich mir die Freiheit genommen habe! Ich bin wohl schuld, daß Sie sich etwas aufgeregt haben, aber ich wußte das Alles nicht so.“

„Nein, nein,“ wehrte Anne-Marie hastig ab, und ihr Gesichtchen zeigte schnell wieder den ihm eigenen Zug von Frische und Liebenswürdigkeit, „Sie können nichts dafür, Radmacherin, und vielleicht wird sich auch Alles gut abwickeln. Die Männer sind nur immer etwas unverträglich und hartköpfig. Und was mein Onkel ist – na Adschüs, Fieken!“

„Adschüs auch, und nichts für ungut! – Nein, was sie doch für ein gutes Mädchen ist, und ein kluges Mädchen, unsere Anne- Marie,“ dachte die Radmacherin vor sich hin, indeß ihre Lippen glücklich lächelten; „und Fieken hat sie mich wieder mal genannt, gerade wie dazumal, als sie noch so’n Gör war.“

Anne-Marie von Lebzow ging rascher dem Walde zu, dessen bunte Färbung schon von Weitem den Buchencharakter des Bestandes deutlich genug aussprach. Zuerst mochten es noch trübe Gedanken sein, welche ihr junges Herz beschäftigten; denn die Fältchen hatten sich wieder zwischen die Augen gelegt, und diese Augen waren unruhig und nachdenklich, und einmal sagte sie sogar vor sich hin: „Der arme Onkel thut mir zu leid. Er ist ja ein sonderbarer Mann, und mit dem Gelde weiß er gar nicht umzugehen, aber daß sie ihm auf seine alten Tage diesen Aerger anthun – ob das wirklich nöthig war? Ich verstehe freilich nichts von ‚Fideicommissen‘ oder wie die Dinger heißen.“ – Aber dann kamen ein paar frische Athemzüge, zu denen die reine sonnige Luft so unabweisbar einlud, und da spannte sich ein schneeweißes Band von Altweibersommer leicht schwebend quer über den Weg und legte sich plötzlich über Nase und Wangen, daß sie aus dem Nachdenken aufschrak, und dann lachend die herbstliche Ueberraschung ablöste, und nun hatten Himmel und Erde das gesunde junge Blut wieder. Sie merkte mit einem Male, daß die klarblaue Luft voll fliegenden Gespinnstes war. So weit und frei lag auf beiden Seiten das Land, bis zu fernen Wäldern. Hier und da ein ackerndes Gespann; auf der Bruchwiese weit drüben Arbeiter und Arbeiterinnen beim Heumachen und ein Stück davon auf dem Acker – richtig, da stelzten schon wieder ein Dutzend Kraniche herum. Es war doch eigentlich ein himmlischer Tag und eine himmlische Welt!

Sie näherte sich dem Walde mehr und mehr. Wie doppelte Erfrischung wehte es von ihm her; selbst die leise Beimischung von Sterbeduft hatte nichts Störendes. Die stattlichen Buchenkronen sahen noch so voll aus, als dächten sie nicht an ein Kahlwerden und die Blätter der üppigen Haselbüsche, welche sich unter ihnen fast undurchdringlich dicht am Waldsaume hinzogen, waren noch grün. Nur selten rieselte ein abfallendes Blatt droben und wirbelte zu Anne-Marie nieder, als sie vom Feldwege nach rechts abbog und zwischen dem Waldrande und einem tief eingesenkten Wiesenbande auf schmalem Pfade hinschlenderte. Im Sonnenscheine glitzerten die Blätter der Hasel; bunte Falter, Fliegen, seltsam langbeiniges Wespen- und Schnakenvolk flogen auf und ab, zuweilen einen Abstecher in die Wiesensenkung hinab unternehmend. Auch Anne- Marie stieg ein paarmal nieder, um leuchtend violette Orchideen zu pflücken; mit den Blumen im Schooße, saß sie dann eine Weile still im Grase der Böschung. Sie dachte an ihre verstorbenen Eltern, an die Jugendzeit in Greifswald, an das wunderliche Leben in der Nähe des Onkel Boddin, das sie einst gefürchtet hatte. Und doch war es hübsch in der Verwilderung um sie herum; sie konnte thun und lassen, was sie wollte; die rauhe Art des Barons, seine Seltsamkeiten und Extravaganzen war sie nun gewohnt, und seine Derbheiten hatte er ihr gegenüber verschlucken gelernt. Als Vermittlerin zwischen den Leuten und ihm war ihr sogar eine Art von diplomatischem Wirkungskreis geworden, während freilich die alte Dürten Schoritz sie von wirthschaftlichen Bemühungen eifersüchtig fern hielt.

Wie würde es nun werden?

In der Buche über ihr rasselte und knatterte es; ein Eichkätzchen hatte droben den Halt verloren und fiel dicht neben ihr zu Boden, daß sie erschrocken zusammenfuhr. Ein paar Secunden genügten für das Thierchen, um sich zu sammeln; dann richteten sich die klugen Augen auf Anne-Marie, und im Husch war das anmuthige Geschöpf zwischen den Haselstauden verschwunden. Die junge Dame lachte halblaut; die Farbe kehrte in ihre Wangen zurück, und sie erhob sich, um weiter zu gehen.

Ein schmaler Weg lockte sie in die sonnendurchspielte Einsamkeit des Waldes. Häher kreischten in den Buchenwipfeln; Meisen schwangen sich mit feinem Metalltone hin und her. Zuweilen raschelte es in dem morschen Laube an ihrer Seite, und sie hätte gern gewußt, ob es von Eidechsen oder den feinen Schlänglein herrührte, die sie wohl auch schon hatte über den sonnigen Pfad schlüpfen sehen.

Eine halbe Stunde mochte Anne-Marie auf bekannten Wegen geschritten sein – da stand sie vor einer Schneiße wieder in der Nähe des Fahrweges. Ueber ihr ragten Tannen; sie fand Champignons und Steinpilze; mit plötzlichem Einfalle zog sie ein frisches Taschentuch und begann zu sammeln. Sie hatte kaum die ersten Pilze aus dem Boden gezogen, als sich Wagengerassel näherte. In rascher Wendung fuhr sie empor, neugierig den Einspänner betrachtend, ein Demminer Fuhrwerk, das sie kannte; nur den jungen Mann im Strohhute, der hinter dem lahmen Lorenz im Wagenfond lehnte, suchte sie in ihrem Gedächtnisse vergebens. Sie stand kaum dreißig Schritte von der Straße entfernt, und der mäßige Trab des Miethgauls verstattete ihr recht wohl, dieses nicht sehr volle, intelligent geschnittene Gesicht mit dem Schnurrbärtchen und dem Klemmer auf der Nase, der so moquant saß, auf einen Blick zu erfassen.

Anne-Marie ließ sich wieder zu den Pilzen hinab; sie konnte nicht sehen, wie der junge Mann sich erhob und etwas zu dem Kutscher sagte, und wie er auf dessen Antwort hin mit dem Zeigefinger auf dem Rücken des Alten trommelte. Aber ihr Kopf bog sich verwundert herum, da das Fuhrwerk plötzlich anhielt, und eine beklemmende Ahnung überkam sie, als sie den Fremden mit sehr entschlossener Bewegung vom Wagen springen und elastischen Schrittes auf sich zukommen sah. Sie richtete sich hastig auf, und in der Verwirrung schlug sie das aufgeraffte Taschentuch aus einander und ließ die Pilze zur Erde rollen.

Der Ankömmling lächelte mit leisem Anflug von Spott, indem er ein wenig den Strohhut lüftete. Er mochte im Anfang der Dreißiger stehen, eine stattliche Figur, deren Formen durch die Raschheit und knappe Entschiedenheit des ganzen Auftretens eckiger schienen, als sie in Wirklichkeit waren. Nein: die breiten, zu wenig abgeschrägten Schultern bedingten den Eindruck wesentlich mit.

„Habe ich das Vergnügen, meine Cousine Lebzow vor mir zu sehen? Mein Name ist Curt von Boddin, von der Teterower Familie,“ sagte er mit etwas hartem Accent und einem schwachen Näseln im Ton. „Auch Doctor von Boddin, wenn Sie wollen; denn ich bin Jurist von Studium und Landwirth von Beruf. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch meiner Person erinnern? Ich war vor zehn Jahren einmal bei Ihrer Familie in Greifswald zum Besuch und mußte Ihnen täglich eine Tüte mit Bonbons liefern, welche Sie gewissenhaft aufaßen.“

„Ach ja!“ meinte Anne-Marie nach kurzem Nachdenken, „ich erinnere mich jetzt dunkel.“

„Nun, dann wären wir ja über die Personenfrage einig. Sind Sie ganz allein hier im Walde, wenn ich fragen darf?“ Die junge Dame sah ihn verwundert an.

„Allerdings,“ war ihre Antwort.

„Hm! Das sollten Sie aber nicht sein. Eine Dame darf nicht so sans façon und ohne Schutz Ausflüge in die Wälder machen - aus verschiedenen Gründen nicht.“

„Ich fürchte mich nicht, Herr – von Boddin.“

Sie wußte nicht, was sie eigentlich verhinderte, ihn Vetter zu nennen. Vielleicht, weil sein Auftreten so etwas halb Väterliches, halb Polizeimäßiges hatte.

„Ich werde mir erlauben, Sie zu begleiten,“ fuhr er fort. „Darf ich Sie bitten, mein Fuhrwerk mit mir zu benutzen? Oder nein –“ unterbrach er sich plötzlich; „entschuldigen Sie einen Augenblick!“ – und er wandte sich ohne weitere Umstände ab, ging zu dem Wagen zurück und sprach ein paar Worte zum Rosselenker, worauf dieser nickte. Die Peitsche knallte; der Schimmel zog an, und das Gefährt rollte vorwärts. Curt von Boddin war bereits wieder auf dem Wege zu dem jungen Mädchen, das ihn mit einem Gemisch von Interesse und Scheu, um nicht zu sagen heimlicher Furcht, erwartete.

[712] „Sie haben hoffentlich nichts dagegen, Cousine, daß ich den Wagen vorausschickte. Sie waren ja darauf gefaßt, zu Fuß nach Pelchow zurückzugehen. Wie weit rechnen Sie bis dahin?“

„Auf directem Wege gehen wir vielleicht dreiviertel Stunden,“ war ihre Antwort.

„So? Ich denke, wir wählen diesen directen Weg, also vermuthlich den dort.“

Er zeigte auf den Fahrweg, auf den sich der Rest des aufgewirbelten Staubes niederließ.

„Darf ich um Ihren Arm bitten? Aber ich sehe, daß Ihre unglücklichen Pilze noch immer da herumliegen. Ich habe nicht die Absicht gehabt, Sie um die Frucht Ihrer idyllischen Bemühungen behufs Vervollständigung der Pelchower Speisekammer zu bringen.“

Er trug Glacéhandschuhe von apfelgrüner Farbe zu seinem lichtgrauen Herbstanzuge; diese apfelgrünen Finger langten vorsichtig hinab, und nur die äußersten Spitzen faßten die verstreuten Pilze und legten sie zu einem Häufchen zusammen.

„So,“ sagte der Vetter, während er sich aufrichtete und den Klemmer wieder auf die Nase setzte, der ihm beim Bücken entfallen war. „Und nun haben Sie die Güte, mir Ihr Taschentuch zu überreichen, damit ich diese Kinder des Waldes einwindeln kann!“

Anne-Marie von Lebzow stand abgewandten Gesichtes und blickte steif zu dem Wege hinüber; als er etwas zur Seite trat und mit einiger Verwunderung ihr Profil in’s Auge faßte, bemerkte er, daß ihr braunes Auge feucht war, und daß es bitter um ihren Mund zuckte.

„Um’s Himmels willen, Cousine, was ist Ihnen?“ fragte er. „Tragen Sie in Ihren jungen Jahren schon Leid um die Unvollkommenheiten unserer irdischen Laufbahn, oder besitzen Sie sentimentale Anlagen?“

Die junge Dame hatte die Herrschaft über ihre Empfindlichkeit gewonnen, welche von dieser saloppen Art, mit der man hier bei der ersten Begegnung sie zu behandeln beliebte, tief gereizt war. So neu war ihr diese Art, daß sie aus dem Schwanken, ob sie ihr Taschentuch hingeben sollte oder nicht, erst herauskam, als er dasselbe bereits erfaßt hatte und auf dem Boden ausbreitete. Bald war es gefüllt; Curt von Boddin knüpfte die Zipfel zusammen und nahm das Bündel auf.

„So,“ sagte er, „und um Sie ganz zufrieden zu stellen, Cousine, werde ich eigenhändig das Ding hier bis Pelchow tragen, obwohl ich nicht die mindeste Anlage zu ländlichem Schäferdienste habe. Wenn ich also bitten darf: gehen wir!“

Er hielt ihr seinen Arm hin, mußte es indessen erleben, daß sie ihn ausschlug. Der Weg bis zur Landstraße hinüber sei zu schmal, meinte sie kurz und schritt voraus; nur flüchtig musterte der Nachfolgende die anmuthige Figur und das dicke strohblonde Haargeflecht, das unter dem italienischen Hut hervorquoll.

„Jetzt, Cousine,“ nahm er das Gespräch wieder auf, nachdem er mit kurzem Sprunge den Fahrweg erreicht hatte, „jetzt möchte ich Sie bitten, mir allerlei von Pelchower Zuständen zu erzählen. Ich werde zwar Zeit genug haben, sie in Person zu studiren – vielleicht ahnen oder wissen Sie gar, meine Beste, daß ich mit der Vollmacht betraut bin, in dieser verlotterten Wirthschaft Ordnung herzustellen.“

„Ah!“ machte Anne-Marie unwillkürlich. Wie hatte sie auch nur einen Augenblick in Zweifel sein können, was dieser Besuch zu bedeuten habe! Vorhin erst hatte sie zur Radmacherin von der künftigen Verwaltung durch einen Teterower Boddin gesprochen.

„Hoffentlich können Sie mir nützen, indem Sie mir auf dieses verrückte Original von Onkel einwirken helfen, damit er ruhig geschehen läßt, was nicht zu ändern ist und was er mit seiner Zerfahrenheit und Verschwendung selber verschuldet hat. – Aber haben Sie eigentlich keinen Sonnenschirm mit, Cousine? Wie kann eine Dame am lichten Tage dreiviertel Stunde Weges hin und zurück ohne Schirm gehen! Sie sollten auch Ihre Hände mehr schonen.“

Er hielt einen Augenblick inne, als erwartete er eine Antwort. Allein Anne-Marie schwieg.

[725] Die Rücksichtslosigkeit, mit welcher der Vetter Fräulein Anne-Marie schulmeisterte, war in der That empörend. Was war er denn, und wie alt war er denn, daß er sie wie ein unerzogenes Kind behandeln durfte? Sie wollte dergleichen Aeußerungen von seiner Seite zunächst einmal ignoriren.

„Zwar, ich begreife,“ fuhr er nachlässig fort. „Es muß in diesem Pelchow mehr als ländlich zugehen, und Sie kamen jung hierher.“

„Ich wünschte wohl, daß Sie den Onkel schonten,“ stieß Anne-Marie hart hervor. „Er ist freilich voll Grillen und Eigenheiten, aber er ist von Herzen gut und ein alter Mann, und ich dächte, es wäre eine Kränkung für ihn, daß man ihm die freie Verfügung über sein Eigenthum nimmt.“

„Was wollen Sie? Er ist ein bankrotter Verschwender, den man längst hätte unter Curatel stellen sollen. Die Zeit der Originale ist vorüber, und es gilt heutzutage nicht mehr als Entschuldigung, wenn Einer sein Geld und nebenbei dasjenige anderer Leute, statt auf eine gewöhnliche, auf eine verrückte Art durchbringt. Ein Mensch, der nicht mit klarem Kopf und zielbewußtem Willen ein Vermögen verwalten kann, muß eben wie ein Kind behandelt werden. Ein zartfühlendes Mädchenherz mag da sein Privaterbarmen haben, das öffentliche Leben der Gegenwart aber ist hartherzig wie das Recht und die Vernunft. Aber davon versteht ein Mädchen nichts, Cousine Lebzow, und ich liebe unnütze Kraftvergeudung nicht. – Was meinen Sie, könnten wir nicht etwas schneller gehen?“

„Nein,“ erwiderte sie fast heftig; „könnten Sie nicht vielleicht etwas langsamer gehen?“

Und sie wagte es sogar, ihm einen trotzigen Blick zuzuwerfen, senkte indeß die Wimpern und wandte sich ab, als sich die scharfen grauen Augen ihres Begleiters so ruhig und kühl auf die ihrigen hefteten, als handle es sich zwischen ihnen Beiden um die einfachsten sachlichen Erörterungen, bei welchen ein Affect gar nicht in Frage kommen könne.

„Ganz wie Sie befehlen! Sie hätten vielleicht besser gethan, vorhin meinen Arm zu nehmen. – Teufel, da kommen wir in eine schöne Atmosphäre!“

Zwanzig Schritt vor ihnen bog eine Schafheerde von einem Feldweg her in die Landstraße ein. Der vorangehende Schäfer strickte an einem Strumpfe; die Schafe blökten; zwei Hunde kreisten hin und her. Unendlicher Staub wirbelte auf, den die sinkende Sonne dnrchleuchtete und der sich bis zu dem Paare hinzog.

„Wir hätten am Ende doch den Wagen benutzen sollen, Cousine,“ brachte der neue Administrator von Pelchow heraus, mit einem Hustenanfall kämpfend. „Aber wer ist auf solche Eventualitäten gefaßt! Warten Sie – ich werde den Menschen veranlassen, auf diese Brache hinüber auszuweichen.“

„Bitte, wir können die Sache kürzer machen, Herr von Boddin,“ sagte die junge Dame rasch; „das Ausweichen ist für uns bequemer als für die Heerde.“

Und froh, sich für eine Minute von ihrem Begleiter losmachen zu können, sprang Anne-Marie von Lebzow leichtfüßig über die schmale Grabenrinne und lief drüben auf der glatten Kleebrache hin. Die blauen Hutbänder und der Saum des hellen Kattunkleides flogen hinter ihr. Jetzt merkte er nicht, wie sie zornig aussah und die Lippen auf einander preßte. Am liebsten wäre sie so fort gelaufen bis nach Pelchow hinein. Was hatte sie für eine Verpflichtung, sich die Gesellschaft dieses Mannes gefallen zu lassen, der von der Natur dazu geschaften erschien, sie beständig zu verletzen und zu beleidigen? Anne-Marie dachte an den Onkel, an die Kämpfe, welche dieser abscheuliche Vetter nach dem ruhigen Pelchow tragen würde, und zugleich stand der Entschluß in ihr fest, ihm Opposition zu machen, wo und wie es ihr Herz ihr gebieten würde. Er war klug – so schien es – aber gefühllos und von einer Rücksichtslosigkeit und Selbstgenügsamkeit, daß sie ihm kaltblütig irgend ein Leid hätte zufügen können. Sie dachte das alles und hätte wohl noch mehr dergleichen gedacht, aber sie hatte in ihrem Eifer nicht beachtet, daß die Kleebrache zu Ende ging und daß an dieselbe frisch gepflügter Sturzacker stieß. Und plötzlich schrie sie halblaut auf: ein Fuß versagte ihr den Dienst, und sie sank in die Kniee und stützte sich mit beiden Händen auf die fettglänzenden Ackerschollen.

„Die reine Natur,“ hatte Curt von Boddin gesagt, während er durch den Klemmer den Bewegungen der Davoneilenden gefolgt war. „Sonst nicht übel, aber die Erziehung dieses Familiengliedes ist total vernachlässigt. Das Mädchen läuft wie eine Bauernmagd; ich glaube, sie wäre im Stande, vor meinen Augen auf Bäume zu klettern.“ Dann war er, einen ironischen Blick auf das Bündel voll Pilze werfend, das er zwischen den Fingerspitzen hielt, ihr mit langen Schritten auf die Brache hinüber nachgegangen. Und „da haben wir’s,“ rief er plötzlich, schlug aber sofort ein anderes Tempo an, als er bemerkte, daß sie keine Anstalten machte, sich zu erheben.

„Was ist Ihnen? Haben Sie sich den Fuß verletzt?“ fragte [726] er, und bei aller Hast und Härte der Aussprache hatten seine Worte doch eine wärmere Klangfarbe.

Anne-Marie biß sich in die Lippen vor. Schmerz.

„Bemühen Sie sich nicht meinethalben und gehen Sie nur ruhig voraus, Herr von Boddin! Ich werde bald in der Lage sein, Ihnen zu folgen.“

Sie fühlte, daß sie nur mit Anstrengung aller Willenskraft sich würde nach Hause schleppen können, allein um keinen Preis der Welt hätte sie seine Hülfe angerufen. Es war eigentlich ein Wunder, daß er über ihr kindisches Laufen noch keine Glossen gemacht hatte.

„Ich wollte nur wissen, ob Sie sich den Fuß verstaucht haben,“ fragte er kälter. „Haben Sie die Güte, mir zu antworten, Cousine!“

Sie kämpfte einen Augenblick unschlüssig und nickte dann.

„So würden Sie ohne Hülfe einfach hier liegen bleiben, meine Verehrte,“ sagte er. „Himmel, dort kommen diese verwünschten Schafe schon wieder an. Sie, Mann halten Sie Ihre Schafe etwas zurück!“

Und ohne weitere Frage bückte er sich zu Anne-Marie nieder, nahm dieselbe, ehe die Ueberraschte dazu kam, sich zu wehren, wie ein Kind vom Boden auf und trug sie kraftvoll in leichtem Trabe auf die Landstraße hinüber, die er glücklich noch vor Ankunft der Heerde betrat. Das Bündel hatte er dabei nicht aus der Hand gegeben.

„Lassen Sie mich nieder, Herr von Boddin!“ rief das junge Mädchen, dessen Antlitz ein glühendes Roth bedeckte, während sie doch nicht umhin konnte, den Arm um seinen Nacken zu legen. „Das ist ungezogen von Ihnen.“

Er sah mit sicherem Lächeln, das bei ihm immer eine leichte spöttische Beimischung zu haben schien, auf die braunen Mädchenaugen nieder, welche ihn in Scham und Verwirrung anblickten

„So?“ meinte er kühl. „Lassen Sie sich diese Ungezogenheit immerhin gefallen! Sie hatte einen guten Zweck. Und nun versuchen Sie einmal zu stehen, Cousine, indeß ich ein paar Worte mit dem Manne da rede!“

Er ließ sie vorsichtig aus den Boden gleiten, bis er fühlte, daß sie zu stehen vermochte. Dann wandte er sich ab, ging zu dem Schäfer, welcher der Scene mit breitem Lächeln zugesehen hatte, und veranlaßte einstweiliges Hinübertreiben der Thiere in die Brache.

Während dessen hatte Curt von Boddin Anne-Marie den Arm gereicht, den diese wohl oder übel annehmen mußte, und begleitete nun ihre Gehversuche mit ermutigendem Zuspruch. Wie unbeweglich dieser Arm war! Kaum eine Linie breit gab er dem Drucke nach. So gingen die Beiden eine Weile neben einander. Anne-Marie. sprach gar nicht, sondern stieß nur von Zeit zu Zeit leise Schmerzenslaute aus; ihr Begleiter fragte blos hier und da, ob er stehen bleiben solle? Ob sie es bis nach Pelchow hinein aushalten würde? Wenn sie durchaus vorzöge, sich auf den Grabenrain zu setzen und zu warten, wolle er auch voraus gehen und den Wagen für sie besorgen.

Mit dem Gutswagen sei der Onkeln in Branitz zur Jagd; die anderen Gespanne wäre aus dem Felde beschäftigt, meinte Anne-Marie.

Wie zur Antwort erschien Curt’s Demminer Wagen im Gesichtskreise und lockte ein: „Gott sei Dank!“ auf die Lippen der Leidenden. Sie blieben jetzt stehen und ließen das Gefährt herankommen; zehn Minuten später rollte dasselbe zwischen den verwüsteten Thorpfeilern hindurch aus den Gutshof und hielt auf einen Wink Anne-Marie’s neben dem Herrschaftshause.

Eine ältliche Frauensperson bog mit überraschtem Gesicht um die Hausecke, während Curt hinabsprang und Anne-Marie die Hand reichte, um sie schließlich doch noch einmal auf den Arm zu nehmen und herauszuheben.

„Sie dort, kommen Sie einmal her und helfen. Sie meiner Cousine auf ihr Zimmer!“ rief er, die Neugierige gewahrend. „Sie hat sich den Fuß verstaucht. Oder noch besser: holen Sie gleich frisches Wasser und einen Streifen Leinwand. Wohin soll ich Sie geleiten, Cousine Lebzow?“

Anne-Marie deutete die Front des einstöckigen Hauses hinunter, das seine Giebelseite dem Hofe zukehrte. Zwischen dieser Front und der Nesselwüste führte ein rohes Steinpflaster an ein paar auffallend niedrigen, kaum anderthalb Fuß vom Boden entfernten Fenstern vorüber zu einer Thür, welche die junge Dame öffnete.

„So,“ sagte sie, ihren Arm frei machend und sich leicht verneigend, „und nun danke ich Ihnen für Ihren Beistand, Herr von Boddin. Das Weitere werde ich mit Hülfe von Dürten besorgen.“

„Treten Sie nur einstweilen ein! Ich will Ihnen lieber den ersten Verband anlegen, damit Sie’s ordentlich machen lernen. Je bester es geschieht, desto früher wird der Fuß gut.“

Er nickte, ohne eine Antwort abzuwarten und war kaum eingetreten als jene Person, welche die Leidende Dürten genannt, eilfertig das Verlangte durch eine Thür gegenüber hereintrug; in seiner raschen Weise nahm er den Strohhut ab, legte das Bündel mit den Pilzen ans einen Stuhl und nahm der Wirtschafterin, welche fragend von ihm zu dem jungen Mädchen und von diesem zu ihm hin blickte, das Waschbecken und die Leinwand ab.

„Nun setzen Sie sich gefälligst, Cousine!“

Anne-Marie stand finster, auf einen Stuhl gestützt, während Curt von Boddin die Gegenstände aus den Boden stellte und die apfelgrünen Handschuhe abzustreifen begann. Ihre Geduld war zu Ende; eine wahre Erbitterung überkam sie, und sie mußte der erstickenden Empfindung Luft machen.

„Ich sagte Ihnen bereits, Herr von Boddin, daß ich Niemand als Dürten um mich brauche, um die Umschläge herzustellen,“ stieß sie leidenschaftlich heraus. „Sie haben mich wegen einiger Dinge getadelt, welche Sie an mir unschicklich fanden; ich erkläre Ihnen, daß ich Ihre Art, mich zu behandeln, für mehr als unschicklich halte, und rate Ihnen, erst zu lernen, daß ein Mann von Erziehung eine Dame nicht auf offener Landstraße im Arme trägt, noch weniger aber gegen ihren Wunsch sich in ihr Zimmer drängt und sie zwingt, sich Dienstleistungen von ihm gefallen zu lassen, wie Sie mir deren durchaus erzeugen wollen. Ich bin kein Kind, Herr von Boddin, und werde außer meinem Onkel Niemandem gestatten, mich als ein solches zu behandeln.“

Sie hatte mit steigender Aufregung gesprochen und stand, die Augen voll Blitze und die Wangen von Gluth, hoch aufgerichtet vor ihm, und diesmal schlug sie die Blicke nicht nieder, als er, sichtlich verwundert, mit dem Abstreifen der Handschuhe innehielt und sie scharf prüfend ansah.

„Hm!“ sagte er langsamer, als es sonst seine Art war, „ich meinte es gut; wen Sie indessen die Sache so auffassen wollen, kann ich Ihnen das Recht dazu nicht bestreiten. Gestatten Sie mir nur, bevor ich Sie verlasse, ein Wort der Aufklärung und ein paar kurze Frage an diese Person dort.“

„Ich bin keine Person,“ warf Dürten Schoritz schnippisch hin.

„Meinethalben mögen Sie sein, was Sie wollen! Was mich betrifft, so bin ich Curt von Boddin und werde von jetzt ab hier wohnen und das Gut Pelchow verwalten, nebenbei also Ihr Herr sein; verstehen Sie wohl? - Ist Ihnen eine Anweisung gekommen, mir ein Quartier bereit zu halten?“

Dürten Schoritz blickte Hülfe suchend auf Anne-Marie, welche noch immer da stand, die Augen finster auf den Mann vor ihr gerichtet.

„Davon weiß ich nichts,“ antwortete sie endlich kleinlaut.

„Gestern muß ein Brief eingetroffen sein, der meine Ankunft melden sollte.“

„Onkel ist seit vorgestern abwesend, und die inzwischen eingetroffenen Briefe liegen noch uneröffnet da,“ nahm Anne-Marie statt der Wirthschafterin das Wort. „Schicke in’s Dorf hinunter zum Radmacher und schlagt für den Herrn Administrator ein Bett im Eßzimmer für diese Nacht auf! Dürten Schoritz ist die Wirtschafterin,“ wandte sie sich mit erzwungener Kälte zu dem Vetter herum, „wollen Sie ihr nur in Bezug auf Ihre Verpflegung Mittheilung von Ihren Wünschen mache.“

Curt von Boddin ließ den Klemmer von der Nase fallen und griff zu seinem Hute.

„Ich werde in einiger Zeit dieses Haus von drüben her betreten, und Sie werden mir Auskunft über Verschiedenes ertheilen und etwas zu essen schaffen – Leben Sie wohl, Cousine! Ich darf wohl annehmen, daß Sie meiner Theilnahme für Ihr Ergehen zu entbehren wünschen.“

Er nickte steif mit dem Kopfe und ging in die beginnende Dämmerung hinaus.

Es war ein zierlich eingerichtetes Zimmerchen, das er verließ: [727] ein Himmelbett mit purpurblumigen Kattunvorhängen, in demselben Stoffe bezogene Phantasiemöbel mit reicher Vergoldung, ein schöner venetianischer Spiegel über einer Waschtoilette, Schrank und Kommode in Rococo, ein Porcellanofen mit Kaminuntersatz – fremdartig muthete diese Umgebung in dem vernachlässigten Herrenhause von Pelchow an. Neben dem purpurblumigen Himmelbette saß Anne-Marie von Lebzow auf dem Stuhle, und während die Wirthschafterin kopfschüttelnd ihr Schuh und Strumpf von dem verletzten Füßchen zu ziehen begann, rollten zwei schwere Thränen die vollen, jetzt ein wenig blassen Wangen hinab, welche noch immer der breite italienische Strohhut überschattet.




2.

Um dieselbe Zeit oder wenig später fuhr in der ersten Dämmerung der Gutswagen von Pelchow vor das Portal des Branitzer Schlößchens. Dieser Gutswagen war nichts als eine Art Britschka, welche ein Viehhändler ebensogut hätte zum Kälbertransport verwenden können: ein Behältniß im Leiterwagenstil, ohne Federn, mit rohrgeflochtener Verkleidung; ein Kutschersitz war vorn eingehenkt. Für die Mitfahrenden kamen wohl je nach Bedarf noch zwei oder drei dergleichen Sitzböcke hinzu; ein Exemplar wenigstens lag hart an der Rückwand des Wagens auf dem Wagenboden. Den Boden nahm im Uebrigen eine Matratze ein. Wenn der Baron von Boddin auf Pelchow ein Verschwender war, so entsprang diese Eigenschaft sicher nicht einem persönlichen Luxusbedürfniß.

Jochen Pagel, der Rosselenker, hielt die beiden Rappen fest im Zügel und klatschte wiederholt mit der Peitsche als Zeichen, daß er zur Abfahrt gerüstet sei, blickt wohl auch phlegmatisch zu den hellerleuchten Fenstern des hübschen Villenbaues empor, hinter denen man lebhaftes Durcheinandersprechen und Gelächter vernahm. Ein paar Leute vom Gesinde gingen vorüber und redeten Jochen an, erhielten aber höchst einsilbige Antworten. Plötzlich sprang die Hausthür aus; es wurden mehrere Herren sichtbar, von denen zwei große Armleuchter trugen – lauter lachende Gesichter mit dem deutlichen Gepräge animirter Feststimmung.

„Boddin,“ schrie der Eine auf einen alten Herrn ein, welcher in Stulpstiefeln, Jagdjoppe und einer Jockeymütze mit endlos langem Schirme sich gegen einen Thürpfosten lehnte und die Hände über dem Spitzbäuchlein gefaltet hielt, „das Ding muß ich doch ’mal probiren. Glaube gar, ich behielt keine Rippe im Leibe ganz.“

„Da ist guter Häcksel drin; da liegst Du wie in Abraham's Schooß, Pannewitz,“ sagte der Baron schwerfällig auf Plattdeutsch, während sein verknittertes rothes Gesicht nur wenig von dem bärbeißigen Ausdruck verlor, der in jedem Zuge desselben ausgeprägt war. „Daß Du mir aber kein Loch hineinliegst – sonst komme ich zu tief auf den Boden.“

Heer von Pannewitz, der Wirth, war bereits die Treppe hinab zum Wagen geeilt.

„Jochen, ich werde aufsteigen; fahr’ mich ’mal ein Bischen im Hose herum und schlag’ ’nen kleinen Trab an!“

Jochen nickte stumm; Heer von Pannewitz war rasch droben und legte sich ans die Matratze, worauf Jochen abfuhr. „Um den Kuhring herum!“ rief der Insasse dem Alten noch zu; Jochen fuhr steif und gravitätisch um den Kuhring, und kein Mensch sah es, wie Herr von Pannewitz in die Tasche griff und etwas herauszog. Es gab einen schnappenden Ton; dann fuhr die Hand mit dem Gegenstande am einen Rande der Matratze hinunter, worauf Heer von Pannewitz sich beeilte, den Gegenstand wieder in seine Tasche zu befördern. Ein Halloh empfing den heranrasselnden Wagen.

„Nun, was sagst Du, Fritz?“ rief die harte, etwas heisere Stimme des Barons herunter. „Auf’s erste Mal wird Dich das ein Bischen arg durchschuckeln .

„Gotts Donner!“ unterbrach ihn Pannewitz lachend, indem er sich erhob und herabzuklettern begann, „wenn ich so gut wie todt bin, Boddin, soll man mich noch mal auf den Wagen legen und herumfahren; wenn ich da nicht lebendig werde, kann mir kein Professor von Greifswald helfen.“

„Ja, das mag wohl sein, Fritz; na nu laß mich mal ’ran! Ich bin das besser gewohnt. Adschüs allzusammen, adschüs, Hartleben, adschüs, Rexow, adschüs, Fritz! Und grüß Deine Frau noch mal von mir!“

„Und komm bald mal wieder herüber, Boddin, daß ich Dir die zweihundert Thaler wieder abnehmen kann!“ rief Pannewitz, der jetzt an Stelle des Barons oben stand und seinem Nachbar mit verschmitztem Lächeln etwas zugeflüstert hatte. „Wenn Dein Neffe erst in Pelchow sein wird, hast Du ja Zeit die schwere Menge.“

„Fritz.“ scholl es feierlich vom Wagen her, „das ist nicht edelmännisch von Dir, daß Du mir so gleich nach dem Essen die Galle in den Magen treibst; das mußt Du nicht wieder thun – das kann kein Mensch vertragen. Und nun fahr zu, Jochen, daß wir nach Hause kommen!“

Im Wagengerassel erstickten die Abschiedsrufe von der Treppe her. Der alte Baron legte sich mit dem Rücken auf die Matratze, faltete wieder die Hände über den Leib, und so ging’s vom Steinpflaster des Hofes durch das Thor bei sinkender Nacht auf die Landstraße hinaus.

Eine Weile lag der Baron ruhig. Jochen fuhr links die Straße hin, zwischen Park und Wald; dann bog das Gefährt in einen arg zerfahrenen Waldweg ein. Von der Matratze her kamen brummende, knurrende Töne, welche ohne Zweifel großes Behagen ausdrückten. Deutlicher noch bezeugte dies ab und zu ein ausdrückliches „Ah, Jochen, das thut gut, das thut gut“, und zwar geschah dies just in Augenblicken, wo der Wagen auf und nieder stob und in allen Fugen rasselte und knackte. Es handelte sich hier um eine Verdauungsmotion der seltsamsten Art, welche der alte Herr nach reichlich genossener Mahlzeit ausführte oder vielmehr an sich ausführen ließ und welche er sicherlich auf das Angenehmste empfand. Nach einer Weile rief er indeß:

„Du kannst mal was langsamer fahren, mein Sohn!“

Jochen, nebenbei gesagt ein Fünfziger und kaum zehn Jahre jünger als sein Herr, zügelte auf diese Anrede hin die Thiere, was nach der zweitägigen reichlichen Fütterung nicht eben leicht war.

„Jochen,“ hub der Baron nachdenklich ein Gespräch an, „nun kommt in diesen Tagen der Kerl, der Teterower.“

Jochen schwieg.

„Ich kenne den Kerl gar nicht; ich glaube, ich habe ihn mal gesehen, als er noch Knöpfhosen trug, und habe ihm mal die Nase geputzt. Und dieser verdammtige Junge will nun auf Pelchow den Herrn machen, was doch mein Gut ist.“

„Ja, das ist wohl so,“ meinte Jochen Pagel, den der plötzliche Fall des einen Vorderrades in eine Vertiefung aus seinem Phlegma aufgerüttelt hatte. „Das ist ein Teufelsweg hier, wenn man nicht mehr ordentlich sehen kann,“ schloß er brummend.

„Was sagst Du, mein Sohn?“ fuhr der Baron zornig heraus. „Das ist wohl so? – nein, das ist nicht so; denn das ist mein Gut, und das ist eine offenbare Ungerechtigkeit, wenn ich nicht mehr Herr auf meinem Gute sein soll, weil so ein paar ausverschämte Demminer Juden, auf die ich huste, mich beim Gericht verklagt haben und ihr Geld haben wollen. Ich weiß wohl, das ist der Wolfsohn gewesen, der die anderen angestiftet hat. Das will ich ihm aber gedenken. Ich habe dem Hunde im vorigen Jahre meinen ganzen Raps verkauft; nun will ich den Teufel thun und ihm wieder Raps verkaufen.“

„Dann kauft er ihn von dem Teterower,“ erwiderte Jochen gelassen.

„Halt’ Deinen Mund, mein Sohn! Du bist ein großer Esel,“ sagte der Baron emphatisch. „Und was den Teterower Schnüffel betrifft, den werfe ich heraus, wenn er einen Fuß in mein Gut setzt“

„Wenn ihm das Gericht nur nicht hilft“

„Das verstehst Du nicht; die können mir nichts thun, wenn Ihr auf meiner Seite steht und mir helft, und das müßt Ihr wohl, indem daß ich Euer Herr bin. Sie können doch nicht jahraus, jahrein eine Compagnie Soldaten nach Pelchow legen? – Aber was Donner ist das? Was ist das? Ich glaube, das wird hier immer dünner unter mir. Das ist mir doch schon ’ne Weile so gewesen, als ob ich auf die offenbaren Bretter zu liegen käme. Halt mal an, Jochen! Das Ding müssen wir untersuchen; da ist doch nicht wo ein Loch drin, daß mir der Häcksel unter'm Leibe wegläuft? Hast Du Deine Laterne mit, mein Sohn?“

„Die habe ich wohl hier. Aber wie soll das möglich sein?“.

„Steck mal an! Wir wollen gleich sehen.“

Jochen holt die Laterne hervor, entzündete nach ein paar vergeblichen Versuchen, die der Luftzug verschuldet, die Kerze und stieg schwerfällig vom Bocke herab. Der Baron hatte sich halb [728] aufgerichtet und wartete gespannt, bis’ jener die Zügel an den Wagen geschlungen hatte:

„Ich will erst auf den Boden leuchten,“ sagte Jochen.

„Siehst Du was?“

„Da liegt wahrhaftig Häcksel, Herr; auf dieser Seite muß es ’rauslaufen. Da ist ja wohl ein ganzes Stück aufgeschnitten? Na, nun seh mal Einer an!“

„Das ist ein Schabernack, sag’ ich Dir, Jochen; eine ganz unverschämte Bosheit von dem Pannewitz,“ brauste der alte Baron wüthend auf. „Daß er so’n falscher, schieliger Hund wäre und mich so zum Spott von dem ganzen Volke machen könnte, habe ich mir nicht träumen lassen. Nun sieh mal, mein Sohn, die ganze Seite von dem Sack hat der Kerl aufgeschnitten, wie Du ihn um den Kuhring gefahren hast; das war sein Zweck und Ziel bei der ganzen Fahrt. Kehr’ mal um, mein Sohn! Ich will dem Pannewitz nun doch was sagen, daß er seine Ohren für zwei Pauken ansehen soll.“

„Wie ist das möglich? Nein, wie ist das möglich?“ rief Jochen kopfschüttelnd. „Aber wäre das nicht besser, Herr, wenn wir lieber nach Pelchow weiter führen? Der Sack wird immer dünner und das Stück, was Sie nachher auf den bloßen Brettern fahren müssen, immer länger “

„Schweig, Jochen! Soll ich den Schimpf auf mir sitzen lassen? Wo werd’ ich denn hier auf den Brettern mir mein Fleisch und Blut blau liegen, wenn ich den Bock da auf dem Wagen habe? Komm mal ’rauf, mein Sohn, und häng den Bock ein, und dann fahr wieder auf Branitz zu! Dieser Kerl, dieser Pannewitz!“

Und Jochen, welcher sehr wohl an den Bock gedacht hatte, aber gern der Umkehr ausgewichen wäre, stieg brummend auf und hob, den schnaubenden, unruhigen Pferden zum Stillstehen pfeifend, den zweiten Sitz ein, worauf er zu seinem Platze hinüberstieg, die Laterne aufhing und umlenkte. Während der Baron, die Folgen reichlich genossenen Weines spürend, rechts und links das vorstehende Ende einer Wagenrippe ergriff und sich krampfhaft in der neuen Lage festhielt, fuhr der Wagen auf dem immer dunkler werdenden Waldwege zurück, bis Jochen vor dem Hofthore von Branitz hielt.

Die Thorflügel waren geschlossen.

„Sie müssen aufmachen, Jochen,“ rief der Baron, dessen Zorn durch den Anblick des Schlosses wieder voll entflammt wurde.

„Ja, Herr, die sind alle zu Bette,“ sagte Jochen phlegmatisch dagegen, „das ist alles dunkel auf dem Schlosse.“

„Das ist so ’ne infame Finte; die haben die Lichter ausgelöscht oder sind auf die andere Seite gegangen; steig ab, mein Sohn, und tritt mal mit dem Fuß gegen das Thor, bis sie aufmachen!“

Jochen stieg wirklich hinunter und trat ein paar Mal gegen das Thor. Der dumpfe, dröhnende Laut hallte in der Nachtluft weit über den Hof hin und weckte ein wildes Hundegebell. Sonst rührte sich nichts – die Fenster des Schlößchens blieben dunkel wie zuvor.

„Siehst Du, Jochen, wenn ich den Iwert gestern Abend nicht nach Pelchow geschickt hätte; ich ließe ihn über die Mauer steigen; aber unsere alten Knochen sind dafür nicht mehr. Jetzt halt mal die Biester! Ich wette fünfzig Thaler, daß sie da alle hinter den Fenstern stehen und lauern.“ – Und: „Pannewitz!“ schrie er dann mit heiserer Stimme, nachdem er sich im Wagen aufgestellt hatte, und nun folgte eine Fluth nicht wiederzugebender Wünsche und Schimpfworte, welche wie Spülwasser aus einer Küchenrinne quollen und ebenso sauber waren.

„So,“ sagte der alte Herr dann befriedigt. „Nun fahr’ zu, mein Sohn! Fahr’ auch den ebenen Weg auf der Landstraße! Das Vergnügen ist nun doch verdorben.“

Der Baron mochte wohl mit seiner Vermuthung bezüglich der Zuhörer Recht gehabt haben; denn kaum war der Wagen aus dem Gesichtskreise des Schlosses entschwunden, als sich die Fenster plötzlich wieder erhellten und eine Anzahl dunkler Gestalten zeigten, zwischen denen Gelächter und lustige Rede hin und wieder ging.

Die Beiden im Wagen schwiegen lange Zeit. Der Baron fing an schläfrig zu werden, doch hielt ihn die Kühle der Nachtluft munter. Vom Felde her kam der Ruf des Wachtelkönigs und aus der Luft der geheimnißvolle Ton ziehender Kraniche. Der Himmel hatte sich allmählich erhellt, und nach einiger Zeit schwebte langsam der Mond herauf.

Eine halbe Stunde mochte die Fahrt gedauert haben und man war bereits auf Pelchower Revier, als seitlich an einer Waldecke ein Mann auf die mondhelle Landstraße heraustrat und respektvoll grüßend stehen blieb.

„Das ist ja Iwert, Herr!“ wandte sich Jochen herum.

Iwert war der Jäger und Forstwart des Barons.

„Sieh da, mein Sohn – guten Abend auch! Was thust Du denn hier draußen?“

„Ich lauere auf einen Rehbock, der hier in das Kraut ’rüber geht.“

„Schön, mein Sohn. Wie geht es in Pelchow? Ist da was Neues passirt?“

„Ja; ich war vorhin auf dem Hofe und habe gehört, daß sich das gnädige Fräulein den Fuß verstaucht hat und daß der neue Administrator gekommen ist.“

„Was?“ fuhr der Baron wie von der Tarantel gestochen auf. „Der Mensch ist da? Und meine Anne-Marieken hat sich was Weh gethan? Das bleibt doch wahr, daß Unglück nicht allein kommt. Ist das schlimm mit Anne-Marieken?“

„Das glaube ich nicht. Der Herr Administrator hat sie in dem Wagen vom Felde gebracht, mit dem er von Demmin gekommen ist: es war dem lahmen Lorenz seiner.“

„In dem Wagen? Was hat der Kerl meine Anne-Marieken zu fahren? Wie sah er denn aus, Iwert?“

„Dürten sagt, er hätte grüne Handschuhe an den Händen und Augengläser auf der Nase gehabt, und er wäre ein höllisch strammer Herr.“

„So’n Kerl! Was hat er grüne Handschuhe anzuziehen, daß er an den Händen wie ’ne Pogge anssieht? Das sag’ ich Dir, mein Sohn, Du läßt Dich auf nichts ein, was er von Dir will. Ich habe Dich in meinen Dienst genommen und bin Dein offenbarer Herr, und was die Strammheit von dem Teterower anbetrifft, da wollen wir schon damit fertig werden. Fahr’ hin, Jochen! Nein, das arme Anne-Marieken! Gute Nacht auch, mein Sohn!“

[741] Indeß der Wagen im Mondschein weiter rollte, brummte der Baron kopfschüttelnd vor sich hin. Nach einer Weile sagte er:

„Jochen, hör’ mal zu! Daß mir der Pannewitz den Schabernack angethan hat, das ärgert mich gar nicht mehr; denn erstens habe ich ihm meine Meinung sehr ausdrücklich gesagt; zweitens habe ich ihm heute zweihundert Thaler im Jeu abgenommen, was ihm verdrießlich sein mag, und drittens habe ich ihm auch mal einen Streich gespielt, indem ich ihm von Demmin eine Farbe mitgebracht habe, weil er seinen grauen Bart schwarz färben wollte; es war aber eine, die blos schwarz aussah und die Haare so roth machte wie Fuchshaare. Das hat er mir heute richtig bezahlt. Aber daß sich so’n Kerl aus meiner leiblichen Verwandtschaft mir vor die Nase hinsetzen und sich als Herr in Pelchow abspielen will, was mein offenbares Eigenthum ist, das ist mir doch schlimmer als Gift und Opperment. Daraus sehe ich, daß die Teterower nicht abwarten können, bis mich der liebe Herrgott von dieser Erde abruft, wo sie denn doch Pelchow geerbt hätten. Aber ich will ihm schon klar machen wer Herr in Pelchow ist. Ich habe noch immer fertig gebracht, was ich gewollt habe. Als ich getauft worden bin, was unsern Herrn Pastor sein Vater gethan hat, da haben sie mich Wilhelm geheißen, und das ist denn auch mein Name bis zu meinem zwanzigsten Jahre gewesen. Nun hat er mir aber auf einmal nicht mehr gefallen, und ich dachte, ich wollte mich Franz nennen. Das gab nun einen großen Aufstand, aber ich habe das doch fertig gebracht, und der Herr Pastor hat den neuen Namen auch noch in das Kirchenbuch einschreiben müssen. Und mit der Teterower Padde werde ich auch noch fertig. Was meinst Du, Jochen?“

„Ja, aber das Gericht, Herr; das ist doch was anderes.“

„Schweig, Jochen! Du bist ein großer Esel, mein Sohn – das habe ich Dir schon vorhin gesagt.“

Und der Baron legte sich zornig zurück und griff wieder zu den beiden Wagenrippen.

Fünf Minuten später hielt der Wagen vor dem Thor; Jochen öffnete, führte die Pferde bis an das Gutshaus und half seinem Herrn absteigen. Etwas schwankend schlug dieser den Weg an den Nesseln hin ein, welchen zuvor Curt von Boddin mit Anne-Marie gegangen, blieb aber am ersten Fenster stehen, löste einen Riegel und schob die untere Fensterhälfte empor; alsdann stieg er durch die Oeffnung ein und ließ das Fenster wieder herunter.

Der Mondschein fiel in das Zimmer, welches gleich dem von Anne-Marie bewohnten sich als „Raum für Alles“ darstellte. Der Kachelofen und ein riesiger alter Schrank nahmen die Wand gegenüber ein; links stand ein Schreibsecretär mit einfachem Bett, zwischen diesem und dem Ofen der Waschtisch, auf dem eine Zinnschüssel blinkte, rechts neben einer Thür ein altmodisches Kanapee, zu ihm gehörig ein gewöhnlicher Holztisch und drei oder vier der bekannten Bauernstühle mit ausgeschnittenem Herzen in der Lehne. Vor dem Schranke prangte eine beträchtliche Anzahl Stiefeln in Reihe und Glied.

„Da haben sie mir wieder mal aufgeräumt,“ brummte der alte Herr und scharrte mit dem Fuße auf der Diele, wobei es von dem dort gestreuten Sande knirschte. Er ging darauf, so leise er bei der nicht völlig gesicherten Herrschaft über seine Glieder vermochte, auf die einzige sichtbare Thür zu und horchte.

Es raschelte nebenan; ein vergnügtes Lächeln leuchtete wahrhaft verklärend in dem rothen alten Gesicht auf.

„Onkel – bist Du wieder da?“ erscholl die Stimme Anne- Mariens.

„Ja wohl, Döchting; hast Du Dich denn schon zu Bett gelegt?“ fragte er dagegen.

„Nein, Onkel! Ich lege mir kalte Wasserumschläge um den Fuß.“

„Na, dann kann ich Dir ja wohl noch gute Nacht sagen, mein liebes Anne-Marieken? Ich habe schon gehört, daß Du Dir den Fuß verstauchst hast. Das mußt Du ja nicht machen – das ist ja ungesund.“

Eine rührende väterliche Zärtlichkeit klang aus den Worten des Barons. Er hatte während des Sprechers die Thür geöffnet und sah nun Anne-Marie von Lebzow auf ihren Schaukelstuhl mit dem umwickelten Füßchen am Kamin sitzen. Neben ihr auf dem Tisch brannte eine Bronzelampe mit Milchglaskugel, deren Lichtschein voll auf ihr noch immer blasses Gesicht fiel; seitwärts auf dem Teppich, leicht zu erreichen, stand das Waschbecken. Er hielt ihr die Hand hin, welche sie an ihre Lippen zog, und lächelte ihr zu, wie etwa ein alter Bullenbeißer lächeln würde.

„Mein liebes Döchting, wie geht’s Dir denn nun? Erzähl’ mir doch mal, wie das gekommen ist!“

Die Frage war ihr sichtlich peinlich. Sie blickte vor sich nieder und entgegnete:

„Du weißt ja, wie das beim Laufen manchmal kommst. Es wird schon morgen wieder gut sein. Habt Ihr denn viel geschossen in Branitz?“

[742] „Na, es ging. Was die Hühner waren, die haben gut gehalten. Der Pannewitz hat ausverschämtes Glück gehabt, zwei Doubletten. Nun denk’ Dir aber, den Pannewitz! Wie ich vorhin von Branitz wegfahren will, legt er sich auf meine Matratze und läßt sich von Jochen Pagel um den Kuhring fahren, und dabei hat er mir den ganzen Matratzensack aufgeschnitten, daß mir unterwegs der Häcksel unter’m Leibe weggelaufen ist. So’n verdammter Kerl ist das. Na, ich nehm’ ihm das nicht übel; ich habe in meinem Leben wohl tollere Sachen gemacht. – Was mir da einfällt: wie ich in Rostock bei der Bützow’n gewesen bin, was Deiner Mutter ihre leibliche Schwester war, da nahm die mal eine Schneiderin zu sich. Das gab einen Spaß. Die Rostocker Schneider brauchten das nämlich nicht zu leiden und ließen sagen, wenn die Schneiderin – es war ein sehr propres und ordentliches Mädchen – nächsten Tags wieder ins Haus käme, dann schickten sie eine Deputation und ließen ihr das Nähzeug wegnehmen. – ‚Laßt sie nur kommen!’ sag’ ich. – Der Bützow’n ihr Hans, der jetzt Adjutant in Schwerin ist, hatte einen alten schwarzen Bock, und wie die Schneiderin den andern Tag wieder da ist, hole ich das Biest herauf und gehe damit zu ihr in die Stube und laure. Nun siehst Du: kommen denn auch die alten Bügeleisen anmarschirt; es war ein sehr feierlicher Aufzug auf der Straße, indem daß sie ihre ‚Gerechtsame wahren‘ wollten, wie sie’s nennen. Ich halte den alten Racker bei der Thür parat, und wie sie klopfen, rufe ich ‚Herein!‘, und kaum daß die Thür aufgeht, gebe ich ihm von hinten einen Stoß, und er geht mit den Hörnern vorweg zwischen die Deputation. Na, nun kannst Du Dir denken, was das gab: die alten Knaster machten Kehrt – und mein Bock hinterher, bis aus die Straße; wir haben ihn kaum wieder einfangen können – so war er aus Rand und Band. Er lief die halbe Blutstraße entlang, bis nach dem Hopfenmarkte.“

Anne-Marie lachte hell auf, und der Baron, der sich neben sie an den Kamin gelehnt hatte, war glückselig darüber.

„Siehst Du. – siehst Du, nun lachst Du wieder, mein liebes Anne-Marieken. Nun wird Dein Fuß schon wieder gut werden – aber,“ fuhr er, plötzlich ernster werdend, fort, „ich werde nun wohl vielen Aerger haben; denn ich hab’ auch gehört, daß der Teterower hier ist, der nun hier commandiren will. Er hat Dich ja wohl im Wagen hergefahren? Laß Dich nicht mit dem ein, mein liebes Kind! Das sind falsche Canaillen, die Teterower; die können’s nicht abwarten, bis ich todt bin. Meinetwegen, aber das weiß ich: was hier in Pelchow ist, davon bleibe ich Herr, und was mir die verdammten Demminer Juden gegeben haben, das kann ich ihnen auch selber wieder bezahlen – dazu brauche ich keinen Administrator aus Teterow. Ich muß ja auch für Dich sparen, mein liebes Anne-Marieken – sonst hast Du gar nichts, wenn ich mal todt bin.“

„Ich werde mir schon durch die Welt helfen, Onkel,“ sagte Anne-Marie verlegen; „Du bist so gut, daß Du an mich denkst. Du wirst aber hoffentlich noch lange leben.“

Der Baron sah eine Weile nachdenklich vor sich hin und sein Gesicht wurde immer trüber.

„Gute Nacht, Döchting,“ sagte er gedrückt und hielt ihr wieder die Hand hin. „Ich bin ein alter Esel; daß ich nicht schon für Dich gesorgt habe; ich will nichts mehr davon reden; denn es ist mir sehr schwer. Aber ich will das nun nachholen.“

„Aber mein guter Onkel –“

„Das verstehst Du nicht, mein liebes Kind. Gute Nacht auch, und laß nun Deinen lütten Fuß in Ruh’ und geh’ auch zu Bett!“

Er schritt langsam und sichtlich zerknirscht in seine Stube hinüber, und Anne-Marie blickte ihm liebevoll nach, bis die verwitterte Gestalt in den hohen Stulpen, die Jockeymütze noch immer auf dem Kopfe, in der Thür verschwand. Sie legte sich in den Stuhl zurück und schaukelte müde ein paar Mal hin und her. In ihren Gedanken stellte sich der neue Administrator neben den Onkel, den jener verlacht, einen bankerotten Verschwender genannt hatte, welchen man wie ein Kind behandeln müsse. Wieviel Sorgfalt und Zartheit, wieviel Liebe hatte dieser „verrückte“ alte Mann für sie – und jener impertinente Mensch, der so rücksichtslos aufgetreten war, der sicherlich kein Herz hatte – nein, nur Selbstsucht und kalte Gesetzlichkeit hatten aus seinem Reden gesprochen; er konnte kein guter Mensch sein; sonst hätte seine scheinbare Theilnahme für sie nicht erlöschen können, da sie gegen die Form protestirte, in der sie ihr aufgedrängt wurde; sonst hätte er sich nicht so absprechend gegen den Onkel geäußert, den er persönlich gar nicht kannte. Er war einfach ein Unverschämter, dieser Vetter Curt von Boddin –

Sie horchte auf. Die Schritte des Barons, der seither in seinem Zimmer langsam auf und nieder gegangen war, näherten sich plötzlich lebhaft der Thür.

„Kann ich noch mal zu Dir kommen, Anne-Marieken?“

„Ja, lieber Onkel!“

Aus dem Gesicht des Barons war die Bekümmerniß verschwunden, und die kleinen verschwommenen grauen Augen, die sonst etwas Unstätes hatten, blickten das junge Mädchen wie im Licht eines guten Gedankens blitzend an.

„Döchting!“ sagte er feierlich, vor sie hintretend, „ich bin ja gar nicht darauf gekommen, daß ich schon was da habe, was ich für Dich sparen kann. Ich habe ja dem Pannewitz zweihundert Thaler abgewonnen: Das ist mir jetzt ’ne wahre Herzensfreude. Hier sitzen die Musikanten, und ich will sie Dir nur gleich geben, daß Du sie aufheben kannst. Das ist mir doch zu lieb!“

Und er griff mit beiden Händen in die Tasche seiner hirschledernen Beinkleider und zog Gold, Banknoten und harte Thaler heraus, die er ihr trotz ihres Abwehrens in den Schooß legte.

„Die mußt Du nehmen, Anne-Marieken, Das thue ich nicht anders; Du wirst ja doch wohl Deinen alten Onkel nicht ärgern wollen.“

„Ich danke Dir vielmal, Onkel,“ sagte Anne-Macke erschüttert, nahm die runzeligen Hände des Barons und drückte ihre weichen Mädchenlippen darauf; „aber nicht wahr, Herzensonkel Du nimmst das alles zu Dir und verschließest mir’s? Ich bin noch nie mit Geld umgegangen.“

„Ja, mein gutes Anne-Marieken, das will ich Dir wohl besorgen. Und Du sollst nun mal sehen: wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu. Du wirst noch mal ein ganz reiches Mädchen werden.“

Er nickte ihr zu, nahm wieder, was sie ihm reichte, und ging in sein Zimmer zurück. Während er den Schreibsecretär öffnete und das Geld in eine Schublade verschloß, hörte er, wie das junge Mädchen leise die Thür zuklinkte und den Schlüssel umdrehte.




3.

Früh gegen sieben Uhr rasselte das Schiebfenster an der Nesselseite auf, und der alte Baron stieg heraus. Zuerst kam ein kurzer Stulpstiefel mit enganschließendem Lederbeinkleid zum Vorschein, welch letzteres von Gelb in Grau überschillerte, dann das Schmerbäuchlein in der grauen, rothgeblümten Plüschweste, endlich das Uebrige. Der Baron hatte einen etwas verschabten dunkelgrünen Rock mit langen Schößen und Messingknöpfen angezogen und trug eine breitschirmige Mütze von schwarzer Seide, deren Kopf sich hoch aufbauschte. Er schnüffelte hörbar in alle Himmelsrichtungen, wobei die Flügel seiner breiten formlosen, an der Spitze stark gerötheten Nase eigentümlich zitterten, und schien von dem thauig frischen sonnigen Herbstmorgen befriedigt. In dem Hollunder balgten sich die Spatzen, und aus dem Hofe gurrte und krähte es munter. Er bog, die Hände in den Hosentaschen vergraben, langsam um das Haus. Bei einer Scheue waren Leute beschäftigt, ein Fuder Heu abzuladen.

„Ist Drewes auf dem Hofe?“ rief er zwischen den beiden Händen durch, die er zum Sprachrohr formte.

„Nein Herr! Er ist auf der Wiese am Knickbruche,“ scholl es mehrstimmig zurück. Drewes war „Statthalter“ oder Aufseher.

„Sagt mal Jochen, daß er mir in einer Viertelstunde das Pferd satteln soll.“

„Jochen ist mit ausgefahren, Herr Baron.“

„So mag das ein Anderer thun.“

Der Alte machte Kehrt und näherte sich der Hausthür, über welcher sich ein verwittertes hölzernes Schutzdach erhob; eine Glocke hing darunter, deren Strang sich leise im Luftzug bewegte. Der Hausgang machte in der Mitte des Gebäudes ein Knie, worauf er noch den linken Flügel ein Stück durchschritt; dieser Theil war lichtlos. Indeß ging der Alte mit sicherem Schritt bis zum Ende, öffnete die Thür geradeaus und betrat das Eßzimmer welches an eine ländliche Wirthsstube gemahnte. Einen Augenblick stand er [743] starr; dann zogen sich seine buschigen Brauen zornig zusammen, und er rief hastig: „Dürten!“

Im Corridor öffnete sich nebenan die Küchenthür, und der Baron trat einen Schritt zur Seite, um die Alte einzulassen.

„Was soll ich, Herr?“ antwortete diese draußen. „Mit der Suppe komm ich gleich.“

„Komm mal her, komm doch mal her! Was ist dies? Was heißt dies?“ Und er zog Dürten bei der Schulter herein und zeigte auf das an der linken Wand aufgeschlagene Bett, das noch nicht in Ordnung gebracht war.

„Je, Herr, da hat die Nacht der neue Administrator geschlafen.“

„In meiner Eßstube? Wer hat das angeordnet?“

„Das gnädige Fräulein, Herr! Er konnte ja nirgendwo anders unterkommen.“

„Das hat Anne-Marieken gethan? Nein, was ist das Kind unverständig!“ brummte der Baron milder. „Aber das sage ich Dir, Dürten: in dieser Stube esse ich keinen Bissen mehr. Wie werd’ ich mir hier den Appetit verderben, wo der Kerl seinen Nachtschlaf hält!“

„Je, Herr Baron, das müssen Sie mit dem Fräulein abmachen,“ meinte Dürten kurz. „Ich und der Radmacher, wir haben gethan, was sie uns geheißen hat. Wo soll denn sonst gegessen werden?“

„Schweig’, Dürten! Du sollst mir nicht immer widersprechen. Und jetzt bring’ meine Suppe auf meine Stube.“

„Wie kann ich denn da ’reinkommen? Durch das Fenster steig’ ich nicht.“

„Das brauchst Du auch nicht; ich will sie mir schon ’reinlangen. Und dann will ich mal mit Anne-Marieken reden, daß wir in ihrer Stube oder in meiner essen. – Was hat der Kerl hier zu schlafen? Der hätte auf dem Boden oben liegen können,“ fuhr er mit erneutem Zornesausbruch fort, und die welken, ein wenig über das umgeschlungene wollene Halstuch niederhängenden Wangen zitterten dabei. „Na, warte mir! Daß Du Dir nicht etwa einbildest, daß der mit uns ißt, Dürten!“

„Das kann mir gleich sein,“ sagte Dürten Schoritz und ging in die Küche, um die Mehlsuppe für den alten Herrn zu besorgen, welcher im Hinausgehen die Thür schallend in’s Schloß warf.

„Guten Morgen, Onkel!“ rief es aus dem Zimmer Anne-Marie’s neben der Küche. Der Baron blieb vor der offenen Thür stehen.

„Guten Morgen, Anne-Marieken! Das hast Du aber nicht gut gemacht, Döchting, daß Du die Teterower Pogge in der Eßstube hast schlafen lassen,“ sagte der alte Herr mit mildem Vorwurf. „Ich esse nun keinen Bissen in der Stube mehr. Nun wollen wir uns nur so einrichten, daß wir das erste Frühstück einzeln in unsern Stuben einnehmen Jeder für sich, indem daß es genirlich ist, wenn ich zu Dir kommen wollte oder Du zu mir, wenn noch nicht aufgeräumt ist. Aber das andere Essen wollen wir umschichtig bei Dir oder bei mir abhalten.“

„Aber Onkelchen, ich wußte ihn wirklich nicht anders unterzubringen,“ meinte Anne-Marie betroffen, welche am Spiegel die letzte Hand an ihre Toilette legte.

„Na, laß nur gut sein! Das schadet ja nichts, Adschüs, Döchting!“

Eine Viertelstunde später saß der Baron auf dem Pferde, und Anne-Marie stand neben ihm.

„Ich habe gehört, Döchting, daß die Pogge mit den grünen Handschuhen und den Gläsern vor den Augen draußen durch die Felder läuft, und nun will ich mal sehn ob ich ihr begegnen kann. Und übernimm Dich nicht mit dem Laufen, mein liebes Anne-Marieken! Setz’ Dich lieber ein bischen in den Garten! Du hinkst ja noch.“

Er nickte ihr zu, gab dem Pferde einen leichten Schlag und ritt fort, –

Curt von Boddin war zeitig aufgestanden; Dürten hatte ihm Kaffee schaffen müssen; dann hatte er begonnen, sich in den ihm völlig neuen Verhältnissen zu orientiren. Aus Dürten war nicht viel herauszubekommen. Desto mehr hatte er vom Radmacher erfahren

Vor Jahren, ehe das gnädige Fräulein als halbwüchsiges Ding auf den Hof gekommen sei, habe es da schauerlich ausgesehen. Die Strohdächer der Scheunen und Ställe wären seit langen Jahren nicht ausgebessert gewesen, die Thore und Thüren hätten nur halb noch in den Angeln gehangen. Auf dem Dache des Gutshauses habe sich kein ganzer Ziegel mehr befunden, sodaß in regnerischen Tagen das Wasser oft bis in die unteren Räume durch die vermorschte und verfaulte Dielung des Bodens gelaufen sei, während sich außen der Kalk vollends von den Wänden gelöst habe. Der Baron habe nur sein jetziges und das gegenwärtig von dem gnädigen Fräulein bewohnte Zimmer für sich benutzt; der ehemalige Salon auf der andern Seite der beiden Stuben sei den Knechten eingeräumt, die Zimmerverbindung nach dieser Seite vermauert worden. Die beiden Räume der Küche gegenüber hätten die Mägde und Dürten Schoritz eingenommen; das Eßzimmer habe als Rumpelkammer gedient. „Blos bei Dürten Schoritz war ein bischen Ordnung. In den andern Stuben hingen die Tapeten in lauter Fetzen herunter; manche hatten aus Zeug mit bunten Bildern und aus Leder bestanden – das schleppten die Leute aus dem Dorfe fort; was die Möbel anbetrifft – die kamen in die Rumpelkammer und wurden allmählich zerbrochen und verbrannt. Bei dem Herrn Baron durfte nie aufgeräumt werden; nur hinten herum hat es Dürten Schoritz fertig gebracht, daß er nicht ganz verkommen ist; denn wenn er was merkte, wurde er sehr grob. Draußen vor dem Hause lag alles voll Kalk und Auskehricht, und im Steinpflaster waren so tiefe Löcher, daß man Abends ohne Laterne in der Dunkelheit da kaum gehen konnte.“

„Kam denn Niemand aus der Nachbarschaft zum Besuch her?“ hatte Curt gefragt.

„Nein,“ lautete der Bescheid, „außer wenn Einer ein Geschäft beim Herrn Baron hatte, was nicht oft vorkam; denn die Geschäfte haben ihm fast immer zwei Demminer Juden besorgt, besonders der Wolfsohn, nämlich der David Wolfsohn, der sein Comptoir bei der Brücke hat.“

„Und seit Fräulein von Lebzow auf dem Hofe ist, hat sich das geändert?“

„Jawohl. Zuerst, als sie noch zwölf bis fünfzehn Jahre alt war, da ging das ganz langsam; denn dazumal war sie noch zu unverständig. Wie sie mit Fieken, ihrem Mädchen, was jetzt meine Frau ist, ankam, da hat ihr der Herr Baron das eine von seinen Zimmern abgegeben; denn er war ihr gleich sehr gut, und sie war auch ein sehr hübsches Ding und hatte so was Zuthunliches für den alten Herrn. Da hat nun mein Fieken Ordnung bei ihr gehalten. Und als sie größer wurde, da haben die drei Frauensleute, nämlich die zwei und Dürten Schoritz, ein Complot gemacht, daß nach und nach überhaupt Ordnung werden sollte. Das gnädige Fräulein hat immer die Schuld auf sich genommen, und der hat der alte Heer nichts sagen können, wenn sie so weich um ihn herum gegangen ist. Da haben sie denn das letzte Gerümpel hinten verkauft und das Eßzimmer eingerichtet, wo ich alles getischlert habe, und der alte Kalden im Dorfe, der als Maurer gelernt hat, der hat kalken und anstreichen müssen, immer wenn der alte Herr in der Umgegend auf der Jagd war, was manchmal acht und auch vierzehn Tage dauerte. Und seit der Zeit hält der alte Herr Baron viel mehr auf sich. Und als nun das gnädige Fräulein in Langsdorf confirmirt worden ist, da hat er die Frau von Pannewitz auf Branitz gebeten, welche dazumal nach Berlin gereist ist, daß sie ihr solle ein schönes Meublement für die Stube besorgen, was denn auch angekommen ist.“

Auf Curt’s Frage, ob sich denn sein Onkel überhaupt um die Wirtschaft gekümmert habe, hatte der Radmacher geantwortet:

„Das hat er wohl gethan; er war nur oft lange nicht zu Hause; dann hat immer der Statthalter nach dem Rechten gesehen, so gut er das gekonnt hat. Der alte Herr ist was wunderlich, aber ein guter Mann, ein viel zu guter Mann. Wenn er auf’s Feld hinaus reitet und welche beim Stehlen findet, dann kehrt er immer um, und als ich ihm einmal sagte, daß hinten an der Koppel eine Pappel nach der anderen umgehauen und zerhackt würde – was ihm selber wegen der schönen Bäume leid that – da sagte der alte Herr blos: Schweig nur still, Radmacher! Wenn die Leute das Holz nicht brauchten, dann würden sie die Pappeln wohl stehen lassen.“

Die verständige Art des Radmachers hatte Curt gefallen und als derselbe sein Anliegen wegen des gewünschten Stückchens Pachtacker vorgetragen, hatte er ihm dasselbe bewilligt, vorausgesetzt, daß sich nicht irgendwelche Hinderungsgründe ergeben würden.

[744] Des Statthalters, an dessen Befragung ihm zunächst noch gelegen, war er am Morgen nicht gleich habhaft geworden, da dieser zeitig mit dem Geschirr in’s Feld gerückt war. Ein flüchtiger Gang durch die zugänglichen Räume des Hauses, durch die Wirthschaftsgebäude und die nächste Umgebung des Hofes illustrirte die Aussagen des Radmachers. Es sah alles noch recht kümmerlich und verwahrlost aus, obschon hier und da Versuche jüngeren Datums erkennbar waren zum mindesten das Allerunzulänglichste in Stand zu setzen. Schmutzig und baufällig genug blieb nichtsdestoweniger das meiste.

„Das wird ein langsames Abzahlen geben,“ murmelte er, einem Wagen zuschreitend, der mit Heu beladen anlangte. Er befragte die Leute, welche ihn mit neugierigen Augen betrachteten, nach dem Statthalter und ließ sich beschreiben, wo derselbe zu treffen sei.

„Was der für Handschuhe anhat!“

„Und was für Augengläser! Er ist wohl das Stubensitzen so gewohnt, daß er immer durch zwei Fenster gucken muß.“

„Das ist einer von den studirten Oekonomikern. Aber er hat sehr was Forsches.“

„Auch was Hochmütiges.“

So lauteten die Kritiken auf dem Heuwagen. Als Curt am Hause vorbei kam, sagte er sich mit einem Blick darauf:, „Diese Knechte und Mägde werde ich ausquartieren und ihre Höhlen für mich herrichten lassen. Die Wirthschafterin kann man am Ende auch auf dem Boden in einer Mansarde unterbringen. Und es muß sofort geschehen. In meinem Leben habe ich noch in keiner Eßstube geschlafen. Die Leute thun mir leid. Ich hätte mich in der Nachbarschaft einquartieren und von da aus erst meine Einrichtung besorgen sollen“

Er schritt hinter das Haus; dort war durch einen Zaun, zu welchem junge Tannen das Material geliefert, ein Gartenterrain abgegrenzt worden, wohl auch eine Errungenschaft der jüngsten Zeit und der Bemühungen der Cousine Lebzow. Die Thür stand halb offen. Er trat in den Garten – alles blinkend und morgenfrisch! Der Rasen an den Böschungen gilbte schon leise. Späte Blumen, viel Astern, viel Georginen, deren große leuchtende Köpfe etwas Leben gaben, ohne doch den Mangel an Buschwerk verdecken zu können. Nur hinten an der alten Lehmmauer wucherte auch hier der Hollunder. Das Terrain war künstlich uneben hergestellt worden; links drüben an der Ecke erhob es sich zu einem Hügel mit niedrigen Anpflanzungen, der eine Laube trug, und in der Laube leuchtete etwas Rothes, das Curt veranlaßte, hinüberzugehen und den Hügel zu ersteigen. Er fand ein wollenes gestricktes Tuch, einen „Seelenwärmer“, wie Frauen sie damals trugen ganz durchfeuchtet vom Nachtthau.

„Es gehört der Cousine Lebzow,“ sagte er sich, indem er ihn. aufnahm und aus einander faltete. „Es muß an die zwanzig Stunden hier gelegen haben.“

Der junge Mann legte das purpurrothe Tuch über den Arm; wie weich es fiel! Er war entschlossen, es der Wirthschafterin zu übergeben. Ob diese wußte, wie es mit dem beschädigten Fuße ging? Aber freilich, Anne-Marie schlief wohl noch, und die Frau hatte bisher nicht Gelegenheit gehabt, etwas zu erfahren.

[757] Als Curt auf dem Rückwege nach den Fenstern des Eßzimmers blickte, welche auf der Gartenseite lagen, sah er sie geöffnet und die Gestalt der Wirthschafterin sich in dem Zimmer bewegen. Er steuerte mit seinen gewohnten raschen Schritten zu den Fenstern hinüber und reichte das Tuch hinein.

„Geben Sie das dem Fräulein von Lebzow, Frau! Ich lasse ihr sagen, sie möge ihre Sachen besser verwahren, wenn sie nicht verderben sollen.“

„Das geht mich nichts an. Legen Sie’s nur da auf den Stuhl,“ war die mürrische Antwort, welche der neue Administrator überhörte. Er stockte einen Augenblick wie in plötzlicher Verlegenheit. Nun hatte er ihr wieder eine Ungezogenheit sagen lassen, und es war doch so fatal, wie sie ihm gestern so derb den Text gelesen, in Gegenwart dieser Person da.

„Fügen Sie hinzu, ich lasse ihr gute Besserung wünschen!“ sagte er rasch und möglichst gleichmütig, indem er den Garten nach der Richtung des Feldweges hin eilig verließ.

Den Knickbruch konnte er in der Ferne sehen; es mochte eine halbe Stunde Weges bis dahin sein. Wenn er nur erst sein Reitpferd da hätte! Im Pferdestalle hatte er nur dasjenige des Onkels bemerkt, das er natürlich nicht benutzen mochte. Nein – besser „durfte“; denn die Uebergabe des Gutes an seine Verwaltung war ja noch nicht erfolgt. Aber selbstredend würde er auch später dem alten Kauze sein Reitpferd lasten; die Wagenpferde höchstens konnten gemeinschaftlich benutzt werden, und das sollte von seiner Seite möglichst bald geschehen; denn sobald die Zimmer für ihn restaurirt waren, mußte er nach Demmin fahren und Möbel aussuchen.

Er machte sich Gedanken wegen des Eßzimmers; es war ihm doch höchst peinlich, mit dem Baron und Aline-Marie von Lebzow dort, wo er geschlafen, zu frühstücken. Aber was half es? Und – im Grunde: verwöhnt waren die Beiden wahrhaftig nicht, namentlich der Onkel wohl nicht heikel in Anstandssachen. Wie das alte Original nur aussehen mochte! Lustig genug, nach der Schilderung, welche in der Verwandtschaft von ihm umlief.

Aber Cousine Lebzow! Hm! Sie hatte ihm selber gestern Abend eine Anstandslection ertheilt, und, wie er sich innerlich sagte, eine wohl verdiente. Curt von Boddin betrachtete sich freilich als eine Art alten Junggesellen, obwohl er erst in den dreißiger Jahren stand, als eine Art „Onkel“, der schon gute Lehren geben und sich selber die Befolgung derselben bequem machen durfte. Trotz seiner sorgfältigen Toilette und seines scharfen Auges für die gute Form steckte doch etwas von der saloppen Art der Boddins in ihm. Der Widerspruch in seinem Wesen machte ihn nachdenklich. Er wollte versuchen, sich zusammenzunehmen, aber er sagte sich doch heimlich, daß ihm das sehr schwer werden würde. Wahrhaftig, er war ein richtiges Stück von einem alten Junggesellen.

Indem er das dachte, schritt er durch die Felder, deren Bewirthschaftung er zu prüfen, zu leiten, zu bessern hatte: er that klug, sich ein wenig umzusehen. Der Ackerbau so primitiv wie das häusliche Leben: die ursprünglichste Dreifelderwirthschaft aus Großväterzeiten! Aber der Boden sah vortrefflich aus, Er hob eine Scholle und betrachtete sie: das mußte Qualität Eins sein. Die Krautfelder dort standen ungemein üppig. Und wie fett der Klee auf der Brache da war! Nur noch Drainage – die brauchte rings in der Gegend aller Boden, das wußte er, und davon hatte natürlich Onkel Boddin keine Ahnung, auch kein Geld dazu.

Diese Kleebrache! Merkwürdig, daß sie fast genau die Form hatte, wie diejenige, über welche er gestern Abend gegangen war. Dort kniete damals Anne-Marie voll Lebzow und biß die Lippen zusammen – sie hat eine etwas kurze Oberlippe, dachte er – und sah ihn mit den braunen Augen schmerzlich abwehrend an. Ihr Mund war in dem Augenblick wirklich hübsch, und in der Art, wie sie ihn gestern Abend abgefertigt hatte, lag Rasse. Sie kam ihm jetzt gar nicht so ländlich vor, wie anfangs.

Es war eigentlich doch eine großartige Ungezogenheit, daß er sie so ohne Umstände aufgenommen und auf die Straße hinüber getragen hatte. Gestern hatte er gar nichts dabei gefühlt; es hatte ihm Spaß gemacht, sie wie ein Kind hinüber zu tragen. Er war sich ihr an Lebensreife so überlegen vorgekommen.

Curt von Boddin ging ein Stück langsamer. Er schnellte den Zwicker von der Nase, und die spöttischen Linien um seine Mundwinkel zuckten; er warf den Kopf ein paarmal hin und her, als wollte er sich irgend eines Gedankens oder einer Empfindung erwehren. Es war ihm, als hielte er das schlanke, blühende Mädchen und fühlte ihren Arm um seinen Nacken; ein voller weicher Arm war das, und merkwürdig war diese Last: schwer und weich und lebendig; es wehte etwas um sie, wie um eine Blume. Der Gedanke, daß er sie so getragen hatte, war ihm doch ein angenehmer, und gerade weil sie ihm das nicht gegönnt hatte, dachte er mit einer Art wohltuenden Trotzes daran.

Auf der Wiese dort wurde Grummet gewendet; hinter ihr lag ein Bruch; wirres Unterholz, wild gewachsene Bäume von [758] Höhe, ein buntes Gemisch von Holzarten; dazwischen zahlreiche blinkende Wasserläufe. Häufig tauchte das dunkle Blaugrün des Wachholders auf, vereinzelt, wie es schien, zu beträchtlicher Höhe gelangt; in manchen Fällen mußte er geradezu Bäume mit derben Stämmen bilden. Die Leute auf der Wiese, Frauen und Männer durch einander, blickten auf den Nahenden, auch der Aufseher, der, auf einen Knotenstock gestützt, neben ihnen stand.

„Das wird ja wohl der neue Administrator sein, der jetzt für den alten Herrn auf Pelchow wirtschaften soll,“ hieß es.

„Das ist einer von den Boddin’s auf Teterow; ein staatscher Herr ist das.“

„Aber daß er Handschuhe anzieht, wenn er auf’s Feld geht, ist doch merkwürdig. Er sieht gar nicht aus, als ob er das Wirthschaften richtig gelernt hätte.“

Drewes, der Statthalter, war eine baumlange Figur mit breitem, grobem Gesicht. Seine großen, wasserblauen Augen hatten etwas Schickendes, und wie er dem jungen Edelmann entgegensah, drückten sich Verdruß, Widerwillen und Besorgniß zugleich in ihnen aus.

„Der Herr da geht uns jetzt noch gar nichts an; daß Ihr nicht thut, als ob er Euch was zu befehlen hätte! Unser Herr ist der alte Herr Baron, und der hat uns noch nichts davon gesagt, daß er seine Herrschaft an den da abgetreten hat. Das merkt Euch! Aus dieser Sache kann nach meiner Meinung nichts Gutes kommen. Er ist ein Neumodischer, der uns das Leben wohl sauer machen wird. Ich glaube, daß wir unsere gute Zeit gehabt haben. Unser alter Herr – das war ein Mann; der dachte: leben und leben lassen! Der da wird wohl blos Geld zusammenscharren wollen, und das geht von unserem Schweiß.“

„Er soll ja wohl Ordnung bei uns machen.“

„Ja, wie der Schulmeister sagt: ‚Ordnung muß sein, und da nahm er dem Jungen seine Wurst‘,“ bemerkte Drewes trocken.

Curt von Boddin trat zu den Leuten heran.

„Guten Tag! Sind Sie der Statthalter Drewes?“

„Ja, Herr, der bin ich,“ antwortete dieser bequem, indem die breite Hand schwerfällig zur Mütze hinauf fuhr.

„Wissen Sie wohl, ob es eine Vermessungskarte von Pelchow giebt?“

„Nein, davon weiß ich nichts, Herr. Hier ist nichts vermessen worden. Ich kenne das gar nicht.“

„Das wäre das Nächstliegende,“ murmelte Curt, setzte den Klemmer wieder auf und zog ein Notizbuch heraus, in dem er zu vermerken begann.

„Wo liegt wohl der beste Boden?“

„Nach Branitz zu, und nach Pannow hinunter ein Ende – das wird wohl der beste sein.“

„Bonitirt ist hier auch nie? Die Beschaffenheit des Bodens ist nie genau untersucht worden?“

Die Leute sahen sich an; ein paar Weiber kicherten

„Das versteh’ ich nicht, Herr; ich glaube aber nicht, daß hier Jemand was untersucht hat.“

„Hm! Giebt Ihnen der Herr Baron, mein Onkel, genau an, was Sie arbeiten lassen sollen?“

„Nein; ich führe hier die Wirtschaft schon seit langen Jahren und bespreche mich blos manchmal mit unserm Herrn“

„Sie können mir also genau den Stand der Arbeiten in diesem Augenblick angeben?“

„Das kann ich wohl; warum das nicht?“

„Schön! Sie werden mir gegen Mittag nähere Angaben darüber machen; bis dahin überlegen Sie sich’s!“

„Je, Herr, dazu hab’ ich keine Zeit.“

„Die werden Sie haben müssen; ich bin der Administrator von Pelchow, dessen Verwaltung mein Onkel an mich abtritt, und heiße von Boddin, wie er – damit Sie das wissen.“

Drewes zog die Augenbrauen hoch auf und zuckte die Achseln.

„Mein Herr ist der Herr Baron, und wenn der mir das sagst tue ich das – sonst nicht.“

„Wenn Sie sich nicht Schaden zufügen wollen, so gehorchen Sie mir gefälligst!“ betonte Curt scharf, indem er Drewes durch die Augengläser fest ansah und das Notizbuch wieder einsteckte.

„Das kümmert mich nicht, Herr. Wie wissen wir, was Sie sind? Das müssen Sie doch einsehen, Wenn der alte Herr uns sagt: Das ist nun der, dem ich mein Gut zu verwalten überlasse, dann ist das was Anderes.“

Einige der Männer, welche die Arbeit ruhen ließen und zuhörten, murmelten dem Statthalter. Beifall, und einer von ihnen sagte laut:

„Er hat Recht, und wir stehen ihm bei.“

Curt von Boddin fühlte sich auf unsicherem Boden. Der Statthalter war in der That in seinem Rechte, und der Administrator zwang sich zur Ruhe.

„Ich werde sorgen, daß mein Onkel Ihnen Weisung erteilt.“ bemerkte er kühl, nickte ein Adieu und wandte sich, um den Weg zurückzugehen den er gekommen

Er mußte sich sobald wie möglich mit dem Onkel in’s Vernehmen setzen, um erst die nötige Autorität zu gewinnen.

„Dort kommt der Herr Baron!“ rief es jetzt mehrstimmig hinter ihm. Curt blickte auf und sah vom Gute her einen Reiter die Richtung einschlagen, die er selbst genommen hatte. Um so besser! So ging er ihm entgegen – wiewohl: lieber hätte er ihm eigentlich erst einen formellen Besuch gemacht. Indeß schritt er kräftig aus, halb neugierig, halb mit peinlicher Empfindung, jedenfalls mit dem Entschlusse, den alten „verrückten“ Onkel so bequem wie möglich zu nehmen.

In der Nähe jener Kleebrache, welche ihm so angenehme Erinnerungen geweckt, trafen die beiden Männer zusammen. Curt nahm den Strohhut ab und machte Front. Die Blicke, welche ihn vom Pferde herab musterten, waren nichts weniger als verwandtschaftlich liebevoll.

„Verzeihung, Onkel, daß ich mich hier auf dem Wege zuerst vorstellen muß! Ich hatte gestern nicht das Vergnügen, Sie zu Hause zu treffen.“

„Mach keine solchen Redensarten, mein Sohn!“ knurrte der Baron ihn unterbrechend. „Du willst ja wohl auf Pelchow wirthschaften, indem daß Ihr meine Schulden bezahlen wollt? Das kann ich aber allein – dazu brauche ich Keinen aus Teterow.“

„Sie werden sich das leider gefallen lassen müssen, Herr Onkel. Das Gericht hat in dieser Sache entschieden, und wir glaubten, es würde Ihnen lieber sein, wenn Einer aus der Verwandtschaft die fatale Angelegenheit in die Hände nähme, statt eines Fremden. So komme ich denn mit einer gerichtlichen Vollmacht und muß Sie zu meinem Bedauern bitten, mir in aller Form die Verwaltung zu übergeben.“

Curt von Boddin hatte dies so höflich und verbindlich vorgebracht, wie es ihm möglich war. Der alte Herr hatte auch ruhig zugehört; nur sein Gesicht war noch röter und sein Blick noch feindlicher als zuvor geworden.

„Ich habe Dich ausreden lassen, mein Sohn“ sagte er. „Nun höre aber auch mal auf mich! Siehst Da, mein Sohn, ich habe Dich gekannt, als Du in Teterow in Knopfhosen herumgingst und Dir hinten so ’n lütt Ende Weiß aus dem Schlitz kukte. – Und wenn Du denkst, daß ich Deine grüne Klugheit hier nöthig habe, dann bist Du auf dem Holzwege. Da kannst Du denn wieder umkehren und nach Teterow gehen, ausgenommen, wenn Du mein Gast sein wolltest, was mir aber sehr genirlich wäre, indem daß ich keinen Raum für Dich habe. Und dann will ich Dir noch etwas sagen: Ich glaube, daß ich Euch Teterowern zu lange lebe, und daß Ihr die Zeit nicht erwarten könnt, um Euer Schaf zu scheeren –“

„Aber Onkel,“ fiel Curt ein, „ich bin doch nicht meinetwegen hier –“

„Nein, mein Sohn,“ unterbrach ihn der alte Herr mit giftiger Ironie, „nicht meinetwegen wie der Wolf sagte, aber ein Schaf schmeckt doch gut. Ich kenne das und Euch Teterower dazu Ich will mit Euch nichts zu tun haben, und mein Gut ist mein Gut – da bin ich Herr.“

Auch in das Antlitz des jungen Mannes war die Zornesröthe gestiegen, und doch überkam es ihn wie Mitleid vor dem alten Manne, welchen seine Gegenwart offenbar im Tiefsten kränkte und der in seinen Aeußerungen jedenfalls mit einem andern Maßstabe zu messen war, als andere Menschen

„Ich beklage es tief,“ sagte er, „daß Sie meinem Eintreten hier solche Beweggründe unterschieben, gegen welche ich mich entschieden verwahren muß; wir haben’s nur gut gemeint, und ich hätte überall eine bequemere Thätigkeit finden können, als die schwierige –“ er stockte und wußte nicht recht, wie er den Gedanken ausdrücken sollte, ohne dem alten Herrn etwas Verletzendes zu sagen „Aber wie dem auch sei, ich bitte Sie aufs Dringendste, [759] Onkel, sich mit dem Gedanken auszusöhnen, daß ich Ihnen die Last hier abnehme –“

„ja wohl, mein Sohn, und das Geld auch. Den blauen Teufel will ich Dir thun –“

„– und zu bedenken,“ fuhr der Andere fort, „daß ich im Auftrage des Gesetzes hier bin, welches keinen Widersprach duldet. Es soll meine Aufgabe sein, Ihnen das so wenig wie möglich fühlbar zu machen.“

„Kurzum, mein Sohn, ich will nichts davon wissen, und wenn Du meinen Wagen brauchst, dann sag’s dem Jochen! Er weiß den Weg nach Demmin. Adschüs auch!“

Der Alte gab dem Rappen einen Schlag und ritt in raschem Trabe davon. Er gewährte mit der hochgebauschten Mütze, den langen, fliegenden, grünen Rockschößen und den weit vom Pferde abstehenden kurzen Beinen einen grotesken Anblick.




4.

Curt von Boddin hatte dem alten Baron eine Weile finster nachgesehen. Jetzt brach er in ein kurzes Lachen aus, indem er sich anschickte, den nach dem Gute führenden Weg weiter zu verfolgen.

„Er ist ein completer Narr. – daran ist kein Zweifel,“ sagte er laut; „rein verrückt; er hat wahrhaftig die ernste Absicht, eine kleine Privatrevolution auszuführen. – Aber nein – das ist ja nicht möglich; dieses große Kind müßte denn nicht wissen, welchen Unannehmlichkeiten es sich aussetzt, wenn es den Widerstand ernstlich nimmt. Vielleicht gewährt es ihm eine kindliche Genugthuung, mir zuerst einen Affront bereitet zu haben. Ich gehöre nur eben nicht zu den affrontablen Leuten und möchte kurzen Proceß machen. – Indeß – hm! – Ich will doch Alles thun, um einen Familienskandal zu verhüten. Hätten wir lieber sonst Jemand hierher geschickt! Wir Teterower sollen ungeduldige Erben sein, weil wir uns der Sache annehmen! Im Grunde: der Schein spricht ein wenig gegen uns; wenn wir jetzt das Gut ausbessern geschieht es auf Kosten des Onkels; später hätte es Papa auf seine eigenen besorgen müssen. Der Alte ist am Ende wirklich nicht so dumm. – Ach was, er wird sich zureden lassen, und im Nothfalle muß mir Cousine Lebzow helfen; sie hat ja, wie der Mann gestern Abend sagte, so großen Einfluß auf ihn. – Nur keine lange Verzögerung! Ich muß unterkommen, muß sorgen, daß mein Ansehen unter den Leuten nicht geschädigt wird; sie sind im Stande, den Widerstand des Onkels zu unterstützen. Der Statthalter Drewes sieht mir ganz darnach aus.“

So gingen die Gedanken Curt’s, indeß er sich mit raschen Schritten dem Gute näherte. Als er unweit des Gartens den Einblick in den Hof frei hatte, verlangsamte er das Tempo plötzlich: er sah ein rothes Tuch leuchten, und die es trug, war Anne-Marie von Lebzow. Es war offenbar das nämliche Tuch, welches er heute früh im Garten gefunden hatte.

Der Vetter betrachtete sie ein Weilchen vom Gartenzaun aus. Sie hatte einen großen Hund, eine Art Bernhardiner, bei sich, der, mit kurzem Gebell sich aufrichtend und wieder niederfallend, um sie herumspielte, während sie selber mit anmuthiger Bewegung das Spiel lenkte. Es war ihm peinlich, sich ihr nähern zu müssen; wenn so rücksichtslose Naturen wie Curt von Boddin, wirklich einmal das Gefühl der Beschämung empfunden haben, werden sie an dieser einen Stelle sensitiv. Abbitte zu thun, das war ihm unmöglich; nur der Zufall könnte versöhnen, im Falle drüben die feindliche Stellung gegen ihn festgehalten wurde. Vielleicht war es das Beste, er knüpfte ein Gespräch wegen des Onkels mit ihr an; das war sachlicher Boden, das Interesse Dritter, an dem sie Beide Antheil nahmen; das ergab eine geschäftliche Verhandlung, bei welcher die gegenseitigen persönlichen Beziehungen einstweilen in den Winkel gestellt wurden; möglich, daß die ganze Nachwirkung des gestrigen Tages in diesem Winkel stehen blieb.

Curt von Boddin nahm den Strohhut ab, machte innerlich und äußerlich Geschäftsstimmung und schritt auf das junge Mädchen zu.

„Guten Morgen Cousine Lebzow! Darf ich Sie bitten mir für eine wichtige Angelegenheit Gehör zu schenken? Beiläufig: wie geht es Ihrem Fuße?“

Anne-Marie schrak heftig zusammen als diese Stimme plötzlich neben ihr klang; dann nahm sie rasch einen kalt abweisenden Ausdruck an, neigte den Kopf ein klein wenig und sagte mit Betonung:

„Beiläufig: ich danke Ihnen, Herr von Boddin; wie Sie sehen, erträglich. Ich danke Ihnen auch für die Rettung meines Tuches und für das Compliment, welches Sie mir mit demselben übersandten. Im Uebrigen wüßte ich nicht, was wir geschäftlich zu verhandeln hätten.“

Das war ja eine richtige Kriegserklärung. Curt verzog indessen keine Miene, so unbehaglich ihm auch zu Muthe war.

„Genehmigen Sie, daß wir für unser Gespräch die paar Schritte in den Garten hinüber thun? Ich würde Sie wahrhaftig nicht bemühen, wenn Sie nicht ernsthaft an Dem betheiligt wären was ich Ihnen – zu sagen habe. Im Garten sind wir am ungestörtesten, denke ich.“

Anne-Marie sah ihn befremdet an und wurde ein wenig roth.

„Wie Sie wünschen!“ meinte sie endlich. „Komm, Dana!“

Sie griff in das weiß- und schwarzgefleckte Fell des Hundes, der ihr indeß unter den Händen wegschlüpfte und bellend durch die Gartenthür vorausschoß. Anne-Marie hatte sich vorgenommen, sehr vornehm auszusehen; ihre Haltung war gegen gestern völlig verändert. Allein sie führte noch immer keinen Sonnenschirm; diesen Triumph hätte sie dem „Unverschämten“ um keinen Preis gegönnt, dem es nicht einmal einfiel, ihr die Gartenthür zu öffnen, und der doch an ihr zu erziehen wagte. Der „Unverschämte“ schritt hinter ihr drein.

„Im Arme getragen habe ich sie doch – die kleine Zornige da,“ dachte er.

Im Garten, im klaren Frühsonnenschein, wartete sie, bis er neben ihr ging.

„Jetzt bitte! Ich bin ganz Ohr.“

„Sie kennen die Verhältnisse, welche mich hierher geführt haben, Fräulein von Lebzow?“

Anne-Marie nickte. Nun nannte er sie nicht mehr „Cousine“, und das freute sie. Je fremder er sie behandelte, desto mehr war sie vor „Unverschämtheiten“ sicher.

„Ich bin also gesetzlich autorisirt, gesetzlich – beachten Sie das wohl! – hier zu wohnen, die Uebergabe der Gutsverwaltung durch den Onkel zu verlangen, die Bewirthschaftung fortan zu leiten, die Erträge zu empfangen und zu verrechnen. Der Onkel bekommt eine Summe, von der er hier anständig leben kann, die freie Naturalverpflegung, soweit sie das Gut liefern kann, außerdem. Ich gestehe offen, daß ich mit der Absicht herkam, nicht viel Umstände zu machen; ich habe gegen alles Ungeregelte, gegen dieses Sichgehenlassen in den barocksten Einfällen und Launen, dieses Verwüsten und Verschlendern, welches als originell belacht wird und doch nur den Ruf und die Zukunft unseres Standes untergräbt, einen tiefen Widerwillen. Indessen bin ich soweit bekehrt, daß ich die möglichste Rücksicht üben werde.“

„Weshalb sagen Sie das Alles mir?“ fiel Anne-Marie mit leichter Ungeduld ein, während sie ein wenig spöttisch die Lippen aufwarf. „Ich hatte gestern bereits die Ehre, Einiges von Ihren Ansichten über Originale zu hören.“

„Ich habe Sie zum letzten Male damit belästigt, gnädiges Fräulein. Ich sprach auf dem Wege hierher Onkel Boddin und muß nach seinen Aeußerungen annehmen, daß er entschlossen ist, meine Mission einfach zu ignoriren. Er will mir das Gut nicht übergeben; er verweigert mir sogar die Aufnahme in dieses Haus.“

„Da müssen Sie sich schon mit ihm zu benehmen suchen Herr von Boddin; ich habe in diese Sache nichts drein zureden.“

„Aber begreifen Sie doch: wenn dieser alte Mann unverständig genug ist und hartnäckig bleibt, so bin ich gezwungen, die Hülfe der Behörde in Anspruch zu nehmen. Das giebt einen öffentlichen Skandal. Und gesetzt, daß er, was ihm immerhin zuzutrauen ist, es auf Gewalt ankommen läßt, wird die Blamage noch größer; er setzt sich gerichtlicher Bestrafung aus. Das muß verhindert werden, und Sie müssen dabei helfen.“

Curt war stehen geblieben; er hatte fast heftig gesprochen und sah finster aus. Anne-Marie bückte sich seitwärts zu einem. Resedabeete nieder und brach einen Stengel.

„Ich verstehe von diesen Dingen nichts,“ meinte sie zögernd, indem sie sich aufrichtete. Sie hatte nicht den Muth, ihn anzusehen. „Vielleicht reden Sie selber noch einmal mit dem Onkel, oder wenden Sie sich an Herrn von Pannewitz ans Branitz, der sein Vertrauen genießt!“

[760] „Verzeihen Sie; wenn ich Ihre Fassungsgabe oder Ihr Vertrauen in meine Wahrhaftigkeit überschätzt habe, mein gnädiges Fräulein!“ sagte er bitter und scharf. „Da Sie mir Ihre Beihülfe versagen, bleibt mir in der That nur der von Ihnen bezeichnete Weg übrig; für die Folgen des Mißlingens aber sind Sie mit verantwortlich.“

Er zog den Hut, machte ihr eine rasche Verbeugung und schritt dem Ausgange zu. Anne-Marie blieb stehen und warf ihm einen scheuen Blick nach; sie war bleich und betreten. In diesem Augenblicke hatte sie ein Gefühl, als sei sie nicht die Natur dazu, um einen Kampf mit dem starken, willensklaren Mann durchzufechten, und ein Verzagen überkam sie, als müsse sie weinen. Das war nun der Ertrag ihrer Feindseligkeit: am unrechten Orte hatte sie dieselbe hervorgekehrt, und nun hielt er sie für dumm und kindisch und für wer weiß was noch. Für unordentlich hatte er sie heute Morgen erst erklärt. – Aber was konnte ihr im Grunde daran liegen, wie er sie schätzte? Er war „Luft“ für sie, wie sie es für ihn war. Höchstens konnte er in der Verwandtschaft eine üble Meinung von ihr verbreiten; er schien ja sehr viel darauf zu geben was man in der Verwandtschaft von Jemandem sprach. Das war ihr gleichgültig. In Einsamkeit groß geworden und nur mit Frau von Pannewitz und deren Töchtern intimer verkehrend, hatte sie keinen rechten Begriff davon was in der Gesellschaft ein „Ruf“ zu besagen habe. – Ob man nicht doch lieber mit Onkel über die Sache verhandelte? Sie glaubte zwar nicht, daß, wenn die Folgen bedenklich für ihn waren, derselbe in der That Widerstand leisten würde, aber es konnte ja nichts schaden, wenn sie auf den Busch klopfte und die Warnung des Vetters aus geschickte Weise einfließen ließ.

Sie ging im Garten auf und ab; das erste Resedabüschelchen war längst zerpflückt; sie zupfte hier und zerpflückte und riß dort ab, um das Abgerissene nachdenklich in den Wind zu streuen Dann rief sie Dana und zauste und spielte mechanisch in dem krausen Fell des Bernhardiners. Nach geraumer Zeit fuhr sie aus ihren Gedanken auf: sie vernahm Wagenrollen auf dem Hofe. Anfangs dachte sie, es kämen Fremde gefahren; als sie indessen bis zur Gartenthür geschritten sah sie Curt von Boddin in den Wagen des Onkels steigen. Jochen saß steif auf dem Bocke, den Peitschenstiel auf das Knie gestemmt, wie eine ägyptische Königsstatue. Und plötzlich senkte Anne-Marie blitzschnell den Kopf und wurde roth und ging weiter, bis zur Gartenpforte. Der Vetter hatte sich umgesehen und konnte meinen, daß sie seinetwegen dastand. Die Pferde zogen an; der Wagen rasselte um die Hausecke – nun durfte sie emporsehen. Im Hause suchte sie Dürten Schoritz auf und fragte, wohin Jochen fahre.

„Der Herr von Boddin wollte nach Branitz; er hat sich was zu Frühstücken geben lassen, aber hat nicht viel gegessen und getrunken; dann ist er gelaufen und wiedergekommen und hat in seinen Papieren herumgekramt, bis Jochen vorgefahren ist. Das ist ein merkwürdiger Mensch; er hat so was Unruhiges an sich.“

„Hat er sonst nichts gesagt?“

„Ja er hat gefragt, wann wir zu Mittag äßen und ich hab’ ihm gesagt: Klock’ Eins, aber er brauche sich nicht so sehr zu sputen; denn was den alten Herrn und Sie anbeträfe, da hätte der alte Herr gesagt, Sie wollten auf Ihren Stuben essen, und da könne er hinten allein essen, wann er wolle.“

„Hat Dir der Onkel das aufgetragen?“ fragte Anne-Marie heftig.

„Heute Morgen ja,“ war die verwunderte Antwort.

Also zu Pannewitzens fuhr er? Da würden ihn diese ja nun gleich kennen lernen. Sie war neugierig, was wohl Leonore und Hedwig Pannewitz über ihn urtheilen würden. Das mußte sie bald erfahren. Ohnehin war es Zeit, daß sie wieder einmal bei Pannewitzens einen Besuch machte. – Wie die beiden jungen Mädchen wohl ihm selber gefallen würden? Leonore war schöner, aber Hedwig war entzückend. Am Ende verliebte er sich in eine von den Beiden. Aber sie waren zu gut für ihn.

Es war eine schweigsame Fahrt, die Curt von Boddin mit dem alten Jochen machte; nur selten eine Frage, und immer eine einsilbige, zu welcher die nächste Umgebung des Wagens Veranlassung bot; ebenso selten und einsilbig war die Antwort. Endlich tauchte Branitz aus, Curt beugte sich vor und studirte mit sichtlichem Interesse die hübschen Verhältnisse des Baues, die stattlichen Bestände des Parks, einen Theil der Anlage nach dem andern.

Als Jochen das Thor passirte, wurden am Fenster ein paar weibliche Köpfe sichtbar, allein Curt hatte nicht Zeit, genauer hinzusehen; denn gleich am Thore hielten die Pferde vor Herrn von Pannewitz; der junge Mann stellte sich vor und stieg, freundlich willkommen geheißen, hinunter.

„Na, Jochen,“ fragte Herr von Pannewitz mit verschmitztem Lächeln und streichelte die langen gefärbten Bartcoteletten, „wie seid ihr denn gestern Abend nach Hause gekommen?“

Jochen verzog den breiten Mund zu vergnügtem Grinsen. „Es ist so abgegangen, Herr. Unser Baron war aber höllisch fuchtig, sodaß ich umkehren mußte, und ich dachte schon, er würde über das Thor steigen, Unterwegs hat er sich aber gegeben, indem daß er sagte, er hätte Ihnen zweihundert Thaler abgenommen und hätte Sie auch mal mit Bartfarbe gefoppt – dafür hätten Sie sich wohl revanchirt.“

Herr von Pannewitz lachte, als ob er ersticken sollte, wie denn die ganze rundliche Figur der Ausdruck des Behagens und munterer Laune war.

„Ein Original, Ihr Herr Onkel!“ sagte er, zu Curt gewandt. „Wir haben gestern einen Spaß mit ihm gehabt“ – und nun erzählte er die Geschichte. „Sie werden Ihre Noth mit dem alten Baron haben, Heer von Boddin; denn er kann sehr kratzbürstig sein, wenn er gereizt wird, ja unter Umständen mehr als grob. Im Grunde ist er ein guter alter Bursche, voll der possirlichsten Einfälle. Aber kommen Sie hinauf! Ich will Sie meinen Damen vorstellen.“

„Verzeihung!“ sagte Curt, dem zunächst die burschikos lustige Weise der neuen Bekanntschaft wenig zusagte; „wie Sie sehen, bin ich zu einer formellen Visite nicht gerüstet; ich wollte mir das auf einen späteren Tag versparen. Was mich zu Ihnen führt, ist nur eine dringliche Angelegenheit.“

Er klärte Herrn von Pannewitz über die Erfahrung auf, die er mit dem Onkel gemacht.

„Das sieht ihm ähnlich,“ lachte Dieser auf der Treppe, dem Gast die Hausthür öffnend. „Sie riskiren immer, daß er aus seiner Drohung Ernst macht. Na, kommen Sie nur herauf! Meine Damen sind nicht so scharf auf den schwarzen Frack, und ich will Sie schon entschuldigen. Bleiben Sie über Mittag hier. und seien Sie mein Gast – keinen Widerspruch! Den giebt’s auf Branitz nicht. In Pelchow schlucken Sie nur mit Aerger, was Ihnen der alte Drache, die Dürten, zusammenbraut. Nach dem Essen fahre ich mit Ihnen nach Pelchow – wissen Sie was? Ich nehme das ganze Weibervolk mit hinüber; meine Mädchen und die Lebzow sehen sich gern einmal wieder; die können helfen, den Alten zahm machen. Nettes Ding, die kleine Lebzow, wie? Die müssen Sie auch zur Hülfe nehmen; die hat ’ne Art, dem Teufel ein Ohr abzuschmeicheln. Das ist auch die Einzige, die Pelchow ein Bischen menschlich zu machen verstanden hat. – Kinder, hier bringe ich Euch Herrn von Boddin aus Teterow, der jetzt Pelchow für den Alten bewirthschaften wird – meine Frau, meine Töchter Leonore, Hedwig –“

Curt von Boddin fing bald an, sich in diesem Kreise zu gefallen. Die Damen waren liebenswürdig, Frau von Pannewitz, die einst in Schwerin Hofdame gewesen, hatte sogar etwas Distinguiertes. Beide Mädchen gaben sich freier, besonders die jüngere, Hedwig, welche mehr in die Art des Vaters schlug. Nur war es Curt fatal, daß Herr von Pannewitz seine Angelegenheit den Frauen zum Besten gab und daß auch diese sie nur von der komischen Seite nahmen. Unwillkürlich schweiften seine Gedanken in den mageren herbstlichen Garten hinter dem Herrenhause von Pelchow zurück, in den Garten mit seinen Sonnenrosen, Dahlien, Astern, feiner Reseda, und mit der feindlichen Cousine Lebzow, die heute in Curt’s Erinnerung eher vornehm und stolz aussah, als ländlich, wie sie ihm gestern erschienen. Die dürre wüste Umgebung, in der sie lebte, hob ihr Bild merkwürdig farbig heraus, und ihm, dem mehr zum Ernst neigenden Manne, war die abwehrende, feindliche Haltung reizvoller, als die behagliche Liebenswürdigkeit hier, die ihn wie ein laues Bad umspülte. Dennoch: wenn seine Aufmerksamkeit von der Unterhaltung gefesselt war, fühlte er freundlich das Wohlthuende guter Formen und einer eleganten Umgebung, an welche seine Vergangenheit ihn gewöhnt hatte. Das Essen war gut, der Wein vorzüglich – die Cigarren muthmaßlich auch, allein Curt rauchte nicht. Die Idee, nach Pelchow zu fahren, fanden die Damen allerliebst, und der Gast hatte wieder das ausschweifendste [761] Lob der Cousine Lebzow zu hören, welches er stumm und doch innerlich befriedigt aufnahm. Als der hübsche offene Landauer vorfuhr, mußte Curt mit den Damen zusammen im Fond Platz nehmen, während Herr von Pannewitz sich zum Kutscher auf den Bock setzte. Jochen hatte man längst voraus geschickt; es wäre ja viel gemüthlicher so, setzte Pannewitz aus einander. „Je näher, je besser – wie der Dieb zur Mettwurst sagte.“

Als die Gesellschaft um die Waldecke bog, erhob sich Hedwig von Pannewitz ein wenig und rief dann plötzlich:

„Dort kommt Anne-Marie uns entgegen.“

[762] Der Wald war auf der Branitzer Seite ungefähr ebenso weit von Pelchow entfernt, wie aus der Langendorfer, so dauerte es noch zehn Minuten, ehe der Wagen neben Fräulein von Lebzow hielt, welche die Pannewitzische Familie lebhaft begrüßte, Curt indeß keines Blickes würdigte. Es entstand ein Streit, wer aussteigen und gehen und wer weiterfahren sollte; Herr von Pannewitz entschied, daß der Kutscher zu Fuße nachkommen, der junge Boddin dessen Stelle auf dem Bocke, Anne-Marie den leer gewordenen Platz im Fond einnehmen solle. Curt wechselte stumm den Sitz.

Man kam bald in Pelchow an. Der alte Baron ließ sich nicht sehen, und Anne-Marie lud die Damen mit einem Anflug von Verlegenheit ein, ihr in den Garten zu folgen, um den Kaffee in der Laube zu trinken. Herr von Pannewitz übertrug Jochen die Pferde und nahm Curt’s Arm, der sich flüchtig von den Damen verabschiedet hatte.

„Kommen Sie, Herr von Boddin! Wir müssen den Bären in seiner Höhle aufsuchen.“

Er spähte in das Fenster, welches den Zugang zum Zimmer des alten Herrn bildete, und klopfte dann.

„Mach’ mal auf, Boddin! Was den Teufel: bist Du ungesund, oder was fehlt Dir, Franz?“

Curt gewahrte durch die Scheiben, daß der Onkel rittlings auf einem Holzstuhle saß, die Lehne nach vorn, wie im Friseursalon. Er kehrte ihnen in dieser Positur den Rücken zu. Neben ihm kauerte der Bernhardiner, so steif wie sein Herr.

„Schweig still, Fritz!“ tönte es dumpf aus dem Zimmer. „Ich will nichts von der Sache wissen. Du bist auch so’n Cujon; hast mir gestern den Sack mit Häcksel aufgeschnitten, und nun läßt Du Dich mit dem Teterower ein. Wenn der Teufel zwischen Euch geht, ist der Beste in der Mitte – das sag’ ich. Wenn Ihr mich genug von meiner Rückseite gesehen habt, dann könnt Ihr wieder gehen.“

„Du bist ’n rechter alter Esel,“ rief Pannewitz, Curt zublinzelnd; „wenn ich zu Dir hinein will, schlag’ ich Dir einfach das Fenster ein –“

„Das sonst Du mal probieren – das probir’ mal!“ rief der alte Baron zornig. „Dazu hab’ ich meine Fenster nicht einsetzen lassen. Und ich habe hier meinen Hund, der ist auf den Mann dressirt.“

„Du bist doch wie die Kinder, Franz,“ meinte Pannewitz einlenkend, indem er Curt einen Wink gab, bei Seite zu treten; „wenn sie sich vor etwas fürchten, stecken sie den Kopf in’s Bett. Ich will, ganz allein, wegen ’ner ernsten Sache mit Dir reden, daß Du nicht in Ungelegenheiten kommst, und nun betreibst Du solche Dummheiten, Reden kannst Du ja immer mit mir; wenn Dir meine Worte nicht gefallen, hast Du Deinen freien Willen.“

„Die Worte sind gut, aber in’s Dorf komme ich doch nicht, wie der Wolf sagte,“ knurrte es drinnen beruhigter.

„Wenn Du Deinen besten Freund aufgeben willst, dann bleib’ sitzen, Franz! Dann fahre ich wieder nach Branitz zurück, und Du kannst Dir auf Pelchow die Zeit mit Mäusefangen vertreiben und mit Dürten Schoritz Sechsundsechszig spielen. Mich kriegst Du nicht wieder zu sehen. Adschüs auch!“

„Wart’ mal, Fritz, wart’ mal!“ rief der Alte hastig. Und nach einer Weile setzte er hinzu: „Na, ich kann ja wohl mit Dir reden, aber blos mit Dir. Der Teterower kommt mir nicht zu nahe.“

Curt von Boddin war innerlich empört. Die Rolle, die er hier verurteilt war zu spielen, kam ihm lächerlich und entwürdigend genug vor. Allein er bezwang sich auch diesmal und schritt, seinem Verbündeten zunickend, um die Hausecke. Er hörte, wie jenseits das Fenster aufgeschoben wurde und Herr von Pannewitz hineinstieg. Dann schritt er langsam auf und ab. Die Verhandlung konnte ja so lange nicht dauern und allein zu den Damen sich zu begeben, war er nicht in der Stimmung.

Beladene Wagen langten an, und er musterte die schlecht gepflegten Pferde und die allzugeringe Belastung. Die Leute kümmerten sich anscheinend nicht um ihn, und doch fing er verstohlene und, wie ihm dünkte, nicht eben freundliche Blicke auf. Sein Entschluß stand fest, der peinlichen Situation, in der er sich befand, rasch ein Ende zu machen.

Endlich erschien Herr von Pannewitz wieder, verdrießlich lachend und mit dem Kopfe schüttelnd.

„Sie werden wohl nicht um die gerichtliche Hülfe herum kommen, Herr von Boddin. Der Alte ist ganz aus dem Häuschen und will es auf einen Skandal ankommen lasten. Als er mir sagte, daß Anne-Marie schon mit ihm gesprochen und daß er auch sie abgewiesen hätte, wußte ich Bescheid. Was die nicht fertig dringt, schaffen wir Anderen alle nicht! Gehen wir zu den Damen! Vielleicht besinnt er sich doch noch ‚Auf einen Schlag giebt der Bauer die Tochter nicht fort,‘ sagt das Sprüchwort.“

„Ich kann nicht darauf warten, ob es meinem Onkel gefällig ist, sich zu besinnen,“ sagte Curt finster. „Ich habe Pflichten übernommen und ich bin für ihre Wahrung verantwortlich.“

„Kann ich Ihnen nicht verdenken,“ meinte Herr von Pannewitz, die Achseln zuckend.

Als sie in den Garten kamen, wurden sie von den Damen sofort wegen des Erfolges der Verhandlung befragt.

„Nichts zu machen,“ sagte Herr von Pannewitz. „Anne-Mariechen hat ihm ja auch schon versucht den Kopf zurecht zu setzen; der Alte war ganz elegisch darüber. Er hätte es nicht für möglich gehalten, daß sie sich mit seinem ausgesprochenen Feinde in ein Bündniß einlassen könnte. Ihm ist eben nicht zu helfen.“

Anne-Marie war glühend roth geworben und blickte einen Moment zu Curt von Boddin hinüber, der sie forschend ansah und damit ihre Verwirrung nur vermehrte.

„Ich konnte nicht anders,“ stammelte sie; „es geschah ja zum Besten des Onkels –“

„Nein, nein, mein liebes Kind,“ fiel Herr von Pannewitz ein, „Du hast ganz recht gethan. Er ist Dir auch nicht weiter böse darum.“

„Ich bilde mir nicht ein, daß Ihr Wort zu meinem Besten gesprochen wurde, Cousine Lebzow,“ warf Curt ernsthaft hin. „Sie werden mich aber entschuldigen, wenn ich zu anderen Mitteln greife, um dem Rechte Geltung zu verschaffen. Möchten Sie dem Onkel gefälligst mitteilen, daß ich morgen von seiner Erlaubniß Gebrauch machen und Jochen für eine Fahrt nach Demmin in Anspruch nehmen werde?“

Es wollte keine rechte Stimmung auskommen. Man trank den Kaffee, promenirte ein wenig – dann ging Herr von Pannewitz, um anspannen zu lasten. Curt hatte Frau von Pannewitz den Arm geboten; die jungen Damen blieben unter sich, und da gab es, vorsichtig in der gehörigen Entfernung, Mädchengespräche.

„Nun, wie findet Ihr ihn?“ Es war Hedwig von Pannewitz, die so fragte.

„Steifleinen und arrogant,“ sagte Anne-Marie heftig. „Ich bin schon ganz mit ihm fertig.“

„Ich finde ihn ganz hübsch,“ meinte gedämpft die volle Altstimme von Leonore. „Eine stattliche Figur, und auch sein Gesicht gefällt mir.“

„Aber die Nase ist vorn etwas breit und der Mund zu scharf,“ meinte Hedwig. „Ich glaube nicht, daß ich einmal Verlangen haben könnte, ihn zu küssen trotz des hübschen Bärtchens.“

„Du bist nicht gescheidt, Hedwig. Wer denkt an so etwas? Aber er hat ganz frische Farbe – das habe ich gern. Steif ist er – das ist wahr, und ich halte ihn nicht gerade für einen amüsanten Gesellschafter.“

„Und doch hat er Geist und etwas Männlich-Entschiedenes, etwas Kräftiges,“ warf Anne-Marie hin.

„Ich bin der Ueberzeugung, daß er sich aus Damen nicht viel macht und es nicht für der Mühe wert hält, Geist zu – – pst!“

Hedwig legte den Finger an den Mund und flüsterte blos noch rasch Anne-Marie ins Ohr:

„Wenn er nur nicht immer den gräulichen Kneifer auf der Nase hätte! Verlieb’ Dich nicht in ihn, Anne-Marieken!“

„Bitte, ich lasse ihn Dir!“ war die leise Antwort

Pappa Pannewitz kam und rief zum Wagen, und bald saß die Familie zur Abfahrt gerüstet.

„Adieu Anne-Mariechen und grüße den Onkel! Er wäre heut sehr ungezogen gewesen.“

„Adieu Heer von Boddin, auf baldiges Wiedersehen in Branitz! Kommen Sie, so oft Sie Zeit haben.

„Adieu liebstes Anne-Marieken – und was ich Dir gesagt habe!“

Hedwig’s Finger drohte vor dem lachenden Gesicht, als der Wagen um die Ecke bog, und Anne-Marie, der die [763] Drohung galt, stand blutroth und innerlich geärgert da und setzte in ihrer Verlegenheit und Beklommenheit eine ganz unnahbare Miene auf.

Sie hatte nicht vermeiden können, daß der Wagen sie neben Curt von Boddin zurückließ, und wie peinlich war es, so allein mit einem Gegner zu sein, den man am liebsten als nicht auf der Welt vorhanden betrachtete! Endlich raffte sie sich auf und ging unter stummer Verneigung gegen ihn, der mit verschränkten Armen dastand, zur Hausthür, um ihr Zimmer aufzusuchen. Sie fürchtete in diesem Augenblicke, er möchte sie ansprechen.

Curt folgte ihr mit den Augen, bis sich die Hausthür hinter ihr geschlossen hatte, dann wandte er sich kopfschüttelnd herum.

„Thörichtes Kind!“ sagte er zwischen den Zähnen.

[773]
5.

Curt fuhr am nächsten Tage doch nicht gleich nach Demmin, Irgend eine heimliche Macht zwang ihn, auf etwas Anderes zu denken, was etwa geeignet war den Onkel wirksamer zu beeinflussen, als dies Herrn von Pannewitz gelungen. Der Jurist und Mann des strengen Gesetzes wurde plötzlich von Scrupeln der Weichherzigkeit geplagt, über die er sich gegen Anne-Marie so wegwerfend geäußert.

Er besann sich, daß der Landrath des Kreises, Herr von Wedel auf Bornitz, der Vorgesetzte des Onkels in dessen Eigenschaft als Ortsobrigkeit von Pelchow, ein alter Freund der Familie war. Zu diesem fuhr er, setzte ihm die Verhältnisse aus einander und bat um sein persönliches Eingreifen. Ihn müsse der Onkel anhören; ihm werde er auch glauben, wenn er ihm die Consequenzen seiner Halsstarrigkeit klar mache.

„Vielleicht, und sicher zum Vortheil des Gelingens, erinnern Sie ihn auch an das Schicksal meiner Cousine Lebzow, die er bei sich hat und für die er eine große Vorliebe empfindet.“

Herr von Wedel ließ anspannen und fuhr sofort mit Curt nach Pelchow, während Jochen mit dem Pelchower Fuhrwerk in Bornitz verblieb. Der Baron war ausgeritten, und man griff den ersten besten Mann auf, um ihn durch diesen auf den Hof bitten zu lassen. In der Zwischenzeit unterhielt sich der Landrath mit Anne-Marie.

Curt ging im Garten mit Beiden auf und ab, froh, daß die Wege meist zu schmal waren, als daß er auf einer Linie mit ihnen hätte gehen können. Nur zuweilen wandte der Landrath den Kopf ein wenig und zog ihn zu ein paar flüchtigen Bemerkungen heran. Es schien ihm, als seien Anne-Marien’s bittere Klagen, wie sehr dem Onkel der Wechsel der Verhältnisse auf dem Gute nahe gehen, an seine Adresse gerichtet, und einmal war’s ihm sogar, als hätte das braune Auge, welches ihr Profil ihm zeigte, mit raschem Seitenblicke sein Gesicht gestreift. Uebrigens hatte sie andere Toilette gemacht; das mattgrüne Kleid mit weißem Spitzenbesatze erschien für die ländliche Umgebung vielleicht etwas zu anspruchsvoll, aber es stand ihr gut.

Endlich ließ Hufschlag jenseits der Mauer die Ankunft des Barons vermuthen.

„Erlauben Sie mir, daß ich Sie zu ihm führe, Herr Landrath!“ sagte Anne-Marie hastig; „Sie müssen ohnehin durch mein Zimmer gehen. Onkel hat die seltsame Angewohnheit, durch’s Fenster zu steigen, und ist nicht zu bewegen, sich einen besondern Eingang herstellen zu lassen.“

„Das kenne ich von früher her, liebes Kind; damals war überhaupt nicht anders zu ihm zu gelangen. Auf Wiedersehen, Herr von Boddin – ich gehe wohl klüger ohne Sie. Ich hoffe das Beste.“

Der Baron war in sehr übler Laune angelangt; denn er ahnte den Zweck dieses Besuches. Er war inzwischen bereits durch sein Fenster gestiegen und empfing den Landrath mit mürrischem Gesichte, was dieser indeß nicht zu bemerken schien.

„Lieber Boddin,“ setzte er gemüthlich und doch theilnahmsvoll von einem Stuhle her aus einander, den er sich herangezogen, „hier hilft kein Zittern vor’m Frost; Sie haben die Wahl: entweder Sie überliefern Ihrem Neffen das Gut und bleiben in aller Gemüthsruhe hier, oder Sie lassen sich von der Polizei einsperren und vielleicht einen Theil Ihrer Leute mit, leben viel, viel kümmerlicher in einem kleinen Neste und ziehen das Geschick Ihrer liebenswürdigen Nichte mit in diese Misere hinein.“

„Das ist aber eine offenbare Ungerechtigkeit,“ murrte der alte Herr aufgeregt, und die kleinen wässerigen Augen sahen aus, als ob sie die Absicht hätten, auf den Landrath zu springen. „Das ist mein Gut, und ich hätte die verdammten Juden auch bezahlt. Und das will ich mit meinen Leuten schon zwingen, daß mich keine Polizei hier wegholt. Soldaten schicken sie mir doch wohl nicht her.“

„Warum nicht, lieber Freund? Die können Sie in drei Tagen hier haben, wenn Sie’s darauf ablegen.“

Der Alte brummte wie eine knurrende Dogge vor sich hin.

„Wie lange können sie mich denn einspunden?“

„Je nachdem, Bester; ein paar Monate, auch ein paar Jahre, wie Sie’s haben wollen. Machen Sie sich keine Flausen vor, und stellen Sie sich vor die nackte Thatsache!“

In finsterem Nachsinnen brach der Widerstand des Barons.

„Dann hol’s der Teufel! Meinetwegen will ich dem Kerl die Papiere alle geben, die ich habe; damit mag er machen was er Lust hat. Aber ärgern kann ich ihn doch, Landrath – wie?“

„Wenn Sie in den Grenzen des Gesetzes bleiben, ohne Zweifel. Ich rathe Ihnen indessen nicht dazu, alter Freund; denn es könnte Ihrem Neffen eines Tages einfallen, das Gut nicht nur allein bewirthschaften, sondern auch allein bewohnen zu wollen.“

„Das soll er nur thun; er soll seinen alten Vatersbruder nur aus seinem ererbten Hause ’rauswerfen! Muß ich ihm die Tagelöhner auch übergeben, Landrath?“

„Soweit sie in festem Contract zum Gut stehen und nicht freie Arbeiter sind, ja. Ich denke aber, daß auch diese Arbeiter [774] hier in Häusern wohnen, welche Gutseigenthum sind; natürlich unter der Bedingung, daß sie für das Gut arbeiten. Weigern sie sich, weiter zu arbeiten, so entzieht man ihnen einfach die Wohnung.“

„Sonst passirt ihnen weiter nichts?“ fragte der Baron mit gespanntem Seitenblick.

„Ich denke, das wäre genug.“

„Nein, das reicht nicht,“ meinte der Alte trocken. „Dat is ’n Spaß, sägt Maaß.“ Und er lachte einen Augenblick kurz auf aber es war ein zorniges Lachen.

„Ich kann Ihnen nur rathen: ordnen Sie die Sache in Gutem, Boddin!“

„Na adschüs, Landrath! Nun ist’s mir leichter um das Herz.“

Die beiden Männer waren aufgestanden und schüttelten einander die Hände. Während der Landrath im Nebenzimmer noch ein paar freundliche Worte zu Anne-Marie sprach, ihr das tröstliche Resultat mittheilte und ihr zuredete, zu thun, was sie könne, um den Onkel von Plänen gegen Curt abzubringen, blieb der Baron zurück und begann sofort sein Schreibpult auszukramen. Die Abfahrt des Wagens störte ihn.

„Na, er will ja doch wohl nach Demmin, weil er Jochen in Bornitz gelassen hat,“ sagte er, überrascht zum Fenster hinausblickend, „da fährt er ja wieder mit dem Landrath ab.“

Er sah den Wagen im Thore verschwinden. Auf dem Steinpflaster vor dem Fenster lag sein der Bernhardiner, hatte den Kopf ein wenig erhoben und schaute gleichfalls hinterdrein.

„Faß, Dana!“ zischte der alte Herr unwillkürlich zwischen den Zähnen. Dann hörte er hinter sich die Thür gehen und Anne-Marie’s Kleid rascheln.

„Ich habe es nun doch gethan, mein liebes Anne-Marieken“ meinte er gedrückt. „Du kannst mir mal helfen, die Schreiberei für die Pogge auszusuchen; Du machst das fixer als ich.“ – – –

Curt war froh über die glückliche Lösung; selbst die Andeutungen des Landraths wegen drohender weiterer Schwierigkeiten vermochten nicht, ihm die Freude zu verkümmern. Aergern mochte ihn der Onkel soviel er wollte, wenigstens war ihm eine ersprießliche Thätigkeit, vor Allem die Erfüllung der übernommenen Pflicht seiner Meinung nach gesichert. Er hatte es so eilig, sich in die Arbeit zu stürzen, daß er es ausschlug, die Nacht auf Bornitz zu verweilen, und direct nach Demmin weiter fuhr, um im Verlaufe des nächsten Tages möglichst viel besorgen zu können.

Am liebsten wäre er den folgenden Abend schon wieder in Pelchow gewesen. Eine Unruhe, die er selbst nicht recht begriff, plagte ihn, und hinter der Unruhe stand das dürftige, ungastliche Gutshaus von Pelchow wie eine Heimath des Friedens. Und doch war jene Unruhe etwas Wohlthuendes, wie es der kühle, in sich abgeschlossene Mann noch nie empfunden:

Er hatte keine Ahnung, daß in seiner Abwesenheit zu Pelchow Minen gegen ihn gelegt wurden, indeß er selbst für den Ort wie für eine ferne Heimath zu fühlen begann.

Der Baron hatte mit Anne-Marie alles zusammengesucht und geordnet, was sich an Actenmaterial vorfand. Das junge Mädchen war mit großer Sorgfalt und Accuratesse verfahren; da lagen gesondert die Papiere, welche Gutsangelegenheiten betrafen dort alles, was mit der an die Gutsherrschaft geknüpften amtlichen Befugniß zusammenhing; jeder Stoß wieder mehrfach in sich geschieden und das Verwandte mit Band umschlungen und mit einem Zettel versehen, welcher den Inhalt angab. Anne-Marie schrieb die Notizen mit ihrer klaren, hübschen Handschrift. Der Baron saß zuletzt nur auf dem Kanapee oder er ging in der Stube auf und ab, Auskunft gebend und dazu in Pausen eine kurze Jagdpfeife rauchend. Bis in die Nacht hinein dauerte die Arbeit; denn wie Kraut und Rüben hatte alles durch einander gelegen; die ganze Schreiberei war dem alten Herrn ein Gräuel, und schon seit lange hatte Anne-Marie ihm helfen müssen. Manches Werk von ihrer Kinderhand fand sie jetzt wieder, das sie mit stillem Lächeln betrachtete.

In später Stunde näherte sich der Baron dem Fenster.

„Geh mal in Deine Stube, Döchting,“ sagte er. „Ich will hier was Luft herein lassen, daß Du nicht den Husten kriegst von dem Tabaksrauch. Du sollst mir nicht zu Schaden kommen. Nimm die Lampe mit ’rüber! Ich muß ’raussteigen; denn ich erinnere mich eben, daß ich was vergessen habe, was ich noch besorgen muß.“

Anne-Marie sah ihm befremdet zu, wie er das Fenster aufschob und hinausstieg.

„Setze doch Deine Mütze auf, Onkel! Es ist kalt draußen.“

„Laß nur, Döchting, ich gehe blos um das Haus zu den Knechten.“

Er stand draußen, zog wieder schnaufend die Luft ein, wie er gern that, und blickte in den klaren Sternenhimmel. Ein kühler Nachthauch wehte; es war so still; nur in irgend einer Hundehütte rasselte eine Kette und im Stalle brummte eine Kuh. Endlich seufzte er tief auf und begab sich zu der anderen Seite des Hauses, wo er hart an den Laden eines zur Knechtestube gehörigen Fensters klopfte.

„He, Leute! Kukt mal ’raus!“

Nach wiederholtem Pochen und Rufen klirrte endlich das Fenster, und hinter dem geöffneten Laden kam ein Gesicht zum Vorschein.

„Mein Sohn, bist Du auch munter, daß Du ordentlich hörst, was ich hier rede?“

„Ja wohl, Herr!“

„Na, dann sag mal morgen früh zu Drewes, wenn er kommt, daß ihr morgen nicht zu arbeiten braucht. Klock sieben soll alles, was auf dem Gute arbeitet, ausgenommen den Schulmeister und die aus dem Armenhause, sich vor meinem Fenster versammeln, indem daß ich eine Ansprache an sie halten will. Hast Du mich verstanden, mein Sohn?“

„Ja wohl, Herr!“

„Nun siehst Du, mein Sohn, nun leg Dich wieder hin!“

Der Laden schloß sich, und der Baron ging langsam zu seinem. Fenster zurück. Noch einmal blieb er stehen und sah zum Himmel auf. Der Orion blitzte in voller Pracht; da höher über das Gut hin, zog sich der weißliche flimmernde Streifen der Milchstraße. Es schwamm ihm vor den Augen.

„Herrgott,“ sagte er halblaut mit zitternder Stimme, „das hast Du mir nun anthun können, und ich habe Dir doch nichts zu Leide gethan.“

Damit stieg er in seine Stube und ließ das Fenster herunter. Anne-Marie kam mit der Lampe.

„Willst Du nicht zu Bette gehen, lieber Onkel?“ fragte sie weich. „Es ist schon spät.“

„Sieh erst mal zu, Anne-Marieken, ob Dürten noch auf ist! Sie soll das Zeug da Alles in die Eßstube schaffen; denn nun mag ich damit nichts mehr zu thun haben.“

Dürten flickte und stopfte noch. Nach ein paar Gängen war durch sie und das junge Mädchen die Umräumung bewirkt. Als Anne-Marie zuletzt zurückkehrte, brannte einsam die Lampe auf dem Tische und beschien den kraushaarig grauen Kopf des alten Herrn, den er in die aufgelegten Arme vergraben hatte. Anne-Marie erschrak; denn auf die Frage, ob ihm etwas fehle, rührte er sich nicht. Rasch trat sie näher und hörte einen tiefen zitternden Athemzug; da legte sie die weichen vollen Mädchenarme um den armen Baron und streichelte ihn mit der einen Hand so sanft über den Kopf und sagte:

„Mein guter armer Onkel!“

Langsam richtete sich der Alte auf. In dem fast burlesken Gesichte zuckte und bebte es, und das gewaltsame Vorschieben der Lippen und die gerunzelten Brauen bekundeten äußerste Anstrengung, die Herrschaft über sich zu behaupten.

„Siehst Du, liebes Anne-Marieken, nun ist Alles aus – nun bin ich ein armer Mann –“

Ein schmerzliches Stöhnen folgte, und dann ergab sich der Alte dem Uebermaße des Schmerzes; die Thränen quollen ihm reichlich aus den kleinen blinzelnden Augen und liefen die welken Wangen nieder und tropften in das dicke wollene Halstuch darunter.

„Meine Vorfahren haben auf Pelchow gesessen, und ich bin nun der Letzte, und sie haben mich nicht mal ruhig hier sterben lassen, sondern mir mein Erbtheil noch bei Lebzeiten aus den Händen genommen. Das thut mir sehr weh, mein liebes Anne-Marieken; ich glaube, das ist wohl das erste Mal seit meinen Kinderjahren, daß ich weinen muß; Du mußt mir das nicht übel nehmen“

Das junge Mädchen stand neben ihm, hielt seinen Kopf umfaßt und weinte mit, indem sie ihm zärtliche Namen gab wie einem Kinde.

„Du bist doch aber nicht der Letzte, mein guter Onkel; der [775] Onkel Albrecht in Teterow ist ja auch Deines Vaters Sohn, und der Vetter Curt wird schon so für Dich sorgen, daß Du nicht arm bist.“

„Sieh mal, das schmerzt mich, mein Döchting, daß Du so was sagst. Was mein Bruder, der Teterower, ist, den rechne ich gar nicht zur Familie, der ist auf die Hörtjes geschlagen – das sind reiche Holländer, von denen meine Mutter herstammte. Ich habe ihn auch von meiner Jugend her nicht leiden können; denn er ist ein Cujon, der mich immer geärgert hat. Und was seinen Sohn anbetrifft, das ist ein Rindvieh; der hat gar nichts für mich zu sorgen; der hat mir mein Theil auszubezahlen was mir zukommt. Laß Dich mit dem Kerl nicht ein, Anne-Marieken! Das ist so’n Glattschnacker; der redet Dir was vor, und nachher läßt er Dich sitzen –“

„Aber Onkel,“ rief Anne-Marie verwirrt, „wie kommst Du auf diese Idee! An so Etwas denkt Keiner von uns Beiden. Er hält mich für ein dummes Dorfmädchen und ich ihn für einen unverschämten Menschen. Wir sind schon ganz zerfallen mit einander, und ich rede kein Wort mit ihm und gehe ihm aus dem Wege, wo ich kann.“

Sie trat von dem alten Herrn zurück, der lebhaft aufsprang und, sich mit einem großen rothen Taschentuche über das Gesicht wischend, ein Mal über das andere ausrief:

„Das ist recht, das ist recht, mein Döchting; nein, das ist mir ’ne wahre Herzensfreude. Und nun sollst Du mal sehn, wie wir den Curt ärgern; ’n Spaß wird das‚ Kumm man ranner!’ sägt Zanner. Und morgen früh geht das los.“

Er ging mit den klirrenden Sporenstiefeln hin und her, rieb sich die runzligen Hände und hatte die ganze weichmüthige Stimmung überwunden.

„Aber Du nimmst Dich doch in Acht, Onkelchen, daß sie Dir nichts anhaben können?“ sagte Anne-Marie ängstlich.

„I wo werd’ ich nicht! Geh nur ganz ruhig zu Bett! Du hast Dich heut’ etwas übernommen. Steck mal das Licht an, Döchting!“

Noch geraume Zeit hörte ihn Anne-Marie von ihrem Zimmer aus herumwandern und Selbstgespräche halten. Sie stand vor dem Spiegel, ehe sie sich auszukleiden begann, in dem einfachen Kleide, das sie für’s Durchstöbern der staubigen Acten statt des eleganteren eingetauscht, und betrachtete sich aufmerksam. Sie lächelte, machte ein ernstes, dann wieder ein hochmütiges Gesicht, strich sich das strohblonde Haar tiefer in die Stirn und wieder hoch, daß das kleine wilde Gekräusel über der Stirn volle Freiheit erhielt; sie ließ, die Lampe in der Hand, den Schatten so und anders wirken und hielt am längsten an, als er das feine Grübchen im Kinn vertiefte. Alles das geschah nicht kokett, sondern mit prüfender Gewissenhaftigkeit.

„Gott – häßlich bin ich doch eigentlich nicht,“ flüsterte sie dann vor sich hin; „und dumm sehe ich auch gerade nicht aus, oder wie ein Kind. Ich begreife wirklich nicht, warum mich Curt so von oben herunter behandelt. Es ist zu peinlich, wenn wir nun wochaus, wochein mit einander auf dem Kriegsfuße stehen sollen. Aber gefallen lasse ich mir nichts.“ – Und dann dachte sie: „Dem Onkel hat er eigentlich direct nichts zu leide gethan, und er ist übrigens im Recht gegen ihn. Da sollte der doch den Widerstand nicht zu weit treiben.“ – Endlich begann sie die Nadeln aus dem Haar zu ziehen und lachte heimlich auf, nachdem sie einen tiefen Atemzug getan. „Die Hedwig ist köstlich!“

Der Morgen kam. Das Hofthor knurrte und ließ mit Gerät beladene Gestalten ein; die Botschaft des Barons flog von Mund zu Mund. Sie ward jedem neuen Ankömmling aus den am Thore harrenden Gruppen entgegengerufen und fast von jedem ungläubig begrüßt. Zuletzt lief man in’s Dorf und holte zusammen, was etwa noch vermißt wurde. Das seltsame Ereigniß war der Gegenstand verschiedener Muthmaßungen, welche dahin gipfelten, daß der alte Herr wohl „abdanken“ werbe.

„Ist denn der junge Herr da?“

„Nein, er ist gestern mit dem Landrath gefahren und noch nicht wiedergekommen“

„Das ist doch merkwürdig; der muß doch dabei sein.“

„Vorm Fenster vom alten Herrn sollen wir stehen? Das geht ja gar nicht wegen der Nesseln“

„Wir wollen ein Theil umhauen,“ commandirte Drewes. „Das alte Zeug steht auch für nichts da.“

Ein paar Leute nahmen ihre Sensen und hieben hinein; die anderen sammelten sich als Zuschauer. Bald war Platz geschafft und das Kraut zusammengehackt. Als die Uhr, welche Drewes in der Hand hielt, sieben zeigte, waren gegen hundert Leute da bei einander und blickten neugierig auf den Laden vor dem Eingangsfenster des Barons, welchen der Gutswächter, wie immer, in der Nacht geschlossen halte.

Kurz nach sieben wurde drinnen das Fenster aufgeschoben; der Laden flog auf und das Gesicht des alten Herrn nickte befriedigt heraus.

„Guten Morgen, Herr Baron!“ „Guten Morgen, Kinder!“

Einen Augenblick musterte er blinzelnd die Menge; dann blickte er prüfend nach dem Wetter. Er hatte wieder den grünen Rock mit Messingknöpfen an und das Tuch um den Hals gebunden, und sein Haar war wirr und struppig. Die Leute standen so still, daß man sein kurzes Schnaufen genau hörte.

„Ich habe Euch hierher bestellt,“ hub er endlich an, „wegen einer wichtigen Sache, und es ist mir lieb, daß Ihr Alle gekommen seid, indem daß ich daraus sehe, daß Ihr mich doch noch für Euren Herrn haltet, und das bleibe ich denn auch, ausgenommen die Leute, die hier auf dem Hofe dienen, was Knechte und Mägde sind, und was erst kündigen muß, wenn’s aus dem Hofdienst gehen will – denen habe ich nichts mehr zu sagen. Denn sie haben mir mein Gut abgenommen, weil ’n paar verdammte Juden in Demmin gegen mich klagbar geworden sind, und nun haben sie’s meines Bruders Sohn ans Teterow übergeben, daß er’s in Verwaltung nehmen soll, und der ist denn auch so schlecht gegen seinen eignen Vatersbruder und tut das. Was also die Leute sind, die müssen ihm nun mal pariren, da hilft das nichts, sonst werden sie eingespundet, hat mir der Herr Landrath gesagt. Die können höchstens kündigen. Aber Euch andern hat er nichts zu sagen, wenn Ihr nicht freiwillig aus meinem Dienst in seinen geht. Ihr seid nun viel über dreißig Jahre bei mir in Lohn und Brod gewesen, und nun will ich mal fragen, wer von Euch seinen alten Herrn verlassen will und auf die Seite treten, von der ihm Schimpf und Schande erwachsen ist. Ich wollte auch nichts darüber sagen, wenn Ihr wirklich für meinen Bruderssohn die Arbeit aufnehmen solltet. Aber was das Gut einbringt, das kriegen alles die vedammten Demminer Juden, die Halsabschneider, und für die arbeitet nun einer aus meiner leiblichen Verwandtschaft, und Ihr sollt nun auch für sie arbeiten“

Der Baron machte eine kurze Pause, und das ärgerliche Gemurmel unter den Leuten überzeugte ihn, daß seine Worte den gewünschten Erfolg hatten.

„Ich habe nun freilich nichts für Euch zu thun; ich will Euch aber das geben, was Ihr braucht, damit Ihr nicht hungern müßt. Mein Bruderssohn hat das Gut noch nicht angetreten und Ihr könnt Euch vom Felde das aufsammeln, daß Ihr eine Weile genug habt – das erlaube ich Euch, aber blos, wenn einer bei mir bleiben will. Sie hätten nun wohl ein Recht, Euch die Wohnung zu nehmen – das ist aber unmöglich; denn da müßten sie Euch von Gemeindewegen unterbringen, und dazu ist kein Raum da. Sie könnten hier auch andere Arbeiter nicht kriegen; wenn hier aber keine Arbeiter sind, da sind sie mit ihrer Weisheit am Ende und müssen thun, was ich will, und da glaube ich wohl, daß sie mir zuletzt noch mein Gut zurückgeben. Aber wenn das auch nicht wäre und sie hülfen sich mit der Arbeit hin, bis sie Arbeiter aus Schweden kriegten, dann gebe ich Euch das Geld, daß Ihr nach Amerika auswandern könnt, was freilich erst im Frühjahr möglich ist. und nun, meine alten Kinder, was wollt Ihr: daß ich Euer Herr bleibe, oder daß Ihr für die Demminer Juden arbeitet und daß die Euch commandiren lassen?“

„Unser Herr Baron soll leben!“ rief eine Stimme, und sie fand reichliche Nachfolge. „Wir wollen keinen andern Herrn!“

„Das ist mir lieb, Kinder, das ist mir sehr lieb zu hören. Ihr könnt Euch das aber in Ruhe überlegen; ich will keinen Zwingen daß mir keiner nachher abfällig wird. Drewes – komm mal her, mein Sohn! Ich habe hier ’nen Bogen Papier, den kannst Du in die Schänke legen, und da soll sich jeder aufschreiben, der zu mir halten will, und heute Abend bringst Du mir das. Nun dank’ ich Euch auch vielmal, Kinder. Jochen – ach, der ist nicht da – Drewes, laß mir mal in einer Stunde mein Pferd satteln!“

[776] Der Kopf des Barons verschwand in der Stube, wo er vergnügt die Hände auf dem Rücken herum ging, indeß die Leute sich in großer Aufregung zerstreuten. Es war ein richtiger Demagogenstreich, den der alte Kauz ausgebrütet hatte; einen Fehler zeigte die Rechnung freilich auf den ersten Blick: der Baron glaubte im Recht zu sein, wenn er die Plünderung auf dem Felde erlaubte, was keineswegs der Fall war. Ihm selber konnten daraus übrigens keine Verlegenheiten weiter erwachsen, Wohl aber den Leuten. Der Einzige, der das begriff, war der Radmacher. Er war etwas zu spät gekommen, um die Rede des Barons noch zu hören, aber er wußte eine Minute nach seinem Zusammentreffen mit den aus dem Thor strömenden Dorfbewohnern, um was es sich handle.

„Unser alter Heer weiß da nicht recht Bescheid,“ warnte er; „Ihr müßt vorsichtig sein.“

„Das ist dem Herrn seine Sache.“

„Nein, das haben wir zu verantworten. Und das hilft doch nun mal nichts; wir müssen für den jungen Herrn arbeiten; das mit den Juden ist nur so ’ne Vorspiegelung. Und wenn wir nicht arbeiten, verdienen wir nichts; der alte Herr hat gut reden; er kann uns nichts geben, er hat selber nichts mehr.“

„Sie müssen ihm doch was abgeben.“

„Das reicht aber nicht für uns Alle – das müßt Ihr doch einsehen.“

„Wir werden ja sehen. Andere Arbeiter kriegen sie nicht, und im Frühjahr gehen wir nach Amerika.“

Der Gedanke an die Auswanderung schlug durch; denn die Auswanderung nach Amerika ist der Traum der Nächte jener armen Tagelöhner; er bedeutet ihnen das Zusammentreffen mit vorausgegangenen Verwandten, Selbstständigkeit, eignen Besitz. – alles, was den Blumenstrauß ihrer Wünsche zusammensetzt. Jeder Brief, der von drüben anlangt, belebt den Traum auf’s Neue; jeder Auswanderer von gestern verdoppelt auf eine Weile die Kraft des Magneten. In diesen Gegenden giebt es noch ein Amerikafieber.

Ein Dutzend Leute etwa zog der Radmacher auf seine Seite, zaghafte, friedliebende; die anderen ergaben sich Drewes, dem Statthalter, welcher für den Baron war und selbst in unmittelbarem Dienste des Gutes stand. Stehlen gingen sie fast Alle: Kraut, Rüben, Kartoffeln, Heu, Getreide von den Diemen. Man schleppte den ganzen Tag, und nur die Dürftigkeit der Transportmittel und Gelegenheit zur Unterbringung verhinderten einen Raub in fühlbarerem Maßsstabe. Am Abend trug Drewes eine lange Liste zum Baron, und die auf derselben Verzeichneten machten dem Schänkwirth bis tief in die Nacht zu schaffen.

„Das gibt ’nen schlimmen Anfang für den jungen Herrn,“ sagte der Radmacher zu seiner Frau. „Aber ich will ihm beistehen. Daß auch das Anne-Marieken dem alten Herrn nicht abgerathen hat!“

„Sie wird es schon gethan haben,“ meinte die Frau. „Alles bringt sie auch nicht fertig.“

Am späten Nachmittag verdunkelte sich der Eingang zur Werkstatt des Radmachers plötzlich, und als er aufblickte, sah er Anne-Marie von Lebzow stehen. Er legte das Schnittmesser bei Seite, mit dem er Kienspäne schnitt, um ihr die Hand zu reichen. Ihr frisches Gesicht war ungewöhnlich ernst und bekümmert.

„Radmacher, ich wollte wegen des Onkels mit Euch reden. Ihr seid ein vernünftiger Mann: glaubt Ihr, daß er da etwas Gescheidtes angestellt hat?“

„Das glaube ich eben nicht, gnädiges Fräulein; ich wenigstens lasse mich darauf nicht ein.“

„Aber wie er’s darstellt, könnte man doch weder ihm noch den Leuten etwas anhaben.“

Der Radmacher strich sich über den krausen röthlichen Vollbart. Er war ein stattlicher Mann von ruhiger Haltung, bis auf die lebhaften Augen der Typus des blonden Nordländers.

„Kann sein – auch nicht, sagte Riedel, da lebte er noch,“ war seine lächelnde Antwort. Dann wurde auch er ernst. „Ich glaube, es ist nicht recht, daß die Leute Allerlei auf dem Felde zusammenschleppen, und was den Herrn Baron betrifft, so können sie ihm wohl zur Strafe die Wohnung auf dem Gute nehmen, daß er wegziehen müßte. Er hat auch das Geld nicht, um das durchzuführen.

„Mein Gott, ich glaube, das wäre sein Tod,“ rief Anne-Marie erblassend. „Nur daß er auf dem Gute bleiben darf!“

„In das ist so ’ne Sache. Der junge Herr steht nicht so aus, als ob er sich das gefallen ließe.“

„Der Onkel läßt sich aber nichts sagen, Radmacher,“ meinte sie plötzlich, und in ihrem Gesichte spiegelte sich schwer bekämpfte Verlegenheit, „Ihr müßt mit meinem Vetter Boddin reden. Er muß Geduld haben mit Onkels Launen. Sagt ihm, er soll’s nicht zum Aeußersten treiben, soll mit den Leuten vernünftig verhandeln; er gewinnt wohl einen nach dem andern und erhält sich hier die Arbeiter, die er doch sonst schwer bekommen kann. Der Winter ist vor der Thür; vom Felde ist fast Alles herein; das Ackern besorgen die Knechte; mit dem Dreschen wird er auch notdürftig fertig. Da kann er’s schon mit ansehen. Rührt ihm das Herz, Radmacher! Es handelt sich um einen alten Mann, der sein Verwandter und schwer verbittert ist, und ein Sonderling dazu.“

Sie hatte sich roth vor Erregung gesprochen und der Radmacher ihr mit geheimer Freude. zugehört.

„Sie sollten das dem jungen Herrn selber sagen, gnädiges Fräulein; Sie können das doch viel bester, als ich,“ meinte er mit einem Anflug von Schelmerei.

„Um Gotteswillen, er darf nicht erfahren, daß ich Euch das gesagt habe, Radmacher – hört Ihr wohl? Um keinen Preis! Er thäte das Gegentheil, um mich zu ärgern.“

„Na, da will ich schweigen Aber da muß er ein sonderbares Menschenkind sein. Wollen Sie nicht ein bischen zu meiner Frau gehen? Sie würden ihr eine große Freude machen.“ – –

Gegen Abend kam noch ein anderer Besuch zu Radmachers, der Schulmeister Mederow. Zwar hatte er schon unter den Kindern Nachmittags über eigenthümliche Vorgänge im Dorfe munkeln hören, aber erst von dem Maurer erfahren, um was es sich handelte. Er war verstört und zog das hagere Gesicht mit dem dünnen Backenbärtchen sorgenvoll in die hohen Vatermörder zurück.

„Das ist schlimm für mich, Heer Radmacher! Das Bedürfniß eines Schweinestalles erheischt dringende Befriedigung, aber nun ist wohl für diesen Winter jede Aussicht geschwunden. Ich meine so, Herr Radmacher: des alten Herrn Barons Gnaden werden und können mir nunmehr das Gelaß für die Thiere nicht mehr bauen; der neue Herr aber, den ich für meinen Theil gern willkommen heiße um christlicher Ordnung willen als rechtmäßige Obrigkeit, wird durch die Widerspenstigkeit des Dorfes in solchen Zorn versetzt werden, daß er als Entgelt für die ihm widerfahrene Unbill sich weigern wird, Handreichung zu thun, um wieder herzustellen was in Trümmer gesunken ist.“

Das flackernde Licht des Kienspans lief wie ein feuriger Thränenstrom über die ernsthaften Züge des Schulmeisters, während er dies auseinandersetzte. Der Radmacher tröstete ihn, indem er versicherte, der „junge Herr“ scheine ihm ganz verständig zu sein, wenn er auch etwas „lateinisch“ aussähe; er wolle so wie so mit ihm reden und werde sich dabei auch des Schweinestalles annehmen. Allein das verfing wenig.

„Auch daß wir ihm keinen festlichen Empfang bereiten,“ fuhr jener kopfschüttelnd fort, „wird dem neuen Gutsherrn eine Kränkung sein. Wie gern hätte ich den Kindern ein Liedchen eingeübt und für mich eine kleine Ansprache ausgearbeitet; nicht minder wäre einiger Schmuck zum Streuen und Bekränzen zu beschaffen gewesen. Es hätte sich da vielleicht ein Wort, das die vernichtete Baulichkeit betraf, an guter Stelle einflechten lassen und in dem Augenblicke herzlicher Rührung der Wirkung nicht verfehlt. Nun ist diese Hoffnung geschwunden.“

„Ja, können Sie denn das nicht in der Schule abmachen Herr Mederow?“ fiel hier die Radmacherin ein, welche, an ein Paar Strümpfen strickend, bei den Männern saß. „In die Schule muß er ja doch wohl mal kommen; veranstalten Sie doch da was!“

„Das war ein guter Gedanke zu rechter Zeit, Frau Radmacherin. Wohl dem, der ein verständiges Weib hast Herr Nachbar! Das werde ich wirklich thun.“

Seine Züge hellten sich auf; der Verklärungsglanz einer Offenbarung schien auf ihnen zu liegen, und diese versetzte doch zugleich den würdigen Mann in eine nervöse Unruhe. Es litt ihn nicht mehr in der Stube, und er empfahl sich.

[793]
6.

Der folgende Tag war ein Sonntag.

Curt war frühzeitig von Demmin aufgebrochen. Vor ihm lagen verschiedene Einkäufe, in Kisten verpackt oder umwickelt und verschnürt; dazu sein Reisekoffer. Er selbst hatte sich der Morgenkühle halber in ein gewürfeltes Plaid gehüllt und eine Reisedecke um die Füße geschlagen.

Inzwischen war die Sonne höher gestiegen; der gefallene Nebel glitzerte als Thau auf den dürren Blättern am Boden, der welkenden Grasnarbe, dem Gespinnst zwischen den Stoppeln – ein echter Herbstmorgen! Hoch oben kreisten zwei Bussarde, die Curt mit den Augen verfolgte. Er hatte die angenehmsten Empfindungen, etwa wie Einer, der mehrere Jahre auf Reisen im Auslande zugebracht und nur noch zwei Stunden von der Heimath entfernt ist. Zuweilen fielen ihm auch merkwürdige Gedanken ein, in diesem Augenblick zum Beispiel der: was wohl Cousine Lebzow heute für Toilette gemacht haben möchte? Es war ja Sonntag, und ein junges Mädchen ist in jedem anderen Kleide eine Andere, auch in jeder anderen Umgebung eine Andere. Die Einen sind nur hübsch im Salon, in Prunk, in künstlicher Beleuchtung, Andere im Freien, im Hauskleide, am hellen Tage. Wieder Andere sind immer hübsch; sie erhalten nur in jeder Lage und jeder veränderten Attrape einen neuen Reiz.

Bisher hatte er sich freilich nicht für diese Thatsache interessirt; sie fiel ihm nur eben als eine gelegentlich gemachte Beobachtung ein. Große Toilette vertrug Cousine Lebzow wohl eigentlich nicht; vielleicht bei Lampenlicht, das ihre Farben milderte. Leonore von Pannewitz sah gewiß in Sammet und Schleppe am besten aus. Hedwig war wieder zarter gegliedert als Anne-Marie, aber viel unbedeutender, bei aller Lebhaftigkeit und selbst einem leisen pikanten Reiz; sie brauchte duftige Kleidung, Spitzen, feingekrausten Besatz. Für Anne-Marie waren einfache Wirkungen das Beste – nichts Majestätisches, nichts Allzulebendiges, große Farbenflächen, Weiß mit Schwanbesatz zum Beispiel, Blau, aber ganz hell oder ganz dunkel, auch Prüne –

Die Glocken läuteten vor Curt; er sah empor und zog die Uhr; sie zeigte auf Neun.

„Ist das Langsdorf, Jochen?“

„Jawohl, Herr; sie läuten zur Kirche.“

„So fahren wir über Langsdorf.“

Wie, wenn er in die Kirche ginge und nachher gleich dem Pastor einen Besuch machte? Vielleicht waren auch die Pelchower in der Kirche, das heißt der Baron und Anne-Marie von Lebzow. Jochen bog vom Wege ab, und sie näherten sich rasch dem Orte.

„Geht mein Onkel oft zur Kirche?“

„O ja, Herr; wenn das Wetter gut war, sind wir immer hingefahren. Dann bleiben sie wohl noch eine Stunde bei Pastors.“

Aber – der Tausend! Sie hatten ja keinen Wagen, und zu Fuß sind es immerhin anderthalb Stunden bis Langsdorf.

„Giebt es keinen Herrschaftswagen in Pelchow als diesen?“

„Nein, Herr. Die Art ist dem alten Herrn Baron am liebsten; denn er läßt sich gern durchschütteln. Wenn er viel gegessen hat, dann legt er sich lang auf eine Matratze, die mit Häcksel ausgestopft ist, und dann muß ich auf den schlechtesten Wegen fahren. Das hat er gern.“

„Ich weiß schon; Herr von Pannewitz hat ihm neulich die Matratze aufgeschnitten.“

„Ja wohl, Herr!“

Hm! Da war es freilich nicht anzunehmen, daß man heute die Kirche aufgesucht hatte. Der Wagen hier mußte übrigens dem Baron verbleiben und die Pferde dazu. Curt wollte sich einen hübschen Einspänner anschaffen. Es wäre grausam gewesen, dem Onkel das gewohnte Fuhrwerk vor der Nase wegzunehmen. Und im Grunde war es doch ein Marterkarren. Auch sein Reitpferd sollte dem alten Herrn verbleiben. Sie fuhren durch neugierige Kirchgänger.

„Das ist er. Das ist der neue Pelchower.“

An der Kirchmauer stand ein Leiterwagen; hinten, durch den Schutz gehalten, vier ausgestopfte Säcke, zu zweien auf und neben einander placirt, und darüber eine Pferdedecke gebreitet.

„Herr, das ist Pelchower Fuhrwerk,“ sagte Jochen, „unsere Herrschaft ist in der Kirche.“

Curt hatte eine Empfindung, als durchzittere ihn die Meldung seines Kutschers wie eine Depesche einen Draht.

„Und sie bleiben gewöhnlich nach dem Gottesdienste bei Pastors?“

„Ja, Herr!“

„So halten wir an. Ich werde in die Kirche und nach dem Gottesdienst zu Pastors gehen, und wir werden dann erst weiter fahren.“

Jochen hielt an; Curt sprang vom Wagen und betrat den Kirchhof. Welke Kastanienblätter wehten um ihn von halb kahlen Bäumen zur Erde nieder. Er kannte diese kleinen Kirchen der Gegend; sie waren so ziemlich alle nach derselben Schablone gebaut. So suchte er sich den Eingang zur Empore und stieg hinauf. Die [794] Orgel spielte; man sang. Als er oben erschien, war die Andacht gestört, so weit man ihn sehen konnte. Vom Chor her stürzte ein hagerer Schulmeister auf ihn zu: Mederow, von dem er einen Augenblick beinahe nur die Stelle des Rückens erblickte, wo das Kreuz sich bog.

„Der gnädige Herr weiß natürlich hier noch nicht Bescheid; ich erlaube mir unterthänigst, Sie zu dem Pelchower Herrnstuhl zu fuhren“

Curt wies ihn kühl ab:

„Ich werde hier oben einen leeren Platz benutzen.“

Der Schulmeister entfernte sich mit sorgenvollem Gesicht. Diese Abweisung dünkte ihm ein böses Omen.

Curt saß ruhig. Er warf nur einen flüchtigen Blick nach der Kanzel, als der Geistliche erschien: ein hochgewachsener Mann in mittleren Jahren mit blondem Lockenkopf, verständig aussehend. Es war ein Mißgriff, daß er diesen Platz gewählt hatte; das herrschaftliche Chor war auf der nämlichen Seite. Der Gottesdienst fesselte ihn nicht. Er überlegte seine Einrichtung. Wie würde es mit dem Eßsaal werden? Wenn Onkel sich beschwichtigen und gewinnen ließ, dann war alles gut. Sie aßen dann zusammen und lebten ganz gemüthlich. Warum sollte der alte Herr so hartnäckig sein? Nur ein paar Wochen Gewöhnung.

„Amen!“ sagte der Pastor. Man rührte sich in der Kirche, und in Kurzem durfte Curt hinausgehen. Die Gemeinde sang noch, als er sich bereits auf dem Kirchhofe befand. Es gehörte wirklich Muth dazu, hier auf- und abzugehen und den grimmigen Onkel und die grollende Cousine Lebzow zu erwarten; nein – nur eine gleichmütige Cousine. Er setzte den Zwicker auf.

Erst kamen Leute, die ihn anstarrten und weitergingen, dann Kinder, die ihn anstarrten und nur bei Seite traten. Endlich erschien Anne-Marie, hinter ihr der Geistliche, der Baron und ein anderer Herr, vermuthlich der Besitzer des Langsdorfer Gutes, ein junger Mann noch. Die Blicke der Kinder lenkten Anne-Marie’s Augen zur Seite, und sie glaubte, sie müsse in die Kniee sinken, als sie Curt erblickte. Aber sie verneigte sich blos steif und flüsterte dem Onkel etwas zu. Es war zum Verzweifeln, wie diese Kriegsstellung sie nervös machte, sie, eine Natur für Frieden und Sonnenschein. Sie mußte eine Rolle spielen, zu der sie durchaus nicht paßte, und das war qualvoll. Aber sie mußte – das stand außer Zweifel; es war das einzige Mittel, um ihre Würde zu behaupten.

Der alte Baron hatte kaum den Neffen erblickt, als er ein Gesicht schnitt, wie wenn er in eine unreife Pflaume gebissen.

„Na Adschüs, Herr Pastor! Adschüs, Kapnist! Ich hab’ eilig.“

„Wollen Sie mir nicht die Ehre schenken –“

„Anne-Marie, sag’ dem Herrn Pastor Adschüs –“

Anne-Marie bestellte hastig einen Gruß an die Frau Pastorin, und sie käme in der Woche einmal herüber – der Alte war schon bei dem Kirchhofthore. Sie trug wirklich ein grünfarbenes Kleid, aber Curt sah es nicht, Er zog finster die Brauen zusammen, biß sich auf die Lippen und wollte mit dem Fuße aufstampfen – da fielen die verwundert Umschau haltenden Blicke der Herren auf ihn; er mußte näher treten.

„Ich bin das Gespenst, welches Ihnen heute Ihren Sonntagsbesuch vertreibt, Herr Pastor,“ sagte er, gezwungen auflachend. „Ich heiße Curt von Boddin und werde Pelchow administriren.“

„Ach, sehr angenehm; mein Name ist Pastor Zehmen – Herr von Kapnist, mein Herr Patron – – aber sagen Sie, was war das, Herr von Boddin? Ihr lieber Onkel –“

„Ich will Ihnen kurz das Räthsel lösen; ich bin der Störenfried der Idylle mit der Ueberschrift ‚Pelchower Zustände‘ und stehe bei meinem Herrn Onkel wie bei meiner liebenswürdigen Cousine in allerhöchster Ungnade.“ Nun berichtete er von der Veranlassung seines Hierseins und dem Einfalle, die Vorüberfahrt zu einem kurzen Besuche im Pfarrhause zu benutzen.

Und er mußte richtig mit in’s Pfarrhaus und die Frau Pastorin kennen lernen; er mußte auch Herrn von Kapnist, der ihm sehr gefiel, versprechen, ihn zu besuchen. Er konnte sogar nicht umhin, Pflaumenkuchen zu essen und Bordeaux zu trinken von der Firma Schultz, die einen Verwandten in der Nachbarschaft hatte, und außerdem sich trösten zu lassen: der Groll des Barons werde, wie gewöhnlich, bald verrauchen, und was Anne-Marie von Lebzow bestreffe, das sei ein so reizendes Geschöpf, daß er wohl zu schwarz sehe, wenn er sie für seine Gegnerin halte.

Er konnte doch nicht eingestehen, daß er sie mit beiden Armen von der Kleebrache getragen und wie einen erziehungsbedürftigen Backfisch gescholten habe!

Der Boden brannte ihm unter den Füßen; er hatte den Leiterwagen vor Augen, in dem die Beiden fuhren – mitten im Gespräch brach er ab, sprang auf und verabschiedete sich. Er war die Dankbarkeit selber; er versprach, was man von ihm haben wollte, aber plötzlich befand er sich draußen und auf dem Wege zum Kirchhofe, wo Jochen hielt.

Als der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, machte Curt sich selbst die bittersten Vorwürfe. Weshalb war er auch so sorglos nachlässig, so – täppisch ungezogen in die neuen Verhältnisse eingetreten! Alles hatte er beleidigt, den Onkel zwar nicht direct aber gewiß hatte Cousine Lebzow demselben erzählt, wie er ihn beurteilte, wie er ihn zu behandeln gedachte. Er hätte sich sachlicher einführen sollen, auch pietätvoller. Schließlich war der Onkel zwar ein verdrehtes Original, ein Verschwender, aber doch sein Verwandter und ein älter Mann. Und die Cousine? Nun –

Es geschah ihm recht, daß er vor offener Feindschaft stand. Allein jetzt die Hand bieten? Um Vergebung bitten? Brr! Er war so starrköpfig wie irgend ein Boddin. Vielleicht fand sich später ein gefälliger Nachbar, der die Sache „arrangirte“, am Ende der Pastor. Eine Weile mußte er die Lage schon nehmen, wie sie war, und sie war fast unerträglich.

Er fuhr durch den Wald und weiter, den wohlbekannten Weg. Erst als er auf dem Hofe war, fiel ihm ein: ob er wohl ein Mittagsessen bekommen würde? Aber er bekam zu essen.

Das gnädige Fräulein hätte gesagt, daß er kommen würde, wenn er nicht etwa bei Pastors bliebe – erklärte Dürten Schoritz.

Das gab ihm plötzlich bessere Laune: man will den Feind wenigstens nicht aushungern, dachte er heiter.

Nach Tische schrieb er. Zuerst nach Teterow: man möge ihm einen leichten Kutschwagen und zwei hübsche Pferde besorgen, auch sein Reitpferd schicken, und zwar möglichst bald. Dann einen kurzen Brief an den Onkel: er überlasse ihm Reitpferd, Kutschpferde nebst Wagen und Jochen dazu für seinen ausschließlichen Gebrauch.

„Schafskopf! Das ist mein Recht!“ sagte der Alte, als er das Schriftstück gelesen, das Dürten ihm überbracht. Er zerriß es – und zündete mit der gefalteten Hälfte seine Pfeife an.

Dann ging Curt zum Radmacher, um die Herrichtung der Zimmer mit ihm zu besprechen. Die Dielen wollte der Radmacher schon legen und streichen; auch tapeziren wollte er, wenn er Tapeten bekäme, Die hatte nun Curt bereits in Demmin ausgesucht. Auch der Maurer stünde zur Verfügung, und man könnte bald anfangen; nur müßten dann erst in den Ställen Bettverschläge hergerichtet sein für die Knechte; das halte sehr auf. Die Mägde müßten doch wohl auf den Boden hinauf; da sei aber zuvor Dachausbesserung und neue Dielung nöthig. Er thue, da der Winter so nahe vor der Thür stehe, am besten, einen Baumeister zu rascher Herstellung zu verpflichten Er solle an Neumayer in Demmin schreiben und ihn kommen lassen Und nun – so und so stünde es in Pelchow um die Arbeiterfrage,

Curt hörte mit wachsender Aufregung zu, Er war bleich geworden und die grünen Handschuhe spielten krampfhaft mit dem Kneifer, den sie hielten

„Da hat man mir ja eine schöne Suppe eingebrockt,“ sagte er. „Aber die Komödie kann unmöglich lange dauern.“

„Das ist recht,“ rief der Radmacher erfreut, „daß Sie die Sache so ruhig ausnehmen, Herr! Lassen Sie unsern alten Herrn nur! Er kann das nicht ausführen; dazu hat er ja das Geld nicht. Sie kommen Ihnen schon wieder: und andere Leute kriegen, ist schwer.“

Curt kaute an seinem Bärtchen

„Sie kennen die Verhältnisse hier, Radmacher; fertigen Sie mir eine Liste der arbeitsfähigen Leute an, auf welche ich mich verlassen darf, und eine zweite mit den Namen der Renitenten! Ich muß erst genau wissen, wie ich dran bin, Wo wohnt der Statthalter?“

„Das will ich Ihnen zeigen, Herr, und die Listen sollen Sie auch haben.“

Er band sein Schurzfell ab, Draußen stand die Radmacherin und knixte. Sie hatte Jehann auf dem Arme, der heute sauber aussah, und Curt streifte mit dem Finger die Wange des Jungen.

„Das ist Fräulein von Lebzow’s Pathenkind,“ sagte die Radmacherin [795] mit Mutterstolz. „Sie kommt oft und besieht ihn sich, wie er gewachsen ist.“

„So?“ meinte Curt aufmerksam und blieb stehen. „Meine Cousine ist öfter bei Ihnen?“

„Ja, junger Herr; ich bin mit ihr hierher gezogen. Ich habe sie als Kind immer abgewartet.“

Diese Frau erschien Curt plötzlich sehr merkwürdig, und er nickte ihr lächelnd zu, als er mit dem Radmacher ging.

Der Statthalter war zu Hause. Er solle noch heute Abend alle Gutsangehörigen in der Knechtestube versammeln. Um sechs Uhr werde Curt dort erscheinen.

Curt von Boddin behandelte den Mann kurz, aber nicht unfreundlich. Dann verabschiedete er den Radmacher, ging nach Hause und nahm die Acten vor. Seine Stimmung war bereits so umgeschlagen, daß er den ganzen Streich, den ihm der Onkel gespielt, von der humoristischen Seite nahm. Als er die sauberen Aufschriften bemerkte, lächelte er fast glücklich. „Das hat sicher Anne-Marie von Lebzow geschrieben,“ dachte er, „eine klare, feste und zugleich anmuthige, ein wenig kindliche Hand.“ Wie zierlich und accurat das alles geordnet war, und wie anständig! Sie könnte einem Manne tüchtig an die Hand gehen. Hauswesen, Milchwirtschaft, Federvieh – das gab eine Perspective.

Er richtete sich auf dem großen Eßtische ein, machte Auszüge und Notizen und stellte zusammen. Aber hier war wohl alles unvollständig. Er hatte eine tüchtige Arbeit vor sich, wenn er über die gesammte Lage der Verhältnisse klar werden wollte. Das Schlimmste war, daß keine Karte des Gutes vorlag. Er schrieb sofort an einen bekannten Feldmesser; eine flüchtige Skizze des Terrains wollte er selber morgen herzustellen anfangen, aber bevor das nicht gethan war, hingen auch die genaueste Angaben des Statthalters für ihn in der Luft. Er schrieb auch an den Demminer Baumeister.

Als er, von dem Geräusch im Hause aufmerksam gemacht, die Uhr zog, war es schon über sechs. Er fand die Leute versammelt, bezeichnete ihnen kurz seine Stellung und nahm sie auf Handschlag in Pflicht. Sein kurzes, festes, ruhiges Wesen schien diesmal zu imponiren; er war nun schon der „Herr“, und man betrachtete ihn mit anderen Augen.

Sie mußten warten, während er den Statthalter mit in die Eßstube nahm, die er nun doch vorläufig bewohnen mußte. Er ließ die Leute einzeln kommen und notirte die Viehbestände, die Vorräthe an Scheunen und Futterställen. Morgen wollte er revidiren; es sollte nicht eher ausgetrieben, eingefahren, gearbeitet werden. Als er sich spät niederlegte, war er herzlich müde. Was den Leuten auffiel, war, daß er von der Arbeitseinstellung schwieg.

„Das wird wohl morgen kommen.“

Aber es kam nicht. Die Revision ging vor sich, mit einer scharfen Lection über Reinhaltung der Ställe. Die Hauptsache war hier freilich eine gründliche Reparatur; der Baumeister von Demmin bekam in Curt’s Notizbuch immer mehr Arbeit. Dann mußte der Statthalter die Feldarbeit fortsetzen, einstweilen nach seinem Ermessen und „mit allen irgend verfügbaren Kräften“.

Das war ein Wink, welcher außer Zweifel ließ, daß der „junge Herr“, wie Curt fortan hieß, um das Geschehene wußte.

Zum Glück blieb das Wetter für die nächsten Tage beständig. Am Tag zeichnete Curt; am Abend revidirte er die Aufnahmen mit dem Statthalter, welcher schlau genug war, sich für alle Fälle auch nach dieser Seite hin seine Stellung zu sichern. Curt durchschaute ihn, sah aber, daß er brauchbar war; vor allem war sein guter Wille im Augenblick unentbehrlich. Inzwischen kam der Baumeister; Curt mußte ihn wohl oder übel für eine Nacht in seinem Zimmer einlogiren. Nach wenig Tagen erschienen Leute von Demmin, welche Bretter, Balken, Ziegel und sonstiges Erforderliche brachte. Die Knechte waren umquartiert; die Baucompagnie nistete sich an ihrer Stelle ein.

In dieser Zeit bekam Curt den Baron und Anne-Marie selten zu Gesicht; er war auch so überhastet und überlastet, daß er nicht viel Empfindung für sie übrig hatte. Uebrigens wichen ihm beide nach Möglichkeit aus. Der alte Herr wechselte in seiner Laune; bald war er vergnügt, wenn er an „seine“ Arbeiter dachte, bald wüthend, daß man so gewaltthätig in seinem Eigenthum schaltete. Anne-Macke ging still herum und fühlte sich sehr unglücklich. Manchmal, wenn sie im Garten bei der Arbeit saß, passirte es wohl, daß sie nachdenklich lange in das herbstliche Land hinaus sah und daß sich ihre Augen dann plötzlich mit Thränen füllten. Beim Radmacher horchte sie eifrig, wenn dieser von Curt’s Plänen erzählte und von dem Geschick, mit dem er die Dinge angriff. Der kluge Mann merkte bald, wie gern er gehört wurde.

„Schlag doch mal auf den Busch!“ meinte die Radmacherin einmal zu ihrem Manne.

„Nicht stören, sagte der Hahn, als er Eier legen wollte,“ war die schelmische Antwort.

Am Ende der Woche kamen zwei Abgesandte seiner Arbeiter zum Baron.

„Wir müssen nun was Tagelohn ausbezahlt kriegen, Herr,“ sagten sie. „Wir haben uns das auf’s Aeußerste berechnet: mit fünfzig Thaler die Woche kommen wir aus.“

„Sollt Ihr haben, Kinnings,“ nickte der alte Herr und ging zum Schreibsecretär. Plötzlich aber besann er sich. „Nein, das gehört ja meinem Anne-Marieken. Das ist nicht mein.“ Und dann fuhr er laut fort: „Kommt mal auf den Abend wieder!“

Als sie am Abend wiederkamen, überreichte er ihnen fünfzig Anweisungen auf seine Person, je zu einem Thaler. Anne-Marie hatte sie schreiben und siegeln müssen; er hatte sie unterzeichnet.

„Das ist Papiergeld, so gut wie die Thalerscheine. Ich will mich jetzt nicht ausgeben. Daß ich das harte Geld habe, das sollt Ihr sehen. Kukt mal her!“

Er ließ die Leute in die Casse blicken, welche Anne-Marie’s zweihundert Thaler barg.

„Wenn mir Einer das Geld in acht Tagen bringt, Lüchting oder wer das sonst thut, kriegt er jeden Thaler baar ausbezahlt.“ Lüchting hieß der Krämer und Schenkwirth des Ortes.

Die Leute waren etwas verdutzt, gingen aber, und der Krämer nahm das Geld auf ihre Erzählung hin und berechnete nur etliche Procente mehr Aufschlug auf die Waare. Dem alten Herrn aber war ein paar Stunden schwül; er rauchte viel und griff sich oft in die Haare.

„Ich muß mal sehen, wo ich Geld her kriege.“

Am nächsten Tage dachte er nicht mehr darum aber als der Zahlungstermin näher rückte, erinnerte ihn Anne-Marie.

„Die Kerls faullenzen aber dafür, „murrte er ganz zornig. „Morgen müssen sie mir nachexerciren, daß sie doch was thun.“

„Wenn Du nur mit ihnen etwas verdienen könntest, Onkel. Vielleicht könntest Du selber sie an Vetter Curt vermieten.“

„Ich werde ihm was Anderes thun!“ rief er ganz aufgebracht, sodaß Anne-Marie erschrak. So hatte er seit lange nicht zu ihr gesprochen. Er merkte den Eindruck und streichelte und besänftigte sie sofort. Und der angeregte Gedanke ging ihm im Kopfe herum. – – –

Am folgenden Tage in den Nachmittagsstunden fuhr die Branitzer Kutsche die Landstraße am Walde entlang. Herr von Pannewitz saß darin, und was ihn nach Pelchow führte, war die Neugier, zu wissen, wie die Verhältnisse sich dort gestaltet hatten; denn weder Jemand von der alten Bewohnerschaft, noch Curt hatten sich seither in Branitz blicken lassen. Nur ganz verworrene Gerüchte von der Pelchower „Revolution“ waren unter den Branitzer Leuten verbreitet.

Bei einer Waldecke horchte Herr von Pannewitz auf.

„Was Teufel, ist das nicht der Baron Boddin?“ fragte er zum Kutscher hinauf.

„Das ist wohl seine Stimme, Herr!“ war die Antwort.

„Ganze Compagnie – kehrt!“ erscholl es jenseits der Ecke.

Als der Wagen um die Büsche kam, bot sich dem Auge des Herrn von Pannewitz ein erstaunlicher Anblick dar. Der alte Baron saß auf seinem Pferde, wie gewöhnlich im grünen Rocke, in Lederhosen und Stulpstiefeln, die Jockeymütze auf dem Kopf. Dazu holte er aber einen Reitersäbel umgeschnallt, dessen Klinge er in der Hand hielt. Hinter ihm marschirten ein paar Dutzend Männer und Weiber, Heugabeln, Aexte, Harken, Sensen und anderes Gerät schulternd, zu drei und drei hinter einander. Die Gesellschaft kehrte dem Wagen den Rücken zu: sie war im Abmarsch begriffen.

Herr von Pannewitz brach in ein schallendes Gelächter aus. Sofort wandten sich die Köpfe zu ihm herum – lachende Gesichter. Auch der alte Baron.

„Ganze Compagnie – halt!“ rief es aus dem Wagen, der rasch bei der seltsamen Truppe anlangte. „Was ist denn das, Boddin?“

Der Alte saß seelenvergnügt auf seinem Rappen.

„Wir arbeiten spazieren, Fritz,“ sagte er.

[796] „Ja, was bedeutet denn das? Wollt Ihr Pelchow erobern?“

„Das bedeutet, daß dies hier meine Arbeiter sind; über die hat die Pogge aus Teterow nichts zu commandiren. Und weil wir nun weiter nichts zu thun haben, betreiben wir hier unsern Spaß – wir wollen mal ein Hoch auf Fritz Pannewitz aus Branitz ausbringen, Leute.“

„Der Heer von Pannewitz soll leben – hoch! hoch! hoch!“

„Na, das ist ein Leben wie auf dem Kirschbaume,“ sagte Herr von Pannewitz. „Das ist mal wieder ’n richtiges Stück von Dir, Franz. Aber sag’ mal – –!“

„Wenn ich nach Hause komme, Pannewitz; jetzt habe ich keine Zeit dazu. Fahr’ nur ab jetzt!“

Herr von Pannewitz lachte bis auf den Hof von Pelchow. Dort suchte er sofort Curt auf, welcher eben mit dem Feldmesser conferirte: er sollte im Herbst wenigstens noch so viel wie möglich vermessen, während er die Arbeit lieber auf das nächste Frühjahr verschoben hätte. Mit erneutem Ausbruch von Heiterkeit trat der Branitzer ein und sprudelte sein Erlebniß heraus, für das er eine Erklärung verlangte. Der erstaunte Curt gab ihm einen Wink; nachher stehe er mit der gewünschten Aufklärung zu Diensten; erst wolle er aber den Feldmesser abfertigen, der heute noch zurückfahre. Der Mann gab denn endlich, da Curt auf seinem Willen bestand, nach, und dieser reichte ihm nun die Hand.

Dann führte er Herrn von Pannewitz in den Garten und erzählte von den seltsamen Zuständen, welche jetzt hier herrschten.

„Wenn man Ihnen nur helfen könnte!“ warf Herr von Pannewitz hin. „Manches grenzt ja an meine Felder, aber wenn ich da auch eingreifen wollte, viel würde es Ihnen nicht nützen, und Ihr Onkel ist mir ein zu langjähriger Freund, als daß ich ihn direct vor den Kopf stoßen möchte.“

Curt von Boddin hielt plötzlich an.

„Ich habe eine Idee, welche vielleicht einen Ausweg bietet. Wenn meine Nachbarn mir das, was an den Grenzgebieten noch steht, zu ermäßigten Preisen abkauften mit der Verpflichtung, es selbst zu ernten? Vielleicht auch das Getreide in Diemen?“

„Ganz gut, aber wir haben keinen Arbeiterüberfluß.“

„Nun kommt die Hauptsache: wie, wenn diese Nachbarn die Arbeitercompagnie meines Onkels für den Zweck der Ernte von ihm erwürben? Die Leute hätten Arbeit, mein Onkel keine Verlegenheit wegen ihrer Bezahlung; er hätte die Genugthuung, die Leute als „seine“ Arbeiter zu behalten; ich verwerthete meine Kartoffeln, Rüben, mein Kraut und Heu und brauchte das Zeug nicht draußen verkommen zu lassen. Was meinen Sie dazu?“

„Der Einfall ist kostbar. Sie sind ein ausgezeichneter Schachspieler, Herr von Boddin! Stellen Sie mir meinen Posten aus – ich verhandle nachher sofort mit dem Alten; da können wir ja gleich die Probe machen, ob er seine Compagnie dazu hergeben wird. Warten Sie nur! Er wird Sie schätzen lernen und sich versöhnen lassen.“

„Es wäre mir lieb,“ seufzte Curt.

Alles ging auf’s Beste.

„Wir wollen blos nicht für den Teterower arbeiten,“ sagte der Baron.

Auch den Leuten war das Faullenzen zuwider. Herr von Pannewitz versprach Curt, mit ihm die Rundfahrt auf die Nachbargüter zu unternehmen, sobald er sich über die Verkaufsobjecte klar geworden, und ihm zu helfen, die befreundeten Besitzer zu überreden.

Am Abend, als er fort war, kam der Radmacher zu Curt. Ob er denn nicht einmal in die Schule gehen wolle? Der Schulmeister hätte ein Anliegen wegen eines Schweinestalles und kränkte sich und hätte nicht die Courage, auf den Hof zu gehen. Der junge Herr wäre ja nun auch Schulvorstand, und der Schulmeister wolle ihm einen feierlichen Empfang bereiten.

Curt war verwundert. „Er hätte viel zu thun, aber er wolle morgen Vormittag einmal hinkommen. Nur den Empfang solle der Mann sich ersparen.“

„Das Vergnügen müssen Sie ihm lassen, junger Herr; er hält höllisch viel auf so was, hat sich das so schön ausgedacht.“

Aus Teterow hatte man das Reitpferd geschickt; wegen des Kutschwagens und der Pferde schwebten noch Verhandlungen, sagte der Begleitbrief. So saß denn Curt am andern Morgen hoch zu Roß, als er des dem Radmacher gegebenen Versprechens gedachte, und es war die höchste Zeit, wenn er dasselbe noch einhalten wollte. Der englische Vollblutfuchs bekam die Sporen und griff tüchtig aus. Dort lag die Residenz des Schulmonarchen von Pelchow.

Ausgestellte Kinderposten huschten in das einstöckige, strohgedeckte, unansehnliche Haus; „ein Neubau könnte da nichts schaden,“ dachte Curt im Nähergaloppiren. Dann lächelte er: um die Thür war Grün gehäuft, und zwei bekränzte Stangen trugen ein „Willkommen!“ Als er vom Pferde sprang, stürzten zwei Jungen heraus, um die Zügel zu halten.

„Laßt Euch nicht schlagen, Jungens! So faßt an!“

Bei der Thür prallte Curt zurück. Da stand eine Deputation von drei Mädchen im Feststaate, die mittelste ein winziges, possirliches Ding, das ihn aus zwei großen blauen Augen furchtsam anblickte und ein beschriebenes Blatt in den runden Fingerchen hielt, hinter ihnen Herr Mederow nebst Ehehälfte. Er war im Frack und in schwarzen Handschuhen und hielt den Cylinderhut.

Das eine ältere Mädchen begann mit einem schüchternen Knix:

„Tritt ein in unsere niedere Hütte,
Die ernstem Streben nur geweiht!
Und Segen folge Deinem Schritte,
Der stets dem Edlen giebt Geleit.
Mit Gnade uns erfreue!
Wir schwören jetzt Dir Treue
Von nun an bis in Ewigkeit.“

Jetzt knixte die Zweite drüben:

„Betrachte huldreich auch die Schäden,
Die hier der Zahn der Zeit genagt.
Bewurf, auch Dielen, Fensterläden
Sind schon seit Jahren tief beklagt;
Des Borstenviehs Cabine
Liegt gänzlich als Ruine;
Die Hülfe steht in Deiner Macht.“

Nun stießen die Mädchen ihre kleine Gefährtin in der Mitte an.

„Ich soll Dir das auch geben!“ platzte diese heraus, Curt das Papier überreichend.

„Aber Frieding, Du sollst ja noch sagen, was Du gelernt hast,“ erscholl die Stimme des Herrn Mederow.

„Das hab’ ich all vergessen,“ sagte die Kleine plötzlich.

Curt bückte sich und streichelte dem Kinde die Bäckchen.

„Ist Dein Vater nicht der Radmacher?“

„Ja!“

„Ei, ei, und Fräulein von Lebzow hatten die Gnade, Dir Dein Verschen so schön einzustudiren!“ sagte Herr Mederow.

„Wer? Meine Cousine?“

Herr Mederow knickte förmlich in sich zusammen.

„O Gott, welch ein schwaches Geschöpf ist der Mensch! Mein Mund hatte ja feierlich gelobt, davon nichts zu äußern. Ich hatte respectvollst gewagt, es noch auf speciellen Wunsch des gnädigen Fräuleins zu dichten. Es steht mit auf dem Papiere da, das ich unterthänigst mir erlaubt habe, überreichen zu lassen.“

Curt’s Verlangen, das Verschen zu hören, war plötzlich erkaltet. Aber er nahm Frieding auf den Arm und küßte die Zappelnde auf den rothen Kindermund. Dann reichte er den beiden andern Mädchen mit freundlichem Dankeswort die Hand und begrüßte nun erst das Ehepaar.

[809] „Sie klagen wegen baulicher Mängel,“ sagte Curt zum Lehrer, „Sie sollen alles Nöthige in Kürze haben.“

„O mein gnädiger Gönner, wenn Sie Alles dem Herrn Radmacher anzuvertrauen geruhen wollten –“

„Meinethalben – ich will im Vorbeireiten mit ihm reden.“

Nun mußte Curt in die Classe folgen, mußte singen hören und an die Schüler ein paar Fragen richten; er sprach auch einige kräftige, ermahnende Worte. Die Schweinstallruine hatte ihn amüsirt, und er ließ sich dieselbe zeigen. Zum Schluß fragte er Frau Mederow, wieviel Geld sie wohl gebrauche, um die sämmtlichen Kinder mit Kaffee und Kuchen zu bewirthen, und zog nach erhaltener Antwort seine Börse; er gab ihr die bezeichnete Summe.

„Das ist ein Mann, liebes Weib!“ sagte Herr Mederow, als Curt fortgeritten war. „Wie ein Gesandter des Herrn trat er in unser Haus. O, du gesegnetes Pelchow, wahrlich dein Stern ist aufgegangen über dir.“

„Geh nur nachher zum Radmacher,“ mahnte die praktische Frau, „und frage, ob der junge Herr ihm wirklich den Auftrag gegeben hat. Große Herren haben ein kurzes Gedächtniß.“

Curt hielt in der That beim Radmacher an: er und der Maurer sollten umgehend im Schulhause repariren. Als er daheim das Pferd abgegeben hatte und in die Thür treten wollte, kam Anne-Marie aus dem Garten. Sie schwankte sichtlich, ob sie weitergehen oder umkehren sollte; schließlich that sie keines von beiden, sondern neigte auf Curt’s Gruß sehr gemessen den Kopf und wandte sich um, dem Fluge einer Krähe mit den Augen folgend.

„Ihre Schülerin hat leider schlecht bestanden, Cousine,“ rief er gutmüthig hinüber. Er war froh, ihr etwas sagen zu können. Hätte er nur nicht jenen fatalen Tonfall an sich gehabt, welcher allem, was er sagte, eine sarkastische Färbung gab!

Anne-Marie blickte starr nach der Krähe; die erste Wirkung dieser Worte durfte er auf keinen Fall bemerken.

„Welche Schülerin, wenn ich fragen darf?“ gab sie gleichgültig zurück.

„Die kleine Radmachertochter. Ich komme eben vom festlichen Schulempfange her.“

„Nun,“ fuhr sie fort, noch immer hochroth im Gesicht, mit blitzenden Augen, „wenn irgend Jemand die Tactlosigkeit gehabt hat, Ihnen zu sagen, daß ich hinsichtlich der Verse die Hand im Spiele habe, Herr von Boddin, dann sollten Sie wenigstens nicht den traurigen Muth haben, Capital daraus zu schlagen, um mich zu demüthigen. Sie dürfen aber versichert sein, mein Herr, daß Sie es nicht waren, dem zu Liebe ich dem Kinde die Verse einstudirt habe.“

Das war doch zu stark.

„Wenn Sie darauf bestehen, Gift in Alles zu gießen, was ich Ihnen sage, mein gnädiges Fräulein, so werde ich verzichten, Ihnen noch weiterhin Gelegenheit dazu zu bieten. Ich habe den Fehler begangen, Sie vierundzwanzig Stunden lang für naiv zu halten; jetzt bin ich von diesem Irrthum gründlich curirt. Aber eines will ich Ihnen nicht verhehlen: um Ihr Herz und Ihre Gemüthsart beneide ich Sie nicht.“

Er schloß ziemlich heftig die Thür hinter sich; das Zorngefühl schnürte ihm fast die Kehle zusammen. Es war wohl tactlos von ihm gewesen, ihr zu zeigen, daß er um ihr Geheimniß wisse, aber die Abfertigung, welche ihm darauf geworden, war so bissig, herzlos, vergiftet, boshaft – es durchschauerte ihn vor Erregung, und er schleuderte seinen Strohhut weit in sein Zimmer hinein.

Draußen weinte Anne-Marie von Lebzow. Sie legte die Arme über dem Zaun zusammen und die Hände hinein. Er hatte sie zu tief gekränkt.

Sie ging in den Garten zurück, zur Laube hin; im Gesichtskreise seiner Fenster schritt sie stolz aufgerichtet, aber hinten, da, wo Niemand sie sah, flog sie hügelauf, und in der Laube nahm sie ihr Taschentuch und preßte es auf ihre Augen. Warum hatte sie sich doch verleiten lassen, mit ihm zu sprechen! Nun hielt er sie für ein herzloses Geschöpf. Was hatte er für ein Recht dazu? Hatte sie nicht ein Recht, sich zu wehren, wenn sie verhöhnt wurde? Oder hatte er sie etwa nicht verhöhnt? Wie gut kannte sie diesen Ton seiner Stimme! Hätte sie ihm vielleicht noch obendrein zugestehen sollen, daß sie seinethalben sich mit dem Radmacherskinde bemüht hatte?

„Was haben sie Beide für ein Recht, daß ich sie hier dulde, um mich von ihnen mißhandeln zu lassen?“ fragte sich Curt.

„Wenn doch der Onkel fortziehen wollte!“ dachte Anne-Marie schluchzend und starrte mit den schwimmenden, gerötheten Augen in’s Feld hinaus, indeß ihr um den Mund die Wehmuth wie Wetterleuchten zuckte. „Ach, ihr friedlichen Tage – ein kleines krankes Stück Erde, wo ich euch wieder finde! Ich habe nie gewußt, was Angst und Groll und Haß ist. Aber nun weiß ich es. In vierzehn Tagen habe ich es gelernt“ – – –

„Ich will arbeiten; ich muß mich zerstreuen,“ meinte Curt eine halbe Stunde später. „Ich werde jetzt die Maurer und Zimmerleute controliren, dem Drewes entgegen gehen und unterwegs [810] wegen der Grenzbestände weiter mit ihm verhandeln. Es liegt ja in meiner Macht, mich den Ausbrüchen von Weiberleuten zu entziehen.“

Anne-Marie von Lebzow sah ihn später vom Garten aus über’s Feld gehen; ihre Augen waren wieder trocken.

„Jetzt bin ich hoffentlich für lange Zeit von ihm befreit – das ist das Gute an dem Rencontre. Wir werden endlich in Wahrheit Luft für einander sein. Verstehen würden wir uns doch niemals.“

Und sie athmete tief aus und sprang empor; denn sie hörte über der Mauer drüben das Pferd des Onkels, und dann sein Gespräch mit Jemand. Es klang rauh und unfreundlich. War auch er übler Laune? Das war ja ein schrecklicher Tag heute.

Der Onkel stand mit dem Dorfkrämer vor seinem Fenster; sie bemerkte es, als sie in ihr Zimmer gelangt war.

„Den Teufel – was? Bin ich Dir nicht gut genug dafür, mein Sohn? Es wäre mir denn doch lieber, wenn Du Dir ’ne Wendung nach der andern Seite gäbest, indem daß Du dann richtig auf den Weg nach Hause kämst.“

„Aber, Herr Baron, ich habe es doch nicht dazu, halten zu Gnaden. Liptauer in Demmin will auch sein Geld von mir.“

„Liptauer – das ist auch so ’n Demminer Judenbengel –“

Das Fenster schurrte empor, und der Alte stieg in sein Zimmer, während der Krämer draußen wartete, die Hand voll Zettel vor sich haltend.

„Nun soll Onkel zahlen und hat sich um nichts gekümmert,“ sprach Anne-Marie bei sich. „Aber – er hat ja doch jene zweihundert Thaler, die er mir geschenkt hat.“

Sie klopfte an die Thür.

„Darf ich, Onkelchen?“

„Ja wohl, Döchting.“

Der Baron hatte die Hände über den grünen Rockschößen zusammengelegt, und als er sich herum wandte, sah er sorgenvoll und fast schüchtern aus.

„Siehst Du, mein Anne-Marieken, so ist mir das mein Leben noch nicht gegangen. Lüchting kommt nun und will Geld für die Zettel haben – und ich weiß doch nicht, wo ich das gleich hernehme.“

„Du hast ja aber das meine, lieber Onkel.“

„Wo werd’ ich Dein Eigentum angreifen, mein Döchting! Das wäre ja nicht recht von mir.“

Er sah aber dabei aus, als wäre ihm heimlich nichts lieber gewesen als dies thun zu dürfen.

„Ich borge Dir’s aber, Onkelchen. Das darf ich doch, wenn es mein Eigentum ist?“

„Sieh mal, sieh – nein, was Du für ’n gutes Mädchen bist! Sie will das für ihren Onkel thun. Ich spare mir das ab, wenn ich das Meinige ausbezahlt kriege. Ich brauche ja nicht viel für mich – da lege ich die fünfzig Thaler wieder dazu.“

Er bezahlte den Krämer. Dann setzte er sich an den Tisch, stemmte den Arm auf und legte den Kopf in die Hand, wehmütig vor sich hinblinzelnd.

„Ach, mein liebes Anne-Marieken, was für ’n armer Kerl bin ich geworden!“




7.

Der Eintritt der rauhen Jahreszeit ging diesmal ungemein langsam vor sich. Erst gegen Mitte November trat stürmisches Wetter, erst vierzehn Tage vor Weihnachten dauernder Frost mit Schneefall ein.

Curt von Boddin hatte Glück.

Als Maurer und Zimmerleute „auf Wiedersehen im Frühjahr!“ sagten, waren die Ställe sauber und hell und der meiste Schaden an Holzwerk bereits gebessert. Die Knechte schliefen in ihren Stallkojen, die Mägde in ihrer Bodenkammer, und Curt hatte zwei hübsche Zimmer. Der Salon war sogar parquetirt, die Decke von Stucksims getragen und mit Stuck verziert, während die Tapete ein warmes Brokatmuster zeigte. Rothe Wollgardinen und ein riesiger Smyrnateppich, dazu völlig überzogene Polstersitzmöbel ergaben den Eindruck der behaglichsten Eleganz. Der Ofen mit Kaminuntersatz, in welchem schon beständig Holzfeuer glühte, glich fast demjenigen in Anne-Marie’s Zimmer, das Merkwürdigste für die Gutsbewohnerschaft war aber ein Flügel. Man erwartete, daß „der junge Herr“ ihn spielen würde; allein ein paar Läufe abgerechnet, die er wie zur Probe gethan, ob sein altes Instrument ihm nicht fremd geworden, hörte man nichts. Der Schreibtisch, ein Bücherschrank, eine beschlagene Cassette waren alte geschnitzte Stücke, die das Zimmer besonders zierten. Alle die Kleinigkeiten, welche Curt theils von seiner früheren Einrichtung her sich hatte schicken lassen, theils dazu gekauft. sprachen für bewußten Geschmack. Das Schlafzimmer war einfacher; eine spanische Wand trennte zwei Schlafstellen; denn Curt mußte darauf rechnen, einen Gast bei sich unterbringen zu können, und der Feldmesser war der erste, welcher die Gelegenheit für längere Zeit benutzte, bis er mit Eintritt des Frostes verschwand.

Eines Tages, als Curt nach Branitz gefahren, schlich Anne-Marie in diese Räume – Dürten begleitete sie. Mit Diebesangst trippelte sie von einem zum andern, was da ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie wagte sogar den Flügel zu öffnen und ein paar Tasten anzuschlagen – als Kind hatte sie auch angefangen, Unterricht zu genießen – wie lange war das her! Als Dürten auf einen Moment hinaus gerufen wurde, warf sie sich in einen Fauteuil und betrachtete, den Kopf aufstützend, unverwandt das große Kreideportrait Curt’s, welches über dem Schreibtische hing, und indem sie dabei seufzte, den Kopf auf die Seite geneigt, sah sie recht wie ein Kind aus, dem ein Wunsch fehlgeschlagen ist.

Einen Todesschrecken bekam sie, als sie das Photographie-Album da auf dem Nipptische aufschlug.

Der Blick fiel auf ihr eigenes Portrait.

„Mein Gott, woher hat er das? Was thut er damit?“

Sie war in Versuchung, es an sich zu nehmen. Aber dann glühte ihr Gesicht wieder. Nicht ahnen durfte er, daß sie hier gewesen. Wie um sich vor sich selbst zu schützen schlug sie eilig das Album zu, und nun zerbrach sie sich den Kopf darüber, wie er zu dem Bilde gekommen. Irgend woher aus der Verwandtschaft? Aus Branitz? Die Mädchen dort hatten zwei Exemplare. Darüber mußte sie doch Gewißheit erhalten.

Da saß sie und träumte und lächelte vor sich hin: nur die Oberlippe hob sich, daß es weiß dazwischen schimmerte. Endlich stand sie auf; es war ihr, als schwebe draußen ein Schatten bei den Fenstern vorüber.

„Du Lieber!“ sagte sie, mit einer Hand zu dem Bilde über den Schreibtisch hin winkend, indem sie sich an der Thür noch einmal zurück bog. Und plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus und lehnte sich leichenblaß, die Hand aus das Herz gedrückt, gegen die Wand; sie war einer Ohnmacht nahe.

Draußen ging die Hausthür auf, und Männerschritte kamen in den Flur herein. Aber es war der Statthalter Drewes, der Dürten fragte, ob der junge Herr zu Hause sei. Wie thöricht war sie! Curt konnte es ja unmöglich sein – dann eilte sie aber doch hinaus.

„Nie wieder!“ gelobte sich die schwer Bestrafte. Der Traum war zerstoben. – –

Für den Sommer gingen Curt Baupläne in größerem Maßstabe durch den Kopf. Das Haus vertrug recht gut einen Oberstock. Er dachte selbst an ein Gesindehaus. Mit der Ernte und den Vorarbeiten für das nächste Jahr war er gut fertig geworden – dank den Nachbarn und dem langen Zögern des Frostes. Seine Getreide-Einfuhr konnte er recht wohl in der Winterszeit ausdreschen; mehr trug der Vorrath nicht aus.

Der alte Baron hatte keine Freude mehr an seiner Compagnie, ausgenommen Sonnabends, wo man ihm die Zahlung für dieselbe von verschiedenen Seiten her schickte. Dann ließ er sie antreten und vertheilte das Geld unter die Leute. Er lief den ganzen Tag auf der Jagd herum, und Curt tat keine Einsprache. Wiederholt wurde der Alte zu größeren Jagden geladen, ging aber nur, wenn er vorher wußte, daß Curt nicht hingehen würde; er machte auch sein Spielchen wie sonst mit, und was er mehr verspielte, als er bei sich hatte, versprach er, später zu bezahlen; man war indessen überein gekommen, ihn nie daran zu mahnen, ja die Schuld in Abrede zu nehmen, indem man mit seinem unsicheren Gedächtnisse rechnete. Was er erübrigte, legte er in Anne-Marie’s Casse – das machte ihm die größte Freude, und er wurde ordentlich geizig darum.

Niemand war glücklicher, als der Schulmeister Mederow. Der Radmacher und der Ortsmaurer stellten ihm her, was sein Herz nur begehrte, und täglich pries er vor dem neuen Schweinestalle die Gnade des jungen Herrn.

[811] Der Baron und sein Neffe waren für einander nicht da. Der Baron benahm sich dabei so unbefangen, daß es auch Curt nicht schwer wurde. Zwischen diesem und Anne-Marie war die gleiche Art Nebeneinanderleben nur ein paar Tage hindurch versucht worden; dann kam man stillschweigend überein, sich wortlos zu grüßen. Die Begegnung war zuvor dermaßen peinlich für beide Theile gewesen, daß man vor Sorge, einander zu treffen, zu keinem ruhigen Ab- und Zugehen mehr kam. Man mußte auch auf ein Zusammentreffen bei Pannewitzens rechnen. Daß Anne-Marie von Lebzow sich um des Onkels willen von Curt fern hielt, würde man wohl begreifen; eine offenkundige Feindschaft aber mußte zu Muthmaßungen Anlaß geben, und die wollte sie auf jeden Fall verhindern.

Da war nun der Winter. Ganz Pelchow war verschneit, im Walde jeder Ast wie mit Watte belegt. Die Dreschflegel klopften im Tacte auf der Tenne, weiter war nichts zu thun, die Viehwirthschaft ausgenommen.

In der Compagnie wurde gemurrt; denn die täglichen Gänge auf die Nachbargüter waren im harten Froste eine Gefahr für Leib und Leben. Man machte dem alten Herrn Vorstellungen: er wollte sich’s überlegen, antwortete er; die Leute sollten aber Amerika nicht vergessen. Gut, man wollte ja auch treu bleiben, aber jeden Tag womöglich zwei Stunden hin und wieder zwei Stunden zurück durch dicken Schnee waten, und das bei zehn Grad Kälte und mehr! Man steckte sich hinter Anne-Marie, und sie bestimmte den Onkel, die Schwächlichsten, welche die Leute selbst aussuchen würden, ganz feiern zu lasten. Sie „borgte“ ja!

Weihnachten war da. Curt hatte für das Eßzimmer zwei Riesenbäume schmücken lassen und bescherte den Leuten. Das war etwas Außerordentliches; der alte Herr hatte nie daran gedacht, Christbäume aufstelle zu lasse; er hatte eine lebhafte Abneigung gegen dieselben, seit ihn in der Kindheit ein umfallender Baum in Lebensgefahr gebracht hatte. Er ließ sich auch nie beschenken, selbst von Anne-Marie nicht. Aber diese selbst beschenkte er, und die Branitzer besorgten ihm das.

Branitzer Fuhrwerk hielt heute schon seit dem Einbruche der Dunkelheit vor dem Gutsthore. Anne-Marie nahm ihren Pelz um, setzte die Kapuze auf und ging hinaus in den stille verschneiten Garten. Die Fensterläden des Eßzimmers waren nicht geschlossen: da war doch Christbaumglanz! Die Leute bewegte sich hin und her, Curt unter ihnen. Punschgläser klirrten. Das war weihnachtlich. Ihr ward wehmüthig in dem bleichen Schnee, unter den flimmernden Sternen; der Nachthauch schnitt ihr über das Gesicht, und es war ihr, als käme er aus einer weiten, weiten Stille und frage sie, ob sie nicht dahin folgen wolle. Schauernd ging sie in ihre Stube zurück.

Das Feuer im Kamine loderte; ihre Lampe brannte, und sie sah das Buch liegen, in dem sie gelesen, Fritz Reuter’s lustige Weihnachtsgeschichte „Was bei einer Ueberraschung herauskommt“! Das Alles machte es ihr wieder heimlich im Herzen. Sie dachte in halber Reue an eine gewisse Ueberraschung, welche – aber nein, nicht einmal daran denken – ein dichter Schleier darüber!

In des Onkels Zimmer durfte sie noch nicht gehen; vor seinem Eingangsfenster knisterte und knackte es, und in der Stube raschelten Papiere und arbeitete der Hammer an Kistendeckeln. Sie las nicht mehr; im Schaukelstuhle saß sie am Kamine und wiegte sich leise auf und nieder. Das Flammenspiel machte so reizend die Gedanken überflüssig.

Sie sprang ordentlich erschrocken auf, als der Onkel die Thür öffnete. Das alte wunderliche Gesicht schmunzelte vergnüglich; die kleine Augen verschwanden fast in den Falten umher und in dem Schatten der Brauen.

„Na, nu komm mal ’rein, Döchting!“

Der Baron hatte einen alten silbernen Armleuchter mit fünf Kerzen besteckt; das war doch auch festlich. Und im Scheine der Kerzen war der ganze Tisch mit Geschenke bedeckt: das Strahlendste war ein Anzug von lichtviolettem Sammet mit Schwanbesatz, ganz vollständig, selbst ein Jäckchen, Muff, Kapuze dazu. Himmlisch! Dazu mancherlei Kleinigkeiten der weiblichen Toilette und Bücher, sowie auch ein Paar Schlittschuhe. Anne-Marie war außer sich vor Freude.

„Aber Onkel, das kostet ja furchtbares Geld.“ „Ich habe ja auf Langsdorf viel gewonnen, Herzensdöchting, auf der letzten Treibjagd. Aber das hab’ ich nun mal nicht gespart.“ Er mußte sich küssen lassen, was er nicht gern that, Draußen klingelte es heran; ein Schlitten fuhr vor. „Wer ist das?“

Beide traten an die Scheiben; man sah im Dunklen nur den Schlitten, von dem die Pferde losgespannt wurden.

„Julklapp!“ rief eine Stimme, und der Rufende lief mit den klingelnden Pferden davon.

„Was der Teufel!“ sagte der alle Baron und zog das Fenster auf. Er stieg hinaus und betrachtete den Schlitten. „Der scheint mir ja neu zu sein.“ Damit ging er an das Küchenfenster und ließ sich von Dürten eine Laterne geben: „Wahrhaftig, ein neuer Schlitten! Eine Pantherfelldecke; darunter ein Fußsack.“ Der Baron gab Anne-Marie den Fußsack durch das Fenster hinein: „Untersuch mal das, Döchting!“

Ihre Finger zitterten vor Aufregung, als sie das Couvert, welches sie da gefunden, zum Licht trug. „Fräulein von Lebzow“ stand darauf. Das mußte die Schriftzüge des Herrn von Pannewitz sein; nur waren sie ein wenig verstellt.

„Ich trage Dich durch Feld und Wald,
Wenn’s winterkalt;
Bei treuen Freunden mach ich Halt –
Nun brauch mich bald!“

So sagte ein Zettel. Die Poesie war mäßig – aber ein Schlitten! Ihr größter Wunsch war erfüllt – und durch wen?

„Onkel, hat das Herr von Pannewitz geschrieben?“ fragte Anne-Marie mit unterdrücktem Jubel; um liebsten hätte sie mit dem alten Baron einen Galopp getanzt.

„Ja wohl, das scheint mir so. Ist das ’n Kerl! Wie kommt der dazu, Dir ’nen Schlitten zu schicken? Was zugelegt hat er auf alle Fälle; denn so viel Geld, daß er den auch noch hätte kaufen können, hab’ ich ihm nicht gegeben. Auf den Kostenpreis von diesen weiblichen Gegenständen verstehe ich mich freilich nicht.“

„Julklapp!“ Es flog etwas zu dem noch offenen Fenster herein auf die Diele, in der Verpackung einer Riesenwurst ähnlich.

„‚Hier komm ich!‘ sagt Cantor Wolf, da fiel er aus der Lucke,“ lachte der Baron; „nun regnet das ja wohl Geschenke für Dich!“

Er half das Packet öffnen. Aus einer Strohumhüllung fiel zuerst ein Briefchen: „Anne-Marie von Lebzow,“ war die Adresse. „Von Hedwig!“ rief Anne-Marie. Sie wickelte weiter – zwei Sonnenschirme kamen zum Vorschein, ein einfacherer und ein prachtvoller, dieser in schwarzer Seide, das Futter gestickt aus Weiß, echte kostbare Spitze daran, der Griff mit schöner Perlmuttereinlage.

„Entzückend!“

„Julklapp!“ Wieder ein Päckchen.

„Wie sie mich beschämen, Onkel! Ich habe ihnen nur Kleinigkeiten hinüber geschickt. Das ist sicher von Leonore!“

„Für Anne-Marie von Lebzow.“ Ein paar Dutzend Glacéhandschuhe in den verschiedensten Farben.

Anne-Marie war betreten. Eine dunkle Erinnerung kam ihr. Sie öffnete klopfenden Herzens die Couverts.

„Wie kann eine Dame dreiviertel Stunden Weges hin und zurück am lichten Tage ohne Schirm gehen?“ schrieb Hedwig. – „Sie sollten auch Ihre Hände mehr schonen!“ stand auf dem anderen Zettel, in den Schriftzügen von Leonore von Pannewitz.

Anne-Marie ließ die Zettel aus der Hand fallen; sie war bleich und so starr, daß der Baron sie erschrocken ansah.

„Was ist Dir, Döchting?“

„Laß mich einen Augenblick allein, Onkel!“ stammelte sie und flüchtete in ihr Zimmer.

Am Schaukelstuhl sank sie in die Kniee, legte einen Arm über die Lehne, faltete die Hände und schluchzte – das war wie ein Mehlthau auf die Weihnachtsfreude – Alles verdorben, verstört, besudelt! Eine Bitterkeit kam über sie, eine Herzensnoth, als ab sie sterben müsse. Das ging von ihm aus, von ihm – und sie, sie Thörin hatte – – das war eine so ausgesuchte Kränkung, so raffinirt, um ihr klar zu machen, wie bettelhaft tief sie in seinen Augen stehe, um sich für immer von ihr zu scheiden; das war ein Fußtritt am schönsten Feste der Welt, der Liebe, des Beglückens. Und dazu hatten die Beiden sich hergegeben die ihre liebsten Freundinnen waren! So intim stand er schon mit ihnen! Die Vertrauten seiner Geheimnisse, Gehülfinnnen seiner Beleidigungen waren sie geworden! O, gewiß: was war sie, das arme, verbauerte Mädchen an der Seite des bankrotten Verschwenders, gegen Leonore, gegen Hedwig [812] von Pannewitz! Ein Gänseblümchen, ein Nichts – „Mein Gott, mein Gott – –“

Der Flammenschein des Kamins lief geschäftig über das hübsche bleiche, weinende Gesicht; wie die braunen Augen in die lodernde Gluth starrten, lag eine Trost- und Hoffnungslosigkeit in ihnen, als gäbe es für dieses junge Herz keinen Himmel mehr, weder hier noch drüben.

„Julklapp!“

Die Stube Curt von Boddin’s war von seiner Arbeitslampe erhellt; er saß, die Hände in den Schooß gelegt, lächelnd vor dem Schreibpult und schien heimlich durch die Nachbarwände horchen zu wollen. Der Wurf durch die nur handbreit geöffnete Thür störte ihn auf. Was war doch das für eine Stimme? Die Hausthür mußte offen stehen; denn schwere Schritte flüchteten ohne Anstand auf den Hof hinaus und verhallten nach dem Garten zu. Auf das Kommen dieser Schritte hatte er nicht geachtet; die Leute, welche drüben nach seiner Entfernung noch weiter getrunken hatten, waren seither noch heraus und hinein gegangen.

Er hob das zierliche Päckchen auf; wer hatte seiner gedacht? Die Scheere schnitt den Faden durch, und aus dem ganzen Dutzend von Papierhüllen kam ein Photographierahmen zum Vorschein.

Aber ein reizender Rahmen, und eine weibliche Handarbeit dazu: schwarzer Sammet, von sehr kunstfertiger Nadel mit Edelweiß und Vergißmeinnicht bestickt. Er lachte in sich hinein.

„Diese Schelme von Branitz! Sie haben doch gemerkt, daß ich ihnen die Photographie entführt habe, und da habe ich den Wink mit dem Zaunpfahl – nein, nicht! das ist häßlich gesagt. Dafür ist dieser Rahmen zu allerliebst und die Idee zu sinnig. Ich muß mich revanchieren; ich werde ein Vielliebchen mit ihnen essen, und sie werden es gewinnen. Das ist ja eine süperbe Arbeit!“

Er nahm eine Photographie aus seinem Album und steckte sie in den Rahmen.

„So!“ sagte er, „man muß seinen Feind immer im Auge haben.“

Es klopfte. Rasch legte er den Rahmen umgekehrt auf den Tisch. Dürten kam herein.

„Das schickt das gnädige Fräulein.“ „Bleiben Sie, Dürten!“

Es waren die Sonnenschirme, die Handschuhe, auch die beiden Zettel, welche dazu gehörten. Sie fielen aus einem Briefbogen, auf dem von Anne-Marie’s Hand geschrieben war:

„Mein Herr!

Sie werden nicht den Muth haben, die Zurücknahme dieser Gegenstände und ihre Aushändigung an Leonore und Hedwig von Pannewitz zu verweigern. Thäten Sie es, so würde ich die Sachen einfach verbrennen. Was Sie einst über mein Herz und meine Gemüthsart äußerten, gebe ich Ihnen zurück; wir sind quitt.

Anne-Marie von Lebzow.“

Curt las – einmal, zweimal. Endlich hob er das Gesicht zu Dürten auf:

„Sie können gehen.“

Er legte den Brief hin; er las die Zettel.

„Nun,“ kam – es bitter zwischen den zusammengepreßten Lippen hervor, „das muß ich sagen: geschickter hätten diese jungen Damen die Sache nicht angreifen können. Sie sollten nichts thun, als Rahmen sticken.“

Bei Anne-Marie drüben saß der alte Baron auf dem Phantasiestuhl mit der goldgezierten Lehne, und vor ihm kniete Anne-Marie; sie hatte den Arm auf sein Knie gelegt, und darauf den strohblonden Kopf, der noch immer thränenmüde in die Flamme blickte. Zuweilen schluchzte sie leise auf. Der alte Herr machte ein halb wüthendes, halb verlegenes Gesicht; manchmal strich er ihr über den Kopf und sagte dazu mitleidig: „Mein armes Anne-Marieken! Na so’n verfluchter Kerl!“

Plötzlich fing der Flügel in Curt von Boddin’s Zimmer zu klingen an; leise, aber durch die Zwischenwand doch vollkommen verständlich, ertönte jenes zauberhafte As-Dur-Nokturno von Chopin, aus dem ein süßes, weinendes Mädchengesicht taucht mit einer unsäglich rührenden Trauer. Nie hat stilles, hoffnungsloses Weinen einen erschütternderen und herzzereißenderen Ausdruck in Tönen gefunden, als hier. So keusch ist diese Klage, so jugendlich weich; sie steigt von tränenfeuchtem blüthenweißen, spitzenbesetzten Kissen; der Mond scheint in das stille Zimmerchen, und draußen singt eine Nachtigall. Diese weißen Röckchen da haben vielleicht erst ihren dritten Ball mitgemacht. Ein „Warum?“ für das Schicksal ist der Anfang und Ausgang, und dazwischen steht eine kleine rührende Geschichte, die sehr, sehr traurig ist. Aber man stirbt nicht an ihr

Der alte Baron knurrte, und dann polterte er auf:

„Was hat der Kerl auch noch Musik zu machen? Morgen laß ich Jochen nach Demmin fahren, er soll mir eine Harmonika kaufen –“

Zwei weiche Mädchenhände schlossen ihm den Mund.

„Still! ach still!“

Er murrte noch leise einen Moment; dann schwieg er. Anne-Marie’s Kopf lag regungslos auf seinem Knie, und regungslos saß auch der Baron. Der Geist des Schönen schwebte mit sanftem Flügel über der Gruppe, und Anne-Marie van Lebzow fühlte sein Wehen kühlend auf den heißen Wangen und bis in das heiße Herz hinein. –

Das war der Christabend auf Pelchow.

Am ersten Feiertag fuhren der Baron und Anne-Marie zur Kirche, diesmal nicht, wie sonst, auf dem alten Wägelchen. Der Schnee war so dicht und fest, und der hübsche Schlitten so verlockend; er sah weiß aus, mit blauen, goldgefaßten Streifen und einem Schwanenbug, und Herr von Pannewitz konnte ja nichts für das, was Leonore und Hedwig gethan. Sie wollte ihm aber schreiben, daß sie nicht kommen könne, um sich zu bedanken; denn diese Beiden hätten sie zu tief gekränkt; sie würden wohl selber nicht erwarten, daß sie käme. Aber voll tiefsten Dankes wären sie für den Schlitten und für die Mühe, welche die gnädige Frau mit dem Besorgen der Geschenke sich gegeben. Sie beide würde sie immer lieb behalten.

Curt fuhr nicht zur Kirche; er verschob es bis aus den andern Festtag, wie er es denn überhaupt vermied, gleichzeitig mit Onkel und Cousine in Langsdorf zu sein.

Aber er fuhr auch aus – nach Branitz. Nach Tische probirte Anne-Marie den neuen Anzug an; sie errötete vor dem Spiegel; denn sie hatte ein Gefühl, als sei sie allzu hübsch darin. Das da war eine Prinzessin, aber nicht Anne-Marie von Lebzow. Und doch wuchs sie dann hinein. Sie war gerade in der Stimmung, in ihrem Stolz einen Halt zu suchen; so nahm sie denn ihre Schlittschuhe und ging auf den Teich vor dem Gutstorweg hinaus. Dort war eine glatte, wenn auch nur mäßig große Bahn, und auf der Bahn wußte sie Jochen mit einem Stuhl. Kinder standen in der Nähe, und sie vernahm Ausrufe kindlichen Entzückens über ihren Anzug. Selbst Jochen verzog sein apathisches Gesicht zu einem Schmunzeln. „Ist ’ne Pracht!“ sagte er.

Sie ließ sich melancholisch lächelnd die Riemen zuziehen und fuhr nun. Bald sammelten sich Dorfleute am Ufer, welche ihr zusahen. Da kam es ihr plötzlich vor, als nähere sich fernes Schellengeläut, und sie lauschte betroffen. „Nur nicht die Branitzer!“ sprach sie für sich. „Nur um Gotteswillen nicht Leonore und Hedwig, etwa weil ich ihnen eine Kleinigkeit als Julklapp habe werfen lassen. Aber das können sie nicht wagen.“ Sie hatte eine Todesangst vor peinlichen Scenen. Ein Wagen und ein Schlitten bogen um die Holzung drüben; nur ein Blick darauf, und das Blut drängte sich ihr zum Herzen: Hedwig und Leonore saßen im Schlitten, Heer von Pannewitz mit Curt im Wagen. Es schwindelte sie.

„Halt!“ rief es drüben. Und: „Wir fahren mit, Anne-Marie!“ scholl es vom Schlitten her.

Herr von Pannewitz und Curt stiegen aus; die Mädchen hielten die Schlittschuhe hoch und sprangen in den Schnee. Anne-Marie aber nahm alle Kraft zusammen, fuhr zu Jochen und sank auf den Stuhl.

„Mein Gott, warum kommen sie?“ hauchte sie mit geschlossenen Augen. „Ich mochte sie nicht wieder sehen!“

Die Schritte der Mädchen waren dicht bei ihr. „Gehe mal ein Ende bei Seite, Jochen!“ commandirte Hedwig. „Anne-Marie, bist Du uns wirklich böse? Dein Vetter Curt hat uns die bittersten Vorwürfe gemacht Es war doch nur ein Scherz von uns.“

„Ein sehr bittrer,“ sagte Anne-Marie trübe.

„Aber so höre doch: wir haben ihn einmal gefragt, warum Ihr Beide so gespannt mit einander wäret, und da hat er uns gebeichtet.“

[814] „Alles?“ fragte Anne-Marie entsetzt. Sie meinte das Tragen aus der Kleebrache.

„Was denn sonst noch?“ meinte Leonore verwundert. „Was wir Dir abgeschrieben haben – ja doch: er hat Dir auch gesagt, Du dürftest nicht allein in den Wald gehen.“

„Wie dumm!“ ergänzte Hedwig. „Wir haben ihm die Leviten gründlich gelesen und haben ihn schließlich zur Abbitte verurtheilt. Er ist aber starrköpfig und wollte davon nichts wissen; er berief sich auf seine Manneswürde. Da gaben wir ihm auf, Dir durch die Blume abzubitten, aber sogar das Schreiben mußten wir selber besorgen.“

„Ich danke,“ kam es mühsam von Anne-Marie’s Lippen. „Ihr hättet Euch nicht bemühen sollen. Euer Gefühl mußte Euch sagen, daß ich diese Geschenke höchstens annehmen konnte, um sie in’s Feuer zu werfen.“

„Aber Anne-Marie, sei doch nicht so rabiat –“

„Da ist ja Dein Onkel!“

Der Baron war aus dem Thore gestiefelt, um Anne-Marie Schlittschuh laufen zu sehen, und er lief Herrn von Pannewitz in die Hände.

„Hoho – vergnügte Weihnacht, Franz!“

„Unsinn! Mach’ keine Redensarten, Fritz!“ knurrte der alte Herr. „Aber ’n verflucht feiner Schlitten ist das. Den hast Du doch nicht auch von meinem Gelde gekauft?“

„Nein,“ sagte Heer von Pannewitz und zwinkerte mit den Augen seitwärts. „Das ist ’n eigen Ding mit dem Schlitten, den habe ich so durch ’ne Gelegenheit gekriegt. – Was ich sagen wollte, Franz: willst Du Dich nicht mit Deinem Neffen da aussöhnen? Es ist ja Weihnachten. Ich hab’ es nun mal übernommen, daß ich Dich frage – kommen Sie heran, Herr von Boddin! Er ist ja ’n närrischer Kerl, aber im Grunde eine gute Seele.“

„Der Teufel bin ich!“ brauste der Baron auf und sah Herrn von Pannewitz wüthend an. „Du willst mich ja wohl hier überrumpeln als ’nen tauben Fuchs. Kuchen, sagte Sjölk – da lebte er noch. Und wenn mir der Kerl zu nahe kommt – mein armes Anne-Marieken hat gestern Abend erst geweint über das, was er ihr angethan hat – was hast Du mir zu sagen?“

Curt stand vor ihm und wies auf den Teich hinüber.

„Das beruhte auf einem Mißverständnisse, das dort drüben aufgeklärt wird, Onkel. Ich biete Ihnen die Friedenshand; ich habe nicht die Absicht, Ihnen das Leben hier zu verbittern; ich arbeite hier ja nur für Sie, in Ihrem Interesse. Sie schädigen sich selbst, wenn Sie dem Gute die Arbeiter entziehen, und Sie haben keine anderweite Arbeit und keinen anderweiten Verdienst jetzt für sie und können es nicht durchführen, sie aus Ihrer Privatcasse zu bezahlen –“

Er hatte es gut gemeint, aber er hatte wieder Unglück. Das Letzte war das Schlimmste, was er dem alten Herrn sagen konnte.

„So, mein Sohn?“ sagte er beißenden Tones; „nun will ich Dir was sagen: Wenn meine Leute keine Arbeit haben, dann lasse ich sie hier auf dem Eise im Tagelohne tanzen, und wo ich das Geld dazu her kriege, das ist meine Sache. Das thue ich, so wahr ich Boddin heiße. Jochen!“

„Ja, Herr!“

„Spann mal drinnen meinen Wagen an und fahr gleich nach Demmin! Hier hast Du etwas Geld. Da sagst Du dem Stadtpfeifer Sallin, er soll mir vier oder fünf Kerle schicken auf ein paar Tage, daß sie hier Musik machen. – Steffens, mach Dich mal hierher, und Du auch, Lünnemann! Sagt mal zu meiner Compagnie: ich ließe euch nun drei Tage hier auf dem offenbaren Eise tanzen und zwar im Tagelohn, und ich gebe euch auch was Schnaps dazu.“

„Und ich sage Ihnen ebenso laut und vernehmlich, Heer Baron von Boddin,“ fiel Curt ihm in’s Wort, „wenn Sie das ausführen was Sie soeben ausgesprochen haben – und ich werde Sie daran nicht hindern, obwohl das Recht, über diesen Teich zu verfügen, jetzt in meiner Hand liegt – wenn Sie also ausführen, was Sie angekündigt haben, so werden Sie vom ersten April nächsten Jahres ab nicht mehr in Pelchow wohnen, so wahr ich Boddin heiße.“

Curt stand mit flammenden Augen da, den Arm gegen den alten Baron ausgestreckt. Diese offene Verhöhnung im Angesichte der Branitzer Gäste und der in der Nähe stehenden Dorfleute hatte sein Blut fast zum Sieden gebracht und die Zügel seiner Geduld zerrissen. Boddin gegen Boddin! Vergebens hatte Herr von Pannewitz ihm beschwichtigend die Hand aus die Schulter gelegt, ihn zu unterbrechen versucht: wie ein Sturzbach prasselte die entscheidende Absage über den Baron, der sie mit spöttischem Kopfnicken aufnahm.

Der Rubikon war überschritten.

Curt hatte den Baron zur Genüge kennen gelernt, um zu wissen, daß dieser von seinem Entschlusse nicht zurücktreten würde. Ebenso selbstverständlich war ihm, daß er an dem seinen festhielt – trotz der anmuthigen violetten Mädchenblume dort! Ein unseliges Verhängniß hatte es so gewollt. Nun war sie wohl unwiderruflich für ihn verloren; denn das würde ihre Pietät gegen den Onkel nie verwinden, daß er ihn aus seinem Eigenthume stieß, an dem er mit solcher Zähigkeit hing; sie war ja ein Mädchen, welche der stärkeren Empfindung nachgab, und das war ihre Neigung für ihn sicher nicht – gesetzt auch, daß jener reizende kleine Rahmen voll Edelweiß und Vergißmeinnicht, von ihr kam, wie die Pannewitzischen Töchter behaupten wollten. Wollte er sich über den neuesten Affront um ihretwillen hinwegsetzen – er gewönne nichts damit; denn er hätte ihre Achtung doch verscherzt. Er wollte wenigstens nicht als Schwächling vor ihr stehen.

Die Arme über der Brust gekreuzt, blickte er zu den Mädchen hinüber. Was er da sah, war ein reizendes Bild, und doch eine beredte Anklage für ihn. Anne-Marie stand mit gefalteten Händen da; die Freundinnen bewegten sich in lebhaftem, ernstem Zureden neben ihr. Das blasse, entsetzte Gesicht Anne-Marie’s konnte er nicht sehen, bis er den Zwicker absetzte; dann ließ er ihn rasch wieder fallen. Es mußte ertragen werden. –

„Anne-Marie, sprich doch mit dem Onkel! Er darf es nicht auf’s Aeußerste kommen lasten; thue doch Alles, um das zu vermeiden!“

„Nein. Nicht die Lippe beweg’ ich dazu.“

„Aber weshalb nicht – um Gotteswillen?“

„Wenn er das Herz hat, dem Onkel das anzuthun, so ist es ein Glück für uns, daß wir von hier fortkommen.“

„Aber er kann ja doch kaum anders handeln; Du hörst, was Dein Onkel ihm bietet; das läßt sich kein Mann gefallen.“

„Nein, nein, und abermals nein! Das ist gegen einen gereizten alten Mann eine Rohheit. Ich will mit dem Onkel das Brod der Fremde essen und dann zusehen, was aus mir werden wird. Wäre er nicht so dünkelhaft und hochfahrend, wäre er auf des Onkels Art eingegangen, so wäre der gewiß des Widerstandes müde geworden.“

„Aber Du bist ungerecht gegen Deinen Vetter, Anne-Marie.“

„Gleichviel! Ich will Gott danken, wenn dieser Zustand auf Pelchow ein Ende nimmt, mich zerreibt dieser Unfriede innerlich. Keinen ruhigen Schritt kann ich mehr thun, aus Furcht, ihm zu begegnen; jeden Tag wache ich mit der Angst auf: es giebt neue Aufregungen. Möge es entschieden sein und mögen diese Wochen bis Ostern Flügel haben! Ruhe, nur Ruhe!“

„Liebe, gute Anne-Marie: wenn er nun ein tieferes Interesse für Dich hätte – –“

„Still, um Gottes willen, Hedwig kein Wort davon!“ Mit flehender Angst streckte sie beide Hände aus. „Sage das nie, nie wieder!“

Schweigend glitten sie weiter.

„Du bist wie’n störrischer Ochs, Franz,“ sagte Herr von Pannewitz, „nimm mir das nicht übel! Du rennst so lange gegen die Wand, bis sie Dir auf den Kopf fällt. Wie ist Dir das ’ne Schande, wenn Du vernünftig bist und Dich giebst?“

„Das ist meine Sache, Pannewitz, und solche Grobheiten verbitt’ ich mir, daß Du mich für ’nen Ochsen titulirst. Er soll mich nur ’rauswerfen! Ich will die ganze Verwandtschaft dazu einladen, aber meine ganze Compagnie auch, und dann wollen wir mal sehen, wer oben bleibt, ich oder die Pogge; denn eine Pogge bleibt er doch, und wenn er heute auch schwarz geht als ein Predigtamtscandidat. – Und morgen ist Tanz, sag’ ich Dir, Fritz, und ich lade Dich dazu ein, und Deine Mädchen auch.“

„Ich danke – ich bin kein so ’n alter Esel, daß ich auf dem Eise tanzen möchte.“

„Hoho, Fritz, das hast Du gut gesagt. Und nun laß mich machen und bemenge Dich nicht mit der Sache zwischen mir und dem da! Was ’n Boddin ist, der besteht auf seinem Kopf und wir bleiben gute Freunde.“ –

Eine halbe Stunde später sauste der Branitzer Schlitten über den Schnee, an dem stillen, verschneiten Walde hin. Krähen [815] spazierten seitwärts im dämmernden Schneefelde, schwarz und gravitätisch, das Trauergefolge der erstorbenen Natur. Herr von Pannewitz saß hinten und handhabte die schwere Schlittenpeitsche; vorn drückten die Schwestern sich fröstelnd an einander.

„Es war gut, daß wir Anne-Marie nicht gesagt haben, von wem der entzückende Schlitten eigentlich stammt,“ sprach es aus dem einen der blauen Schleier. „Sie hätte ihn nie wieder benutzt.“

„Wer weiß, ob es gut war? Denn daß er Absichten hat, daran hätte sie dann so wenig gezweifelt wie wir. Man verschenkt keine solche Schlitten auf’s Gerathewohl. Meinst Du nicht, Papa?“ fragte es aus dem anderen Schleier.

„Meinetwegen: ja, Kinder! Laßt mich aus dem Spiel! Ich habe Aerger genug mit der Sache.“

„Klatsch!“ sagte die Peitsche, und es klang so mißmuthig, wie die Rede des Herrn von Pannewitz.

„Aber der Rahmen ist Anne-Mariens Arbeit; darauf verwette ich Kopf und Kragen. Ich glaube bestimmt, daß sie den Vetter liebt – gerade, weil sie nichts davon hören wollte.“

Und wieder ein paar Stunden später saß Curt von Boddin am Schreibtisch; er hatte den Rahmen vor sich mit Anne-Mariens Bild darin. Wer weiß, wie lange er schon davor gesessen! Er betrachtete die Edelweißblumen und die Vergißmeinnicht.

„Ich wollte, mein Leven schlösse sich, um Deines herum, Cousine Lebzow,“ sagte er seufzend. „Aber es geht nicht an. Lebe wohl, reizende Anne-Marie!“

Nun nahm er den Rahmen, zog unten am Schreibtische eine Schublade auf und legte das Ganze hinein. Kreischend fuhr der Schlüssel um. Dann beschien die Arbeitslampe eine Weile sein unbewegtes, ernstes Gesicht, das er in die Hand stützte.

[825] Am anderen Morgen brachte Jochen fünf Musikanten von Demmin. Sie waren lustig; denn als sie in’s Dorf einfuhren, spielten sie, auf der engen Wagenbank zu einem wahren Knäuel geballt den Großvater-Tanz zum Stein-Erweichen. In der Schänke stiegen sie ab. Und am Nachmittage entwickelte sich auf dem kleinen Dorfteiche das seltsamste Schaustück von der Welt.

Eine spiegelblanke Eisfläche, ein Naturparquet von gefährlicher Glätte; darüber ein wolkenlos blauer Winterhimmel. In der Nähe des Ufers luden die braungestrichenen, verscheuerten Tische und Bänke des Schänkwirthes und eine Anzahl Stühle zu Sitzen ein, während für die Füße durch Legen von Brettern und Roggenstroh gesorgt war. In diesem Ballsaale herrschte eine Temperatur von zehn Grad Kälte und völlige Windstille.

Die Kinder tummelten sich, Tanzversuche anstellend, mit lautem Geschrei auf der weiten Fläche. Neugierige Gruppen Erwachsener, das helle Vergnügen in den Gesichtern, gingen ab und zu, dann aber zog es in hellen Haufen heran, vorweg die Musik, dahinter der Wirth, einen Karren vor sich herschiebend, auf welchem Körbe zahlreiche Flaschen und Gläser bargen Nach ihm trug ein Mann etliche Stangen und einen Kupferkessel ein Zweiter auf der Schulter ein Fäßchen, ein Dritter eine Anzahl Reisigbündel, ein Vierter zwei Eimer voll Wasser. Nun folgte im Festputz die „Compagnie“, umschwärmt von Kindern. In der Nähe des Gutsgartens, wo das Ufer am niedrigsten und der Zugang zum Teiche am bequemsten war, lenkte man ein; der Wirth begann auszupacken, indessen man am Ufer, an einer von Schnee gesäuberten Stelle, den Kessel aufhing, ihn mit Wasser füllte und unter ihm Reisig anzündete. Die fünf Musikanten saßen um ihren Tisch in der Nähe des Wirthsstandes, rieben sich die Hände und bliesen die Backen auf. Dann dudelte die Clarinette ein paar Läufe auf und ab; der Baß rummelte einige Griffe; zwei Blechinstrumente quiekten. Endlich sagte die Pauke: „Bum“. Sie war ihrer Sache sicher. Und nun begann ein Walzer.

Zaghaft sahen die ersten Tritte aus, aber es ging. Ein nie gekanntes Vergnügen!

„Junge Welt ist lustig, sagt das alte Weib und läßt das Kind aus der Wiege hüpfen – da liegt schon ein Paar.“ Es ist gut abgegangen. „Was, das ist ja wohl Zielenzig? Der alte Dämel tanzt auch mit!“

„Ist ‚ne Pracht,‘ sagt Widal ‚macht Platz, meine Tochter kommt‘ – nein, was sich Fieken Stiermann aufgedonnert hat! Die hat ja wohl so viel Bänder hinten als der Regenbogen Farben hat?“

„Da liegen ja wohl sechs auf einander! – ,Siehst Du, siehst Du Vagel, aus der Hast kommst nichts Gutes,’ sagte Eulenspiegel, da ließ er den Senftopf fallen.“

„Ist ’n Spaß, ist ’n Spaß – juh! Lüchting, noch einen in das Glas und ’nen Haufen d’rauf! Heute muß von inwendig Feuer gemacht werden. Na, wenn unser alter Herr kommt, der muß auch mal mittanzen.“

„Was, da kommen ja wohl die Knechte vom Hofe? Das giebt nichts ! Das Vergnügen ist blos für die Compagnie. Wir werden mit unserm Schnaps allein fertig.“

„Oho, andere Leute sind doch auch Leute; unsern Schnaps wollen wir wohl bezahlen“

„Na, laßt sie nur!“

„Lüchting, ist das Wasser noch nicht heiß? Meine Frau will was Warmes trinken.“

„Geduld, sagt Schult. Das kommt all noch.“

Das quiekte, dudelte und brummte; das sprach, schrie und jauchzte durch einander; das drehte sich, fiel und stand wieder auf unter hellem Gelächter. Aus dem Dorfe kam Zuzug; die Compagnie war bald nicht mehr allein. Was nicht am Tanze sich betheiligte, erschien wenigstens zum Zuschauen.

„Ho, unser alter Herr kommt! Unser Herr Baron soll leben und das gnädige Fräulein daneben!“

Aber das gnädige Fräulein war nicht dabei; der Baron hatte allein gehen müssen. Anne-Marie „fror so“ und „hatte Kopfschmerzen“ und saß müde am lodernden Kaminfeuer. Der alte Herr hatte seinen Fuchspelz an und die Pelzmütze auf dem Kopfe; mit Pelzhandschuhen hielt er die qualmende Jagdpfeife, und sein Gesicht war voll ingrimmigen Vergnügens. Er schritt langsam um den Teich herum bis zu dem Wirthsstande, wo die älteren Leute die Mützen abzogen und ihn mit grinsenden Gesichtern erwarteten.

„Nu wie gefällt Euch das, Kinnings?“

„Das soll uns wohl gut däuchten, Herr. Auf die Art halten wir das Arbeiten lange aus.“

„Das habt Ihr auch verdient, indem daß Ihr bei Euerm alten Herrn geblieben seid. Das vergeß’ ich Euch nicht.“

„Nun kommen wir doch wohl nach Amerika, Herr, wenn’s Frühjahr wird?“

„Das müssen wir mal sehen, wie das wird. – Was willst Du denn von mir, mein Döchting?“

Er streichelte dem hübschen Kinde, das von Andern vorgedrängt wurde und endlich couragirt zu ihm trat, väterlich das Kinn.

[826] „Herr, Sie möchten doch mal mit mir tanzen.“ „Was? Tanzen soll ich?“ Er nahm die Pfeife aus dem Munde voll verräucherter Zahnstummel und lachte in seiner kurzen Weise. „Du bist wohl ungesund im Kopfe, Fieken? Das müßte ja aussehen, als wenn ein alter Kettenhund hier ’ne Polka machen wollte. Krischan Schnabel, komm mal ran und nimm mir das Kind ab! Das wird ihm lieber sein, als ’n Tanz mit so ’nem lahmen Krippensetzer. Trinken? Ja, das will ich wohl; gieb mir mal das Glas her, mein Sohn! – Nein, ich setz’ mich nicht; das giebt Podagra in meine alten Knochen. Donner un de Knütt! Was für ’n guter Schnaps ist das – Lüchting, da kannst mir mal ’ne Buddel aus den Hof bringen, ich habe das gern zum Frühstück. – Juch! Was kreischt denn so? Das ist ja wohl Jechann Schuring? Komm mal ’n bischen näher, mein Sohn. Was machst Du denn hier auf dem Eise? Gehörst Du zu meiner Compagnie? Hab’ ich etwa für Dich die Musik bezahlt?“

„Ach, Herr Baron, wir wollten doch auch ein bischen tanzen –“

„Na, was in Hofdiensten stehst das soll’s meinetwegen, aber zu trinken kriegt die Art nichts von mir, Lüchting, und was die Tagelöhner sind, die nicht zu mir gehalten haben, die jagt Ihr herunter. Na, adschüs auch!“

„Adschüs, Herr! Und ’nen Tusch für unsern Herrn Baron!“

Der alte Herr ging langsam wieder zurück, wie er gekommen, und musterte das Volk auf dem Teiche.

„Nun hab’ ich meinen Willen, Pogge, und nun wollen wir mal sehen, ob Du Deinen auch haben sollst,“ knurrte er befriedigt zwischen den Zähnen.

Gegen die Dunkelheit zu wurde das Fest immer lebendiger und in Folge der genossenen Getränke gefährlicher für die Theilnehmer.

Die Alten legten sich in’s Mittel, aber es half nichts. Erst als ein Bursche dermaßen hingestürzt war, daß er besinnungslos fortgetragen werden mußte, leerte sich die Fläche wie mit einem Schlage.

Am folgenden Tage begann der Tanz auf’s Neue. Wieder dampfte und stampfte, musicirte und lärmte, trank und schwatzte es bis in den sinkenden Abend hinein.

Am dritten Tage wollte nichts mehr zu Stande kommen. Die Musikanten aus Demmin fuhren Nachmittags heim, und die Eisfläche blieb einsam; nur ein paar Kinder suchten Schleifen, Knöpfe und was sonst Verlorenes für Kinder Werth hatte, standen wohl auch schaudernd vor ein paar Blutspuren. In den Stuben schliefen die Theilnehmer mit wüsten Köpfen oder hockten fröstelnd an den Oefen umher. Tanzen um’s Tagelohn – es war doch ein unvergleichlicher Gedanke!




8.

Die Kosten des Festes auf dem Eise bezahlte Anne-Marie wieder „auf Borg“. Neujahr fuhr sie mit dem Onkel nach Branitz. um zu gratuliren – aber erst Nachmittags; denn Curt war Vormittags drüben gewesen. Als sie zurückkamen, fand der Baron ein Billet vor, in welchem Curt mit kurzen geschäftsmäßigen Worten den Alten aufforderte, sich bis zum Beginn des neuen Quartals nach einer anderen Wohnung umzusehen. Der Alte lachte höhnisch – das Billet wurde wieder, wie alles ihm fatale Papier, zum Fidibus verwandt.

Langsam dehnten sich die kalten Winterwochen. Klares Wetter, Schneegestöber, eisiger Nordost wechselten in fast regelmäßigem Turnus. Der Baron war viel auf der Jagd, auf Pelchower Revier und in der Nachbarschaft, während Curt die Einladungen ausschlug – für diesen Winter. Seltsam fügte es der Zufall, daß der alte Herr jetzt beständig im Spiel, dem unvermeidlichen Abschluß jedes Jagdfestes, gewann; er brachte Summen heim, welche die Auslösung seiner Compagnie bis zum Frühjahr sicher stellten, und man war versucht, die Abmachung, daß man ihm Verluste stillschweigend erlassen wolle, aufzuheben. Die Geschichte vom Pelchower „Eistanz im Tagelohn“ machte die Runde, soweit man den Alten kannte, und wurde weidlich belacht; sie bildete ein neues Blatt in der Geschichte seiner tollen Streiche.

Man fragte ihn wohl, was er zu thun gedächte, wenn der April käme; denn er traf nicht die geringsten Anstalten, sich um eine künftige Wohnstätte zu bemühen. Man war überzeugt, daß er wieder etwas Närrisches anstellen werde.

Auf jene Frage hatte er eine charakteristische Antwort:

„Denkt ihr denn, ich weiß heute schon, was ich morgen thun werde?“

Anne-Marie saß daheim, ernst und schweigsam, eine Andere als sie vordem gewesen. Sie las und stickte und nähte. Selten ging sie aus, etwa einmal zu Radmachers, um nach den Kindern zu sehen. Und immer hatte sie Furcht, sie könne Curt einmal dort treffen. Zuweilen hielt der Wagen, mit der Steinfigur Jochens im blauen Mantel auf dem Bock, bei dem Hause; dann fuhr sie in die Nachbarschaft, nach Langsdorf, nach Branitz, an einen oder zwei andere Orte, wo sie mütterliche Freundinnen gewonnen hatte. Am liebsten war ihr das stille Zimmer in Pelchow.

Von dort aus konnte sie Curt nebenan auf- und abgehen hören und den Laut seiner Stimme vernehmen. Die Tasten des Flügels berührte er nicht wieder. Sie bekam ihn sehr selten zu sehen; denn im Februar war er fast immer abwesend. Was sollte er auch in dem öden Pelchow beginnen? Was hätte ihn da fesseln können? Das geringe Maß Arbeit, welches die Jahreszeit zu verrichten erlaubte, konnte der Statthalter Drewes beaufsichtigen. Er fühlte wohl auch das Bedürfniß, die Zeit bis zum Frühjahr zu tödten, welche ihm Erlösung von dem auf dem Gutshause lastenden Banne und Freiheit der Bewegung bringen sollte.

Ach, was stand ihr danach bevor! Der Onkel wollte durchaus nicht zum Abzuge rüsten; er ließ sich nicht zureden und blieb dabei: er ginge freiwillig nicht fort. Welche Aufregungen würde es da noch zu ertragen geben!

Und immer näher rückte der gefürchtete Zeitpunkt. Anfang März kam ein häßlicher Thauwind mit Regen, welcher die Wege in Sümpfe verwandelte, dann ein kühler Ostwind bei grauem Himmel, welcher am Tage die Wege austrocknete, in der Nacht Frost brachte, endlich ein paar linde, fast schwül warme Tage. Das Holz der Bäume und Sträucher ward bräunlich und glänzend; die Knospen schwollen; der Rasen begann zu sprossen.

Es wurde Frühling in Pelchow.

Anne-Marie von Lebzow hatte schlaflose Nächte. Sie sah bleich aus, und ihre fröhlichen, glänzenden blauen Augen waren matt geworden. So nervös war sie, daß sie zusammenschrak wie ein Stämmchen, an das eine kräftige Faust geschlagen, wenn Dürten Schoritz unvermuthet an ihre Thür klopfte. Nicht der Gedanke, daß sie von Pelchow scheiden solle, nicht das Loslösen aus der Nähe Curt’s war es, was sie quälte – das Gespenst der Katastrophe, welche bevorstand, hatte in ihrer Seele Wohnung genommen und wuchs und marterte ihre Nerven, daß jedes andere Leid von dieser Pein verschlungen wurde.

Eine barbarische Zeit, so sagt man, erfand Gefängnisse mit beweglicher Decke. Jeden Tag rückte diese Decke ein paar Zoll tiefer; der Unselige, der unter ihr ahnungslos wohnte, merkte es, er konnte den sich verkleinernden Raum endlich mit dem ausgestreckten Arme messen. Tiefer, immer tiefer sinkt die Decke! Er kann sie mit den Händen fassen; er drängt und stemmt in verzweifelter Angst; noch drei Tage – dann liegt er, und das Ungeheuer über ihm wird ihn zerquetschen rettungslos, unerbittlich – –

Aehnliches empfand Anne-Marie von Lebzow.

In der letzten Märzwoche nahmen die Feldarbeiten auf Pelchower Grund und Boden wieder ihren Anfang. Curt hatte den Winter trotz des Arbeitermangels leidlich überstanden; jetzt aber sah er sich der Frage gegenüber: woher Arbeiter schaffen? Entweder die Getreuen des Onkels, oder neue, die am sichersten in Schweden zu haben waren – das Beides stand zur Wahl.

Der Zeitpunkt war gekommen, wo man den Versuch machen konnte, ob die „Compagnie“ des Onkels vernünftigen Vorstellungen zugänglich war. Man mußte den Leuten die Pistole auf die Brust setzen und er hatte sich zu diesem Zwecke die genauesten Instructionen vom Landrath geholt.

Curt nahm die Liste der Leute und ging zum Radmacher, den er fragte, ob er es auf sich nehmen wolle, die Widerspänstigen für morgen Sonntag, zu einer Versammlung in den Nachmittagsstunden aufzufordern? Er, Curt, werde gegen vier Uhr erscheinen, um ein ernstes Wort mit ihnen zu reden. Der Radmacher möge mit Mederow sprechen: das Schullocal sei wohl der geeignetste Zusammenkunftsort; der Baron erführe am besten vorher nichts von der Sache.

„Gern“ meinte der Radmacher. „Ich verrathe auch nicht vorher, was Sie ihnen sagen wollen, junger Herr. Die Neugier hilft treiben; ich kenne die Art hier“.

[827] Curt stimmte zu, und der Radmacher brachte am nächsten Morgen günstigen Bescheid.

„Ich habe aber mit meiner Frau Streit gekriegt, Herr,“ setzte er ernst hinzu. „Es will ihr gar nicht in den Kopf, daß unser gnädiges Fräulein aus Pelchow fort soll, und sie hat mir was vorgeweint gestern Abend. Ich habe Ihnen den Gefallen gethan, aber es ist mir schwer geworden.“

Curt wendete sich ein paar Secunden ab; dann drehte er sich finster herum und erwiderte kurz:

„Mein lieber Radmacher, mir ist wahrscheinlich schwerer um’s Herz als Ihnen und Ihrer Frau. Sagen Sie ihr das!“

In der Schulstube des Herrn Mederow ging es am Nachmittage lebhaft her. Was der „junge Herr“ zu reden haben würde, stand leicht zu vermuthen. Der Radmacher war nicht anwesend; nur Herr Mederow bewegte sich zwischen den Leuten, welche erst vereinzelt auf den Schulbänken Platz genommen hatten, und der Schulmeister war ein beredter Anwalt des Administrators. Allein er fand wenig günstiges Gehör. Man erkannte die Tüchtigkeit und den guten Willen Curt’s an, aber es ging doch nichts über den guten alten Herrn. Und das Zauberwort „Amerika“ feite gegen alle Anwandlungen von Furcht und Nachgiebigkeit.

In der Frühlingssonne draußen hielt Curt’s Engländer; Herr Mederow eilte hinaus, um die Zügel zu ergreifen. Drinnen schoben sich die Leute – nur Männer – zwischen die Bänke. Neugierige Gesichter empfingen den Eintretenden und erwiderten auf sein „Guten Tag, Leute!“ in rauhem Atempo.

„Ich habe Euch hierher beschieden, um Euch vor eine Entscheidung zu stellen, Leute. Der erste April naht; bis zu diesem Termin muß ich wissen, wie ich mit Euch daran bin. Ich mache Euch keinen Vorwurf aus dem Vergangenen. Aber so, wie bisher, geht’s nicht weiter. Der Baron, mein Onkel, den Ihr als Euren Herrn anerkennt, verläßt mit dem ersten April Pelchow. Ich habe Euch im Herbst Arbeit verschafft, indem ich einen Theil der Feldfrüchte auf dem Stiel und in der Erde an die nächsten Güter verkauft habe. – Ihr werdet fortan keine Arbeit mehr finden, außer derjenigen, welche ich Euch als Herr biete. Und diese müßt Ihr annehmen, wohlverstanden, wenn Ihr in Pelchow bleiben wollt. Weigert Ihr Euch, so seid Ihr Armenhäusler; arbeitskräftige Armenhäusler aber können zur Arbeit gezwungen werden; also nützt Euch die Weigerung nichts. Widerstrebt Ihr, so werdet Ihr abgeführt und von Polizeiwegen in ein Arbeitshaus unter Bummler und Vagabunden gesteckt.“

„Wir wollen nicht in Pelchow bleiben; wir gehen nach Amerika; unser Herr Baron giebt uns das Geld dazu,“ unterbrach Curt eine Stimme.

„Irrt Euch nicht! Mein Onkel wird Euch das Geld nicht geben, denn er hat es nicht. Fragt ihn darum! Aber bis zum ersten April will ich Eure Entscheidung haben. – Und nun noch Eines: unterwerft Ihr Euch bis dahin freiwillig, so behaltet Ihr Euren Pachtacker und den bisherigen Lohnsatz, auch was Euch sonst früher vom Gute an Vergünstigungen gewährt wurde. Laßt Ihr Euch erst durch Noth und Enttäuschung zwingen, so berechne ich den Schaden, den ich bis dahin durch Eure Hartnäckigkeit gehabt, und ziehe Euch die Summe nach und nach vom Lohn ab, alle anderen Vortheile aber, mit Ausnahme der freien Wohnung, verliert Ihr. Ueberlegt Euch das! Adieu!“

Diesmal folgte ihm nur ein vereinzeltes „Adschüs!“, als er raschen Schrittes vom Katheder stieg und das Zimmer verließ. Noch saß Alles mit langen Gesichtern da, indeß draußen bereits die Hufschläge seines Pferdes sich entfernten, und Keiner hatte recht den Muth, seine Meinung über das Vernommene zuerst zu äußern.

„Das ist ’n Teufelskerl,“ platzte endlich ein alter Mann heraus. „Ja, da müssen wir wohl erst unsern alten Herrn mal fragen, ob uns der auch wirklich das Geld giebt, daß wir nach Amerika fahren. Er muß uns das bis zum ersten April aufweisen.“

Und so lautete auch das Resultat des Hin- und Widerredens, das nun in der Schulstube sich entspann. Die drei Sprecher, welche einst die Lohnzettel vom Baron angenommen hatten, wurden wiederum zu der heiklen Verhandlung mit demselben deputirt.

Der alte Herr empfing seine Getreuen ruhiger, als sie erwartet hatten.

„So ist nun son’ Kerl,“ sagte der Baron, „wenn er sich nicht anders zu helfen weiß, dann geht das auch gegen Gottes Gebot, was doch besagt, daß Eins dem Andern nicht soll sein Gesinde abtrünnig machen. Na, beruhigt Euch nur, Kinnings! Ich habe zwar das Geld auf den Augenblick nicht hier, aber bis dahin will ich Euch das schon noch ausweisen. Ihr könnt wieder kommen – bis aus den Ersten hat das Zeit.“

Er überlegte hin und her. Am späten Nachmittag des letzten Märztages fuhr er mit Jochen nach Branitz. Warum sollte ihm Pannewitz nicht ein paar tausend Thaler vorschießen?

Als es dunkel wurde, saß Anne-Marie von Lebzow am offenen Fenster. Am stahlfarbenen Himmelsgewölbe blinzelten die Sterne; kühl und doch weich wehte die Abendluft um das heiße Gesicht des einsamen jungen Mädchens. Der Bernhardiner, welcher den Winter zumeist im Stalle zugebracht, saß in der Dämmerung zu ihren Füßen und hatte seinen Kopf auf ihr Knie gelegt, und sie streichelte ihn leise mit der Linken, während die Rechte mit dem Taschentuch ihre Wange stützte.

Ihr war bitter weh zu Sinn, und sie weinte. Diese Thränen schienen unversieglich zu sein; wie oft sie das Taschentuch auf die brennenden Augen preßte, immer quollen sie auf’s Neue. Sie starrte verloren in die schweigende Nacht, als suche sie unter den blinzelnden Sternen da draußen den ihren. Wo war er? Sie hatte keinen. Morgen – ach wer das Morgen erst überstanden hätte!

Manchmal grub sie wohl das Gesicht tief in das schimmernde Tuch und schüttelte langsam den Kopf und stöhnte leise. Wenn nur der Onkel nicht so lange bliebe! Diese Einsamkeit war furchtbar.

Es klopfte. Dürten war es; sie kam mit der brennenden Lampe, stellte sie auf den Tisch und ging schweigend hinaus. Anne-Marie hatte sich geflissentlich weiter zum Fenster gebogen, um ihr Gesicht nicht sehen zu lassen.

Minuten vergingen. Der Bernhardiner erhob sich, schritt schwerfällig zum Ofen und legte sich dort nieder.

Es klopfte noch einmal, unvermuthet; die Bewegung des Hundes hatte die nahenden Tritte überhören lassen, und Anne-Marie fuhr heftig zusammen

„Herein!“

Curt von Boddin stand in der Thür, schweren Ernst im Gesicht.

„Verzeihung, gnädiges Fräulein! Noch einmal – –“

Anne-Marie hatte ihn mit geisterhaft großen Augen angestarrt. Nun sprang sie mit abwehrenden Händen empor und stieß einen Schrei aus. Er klang wie der Schrei eines zur Marter Verdammten, der den Folterknecht kommen sieht: verzweifelt, herzzerreißend.

„Nicht – nicht – bleiben Sie draußen, um Gotteswillen gehen Sie! Wenn Sie im Leben oder Sterben eine Gnade hoffen: gehen Sie! Sie tödten mich!“

Sie flüchtete sich mit zitternden Knieen hinter einen Stuhl, den sie wie einen Schild vor sich hielt und dessen Lehne sie stützen mußte; denn sie war dem Umsinken nahe.

Curt von Boddin bewegte die Lippen, als wolle er noch etwas sagen; sein Gesicht war verstört und kreidebleich; nun neigte er stumm den Kopf, machte Kehrt und ging hinaus.

„Für immer, Anne-Marie von Lebzow!“ hörte sie ihn sagen ehe er die Thür schloß.

Für immer! Für immer! Warum? Weshalb hatte sie ihn nicht angehört? Was konnte sie für ihre Nerven, die gequälten, gemarterten die sich gewöhnt hatten, bei dem Gedanken an ihn zur Flucht in alle Winde zu drängen? Ach, und sie liebte ihn doch – sie liebte ihn – und nun sank sie schluchzend vor dem Sopha nieder und legte das Gesicht in das Taschentuch. Sie hatte ihn lieb mit tausend Schmerzen – sehr, sehr lieb.

Eine Weile war es still im Zimmer, still bis auf ihr zuckendes Aufschluchzen; nur dann und wann hörte man einen tiefen Athemzug des Hundes am Ofen. Endlich rasselte draußen ein Wagen, und Anne-Marie erhob sich. Der Baron kam unverrichteter Sache, und in Folge dessen ein wenig verdrießlich heim: er hatte Herrn von Pannewitz nicht zu Hause gefunden. So mußte er denn am nächsten Morgen die Fahrt noch einmal unternehmen. Er betrachtete Anne-Marie mit Besorgniß, fragte auch, plötzlich wieder in Zärtlichkeit umschlagend, was ihr fehle, erhielt aber ausweichende Antwort. Das war ihm ungemüthlich, und er zog sich bald auf sein Zimmer zurück.

Es mochte nach zehn Uhr sein, und Anne-Marie war im Begriff einzuschlafen, da klang zum ersten Male wieder drüben der [828] Flügel, und wieder war es dasselbe zauberhafte Notturno, das sie schon einmal gehört. Leise richtete sie den Kopf empor. Aber nach den ersten zwanzig Tacten erhoben sich im Zimmer des alten Herrn so schauderhafte Töne, wie sie in ihrem Leben von einer menschlichen Stimme noch nicht vernommen worden. Der Baron, welcher eine letzte Pfeife vor Schlafengehen rauchte, war wüthend über die Musik und begann seinerseits einen längst verschollenen Gassenhauer zu singen, der ihm aus seiner Jugend her im Gedächtniß geblieben. Es klang wie das Geheul rostiger Thorflügel.

Das war seine Rache, und sie wirkte unmittelbar.

Die zauberhafte Weise drüben verstummte.

Als der Baron am Morgen gestiefelt und gespornt aus seinem Fenster stieg, empfing ihn eine für diese Jahreszeit auffallend warme Luft. Der Himmel war tief blau, wie mitten im Sommer. Spatzenhaufen schwirrten in erbittertem Kampfe wie unsinnig über die Mauer und wieder herüber, und auf der Dungstätte kämpften die Hähne und gluckten und gurrten die Tauben.

„Das ist ja ’n merkwürdiges Wetter,“ sagte der alte Herr kopfschüttelnd zu Jochen, als er den Wagen bestieg. „Es ist ja, als wenn das heute noch ’n Gewitter geben sollte.“

„Das ist möglich,“ war die lakonische Antwort.

Vor dem Thore begegneten ihnen zwei Gestalten in einer Art Uniform, jede mit einem Blechschilde auf der Brust. Sie grüßten militärisch, als der Wagen an ihnen vorbeistockerte. Der Baron musterte sie scharf und zog die Stirn unter dem Riesenschirm der Jockeymütze kraus, worauf er eine Weile in unruhiges Nachdenken versank.

„Jochen,“ sagte er nach einiger Zeit, „was waren das für Kerls? Das schien mir was vom Gericht zu sein.“

„Das glaube ich auch, Herr!“

Wieder eine Pause von zehn Minuten.

„Jochen, die sollen mir doch wohl mein Quartier nicht ausräumen in der Zeit, daß wir nach Branitz fahren?“

„Kann sein, auch nicht, Herr.“

„Das wäre der Teufel! Fahr mal rasch zu!“

Jochen hieb auf die Pferde ein, daß sich der Wagen in Staubwolken hüllte, während sie am Waldrande hinrasselten.

Herr von Pannewitz war zu Hause; indeß war der Weg auch diesmal ein erfolgloser.

„Ich kann Dir jetzt nicht helfen, Franz. Ich habe nur so viel baares Geld liegen, wie ich zum Auszahlen brauche. Wenn ich das gestern gewußt hätte, wo ich bei meinem Bankier war, dann hätt’ ich Dir das mitbringen können, und das hätte ich aus alter Freundschaft auch wohl gethan, wenn ich auch gleich nicht dafür bin, daß Du Deinen alten harten Kopf aufsetzen und den Leuten noch helfen sollst auszuwandern, was so schon das Unglück in dieser Gegend ist.“

„Das ist mir fatal, Pannewitz – das ist mir sehr fatal. Dann hilft das heute nichts. Wenn Du mir nur in einiger Zeit aushelfen willst.“

„Das will ich wohl, Franz, aber überleg’ Dir das! Du machst ’nen Eulenspiegel-Streich und schlägst zu Deinem Vergnügen ein ganzes Geschirr entzwei. – Aber wie sieht’s damit aus, daß Du heute aus dem Gute ziehen sollst?“

„Hoho! wie werd’ ich das? Ich werde doch kein Narr sein? Und wenn die Pogge zwanzig Kerls vom Gericht dazu holt.“

Der Baron sprach zerstreut. Herr von Pannewitz legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte im Ton besorgter Freundschaft:

„Du weißt, Franz – wenn Dir was passirt: Branitz steht Dir und Anne-Marie immer offen.“

„Das weiß ich, das weiß ich, Pannewitz. Du bist mein alter Freund und ein guter Kerl. Nun will ich aber machen, daß ich nach Pelchow komme; denn der Cujon, die Pogge, könnte mir hinter meinem Rücken was anstiften. Adschüs auch!“

[841] Die Unruhe des alten Herrn mehrte sich unterwegs. Er trieb Jochen wiederholt zur Eile an, fragte auch, ob dieser wohl glaube, daß „der auf Pelchow“ in seiner Abwesenheit sich in seine Stube gewagt habe? Er erhielt aber nur ein Achselzucken als Antwort; denn Jochen war eben beschäftigt, die riesigen gewitterhaften Wolkenballen zu mustern, welche sich so schnell durch den Himmel wälzten, während in der Schwüle unten kein Lüftchen sich regte. Plötzlich zeigte er mit der Peitsche hinauf.

„Das bedeutet was, Herr! Ein schweres Wetter.“

In der Nähe von Pelchow legte der alte Baron die Hand über die Augen und spähte geradeaus; am Dorfausgange war eine helle Frauengestalt sichtbar.

„Jochen, ist das nicht Anne-Marieken? Im bloßen Kopf?“

„Das soll wohl sein.“

„Was hat das Kind da zu stehen?“ murmelte er.

Anne-Marie kam ihnen entgegen geschritten.

„Onkel, mache Dich darauf gefaßt: es sind zwei Beamte vom Gericht da,“ sagte sie verstört. „Mein Gott, sie werden Dich doch nicht festnehmen? Ich bin in Todesangst und warte schon lange auf Dich.“

„Das sollen sie wohl bleiben lassen, mein Anne-Marieken; da sei nur ganz ruhig!“

„Ach, Onkel, thue doch nichts, was Dich mit ihnen in Streit bringt! Wir wollen lieber von hier fortziehen und irgendwo in Frieden weiter leben. Du wirst so leicht heftig.“

Der Baron besann sich.

„Weißt Du was, Döchting? Du könntest Dir den Spaß machen und gleich so, wie Du bist, nach Branitz fahren. Ich will nur zu Fuß auf das Gut gehen. So’ne Geschichte ist nichts für Frauensleute.“

„Nein – nein,“ wehrte sie angstvoll ab. „Ich verlasse Dich nicht, Onkel; ich könnte die Ungewißheit nicht ertragen – lieber will ich das Schrecklichste mit ansehen.“

„Na, dann will ich Dir was sagen: dann geh’ mal neben her! Wir wollen langsam fahren. Hast Du gehört, Jochen?“

„Ja, Herr!“

Der Baron erkundigte sich unterwegs genauer nach dem, was seiner wartete; Anne-Marie aber wußte nicht viel mehr, als die schon berichtete Thatsache. Endlich lenkten sie durch das Thor in den Gutshof. Dort kam der Mann mit dem Blechschilde auf der Brust am Hause her und blickte den Dreien entgegen. Scheinbar unbekümmert um ihn stieg der Baron vom Wagen.

„Jochen, spann mal noch nicht aus!“

Damit ging er neben Anne-Marie zu seinem Fenster hin. Vor dem Fenster aber hielt ruhig der Beamte.

„Na? Wollen Sie mich nicht ’rein lassen?“

Das graurothe Gesicht des alten Herrn spielte in hundert Falten kaum verhaltenen Ingrimms.

„Ich bedaure, Herr Baron“ – der Mann legte militärisch höflich die Hand an die Mütze – „ich bin leider beauftragt, Sie am Eintreten zu verhindern.“

„Was? Ich soll nicht in mein eigenes Zimmer gehen dürfen? Du bist wohl ungesund, mein Sohn?“

Der Beamte zuckte die Achseln.

„Wenn Sie die Güte haben wollten, Jemand mit Ausräumung des Zimmers zu betrauen –“

„Ich pruste auf Dich, Du Affe –“ rief der alte Herr in maßloser Wuth; da trat Anne-Marie plötzlich zwischen die Männer und hob flehend die Hände auf.

„Onkel, bedenke was Du thust! Der Mann ist ein Beamter –“

Einen Fluch auf den Lippen, schoß der Baron an der jungen Dame vorüber und zur Eingangsthür hin. Sie war verschlossen. Der Wüthende trat mit dem Stiefelabsatz dagegen, daß der Sporn klirrte; dann machte er Kehrt, rannte wieder vorbei, um das Haus herum und nach der entgegensetzten Eingangsthür. Auch da ein Beamter! Er ballte die Fäuste, und plötzlich lief er in den Garten. Ein triumphirendes, giftiges Lachen verkündigte, daß er ein Fenster des Speisezimmers offen gefunden.

„Verdammte Pogge, jetzt will ich mal ein Wort als Edelmann mit Dir reden.“

Curt saß tief bekümmert, aber gefaßt vor seinem Schreibtische. Er hatte das deutliche Gefühl der Nothwendigkeit des gethanen Schrittes und hoffte zuversichtlich, jetzt entweder den Alten zu zähmen, oder jede weitere Berührung mit ihm abgeschnitten zu haben. Ein armseliges vergessenes Fenster zerstörte seine ganze Berechnung. Er horchte auf: die Thür des Speisezimmers flog in’s Schloß; es kam herüber; auch seine Thür wurde aufgerissen, und herein trat, vor Wuth bebend, der alte Baron.

„So, mein Sohn, da bin ich, und nun will ich Dir mal was klar machen. Siehst Du, ich bin ein pommerscher Edelmann, und Du auch, und Du, mein Sohn, hast mich wie ’nen räudigen Hund aus meinem eigenen Hofe geworfen und mir zwei solche Kerle hergestellt, daß sie mich draußen halten sollen. So [842] was aber läßt sich ein Edelmann nicht gefallen, und wenn er noch so’n alter Kerl ist – am wenigsten von so ’nem dummen grünen Jungen, wie Du bist –“

„Onkel!“ fuhr Curt auf und erhob sich finster.

„Gieb Dich nur, mein Sohn; Du sollt Deine Revanche haben, indem daß ich mich mit Dir schießen will; denn mit der Reitpeitsche kann ich nicht gegen Dich losgehen; Du bist zwar ’n ganz dummer Junge, aber Du bist zum wenigsten ein Boddin. Hast Du mich verstanden?“

Curt blickte sprachlos aus den alten Mann nieder. Es lag zuviel Ernstes in diesem elementaren Zorn und zuviel Charakter und Nerv in der Forderung, sich mit ihm zu duelliren, als daß er das Auftreten des Barons von der komischen Seite zu nehmen vermocht hätte, obwohl diese sich dem Auge fast unwiderstehlich aufdrängte. Auf der andern Seite aber: es war ja ein Ding der Unmöglichkeit, dem Verlangen des Erbitterten nachzugeben. Jede Faser in ihm sträubte sich gegen den Gedanken. Mochte der alte Mann ihn in dieser Stunde beleidigen! Er wollte so wenig an eine Genugthuung dafür denken, wie jener ein Recht an eine solche hatte, und er sprach das mit bewegter Stimme aus.

„Sie haben genau so viel Ursache, mir ein Duell aufzudrängen, wie Einer gegenüber dem Richter, der ihn wegen irgend eines Vergehens verurtheilt. Daß Sie mich beschimpfen, verzeihe ich dem Bruder meines Vaters, dem alten Mann und der Aufregung dieser Stunde. Seien Sie um Gotteswillen vernünftig, Onkel!“

„Du willst Dich nicht mit mir schießen?“

„Nein!“

Der Baron war dunkelroth im Gesicht; er taumelte und faßte nach einem Stuhl, sank indessen neben demselben zu Boden. Curt stürzte erschrocken zu einer Wassercaraffe; er schenkte ein Glas voll Wasser und trug es herzu, um ihm zu trinken zu geben; der Baron rührte sich nicht und biß die Zähne zusammen; kurz entschlossen goß sich jener die hohle Hand von und schüttete es auf den Kopf des alten Herrn, dem die Mütze entfallen war. Nachdem er das ein paarmal wiederholt hatte, fing der Baron an sich zu bewegen, richtete sich auf und nahm die Jockeymütze vom Boden.

„Du hast mich zum Spott für alle Leute gemacht, mein Sohn,“ waren die ersten Worte, die er mühsam fand, „und Du willst Dich nicht mit mir duelliren. Nun, daß Du’s weißt: ein alter Edelmann geht nicht mit Schimpf und Schande in der Welt herum und läßt mit Fingern auf sich weisen. Da muß ich sehen, wo’s ’nen Schuß für meinen alten Kopf giebt. Da grüß mal Deinen Vater und sag ihm: die Frucht, die er sich aufgezogen hätte, taugte den Teufel nichts, indem daß sie nicht mal so viel Muth hätte, sich mit ’nem alten Mann zu schießen; das wäre keine Edelmannsart; er soll sie nach Holland schicken, damit daß sie da einen Pfefferhandel anfängt. Adschüs, mein Sohn, und wenn Du mir ’nen Gefallen thun willst, dann bleibst Du von meiner Leiche weg, wenn sie mich begraben.“

Damit schwankte der Baron unsicheren Fußes zur Thür hinaus. Curt folgte in größter Aufregung; denn daß es diesem rabiaten alten Manne mit seinem Vorhaben Ernst war, ließ sich nicht bezweifeln. In sein Zimmer, wo er Waffen liegen hatte, durfte er auf keinen Fall gelangen.

Ein Blick in den Hausflur beruhigte Curt: der Beamte hatte sich vor den Eingang zu Anne-Marie’s Zimmer postirt. Der Baron starrte den Wächter des Gesetzes ein paar Secunden an und verließ dann plötzlich, Unverständliches murmelnd, das Haus.

„Er wird nach Branitz fahren und dort besänftigt werden. Die Medicin war stark, aber vielleicht hilft sie,“ sagte sich Curt, in die Stube zurückkehrend. Ihm war nicht wohl zu Muthe.

Draußen rollte ein Wagen ab. Die Hausthür wurde aufgerissen, und mit weit geöffneten Augen, völlig außer sich, stürzte Anne-Marie von Lebzow in das Zimmer.

„Um Gotteswillen, helfen Sie, retten Sie! Sie müssen nach Branitz, so schnell wie möglich. Onkel will sich erschießen; er will sich von Herrn von Pannewitz ein Pistol geben lassen – allmächtiger Gott, ich kann ihm ja nicht zuvorkommen, aber Sie! Sie haben ein Pferd – auf den Knieen flehe ich Sie an – Curt – Sie sind sein Neffe –“

„Curt,“ hatte sie gesagt. „Curt!“ Diesem Curt schoß es heiß durch die Adern. Da lag sie vor ihm am Boden; er schaute auf den blonden Kopf, auf die weiche, süße Gestalt; er trank in bebendem Rausch die Angstblicke der braunen Augen, den tiefen Metallton ihrer Worte, den Duft, das Knistern und Rauschen um sie – gewaltsam mußte er sich zusammennehmen; dies war nicht der Moment, um für sich zu sprechen. Nur wie ein rasch zerflatterndes Rauchwölkchen stieg für Secunden der Einfall in ihm auf, eine Bedingung zu stellen, die ihm das Seligste gesichert hätte – nein, nicht das Seligste: liebte sie ihn denn? Haßte sie ihn nicht vielmehr? War seine Gegenwart nicht eine Qual für sie? Er stand vor einer rohen Gewaltthat mit diesem Einfall.

„Stehen Sie auf, Cousine Lebzow!“ sagte er, und durch seine Stimme klang etwas von dem, was er fühlte, und als sie seine Hand annahm, um sich aufzurichten, hielt er sie einen Augenblick fest und preßte die Lippen darauf. „Ich wähle den Waldweg - der ist kürzer – und will reiten, als hätte ich die Absicht, mein Pferd zu Schanden zu jagen. A revoir!

„Liebster, Liebster!“ kam es von ihren Lippen, als er draußen war. Sie hielt die Hände gefaltet, indem sie zu dem Bilde über dem Schreibtische aufblickte, und in dem Klang dieser Worte sprach alles, was sie erschüttert hatte gestern und heute: Liebe, Angst, Sorge, Verzweiflung – ein Hülferuf der Liebe aus dem Vorhof der Hölle. Aber der Druck wollte nicht von ihr weichen. Der Onkel stand im Geiste wieder vor ihr, als er das Furchtbare vor sich hin sprach, indeß sie mit ihm den Wagen besteigen wollte. Sie hielt es nicht aus hier in der langen bangen Ungewißheit. Namenlose Unruhe erfaßt sie und trieb sie hinaus in den Hof, wo Curt auf dem mit einer Decke statt des Sattels versehenen Engländer, nur den Kappzaum in der Hand, rasch grüßend vorübersauste; ihr geängstigtes Herz trieb sie weiter, durch das Thor, auf den Weg nach Branitz. Sie schritt wie beflügelt. Vor dem Walde wandte der Reiter den Kopf und sah, daß sie ihm nachkam, auf demselben Wege, den er durchmessen. Dann tauchte er zwischen die Bäume, und die Staubwolke, die er zurückgelassen, senkte sich schwerfällig langsam in der dicken schwülen Luft des Tages zu Boden.

Barhäuptig kam er in Branitz an; ein Ast hatte ihn am Kopfe gestreift und ihm den Hut entrissen. Er konnte nicht mehr als eine Viertelstunde gebraucht haben; es war vollauf Zeit, Alles zu ordnen, ehe der Baron im Wagen anlangte.

Gott sei Dank: Herr von Pannewitz war daheim. Der Wagewächter am Thore, welcher ihm das schaumbedeckte Thier abnahm, versicherte es. Er kam ihm sogar in der Thür entgegen, heftig erschrocken – Fräulein Leonore hatte am Fenster die Ankunft Curt’s mit angesehen.

„Es ist doch kein Unglück geschehen in Pelchow? Oder ist Ihnen das Pferd durchgegangen, Herr von Boddin?“

„Keines von Beiden. Kommen Sie in Ihr Zimmer hinaus! Ich muß in aller Eile ein paar Worte mit Ihnen reden. Es gilt, ein Unglück abzuwenden.“

Curt wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er konnte sogar lächeln, als er sagte, daß ein tückischer Ast ihn um seine Kopfbedeckung gebracht und daß er wohl eine aus dem Vorrathe des Herrn von Pannewitz werde erbitten müssen. Oben standen die Damen die er höflich begrüßte.

„Ohne Sorge, meine Damen! Es ist nichts Schlimmes geschehen und wird auch, so Gott will, nichts geschehen.“

„Geht hinein, Kinder! Wir kommen nachher zu Euch.“ Der junge Mann war bald mit seinem Berichte fertig, und der Andere athmete erleichtert auf

„Das ist doch ein alter Donnerskerl. Er hätte sich wahrhaftig erschossen, wenn er gleich etwas zum Schießen gehabt hätte, und ich werde hier höllisch aufpassen müssen. Wenn wir ihn nicht aussöhnen können, bringen wir ihm die Idee nicht aus dem Kopfe; da kenne ich ihn zu gut. Na, vorläufig will ich wohl sorgen, daß er nichts anrichten kann. Aber Sie darf er nicht hier finden, wenn er kommt; er würde Kehrt machen und anderwärts einsprechen, und dann steht Alles aus dem Spiel.“

„Ich will und muß auch fort,“ sagte Curt entschlossen. „Ich muß Cousine Lebzow entgegen gehen, welche durch den Wald nachkommt; ich muß sie beruhigen. Sie darf sich keine Minute länger ängstigen. Wollen Sie mir einen Hut leihen, Herr von Pannewitz, und mich einstweilen bei den Damen entschuldigen?“

Herr von Pannewitz zog nachdenklich den Schlüssel zum Gewehrschranke ab.

„Ich werde Ihnen den Schlüssel zur Parkthür geben. Sie gehen hinaus und halten sich da immer rechts; da kommen Sie [843] dem Waldwege gegenüber heraus. Nehmen Sie diesen Hut! Ich sorge, daß Ihr Pferd ungesehen bleibt.“

Bald darauf wanderte Curt den angedeutetem Weg. Seine Gedanken beschäftigten sich mit der von Herrn von Pannewitz hingeworfenen Bemerkung: „Wenn wir ihn nicht aussöhnen können, bringen wir ihm die Idee nicht aus dem Kopfe.“ Aussöhnen – das war leicht gesagt. Welches Mittel gab es, um den alten Eisenkopf zu einer Versöhnung zu stimmen?

Eines – vielleicht. Wie gern Curt zu diesem einen gegriffen hätte! Vor einer halben Stunde hatte es vor ihm auf den Knieen gelegen; er hätte es vielleicht an sein Herz nehmen können, wäre er weniger gewissenhaft gewesen. Es war auf dem Wege zu ihm. Die Versuchung kam zum zweiten Male; wenn er zu Anne-Marie von Lebzow sagte: Nur so kann das Drohende abgewendet werden, daß Du mich eng neben Dich stellst, so eng, daß er um Deinetwillen – –

Fort damit! Keine erzwungene Ehe! Es wäre eben wieder eine Vergewaltigung gewesen.

Als er aus der Parkthür aus die Straße hinaus trat, fesselte eine eigentümliche Erscheinung am Himmel sein Auge. Der Weg führte in nordwestlicher Richtung. Dort hatte sich über dem Horizonte eine einzige lange, weißliche Wolke erhoben deren Enden rechts und links fernab hinter den Bäumen verschwanden. Diese Wolke hatte das Aussehen eines der Länge nach zusammengerollten Schleiers von weißer Seide und flimmerte in so wunderlicher Weise, daß es schien, als wälze eine unsichtbare Kraft sie über den Wald herauf. Droben war der Himmel dunkelblau, unter ihr von einer fremdartiger glasiger Farbe, welche vom lichten Grün sich bis in’s Gelbliche abstufte.

Die Schwüle ringsum war beängstigender als zuvor – seltsam still Alles ringsum. Kein Vogellaut war zu vernehmen. Die Bäume schienen erstarrt zu stehen, um etwas Ungeheuerliches über sich ergehen zu lassen.

Curt schüttelte besorgt der Kopf. Das Phänomen war ihm freilich völlig unverständlich. So schloß er denn die Parkthür ab, ließ der Schlüssel in die Tasche gleiten und betrat der jenseitigen Wald. In diesem Augenblicke vernahm er ein Rollen zur Rechten, welches ihn anfangs vermuthen ließ, daß der Wagen des Onkels angelangt sein möchte. Dann rechnete er nach – es war unmöglich. Wenn Jochen leidlich fuhr, so brauchte es noch eine Viertelstunde, ehe sie in Branitz sein konnten. Dabei fiel ihm etwas Beunruhigendes ein: der Zufall, welchen der alte Herr in seiner Stube gehabt.

Er hatte im Drange der letzter halben Stunde nicht ernstlicher über denselben nachgedacht. Ein alter Körper ist Schlagflüssen ausgesetzt; eine Blutüberfüllung des Gehirns war es doch gewesen, was sein rasches Eingreifen, wie es schien, rechtzeitig beschwichtigt hatte. Nun die holprige, stockernde Fahrt – wenn das Traurige geschehen wäre, der Onkel vielleicht gar – –

Nein, das konnte, das durfte nicht sein. Anne-Marie von Lebzow würde ihn als den Mörder des Onkels betrachtet haben. Dann war das Tafeltuch erst völlig zwischen ihm und ihr zerschnitten.

Aber hatte er denn noch Hoffnung? Wer hatte denn an jenem Abend – gestern Abend – gesagt: Für immer? Welch ein hoffnungsseliger Thor er war!

Er ging eine Viertelstunde und länger, so rasch ausschreitend, wie es ihm möglich war. Plötzlich stutzte er. Zur Linken kam weit aus dem Walde her ein unheimlicher Ton; er blieb einen Moment stehen und horchte, indem er sich die Stirn unter dem Hute trocknete. Ein Aechzen, Pfeifen, Rasseln; dazwischen dumpfe Schläge. Der Ursprung war nicht hier, nicht da; der Schall lies weit gedehnt von Westen nach Osten – oder von Osten nach Westen; jedenfalls war eine ganze lange Raumstrecke daran betheiligt. Sein Auge hob sich unwillkürlich zum Himmel empor, und da gewahrte er denn, daß jene Wolke, deren Aufsteigen er beobachtet, fast über ihm stand und der Himmel in zwei Hälften schied, eine blaue und eine grün-gelb glasige. Er bemerkte deutlich, wie die langggestreckte seidig glänzende Wulst droben um sich selbst gedreht wurde.

Zugleich aber näherte sich jenes schauerlich-unerklärliche Geräusch mit rasender Schnelligkeit; es verstärkte sich zu einem anrückenden Höllenconcert. Dieses Getöse hatte Aehnlichkeit mit einer gewaltiger Brandung, welche der Sturm auspeitscht – so donnerte, prasselte, gischte und zischte, pfiff und heulte es durch einander; dazu immer wieder jene abgebrochenen, dröhnenden, kurzen Schläge, die sich schließlich anhörten, als bräche in einiger Entfernung ein Thurm zusammen und schlage schmetternd auf der Boden.

„Ein Sturm,“ sagte Curt, dessen Antlitz alle Farbe verloren hatte. „Ein Sturm im Walde – und was für einer! Das geht um’s Leben.“

Er verlor die Besinnung nicht, sondern betrachtete prüfend den Waldbestand. Riesige alte Buchen breiteten die nackten Aeste aus, dazwischen hier und da ein gewaltiger Eichenstamm knorrige Arme reckend, schwächlicher Nachwuchs, halb verdeckt durch Unterholz aller Art. Wenn einer dieser Bäume stürzte, wenn nur ein Ast seinen Kopf traf – –

Herr Gott – und Anne-Marie! Anne-Marie von Lebzow jetzt im Walde! Sie konnte nicht weit entfernt sein; es war eigentlich kaum zu begreifen, daß er ihr noch nicht begegnet war.

„Anne-Marie! Cousine Lebzow!“

War es ihr Gegenruf, was er gehört hatte? Er wußte es nicht, aber er stürzte selbstvergessen noch ein Stück vorwärts. Wer unterschied jetzt noch den Laut einer menschlichen Stimme? Es war da; es brach zwischen allen Bäumen zugleich hervor, eine wahnsinnig, tobsüchtig geworbene ungeheure Kraft, welche blind vorwärts stürmte, um sich schlug, heulte, brüllte. Diese strömende Luft, welche sich gegen alles warf, was ihr im Wege stand, war förmlich hart; Curt hatte eine Empfindung, als drängten eiskalte Hände, so viel an seinem Körper Platz hatten, auf ihn ein, und mit so unwiderstehlicher Gewalt, daß er im nächsten Augenblick erwarten müsse, wie ein Ball auf hundert Schritte durch die Luft geschleudert zu werden. Sein Hut war beim erster Anprall davongegangen; auf dem Kopfe prickelte es wie von eindringenden Eisnadeln: er taumelte über den Weg, ward ein paar mal um sich selbst gewirbelt und stemmte sich dann mit Händen und Füßen gegen eine Buche, sah sich indessen sofort mit dem ganzen Körper an den Stamm gedrückt, als wäre er festgenagelt. Ein Regen von abgerissenen Zweigen prasselte nieder; dann und wann krachte ein brechender Ast, und das klang wie der dumpfe Aufschrei eines zu Tode Getroffenen. Die riesigen Bäume schwankten unheimlich; die Aeste der eigentlichen Krone griffen wie Arme über den Stamm herüber. Die ganze Luft war ein Chaos, ein wüstes Durcheinander von schlagendem, fliegendem, quirlendem Astwerk und Blättermassen; denn die tiefen Lagen vermorschender Blätter im Waldgrunde wurden aufgewühlt und schwirrten wie unzählige Flocken verdüsternd durch den Gesichtskreis. Dazu brausten Töne durch die Luft, deren Ensemble das Ohr kaum zu ertragen vermochte. Was bedeutete der Lärm einer Schlacht gegen dieses entsetzliche Getöse! Langgezogene Disharmonien wie von Tausenden von Orgeln, bald diese, bald jene Stimme vorgedrängt, manchmal ein Geheul wie von sämmtlichen Bestien eines Urwaldes, dazwischen Schnellfeuer einer ganzen Armee und das erschütternde Krachen von Batteriesalven. Ein Mensch, der das zwei Standen lang hätte anhören müssen, würde taub oder wahnsinnig geworden sein.

Curt wäre gern um den Stamm herumgegangen, aber er mußte fürchten, auf der Stelle fortgerissen und mit tödtlicher Gewalt gegen einen anderen Baum geschleudert zu werben. Und doch preßte es ihm die Brust zusammen, als wollte es ihn zerquetschen und nur mit Mühe vermochte er zu athmen. Er machte einen Versuch, die Arme zu heben, um sich die Ohren zuzuhalten; diese Arme waren wie Blei, und er fühlte eine solche Müdigkeit, daß er den Versuch einstellte. Die Augen dauernd offen zu halten war unmöglich; nur ab und zu ließ er blinzelnd das schauerliche Bild auf sich wirken. Zweige und Blätter schlugen gegen seinen Körper, jene oft schmerzhaft genug, aber dies war ja ein Kinderspiel gegen das, was ihm bereits hätte geschehen können. Da – er riß die Augen weit auf: eine alte Buche senkte sich schwerfällig – links drüben stand sie – vielleicht dreißig Schritt seitwärts, und plötzlich stürzte die gewaltige, alles unter sich niederbrechend. Es war wie ein Donnerschlag. Wo ihre Wurzel sich hob, stieg es geisterhaft, kolossal aus der Erde, als höbe sich ein begrabener Mammuth der Auferstehung entgegen. Ueber ihren Fall hin wüthete die Zerstörung weiter; der Sturm sauste in die Lücke, fuhr über den Weg, welchen die Aeste der Krone überstarrten brach auf Curt’s Seite ein halb Dutzend junger Stämme um oder riß sie mit den Wurzeln aus, daß die Erde weit herum flog – ein ganzes Stück hin vernahm sein Ohr das Krachen und Knattern.

[844] Heiliger Gott! Ihm gerade gegenüber schüttelte sich eine Eiche, wie ein Mensch sich gegen den Griff einer übermächtigen Faust wehrt. Sie erschlug ihn, wenn sie fiel.

Er ließ sich auf die Erde nieder und kroch auf Händen und Füßen, so platt wie möglich an den Boden gedrückt, durch das Gestrüpp am Wege. Seine Handschuhe platzten, zerrissen. Seine Hände bluteten. So gings nicht weiter; er mußte auf den Weg hinauf, und er. bewegte sich schräg hinüber auf die andere Seite. Noch war die Eiche nicht gestürzt; vielleicht hielt sie sich doch. Etwas geschützter kam es ihm hier drüben vor, als jenseits vor dem offenen Wege.

Ein anderer Eichenstamm, auf den sein Auge fiel, erweckte ihm Vertrauen. Breit wie eine dorische Säule stand er da, die geringe Zahl seiner Aeste bot dem Winde wenig Angriffsfläche. Er schleppte sich bis zum Fuße des Baumes und richtete sich dann auf.

Seine Lage war damit wesentlich verbessert. Der Sturm traf ihn nicht mehr direct; er war gegen fallendes Holz geschützt. Sein ganzer Körper schmerzte ihn. Aber einen Moment nur genoß er. das Gefühl der Erleichterung, dann brach es mit der Last eines dieser stürzenden Kolosse auf seine Seele nieder: Anne-Marie! In der Athemlosigkeit der letzten Minuten war der Gedanke an sie wie verschüttet worden; jetzt war er plötzlich das Einzige, was ihm Entsetzen einflößte. Was galt ihm die Zerstörung, die um ihn tobte! Was war er sich selber!

Er ließ sich wieder hinab und kroch auf's Neue am Boden hin. Mochte ihn ein Stamm zerschmettern - er wollte wissen, wie es um sie stand. Eine wahnsinnige Angst beflügelte seine Kraft. Minuten brauchte er, bevor er die Biegung des Weges erreichte, welche bisher dessen weiteren Verlauf seinem Auge entzogen hatte. Als er drüben war, schärfte er den Blick auf's Aeußerste; denn das Sehen war nicht eben leicht. Die ganze Luft schien körperlich geworden zu sein, wie strömendes Wasser, das Erde, Blatt- und Astwerk mit sich fortriß.

Er unterschied endlich einen mächtigen Baumstamm , welcher in einiger Entfernung quer über den Weg gestürzt war. Nirgends ein menschliches Wesen. Aber er mußte weiter.

„Anne-Marie!“ schrie er auf.

Bei dem gestürzten Baume lag es, lichtgraue Frauenkleidung, – diesen Moment hatte er weiter nichts gesehen. Er war niedergesunken, vergrub den Kopf in die Arme und stöhnte.

„Laß sie um Leben sein, Herr, der du im Sturme mächtig bist, laß sie leben – sie ist mein. Niemand hat ein Recht auf sie außer mir.“

Er nahm alle Seelen- und Körperkraft zusammen, und nun kauerte er neben ihr. Er nahm ihren Kopf auf die Hand; das schöne blonde Haar war halb aufgelöst. Die Wange fühlte sich todtkalt an – das konnte vom Winde sein. Er beugte das Ohr nieder – athmete sie oder nicht? In diesem Getöse war absolut nichts zu entscheiden. Die Augen waren geschlossen, die blassen Lippen leise geöffnet, daß die Zähne hindurchschimmerten; sie mußte ohnmächtig sein – mußte! Er wollte es so. Es war ja auch wahrscheinlich. Drei Schritt von ihr war eine Buche gestürzt, und der Stamm bis fast über den Weg hin glatt, ehe die Aeste begannen. Der Sturz konnte Anne-Marie nicht gestreift haben. Ueber ihr neigte sich dichtes Gestrüpp von Haselruthen, so dicht, daß ein mächtiger Ast, der dahinter aufragte, durch sie aufgefangen und festgehalten war. Wie Peitschenschnuren schlugen die Ruthen nieder und reichten doch nicht zu ihr hinab. Sonst war es nur schwaches Astwerk, was jenseits im Unterholze hing, fortwährend aufgejagt wurde und wieder zu Boden sank.

Sein verstörter Blick musterte die Riesenleiche der Buche. Die ausgerissenen Wurzeln mit dem durch sie zusammengehaltenen Erdreich ragten hinter dem Haselgestrüpp empor; sie mußten eine Scheibe bilden, aus deren Centrum der Stamm sich streckte; denn dieser lag nicht direct auf dem Wege, sondern etwas über ihm, allmählich und erst drüben im Unterholz völlig sich der Erde nähernd. Diese Scheibe uns Wurzeln und Erdreich war wie ein sicherer Schirm zu verwerthen.

Curt nahm Anne-Marie mit beiden Armen, ihren Kopf an seiner Brust bergend, und begann rückwärts sich durch das Gestrüpp zu stemmen. Ließ der Sturm nach oder hatte sich seine Kraft verdoppelt? Er drang durch die wirre Schicht um Rande; weiterhin standen die Stauden nur vereinzelt. Unter unsäglicher Anstrengung hielt er sich mit der geliebten Last aufrecht, bis er am Ziele war. Dann ließ er Anne-Marie niedergleiten und sank erschöpft und keuchend, kalten Schweiß auf der Stirn, neben ihr in den Blattmoder.

Im Bereiche dieser Erdwand war es paradiesisch gegen draußen; sie und der kolossale Fuß der Buche über dem Paare schlossen vor allem jede ernste Gefahr aus. Curt wand ein Taschentuch um die rechte, am meisten verwundete Hand, nachdem er die Handschuhfetzen bei Seite geschleudert.

Nun nahm er die Bewußtlose wieder in seine Arme und bettete ihren Kopf so bequem wie möglich. Er hätte sie erdrücken können vor Wonne, als er sie athmen fühlte. Der Sturm sauste weiter – er wurde stumpf gegen die Wirkungen und Aeußerungen desselben; in tiefer Erschöpfung schloß er die Augen.

Er schlief nicht; seine Gedanken und Empfindungen tauchten nur in einer weichem geheimnisvollen Fluth von Glück unter.

Noch einiger Zeit blickte er plötzlich auf. Das war doch nicht der vorige Sturm mehr? Ein starker Wind, weiter nichts. Dieser Wind riß keine Baumkronen mehr herunter und entwurzelte keine Eichen. Näherte das Schreckniß sich seinem Ende?

Er fühlte sich stärker. Von seiner Brust herauf klangen die Athemzüge der Geliebten.

„Anne-Marie, meine süße Anne-Marie!“

Er rührte sich nicht. Noch hielt er das holde, ungelöste Räthsel in den Armen; noch durfte er glauben, sie sei die Seine. Wie lange? Wenn sie die Augen aufschlug, weinte sie vielleicht vor Scham und Schrecken – und Entrüstung.

„Mein Gott, gieb sie mir!“

Er faltete die Hände über der tiefer und tiefer Atmendem Dabei glitt ihr Kopf zurück in den Nacken; und der seine, noch immer ein wenig geöffnete Mund glänzte wie von Rubin verführerisch zu ihm, heraus. Er konnte nicht widerstehen.

„Vergieb mir, Anne-Marie!“

Der ernste bebende Mann neigte das Antlitz nieder, und seine Lippen berührten diese kühlen, thaufrischen Rosenblätter.

Da hob sich ihre Brust mit einem tiefen Atemzuge, und die aufgeschlagenen braunen Augen blickten wie aus einer andern Welt in die seinen.

„Ein Traum!“ flüsterte sie, und die Lider schlossen sich. Und dann sagte sie mit stillem Lächeln: „Liebster!“

Ueber Curt riß der Himmel von einander. Was er an Seligkeit und Glanz besaß, überstürzte ihn, durchrieselt ihn, hüllte ihn in eine Glocke von Licht.

„Anne-Marie,“ brachte er mit halb erstickter Stimme heraus und preßte sie an sich, und nahm ihren Kopf und küßte sie noch einmal. Sie küßte ihn wieder; sie schlang die Arme um seinen Hals, sah ihn trunken von Glück an.

„O Du liebster Mann! Du hast mich doch lieb.“ Und nun hing sie eine Weile schluchzend an seinem Halse. Der Aufregung war zuviel gewesen in diesen Tagen.

Dann ward Anne-Marie ruhiger. Sie dachte nicht an den Sturm, der wie unter einem Zauber in sanftem Wehen erstarb. Sie lächelte Curt glückselig zu, und er küßte ihr die Thränen von den Augen. Es fiel ihr nicht ein, sich aus seinen Armen zu lösen – und er hatte ein Gefühl, als müsse er ewig so sitzen. Dieser Becher ist da und kehrt nie wieder; warum ihn hastig leeren?

„Boddin! Fräulein von Lebzow!“ rief es an der Biegung des Weges drüben.

Es war die Stimme des Herrn von Pannewitz.

„Wollen wir antworten, Geliebte?“ lächelte Curt.

„Ja,“ nickte sie und hob sich schämig erröthend, indem sie sanft seinen Arm zurück drängte. Aber er nahm sie erst noch einmal fest an sich und küßte sie lange.

„Herr von Boddin!“

„Hier, Herr von Pannewitz!“

„Hurrah! Einen hätten wir.“

„Nein, gleich ein Paar! Hier haben Sie uns, Herr von Pannewitz, im Sturm zusammengeschleudert, zwei glückliche Leute, und da wäre denn auch wohl das Mittel gefunden, um den Onkel zu versöhnen –“

Sie waren draußen auf dem Wege angelangt, und Herr von Pannewitz streckte ihnen beide Hände mit einem Jodler entgegen; bei der Wegecke standen ein paar Gutsleute mit zwei Tragbahren.

[846] „Ach, der Onkel!“ fiel es Anne-Marie plötzlich ein.

„Sei ruhig, Kind, ich hoffe, es ist alles geordnet,“ versicherte Curt.

„Gott sei gelobt! – Curt, Du bist ja verwundet!“

„Schrammen – das hat nichts zu bedeuten. Nun da sehen Sie ein Brautpaar, Herr von Pannewitz.“

„Kinder, Kinder, wir haben lange gewußt, daß es so kommen würde; nun könnt Ihr Euch unsere Angst denken, daß einem von Euch etwas passiren möchte bei diesem schauderhaften Orkan. Ich pfeife auf alle Windbrüche, da ich Euch heil wieder habe und die Hülfsinstrumente dort unbenutzt wieder nach Branitz schicken kann. Und nun gratulire ich; Ihr habt’s Euch saurer werden lassen, als weiland ich und meine Alte.“

„Wie geht’s dem Onkel, Herr von Pannewitz?“

„Vorläufig denkt er an nichts, als an sein Anne-Marieken; meine Frauensleute haben ihn zu sich genommen und trösten ihn, was ein hartes Stück Arbeit sein wird. Na, na, und Ihr seid endlich so vernünftig geworden! Das wird wohl das einzige Vernünftige sein, was dieses sackermentsche Wetter angerichtet hat. Sie hat’s übrigens gehörig mitgenommen, Herr von Boddin, wie’s scheint –“

Ihr Hut wird sich inzwischen wohl auch mit dem meinigen verlobt haben, Herr von Pannewitz,“ lachte Curt.

„Und unser Anne-Mariechen wird bald wie ’ne Loreley aussehen; ja, Haarnadeln habe ich nicht mitgebracht. So ist’s recht – immer fallen lassen, was sich nicht halten läßt! Kind, was bist Du hübsch!“

Anne-Marie hatte ihrem schönen Haare erröthend die volle Freiheit gegeben, und Curt betrachtete sie mit heimlichem Entzücken.

„Ja, nun wird’s wohl das Beste sein, Ihr kommt gleich Beide mit zu dem Alten. Nun wird unser Anne-Mariechen wohl ihre ganze Macht üben, um ihn mit dem Friedensstörer da auszusöhnen, und der eclatante Abfall seiner besten und einzigen Verbündeten muß ihn mürbe machen.“

Es war ein mühsamer Weg bis Branitz. Grauenhafte Verwüstungen gab es da, und dieselben hatten zuweilen Hindernisse aufgethürmt und verstreut, die nur vermittelst equilibristischer Kunststückchen zu überwinden waren. Mehr als ein Dutzend Baumriesen versperrten den Pfad, und stellenweise mußten die Leute Aeste und Reisig wegräumen bevor Anne-Marie vorwärts schreiten konnte. Ganze Straßen hatte der Sturm in den Wald gerissen; ein großer Windbruch sah, mit den Erdmassen an den herausgekehrten Wurzeln und den tiefen gähnenden Höhlen darunter, wie ein Schlachtfeld aus, auf dem Riesen einen Kampf mit hundertjährigen Baumstämmen ausgefochten hatten. Herr von Pannewitz konnte einige Stoßseufzer bei solchen Bildern nicht unterdrücken, ohne indeß auf länger als ein paar Secunden seine gute Laune einzubüßen, Curt hob und trug die Geliebte, wo er irgend konnte.

„,Denkst Du daran‘ – und ‚Darf ich jetzt?‘“ fragte er neckend dazu. Und sie sah ihn mit liebem Lächeln an und nickte verständnißvoll.

Die Erlebnisse während des Sturmes wurden ausgetauscht. Anne-Marie war auf dem Platze von dem Unwetter überrascht worden, wo Curt sie gefunden. Seinen Ruf hatte sie gehört und in der That beantwortet, aber sich nicht von der Stelle gewagt; dann war der Baum neben ihr gefallen, und die Ohnmacht entzog sie wohlthätig allem Uebrigen bis zu seligem Erwachen. In Branitz hatte man in sicherer Stube die schreckliche Naturerscheinung vorüber ziehen lassen. Auf dem Hofe war, was nicht niet- und nagelfest, fortgeschleudert worden, bis es an Gebäuden den sichern Halt gefunden; ein paar Tränkeimer hatte der Wind hoch durch die Luft entführt und einen Knecht, den er im Gehen gepackt, ohne Gnade auf den Boden hingestreckt. Im Garten ober lag die ganze Orangerie, lagen die Oleander und Kirschlorbeer umgeschlagen und zumeist vernichtet am Boden; schwer war der Schaden an jungen Zierbäumen und auch der Park hatte gelitten; ein stürzender Baum hatte ein Stück des Eisengitters nach der Straße zu eingebrochen, und ein Schornstein, eine beträchtliche Anzahl Ziegel von den Dächern, ja, sogar ein ganzes ausgerissenes Fenster waren ihm an den Gebäuden zum Opfer gefallen.

Wie mochte es in dem offenen Pelchow aussehen, wo die Widerstandskraft der Baulichkeiten eine so zweifelhafte war? Die Männer sprachen mit schwerer Besorgniß davon.

Au der Parkthür hielt Curt an.

[868] „Es ist doch wohl besser,“ meinte der glückliche Bräutigam, „Anne-Marie spricht zunächst mit Onkel und ich vermeide vorläufig, ihm unter die Augen zu treten. Er könnte im ersten Zorn wieder Entschlüsse fassen, welche alles verderben, da ihm sein Starrsinn nachher nicht erlaubt, sie zu widerrufen. Ich werde mit Ihrer Erlaubniß wieder den Parkweg wählen, Herr von Pannewitz, und Ihre Mitteilung im Garten abwarten.“

Man stimmte zu, und Herr von Pannewitz verfolgte mit Anne-Marie den Weg allein weiter.

„Hurrah, Papa bringt Anne-Marie!“ rief Hedwig am offenen Fenster. Das schrumpflige Gesicht des alten Barons erschien, und er bog sich weit heraus.

„Ist es gut abgegangen? Mein liebes Anne-Marieken, nun sieh mal, das ist mir doch ’ne rechte Herzensfreude.“

„Wo ist Curt?“ fragten die Frauen oben, Herrn von Pannewitz bei Seite nehmend.

„Alles gut!“ sagte der augenzwinkernd.

„Ja, wo ist die Pogge, Pannewitz? Hast Du sie nicht gefunden? Hat sie der Teufel geholt? Ich hätte da nichts dawider.“

„Leider ist sie heil und gesund, Franz, und nun denk Dir mal, was der Kerl angestiftet hat: der hat sich mit Anne-Mariechen – verlobt.“

Wie eine Bombe fielen diese Worte in den Kreis. Die Mädchen schrieen laut auf, faßten die glühende Anne-Marie um und erstickten sie beinahe mit Zärtlichkeiten. Der Baron aber wurde aschfahl; nur die Nase hielt Farbe. Er stierte Herrn von Pannewitz wie ein Gespenst an. Mit heiserer Stimme rief er:

„Fritz, auf Ehre und Gewissen: das ist nicht wahr.“

„Das ist doch wahr, Franz –“

„Onkel, lieber Onkel, ich habe ihn lieb – ich konnte doch nicht anders. Ich wäre vielleicht doch gestorben ohne ihn“.

Anne-Marie lag vor dem Alten auf den Knieen und bedeckte seine runzlige Hand mit Küssen. Aber er entriß ihr dieselbe und bedeckte die Augen.

„Mein Anne-Marieken nimmt doch den Kerl!“ sagte er mit unverstelltem Schmerz. „So ’nen Kerl, der sich nicht mal mit mir duelliren will! So ’nen Hasenfuß! Nun hat mir der Hund auch noch mein Anne-Marieken gestohlen.“

„Onkel!“ schrie Anne-Marie verzweifelt, „stoße mich nicht fort, mache mich nicht unglücklich –“

Der Baron befreite seine Kniee von ihren Händen, rauh, wie er nie gegen sie gewesen. Dann stiefelte er unsicher zur Thür hin. Herr von Pannewitz winkte beruhigend zurück, ehe er, ihm auf den Hacken, das Zimmer verließ.

„Pannewitz, hast Du ’ne Stube für mich? Mir ist schlecht zu Muthe,“ sagte der alte Herr draußen.

„Natürlich, alter Freund! Komm’, und laß uns ein vernünftiges Wort reden! Wir wollen mal zusehen, was wir mit dem Kerl anfangen.“

„Nein, Fritz; das muß ich erst mit mir allein abmachen.“ Herr von Pannewitz schloß ihm schweigend ein Fremdenzimmerchen auf und wollte gehen. Der Alte stand verlegen, wie mit einem Entschluß ringend.

„Bleib mal hier, Fritz! Sieh mal, Du bist mein alter Freund, und auch ’n Edelmann. Mir ist meine ganze Ehre abgeschnitten von dem Kerl, und er will sich nicht mal mit mir schießen. Du hast von Brandow’n so schöne lütte Pistolen gekauft Es wäre ja doch möglich, daß er sich noch mit mir schösse und da möchte ich so ’n bischen Uebung abhalten Gieb mir eine in die Stube hier! Das knallt ja nicht sehr.“

„Lieber Franz,“ meinte Herr von Pannewitz ernst, „ich glaube Du könntest Dich mal verschießen und machen, daß Dir selber was passirte, und unser Herrgott will davon nichts wissen.“

[870] „Ja, wenn ich Dir denn das offen sagen soll: ich will und will das nicht überleben. Ich bin ein alter Kerl –“

„Aber, alter Freund, damit thust Du ja den Teterowern den größten Gefallen! Nachher sitzen sie in Pelchow als Herren.“

„Das ist wahr – da hast Du Recht,“ knurrte der Baron, aber dann fiel er wieder in seine elegische Stimmung zurück. „Ja das hilft doch nichts, Franz; wenn der Kerl sich nicht mit mir duelliren will, ist meine Ehre abgeschnitten, und das darf ich als rechtschaffener Edelmann nicht überleben.“

„Dann ist Anne-Marie zeitlebens unglücklich. Das arme Ding hat Dich so lieb –“

„Aber die verfluchte Pogge ist dann auch unglücklich!“

„Ja, das ist bei jungen Leuten nicht anders. So ’n alter Junggeselle, wie Du versteht das nicht –“

„Das sage nicht, Fritz!“ fiel der alte Heer eifrig ein; „als ich noch jung war, da war ich ein Schwernothskerl mit den Mädchen, und da bin ich auch verliebt gewesen, zum Beispiel in die jüngste Maltzan, von den Prebitzer Maltzan’s, die nachher fortgezogen sind in’s Mecklenburgische: das war ’n lütter Teufel, und ich hätt’ sie auf ein Haar zu meiner Braut gemacht; ich glaube aber, sie hat mich nur zum Besten gehabt; denn nachher hat sie sich mit ’nen Lieutenant verlobt.“

„Nu, wenn nun aber Dein Vater nicht gewollt hätte, daß Du sie heiratetest?“

„Nein, Fritz, so was hätte bei mir gar nicht aufkommen können; ich hatte ’nen harten Kopf schon dazumal und war höllisch scharf auf das Mädchen.“

„Das sind eben Anne-Marie und Deine Pogge auch auf einander.“

Der Baron starrte vor sich hin.

„Er langt aber nichts, und er hat mir meine Ehre abgeschnitten und ist ’n Duellflüchter.“

„Geh’ mal hinein, Franz,“ sagte Herr von Pannewitz kurz entschlossen, „und halt Dich mal ’ne Weile drinnen! Ich komme gleich wieder.“

Er nickte dem Baron zu und stieg in den Garten hinab, wo er Curt auf einer Bank zwischen Tarushecken fand, wie er eben mit besserem Verbinden der zerschrammten Rechten fertig geworden. Sein Auge hob sich gespannt und fragend; er sagte aber nur:

„Ich möchte Sie nachher um Leinzeug und Schwamm bitten; ich kann mich so vor Ihren Damen nicht sehen lassen.“

„Alles sollen Sie haben, aber zuerst hören Sie etwas Anderes! Der Alte ist also von der Verlobung unterrichtet, gerieth erst völlig aus dem Häuschen, wurde dann gänzlich lebensüberdrüssig, bis ich ihn besänftigt habe, und nun steht die Sache so: wenn Sie sich entschließen können, sich mit ihm zu duelliren, haben wir meiner Ansicht nach gewonnenes Spiel.“

„Aber wie kann ich das, Herr von Pannewitz!“

„Thun Sie’s, auf meine Verantwortung! Es hilft, und daß er es ernstlich auf Sie absehen wird, glaube ich nicht. Er meint es seiner Ehre schuldig zu sein, ein paar Kugeln mit Ihnen zu wechseln, und ist augenblicklich nur darüber wüthend, daß Sie ihm Satisfaction verweigern.“

„Nun meinethalben!“ lachte Curt. „Ich habe mich nie vor einem Duell gefürchtet. – Aber,“ setzte er ernster hinzu, „bedenken Sie, daß ich Bräutigam bin!“

„Schon gut!“ rief Herr von Pannewitz im Abgehen. „Das ist Ihr sicherster Schutz.“

Oben berichtete er sehr ernsthaft dem Baron, Curt bedauere die Duellverweigerung und wolle Genugtuung geben. Der alte Herr, welcher die ganze Zeit über in schwerer Herzensnoth vor sich hingebrütet hatte, athmete auf.

„Nun, siehst Du, Fritz, das freut mich von dem Menschen; er ist denn doch nicht so schlecht, wie ich gedacht habe. Nun wollen wir das aber bald anstellen – morgen früh, damit daß die Frauensleute nichts gewahr werden; denn die Art ist mit ihren Nerven auf so was nicht eingerichtet. Wenn unser Herrgott will, daß einer von uns Beiden todt bleibt, dann werden sie ja das auch noch immer zeitig genug merken. Mein Testament hab’ ich gemacht. Nun wollte ich blos noch eins sagen, Fritz. Bleibe ich todt, dann will ich nicht ausgezogen werden; das habe ich mir nie von ’nem anderen Menschen thun lassen, ausgenommen, als ich noch in den unvernünftigen Jahren war. Die Blumen und das grüne Zeug will ich auch nicht haben; ich mag nicht als ’n ausgeputzter Schweinskopf auf der Schüssel liegen; das ist mir zuwider. Jochen soll mich bei Nacht nach Langsdorf zum Herrn Pastor fahren und da können mich drei oder vier Menschen einpuddeln, daß nicht so ’ne Affaire mit Weinen und Geschrei gemacht wird, indem daß mir das schon bei Lebzeiten ein Gräuel gewesen ist. Und was aus meiner Verlassenschaft übrig bleibst das kriegt das Anne-Marieken.“

„Na, nun laß nur gut sein, Franz! Es wird schon so abgehen. Wenn Einer den Anderen todt schösse, dann wäre der einzige Mensch, der unglücklich würde, das Anne-Mariechen; das wißt Ihr ja wohl alle Beide. Willst Du Deinen Neffen heute sehen? Er ist unten im Gärten und getraut sich nicht herauf.“

„Sieh, er hat doch ’n bischen Respect vor mir,“ meine der Baron geschmeichelt, und in seine Leichenbitter-Miene stahl sich ein Schmunzeln. „Ein verfluchter Kerl ist er doch, Fritz; er hat den Boddin’schen Kopf, und das Gut hat er höllisch im Zuge. Aber ich mag noch nichts von ihm wissen, indem daß er mir die Ehre abgeschnitten hat, was noch nicht reparirt ist.“

„Vielleicht geht er selber lieber erst noch mal nach Pelchow und sieht zu, wie’s da mit dem Winde abgegangen ist.“

„Das wär’ wohl das Beste; Du kannst ihn ja auf den Gedanken bringen.“

Als Herr von Pannewitz das Zimmer verlassen hatte, schritt der Baron auf seinen kurzen Beinchen sporenklirrend auf und nieder. Die Aussicht, daß er sich am nächsten Morgen duelliren solle, gab ihm eine höchst gewichtige Haltung; er runzelte die Stirn, war aber offenbar in zufriedener Stimmung. Einmal blieb er stehen, bohrte die Blicke in den Teppich und sagte plötzlich:

„Nein, mein liebes Anne-Marieken, ich will da nicht schuld d’ran sein, daß Du unglücklich wirst. Ich für mein Theil nicht.“ Und nach langer Pause setzte er hinzu: „Und er ist ja wohl auch ’n ganz guter Kerl sonst. – Aber daß er mich hat aus meinem Hause mit zwei solchen – das werde ich Pannewitzen sagen, das muß er mir erst abbitten.“

Alsdann bückte er sich energisch, hob den Teppich auf und drückte ihn unter den Tisch, worauf er über die blanke Diele hin seinen Marsch fortsetzte. – –

Am nächsten Morgen stunden sich die beiden Gegner in der That ganz früh gegenüber. Niemand außer Herrn von Pannewitz war noch zugegen. Der Ort war einer der Windbrüche von gestern.

Bevor Herr von Pannewitz das Zeichen gab, senkte der Baron plötzlich die Pistole und rief hinüber:

„Sag mal erst, mein Sohn: willst Du mir auch das abbitten, daß Du Deinen leiblichen Onkel mit zwei Kerlen vom Gericht aus seiner Wohnung gesperrt hast?“

In Curt’s Gesicht zuckte es, aber der Ernst behielt den Sieg, und das war gut; denn der Alte beobachtete ihn scharf.

„Das will ich, Onkel, aber erst nach dem Schießen vorausgesetzt, daß ich am Leben bleibe.“

„Das ist Dein Glück. Nun los, Fritz!“ Die Schüsse knallten. Sie waren beide in die Luft gezielt worden. Mit gravitätischem Gesicht lud Herr von Pannewitz noch einmal; endlich zum dritten Male. Die vier Schüsse hatten dieselbe Richtung, wie die ersten.

„Bist Du zufrieden Franz?“ fragte Herr von Pannewitz.

„Jawohl, Nun komm mal her, mein Sohn, und gieb Deinem alten Onkel die Hand. So! Du bittest mir also ab?“

„Seien Sie vernünftig, Herr von Boddin!“ mahnte der Zeuge drüben zu Curt hin.

„Ich will meinetwegen abbitten, aber nur unter der Bedingung, daß Sie ruhig bei uns in Pelchow bleiben und mich wirthschaften lassen, wie ich muß, damit Sie die Demminer Juden vom Halse bekommen.“

„Will ich, mein Sohn – will ich,“ nickte der alte Baron. „Aber das sage ich Dir: bei meinem Anne-Marieken bedankst Du Dich; denn wenn das Kind nicht wäre, dann wäre das ganz anders gekommen. Daß Du nicht besonders schießen kannst, habe ich nun gemerkt, und es ist ja gut wegen des Kindes, daß Du mich nicht getroffen hast. Ich aber, ich habe ’n Bischen daneben gezielt, indem daß ich Dich schonen wollte. Und nun reden wir nicht mehr davon.“

Sie gingen durch die Gräuel der Verwüstung zurück; der alte Herr wurde ganz vergnügt unterwegs und begann Schnurren zu erzählen. Heer von Pannewitz hatte Pistolenkästchen und Munition in seine Jagdtasche geborgen und schlenkerte diese nicht minder vergnügt [871] hin und her, zuweilen einen lustigen Blick mit Curt austauschend. Es war ein höchst gemächlicher Duellausgang.

Endlich fiel es dem Baron ein, zu fragen, wie es denn eigentlich in Pelchow stehe.

„Erträglich, Onkel. Auf der Windseite sind freilich die Strohdächer meist zerstört, und die Störche werden viel Arbeit dieses Jahr haben. Hinter der Koppel sind die letzten Pappeln gestürzt. Auch im Dorfe ist einiges beschädigt, aber im Ganzen können wir zufrieden sein.“

Das „wir“ schmeichelte dem Alten, und er nickte beifällig.

In Branitz mußten sie noch eine Weile warten, bevor die Damen sichtbar wurden. Der Baron benutzte die Zeit, um die Angelegenheit seiner „Compagnie“ zu ordnen. Von Amerika war nun keine Rede mehr; er wollte den Leuten noch eine Rede halten und sie feierlich an Curt verweisen, der ohne sonderliches Zuthun von seiner Seite von Minute zu Minute in der Gunst des alten Herrn stieg. Den Höhepunkt erreichte dessen gute Laune, als Herr von Pannewitz die Geschichte vom Eistanz auf’s Tapet brachte und weidlich belachte.

Später wurde förmlich Verlobung gehalten. Weder Curt noch Anne-Marie gab sich besonders zärtlich; nur ihre Augen hielten Zwiesprache, und zuweilen die Hände. Die heimlichen Fragen seiner Familie: wie die Versöhnung zu Stande gekommen, konnte Herr von Pannewitz endlich nicht umhin mit ein paar ebenso heimlich hingeworfenen Bemerkungen über das Duell zu beantworten; indeß führte das Munkeln schließlich doch zu einem offenen Bekenntniß gegen die Damen, welche nicht wenig erschraken. Anne-Marie blickte entsetzt vom Onkel auf ihren Verlobten, bis letzterer sie umschlang und ihr in’s Ohr flüsterte:

„Es war eine Komödie, liebes Herz!“

Der Baron indessen sagte überlegen:

„Mit seinem Schießen macht er keinen Staat, liebes Anne-Marieken, wohl weil er so kurzsichtig ist. Was mich anbetrifft, so habe ich denn auch ein paar Fuß höher gezielt, indem daß ich doch meinem Anne-Marieken ihren Schatz nicht wegputzen wollte. Na, es ist ja gut so, und es hat Jeder sein Recht, und ich will nun auch mit Euch zusammen auf Pelchow leben. Aber das sage ich Dir, mein Sohn: wenn ich zu Hause bin, dann spielst Du nicht auf Deinem Pianoforte; denn das ist ’ne höllisch dünne Musik, und ich habe was auf meinen Ohren, daß ich das nicht gut ausstehen kann. Und nun wären wir da durch, sagt Hewelmann, wie der Küster durch den Sonntag, Kinnings!“