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Die Jubeltage der „Deutschen Kunstgenossenschaft“ in Dresden und Meißen

Textdaten
Autor: Fritz Wernick
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Titel: Die Jubeltage der „Deutschen Kunstgenossenschaft“ in Dresden und Meißen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 765–770
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Jubeltage der „Deutschen Kunstgenossenschaft“ in Dresden und Meißen.
Von Fritz Wernick.
Mit Originalzeichnungen von Woldemar Friedrich.


Die Gartenlaube (1881) b 765.jpg

Nicht nur im Parlamente zu Berlin, überall, wo gemeinsame Bestrebungen und Interessen Deutsche aus allen Gauen des Vaterlandes zusammenführen, da ist Alldeutschland versammelt. So war es 1875 auf der Höhe des Teutoburgerwaldes am Denkmal des Cheruskers, so auch 1878 im Festspielhause von Bayreuth, so bei den Bundesfesten deutscher Sänger und Schützen, so jetzt in Dresden, wo die „dentsche Kunstgenossenschaft“ in den jüngsten Septembertagen das Jubiläum ihres fünfundzwanzigjährigen Bestehens feierte.

Im Herbst des Jahres 1856 hatten auf Anregung des Düsseldorfer „Malkastens“ Abgesandte aus allen Kunstgemeinden Deutschlands, von München und Wien, von Dresden und Berlin, von Düsseldorf, Weimar und Karlsruhe sich in der Stadt Bingen eingefunden, um einen Bund zu schließen. Nicht nur die Wahrung gemeinsamer materieller Interessen führte die Künstler zusammen, der neugegründete Bund verfolgte auch ideale Ziele: Aus der Münchener, Düsseldorfer, Wiener Kunst sollte eine gemeinsame deutsche erwachsen, und in allgemeinen deutschen Kunstausstellungen sollte gezeigt werden, daß es eine nationale deutsche Ausdrucksweise in der Kunst gebe, welche dieselbe geblieben von den Zeiten Dürer’s und Holbein’s bis auf unsere Tage: „geistvoll und innig in der Empfindung, bescheiden in der Ausstattung, sich streng an die Natur lehnend in der Darstellung“. Der Plan zur Gründung einer deutschen Nationalgallerie ist zuerst unter den Kunstgenossen berathen worden und hat dann 1861 durch die Annahme der Wagner’schen Sammlung seitens König Wilhelm’s die erste feste Gestalt erhalten. Die Meinung der Kunstgenossenschaft ist schließlich gehört worden in Fragen der Gesetzgebung, besonders denjenigen, die den Schutz des geistigen Eigenthums betrafen.

Nun blickt dieser Verband auf ein volles Vierteljahrhundert seines Wirkens zurück. Vier allgemeine deutsche Kunstausstellungen, in München 1858, in Köln 1861, in Wien 1868, in Düsseldorf [766] 1880, sind von ihm veranstaltet worden, und bei allen nationalen künstlerischen Kundgebungen hat man sich seiner Organisation bedient, mit Ausnahme der Vertretung auf der Pariser Ausstellung 1878. Die Zahl seiner Mitglieder ist auf weit über 2000 gewachsen und in großen wie in kleinen Kunstgemeinden verbreitet, wie auch aus den alljährlichen Berathungen seiner Delegirten praktische Beschlüsse zur Wahrung der Interessen der Kunstgenossen hervorgehen. Da war es denn wohl natürlich, daß man das Jubelfest mit besonderer Sorgfalt vorbereitete und mit ausgesuchtem Glanze beging. Dresden, seit 1878 Vorort der Genossenschaft, diente als Local dieser Festlichkeiten. Die heitere, kunstgeschmückte, in herrlicher Landschaft gelegene Elbstadt eignet sich vielleicht besser als jede ihrer deutschen Schwestern zu solchen Zwecken, besonders wenn, wie diesmal, alle Kreise ihrer Bevölkerung sich vereinen, um die Jubeltage glänzend zu gestalten. Das haben die Organe des Staates, die Behörden der Stadt, das haben die Künstler und Kunstfreunde, das hat die gesammte Einwohnerschaft der sächsischen Residenz gethan.

Drei künstlerische Momente hoben sich aus der Fülle der Festlichkeiten hervor: der Bewillkommnungsabend auf der Brühl’schen Terrasse, die Darstellung des „Faust“ im Hoftheater und das Costümfest in Meißen. Die alte Elbschanze, der einzige Rest der ehemaligen Befestigungen Dresdens, hat schon oft zum Festlocale gedient. Graf Brühl, der allmächtige Minister eines prachtliebenden Monarchen, hat diese Terrasse mit Gärten, Palästen, sowie Pavillons geschmückt und dorthin die Fürsten und Großen als Gäste geladen. Herrlicher mag aber nie ein Dresdener Fest, auch zu Brühl’s Zeiten, gelungen sein, als dasjenige, welches die Stadt Dresden den Künstlern veranstaltete. Der äußerste, weit über die Elbe hinausspringende Belvederehügel mit der aussichtsreichen Glasrotunde war den Gästen reservirt. Kaum dunkelte der Abend, da blitzte von den Bäumen, aus den Büschen, von den Rasengründen, aus den spitzen Basalten, welche die Hügelwände umkleiden, farbiges Flimmern, Flammen und Glühen auf, das den Eintretenden einen wahrhaft feenhaften Anblick bot. Obelisken und Säulen, die Kolossalmasken des deutschen Kaisers und des sächsischen Königs, eine mit Purpur drapirte Rednerbühne waren als neue Zierde des Gartengefildes zu dem schöneren natürlichen Schmuck der Blumen und Bäume, der Graspläne und des wundervollen Niederblickes auf den Strom hinzugekommen, aber erst das Licht, das aus Tausenden von Flämmchen und Leuchten flammte, gab dem Ganzen das strahlende Festkleid. Aus dem dichten Laube der Kastanien, Akazien und Platanen blickten rothe, grüne, goldfarbene Kugeln wie leuchtende Früchte hervor; die hohen Staudengewächse trugen Blüthenglocken von farbigem Lichte; im Rasen funkelten Tausende kleiner Flämmchen, und aus dem Gestein schienen die Feueraugen der Erdgeister hervorzulugen. Die ganze Terrasse, auch der dem Publicum freigebliebene Theil war geschmückt. Die architektonischen Linien der Palastfronten wurden von Lichtschnuren gebildet und die Erzbilder der Meister blickten von ihren Postamenten freundlich-ernst auf das Treiben der Künstlergäste herab.

In diesen herrlichen Lustgärten wogte die Menge der geladenen und einheimischen Festgenossen umher in der langen Herbstnacht. Man plauderte, nahm von den Dienern Erfrischungen, würziges Bier, das Küfer in rothen Westen und Lederschurz unablässig zapften, und erfreute sich an der Musik und den wunderbaren Effecten des elektrischen Lichts, dessen farbige Ströme bald das Dickicht, bald die Standbilder der Herrscher überflutheten, dann wieder einzelne Partien des Stromes und seine belebten Ufer aus der Nacht hervortreten ließen.

Die deutschen Kunstgenossen standen schon im ungezwungensten Verkehre mit den heimischen Theilnehmern, als der Oberbürgermeister der herrschenden Stimmung in warmen Worten Ausdruck gab. Er wies unter Anderem darauf hin, wie Dresden sich seit zwei Jahrhunderten unter der Pflege kunstsinniger Fürsten zu einer Stätte der Kunst entwickelt habe; er hätte hinzufügen können, daß die Fürstenresidenz an der Elbe schon ihre Raphael und Holbein, ihre Tizian und Murillo, ihr grünes Gewölbe und ihr Antikencabinet besessen, als man in München noch nichts von Kunstpflege wußte, in Berlin noch kaum die Anfänge einer solchen besaß.

Gleich warm und herzlich wie der Willkommgruß des Herrn Oberbürgermeisters tönte der Dank der Gäste aus dem Munde Karl Stieler’s zurück, der die Dresdener versicherte, daß alle, die als fremde Gäste gekommen, als Freunde scheiden würden.

Und nun begann des Festes zweiter Theil. Während in der Rotunde des Belvedere die riesigen Lendenstücke feister Rinder, die Forellen, Hummern, Muscheln, die Hirsche und Rehe, die Rebhühner und Enten, die der treffliche Wirth als ein Künstler in seinem Fache aufgebaut hatte, dem Appetite der Geladenen zum Opfer fielen, entwickelte sich auf der Elbe ein neues, glänzendes Schauspiel. Alle Dampfer, alle Boote, alle Nachen, jede der schwimmenden Bade-Anstalten, die Brücken und die Ufer hatten sich in feurige Gewänder gehüllt, und die Schiffe mit den farbigen Lichtpfannen schaukelten sich auf der dunklen Fluth, die jedes Flämmchen wiederspiegelte. Schlanke Schnellruderer jagten, stattlich bemannt, zwischen jenen hindurch und wurden von einem Strahle des elektrischen Lichtes erhascht, begleitet, bis sie, flinker als dieses, in der Nacht verschwanden, um später in neuem Lichtstrome aufzutauchen. Das gab ganz entzückende Bilder, ewig wechselnd, ewig neu fesselnd. Ein Feuerwerk prasselte zum Schlusse aus dem Strome auf, zum leider gar zu frühen, aber nothwendigen Schlusse; denn kaum senkten die letzten Leuchtkugeln sich zum Elbspiegel hinab, als sich ihnen staubfeine Regentropfen zugesellten. Das Wetter hatte gewartet, bis die gastliche Stadt ihr Programm erfüllt; dann trat der regnerische Herbst wieder in seine fatalen Rechte.

Den anderen Tag, den ersten des eigentlichen Jubiläums, vermochte der Regen nicht zu stören. Nach Audienzen, Wanderungen zu den einzelnen Kunstsammlungen, nach Festessen und Tafelreden bot das Hoftheater den Kunstgenossen seine Spende. Es war dazu der zweite Theil des „Faust“ gewählt, vielleicht das Allergeeignetste, was man gerade diesen Gästen zu bieten vermochte. Denn kein anderes dramatisches Gedicht, ja kaum eine große Oper böte Veranlassung zu einer solchen Fülle malerischer Scenenbilder, zur Entfaltung von Massenpracht, zu phantasievollen, übernatürlichen, traumhaft schönen Gebilden, als dieses auf der Erde und im Himmel, in der antiken Griechenwelt und im ritterlichen Mittelalter, am Hofe des Kaisers und in den gothischen Wölbungen der düsteren Studirstube spielende Drama. Was die Kunst Dresdens auch auf diesem Gebiete zu leisten vermag, das hat wohl alle Gäste mit Staunen und Bewunderung erfüllt.

Zur Darstellung hatten sich die ersten Kräfte des Schauspiels, der Oper, des Ballets vereinigt. Ihre Leistungen wurden aber noch übertroffen von denen der Ordner, Regisseure, Decorationsmaler und Maschinisten. Einzelne der Scenenbilder waren von geradezu vollendeter malerischer Schönheit, dabei charakteristisch und durch eine Fülle von Gestalten prächtig belebt.

Doch jedem dieser Festtage war eine Steigerung vorbehalten. Der folgende brachte die Fahrt zum Costümfeste nach Meißen. Mit glücklichem Griffe hatten die Dresdener für die zur Anschauung zu bringenden Aufzüge aus früheren Jahrhunderten die alte sächsische Fürstenstadt mit den engen gewundenen Gassen, den gothischen Kirchen, dem ehrwürdigen Rathhause, der mächtigen Albrechtsburg gewählt. Auf den bunt beflaggten und bekränzten Dampfern fuhr man zum Feste. Hunderte von Theilnehmern trugen alte Costüme. Die Einen trugen Rüstungen, Helme, Waffen von kunstvoller alter Schmiede-Arbeit; die Andern hatten sich nach den Zeichnungen der Künstler oder den Entwürfen Costümkundiger altdeutsche Anzüge fertigen lassen, während die Damen mit gewaltigen altdeutschen Hauben, breiten Hüten, von Federbüschen überwallt, mit hohen Kragen, mächtigen Krausen, Gewändern von prächtigem Sammet, schweren Wollenstoffen, Seidenbrokaten, oder auch in bescheidenen Gretchen-Costümen, alle Stände früherer Zeiten repräsentirten.

Die Fahrt nach Meißen zeigt uns die letzten Gebirgswände, die der Elbstrom auf seinem Wege zur norddeutschen Tiefebene durchfließt. Auf dem letzten Theile der Fahrt bedeckt dichter Hochwald die Felswände; Schlösser blicken von den Höhen auf den Strom herab; Rebenrücken schmücken die sonnigen Hänge, und zuletzt tritt das alte Meißen hervor, imposant in seinen altersgrauen Steinarchitekturen, hoch auf steiler Felsklippe die gothische Albrechtsburg, die in den Strom und weit hinaus in die Meißener Lande schaut. Einen geeigneteren Tummelplatz für mittelalterliches Festgewoge dürfte es kaum geben. Selbst die modernen Menschen, geladene Gäste, ganz Meißen, halb Sachsen, wohl an zehntausend Köpfe, die rings die Uferhöhen belebten, störten den Charakter des Schauspiels kaum; denn die Straßen des guten Meißen mit ihren hohen Giebelhäusern sind so eng, winden sich so malerisch die Höhe hinan, daß Ritter und Mannen, Patricier und Bürger, vornehme Damen und himmelblaue Gretchen-Gestalten diese Gassen vollständig füllten.

[767] Noch wellig geordllet, bewegte der Zllg sich zum sarktplatzc hiuallf. Altersgrune Kirchell , Wappenschilder in Stein gehauen Denkmäler der ersten Herrscher, Thore, Zinnenmanern traten wirksam herbor zwischen den modernen Häuserreihen, die sich hinter Laub- gewillden, Flaggenmasten Teppichen halb verborgen hatteu Dennoch überraschte der Marktplatz die Ankömmlinge. Die lnächtige Front des gothischen Rathhallses grenzt ihll ab, eine alte gothische Kirche wendet ihre Spitzbogensellster , ihr Portal ihr zu, und auch hier trat das soderlle zllrück hinter denl bnntell Festschmncke des Tages.

Dieser herrliche Ranm, den Knustgen ossell völlig osten ge- halten, bildete den prächtigen Rahmen zu dem erstell Acte des Costümsestes ; es elltsältete sich hier ein Bild, das der sinnige form- gewandte seister Wold emar Friedrich ill einem der reizenden Bilder, welche diese Schilderung schmücken, tnit bezaubernder Poesie sestgehalten hat (vergleiche Abbildnng S. 788 !). Aus denl hohen Steinsöller schmetterte eine mittelalterliche Mnstkballde den All- kommenden ihre Fansarell elltgegell. Allf der breitell Terrasse vor denl Portale des Stadtpalastes stalld der Bürgermeister ill Patricier- tracht des sechszehlltell Iahcknmderts , die goldene Cchrellkette nnl den Hals, umgeben von seinell Schöffen, wie von den sestlich all- gethallen vornehmsten Bürgern der Stadt. Stattliche Patricier- srunell und eine Schaar rosiger jllnger seißllerinnen in hilnlnel- blanen Gretchen-Kleiderll , Bmmellköckle in der Halld, erwarteten zllgleich mit den sännerll das Nahen der Festgäste. Diese zogen ill langer Reihe allst vor das Rathhalls hill. Jetzt erst war. alls den schönen Eillzelgestaltell ein Bild geworden. Die strellgerell gesellschaftlichen Satznngell, die schärfer mackirten Stalldesnnterschiede jener srüheren Ialnchnnderte blieben indessen auch hier gewahrt. Ritter ill glänzenden Rüstungen ; mit wallender Helmzier, einige hoch zu Roß, edle Franen, geführt voll den Sproffen vornehmer Geschlechter., begleitet von schönen Iünglingen und Knaben, ellt- salteten eine Pracht köstlicher Stoffe: Samlnet und Brokat, schwere gemnsterte Seidenstoste, Gold, Ebelstein und Federll - all diese Pracht erschien weder maskenhast noch theatralisch, solldern völlig echt und trell. Dann solgten die Patrieier, daraus die Bürgers- leute mit ihrell Frallell ill schweren Wollenstoffen , mit breitell Hallbell, hohen Kragen, gefältelten Schürzell, prächtige und fittsame sädchenknospell ihnen zllr Seite.

Alls diesem farbenreichen Gewühl hobelt einzelne Gestalten sich besollders hervor, Damen voll hoher Schönheit und Ritter. ill schwarzem mit Silber und Gold eingelegtem Stählkleide, Reisige, Colldottieri lnit zerschlitzten Pmderkleiderll und verwetterten Ge- sichtern. Immer neller Znzng langte an alls verschiedenen Richtungen, unter ihnen Landsknechte, Jagdgeselleu und zuletzt seißner Land- lente. Diese Letzteren waren Weinballer., Winzer und Winzecknnell, die sich zum Feste schlnnck gerüstet hattell. Eill mächtiges mit Rebemallb bekränztes Stiergespann zog den Karren , aus dem, zwischeu Weinrallken, Früchten, Emblemeu grltppirt, die Winzer des Landes mit ihrell Dirllen munter zechtell und also sröhliches Lebell in die vornehme Welt brachten. Damit hatte die sallmg- faltigkell, die Farbell- und Farluellsülle der sestlicheu Grllppell sich zu höchster Wirkung gesteigert.

Der Bürgermeister hieß die Bläser schweigell, trat all den Rand der Plattform und begrüßte die Gäste mit herzlichem Zuspruch, dankte für. ihr Erscheilrell ill der ehrwürdigen Fürstellstadt und sorderte zum Bleiben alls. Kallm halle mall dallkelld geantwortet, kallm das Klirren der Schwerter, das Schwenken der Barretts und Federhüte, das Hochrllsen geendet, da sprengte eilt Heroldszug von der Albrechtsburg herab, durch den alten, von Gllomeu mit greisen Bärteu behüteten Thorball, llm die Botschaft des kurfürst- lichell Burgherrn zu verkünden , der alle Gäste hinauf ill sein Schloß lud. Nlm orduete die bnnte mittelalteckiche Welt sich alis's Neue; alls's Neue wogte malerisches Gewühl die ellgen steileu Gassell hinan dllrch schwere Thorbogen, über Zugbrücken all altem Gemäuer vorüber aus den Burghof Wieder eine Steigerung des Geunsses ! Die Albrechtsburg ill seißell gehört zu den würdevollstell und illteresfautestell Palastballteu aus golhischer. Zeit. Der innere Hof deckelbell wirb umschlossen voll der mächtigen Gewölbemasse des Domes, voll der Hallptsront des altell Schlosses, alls der hohe Giebel, schlanke Dacherker hervorspringen währelld das Gallze reiz- voll belebt wirb dllrch tiese Spitzbogeublellden und den „Welldel- stein“, die zierliche Wendeltreppe, die sich frei llud sein gegliedert zwischeu Spitzbogenwerk außeu an die Ballmasse anlehnst Zur auderu Seite greuzt ein Ball voll offenen Loggieu, mit Erker.-

thtlrm und Nische, eine lebhast profilirte Frollt, das Geviert ab, ill das die Gäste einzogen.

Gegenüber. denl Eillgallge zum Bllrghof war eine Estrade errichtest überdacht mit kostbarem Baldachin voll Pllrpllr und Gold, der. sich allf schlallke setallsänlell stützte und dem ganzen Hof- staate des improvisirtell Kllrfiirsten ein prachtvolles Schutzdach ge- währte, gallz wie unser trefflicher Künstler sie den Leserll heute ill seinem prächtigell sigureureicheu Bilde (vergleiche Abbildung S. 789!) so meisterhaft zllr Allschannng bringst Allf goldeueu Seffelu thronte der Fürst und sein stattliches Gemalst; .Damen edler Geschlechter, die Großen des Hoss, Kämmerer und slmd- schenk, Kanzler und sackchall, Edelknaben und holde Iung- srallell llmgaben das Herrscherpaar, vor dem jetzt die Geladenen aüszogen Alle warell gekommen: außer Rittern, Patriciern und Bürgern alls der Ferne auch der Bürgermeister mit seinen Schösten und Trabanten die seißener Iungsranen, die Spiellellte, die Landsknechte , Jagdgesellen und der Stierkarren mit dem lnstigen Willzervolke.

Sie schritten all dem Throne vorüber und stillten den Bllrghof Da erschallte neuer Bläsergluß alls der Ferne. Ueberruscht blickte mall znrück und sah einen hohell mit köstlichen Stoffen drapirten Trimnphwagen nahen, allf denl die erhabene Gestalt der Knnst in weißell Gewändern thronte, den goldenen Lorbeer um das blonde Hallpt geschnnlgen, nmgeben voll den Genien aller Künste, die zu ihrell Füßen lagerten. Ter Tcknmphwagell hielt ill der sitte des Hoses; die Göttin erhob sich, sprach hellklingende Berse, die zwar mit einem Hoch allf König, Kaiser und Reich etwas anachronistisch schlossell, aber die lebhaste Begeisterllng der Menge erweckten ; denn seitab, als einfacher Zllschaller, wohnte der König mit seiner Familie dem Festspiele ill der Thllrmloge bei. Wieder klirrten die Schwerter langt all einander.; wieder slogen die Hüte in die Höhe; wieder dllrchbrallste stürmischer Hochrnf den Rannl. Dann begannen die Würdenträger des Knckürsten zu sprechen : der Banmeister erzählte Anssühckiches voll der Errichmng der altell Bllrg ; der snndschenk bot den Herren einen Becher voll seißener Lalldwein, während die Grnppen der Festgenossen sich mehr und mehr belebten. Allch das fürstliche Paar erhob sich; gesolgt von seinem Hosstaate trat es einen Rundgang über. den Bllrghof all. Nlln mischte alles Volk, Ritter und Patrieier, Bürger, Waffenknechte, seißener sädchen und Jagdkllappen sich unter einander. In dichtem malerischem Gewühle lösten sich die geschlossenen Grnppen, stoß die Fülle herckicher Ge- stalten znsammen. Aus dem Hostest war ein mittelalterliches Volkssest geworden. Inzwischen war der Schlnß des Festes allmählich gegen drei Uhr Nachmittags herangekommen. Der Knrsür.st verkündete ihn in kllrzer Rede und gab seinen Gästen damit allgemeine Vewegungs- sreiheit, voll der. denn auch allsgiebig Gebrallch gemacht wllrde.

sit dem Schlnsse des Festspiels hatte auch die Gltnst des Himmels ein Ende. Es begann erst stanbsein, dann immer hestiger zlt regnen, sodaß man in den Hallen und Sälen der gasttich ge- ösfnetell Bllrg eine Zuflucht sucheu mußte. Seltell wohl hat der alte, höchst glücklich restallrirte Ball eme so starke und klmstver- ständige Besttcherschaar in seinell Mauern empsangell. Den Nach- lnittag sülltell die Besichtignng der. Bllrg llud Walldernngell dllrch Meißell alls, wo das Bolkssest sich sortsetzte. Ulld als es Abend ward, da begauuell die altersgraueu Architektureu , die kühn den Bllr.gselsell erklimmenden Mallern und Hänserzeilell zu lenchten und zu gtühell. Hoch vonl oberstell Thnrme der Albrechtsbnrg strömten farbige Lichtftllthell hinab über die gothischen Ballmassen, derell Geglieder. mm noch krustiger ill allen Einzemheiten alls der nacht- lichell Umgebung hervortrust Anch die mächtigen Fensterbogen des Domes strahtten farbiges Licht alls, llud als ob die Stadt nnr. das Signal erwartet hätte, begaun auch sie ihre Frelldeuseller zu eut- zünden Bellgalische Flammen ließell einzelne malerische Bangrllppen grell hervortreten; Lämpchen, Transparente, Pechpsannen und Feller- körbe warsell rothes Flackeckicht dazwischen, und Fackem schwingend, geleiteten die Mannschaften der. Fellerwehr die Gäste ill tangenl Zuge zum Bahllhose. Schöner. noch wllrde es, als dieser Zllg über die Brücke znnl andern Ufer sich bewegte. Da stand die Bergstadst voll der. Burg überragst in feuriger Lohe; der Dom, das Schloß, die Thürme, die Häuser waren von verschiedenfarbigem Lichte überfluthet; selbst die Wogen des Stromes schienen von feurigem Glanze zu erglühen, und die Darsteller des heutigen Festes selbst wurden von Fackelschein und elektrischen Flammen in wahrhaft magischer Weise beleuchtet. Dieser Schluß des wechselvollen Tages rief

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Im Amselgrunde: Zigeunerlager.

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Vor dem Rathhause zu Meißen: Ankunft des Winzerwagens.
Das Jubelfest der deutschen Kunstgenossenschaft. Originalzeichnungen von Woldemar Friedrich.

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Die Gartenlaube (1881) b 769 1.jpg

Im Amselgrunde: „Zur rothen Amsel“.

Die Gartenlaube (1881) b 769 2.jpg

Im Schloßhof der Albrechtsburg: Ankunft der „Kunst“.
Das Jubelfest der deutschen Kunstgenossenschaft. Originalzeichnungen von Woldemar Friedrich.

[770] noch einmal allgemeine Begeisterung hervor, und dann folgten die Abschiedsgrüße, die zunächst dem gastlichen Meißen, dann den Genossen der Festtage galten, von denen viele schon hier sich losrissen, um in die Heimath zurückzukehren.

Hunderte blieben jedoch in Dresden, um noch den letzten Festtag abzuwarten, der einen Ausflug in die sächsische Schweiz brachte. Das Wetter war am Morgen zwar wenig einladend, aber trotzdem mußten zwei lange Extrazüge in Anspruch genommen werden, um die Schaar der Kunstgenossen aufzunehmen. Die gleiche warmherzige Gastlichkeit, die Dresden und Meißen dem Jubiläum deutscher Künstler entgegengebracht, fanden diese auch in den Elbstädtchen der sächsischen Schweiz. Ehrenpforten von grünen Reisern, singende Dorfjugend, böhmische Spielleute, Händler, die den bunten Kram von allerlei Andenken feilboten, empfingen die Festfahrer, die in den waldigen, von starren Sandsteinnadeln eng umschlossenen Amselgrund zogen und hier im Schatten einer primitiven Waldkneipe „Zur rothen Amsel“ genannt, einen erfrischenden Imbiß einnahmen (vergleiche Abbildung Seite 769!) Hier überraschte man eine Bande lagernder Zigeuner, braunes Volk mit wirren Haaren, in Lumpen gehüllt, das seine Habe von einigen mit Schindmähren bespannten Wagen abgeladen hatte und nun in brodelndem Kessel Essen kochte, kleine Kesselflickerarbeit trieb, Hühner, Enten und alles greifbare Gut zu stehlen suchte. Auf die vornehme Pracht der früheren Tage folgte hier das wildeste, naturwüchsigste Leben. Waldemar Friedrich hat auch diese Scene in seiner feinsinnigen Weise im Bilde (vergleiche Abbildung S. 768!) verewigt, wofür ihm die Leser gewiß dankbar sein werden.

Man glaubte sich in die Berge bei Granada, in die russischen Steppen versetzt, wenn die braunen dürftig bekleideten Weiber listig und verschlagen sich dem Fremden näherten, durch Tanz, Wahrsagen oder ärgere Künste etwas zu erhaschen suchten. Mit äußerster Treue und Wahrhaftigkeit ward hier die Wirklichkeit nachgeahmt Da plötzlich schrilles Pfeifen und kreischendes Fiedeln, das aus der Tiefe des Grundes hervordrang! Es waren Freunde, eine andere Bande des heimathslosen Volkes, die mit ihrem Troß daherzog. Nun gab es ein Begrüßen, ein Springen und Umschlingen, das gewiß sehr ernst gemeint war, aber doch sehr komisch wirkte. Diese bunten lebhaft bewegten Bilder aus dem Zigeunerleben konnten nicht verdunkelt werden durch das Erscheinen eines Berggeistes, der die Künstler durch lange Versrede in seinem Revier bewillkommnete.

Dann zog man zur Bastei hinauf, und wieder war das Wetter dem Augenblick günstig; selbst die Sonne blickte hervor, um die überraschende Aussicht auf die phantastischen Felsgebilde, auf den mächtigen Klotz der Festung Königstein, auf den Elbstrom und das weite anmuthige Land freundlich zu beleuchten. Es ward nun getafelt – zum letzten Mal in fröhlicher Gemeinschaft. Erst als es dunkelte, schifften wir uns zur Rückfahrt ein. Und wieder flammten Feuergrüße zu beiden Seiten des Stromes. Das Jubelfest der deutschen Kunstgenossen schloß auf dem Linke’schen Bade, heiter, fröhlich, wie es begonnen. Dresden und seine Kunstgemeinde haben den Gästen und Genossen aus der Ferne gezeigt, daß hier die Kunst nicht nur eine treue, sondern auch eine verständnißvolle Pflege findet. Karl Stieler hat mik den ersten Worten, die er der heiteren Stadt zurief, Recht: „Als Gäste sind wir gekommen – wir scheiden als Freunde.“