Christkindlein vor der Thüre

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Christkindlein vor der Thüre des neunzehnten Säculums
Untertitel:
aus: Zwei Feine Gleichnisse von der Weisheit dieser Zeiten, S. 7 - 12
Herausgeber: Abteilung II der Gesellschaft für innere Mission im Sinne der lutherischen Kirche
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Gottfr. Löhe
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: Commons, MDZ München = Google
Kurzbeschreibung:
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[7]
II.
Christkindlein vor der Thüre
des
neunzehnten Säculums.


 Christkind.
Christkindlein steht bei Frost und Eis
Vor deiner Thür und bittet leis:
Thu auf, laß mich zum Feste ein,
Ists doch ein Fest der Kindelein!** Weihnachten! Als „Kinderfest“ feierns im 19. Jahrhundert mitunter auch die Juden.
 Säculum.
Weiß nicht! das Kind sieht ärmlich aus,
Unmöglich nobel ists von Haus;
Mir danktens Weib und Kinder schlecht,
Wenn ich dies Findelkind herbrächt!** Vom Christuskind wollen die Kinder des 19. Jahrhunderts nichts mehr wissen!
 Christkind.
Thu auf! verschmähe nicht den Gast,
Den du dir nicht erbeten hast;** Sonst sagt man: die ungeladenen Gäste sind die besten.
Mein Armut soll dich machen reich,
Mein Kindheit frohen Kindern gleich.
 Säculum.
Als ob man nicht, und jetzt zumal,
Genug der Armensteuer zahl’;** Für Christi Sache hat das 19. Jahrhundert kein Geld.
Und mit der Kindlichkeit – da bleib
Nur mir gestandnem Mann vom Leib!** Das Volk ist ja mündig geworden!
 Christkind.
Willst eingehn du zum Himmelreich,
Mußt du den Kindern werden gleich;
Laß ein mich; Weisheit bring ich dir,
Die Niemand findet, denn bei mir.

[8]

 Säculum.
An Himmelreich und Ewigkeit
Zu denken hab ich keine Zeit;** Verstehe: Das 19. Jahrh. hat höhere Aufgaben: Cultur, Industrie!
Und Weisheit, die auf Erden frommt,
In Kinderschuhen schwerlich kommt.** Die göttliche Weisheit, deren Anfang Gottesfurcht ist, hat es mit den Kinderschuhen ausgetreten.
 Christkind.
Mit Schätzen reich beladen steh’
Ich hier und dich um Einlaß fleh’;
Nach ihnen graben Diebe nie,
Noch fressen Rost und Motten sie.
 Säculum.
Nun, was nicht Rost und Motte frißt,
Auch uns wol acceptabel** annehmbar. ist;
Doch wenn den Schatz kein Dieb begehrt,
Ist er wol kaum viel Groschen werth.** So redet das ungläubige Geldprozentum von den Gnadenschätzen.
 Christkind.
Blick auf das Kreuz, das ich auf mich
Zu nehmen bin bereit für dich;
Es tilgt die Schuld, die dich bedrückt,
Und du wirst schuldfrei und beglückt.
 Säculum.
Von „Schulden“ nichts im Buch ich find’,** Von Sündenschulden weiß das Jahrhundert der „Aufklärung“ nichts, und was Geldschulden anbelangt, da haben wir ja die Milliarden!
* solvent, d. i. zalungsfähig.

Ich bin solvent,* wie wenige sind;
Und ist ein Kreuz von Werth an sich,
Trag ichs als Ordenskreuz für mich.
 Christkind.
Ich zieh als König bei dir ein,
Und meiner Krone Schmuck ist dein;
Was hier als Dorn sich in sie flicht,
Wird dort zum Strahl vom ew’gen Licht.
 Säculum.
Von „dort“ steht nichts in meinem Buch,** Merk wol! den großen Unverstand in geistlichen Dingen, den Säculum hier und [9] im obigen Vers kund thut, wird es wol der Communalschule zu verdanken haben.
Und „Dornen“ gelten hier als Fluch,
Ja auch der „Kronen“ sind wir satt,
Zumal wenn eine Dornen hat.

[9]

 Christkind.
Mein Reich ist nicht von dieser Welt;
Wol dem, dem diese Welt mißfällt,
Der mich in seines Herzens Schrein
Als König läßt und Herrscher ein!
 Säculum.
Was dies betrifft, so bin für mich
Mit dieser Welt zufrieden ich;
Mein Wille ist mein Himmelreich,
Gehts dem nach, ist mir alles gleich.** Dazu brauchs keine Glosse
 Christkind.
Doch als dein Richter steh ich hier
Und bitte: Stoß mich nicht von dir;
Willst du nicht kommen ins Gericht,
So weigre jetzt dich meiner nicht.
 Säculum.
Nein, hört, was mir das Kind da sagt,
Ich vor’s Gericht und unverklagt!** Ist freilich arg im Jahrhundert des „Rechtsstaats!“
Ein Kind, das sich da Richter nennt,
Und nicht das corpus juris** Ist das große Gesetzbuch von der Römer Zeiten her, aus dem die Juristen ihre Rechtsgelehrsamkeit schöpfen. kennt.
 Christkind.
Mich hat zum Richter der bestallt,
Der aller Dinge hat Gewalt;
So du nicht thust nach meinem Wort,
Bist du gerichtet hier und dort.
 Säculum.
Mag sein, daß dir es wär bequem,
Den Willen thun und weißt nicht wem?
Zeig mir erst Siegel und Dekret,
Wie’s denn mit deiner Vollmacht steht?
 Christkind.
Was mich bezeugt, ist eine Kraft,
Die Tod bezwingt und Leben schafft;
Doch nur wer meinen Willen thut,
Erfährt des Willens Werth und Gut.

[10]

 Säculum.
Da redest du gleich einem Kind,
Das da gehorsamt kindlich blind;
Ich nehme dann erst Arzenei,
Weiß ich, daß sie auch wirksam sei.
 Christkind.
Ach Aermster, da blickt doch der Thor
Aus deiner Weisheit recht hervor!
Was weißt du denn vom Elixir,
Obs wirke, nimmst du’s nicht zu dir?
 Säculum.
Und möchte so dem allem sein,
Mir geht der blinde Glaub nicht ein;
Und nennst du immerhin mich dumm,
Aus mir spricht doch das Säculum!* Das ist’s! Darum gilt in unserer Zeit oft der bare Unsinn als lauter Weisheit. Lassen wirs laufen das Säculum mit seinem Weisheitssäckel und hören, was uns das Christkind weiter sagt.
 (Geht ab)
 Christkind.
Ja wol, so spricht das Säculum,
Behängt mit Weisheit um und um;
Und doch wie ein verwildert Kind,
Krank, elend, arm und taub und blind.

An deine Thür der Finger pocht,
Dem du zu öffnen nicht vermocht,
Weil für der freien Gnade Schein
Du nichts hat als ein Herz von Stein.

Doch schüttle ich vom Fuß den Staub,
Und laß dein Herz dir selbst zum Raub,
Hab acht, hab acht der langen Nacht,
In welcher dir kein Lichtstrahl lacht!

Mein Kindsein bringt nicht Heil noch Glück,
Sehnst du nicht Kindesart zurück;
Mein Armsein achtest du nicht groß,
Fühlst du nicht selbst dich arm und bloß.

Die Weisheit mein dünkt nie dir Licht,
Kennst du dich selbst als Thoren nicht;
Mein Reichtum höchlich dir mißfällt,
Fühlst du dich reich in dieser Welt.

[11]

Mein Kreuz ein Schrecken ist für den,
Der nichts von eigner Schuld will sehn,
Mein Königtum macht niemand frei,
Der nicht weiß, welch ein Sklav er sei.

Was meine Dornenkron’ besag’,
Der Welt ihr Haß selbst sagen mag;
Will sie den Richter scheuen nicht,
Geh sie mit sich ins Selbstgericht.

Dem freilich dünkt Gehorsam schlecht,
Der seines Willens Narr und Knecht;
Und der Arznei weiß niemand Dank,
Fühlt er sich nicht zum Tode krank.

Der weiß dann, daß sie nicht erquickt,
Bevor man vor sich selbst erschrickt
Und zu dem Arzt in tiefem Schmerz
Nichts bringt als ein zerschlagen Herz.

Dies fehlt dir, arme, arme Zeit,
Voll Selbstlob und Hoffärtigkeit:
Du fühlst nicht, wes du dürftig bist,
Bis daß zermalmt dein Hochmut ist.

Drum an die Thüre pocht mit Wucht
Ein Finger, den du nicht gesucht;
In Wetterwolken fährt einher,
Der gerne dein Erbarmer wär’.

Es braust die Flut, der Sturm tobt laut
Ums Haus, das du auf Sand gebaut;
Sieh, ob die Säulen du hältst fest,
Wenn Gott die Blitze schmettern läßt!

Es muß ja brechen, brechen muß
Erst deiner Götzen morscher Fuß,
Eh deiner Lippen Selbstlob schweigt,
Und sich dein Haupt zum Staube neigt.

Wenn bricht, was du als Halt geschaut,
Wenn stürzt, worauf du stolz gebaut,
Wenn fällt das eitle Stützwerk dein,
Dann habe acht! dein Herr zieht ein.

[12]

Und dünkt dir fremd der Weihnachtsgruß,
Denk an den Herrn, der seinen Fuß
In tiefen Wassern haben will,** Ps. 69, 3.
Beugt er die Welt und macht sie still.

Geniedrigt muß die Höhe sein,
Erhöht, was niedrig ist und klein,
Wenn irgendwo der Herr, der kommt,
Mit seinem Einzug wahrhaft frommt.




Das ist die Predigt an die Zeit,
Ein Donnerruf der Ewigkeit!
Nur dem, des Herz in sich ist bang,
Vom Himmel her ein Friedensklang.




Druck von Rackl und Lochner in Augsburg.