Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Weinhofer, Joseph
Band: 54 (1886), ab Seite: 45. (Quelle)
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Weinhold, Karl (Sprachforscher, geb. zu Reichenbach in Schlesien am 26. October 1823). Nachdem er von seinem Vater, welcher evangelischer Oberprediger zu Reichenbach war, den ersten Unterricht daselbst erhalten hatte, besuchte er das Gymnasium zu Schweidnitz. Zu Ostern 1842 ließ er sich an der Universität Breslau in die evangelisch-theologische Facultät einschreiben, widmete sich aber unter Fr. Haase, Stenzler und Theodor Jacoby ausschließlich der Philologie. Dem Letzteren verdankte er die Anleitung zu den germanistischen Studien. Ostern 1845 begab er sich nach Berlin, wo er unter anderen die Vorträge Lachmann’s hörte. Im Jänner 1846 machte er zu Halle sein philosophisches Doctorexamen und behandelte in der Dissertationsschrift die „Völuspa“. Darauf kehrte er nach Reichenbach ins elterliche Haus zurück, wo er sich mit sprachlichen Forschungen, vorzüglich über den schlesischen Dialekt beschäftigte und Volksüberlieferungen sammelte. Im April 1847 habilitirte er sich an Emil Sommer’s Stelle in Halle für deutsche Sprache und Literatur. Von da kam er nach zweijähriger Thätigkeit, Ostern 1849, nach Breslau als außerordentlicher Professor und Nachfolger seines 1848 verstorbenen Lehrers Theodor Jacoby. Um diese Zeit fanden in Oesterreich unter Minister Thun die Reformen im Unterrichtswesen statt, anläßlich welcher bei dem Mangel an geeigneten heimischen Kräften die besten des Auslandes, soweit man deren habhaft werden konnte, berufen wurden. So erhielt denn auch Weinhold die Berufung als ordentlicher Professor an die Jagiellonische Universität in Krakau, welche damals eine ganz polnische Anstalt war. An derselben wirkte er als der einzige deutsch vortragende Lehrer. Doch wurde er schon Ostern 1851 auf seinen Wunsch an die deutsche Hochschule in Gratz versetzt, an welcher er durch volle zehn Jahre, bis zum Herbst 1861, verblieb. Berufungen nach Wien und Prag, die an ihn ergingen, glaubte er ablehnen zu sollen, da an den Hochschulen daselbst die Protestanten von den akademischen Ehrenämtern ausgeschlossen waren, und so nahm er nach längerem Schwanken zum Leidwesen der Gratzer Hochschule, zu deren Zierden er zählte, im Herbst 1861 einen Ruf an die Universität Kiel an. Seine einjährige Wirksamkeit in Krakau an der Jagiellonischen und seine zehnjährige in Gratz an der Karl Franz-Universität, wozu sich mehrere gelehrte Arbeiten gesellen, umfaßt seine Thätigkeit in Oesterreich. Mittlerweile war er von der philosophisch-historischen Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 1854 zum correspondirenden Mitgliede erwählt, am 5. August desselben Jahres als solches bestätigt und am 26. Jänner 1860 von Seiner Majestät zum wirklichen Mitgliede ernannt worden. Nach seinem Abgange aus Gratz erfolgte seine Versetzung aus dem Stande der wirklichen Akademiemitglieder in den der correspondirenden der philosophisch-historischen Classe im Auslande. Wir werfen nun einen Blick auf Weinhold’s schriftstellerische Wirksamkeit, die sich sowohl in mehreren selbständigen Werken als in verschiedenen in gelehrten Fachblättern abgedruckten Abhandlungen kundgibt. Selbständig sind erschienen: „Die deutschen Frauen in dem Mittelalter. Ein Beitrag zu den Hausalterthümern [46] der Germanen“ (Wien 1851, Gerold, gr. 8°., VIII und 498 S.); – „Mittelhochdeutsches Lesebuch. Mit einer Laut- und Formenlehre des Mittelhochdeutschen und einem Wortverzeichnisse“ (ebd. 1851, Gerold, gr. 8°., VIII und 190 S.; 2. Aufl. ebd. 1862, Braumüller, gr. 8°., VII und 286 S.; 3. durchges. Aufl. 1875, IV und 277 S.); – „Weihnacht-Spiele und Lieder aus Süddeutschland und Schlesien. Mit einer Musikbeilage“ (Gratz 1853, Damian und Sorge, VIII und 456 S.; neue Titelausgabe ebd. 1876, Leuschner; neue Ausgabe Wien 1875, Braumüller); – „Altnordisches Leben“ (1856); – „Ueber Graf Hugo von Montfort“ (Gratz 1857); – „Ueber den Antheil Steiermarks an der deutschen Dichtkunst des 13. Jahrhunderts. Ein Vortrag, gehalten in der feierlichen Sitzung der kais. Akademie der Wissenschaften am 30. Mai 1860“ (Wien 1860, gr. 8°., 35 S ); – „Grabalterthümer aus Klein-Glein“ (1861); – „Ueber die deutsche Jahrtheilung. Rede zur Feier des Geburtstages S. Maj. des Königs Frederik VII. an der Christian Albrechts-Universität am 6. October 1862 gehalten“ (Kiel 1862, gr. 4°., 20 S.); – „Martin Opitz von Bobertfeld. Ein Vortrag in der Harmonie zu Kiel am 15. Februar 1862“ (Kiel 1862, Hamann, gr. 8°., 31 S.); – „Grammatik der deutschen Mundarten“ 1. Theil auch unter dem Titel: „Alemannische Grammatik“ (Berlin 1863, Dümmler, gr. 8°., XIX und 477 S.); – „Grammatik der deutschen Mundarten“ 2. Theil auch unter dem Titel: „Bayrische Grammatik“ (Berlin 1867, Dümmler, gr. 8°., VIII und 394 S.); – „Heinrich Christian Boie[WS 1]. Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert“ (Halle 1868, Buchhandlung des Waisenhauses, gr. 8°., X und 389 S.); – „Die gotische Sprache im Dienste des Christenthums“ Festschrift (ebd. 1870, Buchhandlung des Waisenhauses, gr. 8°., 38 S.); – „Die deutsche geistige Bewegung vor 100 Jahren. Rede zur Feier des Geburtstages S. Maj. des deutschen Kaisers, Königs von Preussen, Wilhelm I.“ (Kiel 1873, gr. 4°., 17 S.); – „Die Sprache in Wilh. Wackernagel’s altdeutschen Predigten und Gebeten“ (Basel 1875, Schweighauser, gr. 8°., 73 S.). In gelehrten Fachblättern veröffentlichte er, und zwar in den Sitzungsberichten der Akademie der Wissenschaften philosophisch-historischer Classe: „Beiträge zu einem schlesischen Wörterbuche“ [Bd. XIV, Anhang 1–55; Bd. XVI, Anhang 59–110]; – „Die Riesen des germanischen Mythus“ [XXVI, 225–306]; – „Die heidnische Todtenbestattung in Deutschland“ 1. und 2. Abthlg. mit 5 Tafeln [XXIX, 117– 304; XXX, 171–226]; – „Ueber den Beilaut mit besonderer Rücksicht auf den alemannischen Vocalismus“ [XXXV, 132–148]; – „Der Minnesänger von Stadeck und sein Geschlecht“ [XXXV, 152–186]; – „Die Polargegenden Europas nach den Vorstellungen des deutschen Mittelalters“ [LXVIII, 783–808]; sämmtliche der vorbenannten in den Sitzungsberichten befindlichen Abhandlungen sind auch in Sonderdrucken erschienen, die meisten derselben aber vergriffen. In Haupt’s Zeitschrift für deutsches Alterthum: „Die Sagen von Loki“ [Bd. 7]. In der Bibliothek der ältesten deutschen Literaturdenkmäler: „Die ältesten Bruchstücke des Tractates des Bischofs Isidorus von Sevilla de fide catholica contra Judaeos“ und in der Zeitschrift für österreichische Gymnasien: „Ueber deutsche Rechtschreibung“ [1852, 2. Heft]. Weinhold zählt zu den hervorragendsten Germanisten der Gegenwart, der ebenso gründlich auf dem Gebiete [47] der sprachlichen Theorie, als lebensfrisch und anziehend auf culturhistorischem Gebiete schreibt. Seine „Deutschen Frauen im Mittelalter“, wie sein „Altnordisches Leben“ sind zwei Capitalschriften, in welchen dieser deutsche Gelehrte mit gründlicher Forschung anziehende Darstellung zu verbinden versteht. Führt uns erstere in das Familien- und gesellschaftliche Leben der alten Germanen ein, so greift das zweite Werk in eine Zeit zurück, welche uns erst durch die Entdeckung der Pfahlbauten näher gerückt, und erhellt manches Dunkel, löst Widersprüche, über welche bei der Verschiedenheit der über diesen Punkt aufgeworfenen Ansichten nur schwer hinüberzukommen ist. Wohl erregte in dieser Schrift ein Angriff auf die Züchtigkeit des weiblichen Geschlechtes in Steiermark den Unwillen eines Steiermärkers, der diesem in der Brunner’schen „Wiener Kirchenzeitung“ 1856, Nr. 59 in einer geharnischten Philippica Luft machte, ohne jedoch den literarischen Werth der Arbeit Weinhold’s zu verringern. Auch in seiner Abhandlung über die heidnische Todtenbestattung in Deutschland verarbeitet er einen reichen Stoff zum ersten Male, kommt aber nach reiflicher Ueberlegung dahin, eine im „Altnordischen Leben“ aufgestellte Ansicht, daß die Finnen die Errichter der Hunnengräber seien, zurückzunehmen. Es spricht dieser Umstand ganz zu Gunsten des gelehrten Forschers, der weit entfernt ist, an einer einmal ausgesprochenen Ansicht hartnäckig festzuhalten und nur aus Besorgniß, etwas von seinem literarischen Ruhme einzubüßen, wenn er einfach zugesteht, sich geirrt zu haben. In den beiden größeren Abhandlungen: „Die Sagen von Loki“ und „Die Riesen im germanischen Mythus“ führen unseren Gelehrten auf das bisher oft geradezu durch die lächerlichsten Uebertreibungen verdunkelte Gebiet der nordischen Mythologie, in welchem er mit sicherer Hand Mythe und Allegorie voneinander scheidet und den Gegenstand in klarer und allgemein verständlicher Weise erörtert. Seine „Weihnacht-Spiele und Lieder aus Süddeutschland und Schlesien“ riefen durch ihren anregenden Stoff bereits eine nicht unbeträchtliche Literatur hervor. Seine literarhistorischen Arbeiten über Martin Opitz, Heinrich Christian Boie[WS 1], den Minnesänger von Stadeck, Graf Hugo von Montfort zeigen ihn auch auf diesem Gebiete als gewissenhaften ruhigen Forscher. Mit seiner Abhandlung „Ueber deutsche Rechtschreibung“ regte er einen schriftenreichen, noch heute nicht beendigten Streit über die Orthographie an, der wohl zum abklärenden Schlusse führen wird. So ist er als Germanist, als Cultur- und Literarhistoriker einer von jenen Gelehrten Deutschlands, die wesentlich zur Kenntniß und Klärung der Ansichten über deutsche Cultur und deutschen Brauch in vergangener Zeit beigetragen. Außer der Wiener Akademie wählten ihn auch andere gelehrte Gesellschaften zum Ehren- oder Ausschußmitglied: er ist Mitglied des Gelehrtenausschusses am germanischen Museum zu Nürnberg, Ehrenmitglied der historisch-statistischen Section des mährisch-schlesischen Vereines für Landeskunde, Ausschußmitglied des historischen Vereines für Steiermark, correspondirendes Mitglied des Vereines für siebenbürgische Landeskunde in Hermannstadt u. a. m. Im August 1850 hat sich Weinhold mit Anna Ellger, einer geborenen Breslauerin, vermält.

Bornmüller (Fr.). Biographisches Schriftsteller-Lexikon der Gegenwart. Die bekanntesten [48] Zeitgenossen auf dem Gebiete der Nationalliteratur aller Völker mit Angabe ihrer Werke (Leipzig 1882, Verlag des bibliogr. Instituts. br. S. 739.
Porträts. 1) Unterschrift: „Neuere Germanisten 7. Karl Weinhold“. Holzschnitt in der Leipziger „Illustrirten Zeitung“ 51. Bd. (1868) S. 97. – 2) Unterschrift: Facsimile des Namenszuges: „Dr. Karl Weinhold“. Dauthage (lith.) 1860. Gedr. bei Jos. Stoufs (Wien, Fol.).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. a b Vorlage: Hermann Christian Boie.