BLKÖ:Weiß, Johann Baptist

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 54 (1886), ab Seite: 111. (Quelle)
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Weiß, Johann Baptist (Geschichtschreiber, geb. zu Ettenheim, einem Städtchen im Breisgau im heutigen Baden, am 17. Juli 1820). Ein Sohn schlichter Landleute, die eben ihr Auskommen, das heißt, so viel Feld, Reben und Wiesen hatten, als zu einer anständigen Haushaltung nothwendig ist, wurde er schon als Knabe mit den Ereignissen der französischen Revolution bekannt: denn nach Ettenheim, welches nicht nur [112] nicht allzu fern von der französischen Grenze liegt, sondern auch zum Bisthum Straßburg gehörte, zog sich einst Cardinal Rohan, nach der berüchtigten Halsbandgeschichte vom Hofe verbannt, zurück und dort hielt sich auch der unglückliche Herzog von Enghien auf, bis Napoleon ihn abfangen und nach Vincennes bringen ließ. Auch kam der Cardinal, der übrigens in Ettenheim bald beliebt wurde, hin und wieder in das Haus der Großeltern unseres Weiß, Alles Momente, welche die Erinnerungen an eine so ereigniß- und folgenreiche Zeit, wie es die der französischen Revolution war, leicht wachriefen und, nachdem sich noch Lecture hinzugesellte, bleibende Eindrücke im Knaben hinterließen. Johann Baptist sollte auch Landmann werden, wie es sein Vater war, und so weit zurück man denken konnte, seine Vorfahren gewesen. Er fügte sich auch ganz gut darein und half frühzeitig dem Vater bei der schweren Arbeit im Felde und im Weinberg. Dabei herrschte im Elternhause ein christlich frommer Ton, wie es in jenen Tagen Brauch war und auch heute beim Landmann ziemlich oft vorkommt. Zur Erholung horchte er aber aus die Geschichten, welche ihm die Mutter, eine ebenso fromme als herzensgute Frau, von Robinson und Andern erzählte, wobei es an gründlicher Rührung seinerseits nicht fehlte. Wenn er nicht die Schule besuchte, arbeitete er von Früh- bis Spätjahr in Feld und Wald. Bei dieser Beschäftigung lernte er die Volkssagen des daran reichen Landes frühzeitig kennen; aber noch ein Anderes machte tiefen Eindruck auf den Knaben: das von dem Freiherrn von Seida und Landsberg herausgegebene „Denkbuch der französischen Revolution vom ersten Aufruhr in der Vorstadt St. Antoine (28. April 1789) bis zum Todestage Ludwigs XVI. (21. Jänner 1793)“, welches er stückweise von dem Sohne einer vormals reichen, nun herabgekommenen Familie, Bogen und Bild für etliche Kreuzer kaufte und in den Mußestunden gierig las. Dabei verschmähte der wißbegierige Junge aber andere Lecture nicht, so z. B. die altdeutschen Volksbücher, die herrlichen Erzählungen von Christoph Schmid u. d. m. Unter solchen Umständen reifte des Knaben Gemüth, seine Kenntnisse wuchsen spielend, und in der Schule nahm er in den Stylaufgaben bald die erste Stelle ein. Doch würde der Gedanke, den Knaben studiren zu lassen, kaum im Elternhause entstanden sein, wenn nicht ein Phrenolog, der dasselbe zu besuchen pflegte, bei seiner Gewohnheit, den Schädel des Knaben zu betasten, immer wieder ausgerufen hätte: „den Knaben muß man studiren lassen!“ Das war freilich ein großes Verlangen, ein umso größeres, als in Ettenheim selbst kein Gymnasium vorhanden und der Besuch einer auswärtigen Schule mit großen, für die Familie unerschwinglichen Kosten verbunden war. Nun aber, dieser ewige Refrain wirkte. Der nächste Ort, wo ein Gymnasium sich befand, war das sechs Stunden entfernte Offenburg. Und mit dem Entschlusse des Vaters, es mit einem Jahre zu versuchen, kam Johannes dahin, als er das 12. Lebensjahr überschritten hatte. Nachdem er das Heimweh, welches sich einstellte, überwunden, ging es ans Lernen. Mit dem Latein aber wollte es nicht vorwärts, und das Zeugniß lautete wenig befriedigend. Darüber erwachte der Ehrgeiz des Knaben in fast elementarer Weise, mit eisernem Fleiße studirte er die Grammatik, lernte die lateinischen Beispiele aus dem [113] damals beliebten Bröder und rang sich in den Stylübungen alsbald zum Zweiten, zuletzt zum Ersten empor. Bei der Prüfung im Herbst trug er den Preis davon. Der Sieg war errungen und die Fortsetzung des Studiums gesichert. Aber dasselbe erfuhr durch den plötzlichen Tod des Vaters für den Moment eine Unterbrechung. Weiß wurde heimberufen, wo er den Vater nur mehr als Leiche vorfand. Bei dem nach der Beerdigung abgehaltenen Familienrathe erklärte die Mutter unter Thränen, auf die vielen Kinder weisend, außer Stande zu sein, das zum ferneren Studiren erforderliche Geld zu liefern; ja sie verlangte sogar, daß der erwachsene Sohn daheim bleibe und ihr bei der Arbeit helfe. Dieser, von der Hilflosigkeit der Mutter ergriffen, beschloß nun selbst, daheim zu bleiben, bat aber, seine in der Schule benützten Bücher behalten zu dürfen, was ihm auch gern bewilligt wurde. Als aber die Nachbarn zu reden begannen und der Mutter vorstellten, daß sie unrecht thue, ihren Sohn dem Studium zu entziehen, nach dessen Vollendung er ihr doch weit mehr nützen könne, als wenn er ein Bauer bliebe, und als betreffs des Kostenpunktes, den sie immer noch vorschützte, der Sohn erklärte, er wolle keinen Kreuzer von ihr haben, er werde sich selbst durchschlagen, gab sie endlich nach, und nach Monatsfrist kehrte er nach Offenburg zurück, wo er sich durch Stundengeben, wenn auch mühselig genug, fortbrachte. An Entbehrungen aller Art fehlte es nicht, er litt Hunger und Kälte, auch manche Demüthigungen, aber über Alles hoben ihn ernster Wille, Zuversicht und Gottvertrauen hinweg; er rang sich durch alles Ungemach. Er machte gute Fortschritte. Die Methode, den Jungen Latein und Griechisch beizubringen, war damals eine weit bessere als heutzutage, wo dieselben mit abstracten grammaticalischen Kleinigkeiten geplagt werden, welche, statt zur Erlernung der Sprache anzuspornen, davon abschrecken. Die Liebe zu den Classikern wurde geweckt, indem man die armen Jungen nicht mit Realien erdrückte, nicht mit mathematischen Sublimitäten plagte, ehe sie für dergleichen überhaupt reif waren. Multum, non multa galt damals als pädagogische – einzig richtige – Losung. Denn gewiß ist es, daß Knaben, welche die Classiker durchgemacht haben, zur Auffassung der Realien in späteren Jahren sich ungleich fähiger zeigen. Als Weiß 1838 – damals ein 18jähriger Jüngling – als erster Preisträger Offenburg verließ, hatte er bereits die Aeneide Virgil’s, den ganzen Horaz, den ganzen Herodot, den ganzen Livius gelesen, welch’ Letzterer einen ungewöhnlichen Zauber auf ihn übte; dabei hatte er französisch sprechen und einige französische Hauptwerke: so den „Telemach“, die Fabeln Lafontaine’s, die Fabeln und Erzählungen Florian’s, Voltaire’s „Henriade“ und „Karl XII.“, im Englischen den Roman „Der Vicar von Wakefield“ kennen gelernt und übersetzte im Hebräischen das ganze Lesebuch des Gesenius. Nun bezog er das Obergymnasium in Freiburg, wo ihn der tüchtige Philolog Baumstark in das Studium des Tacitus einführte. Da kam auch die Kritik zu ihrem Recht, die Dialoge Plato’s wurden durchgearbeitet, und Weiß galt in der Schule für den besten lateinischen Stylisten. Beim Schlußacte hielt er über Plato’s Beweise für die Unsterblichkeit der Seele eine lateinische Rede, mit welcher er großen Beifall erntete. Jetzt warf er sich mit Leidenschaft auf die Philosophie: Kant, [114] Fichte, Schelling, Hegel folgten aufeinander, und in des Letzteren Phänomenologie des Geistes fand er das Um und Auf seiner philosophischen Genüsse. Aber die Frage der Berufswahl trat endlich an ihn heran, und je mehr er im Labyrinthe des Wissens Umschau hielt, um so schwieriger wurde ihm die Lösung. Zunächst wollte er noch Medicin und Rechtswissenschaft studiren, insbesondere lockte ihn der Beruf des Arztes und Naturforschers, und dann nahm er eine Reise nach Brasilien in Aussicht, welches Land gerade damals auf der Tagesordnung stand. Die Mutter wieder – nach Sitte aller ländlichen Mütter – wünschte nichts sehnlicher, als daß ihr Sohn Priester werde. Dieser letztere Wunsch gab vorderhand den Ausschlag in der Wahl. Zu jener Zeit wurde in Freiburg Theologie als höchste Philosophie, aber in positiver Form gelehrt. So ging er denn dahin. Vor Allen zog ihn Staudenmaier an, einer der gründlichsten Kenner der neueren philosophischen Literatur, dann hörte er theologische Collegien und das Arabische, bei Hug die Vorträge zur Einleitung in das alte und neue Testament, bei Hirscher Moral; so gingen ihm die Jahre unter eindringlichen und fesselnden Studien dahin. Jetzt stand der Eintritt ins Priesterseminar bevor, aber noch hielt er sich nicht für reif genug, um in das praktische Leben zu treten; er fand noch manche Lücke in seinem Wissen, die es auszufüllen galt. So ging er denn für ein Semester nach Tübingen, wo er bei Kuhn Dogmatik, bei Hefele neuere Kirchengeschichte, bei dem jüngeren Fichte Ethik, bei Vischer Aesthetik, bei Tafel Philologie hörte und noch Ewald’s Vorlesungen über die Genesis besuchte. Für das Sommersemester wählte er Heidelberg, um Schlosser zu hören, und dann ging er nach München, um Kunstgeschichte zu studiren. Daselbst belegte er Collegien bei Thiersch für Philologie und Aesthetik, und die Wallfahrten in die Pinakothek und Glyptothek mit seinem Meister, welcher dort Vorträge über Statuen und Gemälde hielt, eröffneten ihm die Welt des Schönen in ungeahnter Weise, dabei wurde über die Kunst der Alten Winckelmann studirt, bei Hanneberg aber ein Privatissimum über Talmud genommen. Nun ließ sich die Frage über die Berufswahl nicht länger zurückdrängen; denn sein Vorhaben, vorher noch die Universität in Berlin zu besuchen, erfuhr eine negative Erledigung, da derjenige, der ihm die Mittel zur Ausführung dieses Planes geben sollte, plötzlich dahinstarb. Ein Antrag, das Lehramt der französischen und englischen Sprache an der Realschule in Freiburg zu übernehmen, wo er mit gutem Gehalt 18 Stunden wöchentlich zu lehren hatte, half ihm über die Entscheidung hinweg. Er nahm an. Wir waren etwas ausführlicher in der Darstellung seines Bildungsganges, weil wir darin den Schlüssel finden für seine spätere Entwickelung zum Historiker, da alle seine Studien über classisches Alterthum, über den Orient, über Theologie und Philosophie, über Kunst und neue Literatur als die auseinander gehenden Strahlen einer Sonne in der Geschichte sozusagen in einem Brennpunkt zusammenliefen. In seiner Stellung fand Weiß Zeit, sich auf das Examen der Philologie vorzubereiten, das er im Spätherbste 1845 aus dem ganzen Gebiete der classischen Philologie in Karlsruhe mit glänzendem Erfolge ablegte. Dann unterzog er sich noch den Prüfungen aus dem hebräischen Testamente, aus der französischen [115] und englischen Sprache. In Karlsruhe aber ward ihm von Christ, dem Referenten über die badischen Universitäten, mitgetheilt, es sei Wunsch der Regierung, daß er sich der akademischen Laufbahn widme, und zwar aus dem Fache der Geschichte an der Universität Freiburg. Durch die trefflich bestandenen Prüfungen war man auf den jungen strebsamen Mann aufmerksam geworden. Nun, so sehr auch dieser Antrag mit den Wünschen des Gelehrten zusammenstimmte, so mußte derselbe ihn doch wegen Unzulänglichkeit seiner pecuniären Mittel ablehnen. Darauf erwiderte der Referent: daß die Regierung geneigt sei, Weiß ein Jahrgehalt von 600 fl. zu bewilligen, dafür solle er in Freiburg Weltgeschichte lesen, und wenn er dann noch durch ein Werk seine wissenschaftliche Tüchtigkeit bethätige, werde auch seine Ernennung zum Professor erfolgen. Nun, das war denn doch ein Anerbieten, das sich hören ließ, und Weiß ging nach Freiburg. Aber er hatte nicht an den an Hochschulen herrschenden Zunftgeist gedacht. Man ließ ihn nicht vorlesen. Die Universität hielt steif auf ihr Recht, daß die Regierung nur aus einem ihr unterbreiteten Ternavorschlage wählen dürfe. Dazu kam, daß Weiß noch nicht die Doctorwürde besaß und nicht habilitirt war. Indessen bestand die Regierung auf ihrem Rechte, doch mußte Weiß die Doctorwürde erlangen und sich habilitiren. Erstere erwarb er mit einer übrigens noch nicht gedruckten Abhandlung über die Philosophie des Leibnitz, dann habilitirte er sich mit der in der Freiburger theologischen Zeitschrift 1846 erschienenen Abhandlung: „Geschichte der Geschichtsphilosophie“. Nun lag seinem Antritte des Lehramtes nichts mehr im Wege, und er las über alte und neuere Geschichte bis 1853. Zwischendurch war er auch wissenschaftlich thätig und veröffentlichte die „Geschichte Alfreds des Grossen“ (Schaffhausen 1852, Hurter, gr. 8°., X und 384 S. und Anhang 47 S.), welche von der Kritik sehr gut aufgenommen wurde. Die „Allgemeine Zeitung“ bezeichnete in einem längeren Artikel in ihrer Beilage (Frühjahr 1853) das Werk als die beste Arbeit über den berühmten König. Auch den großen politischen Ereignissen, welche sich innerhalb dieser Zeit, 1846–1853, abspielten, stand Weiß nicht als unbetheiligter Zuschauer gegenüber. Im Gegentheil, er bekannte offen Farbe und stellte sich 1848 auf Seite der Conservativen. Als dann im folgenden Jahre aus Freiburg eine Adresse nach Frankfurt abging zu Gunsten des preußischen Kaiserthums, entwarf er eine Gegenadresse zu Gunsten Oesterreichs, ohne welches er sich kein Deutschland denken mochte. Sollte der große Kaiserstaat, der so oft Deutschlands Schild gegen Osten war, dessen Söhne sich so oft und ruhmvoll für die deutsche Sache und noch zuletzt in den Befreiungskriegen gegen den Erbfeind Deutschlands geschlagen, von Deutschland ausgeschlossen sein? Diese in der Adresse ausgesprochene Auffassung ging, mit viel mehr Unterschriften versehen, als die erstere aufzuweisen hatte, nach Frankfurt ab. Wenn sich damals Weiß nicht so, wie es ihn drängte, literarischem Schaffen hingab, so lag ein Hauptgrund darin, daß er dem ihm befreundeten Bürgermeister von Freiburg zuliebe im Sommer 1850 die Redaction des Regierungsblattes übernommen hatte. Weiß’ Einwurf: „daß er doch ein Großdeutscher, die Zeitung aber kleindeutsch sei“ widerlegte der Bürgermeister mit dem kurzen Einwand: „Gerade deshalb [116] möchten wir Sie zum Redacteur.“ Nun nahm Weiß den Antrag um so lieber an, als ihm sehr vortheilhafte Honorarbedingungen geboten wurden. Die Redactionsgeschäfte aber, verbunden mit seinem Lehramt, ließen ihm zu schriftstellerischem Schaffen keine Zeit. Das Blatt unter seiner Leitung gedieh. Da kam im Jahre 1852 der Kirchenstreit, dem er sich als Publicist doch nicht entziehen konnte. Weiß, der die Redaction übernommen, aber sich nicht verpflichtet hatte, sie im Sinne der Regierung zu leiten, sondern überhaupt im Blatte nur die Wahrheit zu sagen, stand unbeirrt auf der Seite des Erzbischofs, der ihm im Rechte zu sein schien. Wie bekannt, wurde der Streit sehr hitzig. Ein Artikel nun, der zwar sehr würdevoll von dem verstorbenen Landesfürsten, aber doch entschieden für das Recht des Erzbischofs sprach, und welchen Weiß, weil er darin seine eigene Ansicht ausgesprochen fand, anstandslos ins Blatt aufnahm, stieß dem Fasse den Boden aus. Der damalig badische Minister Marschall verlangte nun von dem Freiburger Gemeinderathe, daß der Redacteur sofort entfernt werde. Der Bürgermeister zeigte Letzterem das ministerielle Schreiben. Weiß, der unter keiner Bedingung der Stadt Ungelegenheiten bereiten wollte, versicherte, noch am nämlichen Tage seinen Rücktritt von der Redaction anzuzeigen. und da er sich von dem Schreiben des Ministers eine Abschrift erbeten hatte, veröffentlichte er dasselbe zugleich mit seiner Austrittserklärung am Kopfe der Zeitung. Nun aber war es um ihn geschehen. Der Minister ließ Weiß das Gehalt an der Universität streichen, was freilich ganz in seinem Belieben stand, da derselbe ja noch nicht Professor war, und dann ward ein altanhängiger Preßproceß wieder hervorgesucht. Während nämlich Weiß auf einer kurzen Ferienreise abwesend war, nahm man aus der Feder eines alten vertrauten Mitarbeiters, dessen Berichte nie beanständet wurden, eine Correspondenz, welche eine scharfe Beurtheilung der badischen Beamten vor, während und nach der Revolution enthielt, in das Blatt auf. Da er den Verfasser nicht nannte und sich für den Artikel haftbar erklärte, so traf ihn auch die Verurtheilung, die auf eine Geldstrafe und acht Tage Gefängniß lautete. Er appellirte wohl, doch ohne Erfolg; Begnadigung ward ihm in Aussicht gestellt, wenn er solche ansuchte. Dies widerstrebte ihm, und so zahlte er denn jetzt das Strafgeld und die Kosten des Processes und saß die Haft ab, die freilich weniger einer solchen als einer Reihe von Festgelagen ähnlich sah. Den mittlerweile an ihn gelangten Antrag einer Mitredaction ein einem mitteldeutschen Blatte lehnte er ab, weil er an dem Redactionsmisère eines amtlichen Blattes genug hatte und entschlossen war, zu seinen historischen Arbeiten und Studien zurückzukehren. Während seines Aufenthaltes in Freiburg war Weiß mit dem kaiserlich österreichischen Gesandten v. Philippsberg bekannt geworden. Dieser hatte an dem Buche: „Alfred der Große“ Gefallen gefunden. Als Beide wieder zusammentrafen, erzählte Weiß dem Gesandten von seiner augenblicklichen Lage und wie wenig Hoffnung er habe, in Baden je zu einer passenden Stellung zu gelangen. Nun verwendete sich von Philippsberg für ihn bei dem österreichischen Unterrichtsminister Leo Grafen Thun, der zu jener Zeit mit den Reformen des Unterrichtswesens im Kaiserstaate beschäftigt war. Unter den Mitteln zur Durchführung derselben nahm auch die Berufung auswärtiger [117] Gelehrten auf österreichische Lehrkanzeln eine hervorragende Stelle ein. Infolge dessen kam Weiß als ordentlicher Professor der Geschichte an die Hochschule in Gratz, an welcher er wöchentlich vier Stunden über allgemeine Geschichte zu lesen, und zwei Stunden ein historisches Seminar zu halten hatte. Am 5. Mai 1853 legte er seinen Diensteid als Geschichtsprofessor an der Gratzer Hochschule ab, an welcher er seitdem ununterbrochen – also über 33 Jahre – thätig ist. In dieser Zeit las er über alle Perioden der Weltgeschichte, öfter auch über österreichische Geschichte, und statt der vorgeschriebenen sechs Stunden, zu denen er verpflichtet war, eilf Stunden. Doch ließ ihm diese Lehrthätigkeit noch immer Zeit zu wissenschaftlichen für den Druck bestimmten Arbeiten. Und von diesen steht obenan sein „Lehrbuch der Weltgeschichte“ 1. Band: Die vorchristliche Zeit (Wien 1859, Braumüller, gr. 8°., 2 Bl., 653 S.); 2. Bd.: Die christliche Zeit. I. Das Mittelalter, 1. Theil (ebd. 1862, VIII und 935 S.); 3. Bd.: I. Das Mittelalter, 2. Theil (ebd. 1868, XV und 1091 S.); 4. Bd.: Die neuere Zeit. Die Entdeckung Amerikas. Das Zeitalter der Reformation (ebenda 1870, IX und 1048 S.); 5. Bd.: Die neuere Zeit. Der dreißigjährige Krieg. Die englische Revolution. Das Zeitalter Ludwigs XIV. und Kaiser Leopolds I. (ebd. 1872, VIII und 1134 S.); 6. Bd.: Die französische Revolution (ebd. 1875, 1152 S.). Indessen hat bereits die zweite Auflage zu erscheinen begonnen, welche ganz umgearbeitet, stark vermehrt, zur Zeit bis zum 18. Halbband und bis zum Jahre 1800 (französische Revolution) gediehen ist. In den Quellen [S. 118] werde ich es versuchen, den Standpunkt, den Weiß in seiner Weltgeschichte, die anerkanntermaßen zu den bedeutendsten Geschichtswerken der Gegenwart gehört, einnimmt, in einigen Zeilen darzustellen. Die übrigen wissenschaftlichen Arbeiten dieses Gelehrten sind: „Maria Theresia und der österreichische Erbfolgekrieg 1740 bis 1748“ (Wien 1863, Prandel und Ewald, 8°.), bildet den 11. Band des von Freiherrn von Helfert veranstalteten Sammelwerkes: „Oesterreichische Geschichte für das Volk“; 1865 erschien davon eine italienische Uebersetzung unter dem Titel: Maria Teresa e la guerra di Successione Austriaca 1740–1748“ ( Venezia, 8°.). Außerdem besorgte Weiß nach dem Tode seines vieljährigen Collegen und Freundes Gfrörer aus dessen Nachlaß die Herausgabe der Werke: „Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts“ 3 Bände (1862); „Deutsche Volksrechte im Mittelalter“ 2 Bände; und „Byzantinische Geschichten“ 3 Theile (Graz 1872–1877, gr. 8°.), der erste Theil dieses wichtigen historischen Werkes behandelt die Geschichte Venedigs von dessen Gründung bis 1084 und bringt bisher von Lebret und von Romanin gar nicht beachtete Seiten aus dem Leben dieses merkwürdigen Staates; so unter Anderem, daß bis 1082 die Dogenwahlen vom Kaiser von Constantinopel bestätigt, daß die Söhne der Dogen in Constantinopel als Geiseln der Treue erzogen wurden, um in ihnen Werkzeuge der byzantinischen Politik heranzubilden; der zweite Theil behandelt die Geschichte der Völker südlich von der Donau, der Croaten, Serben, Magyaren, in neuer Weise, stellt dar, was Byzantinismus ist, welche Folge er trotz aller Feinheit und geistigen Arbeit für das Leben der Völker hat. Der dritte Theil aber enthält die Geschichte der Bulgaren, Armenier, Petschenegen und Türken und die Versuche, [118] die Griechen wieder in das Leben des geistig freieren Abendlandes hinüberzuziehen. Jedes Capitel bietet neue Aufschlüsse. Für das 1860 zum Andenken an den Erzherzog Johann von der steiermärkischen Landwirthschaftsgesellschaft veranstaltete Festbuch „Ein treues Bild der Steiermark“ schrieb Weiß einen Abriß der Geschichte dieses Landes, wovon auch eine Separatausgabe erschien, die aber schon in wenigen Tagen vergriffen war. Früher hatte er noch ein paar andere Arbeiten, so eine „Geschichte der Angelsachsen“ und dann eine „Geschichte der deutschen Civilisation“ begonnen, sie aber, da ihn seine Weltgeschichte ganz in Anspruch nahm, nicht vollendet. Um das Lebensbild dieses Gelehrten abzuschließen, fügen wir noch folgende biographische Notizen hinzu. Weiß unternahm im Laufe der Jahre zahlreiche Reisen, so deren fünf nach Italien, vier nach Frankreich und eine nach England. Durch zwei Jahre hatte er die ehrenvolle Aufgabe, Seiner kaiserlichen Hoheit dem Erzherzog Karl Ludwig Vorträge über allgemeine Geschichte zu halten und ihn auf einer Reise nach Frankreich, dann auf einer solchen nach Constantinopel, endlich nach Sicilien zu begleiten. Von den dem Gelehrten erwiesenen Auszeichnungen und Ehren erwähnen wir, daß er 1862 Rector der Gratzer Universität, 1874 Vorsitzender der orientalischen Section auf der Philologenversammlung in Innsbruck war. Pius IX. schickte ihm zu Weihnacht 1863 das Ritterkreuz des Ordens Gregors des Großen für Künste und Wissenschaften. Während seines Aufenthaltes zu Constantinopel 1882 überbrachte ihm der türkische Unterrichtsminister das brillantene Commandeurkreuz des Medschidje-Ordens; vom Kaiser erhielt er 1878 den Titel eines k. k. Regierungsrathes und im Mai 1885 den Orden der eisernen Krone dritter Classe. Ueberdies ist er Vorstand des historischen Seminars an der Gratzer Hochschule und Mitglied der k. k. Prüfungscommission für Candidaten des Gymnasiallehramtes in Gratz. Weiß hat sich zweimal verheiratet, zum ersten Male 1854 mit Josephine Bader (gest. 1860), dann 1866 mit Marie Graf. Aus beiden Ehen sind Kinder vorhanden. Aus der ersten der Sohn Otto, Dr. der Medicin und Schriftsteller in seinem Fache, und eine Tochter, die sich in die badische Heimat des Vaters verheiratete; die Kinder aus der zweiten Ehe sind noch minderjährig.

Deutscher Hausschatz in Wort und Bild (Regensburg, Pustet, 4°.) XII. Jahrg. (1886) Nr. 25, S. 392: „Dr. J. B. Weiß“, von Dr. G. E. Haas. – De Gubernatis (Angelo). Dizionario biografico degli scrittori contemporanei (Firenze 1879) p. 1064.
Porträt. Chemitypie von Angerer und Gösch im vorgenannten Blatte (nicht gelungen).
Die Auffassung des Wesens und der Bedeutung der Weltgeschichte, wie sie uns aus Weiß’ Hauptwerke entgegentritt. Ihm ist Weltgeschichte die wissenschaftliche Darstellung der Entwickelung der Menschheit, wie diese sich in ihren großen Formen und Typen in Staat und Religion, in Wissenschaft und Kunst, sowie in der ganzen Sitte kundthut; das Bild der Verwirklichung der Anlagen der Menschheit, der Auslegung des Geistes in der Zeit. Was Gott in den Menschengeist gelegt hat, das soll im Laufe der Jahrtausende aus demselben heraustreten; alle Nationen haben Antheil an dieser Arbeit, welche das ganze Leben unseres Geschlechtes ausfüllt. Das Keimen, Wachsen und Verwelken der Geschlechter und Völker, das Edle und Schlechte, Verderbliche, die begeisternde innere Wahrheit wie der Tausende verstrickende Irrwahn sollen in der Geschichte treu geschildert das Leben der Vergangenheit wiederspiegeln, die literarischen wie die politischen Thaten uns den Fortschritt oder Rückschritt kundgeben. Die ganze Menschheit [119] ist ein Mensch. und die Weltgeschichte, ist die Biographie dieses Menschen. Und wie im menschlichen Leben jedes Ganze sich wieder in Theilganze gliedert, so auch im Leben der Menschheit; jedes Volk wird hier als ein ursprüngliches Ganzes gefaßt, nicht bloß als ein Aggregat von Individuen; und wie die ganze Menschheit in ihrem Leben ein großes Ziel verfolgt, das ihr mit ihrer Begabung vom Schöpfer gesteckt ist. so auch jedes Volk: es ist ihm eine Idee gesteckt, die es verwirklichen soll. Jedes Volk hat seinen eigenen Genius, der sich in dessen politischem und religiösem Leben, wie in dessen Kunst und Wissenschaft entfaltet, der sich in den Leistungen der begabtesten Geister ebenso offenbart, wie in den großen politischen Krisen, die es zu bestehen hat; dieser Genius zeigt sich in allen Phasen der Entwickelung, in der Jugend wie in dem Alter, in der Zeit der höchsten Kraft, wie des Absterbens jedes Volkes, er ist gleichsam die Seele jedes Volkes. Alle Anlagen treten nicht auf einmal hervor, sondern nach und nach und sind durch besondere Organe vertreten. Das Niedere geht dem Höheren voran und ist wieder reproducirt in diesem. Die Organe sind die einzelnen Völker; hat ein Volk geleistet, was es sollte, so tritt es vom Schauplatze ab und weicht einem höheren, das dessen Errungenschaften aufnimmt und weiterführt. So ist in der ganzen Weltgeschichte ein steter Fortschritt. Wie nach der Lehre des Pythagoras jedes Gestirn einen eigenen Ton hat und die Bewegung aller zusammen eine Sphärenmusik hervorbringt, einen Weltchoral bildet, so ist auch in der Geschichte eine höhere Harmonie, bei aller Selbständigkeit ein Gemeinsames, alle Dissonanzen lösen sich zuletzt in einen höheren Einklang auf. Wie die Natur ein Tempel Gottes genannt wird, so ist auch die Weltgeschichte ein Tempel, in welchem man aus den Seelen der Völker Gott kennen lernen kann, wenn man ein Verständniß dafür hat. Aber auch hier gilt wieder Goethe’s Wahrspruch: Wie der Mensch, so sein Gott – drum ward Gott so oft zum Spott. – Dies ist das Ergebniß, welches man aus dem Studium des Meisterwerkes des Professors Dr. Johann Bapt. Weiß, aus seiner Weltgeschichte, gewinnt.