BLKÖ:Sunstenau von Schützenthal, Heinrich Freiherr

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 40 (1880), ab Seite: 324. (Quelle)
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Sunstenau von Schützenthal, Heinrich Freiherr (k. k. Feldmarschall-Lieutenant, geb. zu Neukapela im Gradiscaner Grenz-Regimente am 24. Juni 1780, gest. zu Wien 4. November 1865). Der Vater, gleichfalls Heinrich genannt, fiel 1799 als Oberst auf dem Felde der Ehre. Zu dieser Zeit stand der Sohn, der die bereits 1798 begonnene amtliche Laufbahn aus vorherrschender Neigung für den Waffendienst mit dem Säbel vertauscht hatte, als Cadet in dem Uhlanen-Regimente Nr. 2, in welchem er die Feldzüge von 1799 bis 1815 in Deutschland, Italien und Frankreich mitmachte. Schon 1800 wurde er bei Hohenlinden und Viehausen unter den Ausgezeichneten genannt, focht dann unter Frimont in Italien, wo er sich bei Pordenne und Fontana fredda hervorthat. Bei dem Rückzuge über die Alpen bereits Hauptmann im Generalstabe, führte er nach Verlust seines Pferdes die Nachhut glücklich zu Fuß herüber. In der Schlacht bei Raab (14. Juni 1809) wurde er durch eine Geschützkugel leicht verwundet. Im Feldzuge des Jahres 1813 zeichnete er sich in Italien in den Gefechten bei Montebello, Ferrara und Mozambano ebenso durch Umsicht wie durch Tapferkeit aus. In besonders ehrenvoller Weise wurde seiner in der Relation des Ueberganges des Graf Neipperg’schen Corps über den Roncofluß gegen Murat gedacht. Später stand er in der Provence und wirkte erfolgreich bei der Entwaffnung der aufständischen Städte des Languedoc mit, dann recognoscirte er die Debouchés der hohen und niederen Alpen gegen Piemont und führte im October 1815, obgleich die Avantgarde das Fortkommen als unmöglich geschildert hatte und der kostspielige Transport zur See auf englischen Schiffen bereits beschlossen war, die Südarmee unter Bianchi (Vater) über die mit Schnee bedeckten und durch Stürme unsicher gemachten Alpenhöhen des Col di Tenda glücklich nach Turin. Aus dieser Zeit stammt sein Memoire „Die Vertheidigung und Angriffsfähigkeit der Alpengebirge, mit ihren Thälern und befestigten Sperrketten“. In der nun folgenden Friedensepoche fand er vielfach Verwendung bei Landesbeschreibungen und Bundes-Inspectionen. Im Jahre 1820 wurde er Oberstlieutenant im 9. Cürassier-Regiments, damals Erzherzog Johann, 1824 aber Oberst, als welcher er sich die Ausbildung des Regiments ganz besonders angelegen sein ließ. Um diese Zeit erschien auch seine „Anleitung zur Erkenntniss, Beschreibung, Zeichnung, freien Aufnahme und Benützung des Terrains, durch Beispiele und Pläne erläutert für Cavallerie-Officiere“, mit 19 Plänen (Wien 1827, Heubner, gr. 8°.). Im Jahre 1830 rückte er zum Generalmajor auf. 1836 als Brigadier in Bregenz, schrieb er „Ueber die Grundstellungen und die sich darbietenden Kriegsoperationen in Süddeutschland für die erste Linie der Bundesheere bei einem Kriege gegen Frankreich“. Andere Arbeiten kriegshistorischen Inhaltes über [325] die Feldzüge 1744 und 1805 finden sich im Kriegsarchive aufbewahrt. Im Jahre 1847 erhielt der bereits 67jährige General mit Rücksicht auf seine geschwächte Gesundheit das Festungscommando in Olmütz. Nun war dies wohl auf den ersten Anschein in den Tagen des köstlichsten Friedens ein wahrer Ruheposten. Aber wie ganz anders gestalteten sich die Dinge, als die Bewegung des Jahres 1848 eintrat, die Bevölkerung der Festung durch die von Wien und anderen Seiten sich einfindenden Wühler und Aufreger allmälig in Mitleidenschaft gezogen und auch in der k. k. Festung der Hexentanz der Revolution, wenngleich in milderem Tempo, inaugurirt wurde. Bewegliche Colonnen von Studenten und Proletariern kamen von Wien in die Festung, die in Folge des langen Friedens nichts weniger als in Bereitschaft war. Den zahlreichen Geschützen fehlte die Bedienungsmannschaft, und Munition und Proviant war auch nicht hinreichend vorhanden. Dabei mußte die noch vorräthige Munition, welche bereits die Aufmerksamkeit der verschiedenen Agitatoren und herumlungernden Proletarier erregt hatte, in die im Innern des Platzes gelegenen Kriegsmagazine geschafft werden. Als aber gar nach dem 6. October die zwei Bataillons Mazzuchelli, der Kern der Besatzung, nach Krems abmarschiren mußten, blieb zum Dienste in der Festung, außer den technischen Truppen und der Artillerie nur noch ein in Errichtung begriffenes Bataillon Emil-Infanterie. Nun wurde durch Journale und Reisende die Truppenbewegung von Prag gegen Wien im großen Publicum bekannt. Da erschienen Deputationen bei dem Festungs-Commandanten mit dem Verlangen, den Marsch der Truppen aus Böhmen gegen Wien zu verhindern, widrigenfalls die Studenten und ein Theil der Nationalgarde die Eisenbahn unterbrechen würden. Sunstenau’s Lage war eine kritische, aber er ließ sich nicht von ihr beherrschen, sondern beherrschte dieselbe. Er hielt Zucht und Ordnung in der Festung aufrecht und verhinderte durch treffliche Disposition jede Beschädigung der Eisenbahn zwischen Olmütz und Prerau. Indessen langte am 14. October von Krems über Brünn in kurzen Tagreisen der allerhöchste [326] Hof und mit ihm die zwei Bataillons Mazzuchelli, ein Grenadier-Bataillon und das 4. Cürassier-Regiment in Olmütz ein. Vom 14. October 1848 bis zum Frühjahr 1849 blieb der kaiserliche Hof in der Festung, in welcher sich nun eine Reihe für Oesterreichs Geschichte und Entwicklung wichtigster Acte abspielte. Bis zum 4. December 1848 führte Feldmarschall-Lieutenant Sunstenau den Befehl in der Festung. Wie er den versuchten Uebergriffen, namentlich einzelner Heißsporne der Legion und der räudigen Schafe in der Heerde der Nationalgarde mit Entschiedenheit und Energie begegnete, erfahren wir aus des Generals eigenen Aufzeichnungen, welche er schlicht und der Wahrheit gemäß, aber mit um so größerer Wirkung in der „Militär-Zeitung“ veröffentlichte. Die ihm nach seinem Uebertritte in den Ruhestand gegönnte Muße, welche er noch 17 Jahre zu genießen das Glück hatte, widmete er seinen militär-wissenschaftlichen Arbeiten, deren einige er auch im Druck erscheinen ließ, und zwar: „Freie Gedanken über die jetzigen Leistungen der Cavallerie, sowohl in Bezug auf den einzelnen Reiter als auf die Bestimmung der Reiterei überhaupt mit ihrem Geschütz. Mit einem (lith.) Plane“ (Olmütz 1850, Neugebauer, gr. 8°.); – „Grundsätze der Strategie. Mit einem Blicke auf feste Lager und Befestigung überhaupt“ (ebd. 1852, 8°.) und „Analytische Uebersicht der Kriegsoperationen der k. k. österreichischen Armee in Italien im Jahre 1848 (....). Feldmarschall-Lieutenant Sunstenau war am Tage seines Todes, wenn auch nicht der älteste, so doch einer der ältesten Generäle der kaiserlichen Armee, in welcher er bis zur Zeit seines Uebertrittes in den Ruhestand ein halbes Jahrhundert gedient hatte. Es hat nicht an mannigfacher Würdigung der Verdienste des tapferen Veteranen gefehlt. Außer der geheimen Rathswürde wurde ihm mit Diplom vom Jahre 1845, nachdem er schon früher in den erbländischen Ritterstand war erhoben worden, der Freiherrenstand verliehen. Seit 1845 Inhaber des 2. Cürassier-Regiments, behielt er dasselbe als zweiter Inhaber, als es 1850 dem König Maximilian II. von Baiern verliehen ward. Der Freiherr war zweimal vermält, aber nur aus der ersten Ehe mit Dominica geborenen von Kudriaffsky hatte er Kinder, nämlich seine beiden Söhne Emil und Friedrich [vergleiche die Lebensskizze des Letzteren S. 321 und die Stammtafel].

Oesterreichische militärische Zeitschrift. Herausgegeben von Streffleur (Wien, gr. 8°.) VI. Jahrg. (1865), Bd. IV, S. 404: „Nekrolog“. Von Strack. – Neue Freie Presse, 1865, Nr. 428, in der „Kleinen Chronik“. – Hoffinger (Joseph Ritter von), Oesterreichische Ehrenhalle. Separat-Abdruck aus dem österreichischen Volks- und Wirthschafts-Kalender für 1867 (Wien 1866, Ant. Schweiger und Comp., gr. 8°.) III (1865) S. 7 u. f.