BLKÖ:Schindler, Anton

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 30 (1875), ab Seite: 4. (Quelle)
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Schindler, Anton (Musikschriftsteller, „Ami de Beethoven!“ geb. zu Medl bei Neustadt im Olmützer Kreise im Jahre 1796, gest. zu Bockenheim bei Frankfurt 16. Jänner 1864). Sein Vater war Cantor und Schullehrer zu Medl in Mähren; der Sohn erhielt den ersten Unterricht im Elternhause, wo er auch das Violinspiel erlernte, worin er es in der Folge zu großer Vollendung brachte. Später begab er sich nach Wien, wo er seine musikalische Ausbildung fortsetzte und an einem dortigen Theaterorchester angestellt ward. Daselbst schrieb er auch die „Musikalischen Nachrichten“, welche einige Zeit als Beilage der Bäuerle’schen „Theater-Zeitung“ erschienen. In Wien fand S. Gelegenheit, mit Beethoven zusammenzukommen. Es entwickelte sich nun zwischen Schindler und dem Tonheros ein engerer Verkehr, der an zehn Jahre währte und S. Gelegenheit gab, Beethoven so kennen zu lernen, daß er nach dessen Ableben eine Biographie B.’s veröffentlichen konnte, welche uns über B.’s Leben trotz manchen in Frage zu stellenden doch höchst interessante und dankenswerthe Aufschlüsse gibt. Daß Schindler darüber in manchen Conflict gerieth, [vergl. die nächste Seite], fällt weniger [5] ihm als jenen Neidern zur Last, die es nicht verwinden konnten, daß es ihnen nicht vergönnt war, Beethoven so nahe gestanden zu haben, wie S. Später verließ S. Wien, wurde im Jahre 1831 Domcapellmeister in Münster, welchen Posten er im J. 1835 mit dem eines Musikdirectors in Aachen vertauschte. Nachdem er einige Jahre in genannter Bedienstung thätig gewesen, lebte er später nur mehr als Musiklehrer daselbst. Zu Anbeginn der Fünfziger-Jahre zog er sich aber in’s Privatleben zurück, lebte in verschiedenen Städten Deutschlands, am längsten in Frankfurt a. M. und zuletzt in dem nächst Frankfurt gelegenen Bockenheim, wo er im Alter von 68 Jahren starb. In früheren Jahren gab er heraus: „Biographie von Ludwig van Beethoven. Mit dem Porträt Beethoven’s und zwei Facsimilen (auf drei Blättern)“ (Münster 1840, Aschendorff, gr. 8°.; zweite, mit zwei Nachträgen vermehrte Ausgabe ebd. 1845, gr. 8°.) und: „Beethoven in Paris. Nebst anderen, den unsterblichen Tondichter betreffenden Mittheilungen und einem Facsimile von Beethoven’s Handschrift. Ein Nachtrag zur Biographie Beethoven’s“ (ebd. 1845, gr. 8°.). Schindler war Erbe von Beethoven’s künstlerischem Nachlasse und als solcher, wie durch seinen langjährigen Verkehr mit Beethoven wohl zunächst berufen, sein Biograph zu sein. Seine Eitelkeit aber wie Beethoven’s Leidenschaftlichkeit gaben Veranlassungen zu Aeußerungen und Urtheilen, welche für Schindler nichts weniger denn schmeichelhaft waren. Man erzählt, daß Schindler auf seine Visitkarten als Charakterbezeichnung unter seinen Namen die Worte „Ami de Beethoven!“ stechen ließ. Schindler selbst stellte diese von Heinrich Heine herrührende „Ami de Beethoven-Angelegenheit“ in Nr. 16 der „Niederrheinischen Musik-Zeitung“ 1863 in Hinweisung auf die in der „Leipziger Allgemeinen Zeitung“ vom 22. Juni abgedruckte Abfertigung Heine’s, als eine Verleumdung kurzweg in Abrede. Schindler aber war einem Heine gewiß doch zu unbedeutend, um ihm ein solches Factum grundlos aufzubürden, und auch Andere erzählten ein Gleiches. Durch diese Lächerlichkeit hatte S. eben die Scheelsucht und den Neid herausgefordert, die ihm auch theuer genug zu stehen kommen sollten, denn als er einst eine solche Visitenkarte abgab, war eben ein anderer Freund Beethoven’s, nämlich Karl Holz, der Director der Concerts spirituels in Wien [Bd. IX, S. 243] anwesend, und als man sich später zum Diner setzte, entblödete sich Holz nicht, in Anwesenheit Schindler’s mehrere eigenhändige Briefe Beethoven’s circuliren zu lassen. Es war dieß ein Streich, eines Ehrenmannes unwürdig. In dem einen dieser Briefe (ddo.16. August 1823) stand: „An den Schindler, diesen verachtungswürdigen Gegenstand, werde ich dir einige Zeilen schicken, da ich unmittelbar nicht gern mit diesem Elenden zu thun habe“; in dem zweiten stand: „Die Zudringlichkeit des unverschämten Klopffechters Schindler ist unerträglich, ich bitte, doch mir diesen langweiligen Gesellen vom Leibe zu halten“. Nun konnten solche Beethoven’sche Bekenntnisse für Schindler als Gast eben nicht willkommen sein. Aber genauer betrachtet, gewinnt die Sache noch ein anderes Aussehen. Wer kannte nicht Beethoven’s launenhaften, im höchsten Grade leidenschaftlichen Charakter, der, was er heute in den Himmel erhob, morgen in den Koth zerrte? So schrieb er eines Tages an den berühmten Pianisten Hummel [Bd. IX, S. 419], dem doch Niemand [6] den Charakter eines Ehrenmannes streitig machen wird: „Komme er nicht mehr zu mir! Er ist ein falscher Hund und falsche Hunde hole der Schinder. Beethoven!“ Aber schon am nächstfolgenden Tage schrieb Beethoven an eben denselben Hummel: „Herzens-Natzerl! Du bist ein ehrlicher Kerl und hattest Recht, das sehe ich ein; komm also diesen Nachmittag zu mir. Du findest auch den Schuppanzisch und wir Beide wollen Dich riffeln, knüffeln und schütteln, daß Du Deine Freude d’ran haben sollst. Dich küßt Dein Beethoven, auch Mehlschöberl genannt.“ Man sieht also, man habe jene harten Ausdrücke gegen Schindler nicht allzu wörtlich zu nehmen. Es ist füglich anzunehmen, daß Beethoven’s Unwillen gegen Schindler kein dauernder war; wenn er es aber war und wenn Schindler sich über Beethoven’s eigentliche Gesinnung gegen ihn getäuscht, nun so verdiente das noch immer keinen Hohn, keine öffentliche Blamage, und aller Schimpf fällt auf Holz zurück, der in so wenig rücksichtsvoller Weise gegen einen Mann vorging, dessen übertriebene Eitelkeit – die sich im „ami de Beethoven“ spiegelt – nur Mitleiden verdient. Auch von anderer Seite blieb Schindler die Buße nicht erspart, Beethoven’s Satellit gewesen zu sein. Die „Kölnische Zeitung“ brachte im Jahre 1844 folgende Anzeige: „Die Bürste, mit welcher ein berühmter Kunstrichter jahrelang Beethoven’s Kleider gereinigt hat, steht wegen Mangel an Beschäftigung billig zu verkaufen. Näheres auf poste restante-Briefe Adr. A. S. in Aachen.“ Am meisten hat sein Versuch, die durch Ritter von Seyfried (zuerst bei Haslinger, später bei Schuberth u. Comp.) herausgegebenen Studien Beethoven’s zu verdächtigen, die öffentliche Meinung gegen Schindler aufgeregt. Und trotz alledem stellen sich bei genauer unbefangener Betrachtung die Dinge noch immer anders, als diese boshaften Gegner Schindler’s es glauben machen wollen. Manche seiner Angaben über Beethoven mögen als nicht ganz wahr angezweifelt werden, im Ganzen wird man seinen biographischen Arbeiten über den Tonheros ein gewisses statistisch-musikalisches Verdienst nicht absprechen können, wie man auch zugestehen muß, daß er bei mancherlei Wunderlichkeiten doch ein vielerfahrener und vernünftig urtheilender Charakterkopf war. So urtheilt ein sehr geachtetes Musikblatt, die Czartoryski’sche „Monatschrift“, über Schindler. Als S. gestorben, widmeten ihm die Journale folgenden Nachruf: „In Bockenheim bei Frankfurt verstarb Professor Anton Schindler, bekannt als Musikkritiker und Freund L. van Beethoven’s, Erbe des künstlerischen Nachlasses Beethoven’s, hat er seiner Zeit während des Aufenthaltes in Münster den werthvollen Schatz durch die Vermittlung des Ministers Hansemann der preußischen Regierung für das Museum zu Berlin gegen eine Lebensrente überlassen und glänzendere Angebote von englischer Seite, um Deutschland die Erbschaft des großen Todten zu erhalten, in edler patriotischer Gesinnung von der Hand gewiesen.“ In seiner Hinterlassenschaft zu Bockenheim fand sich manches Beethoven Angehörige, so eine Wanduhr, der Stock, die Augengläser desselben, namentlich aber viele Scripturen, Literalien sowohl als Noten, Briefe, Notizen, Correcturen, welche mancherlei Ausbeute in kunstgeschichtlicher Hinsicht hoffen ließen, wenn sie erst von einem Sachverständigen gesichtet und – entziffert sind, denn bekanntlich schrieb B. eine flüchtige und oft unleserliche Handschrift. [7] Schindler’s Nachlaß gelangte in den Besitz seiner zu Mannheim lebenden Schwester. – Schindler’s Tochter befand sich im Jahre 1826 in Wien, im Jahre 1842 am Königsstädter Theater in Berlin als Sängerin engagirt.

d’Elvert (Christian Ritter), Geschichte der Musik in Mähren und Oesterreichisch-Schlesien u. s. w. (Brünn 1873, Winiker, gr. 8°.) In den Beilagen S. 169. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Frz. Köhler, Lex. 8°.) S. 752. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Ed. Bernsdorff (Dresden, Rob. Schäfer, gr. 8°.) Bd. III, S. 467. – Schilling (G. Dr.). Das musikalische Europa (Speyer 1842, F. C. Neidhard, gr. 8°.) S. 295. – Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik (herausg. von Fürst Czartoryski) (Wien, Redaction, Druck u. Verl. v. J. Löwenthal, 4°.) X. Jahrg. (1864). S. 64.