BLKÖ:Proksch, Joseph

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 24 (1872), ab Seite: 8. (Quelle)
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Proksch, Joseph (Musiker, geb. zu Reichenberg 4. August 1794, gest. zu Prag 20. December 1864). Zeigte schon als Kind große Vorliebe zur Musik, hatte aber das Unglück, in seinem achten Jahre auf dem einen und im Jahre 1811 auch auf dem zweiten Auge zu erblinden. Glücklicher Weise hatte aber P. noch als Sehender, da er ungewöhnliche musikalische Anlagen zeigte, von Kindheit an einen trefflichen Unterricht in der Musik genossen, so daß er denselben auch nach seiner, im Jahre 1811 erfolgten Aufnahme in das Prager Blinden-Institut fortsetzen konnte. Im Clavierspiele unterrichtete ihn daselbst W. Koželuch, Farnik auf der Klarinette und J. Jarosch leitete seine Ausbildung im Fache der Methodik und Pädagogik. P. machte bald auf den beiden erwähnten Instrumenten solche Fortschritte, daß er im Jahre 1818 in Gemeinschaft mit dem Harfenspieler Rieger auf Kunstreisen gehen und in vielen Städten, wie Wien, Preßburg, Pesth, Ofen, Brünn, öffentlich Concerte veranstalten konnte, bei denen er ungetheilten Beifall erntete. Im folgenden Jahre nach Prag zurückgekehrt, widmete sich P. ausschließlich dem Studium der musikalischen Pädagogik. Ein Aufsatz in der „Allgemeinen Leipziger Musik-Zeitung“ über die neue Unterrichtsmethode Logier’s in der Musik veranlaßte P., im Jahre 1825 selbst nach Berlin zu gehen, um dieselbe kennen zu lernen. In Berlin fand P. in dem dortigen Blinden-Institute freundliche Aufnahme, und nach vieler Mühe gelang es ihm endlich, Logier persönlich kennen zu lernen und dessen Unterricht zu erhalten. Zwar dauerte derselbe nur kurze Zeit, jedoch lange genug, daß P., der mit einer großen musikalischen Auffassungsgabe ausgerüstet war, sich die Methode Logier’s vollständig eigen machen konnte. In seine Vaterstadt Reichenberg zurückgekehrt, errichtete P. daselbst eine musikalische Schule, welche bald allgemein Anklang fand. Im Jahre 1830 übersiedelte er auf Anregung des als Kunstmäcen bekannten Grafen Clam-Gallas nach Prag, überließ die Reichenberger Anstalt seinem Bruder, der ebenfalls Musiker war, und errichtete in Prag ein neues Institut in größerem Maßstabe. Diese Anstalt, welcher P. 34 Jahre hindurch vorstand, erfreute [9] sich in kürzester Zeit eines bedeutenden Rufes, sowohl im In- wie im Auslande. Auch gingen aus ihr Musiker, besonders Pianisten, ersten Ranges, wie Auguste Kolař, Frau Klaus-Szarwady, Franz Bendl, Friedrich Smetana, Pius Richter und viele Andere hervor. Im Jahre 1849 veröffentlichte P. einen gedruckten Jahresbericht über dieselbe. Anfänglich versuchte sich P. auch in verschiedenen Gattungen der Composition und lieferte viele gelungene Werke, welche alle mit einstimmigem Beifalle aufgenommen wurden. Erst von dem Zeitpuncte an, wo er seine Kräfte hauptsächlich der musikalischen Pädagogik widmete, componirte er nur mehr instructive Clavierpiecen für den Gebrauch in seiner Anstalt. Auch war P. Schriftsteller und seine literarischen Arbeiten auf dem vorerwähnten Gebiete sind folgende: „Versuch einer rationellen Unterrichtsmethode im Pianofortespiel mit Anwendung des Handleiters, nach pädagogischen Grundsätzen in progressiver Reihenfolge nach den besten Mustern zunächst für den Gebrauch seiner Schüler verfasst“, 3 Theile (Prag ....); – „Jahresbericht über die Musik-Bildungsanstalt in Prag“ (ebd. 1849, gr. 8°.); – „Allgemeine Musiklehre in 2 Abtheilungen. Dargestellt nach pädagogischen Grundsätzen in Fragen und Antworten, sowohl zum Privatstudium, als auch zum Vortrage in höheren Schulen und Lehranstalten“ (ebd. 1857, Bellmann, gr. 8°.); – „Aphorismen über katholische Kirchenmusik nebst einem geschichtlichen Ueberblicke des gregorianischen Chorgesanges“ (ebd. 1858, Bellmann, Lex. 8°.). Von P.’s bereits erwähnten Compositionen sind besonders hervorzuheben: zwei große Messen, eine Cantate, ein Concert für Clarinette, eine Pastoralgraduation und ein Offertorium, ein Vaterunser (Chorgesang mit Orgel) und unter Anderem auch eine Oper: „Der Hungerthurm“. Außerdem beschäftigte sich P. auch mit der Abfassung einer musikalischen Chrestomatie, welche aber bei seinem Tode noch nicht im Drucke erschienen war. P. war nicht nur in seinem Fache, sondern auch in anderen Zweigen der Wissenschaft ein höchst unterrichteter Mann. Besonders in der Aesthetik, Geschichte, ja selbst Philosophie besaß er gediegene Kenntnisse. Zu seinem eigenen und dem Privatgebrauche der Schüler legte er eine kostbare Bibliothek an, in welcher allein mehr als hundert Clavierschulen sich befanden. P. starb plötzlich am Schlagflusse im Alter von 71 Jahren. Er war verheirathet und hinterließ zwei Kinder, einen Sohn Theodor und eine Tochter Marie, welche beide ihren Vater sowohl in der Institutsleitung wesentlich unterstützten, als auch selbst gediegene musikalische Kenntnisse besitzen. P. liegt auf dem Wolschaner Friedhofe bei Prag begraben, wo ihm von seinen Schülern im Jahre 1868 ein Grabmonument errichtet wurde.

Bohemia (Prager belletr. und polit. Blatt, 4°.) 1864, Nr. 304, in den „Tagesnotizen“; Nr. 305 u. f.: „Joseph Proksch“; Nr. 306: „Leichenbegängniß“. – Prager Zeitung 1864, Nr. 301, in den „Tagesnotizen“. – Wiener Zeitung, 1864, Nr. 306, S. 944, in den „Tagesnotizen“. – Reichenberger Zeitung 1868, Nr. 261: „Am Grabe Joseph Proksch“; – ebenda 1869, Nr. 278: „Eine liebe Erinnerung“; – ebenda 1869, Nr. 301: „Ein Weihnachtsbrief von Joseph Proksch“. – Fremden-Blatt, Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1864, Nr. 353, und 1866, Nr. 60, in den „Kunstnotizen“. – Recensionen und Mittheilungen über Theater und Kunst (Wien, 4.) 1865 Nr. 4: „Nekrolog“. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°,) Bd. IV, S. 313 [welche den 5. statt den 4. August als P.’s Geburtstag angibt]. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt [10] von Ed. Bernsdorf (Dresden 1857, R. Schäfer, Lex. 8°.) Bd. III, S. 241. – Schilling (G. Dr.), Das musikalische Europa (Speyer 1842, F. C. Neidhard, gr. 8°.) S. 274. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Frz. Köhler, Lex. 8°.) S. 698. — Grabdenkmal. Am 1. November 1868 fand auf dem Wolschaner Friedhof in Prag im Beisein vieler Schüler und Freunde des vor vier Jahren verblichenen Meisters P. die Enthüllung und feierliche Einweihung des Denkmals Statt, das ihm eben seine Schüler haben setzen lassen. Dasselbe ist im Florentiner Renaissance ausgeführt. Auf vorspringender Stufe erhebt sich der gegliederte Untersatz, dessen Mitte die Widmungstafel trägt, darüber der capellenartige Oberbau, welcher das bogenförmig abgeschlossene Marmorrelief zeigt. Die Darstellung desselben zeigt P. im Hauskleide in der Situation, wie er am Claviere Compositionen zu dictiren pflegte; hinter ihm erscheint der Friedensbote mit der Palme in der Rechten, die Tasten – zum Tacte -– berührend; mit der Linken das Haupt des Meisters mit dem Lorbeer krönend. Zu P.’s Füßen liegen mehrere Blätter mit Compositionen, auf einer derselben lesbar: „Geöffnet ist des Himmels Thor“. Der architektonische Theil ist nach dem Entwurfe des Professor Grueber von Steinmetzmeister Uzel, das Relief nach dem Entwurfe des Malers Müller, eines alten Freundes von P., von dem Bildhauer Emanuel Max ausgeführt. –