BLKÖ:Primisser, Johann Baptist

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Primisser, Cassian
Band: 23 (1872), ab Seite: 304. (Quelle)
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Primisser, Johann Baptist (Archäolog, geb. zu Prad in Tirol 23. August 1739, gest. zu Wien 4. Februar 1815). Der Bruder des Vorigen, er besuchte das Gymnasium und die philosophischen Studien zu Innsbruck, während welcher Zeit er in seinem älteren Bruder, dem Cisterziensermönche Cassian Karl, sowohl einen treuen Freund und Lehrer, als auch ein nachahmungswürdiges Vorbild fand. Hierauf widmete sich P. den juridischen Studien und wurde Hofmeister im Hause des Grafen Künigl in Innsbruck. Nach Vollendung seiner Studien folgte er einem Rufe des k. k. Staats- und Conferenzministers Rudolph Grafen Chotek, als Haussecretär in seine Dienste zu treten, und begab sich im September 1765 aus diesem Anlasse nach Wien. Während dieser Zeit wurde P., da er tüchtige archäologische Kenntnisse besaß und dieselben stets zu vermehren bestrebt war, von dem k. k. Gubernial-Präsidenten Grafen Enzenberg von Innsbruck aus aufgefordert, sich um die Schloßhauptmannschaft zu Ambras zu bewerben, da der damalige Schloßhauptmann zu diesem Posten sich nicht mehr recht eignete. P. that es und erhielt von der Kaiserin Maria Theresia am 27. Mai 1768 die Anwartschaft auf diese Stelle zugesichert. Noch im November desselben Jahres begleitete er den Neffen des Ministers, den Grafen Johann Rudolph Chotek – den nachmaligen Finanz-, dann Staatsminister – und Franz Joseph Grafen Wilczek auf einer Reise durch ganz Italien und Frankreich, von [305] welcher er erst Ende September 1770 nach Wien zurückkehrte. Auf dem Todtenbette empfahl Rudolph Graf Chotek P. der Gnade der Kaiserin Maria Theresia, welche ihm mit Decret vom 21. Juni 1771 eine Pension von 200 fl. und nach dem Abtreten des bisherigen Schloßhauptmannes zu Ambras am 4. Jänner 1772 diese Stelle verlieh. Im Mai desselben Jahres übersiedelte er nach Innsbruck, und nachdem er sich mit der Sammlung einigermaßen bekannt gemacht, war seine erste Beschäftigung während des Winters, den Plan zu einer systematischen Aufstellung derselben zu entwerfen, welchen er im April 1773 dem k. k. Gubernium vorlegte. Nun verfertigte P. auch ein neues Inventarium der zu Ambras befindlichen Gemälde; eine höchst mühevolle Arbeit, da die Bilder im ganzen Schlosse zerstreut und ohne Nummern waren, während das alte Inventarium nummerirt und in demselben eine nur sehr mangelhafte Beschreibung enthalten war, so daß P. mit dem compendiösen Inventar in der Hand von Bild zu Bild wandern und vergleichen mußte, um die Identität der dort beschriebenen Bilder zu ermitteln. Den Winter über wohnte P. jederzeit in Innsbruck, wo er sich hauptsächlich auf das Studium der altgriechischen Sprache und Literatur verlegte. Ein empfindlicher Verlust in seiner Einnahme und das Gerücht, die Schloßhauptmannschaft zu Ambras werde aufgehoben und die Sammlung an einen anderen Ort untergebracht werden, das sich jedoch nicht bewährte, bewogen P., um eine Professur der griechischen Sprache einzukommen, welche er auch im Jahre 1783 ohne vorhergegangene Prüfung erhielt. Im November desselben Jahres erhielt er noch provisorisch die Stelle eines Bibliothekars zu Innsbruck, in welcher er 1784 definitiv eingesetzt wurde. Bis 14. November 1787 versah er diesen Posten, bat aber um Enthebung von demselben wegen verschiedener Mißhelligkeiten mit den höheren Behörden. Ihm verdankt die Bibliothek zum Theile den Bau eines neuen Saales, eine systematische Aufstellung und Katalogisirung und die Eröffnung eines Lesezimmers. Seine aufopfernde Thätigkeit fand man nicht einmal höheren Ortes einer Belobung würdig. Im Jahre 1788 vollendete er das Inventar der Ambraser Sammlung in drei Foliobänden. 1792 wurde P. zum Repräsentanten der Gymnasien des Landes bei dem neuerrichteten Studienconsesse erwählt, welche Stelle er jedoch bald niederlegte. 1794 übernahm er sie abermals, um ihr 1796 definitiv zu entsagen. Mit diesem Jahre beginnt für P. eine schwere und sorgenvolle Zeit, die bis zum Jahre 1814 dauerte. Während dieser Zeit nämlich wurde die Ambraser Sammlung fünfmal geflüchtet, wobei P. stets das Aus- und Einpacken zu leiten hatte. Als die Sammlung im Jahre 1806 nach Wien kam, wurde dieselbe zuerst in dem sogenannten Kaisergarten auf der Landstraße in Wien untergebracht, und erst zu Ende des Jahres 1813 kam dieselbe in das untere Belvedere in Wien, wo sie P. mit Hilfe seines Sohnes Alois aufstellte. Noch als P. Schloßhauptmann zu Ambras war, hatte er ein Buch über einen Theil dieser Sammlung, u. z. über das Raritätencabinet veröffentlicht, der Titel desselben ist: „Kurze Nachricht von dem k. k. Raritätencabinet zu Ambras in Tyrol mit 158 Lebensbeschreibungen derjenigen Fürsten und Feldherren, deren Rüstungen und Waffen darin aufbehalten werden für die Neugierde der Liebhaber und Reisenden“ (Innsbruck 1777, Wagner, gr. 8°.). [306] Der größere Theil seiner übrigen Werke ist philologischen Inhaltes. Die Titel derselben sind: „Difficillima pars grammaticae graecae de formatione verbi“ (Oeniponti 1794, 4°.); – „De syntaxi graeca libellus“ (ibid. 1796, 8°.); – „Gedanken über das von Herrn Professor Trendelenburg vorgeschlagenem System der griechischen Conjugation“ (Innsbruck 1792, 8°.); – „Beitrag zur griechischen Sprachlehre über die Aussprache für die Schüler“ – und „Tabellen, zum ersten Theile des Schulbuches zum Unterrichte bei den zusammengezogenen Zeitwörtern und denen auf μι“. Ferner im Manuscripte sind folgende zwei Abhandlungen vollständig vorhanden: „Ueber die alte Aussprache des Griechischen“ und „Ueber den Ursprung der griechischen Schrift“. Auch auf dem Gebiete der Poesie versuchte sich P. Er schrieb eine fünfactige Tragödie: „Der rasende Ajax“, in sechsfüßigen Jamben, nach dem gleichnamigen Drama von Sophokles, ferner zwei Singspiele: „Veldidena“ und „Die apokalyptische Frau“. Auch hält man P. für den Verfasser des Gedichtes: „Empfindungen des Unterthans bei hochbeglückter Genesung Maria Theresia’s“, von einem Tiroler (Wien 1767, Trattnern). P. starb im Alter von 76 Jahren, nachdem er bereits am 4. Mai 1776 den Titel eines k. k. Rathes als Belohnung seiner Verdienste erhalten hatte.

Berichte und Mittheilungen des Alterthums-Vereines in Wien (Wien 1861, Prandel u. Meyer, 4°.) Bd. V, S. 177–244: „Die fünf gelehrten Primisser“. von Joseph Bergmann, welcher Aufsatz auch im Separatabdrucke erschienen ist. – (Hormayr’s) Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst (Wien, 4°.) Jahrg. 1817, Nr. 94 und 95: „Nekrolog“; – ebenda 1823, S. 509; – ebenda 1827, S. 697. – Bergmann (Joseph), Pflege der Numismatik in Oesterreich im XVIII. Jahrhundert (Wien 1856, 8°.) Heft I, S. 76; Heft III, S. 39. – Rapp (Ludwig), Die Freimaurer in Tirol (Innsbruck 1867, 8°.) S. 71. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. VI, S. 293. – Staffler (Johann Jacob), Das deutsche Tirol und Vorarlberg, topographisch mit geschichtlichen Bemerkungen (Innsbruck 1847, Felician Rauch, 8°.) Bd. I, S. 169.