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BLKÖ:Karadschitsch, Wuk Stephanowitsch

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Kara Djiordje
Band: 10 (1863), ab Seite: 464. (Quelle)
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Karadschitsch, Wuk Stephanowitsch[BN 1][BN 2] (serbischer Gelehrter, geboren zu Trschitsch in Türkisch-Serbien 26. October [a. St.] 1787). Einen eigentlichen Familiennamen, wie das bei seinen Landsleuten überhaupt Sitte, führte K. anfänglich nicht; man nannte ihn Wuk Stephanowitsch, d. i. nämlich Wolf Sohn des Stephan. Später nahm er nach dem Orte, wo seine Eltern ein Anwesen besaßen, den Namen Karadschitsch an und machte sich unter demselben in der wissenschaftlichen Welt bald in ausgezeichneter Weise bekannt. Wenn man die Stufe, welche Herr Karadschitsch in der Wissenschaft erreichte, mit den Mitteln seiner ersten Ausbildung vergleicht, so kann man sich nicht eines Lächelns erwehren, sobald man erfährt, daß ihm zum ersten Unterrichte im Schreiben Rohr und Zweige zugespitzt und gespalten und diese in eine aufgelöste Mischung von Ofenruß eingetaucht wurden; Rohr und Ofenruß waren also seine erste Feder und Tinte. Den folgenden Unterricht erhielt er zu Karlowicz in der Schule der nicht-unirten Griechen; später begab er sich zur weiteren Ausbildung nach Wien, wo er sich bald mit Eifer literarischen Arbeiten zuwendete, zu denen ihn ebenso geistige Neigung wie Gesundheitsrücksichten zogen. Während des langen und blutigen Kampfes, den die Serben gegen die Türken fochten, diente er als Secretär bei verschiedenen Führern seines Volkes, die selbst des Schreibens unkundig, einen Schriftgelehrten, wie es K. war, benöthigten. Fürst Kara Djiordje [s. d. S. 463], gewöhnlich Czerny Georg genannt, ernannte ihn auch zum Präsidenten des Belgrader Bezirks und Stadtmagistrates, und K. bekleidete diese Stelle bis 1813, in welchem Jahre Kara Djiordje, als die Türken mit Uebermacht in Serbien eindrangen, aus dem Lande fliehen mußte, worauf auch Karadschitsch [465] seine Zuflucht in Oesterreich suchte und sie in Wien fand. Von dieser Zeit an nahm K. seinen bleibenden Aufenthalt in Oesterreich, besuchte jedoch öfter seine Heimat, lebt aber ausschließlich seinen gelehrten, vornehmlich linguistischen Forschungen, dem politischen Parteigetriebe sich fernhaltend. Auf des gelehrten Kopitar Rath, mit dem sich K. bald befreundete, begann er die Materialien zu einer slavischen Anthologie zu sammeln. Damals waren die Dichtungen der Serben, wenngleich ein Herder und Goethe bereits die Aufmerksamkeit auf diese Schätze der Poesie gerichtet hatten, im Allgemeinen noch wenig bekannt. Als nun K. mit seiner Sammlung, zu der ihm Bosnien, Serbien und Montenegro schätzbare Materialien geliefert hatten, in die Oeffentlichkeit trat, war man über diesen Schatz der Muse in nicht geringes Entzücken gerathen. Seit Homer wollte man nichts Aehnliches erhalten haben. Ueberdieß gehörte die Mehrzahl dieser Lieder der jüngsten Vergangenheit an, viele derselben feierten die Heldenthaten des Czerny Georg, und ein Blinder, Namens Philipp, dem einer der Häuptlinge für einen Siegesgesang ein weißes Pferd geschenkt, hatte mehrere derselben der Erste gesungen. K.’s wissenschaftliche Arbeiten sind theils sprachlicher, theils historisch-ethnographischer Natur und vermitteln in letzterer Richtung in zuverlässiger Weise die Kenntniß der Geschichte und Sitten seines noch wenig gekannten Volkes. In seinen philologischen Arbeiten ist sein Hauptstreben dahin gerichtet, die Sprache, wie sie im Munde des Volkes lebt, als Schriftsprache zur Geltung zu bringen und an die Stelle des bisher als Schriftsprache geltenden Kirchenslavischen zu setzen. Er hat in dieser Hinsicht die Bemühungen des Dositheus Obradowitsch von Neuem aufgenommen. Der Umstand jedoch, daß K. zur Ausführung dieses im Ganzen höchst glücklichen und zweckmäßigen Gedankens sich einer eigenen Orthographie bedient, welche letztere überdieß zum großen Theil sich auf die russische stützt, erschwert in nicht geringer Weise das Verständniß. K.’s Werke sind, wie sie der „Almanach der kais. Akademie der Wissenschaften“ aufzählt, in chronologischer Folge nachstehende: „Мала простонародньа Свавено-Сербска пезнарица“, d. i. Serbische Volkslieder. Band I und II (Wien 1814–1815, Schnierer); – „Писменица Сербскога језика“, d. i. Grammatik der serbischen Sprache (Wien 1814, Schnierer); – „Serbisch-deutsch-lateinisches Wörterbuch“ (Wien 1818, Mechitharisten); – „Народне Српске пјесме“, d. i. Zweite vermehrte Auflage der serbischen Volkslieder. Band I, II und III (Leipzig 1823 bis 1824, Breitkopf und Härtel); Band IV (Wien 1833, Mechitharisten); – „Versionis Novi Testamenti Serbicae specimina“ (Leipzig 1824, Breitkopf und Härtel); die Vorrede dazu schrieb der berühmte Polyglott J. S. Vater; – „Даница“, d. i. Almanach historischen und philologischen Inhalts, für das Jahr 1826, 1827 und 1828 (Wien, Mechitharisten); für das Jahr 1829 (Ofen, Universitäts-Buchdruckerei); für das J. 1834 (Wien, Mechitharisten); – „Житије Ђорђија Емануела“, d. i. Biographie des kais. russischen General-Lieutenants Georg von Emanuel (Ofen 1826, Universit. Buchdr.); – „Милош Обреновић“, d. i. Biographie des Fürsten Milosch Obrenowitsch (Ofen 1828, Univers. Buchdr.); – „Народне Српске нословице“, d. i. Serbische Sprichwörter (Cetinje [in Montenegro] 1836, Landes-Buchdr.); – „Montenegro und die Montenegriner. [466] Ein Beitrag zur Kenntniss der europäischen Türkei und des serbischen Volkes“ (Stuttgart und Tübingen 1837, J. G. Cotta), erschien ohne Namen des Verfassers; – „Одговор на Ситнице језикословне Г. Ј. Хаџића, = М. Светића“, d. i. Antwort auf philologische Kleinigkeiten des H. J. Hadschitsch = M. Svetitsch (Wien 1839, Mechithar.); – „Српске народне пјесме“, d. i. Dritte vermehrte Auflage serbischer Volkslieder. Bd. I–III (Wien 1841, 1845 und 1846, Mechitharisten); – „Одговор на Утук Г. М. Светића“, d. i. Eine philologische Streitschrift (Wien 1843, Mechitharisten); – „Одговор на лажи и опадање у Србскоме Улаку“, d. i. Entgegnung auf die Lügen und Verläumdungen im serbischen Courier (Wien 1844, Mechitharisten); – „Вука Стеф. Караџића и Саве Текелије писма високопреосвештеноме господину Плотону Атанацковићу, православноме владици Будимскоме о Српскоме правопису, са особитијем додацима о Српском језику“, d. i. Wuk Steph. Karadschitsch’s und Sabbas Tököly’s Briefe an den g. n. u. Bischof zu Ofen, Herrn Plato Athanakowitsch, über serbische Orthographie, mit besonderen Zusätzen über serbische Sprache (Wien 1845, Mechitharisten); – „Нови завјет“, d. i. Neues Testament (Wien 1847, Mechitharisten); – „Господину са два крста“, d. i. Eine Streitschrift über des Verfassers Uebersetzung des neuen Testamentes (Wien 1848, Mechitharisten); – „Српске народне пословице“, d. i. Neue vermehrte Auflage serbischer Sprichwörter (Wien 1849, Mechitharisten); – „Ковчежић за историју, језик и обичаје Срба сва три закона I.“, d. i. Schatzkästlein für Geschichte, Sprache und Sitten der Serben aller drei Religionen (Wien 1849, Mechitharisten); – „Lexicon serbico-germanico-latinum“ (Wien [Berlin, Reimer] 1852, 8°.); – „Приміери Српско-Славеиепкота Іезика“ (Wien [Berlin, Reimer] 1857). Mehrere seiner Abhandlungen, meist philologischen Inhaltes, sind in der von Demeter Dawidowitsch in Wien 1814–1821 herausgegebenen serbischen Zeitung, so wie auch in dem Pesther Journale: „Сербскій народный листъ“ für 1842 bis 1846 erschienen. Von den ersteren sind folgende auch besonders abgedruckt: „Писмо Г. Др. Д. Фрушићу“, d. i. Sendschreiben an Hrn. Dr. Fruschitsch, über den Unterschied zwischen der serbischen und der bulgarischen, oder südlichen und östlichen altslawischen Sprache; – „Додатак и Ст. Петербургсћим сравитељним рјечницима“, d. i. Zusatz zu den St. Petersburger sprachvergleichenden Wörterbüchern, mit besonderen Proben der serbischen Sprache; – „Српске народне приповијетке и загонетке“, d. i. Serbische Volksmärchen und Räthsel. K.’s wissenschaftliche Arbeiten sind nicht unbeachtet geblieben. Se. Majestät der Kaiser haben den Gelehrten mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph-Ordens, der König von Preußen mit dem rothen Adler-Orden 3. Classe ausgezeichnet. Die kaiserl. Akademie der Wissenschaften hat ihn im Jahre 1848 zum correspondirenden Mitgliede gewählt; überdieß ist er Ehrenmitglied der kaiserl. russischen Universität zu Charkow und der Gesellschaft für südslavische Geschichte und Alterthümer zu Agram und correspondirendes Mitglied der kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg, der kaiserl. geographischen Gesellschaft ebenda und der freien Gesellschaft der Freunde der Literatur, ebenda; der Jagiellonischen Akademie in Krakau; der [467] thüringisch-sächsischen Gesellschaft zur Beförderung vaterländischer Alterthümer; der königl. Societät der Wissenschaften in Göttingen; der Gesellschaft für russische Geschichte und Alterthümer zu Moskau, derselben zu Odessa; der Gesellschaft für serbische Literatur zu Belgrad und der königl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. – Seine Tochter Wilhelmine (geb. zu Wien um das Jahr 1834) erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung und gab nach verschiedenen Richtungen hin Beweise derselben. So übersetzte sie die von ihrem Vater gesammelten serbischen Volksmärchen in’s Deutsche und gab sie unter dem Titel: „Volksmärchen der Serben. In’s Deutsche übersetzt“ (Berlin 1854, Reimer, 8°.) heraus; sie hat es verstanden, mit feinem Geschick den Charakter und die Schönheit der Originale wiederzugeben. Auch erhielt sie, da sie Talent für die Malerei zeigte, Unterricht in derselben und wurde später eine Schülerin des Historienmalers Friedrich Schilcher. Das berühmte Madonnenbild „La Giardiniere“ kopirte sie in kleinerem Formate. Außer ihrer Muttersprache versteht und spricht sie geläufig die deutsche, italienische, französische und englische. Im Jahre 1858 vermälte sie sich mit dem Belgrader Professor Vukomanović, aber bald zerriß der Tod dieses Band und wie früher lebt die geistvolle Frau in Wien im Hause ihres Vaters.

Karadschitsch’s Name erscheint in allen Variationen geschrieben als Karačić, Karadzić, Karadzitsch, Karagich, Karajich u. s. w.; unter der von dem Herausgeber dieses Lexikons adoptirten Schreibart erscheint er im Almanach der kaiserl. Akademie der Wissenschaften und wird sich in der Aufzählung seiner Werke auch strenge nach dem von der kaiserlichen Akademie veröffentlichten Verzeichnisse gehalten. Auch muß bemerkt werden, daß, komisch genug, Karadschitsch in mehreren encyklopädischen Werken unter Wuk Stephanowitsch, welche beide sein und seines Vaters Taufnamen sind, aufgeführt erscheint. – – Almanach der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (Wien, Staatsdruckerei, kl. 8°.) Zweiter Jahrg. (1852), S. 244 u. f.; Neunter Jahrg. (1859), S. 82 und 123. – Časopis českého Muzeum, d. i. Zeitschrift des böhmischen Museums (Prag, 8°.) Jahrg. 1833, S. 38. – Nouvelle Biographie générale … publiée par MM. Firmin Didot frères sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris 1850 et s., 8°.) Tome XXVII, p. 452.Pierer’s Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart (Altenburg, H. A. Pierer, gr. 8°.) Vierte Auflage, 9. Band, S. 295. – Sartori (Franz Dr.), Historisch-ethnographische Uebersicht der wissenschaftlichen Cultur, Geistesthätigkeit und Literatur des österreichischen Kaiserthums (Wien 1830, Gerold, 8°.) 1. (u. einziger) Theil, S. 73. – Kukuljević-Sakcinski (Ivan), Slovnik umjetnikah jugoslavenskih, d. i. Wörterbuch der südslavischen Künstler (Agram 1858, L. Gaj, gr. 8°.) S. 132 [gibt Nachrichten über die Tochter des Wuk Stephanowitsch Karadschitsch, Wilhelmine]. – Porträte. In der von Anastasius Jovanović [s. d. Bd. X,[WS 1] S. 283, Nr. 1] herausgegebenen Gallerie von Porträten südslavischer Notabilitäten erscheint auch jenes von Karadschitsch.

Berichtigungen und Nachträge

  1. Karadschitsch, Wuk Stephanowitsch [s. d. Bd. X, S. 464], gestorben zu Wien 8. Februar 1864.
    Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1864, Nr. 40 (vom 19. Februar). – Allgemeine Zeitung (Augsburg, 4°.) 1864, Beilage Nr. 62 bis 64: „Biographie“ von Dr. Siegfried Kapper. [Bd. 11, S. 434.]
  2. E Karadschitsch, Wuk Stephanowitsch [s. d. Bd. X, S. 464, und Bd. XI, S. 434]. Das im ersten Nachtrage [Bd. XI, S. 434] dieses Lexikons angegebene Todesdatum (8. Februar 1864) Karadschitsch’s, welches sich in mehreren Lebensskizzen K.’s angegeben findet, muß nach dem Todtenzettel auf den 7. Februar 1864 berichtigt werden. Gar auffallend aber ist es, wenn ein ausschließlich den slavischen Interessen gewidmetes Blatt, wie Abel Luksić’ „Slavische Blätter“, die eine große Biographie Wuk’s bringen, den Gelehrten schon am 17. Jänner 1864 sterben lassen. Noch folgen hier unten mehrere Quellen, deren einige ausführlichere Mittheilungen über das Leben dieses berühmten Serben bringen.
    Národne novine, d. i. Volks-Zeitung (Agram, kl. Fol.) 1864, Nr. 33 u. 37. – Moravská Orlice, d. i. Der mährische Adler (polit. Blatt) 1864, Nr. 36 u. 37. – Národ, d. i. das Volk (Prager politisches Blatt) 1864, Nr. 49 u. 50. – Slavische Blätter. Illustrirte Monatshefte, herausg. und redigirt von Abel Lukšić (Wien, 4°.) I. Jahrgang (1865), S. 117, 144 u. 205. – Nachrichten von der Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften u. d. G. A. Universität zu Göttingen, 1864, Nr. 17. – Magazin für die Literatur des Auslandes, herausgegeben von Lehmann, 1864, S. 519: „Erinnerungen an poetische Zeitgenossen“. – Die feierliche Sitzung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 30. Mai 1864 (Wien, Hof- und Staatsdruckerei, 8°.) S. 60 [im Berichte des General-Secretärs der phil.-histor. Classe Dr. Ferdinand Wolf. – Porträt mit dem Facsimile des Namenszuges Dr. Wuk Steph. Karadschitsch. Vortrefflicher Holzschnitt (4°.), in Abel Lukšić’ „Slavischen Blättern“ 1864, 3. Heft. [Bd. 14, S. 493.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Bd. IX