BLKÖ:Colloredo-Melz und Wallsee, Joseph Maria Graf von

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 2 (1857), ab Seite: 427. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Joseph von Colloredo in der Wikipedia
Joseph von Colloredo in Wikidata
GND-Eintrag: 133473155, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Colloredo-Melz und Wallsee, Joseph Maria Graf von|2|427|}}

Colloredo-Melz und Wallsee, Joseph Maria Graf von (k. k. Staats- und Conferenzminister, kais. Feldmarschall und Großkreuz des Mar. Theresienordens, geb. zu Regensburg, den 11. September 1735, gest. zu Wien 26. November 1818). Ist ein Sohn des Rudolph Joseph, ersten Fürsten der Familie Colloredo (siehe diesen). Erhielt in seinem 17. Jahre eine Cornetstelle im Kürassier-Regimente Lucchesi, wurde als Hauptmann in das Regiment seines Oheims Nr. 20 übersetzt und bildete sich unter der Leitung des Obersten Grafen Lacy immer vollkommener für den Militärstand aus. Als im J. 1756 der Krieg gegen Preußen begann, war das Regiment, in welchem C. diente, eines der ersten, das zum Heere des FM. Grafen Browne stoßen mußte. Am ersten Schlachttage, dem vor Lobositz (1. Oct. 1756) traf er bei dem bereits im Kampfe begriffenen Heere ein. In dieser Schlacht zeichnete sich der Graf so aus, daß er zwei Rangstufen zurücklegend, zum Oberstlieutenant befördert wurde. 1757 [428] wohnte er den Schlachten bei Prag (6. Mai) und Görlitz (7. Sept.) bei, wurde in der ersten schwer, in der letzteren leicht verwundet, fiel zu Breslau in preußische Kriegsgefangenschaft und wurde nach seiner Auswechselung Oberst und Commandant des Lacy’schen Regimentes. Nach dem Hubertsburger Frieden (1763) wurde er zum Generalmajor und Oberlieutenant in der neu errichteten deutschen Garde, weiterhin zum FML. u. Inhaber des Inf.-Reg. Nr. 57 befördert, am 1. Jän. 1777 zum Hofkriegsrath ernannt, und später mit der Oberleitung der Militärgränze beauftragt. Im genannten Jahre begleitete er den Kaiser Joseph II. auf der Reise nach Frankreich. Die durch Preußens Rüstungen bevorstehende Kriegsgefahr wurde durch die Verhandlungen des Teschner Friedens beseitigt. C. wurde nach dem Rücktritt des Fürsten Kinsky zum Generaldirector der Artillerie ernannt. In dieser Stellung begann der Graf die Umbildung der östr. Artillerie. Sein erstes Augenmerk richtete er darauf, die Schußweite des Geschützes festzustellen und durch unermüdete Versuche auf der Simmeringer Haide eine feste Richtschnur dafür zu erschaffen. Ein Resultat dieser Bemühungen waren die trefflichen Tabellen der Tragweiten des Geschützes. C. begegnete ferner dem nachtheiligen Salpetermangel und sicherte den großen Bedarf durch die Aufstellung zweckmäßiger Anlagen für Salpeterwerke im Inlande. Er brachte die Feldartillerie auf einen erhöhten Stand, legte den Grund zur Pflanzschule tauglicher Officiere in den Regimentern durch Einführung von Cadeten und war überhaupt besorgt, jenen Mängeln u. Nachtheilen abzuhelfen, die damals noch in den meisten Zweigen der Erzeugung des Materials höchst nachtheilig für das Beste des Ganzen hervorträten. Bisher wurde der Guß des Geschützes von freiwilligen Pächtern zu ihrem Vortheile geleitet, und war nur unmittelbar der öffentlichen Verwaltung des Kriegswesens untergeordnet; Graf Colloredo schuf nun die Stückgießerei zu Wien als rein militärische Anstalt und bildete sie allmälig in der Form aus, in welcher sie bis auf die Gegenwart ihre Vortrefflichkeit bewährt. Auch hatte C. der zu Ebergassing aufgerichteten Bohrmaschine durch Verbesserungen in dem Maschinenwesen u. durch Errichtung eines dritten senkrechten Bohrwerkes größere Ausdehnung und Vollkommenheit gegeben. 1783 begleitete der Graf abermals den Kaiser auf einer Reise nach Ungarn, in das Banat und Galizien, um die Vertheidigungsfähigkeit der dortigen Gränzen, den Zustand der festen Plätze und ihren Werth zu prüfen. Bei seiner Rückkehr beseitigte er die Mängel bei der Erzeugung der Feuergewehre, welche bis dahin ebenfalls von Privatunternehmern verfertigt worden, gründete eine Gewehrfabrik und unterwarf sie der unmittelbaren Aufsicht des Militärs. Auf C.’s Vorschlag wurden die cylindrischen Ladstöcke allgemein in der Armee eingeführt, und den Jägern und Scharfschützen die Girardonischen Jägergewehre und Windbüchsen gegeben, deren Gebrauch in dem bald darauf erfolgten Türkenkriege sich als ganz zweckmäßig bewährt hatte. Sein Werk war auch die Errichtung der Büchsenmacherlehrschule in Steier. Ihm verdankt das östr. Geschützwesen jene treffliche Einrichtung und Ausbildung, welche dieses früher bedeutungslose Corps auf eine Höhe stellten, daß es mit den Artillerien anderer Mächte zuerst wetteifern, dann aber denselben als Vorbild dienen konnte. Im J. 1784 erwirkte er neuerdings eine Vermehrung der Artillerie und im Nov. dess. Jahres erfolgte die Errichtung des Bombardiercorps, in welchem die hoffnungsvollsten und verdientesten Männer der Feld-Artillerie vereint und in allem [429] was zur vollständigen und gründlichen Ausbildung in ihrem Fache gehörte, unterrichtet wurden. C. wurde hierauf zum FZM. ernannt. Beim Ausbruche des Türkenkrieges folgte er dem Kaiser zum Heere nach, welches den Feldzug mit der Eroberung von Sabacz an der Save eröffnete. Der Kaiser war mit C. bei dem Angriffe, welcher mit der Beschießung des Ortes begann, selbst gegenwärtig u. überzeugte sich bald von den Fortschritten, welche die Artillerie in der Anwendung ihrer Waffe gemacht, und die dem Heere im nächsten Feldzuge zur glänzenden Eroberung Belgrads verhalfen. Hier leitete C. in Person alle Arbeiten der Artillerie und war beim Sturme auf die Vorstädte, bei Einwerfung der feindlichen Pallisadirungen, beim Angriffe auf die Festung selbst, in den Laufgräben an den gefährlichsten Stellen zur Seite Laudons unermüdet thätig. Das ihm aus diesem Anlaß gebotene Großkreuz des Mar. Theresienordens zu tragen, versagte ihm die Demuth jenes Ordens, dessen Gelübde er früher abgelegt, denn der Graf war Großprior des Johannitterordens. Er wurde hierauf zum Feldmarschall ernannt. Als solcher erhielt er den Oberbefehl über die Beobachtungsarmee an der preußischen Gränze, bis der Reichenbacher Friedenscongreß die Verwickelungen auf dieser Seite löste. Hierauf trat C. mit neuen Vorschlägen zur Vermehrung der Artillerie, des Bombadiercorps und endlich mit einer ganz umgestalteten Verfassung der gesammten Feld- und Besatzungsartillerie auf, die durchgehends bewilligt, im Nov. 1790 in Ausübung gesetzt wurde. Nach Angabe des kenntnißreichen Oberstlieutenants Vega (siehe diesen) wurde eine Art neuer weittreibender Mörser gegossen, das Feuergewehr der Infanterie auf’s Neue vervollkommnet und in der Kleidung und Bewaffnung der Artillerie zweckdienliche Verbesserungen getroffen. Als die Eröffnung des Krieges 1805 den Erzh. Karl an die Ufer der Etsch rief, wurde C. zum Staats- und Conferenzminister ernannt, übernahm die Geschäfte des Kriegsministeriums und führte sie von 1809 an ununterbrochen. Inzwischen ließ C. neue Verbesserungsvorschläge für das Material des Geschützes prüfen und Versuche jeder Art, unter diesen auch die ersten Versuche mit Brandraketen auf der Simmeringer Haide vornehmen. In seiner Sphäre entwickelte er eine unausgesetzte, erfolgreiche Thätigkeit, die sich besonders 1813 und 1814 bewährte. Auch trug er auf die Errichtung eines neuen Artillerieregimentes, auf die Festsetzung des Standes der Artillerieregimenter zu 20 Compagnien, auf die Vermehrung der Chargen in denselben an und erhielt die Genehmigung dieser Vorschläge, welche am 1. Aug. 1816 in Ausübung traten. Als der Graf im hohen Alter von 80 Jahren starb, hatte er dem Staate 67 Jahre gedient. Als Soldat muthig, tapfer und gerecht, war der Graf als Mensch bescheiden, großmüthig, und wer die Summe seiner zu den edelsten Zwecken und meist heimlich gespendeten Wohlthaten in ihrem ganzen Umfange kannte, mußte der seltenen Herzensgüte des wackeren Helden die höchste Bewunderung zollen.

Ritter von Rittersberg (J.), Biographien der ausgezeichnetsten verstorbenen u. lebenden Feldherrn der k. k. östr. Armee (Prag 1828) S. 93 [ebenda auch dessen lith. Porträt]. – Oestr. milit. Zeitschrift, Jhrg. 1819, IV. Bd., 10. Heft, S. 72, von A. v. Weingarten. – Ersch (J. S.) und Gruber (J. G.), Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften u. Künste (Leipzig 1822 u. f., Gleditsch, 4°.) I. Sect. 18. Bd. S. 288. – Oestr. Militär-Konversations-Lexikon. Herausgeg. von Hirtenfeld und Dr. Meynert (Wien 1851) I. Bd. S. 734.