Aus der guten alten Zeit (Die Gartenlaube 1877/43)

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Titel: Aus der guten alten Zeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 725–727
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[725]
Aus der guten alten Zeit.
Zur Geschichte eines Märtyrers der guten Sache.[1]
I.

Wenn wir es versuchen, unsere Leser in eine Zeit voll Schmach und Jammer, voll unsäglicher Kämpfe und Opfer zurück zu versetzen, so können, wir dies nicht wirksamer bewerkstelligen, als indem wir Bilder aus dem Leben eines der vielen Märtyrer entrollen, welche damals so ergreifend tief in die Geschicke Deutschlands verwickelt waren.

Die Zeiten haben sich seitdem so völlig geändert, daß Gesinnungen, welche früher demagogisch und hochverräterisch genannt wurden, zu den alltäglichen und gesunden gestempelt worden sind, ja daß die Epoche der jammervollsten Justiz und des geheimen Inquisitionsverfahrens viel weiter hinter uns zu liegen scheint, als dies in der That der Fall ist.

Von dem gerichtlichen Verfahren von damals – wir meinen: in der vormärzlichen Zeit – kann freilich die heutige Generation selbst aus den Geschichtswerken über jene Zeit schwerlich sich ein richtiges Bild machen, und eben darum ist es doppelt nothwendig, solche Zeitbilder aus dem Leben eines unserer edelsten und gequältesten politischen Kämpfer mitzutheilen, ihrem Andenken zu Ehren und zur mahnenden Belehrung für die Gegenwart. Extreme Maßregeln haben stets extreme Richtungen hervorgerufen, und als die Reaction ihre höchste Blüthe erreicht hatte, da war es auch, wo sich aus der einen Seite das Herz und das Handeln der Ehrenmänner am gewaltigsten bäumte und auf der anderen der Servilismus bis zum Abscheu hervortrat. Gedenken wir der schmachvollen Processe am Anfang der dreißiger Jahre, der Processe eines Behr, Eisenmann und Wirth in Baiern, eines E. E. Hoffmann in Darmstadt – welche Männer! Und wie wurde ihre schönste und edelste Wirksamkeit gehemmt, ihre Kraft gebrochen! In Allem jedoch, was es Erbärmliches an willkürlichem Gerichtsverfahren in damaliger Zeit gegeben, that die kurhessische Justiz sich am glänzendsten hervor. Mit blutigen Lettern steht diese Zeit in Hessens Geschichte verzeichnet, dessen Justiz nicht nur einzelne, zum Glück berechtigte Menschenleben schmachvoll geknickt, sondern so dunkle Schatten über die ganze Zeit geworfen, daß man sie nicht oft genug der Gegenwart vor Augen führen kann.

Die Verhältnisse in Kurhessen, Ende der zwanziger Jahre, als die Reichenbach ihre Herrschaft im Lande geltend machte und nur der Stellung und Ansehen erringen konnte, der elend genug war, ihr zu huldigen, sind wohl noch heute unvergessen. – Die edle Kurfürstin hatte, unfähig ein solches Leid länger zu tragen, schon im Mai 1826 Kassel verlassen. Das Volk wagte, im wahren Sinne des Wortes, kaum zu athmen; die Lasten des Staates erdrückten es. Das Losungswort war und blieb: Geld! Geld für den Kurfürsten und für den unglaublichen Luxus der Gräfin Reichenbach. Man griff willkürlich das Eigenthum des Volkes an; kein Recht war mehr heilig.

So waren die Zustände in Kurhessen, als am Vormittag des 15. September im Jahre 1830 der Kurfürst, von einer unabsehbaren Menschenmenge vor seinem Schlosse gedrängt, den Forderungen des Volkes nachgab. Der Landtag wurde einberufen. Die Hochschule in Marburg wählte den Professer Sylvester Jordan zu ihrem Vertreter.

Trotz aller Versuche des landesherrlichen Commissars von Porbed und Eggena’s, des gewandten Gehülfen desselben, und trotz aller glänzenden Versprechungen, mit welchen man Jordan zu bewegen suchte, für den von der Regierung vorgelegten Verfassungsentwurf von 1816 zu stimmen, erklärte er denselben für gänzlich ungenügend und trat denjenigen Ausschußmitgliedern, welche dafür stimmten, weil sie fürchteten, die Unterhandlung würde sich sonst zerschlagen, mit aller Entschiedenheit entgegen.

Wenn nun auch manche Paragraphen der zum größten Theil von Jordan ausgearbeiteten neuen Verfassung Kurhessens beseitigt oder gemildert werden mußten, so setzte der Landtag doch diesmal seine Beschlüsse durch, und der Kurfürst mußte wohl oder übel am 5. Januar 1831 diese Verfassung unterzeichnen.

Am 11. April desselben Jahres wurde darauf der erste verfassungsmäßige Landtag einberufen. Jordan erschien abermals als Abgeordneter der Universität und setzte bei den wichtigsten Verhandlungen über Preßgesetz, Ablösung der Grundlasten etc. die ganze Kraft seiner Kenntnisse, seiner festen Gesinnung und seiner überzeugenden Redekunst ein.

Unterdessen hatte sich in Kassel und in der kurfürstlichen Familie Manches verändert. Der Kronprinz-Mitregent hatte sich, zu dem größten Leidwesen seiner Mutter, mit einer von ihrem Gatten erst losgekauften Frau vermählt, und das führte zu einem Zerwürfnisse zwischen Mutter und Sohn. Während das ganze Volk noch unter der Herrschaft der Reichenbach’schen Partei seufzte, kam jene berüchtigte Metternich’sche Partei an das Staatsruder, welche bis vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland allmächtig war. Unter ihren Hauptführern that sich der 1832 als Vorstand des Ministeriums des Innern nach Kassel berufene Hans Daniel Hassenpflug bald genug hervor. Im Juni 1832 erschienen dann, um das Maß voll zu machen, die „Beschlüsse des deutschen Bundes“, welche die Steuerverweigerung für Aufruhr erklärten und sowohl die Gesetzgebung der Einzelstaaten wie die Landstände selbst der Bundespolizei unterordneten.

Da war es für freidenkende Männer an der Zeit, die Rechte des Volkes zu wahren, und da war es, wo Jordan, entrüstet über die Bundesbeschlüsse, den Antrag stellte: „Die Regierung zu ersuchen, die gedruckten Verhandlungen des Bundestags sich zu erbitten und das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten für die dem kurhessischen Bundestagsgesandten ertheilte Instruction verantwortlich zu machen.“ Die Mehrzahl der Abgeordneten erhob Jordan’s Antrag zum Beschluß, aber das Ministerium des Innern (an der Spitze Hassenpflug) verschanzte sich hinter die Bundesacte und nannte das Vorgehen des Landtags „einen Eingriff in die Souveränetätsrechte“. Die Regierung hatte genug gesehen – einige Tage später wurde auf höchsten Befehl der Landtag aufgelöst.

Mit dieser Zeit beginnt die dornenvolle Laufbahn Jordan’s, die er mit dem Mannesmuthe der Ueberzeugung und dem reinen Herzen voll selbstloser Liebe für das Volk betrat.

Und das Volk fühlte diese Liebe und erwiderte sie. Es erwiderte sie mit all dem Jubel und der Wonne, welche nur die Herzen zu empfinden verstehen, die, gefoltert und gequält, endlich von einer barmherzigen Menschenhand sich den Weg vorgezeichnet sehen, der zu ihrer Erlösung führen könnte. Als Jordan im September 1832 mit seiner zweiten Gattin, nachdem ihm die erste in kummervoller Zeit gestorben war, in Marburg einzog, da gab sich diese Liebe kund, und kein angebeteter Fürst konnte ehrenvoller und herzlicher empfangen werden, als er es wurde.

In Schönstädt (Dorf und Schloß, etwa drei Stunden von Marburg entfernt) empfing ihn die reitende Bürgergarde; in Kölbe wurde er von einer Deputation der Stadt Wetter eingeholt und in einem wahren Triumphe nach Marburg geleitet. Am Elisabethenthore daselbst stand ein dreifacher Triumphbogen [726] aus Tannenbäumen und Eichenlaubguirlanden; der Magistrat und eine Deputation der Studenten empfingen ihn mit Anreden, und über hundert weißgekleidete Jungfrauen überreichten ihm als dem Verfassungssieger einen Lorbeerkranz mit Gedicht. Der Zug bewegte sich unter fortwährendem lauten Hochrufen in die Stadt; die Bürger mit den Stadtfahnen, die Bürgergarde und die weißgekleideten Jungfrauen gingen voran und viele Wagen folgten ihm bis zu seiner Wohnung. Abends war die Stadt erleuchtet und ein Festball zu Ehren der Neuvermählten gehalten. Die Fenster waren, als sich der Zug langsam durch die engen Straßen von Marburg bewegte, bis zum Erdrücken angefüllt – überall liebevolle Blicke, überall Grüße mit Blumen.

Daß diese Huldigung des Volkes, die zugleich eine Verdammung der Gegner der Verfassung und Jordan’s war, das Maß darbot für die Größe der längst beschlossene „Strafe“ des Gefeierten, hat der damals so Glückliche dies geahnt, als er der vor Freude weinenden Gattin tiefergriffen die Hand drückte?

Die Universität hatte ihn zwei Tage vorher wieder zu ihrem Deputirten gewählt, was einen wahrhaft enthusiastischen Jubel in der Stadt hervorrief. Jordan selbst schrieb darüber am 26. September an seinen Schwiegervater und Freund, den Geschichtsforscher Dr. Paul Wigand, die ahnungsvollen Worte:

„Mit vollem Herzen werde ich alle meine Kräfte dem Volke weihen, das mich so lieb hat, ob aber meine Wirksamkeit von Erfolg sein wird, das steht allein bei Gott. – – Meine Erklärung wurde dem akademischen Senat zur Aeußerung mitgetheilt, die leider noch nicht erfolgt ist. Unter solchen Umständen bin ich zu keiner ernsten wissenschaftlichen Arbeit aufgelegt; eine politische zu liefern, verbietet mir die Klugheit, indem man jeden Schein gern dazu benutzen würde, um wenigstes eine Untersuchung gegen mich zu veranlassen und so meinen Eintritt in die Kammer zu verhindern. Darum beschäftige ich mich in größter Zurückgezogenheit blos mit Lectüre, die Entwickelungen der Weltbegebenheiten betrachtend und erwartend.“

Indessen verlebte Jordan ein paar stille und freundliche Wochen im Kreise seiner Familie. Er hatte ja wieder ein glückliches, friedevolles Heim gefunden, und die Liebe, mit welcher die Kinder die junge, neue Mutter in ihren Herzen aufnahmen, machte ihn so froh, wie er schon lange nicht mehr gewesen war. Während der schönen Herbstferien unternahm er mit seiner jungen Frau weite Spaziergänge in der wundervollen Umgebung Marburgs, durchstreifte die dichten Wälder und war unermüdlich, die Seinigen aufmerksam zu machen auf Alles, was einen Einklang bieten konnte mit der Natur und der Menschenseele. Hatte er doch in einer einsamen und freudeleeren Kindheit zwischen den zerklüfteten Tirolerbergen[2] ihre Sprache verstehen gelernt, und mit wunderbar feinem Empfinden konnte sich seine Seele in ihre Schönheiten versenken und Kraft und Friede schöpfen für seine eigene Brust. In seinem innigen Verkehr mit der Natur, in seiner fast an Schwärmerei grenzenden Liebe für Alles, was sie bot, hatte er wohl die Keime genährt zu jener wunderbaren, fast unbegreiflichen Selbstlosigkeit und Ausdauer, mit welcher wir ihn seine späteren Leiden ertragen sahen.

Im Januar 1833 wurde der Landtag einberufen. Jordan fühlte an der Luft, welche im Ministerium in Kassel wehte, daß sich da keine Pflanze entwickeln konnte, welche Freiheit, Recht und Menschenliebe predigte. Ihn selbst erwartete nichts Gutes. Er hatte als Abgeordneter der Universität jetzt eben so wenig wie das erste Mal um die Genehmigung seiner Wahl gebeten, da nach § 71 der Verf.-Urk. die für Staatsdiener vorgeschriebene Genehmigung sich nicht auf Universitäts-Abgeordnete bezog. Trotzdem erhielt er einige Tage nach seiner Ankunft vom Ministerium den Befehl, bei zwanzig Thaler Strafe Kassel zu verlassen, sich auf seinen Posten zurückzubegeben und den Ständesaal nicht früher zu betreten, als bis er die Genehmigung zur Annahme der Wahl erhalten habe. Jordan – schon um den Rechten der Universität nichts zu vergeben – kam nicht um Genehmigung ein, sondern rief die Hülfe des Ausschusses an und verklagte das Ministerium wegen verfassungswidriger Handlungsweise bei dem Kasseler Obergericht. Dasselbe erkannte dahin, daß das Ministerium bei fünfzig Thaler Strafe jenen Beschluß, wonach Jordan Kassel verlassen sollte, sofort zurückzunehmen und nachzuweisen habe, wie dies geschehen sei; auch wurde dargethan, daß Jordan keiner Genehmigung bedürfe. In Folge dieses Beschlusses wurde der Landtag wieder aufgelöst. Hassenpflug wand fortan das Seil, welches unsern Jordan erwürgen sollte, mit geübter und geschickter Hand; wir könnten Bogen füllen, wollten wir alle Intriguen, welche hier mitspielten, flüchtig erwähnen. Man quälte und chicanirte ihn, wo man konnte – man verweigerte ihm die Gehaltszulage, deren Anweisung zur Unterschrift bei der Regierung lag, sowie die Auszahlung der Diäten, und als die Bürger von Kassel ihm das Ehrenbürgerrecht schenken wollten, verweigerte die Regierung ihre Genehmigung. In einer Unterredung, welche er vor seiner Abreise mit Hassenpflug pflog, erklärte ihm dieser, daß seine Wirksamkeit am Landtage verderblich sei, daß er ihn für ein Hinderniß des guten Einvernehmens zwischen Staatsregierung und Landständen halte und daß man es für eine patriotische Handlung von seiner Seite ansehen würde, wenn er auf ferneren Eintritt verzichte.[3]

Man kann sich denken, mit welchen Empfindungen Jordan damals Kassel verließ! Mit geschwächter Gesundheit und geknickten Hoffnungen kehrte er nach Marburg in den Schooß seiner Familie zurück. Wie sehr er auch hier ein ungetrübtes Glück fand, so litt er doch bei allen den kleinlichen Intriguen, welche nicht aufhörten, ihn zu verfolgen, namenlos. Dazu kam seine bedrängte pecuniäre Lage – denn die Hoffnung auf Gehaltserhöhung mußte er unter obwaltenden Verhältnissen ganz aufgeben; er mußte vielmehr neben seinen akademischen Vorlesungen überangestrengt arbeiten. Indessen hatte Jordan einen von Natur elastischen, heiteren Sinn. Die frische Alpenluft hatte ihn stark an Körper und Geist gemacht und in allen den furchtbar schweren Lebensstunden, welche sein Dasein in der Folge zu einer Marter gestalteten, hat er seine Familie getröstet und aufgerichtet und immer mit wahrhaftem Heldenmuth das Joch allein zu tragen versucht, welches wohl oder übel seine Familie mit treffen mußte und, wie wir bald genug fühlen sollten, so furchtbar mittraf.

Im November 1834 schrieb er an seinen Schwiegervater: „Wahrlich es thut noth, sich ein eigenes Leben zu bilden, um das wirkliche zu vergessen, und auf den Fels seiner eigenen Persönlichkeit eine Burg zu gründen, um sich vor den Fluthen der Zeit zu sichern. Diese Fluthen sind zwar seicht, allein auch seichte Fluthungen lockern den Boden auf – untergraben die Feste. – – Das Verhängte muß geschehen. Ich gehöre der Universität als Corporation ohnehin kaum mehr an – meine Stimme gleicht der des Johannes in der Wüste. Als Lehrer wirke ich fort. Hassenpflug war als Minister hier. Das Laufen, das Kriechen wie in einem Ameisenhaufen – oder als wenn der Herr ein gutes Stück Fleisch hungerigen Hundert vorhält! Daß ich zu Hause blieb, versteht sich von selbst – mich selbst werde ich nie verlieren.

Zu meiner momentanen Verstimmung trägt hauptsächlich der immer kläglicher werdende Zustand unserer Universität bei, deren Frequenz der theuren (freilich nur theuren) Berufungen ungeachtet von Semester zu Semester abnimmt, deren Geist des Zwistes und des frömmelnden Unsinns hingegen immer mehr um sich greift. Immer enger werden die Bande zusammengezogen, und die guten deutschen Fürsten sehen nicht ein, daß jeder Schritt, den der Bund in seinem System vorwärts thut, ihre souveräne Macht, die ohnehin längst nicht mehr besteht, beengt und ihr Ansehen bei den Völkern mindert. Die Armen! Um Schutz gegen ihre mißverstandenen Völker (die nur die Arme ausstrecken, um sie in Liebe zu umarmen, nicht aber, wie sie wähnen, um sie von ihren Thronen herabzustürzen) zu erlangen, entkleiden sie sich selbst ihrer Macht und betrachten die Fesseln, die ihnen angelegt werden, als hehren Schmuck. – Mittermaier, mein alter Lehrer [727] und Freund, schreibt mir, daß er in den Entscheidungsgründen eines deutschen Gerichtshofes gelesen habe: ‚In Erwägung, daß die Gemäßigten weit gefährlicher sind – weil sie ihren Plan besonnener anlegen etc. etc.‘ Siehst Du, wie weit es bereits gediehen ist, daß man sogar die Gemäßigten als Feinde fürchtet und nur unbedingt Kriecher und Knechte haben will.“

Noch zweimal versuchten es die Einwohner des Kreises Ziegenhain, Jordan zum Abgeordneten zu wählen; das erste Mal erhielt er von der Regierung keine Genehmigung, und das zweite Mal lehnte er, um alle Unannehmlichkeiten mit der Regierung zu vermeiden, die Wahl ab.

Er wirkte nun still als Lehrer in seinem akademischen Beruf, arbeitete viel, theils in gerichtlichen Gutachten und Processen, theils schrieb er wissenschaftliche Aufsätze, wie: „Die Jesuiten und der Jesuitismus“. In dieser Zeit hat er viel und genau die Geschichte Deutschlands studirt, und wer damals näher mit ihm verkehrte, erinnert sich gewiß, mit welchem Scharfsinn und welcher durchdachten Ahnung er die Dinge sich so gestalten sah, wie sie später wurden. Er schrieb darüber am 22. März 1837 an Wigand: „Das muß man den Preußen lassen, sie reformiren mit mehr Geschick und mehr praktischem Tact als anderwärts. Daß ich Recht habe, oder wenn Du willst, recht voraussehe, wird die Zukunft lehren.“

Wie sehr drückte ihn der träge, apathische Geist der damals Studirenden, dieses schlaffe Sichgehenlassen der Jugend, die weder sittliche Kraft noch Energie besaß, um sich aufzubäumen unter dem Druck der Zeit! „Es ist fast Alles nur Mechanik,“ schrieb er, „Mechanik des sauern Muß. So will man aber jetzt die Leute haben. Maschinen lassen sich leichter dirigiren als selbstständige Geister; der blinde Glaube ist beliebter als gründliches Denken. Die kleinen Universitäten hat Gott in seinem Zorn errichten lassen, zumal in Ländchen, wo man die Kartoffelblüthe höher hält als die Blüthe der Künste und Wissenschaften, und die Ignoranz sich dick und träge frißt an den materiellen Interessen und dummstolz das wahre Wissen als ein Ding belächelt, das man weder essen noch trinken kann.“

Was konnte man von einer Zeit erwarten, in welcher ein Referendar Kassel verlassen mußte, weil er am Geburtstage des Mitregenten mit einer schwarzen Halsbinde in’s Theater ging? Jordan fühlte, wie scharf der Wind war, welcher ihn von der Regierung her anwehte. Er hatte das bestimmte Gefühl, daß man in ihm das Princip verfolge und auf Mittel und Wege sann, einen Mann bei Seite zu schaffen, welcher es wagte, unverhohlen seine Meinung auszusprechen, sowohl auf dem Katheder, wie in den juristischen Aufsätzen, welche von ihm damals erschienen.

Aber bei allen diesen äußeren Unannehmlichkeiten, welche ihn unaufhörlich quälten, fand er Erholung und Trost im Kreise seiner Familie. Er verstand es mit seinem Empfinden aus jedem Lächeln seiner Kinder eine Quelle von Glück zu schöpfen, und wer ihn in dem Zimmer seiner Frau, auf ihrem grünen Leidenssopha (wie er es später so oft genannt) den Arm um sie geschlungen, sein jüngstes Töchterchen auf den Knieen, sitzen sah, der mußte sagen: „Jordan ist trotz Allem ein glücklicher Mensch.“ Nichts, was sich hier zutrug, war für ihn zu klein und unbedeutend; keine Arbeit der älteren Söhne ging achtlos an seinen Augen vorüber; kein Classenlob blieb ohne Echo im Herzen des Vaters. Sein ganzes Sein war ein Meer von unergründlicher Menschenliebe, welches seine stärksten und besten Fluthen auf die Glücklichen ausströmte, welche ihn ihr Eigen nannten. In den Pfingstferien 1839 machte er mit seiner Familie eine Erholungsreise zu seinem Schwiegervater, welcher indessen als Gerichtsdirector von Höxter nach Wetzlar übergesiedelt war.

Er wollte einmal den akademischen Staub von sich abschütteln und im Kreise aller seiner Lieben in der wunderbaren romantischen Umgebung Wetzlars glücklich sein. Hatte er doch kurz vorher noch die unangenehmsten Briefe von Herrn von Itzstein aus Karlsruhe erhalten, welche sich auf actenmäßige Darstellung der demagogischen Umtriebe in Württemberg bezogen, in welchen, für ihn unbegreiflicher Weise, von Itzstein, von Rotteck und er selbst als Betheiligte genannt worden sein sollten.

Diese Reise hatte alle seine Nerven erfrischt, und noch lange nachher sprachen seine Freunde dort von seiner anregenden Unterhaltungsgabe, seinem frischen Humor. Jetzt, nachdem er wieder daheim war, entluden sich endlich die Gewitterwolken, welche schon so lange über seinem Haupte geschwebt hatten. Kurz nach seiner Rückkehr wurde sein Haus von Polizei umstellt, von der Polizeidirection eine Haussuchung vorgenommen und ihm eine Verfügung des Ministeriums eingehändigt, welche seine vorläufige Amtsenthebung aussprach. Die Anklage gegen ihn lautete auf „Versuchten Hochverrath durch Theilnahme an einer hochverrätherischen Verschwörung und auf Beihülfe zum versuchten Hochverrath durch Nichtverhinderung hochverräterischer Unternehmungen.“ Die Haussuchung ging vor sich; alle Briefe und verdächtig scheinenden Papiere wurden confiscirt und Jordan’s Schreibtisch, Secretär, Kommode etc. versiegelt.

Das war eine Verwirrung im Hause – ein Donnerschlag, wie er grausamer und raffinirter nicht ausgesonnen sein konnte. Seine ohnehin leidende Frau war fassungslos; die älteren Kinder bebten vor Entrüstung und Angst, und die Kleinen weinten, weil sie instinctiv fühlten, daß sich hier etwas Schreckliches ereignen müßte. Nur Jordan selbst blieb ruhig; unerschütterlich fest fügte er sich der Gewalt. Mit Sanftmuth und Geduld tröstete er die Seinen, mit immer gleicher Liebe – welche ihn nie verließ – bis zu seiner Todesstunde. Damals ahnte er freilich noch nicht, wie weit man gehen werde. Aber was brachte nicht diese gerichtliche Inquisition damals fertig!

Das Schrecklichste sollte noch kommen, und kein Glied unserer gefolterten Familie wird jemals die Stunde vergessen, in welcher der von Allen so Heißgeliebte vergebens aus dem Verhör zurück erwartet wurde.

Es war Mittagszeit; der Tisch war gedeckt. Man wartete eine schwere, unendlich lange Stunde. Die Kleinen klammerten sich verständnißlos an das Kleid der Mutter; sie verlangten nach dem Vater und nach dem – Essen. Die Größeren standen stumm und sahen scheu und angstvoll in das bleiche Antlitz Derjenigen, welche wohl allein das Verhängniß ahnen mochte, welches über diesem unglücklichen Hause schwebte. Da endlich hörte man das laute Schellen der Hausglocke. Starr und bebend horchte Jedes. Das war nicht des geliebten Vaters Schritt, der sich immer so freudig und schnell über die Treppen schwang. – Ein leises Klopfen, und den Hut in der Hand, das Gesicht voll unverkennbarer Schadenfreude (die er während der ganzen Untersuchungszeit gezeigt) zu einem höflichen Lächeln verzerrt, trat der Untersuchungsrichter Wangemann in das Zimmer. „Der Herr Professor wird heute nicht zu Tisch kommen – er ist verhaftet worden.“

Ein herzzerreißender Angstruf aus der Brust der gequälten Frau unterbrach seine weitere Erörterung, die er sich nicht hatte nehmen lassen, selbst in höchsteigener Person zu überbringen. Der sechszehnjährige älteste Sohn Jordan’s sah bittend in sein Gesicht, indem er scheu auf die Mutter zeigte, und besänftigend fragte: „Das kann doch nur auf einem Irrthum beruhen? Die Sache wird sich gewiß in einigen Tagen aufklären.“

Noch einmal ertönte die Stimme des Richters, welche, hart und unnahbar, alle Dissonanzen der Herzlosigkeit für die Jordan’sche Familie in ihrem Tone trug: „Die Sache kann voraussichtlich sehr lange währen.“ Und mit einem teuflischen Lächeln im Gesichte verbeugte er sich und verschwand.

Also verhaftet! Er, der nur das Beste gewollt, das Edelste erstrebt auf dem Wege des Rechts – er, der seiner Familie Schutz und Schirm war, die einzige Stütze einer leidenden Frau – er saß jetzt allein und verlassen da oben im Zwinger zwischen Mördern und Räubern, allein mit seiner Qual und seinem Weh.

Als einige Wochen später seine Frau verstört und ruhelos in frühester Morgenstunde hinausflüchtete auf den Schloßberg und jammernd an der Mauer lehnte, von welcher sie den Thurm sehen konnte, wo Jordan saß – da schaute ein bleiches Antlitz hinter dem Gitter hernieder; zwei große, heiße Menschenaugen schweiften über die fernen Thäler, und eine zitternde Hand schrieb Zeilen voll erschütternder Klagen auf ein Blatt Papier, welches in dem überreichen Schatz des Jammers unserer Familie als eine Perle bewahrt wird.



  1. Die vorstehenden Mittheilungen verdanken wir einem Familiengliede des Jordan 'schen Hauses; sie ergänzen die Schicksalstragödie des hessischen Märtyrers durch interessante Züge, die sich bisher der Oeffentlichkeit entzogen haben, und gewähren uns einen Einblick in die traurigste deutsche Vergangenheit.
    D. Red.
  2. Sylvester Jordan ist in dem kleinen Weiler Omes bei Innsbruck (am 30. December 1792) geboren, wo sein Vater ein armer Schuhmacher war.
  3. Derselbe Hassenpflug hatte vorher versucht, dem gefürchteten Volksvertreter „hinterrücks beizukommen“, ihn moralisch unmöglich zu machen. Zu diesem Behufe mußten feile Dirnen zu Hülfe genommen werden, von denen eine einen Landtagsdeputirten, der „mit Jordan identisch“ sein sollte, als gute Kundschaft angab. Darauf hin ließ der Herr Minister durch dritte Hand Jordan warnen, zum Landtage nach Kassel zu kommen weil sonst „die Staatsregierung sein sittliches Betragen dem Publicum bloß stellen würde“. Jordan würdigte den Brief keiner andern Beachtung, als daß derselbe ihn erst recht bestimmte, die Wahl zum Landtag anzunehmen. – Solche Thaten verdienten es, daß ihr Urheber, als das damalige preußische Reactions-Ministerium ihn in seinen Dienst berief, vom ganzen Volk zurückgewiesen wurde als „der Hessen Haß und Fluch“.