Aus alten Zeiten/Traute Heimat

Lauter Scheiden Aus alten Zeiten
von Paul Seeberg
Johannisabend (1824)
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5. Traute Heimat.




Dreißig Jahre früher war unseres Großvaters Mutter, damals noch Propstin Reimer, des Weges von ihrem Elternhause Rönnen nach Durben gefahren. Es war ein hübscher Punkt an dieser Straße, wenn man Kabillen hinter sich hat und der schöne Birkenwald beginnt mit seinen riesigen Alten und dem schlanken, weißstämmigen Nachwuchs, der sich dazwischenflicht. Plötzlich schließt der Wald ab; ein weites fruchtbares Gefilde thut sich auf, in dessen Mitte auf einer kleinen Erhöhung, weithin sichtbar, die alte Kirche von Wahnen steht. Der Tag neigte sich, die Strahlen der scheidenden Sonne übergossen Turm und Wand des stillen Gotteshauses mit rötlichem Schimmer; die Fenster desselben und die Kugel mit dem Hahn auf der Turmspitze glühten goldig, als der Wagen um die Ecke bog und seinen Weg nach rechts einschlug. Fruchtbare Felder ringsum, weiter­hin rechts, am Saum des Birkenwaldes das alte Pastorat, nach links, jenseits der Felder, der malerische, lang hin­gestreckte Teich mit der Mühle, an dem jenseitigen, teilweise höheren Ufer desselben, dichtbelaubter, dunkler Wald, – es war ein Landschaftsbild, das man nicht leicht vergißt und das durch die friedliche Abendstille nur desto beweglicher zu der Seele der Reisenden sprach.

„Sollte Gott mir einen Sohn schenken, – hier sollte er Pastor sein!“ – sprach sie bei sich selbst. Wieviel [84] hundert ähnlicher Gedanken und Wünsche gehen durch ein Mutterherz, ohne daß sie je zur Erfüllung kommen! Hier aber war’s, als hätte Gott das stille Herzenswort mit Wohlgefallen gehört und zu ihr, wie einst zu Hanna gesprochen: ,Was du bittest, soll geschehen!‘ – Nicht gar­ lange nach dieser Fahrt genas die Propstin des Söhnleins, von dem wir schon oft geredet haben. Dreißig Jahre vergingen, – und dieser Sohn kehrte als ein hübscher junger Mann aus dem Auslande zurück in die traute Heimat. Welch ein Wiedersehen nach so viel Jahren der Trennung! Er fand die Mutter, wie gesagt, zum zweitenmal Witwe, Binchen und auch die beiden andern Schwestern verheiratet. Im Hause des Stiefvaters hatte erstere den Instanzsekretär Reck kennen gelernt, einen wohlbehaltenen, geachteten Mann. Ihr ansprechendes Äußere, noch mehr ihre feinere Bildung hatten auf ihn Eindruck gemacht. Obgleich er schon die Fünfzig auf dem Rücken hatte, und es fast schien, als habe er dem Ehestand entsagt, entschloß er sich doch, um sie zu werben; anderseits nahm sie keinen Anstand, dem braven Mann, trotzdem, daß sie fast dreißig Jahre jünger war, die Hand zu reichen. Ob es ohne Kampf in dem kleinen Herzen abging, wissen wir nicht. Von Romantik war wohl jedenfalls keine Spur dabei. In jener Zeit gab’s ja über­haupt nichts von „Honigmonaten“ und „Hochzeitsreisen,“ wie sie jetzt bei auch nur mäßig bemittelten Leuten an der Tagesordnung sind. Aber als der Mann schon am Tag nach der Hochzeit der jungen Frau einen Haufen alter Wäsche zum Bessern brachte, – war’s ihr doch der Prosa zuviel. Sie nahm die Arbeit wohl vor, aber ihre stillen Thränen flossen auf sie herab. Der Mann, der nach einer Weile zurückkam und die geröteten Augen bemerkte, war ver­ständig genug, seinen Fehlgriff einzusehen und seinem jungen Frauchen die Arbeit wegzunehmen. Nach manchem freundlichen [85] Wort schlug er für den Tag noch einen Besuch bei den lieben Nachbarn vor, und alles war wieder im richtigen Geleis.

Man muß aber nur ja nicht denken, daß unser Binchen als „Frau Instanzsekretärin“ den Pflichten einer Haus­frau überhaupt nur widerwillig entgegengekommen sei. Sie wußte sehr gut, welches der beste Weg zum Herzen des Mannes ist, und achtete auf jeden seiner Wünsche. Freilich kam ihr, die auf dem Lande erwachsen war, wo Stall und Feld fast alles liefern, was man zum Leben nötig hat, ohne daß es jedesmal des bedürfte, den Beutel zu öffnen, das Haushalten in der Stadt mit dem täglichen Geld­ausgeben etwas fremd, ja fast wie Verschwendung vor, und als sie einmal, von solchen Gedanken fortgerissen, dem Fleischermeister den Vorschlag machte, ihm das Fleisch laut Taxe zu bezahlen, aber die Knochen, die dabei waren, nicht, – so war’s freilich ein gutgemeinter Anlauf zu weiser Ökonomie, – der aber dem guten Meister nur ein verwundertes Lächeln und bescheidenen Protest abgewann, da ihm dergleichen in seiner Praxis noch nicht vorgekommen war. Doch dergleichen Lebhaftigkeiten schleifen sich allmäh­lich ab und man findet sich nach und nach in seine Verhältnisse. So war’s auch hier. Alles ging gut; sie füllte ihren Platz mit Ehren aus, und wenn sie später auf die siebzehn Jahre ihres Ehestandes zurückblickte, so stand sie nicht an, zu sagen, sie seien die glücklichsten ihres Lebens gewesen. Gewiß war das aus ihrem Herzen gesprochen und um so tiefer empfunden, als die Tage der Heim­suchung bald genug über sie hereinbrachen. Ihrer sei gleich an dieser Stelle gedacht. Ihr einziger, nur allzu heiß geliebter Sohn, obschon er aus dem damaligen Gymnasium academicum zu Mitau bis zum Titel eines Notarius publicus gediehen war, ergab sich dem Nichtsthun und brachte nur Gram und Thränen über die arme Mutter, die selbst [86] wieder in fremde Häuser ging und Jahre und Jahrzehnte lang die Bitterkeiten abhängiger Stellungen trug, um ihm alles zuzuwenden. Ihre blühende, mit Schönheit reich aus­gestattete Tochter, die dem Obersten von Osterhausen ihre Hand gereicht hatte, zog ins ferne Rußland und beschloß früh ihre Erdentage, ohne je wieder der Mutter Antlitz gesehen zu haben, – und das Einzige, was ihr blieb, war ihre von Pocken entstellte und kränkliche Tochter; sie war’s, die bei ihr weilte in den Tagen der Krankheit und die auch einst ihr die Augen schloß. – Wie barmherzig ist Gott, daß er uns unseres Lebens Geschicke verschweigt! Wer könnte es tragen, wer fände noch Freude an der Freude, wer hätte noch Mut zum Schaffen und Wagen, wenn er vorauswüßte, was jeder Tag ihm bringen soll! Laßt uns zufrieden sein, daß wir die großen Grundzüge und das herr­liche Ende kennen: „durch Kreuz zur Krone!“ Es ist genug.

Jenes Pastorat nun, an welchem einst die Propstin Reimer vorüberfuhr, war durch den Tod des alten Pastors Rode vakant geworden, als ihr Sohn zur Heimat zurückkehrte, und ward ihm zu teil. In Erinnerung an ihre noch unvergessene Fahrt erschien es der Mutter in ganz besonderem Sinne als eine Gottesfügung, daß gerade dies die Stätte seiner Arbeit werden sollte, und voll Zuversicht auf Gottes weitere Gnade zog sie zu dem Sohn, um ihm den Haushalt zu führen.

Freilich ermutigend war der Eintritt nicht. Die alte Pastorin Rode empfing ihn mit den Worten: „Warum haben Sie sich dies Pastorat gewünscht? Seide werden Sie hier nicht spinnen. Es ist nur ein Eierpastorat.“ (Sie wollte damit sagen, daß außer den Eiern, welche die Bauern bei Gelegenheit von Amtshandlungen dem Pastor brächten, hier nichts zu holen sei.) Und in der That, wer das ver­fallene, den Einsturz drohende, alte Wohnhaus und die in [87] ähnlichem Zustande befindlichen Nebengebäude ansah, die heruntergekommenen, elenden Felder, der fand eine Bestätigung dieser Worte. Es hätte einer starken und in ländlicher Wirtschaft erfahrenen Hand bedurft, um hier emporzukommen. Unser Großvater besaß weder Neigung, noch Kraft dazu, und war erst froh, als er die Landwirtschaft ganz in andere Hände gegeben hatte.

Nicht besser sah es im Gotteshause selbst aus. Freilich, wenn man die starken, allerdings etwas rohen Mauern, die schwere Spitzbogenthür am Eingang und den Turm betrachtete, so ward einem klar, daß einst opferwillige Hände hier gewaltet und gebaut hatten. Noch mehr legte das Innere Zeugnis davon ab. Im Mittelgange fesselten die Grabsteine Salomo von Hennigs und seiner Gemahlin zunächst die Aufmerksamkeit, beide knieend und betend dargestellt, er in spanischer Tracht, sie in der sittsamen Kleidung des 16. Jahrhunderts; über ihnen der Spruch: ,Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden, fals allein Jesus Christus’ (Apg. 4, 12). Die Grabstätte des Gründers dieser Kirche war in den Augen der Gemeinde noch immer geheiligt. Wie groß auch das Gedränge war, keiner der Bauern schritt geradeswegs über die Leichensteine hinweg, jeder suchte zur Seite vorüberzukommen. Am Orgelchor, an den vorderen Bankreihen, an der Kanzel, am Altar war sinnvolle Bildschnitzerei auf schwarzem Grunde, das Schnitzwerk durchweg vergoldet. Das hohe, schöne Altarblatt war vor­ allem sehenswert. Zu beiden Seiten in schwarzen Nischen die in Holz geschnitzten und vergoldeten Apostel Petrus und Paulus, im Mittelfelde, unmittelbar über dem Altar, eingerahmt von zwei schwarzen Säulen mit goldnem Rebengewinde, die Einsetzung des heil. Abendmahles mit der Unterschrift: „Mein Fleisch ist die rechte [88] Speise und mein Blut ist der rechte Trank“ (Joh. 6, 55). Das Bild war ein Holzbasrelief, vergoldet. (Die Kreuzigung war an beiden Seitenwänden der Altarnische auf großen, fast bis zur Decke reichenden Ölgemälden dargestellt, die Familien der Stifter knieend unter dem Kreuz.) – Im zweiten Felde des Altarblattes sah man die Auferstehung des Herrn, im dritten Christus als Weltrichter, mit An­lehnung an die Psalmstelle 7, 13. Die Spitze des Altar­blattes bildete die Figur eines Engels mit der Posaune. Auch sonst waren zwischen den Einzelfeldern und Verzie­rungen Engelsköpfe mit Flügeln oder Engelsfiguren angebracht. – Wieviel Predigt, wieviel Erbauung, einfache, volkstümliche, erweckliche Erbauung in diesem Altarblatt, das wahrlich viele unserer neueren Kompositionen beschämt! Freilich hatte die Schnitzerei ihre Mängel, und besonders störend war für den Kunstsinn der Gegenwart, daß die Gesichter, die Hände und Füße fleischfarben angemalt waren. In einer andern, ähnlich geschmückten Kirche fand ich die Gesichter und Hände einfach weiß gehalten, was einen ent­schieden bessern Eindruck macht. Die Kleider waren durch­weg vergoldet. Es handelt sich ja aber hier auch gar nicht um die Kunst; wir freuen uns des geistlichen Lebens, das in dem Gebilde waltet, und das uns noch jetzt mit ergreift, des frommen, lautern Sinnes, der zu uns spricht, unverfälscht, wie das Gold, das auf dem Bildwerk ruht und durch bald dreihundert Jahre seinen reinen Glanz bewahrt hat.

So war sie einst ausgestattet, die liebe, alte Kirche zu Wahnen. Und doch weckte das Ganze in der Zeit der Amtsführung meines Großvaters und in meiner Kindheit nur ein Gefühl der Wehmut, denn während man des Glaubens und der Liebe der frommen Stifter sich freute, blieb einem die Gleichgültigkeit der Nachfolger nicht verborgen. Vieles war morsch, verfallen, viele Bänke kaum benutzbar. [89] (Das alles ist im Laufe der Zeit glücklicherweise ganz an­ders geworden. Die Barone A. v. Hahn (Wahnen) und P. v. Hahn (Asuppen) haben der Kirche wieder eine Orgel geschenkt und das liebe Gotteshaus mit möglichster Konservierung des alten Schmuckes trefflich wiederhergestellt.) Auf dem Orgelchor stand längst keine Orgel mehr; es war allerdings einst eine da gewesen und dazu natürlich auch ein Organist und Kantor, aber jetzt war beides spurlos verschwunden. Das Werk war verfallen; die bleiernen oder zinnernen Pfeifen waren schließlich von den wüsten Junkern zu Rehposten verschmolzen worden; die Organistenstelle war eingegangen, wie manches andere noch. Sogar das Siechenhaus, das die Väter gestiftet hatten, war räuberischen Händen verfallen und bestand nur noch wie zum Spott als Krug [1][90] fort. Dieser Eindruck der Vernachlässigung wiederholte sich auch noch bei dem Anblick des alten, wenig gepflegten Grabgewölbes, das sich unter der Kirche befand. Es war für die Familien der adeligen Insassen der W.schen Gemeinde bestimmt. Nur geöffnet, wenn ein neuer Bewohner hinab­zutragen war, bot es in der Zwischenzeit der fortschreiten­den Fäulnis den freisten Spielraum. Wie sie da alle nebeneinander standen, und die Särge groß klein, von den ältesten Zeiten her, – manche schon gänzlich aus den Fugen gegangen, vermodert und zerfallen! Nicht leicht konnte ein schärferer Gegensatz und ein ergreifenderes Bild irdischer Vergänglichkeit gedacht werden, als die Gerippe, die hiebei sichtbar wurden, zum Teil noch in wohl erhaltene Seiden­lappen gehüllt, welche die Würmer nicht angetastet hatten, während alles übrige ihnen zur Speise geworden war.

Und doch hatte die Gemeinde ihr Gotteshaus so lieb! Es war ein herzerfreuender Anblick, wenn sie am Sonntag von allen Seiten zu Fuß, zu Wagen, zu Pferde zusammen­strömten, die buntgekleideten Scharen, alle festlich angethan. Arm war das Volk, – es war ja noch in der ersten Hälfte der Amtsthätigkeit unseres Großvaters die Zeit der Leib­eigenschaft, – oft bitter arm, nicht durch die Leibeigen­schaft allein, oft auch durch Mißwirtschaft der Herren und noch mehr der Verwalter, oder, wie wir schon sahen, durch andere Ursachen, durch Pest, Hungersnot und Kriegsnot; – arm, aber was es in seiner Armut aufbringen konnte, seinen ganzen Schmuck that es an am Tag des Herrn; es war, als wollte es nach sauern Frohntagen im festlichen Gewande im Hause Gottes all seines Erdenelends vergessen. Eignes Ge­spinst war das Kleid, eignes Gewebe, meist grell gefärbt, – [91] kein modischer Flitter noch, – der Altväter, der Altmütter Tracht. Aber gerade so gefällt die Landgemeinde jedem Verständigen am besten; denn das ist ihre ungefälschte Eigenart.

Der Gottesdienst begann mit den Morgengebeten, die der Küster vorlas, und die fast jeder auswendig wußte, auch die, welche nicht zu lesen verstanden, wie es deren damals, als mein Großvater ins Amt kam, leider noch viele, sehr viele gab. Es war wie Meeresrauschen, wenn die ganze große Gemeinde halblaut die Worte des Gebetes mitsprach, es war etwas Ergreifendes in dieser Einmütigkeit, und wäre es noch viel mehr gewesen, wenn man sich der Zuversicht hätte hingeben können, daß hier nicht bloß tausend Stimmen, sondern auch die Herzen alle mit den Worten seien! Jetzt der Gesang! Jeder, der lesen konnte, hatte sein altes, braunes, vielfach abgegriffenes Gesangbuch mit, oft ein teures Erbstück. Wie wert es den Leu­ten war, that sich noch in meinen Kindheitstagen oft in rührender Weise kund. Gebunden und wieder gebunden, zerlesen, verbraucht, oft ein Bruchstück nur, ohne Anfang, ohne Ende, wurden sie immer aufs neue zum Ausbessern gebracht. Wie manches habe ich unter meinen Händen ge­habt und immer herzlichste Freude und wärmsten Dank laut werden sehen, wenn es gelungen war, den treuen Seelen­freund wieder etwas in stand zu setzen und weiter gebrauchs­fähig zu machen. Das später von der Tyrannei des Ra­tionalismus vorgeschriebene und offiziell eingeführte Ge­sangbuch hatte in dieser Gemeinde niemals Fuß gefaßt. Jeder, der lesen konnte, fiel mit kräftiger Stimme ein, aber nicht bloß diese, auch viele, die nicht zu lesen ver­standen, sangen mit; denn mit staunenswertem Gedächtnis pflegten gerade diese die oft gehörten Gebete und Gesänge zu bewahren. Freilich von dem Gesang der Gemeinde in jener orgellosen, ungeschulten Zeit hat man jetzt kaum noch [92] eine Vorstellung. Wie es nicht anders sein kann, schleichen sich bei hundertjähriger, rein mündlicher Tradition Abweichungen von der Grundmelodie ein, die sich in der einzelnen Gemeinde festwurzeln. Aber trotz aller Verstöße gegen die kirchliche Tonkunst hat solch ein frischer, gewaltiger, tausendstimmiger Gemeindegesang etwas Erhebendes, und was man auch in musikalischer Hinsicht aussetzen mag, — wer hätte sie nicht lieber, die Gemeinde, die kunstlos, aber aus Herzensgrund dem Herrn ihre Lieder singt, als jene, die nur singen und spielen läßt! Selbstverständlich konnte in dem ersten Fall der Vorsänger, der hier statt der Orgel Stütze und Führer sein sollte, nur ein Mann aus der Gemeinde sein, oder wenigstens nur ein solcher, der all diese Weisen gründlich inne hatte. Die Kunst eines Fremden wäre hier ein verlorner Kampf gegen die Übermacht gewesen. Ein solches, prächtiges und unvergeßliches Exemplar dieser naturwüchsigen Gemeindevorsänger hatte sich noch bis in meine Kindheitszeit ver­erbt, ein alter, hagerer Mann, der uns Knaben gar freund­lich begegnete, wenn wir in dem Bach vor seinem „Gesinde“ krebsten. Vor Jahren mochte der gute Alte wohl auch eine kräftige Stimme gehabt und seines Amtes ohne Tadel ge­wartet haben, jetzt war sie merklich dahin, und wenn er, um dem Mangel abzuhelfen, leider ein Schlückchen mehr als nötig war, genommen batte, dann konnte er oft nicht den richtigen Ton finden oder geriet wider Willen aus einer Melodie in die andere: ja die ganze Gemeinde wäre dadurch in die heilloseste Verwirrung geraten, wenn mein Vater ihm nicht in der Rehdsen-Trine eine durchaus zuver­lässige Adjunktin gegeben und sie vorsorglich in die Kanzel­nähe postiert hätte. Diese, eine brave, wackere Frau in gesetzten Jahren, die alle Melodien noch viel fester inne hatte, als unser alter Vorsänger, sprang in solchen Momenten dem ratlosen Feldherrn mit ihrem Sopran bei, der [93] scharf wie ein Rasiermesser war und bis in den letzten Winkel der Kirche hineinschnitt, und brachte die umherirrende Gemeinde glücklich wieder ins richtige Geleis.

Um an dieser Stelle mit dem armen Alten abzuschließen und dabei zugleich eine bescheidene Warnung vor ungeratenen – Hunden einfließen zu lassen, mag hier auch einer Begebenheit Erwähnung geschehen, deren peinliche Erinnerung mir noch von meiner Kindheit geblieben ist. Da war’s, wo ich den alten Muhreneek zum letzten Male sah. Der Alte, der wie gesagt, im lettischen Gottesdienst das Amt eines Vorsängers hatte, versah im deutschen die Stelle eines Kirchendieners oder Pförtners. Unglücklicher­weise geschah es, daß einmal zwei nichtsnutzige, kleine, schwarze Köter ihren Herrschaften nachgelaufen waren und in einem unbewachten Augenblick sich in die Kirche hinein­geschmuggelt hatten, wo sie mit ihrem Herumjagen und Gekläff die widerwärtigste Störung anrichteten. Der alte Pförtner suchte sich ihrer zu bemächtigen, aber sei es, daß angeborne Schwäche ihn hinderte, sei es, daß gerade ein schwaches Stündchen über ihn gekommen war, kaum war er dem einen nah, so entwischte ihm der andere. So ging es fort, bis er endlich beide in eine Ecke gedrängt und glücklich an den Hinterbeinen ergriffen hatte; die Herrschaft, der die Hunde angehörten und die doch wahrscheinlich in der Kirche war, that keinen Schritt, um dem Alten zu Hilfe zu kommen. Dieser legte die Hunde wie ein paar Scheite Holz über seine Schultern und schritt dem Ausgange aus der Kirche zu, um die unverschämten Friedensstörer aus dem Gotteshause zu schaffen. Diese aber, welche ihre Lage in hohem Grade unbequem fanden, räch­ten sich dafür an seinem Nacken und seinen Ohren, und brachten den armen Alten so aus allem moralischen und körperlichen Gleichgewicht, daß er schließlich stolperte und [94] fiel, glücklicherweise ohne seine Beute loszulassen. Aber das Zappeln der Hunde, ihr erbärmliches Geschrei und die Bemühungen des Alten, wieder auf die Beine zu kommen, verursachten die peinlichste Wirkung. Jeder war froh, als der Skandal zu Ende war.

War es, wie gesagt, in der lettischen Gemeinde in jener orgellosen und vorschulmeisterlichen Zeit mit der Kunst des kirchlichen Gesanges recht kümmerlich bestellt, so sah es in dem deutschen Gottesdienst, der außer den Festen am ersten Sonntag jedes Monats gehalten wurde, noch trauriger aus. Freilich solch einen Virtuosen im Vorsingen, wie ich ihn noch vor 34 Jahren in meiner kleinen orgellosen Filial­kirche am Strande fand, trifft man nicht leicht zum zweiten Male. Der gute, bereits achtzigjährige Mann hatte seine Melodien vermutlich einst im Kampfe mit Sturm und Brandung eingeübt; aber das war nicht das Merkwürdigste an ihm. Offenbar mußte er zu Zeiten eine Orgel gehört haben, und natürlich die Choräle, wie damals leider Sitte war, mit Zwischenspielen. Um nun seiner Gemeinde keinen Genuß vorzuenthalten, sang er Zwischenspiele eigner Invention, — eine Verschönerung des Kirchengesanges von so seltener Art, daß sie, wie ich nun voraussetzen muß, nur wenigen meiner Amtsbrüder begegnet sein wird. Wenn nun auch der „teutsche Vorsänger“ Sommerfeld an der Wahnenschen Kirche in solcher Beziehung weit hinter diesem seinem Kollegen zurückstand, so war er doch in seiner Weise genial, und was Textveränderungen anlangt, den kühnsten Meistern dieser zweifelhaften Kunst gewachsen. Was er nicht verstand, — wie solches leider oft genug vorkam, da er, Leineweber von Profession, eigentlich nach Neigung und Beruf Fischer und Jäger war, — das änderte er flugs um.

Triumph, Triumph, und Lob und Dank
Dem, der des Todes Macht bezwang,

[95] in dem bekannten Osterliede war ihm unverständlich, darum sang er:

Trumfi! Trumfi! u. s. w.

Was sich der dumme Kerl dabei dachte, kann ich nicht sagen. Die Stelle

Immanuel und Friedefürst

aus dem Gellert’schen Weihnachtsliede „Dies ist der Tag, den Gott gemacht,“ veränderte er in

Immanuel und Freudenfürst,

und statt

So steht mein Geist vor Ehrfurcht still,
Er betet an und er ermißt,
Daß Gottes Lieb unendlich ist,

sang der blinde Ketzer:

Daß Gottes Leib unendlich ist.

Am schlimmsten aber war es, wenn sein Kollege, der Leine­weber Kern, in der Kirche erschien, was – zu seinem Lobe sei’s gesagt – recht regelmäßig geschah. Der arme Mann war ein hochgradiger Stotterer, wenn er aber sang, so war er dieses Gebrechens ledig. Zu allem Unglück hatte er ein Übermaß von Stimme bei gänzlichem Mangel an Gehör. Wenn es dann zum Singen kam, so stürzte er sich mit der ganzen Wonne einer befreiten Seele und mit einer Stimme wie ein Pumpenstrahl oder Wasserfall vom Chor auf die Gemeinde, und hob den Vorsänger dermaßen aus dem Sattel, daß er Text und Melodie unter den Füßen verlor und hilflos der Führung des Mächtigern sich überlassen mußte.

Doch all das, so störend es war, müssen wir noch nicht als das Schlimmste bezeichnen. Im lettischen Gottesdienst war’s doch noch immer eine Gemeinde, der man trotz aller großen, oft unglaublichen und schwer zu beseitigenden Unwissenheit doch eine Einheit des Glaubens und der Bruderliebe­ [96] anfühlte, die sich namentlich auch in den zahlreichen Fürbitten aussprach, in welchen Freud und Leid des Hauses vor den Herrn gebracht wurde, – bei den Deutschen dagegen war’s nur eine kümmerliche Handvoll Menschen, die sich im Gotteshause versammelten, einige Schreiber, Wirt­schaftsinspektoren, Müller, arme Handwerker, letztere nicht selten kaum noch ihrer Muttersprache soweit mächtig, um die allereinfachste Predigt zu verstehen, kaum noch durch den Glauben zusammengehalten, hie und da einmal ein gebildeterer Mann, denn unter den sogenannten „Honoratio­ren“ namentlich gab’s viel offene Kirchen- und Sakramentsverächter, die in Jahrzehnten nicht und dann auch nur bei zufälligen Veranlassungen in die Kirche gerieten. Es war das Zeitalter des heldenmütigen Preußenkönigs, wo jeder sich selbst für einen großen Friedrich hielt, wenn er über alles Heilige spotten konnte, als wäre er Kammerdiener bei Herrn Voltaire gewesen.

So ungefähr sahen die kirchlichen Verhältnisse der Hei­mat aus, als der junge Pastor Reimer sein Amt antrat, — und wohl noch manches liebe Jahr nachher. Daß aller Eifer, alle Liebe oft nur wenig, ja nichts ausrichtete und schließlich an den unbesiegbaren Widerständen fast erlahmte, daß die Strahlen des teuern lebenweckenden Evangeliums selbst nur langsam, — ach wie langsam! durch die dunkeln Nebelschichten der Unwissenheit, Sünde und Verwilderung drangen, das wird uns begreiflicher werden, wenn wir ihn auf einem seiner Gemeindebesuche, seiner „Bet-“ oder „Gebetfahrt“ begleiten.

Es ist Winter; es ist Schlittenbahn; denn sonst wäre es unmöglich bei den heillosen Wegen zu den einzelnen Höfen zu gelangen. Früh steht die Köchin auf, zieht die heißen Weißbrotwecken aus dem Ofen und füllt damit einen großen Sack. Sie sollen des Pastors Dank an alle Kinder [97] sein, die ihre Prüfung im Lesen, in den Geboten, dem Katechismus, hie und da auch schon in der biblischen Geschichte, u. s. w. rühmlich bestehen; nur die faulen gehen leer aus. Kaum zeigt sich die erste Dämmerung, so setzt sich der Pastor in den Schlitten, um erst spät abends heimzukehren; denn zerstreut, nicht dorfweise vereint, liegen die Gesinde (Bauerhöfe) und der Weg ist weit, vielleicht sogar verweht und schwer zu passieren.

Man hat seiner geharrt. Kaum ist das Glöckchen seines Schlittens hörbar, so treten Wirt und Wirtin vor die Thür, um ihn zu begrüßen; hinter ihnen dämmern andere Gestalten und ein ganzer Nachwuchs kleiner Blondköpfe auf. Es ist ein armselig niedriges Holzhaus, in das er tritt, mit Stroh gedeckt, die Thür so niedrig, daß kein Mensch aufrecht durch sie gehen kann, die Fenster so klein wie möglich, und von ewiger Nässe blind; – Wände und Lage schwarz; denn der große Ofen ist so gebaut, daß er noch allen Rauch ins Zimmer entläßt, – man kann sich denken, welche Qual für die armen Augen! Darum auch Augenleidende ohne Zahl. Aber wer sollte es wagen, von der Väter Sitte abzuweichen und einen Schornstein zu bauen! Noch werden Jahrzehnte vergehen, ehe man soweit kommt, – und vielleicht ist der Rauch anderseits ein Vorbeugungs­mittel gegen die mancherlei verpestenden und infizierenden Stoffe, die diese Räume füllen. Der Fußboden, dem Pastor zu Ehren vielleicht mit weißem Sand und grünen Tannen­zweigen bestreut, ist ein feuchter, längst kohlschwarz gewor­dener Lehmschlag, der Reinlichkeit fast unmöglich macht. In diesem Raum leben drei bis vier Familien, ein großes schwärzliches Bett deutet den Winkel an, welcher der einzelnen angehört; selten, daß der Wirt noch ein heizbares Stübchen für sich hat; auch das mußte erst eine spätere Zeit bringen. Doch was zucken wir entsetzt oder mitleidig [98] die Achseln! Hab ich nicht in der großen Weltstadt unseres Reichs in manchem Dachstübchen, mancher Kellerwohnung getauft und beerdigt, wo ich entweder gar nicht oder nur an einer Stelle aufrecht stehen konnte! Hab ich nicht Typhus-, Cholera- und Diphtheritiskranke in Behausungen besucht und zur letzten Ruhe gesegnet, wo alles nur in einen verpesteten Luftmantel gehüllt war und nie ein Zug reiner Luft hinkam, — auch nicht hinkommen konnte, selbst wenn man die Fenster öffnete? Die vornehmen und reichen Leute aber, die in der glänzenden Vorderfronte des Hauses wohnten, hatten keine Ahnung davon, was für ein Stück Menschheit unter Schmutz und Elend im dritten Hofe desselben verkam! Und wohnten dort nicht, in dem bevölkertsten Teil der Stadt, neben der Typhusleiche, welche unter der Sonnenglut der Fenster und des eisernen Daches im Juli schneller Verwesung zur Beute ward, Familien mit Kindern, Aftermieter, in schmutzige Winkel zusammengedrängt? Welche Wohnungsnot bergen nicht bloß Berlin, sondern selbst Mittel- und Kleinstädte? Ja, gegen die Irländerhütten, womit das stolze und reiche Albion sich noch heute beschimpft, waren die Rauchstuben unsrer Bauern, in welche mein Großvater vor fast einem Jahrhundert seinen Fuß setzte, wohnlich und gesund. Es ist traurig, daß ein großer Teil der Menschheit so lebt, so leben muß, weil Millionen und Milliarden hingegeben werden müssen, um uns vor der Arglist eines räuberischen Nachbars zu schützen oder seinen Angriffen zu begegnen.

Die Prüfung begann, und fiel oft traurig genug aus. Was Wunders, wenn man erwägt, wer die Lehrer waren; hie und da ein halberblindetes Mütterchen, das sonst zu nichts mehr fähig war, irgend ein gemieteter Krüppel, der des Lehramtes wartete, wenn Vater und Mutter, wie nur zu häufig, des Lesens unkundig waren. Dazu die Nachlässigkeit, [99] die Gleichgültigkeit, die fast tierische Abstumpfung bei vielen Eltern und Wirtsleuten, zumal wo der Branntwein im Hause regierte. – Und welche Methode, welche Schläge, welche Klagen über „die grausam schweren Köpfe der Kinder!“ Oft hatte der Junge, gleichsam um die An­klage Lügen zu strafen, den Text längst weg, während er über den Zusammenhang der Buchstaben und der betreffen­den Wortklänge noch im Unklaren blieb. Nicht selten geschah’s, daß ein vielgeprügelter Dickkopf sich vor dem Pastor versteckte und wie Saul unter den Fässern hervorgeholt werden mußte. Oder es kam auch vor, daß einer ein himmel- und erdebewegendes, nicht zu dämpfendes Geschrei erhob, statt sich zum Lesen zu entschließen. „Gottlob, er hat aufgehört!“ riefen dann wohl etliche, als er endlich stillhielt. – „Nicht aufgehört; – nur mich erholt! Bäh!“ brach der Unbesiegbare aufs neue hervor, als ob sein Geheul seines Lebens Ziel und Aufgabe wäre. – Doch nicht überall war’s so schlimm bestellt; hin und her kommt auch Erfreulicheres zum Vorschein. Jedes Kind, das einigermaßen seine Sache gut gemacht, erhält sein Wecklein und fühlt sich glücklich, geehrt und reich.

So wenig natürlich diese Hausbesuche den schmerzlichen Mangel an Schulen ersetzen konnten, – sie waren doch von großem Wert. Hier gewann der Pastor einen Einblick in des Hauses Geist und Ordnung, hier gab ein Wort das andere. Manche Not ward laut und mancher Rat, mancher Trost gespendet. So ward der Pastor der Mann des Ver­trauens für ein zahlreiches, gedrücktes und geängstetes Volk. War ein Streit zwischen Ehegatten oder Nachbarn zu schlichten, ein widerspenstig Kind auf die rechte Bahn zu bringen, Nachsicht und Schonung bei dem Gutsherrn zu erbitten, Hilfe auszuwirken, ein Sohn von der wie die Hölle ge­fürchteten Rekrutierung zu retten, – immer war der Pastor [100] der Mann, zu dem man kam. Wenn nichts mehr helfen konnte, sollten sein Rat, seine Vorstellungen, seine Fürsprache noch Hilfe schaffen.

So schmähen wir das Amt nicht, wenn es auch von tausend Hindernissen umgeben war, die kein Träger des­selben entfernen konnte. Hier gab’s keine kirchliche Behörde, die etwelche Macht gehabt hätte, keine Landesregierung, deren Wort etwas ausrichten konnte. Je mehr des Herzogs Ansehen sank, je mehr der polnischen Ober­herrschaft Stern erblich, desto mehr war jeder freier Herr auf seinem Grund und Boden.[2] Wider seinen Willen etwas Gutes durchsetzen wollen, war fast ebenso unausführbar, wie es leider oft unmöglich war, ihn für irgendeinen Fortschritt selbst zu gewinnen. So blieb denn nicht selten nur ein geduldiges Warten übrig, eine Hoffnung auf einen günstigen Personenwechsel; — denn an der Person hing alles.

Daß unter so vielfach erschwerten und unerfreulichen Verhältnissen, wie wir sie eben geschildert haben, bei unserem Großvater die Neigung zu einer andern, schon liebgewonnenen und hoffnungsreicheren Wirksamkeit, der pädagogischen, aufs neue hervortrat, wird uns nicht Wunder nehmen. Er hatte seine Lebensgefährtin gefunden. Es war die Tochter eines Kaufmanns in Libau, Louise Lahmann. Daß es ein rechter Herzensbund war, der hier geschlossen ward, mag der geneigte Leser daraus entnehmen, daß der überglückliche Bräutigam, wie er später selbst lächelnd gestand, von einem Stuhl zum andern sprang, als er das Jawort erhalten hatte. Und noch in andrer [101] Weise sprach sich das aus, ich meine, in den kleinen Auf­merksamkeiten, die ein liebender Ehemann der Gattin erweist, Dinge, über welche es weder Satzung noch Vor­schrift giebt, die aber ein Herz voll Liebe so gern zu er­sinnen und so glücklich zu finden weiß. Eine derselben ist noch jetzt, nach mehr als acht Jahrzehnten im Besitz der Familie, ein kleines Schreibtischchen, das in schöner ausgelegter Arbeit den Namenszug der geliebten Gattin trägt. Drei Kinder, – ein Sohn und zwei Töchter, – beglückten das Herz der Eltern und wuchsen frisch und fröhlich heran. Mochte die junge Pastorin, als Städterin, auch manches auf dem Lande vermissen, an ihres Mannes Liebe, an ihren Kindern fand sie überreichen Ersatz, und wenn ihr manche, für eine ländliche Haushaltung unentbehrlichen Kenntnisse abgingen, so hatte sie Jahre hindurch an der treuen und viel erfahrenen Schwiegermutter, wie später, als sie selbst schwach und kränklich wurde, an der heranwachsenden, umsichtigen und von der Großmutter wohlgeschulten Tochter die nötige Hilfe.

Das Verhältnis des Pastors zu den adeligen Insassen der Gemeinde war ein freundliches, und dadurch, wenn auch oft erst nach wiederholten Vorstellungen und Bitten, manche Besserung möglich. Diesem Umstande hatte er es auch zu danken, daß nach zehnjährigem Warten das alte, dem Einsturze nahe Wohnhaus durch ein neues ersetzt wurde, welches ihm die Möglichkeit bot, einige Pensionäre ins Haus zu nehmen. So begann die Jahrzehnte hindurch mit Liebe und Erfolg fortgesetzte pädagogische Wirksamkeit. Waren es auch immer nur ein paar Schüler zurzeit, die er aufnahm, so wurde die Zahl im Laufe der Jahre doch eine beträchtliche. Mit Dank gegen Gott und mit Freude an seinem Tagewerk konnte er am Abend seines Lebens auf die siebzig Jünglinge zurückschauen, die er erzogen hatte. [102] Es war keiner unter ihnen, der ihm ein unfreundliches, viele aber, die ihm bis an ihr Lebensende ein dankbares Andenken bewahrt haben. Und er verdiente es auch! Man konnte sich kein freundlicheres Herz denken, als das seine, keine innigere Liebe namentlich zu den Kindern, als wie sie in ihm wohnte. Dazu die Gabe der Anregung, wie er sie besaß! Dem trockensten Gegenstände, wie es ja deren in der lateinischen und griechischen Grammatik wohl giebt, wußte er durch Anregung des Wetteifers einen Reiz zu verleihen, so daß die jungen Olympier nicht merkten, wie sie unter dem Streben, der erste am Ziel zu sein, sich selbst gedient hatten. Niemals war er um Beschäftigung für die Mußestunden der Kinder verlegen; da wurde je nach der Jahreszeit gepflanzt oder gebaut, Spiele verschiedener Art, um Leib und Geist zu kräftigen, mit Eifer getrieben, Wan­derungen in den Wald, zumal zur Zeit der Nußlese, unternommen, im Winter gepappt, getischlert u. dergl. Nicht umsonst füllten Basedow’s, Campe’s, Salzmanns, Funks, Gutmuths, Raffs u. s. w. Schriften ganze Reihen in seinem großen Bücherschrank; er hatte von ihnen gelernt und die eigene Begabung unter Benutzung ihrer Erfahrungen entwickelt. Mit welchem Hunger wurden Reisebeschreibungen von der Kinderwelt verschlungen, sei es, daß sie von des ver­ehrten Lehrers beredten Lippen flossen, sei es, daß sie, dem kindlichen Geist entsprechend bearbeitet, die Unterhaltungslektüre nach den Präparationen für den Untericht bildeten. Es muß dabei beachtet werden, daß Cooks und anderer Reisen und Entdeckungen damals noch viel mehr von dem Zauber der Neuheit an sich hatten, als zu unserer Zeit, wo so vieles schon früh auf den mannigfachsten Wegen Gemeingut selbst der Kinderwelt wird. Alles wurde in diesen Ideenkreis hineingezogen; eine kleine Pfütze mitten in der nahen Wiese bot die Möglichkeit der mannigfachsten geo­graphischen [103] Erinnerungen, ein winziges Erlengebüsch an deren Ufer wurde zur „Otaheitischen Hütte“ umgestaltet und mit Sitzen versehen. Dort wurde gelegentlich ein „romantischer Thee“ gefeiert, d. h. eine sehr unschuldige Eiermilch, mit etwas „Kanehl“ [3] bestreut, oder das „Maienfest“ begangen, bei welchem unter anderem die Kinder einen Reihen um den freundlichen Mann bildeten und voll Jubel sangen:

Im Maien, im Maien, da ist die schöne Zeit,
Da woll’n wir alle fröhlich sein, wir jungen Leut’.

Zur Erinnerung an freudebringende Ereignisse, oder zu allgemeinem Nutzen wurden Bäume gepflanzt. Geschwister­lich standen so z. B. die beiden Birken Karl und Dorothee neben einander auf der Wiese, zum Gedächtnis der beiden ältesten Kinder in deren Geburtsjahr gepflanzt, stattliche Bäume, als ich sie sah, – aber als ob sie’s gewußt hätten, wen sie darstellen sollten, der Karl immer kleiner, dürfti­ger, als die Dorothee, auch früher seine Tage beschließend als sie. Da war am Ende des Gartens die schattenreiche Lindenlaube, vom Großvater eigenhändig gepflanzt, deren höchste Gipfel zu ersteigen unsre Lust und unser Ehrgeiz war.

Nahten die schönen, großen Feste, und wurde der Unter­richt geschlossen, so war auch hier dem Humor sein Plätz­chen eingeräumt, wie zum Neubeginn der Stunden. In des Großvaters Zimmer stand ein alter, großer, viereckiger Tisch, die Ecken weislich abgerundet, aus weißem Tannen­holz, mit mancherlei Erinnerungen an Papp- und Schnitz- und Schularbeit. Dies war die Stätte, wo der jugendliche Geist seine tägliche Kost an Lehre und Weisheit empfing. In irgend einer Reisebeschreibung war’s einmal zu lesen gewesen, daß die Kalmüken den großen Kessel, aus dem sie ihre gemeinsame Mahlzeit zu sich nehmen, Karakazan [104] nennen. Diesen Namen hatte man zur Erinnerung daran auch diesem alten, schwerfälligen Schultisch gegeben. Kam nun das Fest heran, so wurde der Karakazan von den Kindern auf den an des Großvaters Zimmer anstoßenden Boden getragen, wobei sie aus Freude über die willkommene Befreiung von Schulmühen und Lasten ein Jubelgeschrei erheben durften. Man kann sich denken, daß diese Erlaubnis in dem ganzen Umfang kindlicher Stimmen und Tonarten benutzt wurde. Und waren die fröhlichen Festtage vorüber, die Zeit des Schulanfangs wieder da, so wurde dem Un­willkommenen der sauern Mühen durch einen ähnlichen Scherz das Herbe genommen. Mit großem Halloh wurde der Karakazan wieder hereingeholt. Diesmal war’s gestattet, ein Klagegeheul zu erheben, was pflichtschuldigst mit allen denkbaren Dissonanzen begonnen wurde, aber stets mit allgemeiner Fröhlichkeit endete. Und nun ging’s fröhlich unter Gottes Gnade, mit frischem Mut und neuer Kraft an die Arbeit. Er selbst aber, der liebe Mann, voll Freude an seinem Beruf, mit Gebet und Dank im Herzen, fühlte sich am glücklichsten unter den glücklichen Kindern und ward nicht müd, ihnen Tag für Tag darzureichen, was ihnen not that für das irdische und für das ewige Leben.



  1. Der seltsame Name „Elendskrug" deutet noch auf die ursprüngliche Bestimmung hin. So konnte man auch nur mit Bedauern die alten Lanzen und Fahnen ansehen, die sich in einer Kirchen­ecke fanden. Jede Erinnerung, woher sie stammten, hatte sich verloren. Wenn ich mich recht entsinne, so trug eine oder die andere in der Lanzenspitze das Kreuz in durchbrochener Arbeit mit dem Monogramm I H S (in hoc signo vinces); darnach konnten sie vielleicht der Zeit der Schwertbrüder oder des Deutschordens entstammen. Das Seidenzeug einer der Fahnen war noch in meiner Knabenzeit unversehrt und von wunderbarer Festigkeit, leider aber vermochte ich die lange in Mönchschrift abgefaßte Inschrift nicht mehr zu entziffern, weil das Gold zu sehr abgebröckelt war. Ebenso unklar blieb mir die Bestimmung eines recht geschickt in Holz geschnitzten Hirschkopfes mit schönem Geweih, der hinter dem Altar lag. Die Sage erzählt, es sei einmal während des Gottes­dienstes im Sommer, wo die Thüren der Kirche offen gestanden, ein von der Meute gejagter Hirsch in das offene Gotteshaus geflohen und vor dem Altar niedergestürzt; zum Andenken daran habe man das Geweih in der genannten Weise aufbewahrt. Aber, soviel ich weiß, gab es in Kurland keine Edelhirsche; auch scheint die Sage außerdem wenig glaublich. Viel wahrscheinlicher ist es mir, daß der Hirschkopf bei irgend einer Feierlichkeit am Hofe des Herzogs als Wappentier figuriert hat, aber wann und wozu, bleibt für immer unbeantwortet.
  2. Ein paar Lebensbilder aus etwas späteren Tagen, die ich in Kap. 6 und 7 folgen lasse, werden das Gesagte, wie ich hoffe, noch anschaulicher machen, zugleich aber auch das Aufdämmern einer bessern Zeit schildern.
  3. niedere Sorte von Zimmet.