An meine Freunde (Müchler)

Textdaten
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Autor: Karl Müchler
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Titel: An meine Freunde
Untertitel:
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1792, Zweyter Band,
S. 14–18
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[14]
2.
An meine Freunde.
Als Einleitung zu einem kleinen Roman.


Soll steter Ernst des Jünglings Stirne falten,
darf keinen Scherz die Weisheit ihm verzeihn,
wird er verdammt, hängt er an Truggestalten
sein stolzes Herz, ist ihm die Welt zu klein;

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muß in sich selbst die reinste Gluth erkalten,

unangefacht vom Hauch der Schwärmerey;
verdorrt der Keim der schönsten Geistesgaben:
so ist es Fluch, ein fühlend Herz zu haben.

     Dann wehe dir, den inniges Gefühl

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im Jugendrausch um Ruh und Trost betrogen,

mit Ungestüm vom nie gewünschten Ziel
des kalten Glücks der Menschheit abgewogen,
und täuschend dort Genuß dir vorgelogen,
wo doch dein Loos nur zum Entbehren fiel,

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dann wehe dir, und deinem Raupenleben,

was du verlohrst, kann dir kein Gott mehr geben!

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      Doch wohl uns, wohl! – uns ward ein besser Loos,
an süßem Wahn darf unser Herz sich letzen.
Die Zähre, die geheimer Sehnsucht floß,

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darf ungestraft des Jünglings Wange netzen,

der falschen Weisheit dräuendes Geschoß
vermag es nicht, die Brust uns zu verletzen,
sie kämpft umsonst, beneidend unser Glück,
ihr Bogen klirrt, ihr Pfeil funkt matt zurück.

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     Wir dürfen frey des Lebens Blüthenzeiten

dem goldnen Traum erhabner Schwärmerein,
dem Hochgefühl der ersten Liebe weihn;
wir dürfen kühn für Recht und Freyheit streiten,
der Muse Lied, die Harmonie der Saiten

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darf unser Ohr und unser Herz erfreun,

und für der Freundschaft heil’ge Sympathieen
darf in der Brust ein ew’ges Feuer glühen.

     Ja, frey zu seyn, der Menschheit erstes Recht,
dies sey das edle Ziel, nach dem wir ringen,

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wer Ketten trägt, wird durch die Ketten schlecht,

die Sklaverey lähmt unsers Geistes Schwingen.

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vielleicht wird einst ein muthiger Geschlecht
der Freyheit Glück dem Erdkreis wieder bringen,
dann schweigt beschämt Despotenübermuth,

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und wo ein Kerker stand, glänzt unsrer Gottheit Huth.


     Und haben wir uns siegreich los gewunden,
dann dürfen wir des Lebens schönste Stunden
dem Wonnerausch geheimer Liebe weihn,
dann darf ihr Kelch, mit Myrthenlaub umwunden,

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hochangefüllt mit süßem Götterwein

der Labetrunk des frommen Schwärmers seyn,
und im Genuß des tiefempfundnen Schönen
sein stürmisch Herz mit dem Geschick versöhnen.

     Dann können wir in heil’ger Einsamkeit,

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das Herz voll Gluth, berauscht von allen Sinnen,

den edlen Kranz erhabner Pierinnen,
den ihre Hand nur schönen Seelen baut,
von Grazien zu Dichtern eingeweiht,
mühlos am Busen der Natur gewinnen;

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denn des gepreßten Herzens heißer Drang

wird Harmonie, wird schmelzender Gesang.

[17]

      Und er berührt der Seele feinste Saiten,
er zittert leis’ in allen Nerven nach,
ihm rinnt noch spät ein milder Thränenbach

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bey dem Gedanken längst entflohner Zeiten,

spät ruft er dann der Jugend Seligkeiten
noch in der Brust des frohen Greises wach,
der sterbend sich die Stirn mit Rosen kränzet,
wenn schon Elysium in seinem Auge glänzet.

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     Dann darf, beym schäumenden Pokal,

Socratenscherz die Abendstunde kürzen,
ein Nymphenkuß bey reinem Göttermahl
Lysiens Purpurtraube würzen,
und eine Grazie bey Linens Silberstrahl

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ihr leicht Gewand herauf zum Tanze schürzen,

bis über uns der Stern der Liebe blinkt,
und uns die Nacht zu höh’rer Wonne winkt.

     So sind auch uns des Lebens goldne Stunden
im innigsten Gefühl, im seligsten Genuß,

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bey Scherz und Spiel, bey Traubenblut und Kuß,

im Arm der Lieb und Freundschaft hingeschwunden,

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stark’ durch den Bund, der ewig uns verbunden,
den wir voll Muth, bey Catos Genius,
am Felsaltar, wo Wilhelm Tell geboren,

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der neuen Gottheit Galliens geschworen.


     Was aber blieb von diesem Jugendglück,
von diesem wehmuthvollen bangen Sehnen,
von diesem Traum der Phantasie zurück?
Genug für uns; – ein feiner Sinn des Schönen,

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und die Erinnerung entschwundner Wonnescenen,

ein froher Muth, ein lichtgewohnter Blick,
ein kühner Geist, der frey und edel denket,
bis unser Genius des Lebens Fackel senket.

Karl Müchler.