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Am Grabe eines gefallenen Mädchens. Den 13. Juli 1831

Textdaten
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Autor: Johann Martin Rauch
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Titel: Am Grabe eines gefallenen Mädchens. Den 13. Juli 1831
Untertitel:
aus: Sechs kurze Trauerreden. Bei Beerdigungen gesprochen. S. 25–29
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1831
Erscheinungsdatum: 1834
Verlag: Alois Attenkover
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Erscheinungsort: Ingolstadt
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[25]

IV.

Am Grabe eines gefallenen Mädchens. Den 13. Juli 1831.


Vigilate, quia nescitis diem, neque horam. Mth. 25. 13.

Wachet, denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde.


Jedes Grab, das da geöffnet wird, um die Ueberreste eines entseelten Christen in seinen Schoos zu nehmen, ist lehrreich nicht allein für lebenssatte Greise, sondern ganz vorzüglich für die Jugend, die auf ihre jungen Jahre trotzet, und den Herbst des Lebens noch ferne wähnt.

Wahr ist es, daß die Alten sterben müssen, denn dies zeigt uns die tägliche Erfahrung, dies die allmählige Abnahme der Lebenskräfte. Es kann aber auch die Jugend sterben, es erbleichen auch die jungen Wangen, es erlöschet auch die Jugendkraft. Dies sehen wir an diesem Grabe hier. Ein Mädchen, das wor wenigen Wochen noch froh und heiter war, das damals wohl noch kaum so nahe dem Ziele sich dachte, ein Mädchen von 23 Jahren und 10 Monaten, haben wir in dieses Grab hinabgesenkt.

[26] Dem Tode ist also niemand zu alt und niemand zu jung, niemand zu schön und niemand zu häßlich; er kömmt und nimmt hinweg, was seine Beute ist, und das zur Stunde, da man’s nicht vermeinet. Darum, spricht die Schrift: Wachet, denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde. Wohl dem, der diese Worte mit goldenen Buchstaben in seine Seele schreibt; er wird in ihnen einen Fingerzeig durch’s Erdenleben finden. –

Diese eure Schwester, meine theuern jungen Freunde und Freundinen! lebte auch in eurem Kreise, war fröhlich auch mit euch –, doch daß der Herr sie hingestreckt auf’s Krankenbett, das war für sie eine bessere Schule, als euere Umgebungen; hier lernte sie die Eitelkeit der irdischen Freuden; die Reize der Sinnlichkeit vom Herzen verabscheuen; hier erkannte sie, daß Tugend und Unschuld jene Schätze sind, von denen Jesus sagt, „daß sie Rost und Motten nicht verzehren, die Diebe nimmer rauben können.“ Hier am Krankenbette erkannte sie es recht, daß man Gott fürchten und in Reinheit des Lebens vor ihm wandeln müsse, wenn man eingehen wolle zum ewigen Leben. Darum ward auch ihr Sinn hinweggewendet von der Welt und ihren Lüsten; ihr Erlöser war es, den sie da mit Herz und Mund zum Bräutigam erwählte, der ihr in [27] einer Minute mehr himmlischen Trost in ihre Seele goß, als zehn Tausend niedere Schmeichler je vermocht hätten. Durch volle fünf Wochen schmerzlich leidend war sie voll Geduld, voll Ergebung, flehend, daß Jesus, der so viel für ihre Seele gelitten, auch ihre Leiden mit den seinigen vereinen, und sie als Opfer für ihre Sünden gnädig annehmen möchte. Gern und willig trank sie den Kelch der Schmerzen, und gab nach überstandenen Leiden ihre Seele ruhig in die Hände ihres himmlischen Vaters, auf dessen Gnade und Barmherzigkeit sie voll Zuversicht baute. Und Gott verachtet ja ein zerknirschtes Herz nicht! –

Darum nun, weil, wie ich weiß du Gnade dort gefunden vor Gottes Richterstuhle, stehe nun auf aus deinem Grabe hier! stehe auf, und warne die leichtsinnige Jugend, die im Sinnenrausche dahin wandelt, unbekümmert um das Ewige; stehe auf, und rufe den ausgelassenen Jünglingen, den ausgeschämten Mädchen zu, daß nur die Reinen Gottes Antlitz schauen; stehe auf und sage ihnen, daß nicht die tollsinnigen Tänze, nicht Buhlschaften und unerlaubte Verbindungen die Pforte des Himmels öffnen; stehe auf – – doch du wirst nicht mehr aufstehen, bis einst die Posaune ruft. Nur leise tönt mir aus deinem Grabe die Antwort zu: „Sie haben [28] Moses und die Propheten, glauben sie diesen nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn gleich einer aus dem Todtenreiche zu ihnen käme.“

Ja, meine Lieben! ihr habt Moses und die Propheten, ihr habt Priester und Lehrer, die unaufhörlich euch vor dem Falle warnen, die euch die Folgen des Leichtsinnes und der Eitelkeit alle Tage vor Augen stellen, folget ihr diesen nicht, höret ihr ihre Ermahnungen nicht an; so hat die letzte Stunde eures Heiles geschlagen. Die Stunde des Todes überraschet euch, ihr werdet, ohne mit Gott ausgesöhnet zu seyn, in euren Sünden dahin sterben, und ach! euer Grab auf ewig in der Hölle Flammen finden. Kehret darum um von der Strasse des Verderbens, die ihr bisher gewandelt, fliehet jene Laster, von denen die Schrift sagt, daß sie unter Christen nicht einmal dem Namen nach bekannt seyn sollten. Und bedenket, daß eure Leiber, wie der heilige Paulus lehrt, Tempel des heiligen Geistes sind, und daß das Wehe ausgesprochen ist über alle, die diese Tempel entheiligen und durch Zuchtlosigkeit zu Gefässen der Wollust herabwürdigen. Diese Lüste vergehen, stürzen euch in’s frühe Grab, noch ehe ihr’s vermuthet, und wehe dann euch! denn es ist schrecklich, in [29] die Hände des gerechten Richters zu fallen.“ Und wehe dann auch jenen Eltern, die durch strafbare Nachsicht ihre Kinder dem Verderben zueilen ließen; auch ihre Seelen sind verloren. –

Fasset darum heute noch den ernsten Entschluß zur Besserung: der morgige Tag ist ungewiß; dann findet ihr noch Gnade und Verzeihung. Lernet Euch zum Tode bereiten, wie eure hier beerdigte Schwester, für deren vielleicht nicht genug abgebüßte Sünden, wir jetzt einmüthig zu Gott flehen wollen mit einem andächtigen „Vater Unser und englischen Gruße.“ Amen! –