ADB:Zehnder-Stadlin, Josephine

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Artikel „Zehnder-Stadlin, Josephine“ von Otto Hunziker in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 776–778, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zehnder-Stadlin,_Josephine&oldid=- (Version vom 3. April 2020, 21:47 Uhr UTC)
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Zehnder: Josephine Z.-Stadlin, geboren am 19. März 1806 in Zug als Tochter des Arztes Dr. Franz Stadlin. Sie erhielt ihre erste Erziehung im dortigen Frauenkloster. Aber während sie nach dem Wunsche des Vaters den Beruf einer Schneiderin lernte und dann auch einige Jahre ausübte, erhielt sie zugleich lebhafte geistige Anregung und Anleitung zu weiterer Fortbildung durch einen Oheim, und bei ihrer Mutterschwester, Frau Dr. Ruepp, die in Sarmenstorf (Kt. Aargau) ein kleines Töchterinstitut leitete und eine warme Verehrerin Pestalozzi’s war. Da Vater Stadlin 1829 starb, fiel die Aufgabe, für den Unterhalt und die Erziehung ihrer zahlreichen noch unmündigen Geschwister zu sorgen, vornehmlich auf Josephine. Sie gründete nun in Zug eine Privatschule. Schon zwei Jahre nachher bot sich ihr die Wahl, als Lehrerin entweder an die Mädchenschule Fellenberg’s auf Hofwyl oder in das Institut Dr. Niederer’s in Iferten einzutreten. Sie entschied sich für Iferten und bildete sich hier, in verschiedenen Fächern unterrichtend, zugleich unter Leitung Dr. Niederer’s und seiner Gattin zur Erzieherin aus. Als Frl. Stadlin 1834 einem Ruf an das sogen. „Institut“ (höhere Mädchenbildungsanstalt) in Aarau folgte, hob Niederer in seinem Abschiedszeugniß namentlich die Festigkeit und Bestimmtheit ihrer Begriffe und die Sicherheit und Lebendigkeit in der Wiedergabe des Lehrstoffes hervor und schloß mit den Worten: „Sie gehört zu den kräftigeren Charakteren ihres Geschlechts.“

In Aarau ertheilte sie am Institut den Unterricht in Deutsch, Französisch, Geschichte und Geographie und begründete, indem sie ihre Mutter zu sich nahm, [777] einen eigenen Haushalt, sodaß sie gleichzeitig der Erziehung einiger Töchter, die ihr anvertraut wurden, sich widmen konnte. 1839 überließ ihr der aargauische Staat zinsfrei die Domäne Olsberg zur Errichtung eines Instituts, das bald bis zu 30 Zöglingen aufblühte und ihren Ruf als Erzieherin in pestalozzischem Geiste begründete, sodaß sie es 1841 wagen durfte, dasselbe nach Zürich zu verlegen und hier als völlig auf sich gestelltes Privatunternehmen weiterzuführen. In Zürich stieg die Zahl der Internen rasch auf 40 Zöglinge beider Confessionen; in rastlosem Bildungstriebe vertiefte Frl. Stadlin neben der Leitung der Anstalt ihre eigene pädagogische und allgemein wissenschaftliche Bildung, studirte Herbart und Beneke und hörte an der Hochschule – nachdem ihr dies durch Specialbewilligung der Erziehungsbehörde gestattet worden –, Vorlesungen über Psychologie, Physiologie, Chemie u. s. w. Unterstützt von einem zu diesem Zweck gegründeten kleinen Vereine von befreundeten Frauen verband sie mit dem Institut ein Seminar zur Bildung von Lehrerinnen und fügte für letzteres eine Musterschule hinzu; um für ihre Ideen Propaganda zu machen, redigirte sie eine Zeitschrift für weibliche Bildung, „Die Erzieherin“ (5 Jahrgänge 1845–50), die von fachmännischer Seite (Mager) Anerkennung fand, und veröffentlichte das Schriftchen: „Die Musterschule am schweizerischen weiblichen Seminar, ein Beitrag zur Begründung einer Schule der Natur und des Lebens“ (1850). Auf ihre Zöglinge wirkte sie erzieherisch und unterrichtlich in hohem Maße anregend. Besondere Aufmerksamkeit ward im Stadlin’schen Institute der körperlichen Gesundheit und der Pflege der Anschauung gewidmet. Die Vorsteherin unterrichtete persönlich in Pädagogik, Deutsch und Religion; für die anderen Fächer wußte sie tüchtige Lehrkräfte, namentlich aus den Kreisen der kantonalen Lehranstalten, zu gewinnen. Aber wenn auch der Religionsunterricht, den die aufgeklärte Katholikin im Geiste allgemein christlicher, religiös-sittlicher Erhebung ertheilte, ihre Zöglinge ohne Unterschied der Confession zu ergreifen und zu begeistern vermochte, auf die Frequenz wirkte dieser interconfessionelle Charakter des Instituts nicht günstig; der Zug der Zeit ging nach einer anderen Richtung als zu Anfang des Jahrhunderts. Der Zufluß von katholischen Zöglingen blieb allmählich aus und wurde von protestantischer Seite nicht ersetzt. Hinwieder traf das Stadlin’sche Institut als Pionier einer umfassenden Lehrerinnenbildung noch auf zu wenig Anklang und Verständniß. So ging denn das „Seminar“ schon nach dreijährigem Bestande wieder ein und 1853 sah sich Frl. Stadlin veranlaßt, auch das Institut aufzulösen. Die dadurch gewonnene Muße benutzte sie nun, um in Vorträgen vor einem weitern Publicum und schriftstellerisch zu wirken: sie schrieb: „Morgengedanken einer Frau“ (1853, 2. Aufl. 1854); „Die Erziehung im Lichte der Bergpredigt“ (1856); Pädagogische Beiträge“ (1863). Im J. 1858 reichte sie dem verwittweten Bürgermeister Dr. J. U. Zehnder, den sie als Hausarzt kennen und schätzen gelernt hatte, die Hand und verlebte mit ihm die letzten siebzehn Jahre in glücklicher Ehe. Aber die pädagogische Begeisterung blieb in ihr bis ans Ende ihres Lebens wirksam. In elfjähriger rastloser Arbeit sammelte sie den Stoff zu einem umfassenden Werke über Pestalozzi, das sie in sieben umfangreichen Bänden ausarbeitete. Der einleitende erste Band erschien kurz nach ihrem Tode („Pestalozzi; Idee und Macht der menschlichen Entwickelung“; Gotha, Thienemann 1875; 8° , XVI, 828 S.) und enthält sehr schätzbare Materialien für die züricherisch-schweizerische Culturgeschichte im 18. Jahrhundert, sowie eine Anzahl bisher ungedruckter Manuscripte Pestalozzi’s aus den neunziger Jahren (über das Schicksal und die Verwendung des Manuscriptes der weiteren Bände, die infolge des Todes von Bürgermeister Zehnder und des geringen Absatzes des ersten Bandes nicht mehr zur Veröffentlichung gelangten, vgl. die Vorrede zum 2. und 4. Theil von Morf’s Werk: „Zur Biographie Pestalozzi’s). [778] Eine Arbeit über den Anschauungsunterricht, in den letzten Jahren ihres Lebens begonnen, war noch unvollendet, als Frau Dr. Z. am 26. Juni 1875 nach kurzer Krankheit starb.

Nekrolog in der Neuen Zürcher Zeitung 1875, Nr. 457–461 von H. S.-S. (Prof. Dr. H. Schweizer-Sidler).