ADB:Waitz-von Eschen, Friedrich Siegmund Freiherr

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Artikel „Waitz, Friedrich Siegmund, Reichsfreiherr von Eschen“ von Wilhelm Grotefend in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 40 (1896), S. 599–602, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Waitz-von_Eschen,_Friedrich_Siegmund_Freiherr&oldid=- (Version vom 9. April 2020, 00:06 Uhr UTC)
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Waitz: Friedrich Siegmund W., Reichsfreiherr von Eschen, genannt von Hilchen, kurfürstlich hessischer wirklicher Geheimer Staatsminister, geboren am 19. Juni 1745, war der älteste Sohn des damaligen Amtmanns zu Sontra, nachherigen hessen-hanauischen Oberamtmanns und Oberkammerraths Joh. Friedr. Hilchen zu Nauheim, geboren zu Sontra am 10. October 1706, † zu Nauheim am 13. Juli 1781, der im J. 1768 von dem Vater seiner Gemahlin Karoline Dorothea Magdalena, dem landgräflich hessischen, zuletzt königlich preußischen wirklichen Geheimen Staatsminister und Kriegsminister Jacob Sigismund v. W., Freiherrn v. Eschen, † am 7. November 1776, nach Verlust aller übrigen Kinder, unter dem Namen W. v. Eschen, genannt v. Hilchen (den Zusatz von Hilchen ließ v. W. aber später fallen) mit kaiserlicher Genehmigung an Kindesstatt angenommen wurde. W. v. Eschen wurde 1769 Kammerassessor in Kassel, 1770 Kriegs-, Domänen-, auch Bergrath, 1773 Geheimer Legationsrath, 1783 Präsident des Kommerziencollegiums und Steuerdirector, 1786 Präsident und Director der Berg-, Salz- und Blaufarbenwerke. Am 25. Juni 1796 wurde v. W. wirklicher Geheimer Staatsminister, Curator der Universitäten und erhielt unter dem 1. August dieses Jahres den goldenen Löwenorden, dessen Kanzleramt er seit 1802 führte, im gleichen Jahre ferner den preußischen rothen Adlerorden. Im J. 1804 erlangte er die Aufnahme in die althessische Ritterschaft. Längerem Leiden, zu dem zuletzt die Brustwassersucht getreten war, machte am 14. October 1808 der Tod ein Ende. Aus seiner Ehe mit Sophie von Rheinfarth, Tochter des Geheimen Raths Karl Wilhelm von Rheinfarth zu Kassel und dessen Gemahlin geborenen Spach aus Straßburg, die er am 9. December 1791 geschlossen hatte, entsprossen fünf Kinder, von denen vier, drei Töchter und ein Sohn, der Stammhalter Karl Siegmund, geboren am 8. November 1795, † am 3. November 1873, den Vater überlebten.

Um das Jahr 1800 gründete v. W. das nach ihm benannte Gut Waitzrodt, indem er zwischen Immenhausen und Holzhausen (Kreis Hofgeismar) gelegene große Heiden urbar machte und einen Hof aufbaute. Von seinem am 4. Mai 1805 verstorbenen Bruder Karl erbte er das Rittergut Winterbüren (Landkreis Kassel). Mit seinen Brüdern gemeinschaftlich besaß er die Lehngüter Dudendorf und Kucksdorf in Mecklenburg-Schwerin.

W. war der bedeutendste Diplomat Hessen-Kassels im letzten Jahrzehnt des 18. und im Anfang des 19. Jahrhunderts, dessen Fähigkeiten sich in den wichtigsten diplomatischen Sendungen bestens bewährten. Seine politische Thätigkeit machte sich besonders nach zwei Richtungen hin geltend. Einmal leitete er die Verhandlungen, welche dahin führten, daß Hessen-Kassel im J. 1803 die Kurwürde erlangte, sodann war er es, der am 28. August 1795 zwischen Hessen und der Republik Frankreich den Frieden von Basel zu Stande brachte. Besonders zur Geltung gelangte W. schließlich in den diplomatischen Verhandlungen der letzten Jahre vor dem Zusammenbruch des neuen Kurfürstenthums. Schon Landgraf Friedrich II. († 1785) hatte Verhandlungen zur Erlangung der durch die Vereinigung von Baiern und der Rheinpfalz 1777 erledigten neunten Kurwürde angeknüpft, die ersten Nachrichten hierüber stammen aus dem Jahre 1770. [600] Der Sohn Landgraf Friedrich’s, Landgraf Wilhelm IX., wandte vom Jahre 1789 an seine Thätigkeit ganz vorherrschend auf Erlangung der Kurwürde. Waitz’ Name in dieser Angelegenheit wird zum ersten Male im Jahre 1790 genannt, als sich infolge des Todes Kaiser Joseph’s II. die Verhältnisse für die Pläne des Landgrafen günstiger zu gestalten schienen. Da es für den Landgrafen von hervorragender Wichtigkeit war, die mächtigen protestantischen Kurhäuser von neuem zu nachdrücklichem Wirken im Sinne des Landgrafen zu bewegen, wurde beschlossen, den Präsidenten v. W. als außerordentlichen Gesandten behufs Ueberreichung eines Handschreibens des Landgrafen an König Friedrich Wilhelm II. und Abgabe persönlicher Empfehlungsbriefe an die beiden leitenden Minister Grafen von Hertzberg und Finkenstein, in welchen er bat, seinen Gesandten beim König bestens zu unterstützen, nach Berlin zu senden. In seinem Antwortschreiben, in welchem er versicherte, daß er gern alles beitragen würde, was von ihm abhinge, um die Absicht des Landgrafen zu befördern, zugleich aber auf die Schwierigkeiten hinwies, die zu überwinden wären, erwähnte der König, daß sich der Präsident v. W. seines Auftrags mit rühmlicher Geschicklichkeit entledigt habe. Von Berlin wurde W. an den Dresdener Hof geschickt, wo man über allgemeine Redensarten nicht hinaus kam. Weiteren Anlaß, sich der Dienste des Präsidenten zu bedienen, bot die bevorstehende Kaiserwahl in Frankfurt am Main, zu der der Landgraf W. „wegen dessen in jeder Vorkommenheit mit vorzüglicher Treue und Eifer immer bethätigten Fleißes und besonderer Bemühung“ mit umfassenden Vollmachten zu senden beschloß, um mit sämmtlichen bei der bevorstehenden Wahl und Krönung dort anwesenden Botschaftern kurfürstlicher Höfe Fühlung zu suchen und bei ihnen zu wirken. Präsident v. W. begann, zu Frankfurt angelangt, seine Thätigkeit damit, bei den Wahlbotschaftern auf die allgemeine Unsicherheit hinzuweisen, welche durch das Zusammenströmen so vieler Menschen nach Frankfurt noch vermehrt werden würde, und anzudeuten, sein Herr, der Landgraf, würde, wenn hierzu aufgefordert, gern bereit sein, den Schutz des Kurfürstencollegs während der Wahlzeit zu übernehmen. Kurmainz, die Präsidialmacht im Colleg, in deren Landen ohnehin in Rückwirkung der französischen Revolution vielfache Unruhen stattfanden, ging hierauf gern ein, bat auch in ihrer finanziellen Bedrängniß den Landgrafen, „den Banquier der Fürsten“, um ein Darlehn, daß sie alsbald bekam. Preußische Diplomaten und den zweiten hannoverschen Bevollmächtigten Herrn von Ompteda wußte W. durch Geldgeschenke in das Interesse des Landgrafen zu ziehen. Der Landgraf trat nunmehr in einer an den Wahlconvent, sowie an alle Wahlbotschafter einzusendenden Denkschrift vom 15. September 1790 offen als Bewerber um die neunte Kur auf. Auch jetzt bekam v. W., der dem Kurfürsten ein Handschreiben des Landgrafen zu überreichen hatte, ein ablehnendes Antwortschreiben. Das Colleg erklärte sich für unzuständig und überließ dem Reichstage die Sache zur Entscheidung. Es war klar, daß der Mißerfolg hauptsächlich auf Rechnung Oesterreichs zu setzen war. Man beschloß daher, in Wien alle Hebel anzusetzen, um dort eine günstige Stimmung hervorzurufen. v. W., der in Frankfurt am Main mit dem Kaiser und dessen Gefolge bekannt geworden war, wurde am 19. November 1790 als außerordentlicher Gesandter nach Wien geschickt, öffentlich wurde erklärt, die Gesandtschaft sei abgeschickt, um dem neu gewählten Kaiser zur Thronbesteigung zu beglückwünschen. Auf der Reise nach Wien, die durch Süddeutschland angetreten wurde, wußte v. W. den pfalzbairischen Hof zu Mannheim für seinen Herrn zu gewinnen und ebenso auf dem Reichstage zu Regensburg für ihn zu wirken. In Wien selbst war nichts zu erreichen, so daß v. W. zurückberufen wurde und am 6. März 1791 seine Abschiedsaudienz beim Kaiser hatte.

[601] Der Landgraf versuchte dann die protestantischen Kurhöfe für sich beim Kaiser wirken zu lassen, doch vergeblich. Selbst diese nahmen kein rechtes Interesse an der Sache. Nach dem Tode Kaiser Leopold’s II. faßte der Landgraf in Hinsicht auf die bevorstehende Kaiserwahl die Durchführung seines Planes wieder von neuem ins Auge und ging darauf aus, bei dem König von Preußen, dem er sich zu diesem Zwecke in dem neu ausbrechenden Kriege gegen Frankreich eng anschloß, den Haupthebel anzusetzen. Die Unterhandlungen über den Bündnißvertrag, bei dem die Erlangung der Kurwürde eine Hauptrolle spielte, führte v. W. Von allgemeinem Intetesse ist, daß der hessische Gesandte in seiner Audienz bei dem Minister in Berlin zuerst die Säcularisirung der geistlichen Besitzungen in Vorschlag brachte, um eine sichere Deckung für die großen Kriegskosten zu haben. Hessen-Kassel hatte seine Augen auf die Bisthümer Fulda und Paderborn geworfen. Bei dem wirklichen Ausbruche des gewaltigen Kampfes ließ man den Gedanken vorläufig schwinden, wie v. W. im Sommer 1793 dem preußischen Minister Graf Lucchesini erklärte.

Oesterreich gegenüber wurde das Verhältniß des Landgrafen durch den am 28. August 1795 infolge der Bemühungen v. Waitz’ mit Frankreich zu Basel abgeschlossenen Frieden nur noch mehr verschlechtert, nachdem der Kaiser noch vor vier Wochen von Separatfrieden mit dieser Macht abgemahnt hatte. Jetzt ging Hessen zunächst völlig ins preußische Lager über. Am 13. Juli 1797 wurde zwischen dem König und dem Landgrafen die Uebereinkunft von Pyrmont abgeschlossen. Preußen verpflichtete sich in derselben, Hessen-Kassel zur Kurwürde zu verhelfen. v. W. wurde noch in demselben Jahre nach Paris geschickt, um mit dem Minister Talleyrand Vereinbarungen über die Entschädigungsobjecte zu treffen, die Hessen im Reichsfrieden mit Frankreich zufallen sollten und mit ihm über die Kurwürde zu verhandeln, doch mißbilligte der Berliner Hof das Benehmen des Landgrafen, bei den Pariser Machthabern um einen deutschen Titel zu betteln. Als bald hiernach die geistlichen Kurfürstenthümer ruhmlos dahin sanken, verschwanden die bisherigen Widersacher der Aufnahme Hessen-Kassels in das Kurcolleg, und dem Landgrafen fiel nun, was er so lange vergeblich erstrebt hatte, von selbst wie eine reife Frucht in den Schoß. Besonders gefeiert wurde v. W. wegen seiner Verdienste um den Baseler Frieden, durch welchen Hessen gegen Abtretung von 6000 Seelen ein Zuwachs von 14 000 Seelen zu Theil wurde, die Hessen dauernd festgehalten hat. Er wurde zum Ehrenbürger der Stadt Kassel ernannt und seine Aufnahme in die althessische Ritterschaft wurde ausdrücklich mit seinen Verdiensten um den Abschluß des Baseler Friedens begründet.

v. W. blieb bis zur vorläufigen Beseitigung des Kurfürstenthums Hessen durch Napoleon an der Spitze der auswärtigen Angelegenheiten und zeigte sich in dieser Eigenschaft mehr und mehr als echt deutscher Patriot, der leider aber bei seinem Herrn mit seinen Vorschlägen und Bemühungen nicht den nöthigen Anklang fand und überhaupt unter den schwierigen Verhältnissen der Jahre vor 1806 keine leichte Stellung hatte. Der Kurfürst, nach keiner Seite hin offen und wahr, strebte in erster Linie nach weiterer Vergrößerung seines Besitzes und unterhandelte zu diesem Zweck gleichzeitig mit Preußen und Frankreich. Der Rath v. Waitz’ ging dahin, Napoleon, der auf den Abschluß ähnlicher Verträge mit Hessen drang, wie er sie mit den süddeutschen Höfen alsbald abschloß, möglichst hinzuhalten, unterdeß aber das Verhältniß zu Preußen ins Klare zu setzen und mit ihm ein Bündniß zu vereinbaren, nicht ohne gleichzeitig einen engeren Zusammenschluß Norddeutschlands mit Preußischer Spitze anzubahnen, wobei der König von Preußen Kaiser von Norddeutschland werden sollte, eine Organisation, wie sie ähnlich erst Graf Bismarck im J. 1866 thatsächlich zu Stande brachte. [602] Nur so, bemühte sich v. W. den Kurfürsten zu überzeugen, könne eine Stütze geschaffen werden, die den erforderlichen Halt gewähre, um im Stande zu sein, Napoleon entgegenzutreten. Der Kurfürst durchkreuzte indeß die Bemühungen v. Waitz’, den er doch im Sommer 1806 selbst nach Berlin geschickt hatte, ständig.

So oft W. ihm auch vorhalten mochte, daß es zunächst darauf ankäme, sich fest zusammenzuschließen, alles andere aber nebensächlicher wäre, schob der Kurfürst seine Vergrößerungsgelüste immer wieder in den Vordergrund, war nicht zu bewegen, etwas von seinen Ansprüchen in dieser Hinsicht fallen zu lassen und meinte es bei den Verhandlungen mit Preußen offenbar nicht ernst. Schlimm war es ferner für W., daß er sich auf seine eigenen Collegen im Ministerium nicht verlassen konnte. Der Minister v. Baumbach, dessen Ohr der Gesandte Hessens in Paris, Baron v. d. Malsburg, hatte, wirkte vor wie nach für einen engeren Anschluß an Frankreich nach Art der Rheinbundstaaten und arbeitete beim Kurfürsten in diesem Sinne im Gegensatz auch zu dem preußisch gesinnten Kurprinzen, der bei Ausbruch des Krieges alsbald in das preußische Lager eilte, freilich ebensowenig mit anhaltendem Erfolge beim Kurfürsten wie v. W. andererseits. Der Kurfürst wollte eben nach keiner Seite hin sich die Hände binden und brachte es schließlich fertig, daß er völlig in der Luft schwebte. So mußte man denn ruhmlos die Katastrophe über sich ergehen lassen. Hätte man Waitz’ Rathschläge befolgt, so wäre Hessen doch wenigstens mit Ehren gefallen.

F. W. Strieder’s Grundlage zu e. hessischen Gelehrten- u. Schriftsteller-Geschichte XVI. Hrsg. von L. Wachler. 1812. S. 409–411. – R. Waitz v. Eschen, Die Verhandlungen, welche der Errichtung der hessischen Kurwürde vorausgingen. Vortrag, gehalten am 26. Jan. 1880 im Verein f. hessische Geschichte u. Landeskunde. Kassel 1880. – R. W. v. E. = R. Waitz von Eschen, Der Frieden von Basel und seine Folgen für Hessen-Kassel. Hessenland, Zeitschrift f. hessische Geschichte u. Literatur. Kassel. VII. 1893. S. 150, 166, 182 ff. – F. G. L. Strippelmann, Beiträge zur Geschichte Hessen-Kassels. Hessen – Frankreich. Jahr 1791–1814. I, 1791–1806. 1877. – Gedanken über die Ursachen des Verfalls des Deutschen Reichs und die Mittel, demselben gegen zukünftige kriegerische Verheerungen Schutz zu verschaffen. 1800. [Vom Staatsminister Freiherrn Waitz von Eschen.] Msc. philos. der Ständischen Landesbibliothek zu Kassel. 4°. 31. – Mittheilungen des Enkels des Staatsministers von Waitz, Rittergutsbesitzer Dr. phil. Rudolf Waitz von Eschen zu Kassel.