ADB:Wagmüller, Michael

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Artikel „Wagmüller, Michael“ von Hyacinth Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 40 (1896), S. 483–485, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wagm%C3%BCller,_Michael&oldid=- (Version vom 22. Oktober 2020, 06:47 Uhr UTC)
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Wagmüller: Michael W., Bildhauer und Akademieprofessor, geboren am 10. April 1839 in der ehemaligen Karthause Brühl bei Regensburg, kam 1848 mit seinem Vater nach München, wo dieser eine nicht recht prosperirende Bleistiftfabrik besaß, weshalb der Junge froh war, im Atelier des Bildhauers Sickinger als Steinmetz eintreten zu können. Ein erster Versuch zur Aufnahme an der Akademie scheiterte; endlich öffnete ihm Professor Max Widnmann seine Classe, ohne daß der gerne eigene Wege gehende junge Mann der antikisirenden Methode seines Lehrers sich zugewendet hätte. Als Mitglied der fröhlichen „Allotria“ mit den damals gleichen Zielen nachstrebenden jungen Kräften wie Makart, Lenbach, Rudolf Seitz, Gedon und Defregger alsbald befreundet und selbst mit bedeutendem malerischem Talent begabt, eignete er sich vielmehr sofort jene durch die Sculptur wie nicht minder durch die Architektur ziehende modernste Richtung auf pikantere und lebendigere Schattenwirkungen, auf schärfere Betonung des Stofflichen zur Erzielung malerischer Contraste der Behandlung sowohl als feinerer und lebendigerer Charakteristik überhaupt an, die sich nach Reinhold Begas’ Vorgang bald so vieler jüngerer Künstler bemächtigen sollte. Von den eigentlichen Naturalisten unterschied sich W. aber doch durch seinen entschiedenen Sinn für den Rhythmus der Linien, wie durch seine starke Idealität überhaupt. Mit einem ziemlich verblühten „Dornröschen im Bade“ wagte sich W. 1860 zuerst in die Oeffentlichkeit; dann kamen etliche durch ihre selbstwillige und harte Behandlung nicht gewinnende Porträtbüsten, endlich 1866 ein nach Schmetterlingen haschendes und das vor einer Eichdechse erschreckende Mädchen (1867) von großer Frische und schönem Flusse der Linien, Arbeiten, welche dem muthigen Künstler viele Theilnahme erwarben, ebenso wie die Büsten des verstorbenen Hofrathes und Spitalarztes Dr. Jakob Braun, des Ministerialraths v. Pracher und des Philosophen Frohschammer. Auch mit kunstgewerblichen Entwürfen trat W. hervor, darunter ein von Wollenweber in Silber ausgeführter ansprechender „Nautilus“ (1868). Ein Paar Gruppen am Nationalmuseum, die Relieffiguren mit den drei Cardinaltugenden am Grabmal König Maximilian II., ebenso zwei überlebensgroße, den Elementar- und technischen Unterricht darstellende Figuren am Schulgebäude im Rosenthal machten seinem Namen alle Ehre. Dann aber schien er sich plötzlich mit seiner ganzen Vehemenz auf das Büstenfach zu werfen und modellirte (1869) mit einer vordem nie gesehenen Bravour eine Anzahl von Engländern: die malerisch lebendige und charakteristische Auffassung, die Wiedergabe der jeweiligen Eigenthümlichkeiten des Fleisches, der Haut, der Haare u. s. w. waren der seither gewohnten eintönigen, leblosen und haubenstöckernen Behandlung dieser Dinge völlig entgegengesetzt. Hatte [484] man früher über Halbig’s „Naturalismus“ lamentirt, so war nun dieser Standpunkt weit übertrumpft; es gab unnöthigen Lärm auf beiden Seiten. Gleichzeitig vollendete W. die lebensgroße Gruppe einer „Charitas“ mit einem armen kranken Knaben, welcher auch weniger apoplektisch und scrofulös seine Stelle vor dem Spital zu Haidhausen gerechtfertigt hätte. Nachdem W. seiner Pflicht als friedlicher Landwehrmann 1866 genügt hatte, ging er nach England, um eine Menge von Porträtbüsten zu skizziren, die dann zu München, theilweise auch in Marmor, vollendet wurden, wozu neben einer „Flora“ noch weitere Bildnisse vom Obermedicinalrath v. Pfeufer, Paul Heyse (vgl. Fr. Pecht in Beil. 207 „Allgem. Ztg.“ 1872), Professor Dr. v. Lindwurm (1876), Franz Lachner, Bürgermeister von Steinsdorf (1877) und vielen anderen Celebritäten folgten – schwerwiegende Leistungen, die ihm 1872 die Ehrenmitgliedschaft und später eine Stelle als Professor an derselben Akademie zuzogen, die ihn einst als lernbegierigen Schüler abgewiesen hatte. Weniger glücklich erwies sich sein Project zum Niederwald-Denkmal; trotz der feurigen Befürwortung eines wohlberedten Panegyrikers (in Beil. 327 „Allgem. Ztg.“ 1872; Abbildung in Nr. 1550 der Lpzr. „Illustr. Ztg.“ 15. März 1873) wurde das äußerst manierierte Werk nicht einmal mit einem Preise bedacht. Im Gegensatze zu dieser wuchtigen Arbeit überraschte W. auf der Wiener Ausstellung 1873 durch eine Kinderscene als Brunnenmodell, ein frisches dralles, ihr dickes Brüderchen lustig Huckepack tragendes Mädchen vorstellend, eine Gruppe „voll jener erquicklichen naiven Frische, die vielleicht seine größte künstlerische Eigenschaft ausmachte“. In dieser Zeit kamen auch Aufträge für König Ludwig II., darunter zwei große Brunnen für den Linderhof, deren einer den mit Wasserrossen dahinstürmenden Neptun, der andere mit muthwillig plätschernden und scherzenden Nerëiden belebt, nach Stil und Thema ganz dem barocken Humor und der kühnen Gestaltungskraft des Künstlers entsprachen, der hier mit decorativen Arbeiten sein erfindungsreiches, launiges Ingenium entfalten konnte. Ebenso entwarf W. in kurzer Zeit die Modelle zur Decoration des königlichen Schlosses zu Herrenchiemsee: die überlebensgroßen Gestalten der freien Künste und der Regententugenden. Inzwischen reifte eine weihevolle Schöpfung, womit der Künstler die Tiefe der eigenen Empfindung in objectivster Gestaltung zum Ausdruck brachte: darstellend die rührende Gestalt eines am Sarkophage sitzenden Friedensengels, der ein eben entschlafenes Kind voll milder Liebe in die Arme bettet: die edelste Personification der Trauer und der erlösenden Versöhnung des Todes, voll Ruhe, Hoheit und Schönheit. Die Gruppe, ausgestellt inmitten des deutschen Saales auf der Pariser Exposition fand den verdienten Beifall und brachte dem Künstler das Kreuz der Ehrenlegion. Die Ausführung verzögerte sich und gerieth dann ins Stocken; als das auch in den Linien wohlklingende Gebilde vollendet war, diente es als Wagmüller’s eigenes Grabdenkmal! Vorerst stand der Künstler freilich noch mitten im Drang und Kampf des Lebens; er rang mit elementarer Kraft für seine Principien und Rechte, ganz im Trubel der Parteien. Obwohl zu seiner hohen Befriedigung in die Jury der Münchener internationalen Ausstellung 1879 gewählt, gerieth er in ein wahres Wirrsal von Verhältnissen, welche nur mit rücksichtsloser Energie und schließlich wol den Wenigsten zu Danke gelöst werden konnten; es gab eine Fülle von Klagen, Feindschaften und Recriminationen, welche dem Künstler die unwiederbringbare Zeit entzogen und eine unnöthige Reizbarkeit erweckten. So zog er sich in bitterster Verstimmung zurück und dachte schon an eine völlige Uebersiedelung nach England. Da kamen rechtzeitig ermuthigende Aufträge. Zuerst ein monumentaler Brunnen mit dem Standbilde Kaiser Ludwig des Baiern für Ingolstadt und dann die Bestellung des Liebig-Denkmals – zwei Arbeiten, welche die alte Schaffensfreudigkeit neu belebten [485] und vollauf in Anspruch nahmen. Während der Brunnen im Sommer 1881 feierlich inaugurirt wurde, rückte die prachtvolle, sitzende Gestalt des großen Chemikers der Vollendung entgegen, welche jedoch W. nicht mehr erlebte, da ein schweres Magenleiden den Künstler schon am 26. December 1881 zur letzten Ruhe bettete. Liebig’s Denkmal, welches ebenso dem Künstler wie dem großen Gelehrten zum Ruhme gereicht, wurde in congenialer Durchführung von Wagmüller’s treuestem Freunde und Schüler Ruemann 1883 vollendet. Abgebildet in Nr. 2105 Illustr. Ztg., Lpzg. 3. September 1883. Vgl. dazu Lützow’s Zeitschrift XIII, 467 ff. und die Nekrologe von Fr. Pecht in Allgem. Ztg. vom 7. Januar 1882 und Regnet in Lützow’s Zeitschrift 1882, S. 207.