ADB:Struensee, Gustav von

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Artikel „Struensee, Gustav von“ von Ernst Jeep in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 645–647, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Struensee,_Gustav_von&oldid=- (Version vom 1. Oktober 2020, 23:48 Uhr UTC)
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Struensee: Gustav Karl Otto v. St.; Großneffe der beiden Minister, als Romanschriftsteller bekannt unter dem Namen Gustav vom See. Er wurde geboren am 13. December 1803 zu Greifenberg in Pommern. Als dreijähriges Kind kam er nach Köln, wo sein Vater Karl Georg Philipp v. St., der in Greifenberg das Landrathsamt bekleidet hatte, zum Polizeipräsidenten ernannt war. Auf die geistige Entwicklung des Knaben übte seine Mutter Friederike, geborne v. Laurenz, den nachhaltigsten Einfluß aus. Die hochbegabte Frau leitete seine Erziehung fast ausschließlich, bis ihn das Kölner Gymnasium als Schüler aufnahm. Nachdem er hier das Abiturientenexamen abgelegt hatte, besuchte er von 1823–1826 die Universität Bonn, um sich dem Studium der Rechtswissenschaft zu widmen. Aus dem Freundeskreise dieser Jahre mögen hier v. Madai und Bachem genannt werden, von denen der eine später Polizeipräsident von Berlin, der andere Oberbürgermeister von Köln wurde. Seine Erinnerungen an die lustige Studentenzeit hat St. nochmals in den Romanen „Die Egoisten“ und „Herz und Welt“ niedergelegt. Im J. 1826 verlobte er sich, noch Student, mit Josephine, der weniger durch Geist als durch hervorragende Schönheit ausgezeichneten Tochter des katholischen Buchhändlers Imhoff in Köln. Sein ehrgeiziger Vater, der mit dem talentvollen Sohne hochfliegende Pläne verfolgte, söhnte sich erst nach längerer Zeit mit dieser nicht „standesgemäßen“ Verbindung aus. Die Verheirathung fand am 24. August 1831 statt. Nachdem St. vom 1. April 1827 als Hofgerichtsauscultator in Arnsberg, und seit dem 15. October 1828 in Düsseldorf, wo er mit dem hernach so berühmten Historien- und Landschaftsmaler Karl Friedrich Lessing nähere Bekanntschaft schloß, als Referendar thätig gewesen war, wurde er nach bestandenem Staatsexamen als Regierungsassessor nach Koblenz versetzt (26. Juli 1831). Seine Beförderung zum Regierungsrath erfolgte am 12. Juli 1834. In Koblenz, wo ihn der Dienst wieder mit den früheren Bonner Studiengenossen vereinte, verlebte er in anregendem Verkehre mit diesen mehrere schöne Jahre, bis er im Juli 1838 zum zweiten Male nach Arnsberg übersiedeln mußte. Hier sollte er während seines beinahe sechsjährigen Aufenthaltes die Anregung zu dichterischem Schaffen empfangen, und zwar durch eine Frau, die bedeutend ältere Gattin des Regierungsrathes v. Bernuth. Unter ihrem Einflusse entstand Struensee’s erstes Werk, die norwegische Novelle „Das Pfarrhaus zu Aardal“ (1842). Honorar dafür bekam der Dichter nicht. Trotz der hierdurch hervorgerufenen Entmuthigung ließ er diesem Erstlinge noch die Novellensammlung „Aus dem Leben“ (1843), sowie den Roman „Egon“ (1843) folgen.

Mit Struensee’s Rückversetzung nach Koblenz (11. Mai 1844) hörte seine schriftstellerische Thätigkeit auf; der Roman „Rancé“ (1845) und die „Rheinischen Novellen“ (1846) bilden den vorläufigen Abschluß. Sie wurde erst im J. 1850 mit dem Romane „Die Belagerung von Rheinfels“ wieder aufgenommen. Inzwischen, im December 1847, war St. zum Oberregierungsrath in Breslau befördert. Der Abschied vom Rhein wurde ihm außerordentlich schwer; kaum aber hatte er im Frühjahre 1848 sein neues Amt angetreten, als ihm die Stelle des Regierungspräsidenten in Trier angeboten wurde. Dabei hatte es jedoch sein Bewenden. Die Bestätigung blieb aus, da St. seine liberale Gesinnung auch dann nicht verleugnen mochte, als das Ministerium Manteuffel ans Ruder kam. In dem Conf1ictsjahre 1863 nahm er als liberaler Abgeordneter an den [646] preußischen Landtagsverhandlungen theil; er trat der Fraction Grabow bei. Auch das war nicht geeignet, seine Carrière zu fördern. So blieb er denn bis 1866, wo er auf sein Ansuchen in einen ehrenvollen Ruhestand versetzt wurde (1. Juli), in seiner Stellung als Oberregierungsrath in Breslau; den Titel „Geheimer“ Oberregierungsrath, der ihm verschiedentlich beigelegt wird, hat er nie erhalten.

Nur langsam konnte sich der Rheinländer an die neuen schlesischen Verhältnisse gewöhnen, die ihn nun bis an sein Lebensende gefesselt hielten. Und doch traten ihm auch in Breslau bald treue Freunde an die Seite: Felix Eberty, Gottschall, Karl v. Holtei. Wie der persönliche Verkehr mit diesen Männern, so trug der Briefwechsel mit Hackländer und Elise Polko viel dazu bei, ihm die Befriedigung und Anregung zu geben, die er in seinem Berufe nicht fand. Mit ganzem Eifer wandte er sich nun der Schriftstellerei wieder zu, der er nach seiner Pensionirung sich ausschließlich widmete. Seine Productionskraft war außerordentlich groß; sie erscheint um so größer, wenn man bedenkt, daß der Dichter bereits im 40. Lebensjahre stand, als er zum ersten Male an die Oeffentlichkeit trat. Von den zahlreichen kleineren Novellen und der Gedichtsammlung „Herbstblätter“ (1853) ganz abgesehen, verfaßte St. im Laufe seines Lebens an 20 größere Romane, die zusammen etwa 70 Bände ausmachen. Als seine besten Werke gelten: „Rancé“, 1845; „Die Egoisten“, 1853; „Vor fünfzig Jahren“, 1859; „Zwei gnädige Frauen“, 1860; „Herz und Welt“, 1862; „Falkenrode“, 1870. Wenigstens hatten gerade diese Romane ihrer Zeit den durchschlagendsten Erfolg; sie erwarben dem Dichter das Interesse der Kaiserin Augusta und des Herzogs Ernst von Gotha, das ihn bis an seinen Tod begleitete. Dieser ereilte ihn am 29. September 1875 in Breslau, als er soeben von einer größeren Reise zurückgekehrt war.

Daß St. erst als gereifter Mann zu schriftstellern begann, ist seinen Romanen zu Gute gekommen. Viele von ihnen führen uns auf den Boden der vaterländischen Geschichte, zumeist in die Zeit Friedrich’s des Großen oder der Napoleonischen Kriege, die St. noch durch mündliche Tradition oder aus eigener Anschauung kannte – „Vor fünfzig Jahren“ schildert die bewegte Zeit von 1807 bis 1815; in „Zwei gnädige Frauen“ wird ein Bild aus dem siebenjährigen Kriege entworfen; „Heimathlos“ (1867) spielt unter der Regierung Friedrich Wilhelm’s II. –, andere behandeln, wie „Arnstein“ (1868) moderne Probleme des socialen Lebens: in allen aber tritt uns der Verfasser als ein ausgezeichneter Menschenkenner entgegen, der eine genaue Kenntniß der socialen, politischen und religiösen Zustände des preußischen Staates besitzt. Auf allen Gebieten ist er zu Hause. Was er schreibt, hat Hand und Fuß. Unleugbar kamen St. bei seinem Schaffen die wissenschaftliche juristische Bildung und seine Thätigkeit als Verwaltungsbeamter ebenso zu Statten, wie die Erfahrungen, welche er als einfacher Soldat (1825) und Landwehrlieutenant des Bonner Ulanenregiments (1828) im militärischen Leben hatte sammeln können. Als sein Vorbild bezeichnete er selbst den Engländer Bulwer.

Um mit einem unbefangenen, gleich nach Struensee’s Tode niedergeschriebenen Urtheile über seine Stellung innerhalb der deutschen Litteratur zu schließen: „Ihm gebührt nach Heinrich König und Mügge neben Hackländer ein rühmlicher Platz in der deutschen Romanlitteratur des 19. Jahrhunderts. Seine Diction war nicht so markig wie die Mügge’sche, seine historische Darstellungskraft geringer als die von Heinrich König, er hatte nicht Hackländer’s Humor, aber er besaß von allen Dreien etwas und wußte – Eklektiker, wie er in allen Dingen sich zeigte – seinen größeren Arbeiten doch stets ein eigenes Gepräge aufzudrücken. Seine kleinen Erzählungen aus den späteren Tagen haben seinen Ruhm nicht gefördert, dagegen gehörten einige aus der ersten Periode zu den besseren ihrer Zeit.“

[647] Eine vollständige Aufzählung von Struensee’s Werken – eine Auswahl in sechs Bänden erschien Breslau 1876 – gibt Franz Brümmer in seinem Deutschen Dichterlexikon II, 1877. S. 409 ff. Damit ist jedoch zu vergleichen desselben Verfassers Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des 19. Jahrh., Leipzig, Reclam, 3. Ausg. S. 293. Die bedeutendsten Romane erschienen seit dem Juli 1860 im Feuilleton der Kölnischen Zeitung, die auch das letzte Werk des Dichters: „Die Philosophie des Unbewußten“, nach seinem Tode zuerst veröffentlichte (Jg. 1875, Nr. 302 ff.). Bezeichnend ist, daß St., wie er selbst einmal äußerte, erst seit seiner Verbindung mit diesem Blatte nennenswerthe Erfolge aufweisen konnte. Auch für andere Zeitungen war der Dichter thätig: so enthalten der Hannover’sche Courier und die Schlesische Zeitung zahlreiche Beiträge aus seiner Feder, die Schlesische Zeitung namentlich Kritiken der zeitgenössischen schönen Litteratur. – St. war auch lange Jahre hindurch der Vorsitzende des Breslauer Zweigvereins der Schillerstiftung. – Eine Monographie über ihn gibt es bisher nicht.

Nekrologe in der Schlesischen und Kölnischen Zeitung. Auch in der – jetzt. nicht mehr existirenden – Schlesischen Presse soll ein längerer Nekrolog gestanden haben (der mir nicht vorlag). – Franz Bornmüller, Schriftstellerlexikon 1882. – Ad. Stern, Lexikon der deutschen Nationallitt. 1882. – Blätter für litterar. Unterhaltung, 1875, Nr. 42. In Nr. 26 eine Kritik der „Lisdana“ (1875) und des „Majorat“ (1875) von Rud. v. Gottschall. – Eine Würdigung der besten Romane geben Heinr. Kurz und Rud. v. Gottschall in ihren Litteraturgeschichten. Die dürftigen und oft sich widersprechenden Nachrichten der Nekrologe wurden ergänzt und berichtigt durch die dankenswerthen Mittheilungen der verwittweten Frau Generalmajor Else v. Struensee, Struensee’s Schwiegertochter, in Breslau, und besonders der Frau Polizeilieutenant Klara Stöpel, seiner Tochter, in Berlin.