ADB:Sealsfield, Charles

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Artikel „Sealsfield, Charles“ von Franz Brümmer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 499–502, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sealsfield,_Charles&oldid=- (Version vom 27. Oktober 2021, 12:25 Uhr UTC)
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Sealsfield: Charles S. nannte sich der Verfasser von einer Reihe schönwissenschaftlicher Schriften, die 1843 ff. als seine „Gesammelten Werke“ in 18 Bdn. erschienen, nachdem dieselben schon während eines Jahrzehnts bei anonymer Aussendung ihren Weg durch Deutschland genommen und hier den Vorzug genossen hatten, viel gelesen zu werden. Ueber die Lebensverhältnisse des Autors, der seinen Wohnsitz in der Schweiz hatte, war indessen nichts in Erfahrung zu bringen; man vermuthete in ihm nur einen Amerikaner, da in seinen Schriften die Verhältnisse der neuen Welt mit einer solchen Treue geschildert waren, wie es nur einem Eingeborenen möglich sein konnte. Erst der Tod des Schriftstellers lichtete das Dunkel, und wenn auch S. in seinem Testamente seinen eigentlichen wahren Namen noch immer verschwiegen hatte, so wies doch der Inhalt desselben die Wege zu weiteren Nachforschungen, und diese ergaben Folgendes: Charles S. hieß mit seinem wirklichen Namen Karl Postl (auch Postel) und wurde am 3. März 1793 zu Poppitz bei Znaim in Mähren als der Sohn des Ortsrichters Anton Postl geboren. Die Verhältnisse im Vaterhause waren bei einer zahlreichen Familie wohl beschränkt, aber doch nicht dürftig, und so konnten die Eltern ihren Sohn Karl auf das Gymnasium in Znaim schicken, nach dessen Absolvirung er dann einen Platz als Conventstudent [500] im Prager Kreuzherrnstifte erhielt, wo er die philosophischen Studien beendete. Nunmehr vor die Wahl eines Berufes gestellt, beugte sich S. dem ausdrücklichen Wunsche seiner Mutter, die in ihm einen Geistlichen zu sehen ersehnte, und so trat er 1813 als Novize in das Ordenshaus der Kreuzherren vom rothen Stein zu Prag ein, erhielt nach Ablauf des Noviziats die Priesterweihe und wurde, nachdem er eine Zeitlang Secretariatsadjunct gewesen, zum Ordenssecretär ernannt, eine Beförderung, die er vornehmlich seinen Sprachkenntnissen zu verdanken hatte. Indessen vermochte diese bevorzugte Stellung nicht, ihn mit dem Klosterleben auszusöhnen, dem er sich ja nur unfreiwillig geweiht hatte, und auf die Dauer mußte ihm bei seinen freieren Ansichten der klösterliche Zwang unerträglich werden. Als er daher im April 1823 einen Ordensbruder nach Karlsbad begleitete, um dort selber die Kur zu gebrauchen, benutzte er diese Gelegenheit, dem Kloster und seinem Vaterland zu entfliehen. Bis in die Schweiz[1] ließ sich seine Spur verfolgen, und von hier wandte er sich wahrscheinlich erst nach England, um dann schließlich in Amerika festen Fuß zu fassen. Ueber seine Schicksale in der neuen Welt ist nur wenig Sicheres bekannt geworden; wenn aber S. wirklich der Verfasser des ihm zugeschriebenen Buches „Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach ihrem politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet. Mit einer Reise durch den westlichen Theil von Pennsylvanien, Ohio, Kentucky, Indiana, Illinois, Missouri, Tenessee, das Gebiet Arkansas, Missisippi und Louisiana. Von C. Sidons[2]“ (II, 1827) sein sollte, so muß er die ersten Jahre seines Lebens in Amerika zu ausgedehnten Reisen und besonders zu eingehenden Studien der dortigen Verhältnisse benutzt haben. Daß er zur Herausgabe des Werkes mit dem Verleger Cotta in Stuttgart persönlich habe unterhandeln und deshalb in Deutschland anwesend sein müssen[3] (1826), ist nicht gerade nothwendig, wenngleich es auch nicht ausgeschlossen ist; dagegen war S. im folgenden Jahre (1827) in London und veröffentlichte hier sein Buch „Austria as it is“ (1828), das wegen der freimüthigsten und rücksichtslosesten Schilderung der österreichischen Zustände sowohl in Oesterreich als auch vom Deutschen Bunde aufs strengste verboten wurde. Nach Amerika zurückgekehrt, bereiste S. 1827 die südwestlichen Staaten der Union, besonders Texas und Louisiana[4], und als Frucht dieser Reise kann sein Roman „Tokeah or the white rose“ (1828) angesehen werden, den er später in deutscher Sprache völlig umgearbeitet hat. Inzwischen war S. Besitzer einer Plantage am Red River geworden und gedachte sich hier dauernd niederzulassen, als er durch den Bankerott seines Banquiers in New Orleans den größten Theil seines Vermögens einbüßte und nun gezwungen ward, einen andern Lebensweg zu suchen. Er wählte den Beruf eines Schriftstellers. Einige Novellen und Reiseskizzen, die er früher in Journalen veröffentlicht, hatten bereits die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet, und in New York, wo er sich nun bleibend niederließ, wurde ihm bald die Redaction des Courier des Etats-Unis übertragen, desjenigen Blattes, das den Interessen der französischen Bevölkerung in Nordamerika diente. Nachdem dasselbe 1830 in den Besitz des ehemaligen Königs von Spanien, Joseph Bonaparte, übergegangen war, der in Amerika als Graf Survilliers lebte, schrieb S. hinfort für den Bonapartismus und gegen die Orleans; doch war der Parteikampf ein ziemlich wirkungsloser, den S. auf die Dauer nicht fortsetzen mochte, und da ihm außerdem die Aerzte riethen, seine angegriffene Gesundheit in Deutschland wieder herzustellen, so verließ er die neue Welt und begab sich zunächst mit Aufträgen und Empfehlungen von Joseph Bonaparte nach London. Hier verkehrte er mit den hervorragendsten Staatsmännern, wie Aberdeen, Brougham, Palmerston, betheiligte sich auch als Schriftsteller an dem monatlich erscheinenden „Englishman“. Dann ging er nach Paris, von wo aus er in den „Morning Courier and Enquirer“ [501] correspondirte, und 1832 nach der Schweiz, wo er mit Louis Napoleon, späterem Kaiser der Franzosen, in Verbindung trat, sich aber vorwiegend der Schriftstellerei zuwandte. Einen festen Wohnsitz suchte S. nicht; er lebte theils in Arenenberg, theils in Zürich, oder am Bodensee, in der schön gelegenen Villa Werner bei Schaffhausen, in Baden im Aargau, machte wiederholt Besuche in Paris und in den Jahren 1837, 1850 und 1859 auch länger währende Reisen nach Nordamerika, wohin ihn Vermögensangelegenheiten riefen und wo er stets auf das ehrenvollste aufgenommen wurde. Während des letzten Aufenthalts daselbst ließ er durch einen seiner Freunde in der Nähe von Solothurn ein kleines Landgut kaufen, dem er den Namen „Unter den Tannen“ gab, und das er bis zu seinem Tode am 26. Mai 1864 bewohnte. Das Geheimniß seines Namens hat S. mit ins Grab genommen. Warum er denselben so beharrlich verschwieg, wird wohl nicht aufgeklärt werden. „Die ergreifenden Worte der Selbstanklage in der nach seiner Bestimmung ausgeführten Grabschrift deuten wohl auf eine geheime Schuld, die ihn sein Leben lang bedrückt haben mochte“; welcher Art dieselbe aber gewesen, kann kaum vermuthet werden, da S. vor seinem Ableben alle seine Papiere verbrannt hatte, darunter auch seine „Memoiren“, die Erzählung „Ein Mann aus dem Volke“ und einen Roman „Ost und West“, ein Gegenstück zu seinem Roman „Süden und Norden“. Nur ein altes Schreibheft, dessen sich S. als Unterlage beim Schreiben bediente, war der Vernichtung entgangen, und aus ihm hat Alfred Meißner die groteske Erzählung „Die Grabesschuld. Nachgelassene Novelle von S.“ (1875) mühsam zusammen gelesen und herausgegeben. Die von S. bei Lebzeiten veröffentlichten Romane sind der Reihe nach folgende: „Der Legitime und die Republikaner. Eine Geschichte aus dem letzten amerikanisch-englischen Kriege“ (II, 1833), eine deutsche Be- und Umarbeitung des oben genannten Romans „Tokeah“ – „Transatlantische Reiseskizzen“[5] (II, 1834) – „Der Virey und die Aristokraten oder Mexiko im Jahre 1812“ (III, 1835) – „Lebensbilder aus beiden Hemisphären“ (VI, 1835–37) mit den besonderen Titeln: „George Howard’s Brautfahrt“; „Ralph Doughby’s Brautfahrt“; „Pflanzerleben“; „Die Farbigen“; „Nathan, der Squatter-Regulator“ – „Morton oder die große Tour“ (II, 1838) – „Die deutsch-amerikanischen Wahlverwandtschaften“ (IV, 1839) – „Das Cajütenbuch oder nationale Charakteristiken“ (II, 1841) – „Süden und Norden“ (III, 1842–1843). – „Charles S. ist ein Autor von hoher dichterischer Befähigung, glühender Phantasie, rastloser Lebendigkeit, von scharfem Blicke für die Auffassung großer Culturtypen und der Schöpfer des exotischen Culturromans in unserer Litteratur. Wenn der Kosmopolitismus unserer Dichter im Ganzen abstract oder auf litterarische Vermittelungen beschränkt blieb, so tritt er uns bei S. mit praktischem Weltblicke, in concreter Weise gegenüber; die Factoren, mit denen er rechnet, um das geistige Product der Zukunft zu gewinnen, sind Continente und Hemisphären; er schildert die Menschheit in allen ihren Raceunterschieden, in ihrer unendlichen Bedingtheit durch die continentale Natur bis auf die kleinsten und feinsten provinziellen Unterschiede und vergißt nie über der sorgfältigsten Farbengebung im einzelnen die große historische Mission der Nationen und Welttheile. Amerika, der jugendlichste und zukunftsvollste Continent, bildet den Mittelpunkt seiner Schilderungen. Der Kampf des Menschen mit der Natur, der Sieg des Geistes, der Arbeit, der Thatkraft über den Urwald und die Steppe begeistert unsern Rhapsoden zur lautesten Feier dieses unberühmten und namenlosen Heroismus der Masse, der keine blutigen Schlachtfelder schafft, aber Felder des Segens für die Nachkommen unter tausend Entbehrungen und Opfern der Natur abgewinnt und Land gewinnt, nicht zum Herrentausche, sondern herrenloses Land dem Herrn der Schöpfung“ (Gottschall). Selbstverständlich ist der Autor begeistert für die [502] großen Erfolge des Unabhängigkeitskampfes der nordamerikanischen Freistaaten und für ihre selbständige Entwickelung, und durch diese Begeisterung will er seinen Landsleuten in der alten Welt begreiflich machen, was Freiheit sei, will er sie für dieselbe empfänglich machen. Sealsfield’s poetische Gestaltungsgabe zeigt sich weniger in der Composition seiner Dichtungen, als in der Schilderung des Details. Er ist ein Meister in der Volks- und Racenmalerei. „Mit gleicher Sicherheit und Wahrheit schildert er Neger und Indianer, Eingeborne und neue Ankömmlinge, die leichtfertigen Franzosen des Südens, die kalten berechnenden Yankees des Nordens, die warmblütigen spanischen Creolen, den stolzen Virginier und den heißköpfigen Kentuckier; mit gleicher Sicherheit und Wahrheit die verschiedenen Stände vom reichen Kaufmanne bis zum ärmsten Trödler, den von tausend Sclaven umgebenen Pflanzer sowie den Hinterwäldler, der sein Blockhaus verläßt, um sich in weiter Ferne ein neues zu gründen; und oft weiß er durch die einfachsten Mittel die großartigsten Charakterzeichnungen zu geben“ (Kurz). Ebenso bedeutend ist Sealsfield’s Talent für Naturmalerei; es ist geschult in der genauesten Beobachtung des Reisenden, der sich nicht bloß über seine eigenen Erlebnisse, sondern auch über die Landschaft Rechenschaft giebt. Mag er uns den südwestlichen Urwald oder das bald ruhige, bald vom Sturm gepeitschte Meer schildern, mag er uns durch die Gebirgswelt führen oder durch unermeßliche Steppen, mag er uns die Vegetation und das Leben in Pennsylvanien, am Susquehannah, Red River und Missouri oder im südlichen Mexiko, in den öden Sandwüsten von Veracruz ausmalen: immer athmen seine Schilderungen eine große Naturbegeisterung, und je großartiger die Erscheinung ist, desto mächtiger und gewaltiger, aber auch desto reiner wird seine Darstellung. „Der Stil Sealsfield’s ist originell, oft begeistert, wild, von einer an Ausrufungen reichen Lebendigkeit, oft krampfhaft hastig, fragmentarisch hingeworfen, rasch und jählings ausgestoßen und häufig durch seine Sprachmengerei ein Schrecken der deutschen Puristen“. Zwar sucht der Autor sein transatlantisches Kauderwelsch, das sich in den unartikulirten Lauten der Indianer, in den sonderbarsten Ausdrücken der Yankees, in französischen, englischen, spanischen Brocken und ganzen Sätzen kennzeichnet, zu rechtfertigen, weil es charakteristisch für seine Volks- und Sittenzeichnung sei, immerhin thut aber diese babylonische Sprachvermischung dem guten Geschmack nicht wohl. Trotz allem bleibt S. ein genialer Dichter, und für das Verständniß amerikanischen Lebens wird er ebenso unentbehrlich sein, wie etwa Goethe für das Verständniß deutscher Anschauungsweise.

Die Gartenlaube, Jahrg. 1864, S. 53; Jahrg. 1865, S. 94. – Daheim, 1. Jahrg. (1864–65), S. 295. – Wurzbach’s Lexikon, 33. Bd., S. 228 ff. – H. Kurz, Geschichte der deutschen Litteratur, IV, S. 714 ff. – R. Gottschall, Die deutsche Nationallitteratur des 19. Jahrhunderts, IV, S. 365 ff.[6]

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 500. Z. 13 v. o.: Sealsfield kam damals nicht in die Schweiz. [Bd. 45, S. 672]
  2. S. 500. Z. 21 v. o.: Siddons (so lautet der Name) ist wirklich Pseudonym für Sealsfield, von dem das Buch stammt. [Bd. 45, S. 672]
  3. S. 500. Z. 25 v. o.: Sealsfield war wirklich 1826 in Deutschland; einige seiner Briefe an Cotta sind aus Frankfurt a. M. datirt. [Bd. 45, S. 672]
  4. S. 500. Z. 31 f. v. o.: In Texas und Louisiana war damals S. nicht; der Roman Tokeah ist also nicht die Frucht dieser Reise. [Bd. 45, S. 672]
  5. S. 501. Z. 26 v. o.: Die „Transatlantischen Reiseskizzen“ sind kein eigenes Werk, sondern der 1. Theil der Lebensbilder aus beiden Hemisphären. [Bd. 45, S. 672]
  6. S. 502. Z. 14 v. u.: Zu vgl. ferner Kertbeny, „Besuche bei Sealsfield“ im 2. Band der „Silhouetten und Reliquien“, Prag 1863 und „Erinnerungen an Sealsfield“, Brüssel und Leipzig 1864. Leo Smolle, Sealsfield, Wien 1875. S. Hamburger, Postl; unveröffentl. Briefe, Wien 1879. [Bd. 45, S. 672]