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Artikel „Obereit, Jacob“ von Hermann Arthur Lier in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 88–90, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Obereit,_Jacob&oldid=- (Version vom 19. April 2024, 19:01 Uhr UTC)
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Obereit: Jacob Hermann O., Chirurg und Mystiker, wurde am 2. December 1725 zu Arbon in der Schweiz geboren. Da sein Vater Ludwig Oberreit (so schrieb sich die ganze Familie mit Ausnahme Jacob Hermanns) ein eifriger Anhänger der Mystik im Sinne der Mad. Guyon und des Herrn von Marsay war, so wurde O. von frühester Jugend an in die Lehren des Mysticismus eingeweiht; in Folge dessen und durch eine übereifrige, aber planlos gepflegte Lectüre aller möglichen Schriftsteller erwarb er sich wol eine Masse von Kenntnissen, konnte es aber nie zu einer wirklichen Ordnung und Klarheit seiner Ideen bringen. Als sein Vater im J. 1732 nach Lindau übersiedelte, um dort die Stelle eines Rentamtsbuchhalters anzutreten, folgte ihm der Sohn dorthin, gelangte jedoch auch hier nicht dazu, die Wohlthat eines geregelten Schulunterrichtes zu genießen. Er blieb Autodidakt und studirte nach wie vor alles durcheinander, namentlich aber theologische Werke, so daß er Neigung verrieth, Geistlicher zu werden. Davon aber wollte sein mit der Kirche zerfallener Vater nichts wissen, und so entschied sich O. dafür, den Beruf eines Arztes zu ergreifen. Zu diesem Zweck begab er sich im Jahre 1740 zu einem Wundarzt in Arbon in die Lehre, bei dem er bis in den October des Jahres 1743 verweilte. Nach seiner zu St. Gallen erfolgten Freisprechung trat er eine längere Wanderschaft an, bis ihn im J. 1746 ein vom Magistrat zu Lindau bewilligtes Stipendium in den Stand setzte, die Universität Halle zu beziehen. Im Herbste des folgenden Jahres vertauschte er Halle mit Berlin, da man in Lindau wünschte, daß er die dortigen medicinischen Anstalten besuche und sich namentlich mit der Praxis der Chirurgie und der Entbindungskunst vertraut mache. Mehr wie diese beiden Fächer zogen ihn aber die von Pott gehaltenen Vorlesungen über Chemie an. Am eifrigsten jedoch lag er der Beschäftigung mit der Philosophie und den schönen Wissenschaften ob. Er las Homer, Vergil, Tasso, Milton und Klopstock und versuchte [89] sich selbst in der Abfassung von Oden, Elegien und didaktischen Gedichten. Viel Glück hatte er mit diesen Nachahmungen nicht, wie eine uns erhaltene Epistel an Bodmer, die in den fürchterlichsten Hexametern abgefaßt ist, nur zu deutlich beweist. Bemerkenswerth aber ist sein auch aus diesem Machwerk zu erkennendes Interesse für Bodmers Bestreben, die alte deutsche Litteratur wieder zu neuem Leben zu erwecken. Nach Vollendung seiner medicinischen Studien kehrte O. über Godelsheim bei Arolsen, wo er Herrn von Marsay einen Besuch abstattete, und von diesem mit einer Menge guter, freilich nie befolgter Lehren entlassen wurde, im Juni des Jahres 1750 nach Lindau zurück, um hier als „Operateur und Medicinae Practicus“ in städtische Dienste zu treten. Aber es gelang ihm nicht, das Vertrauen seiner Collegen und der Einwohnerschaft zu gewinnen, obwol er bereits im J. 1751 mit einem Werk über chirurgische Fragen an die Oeffentlichkeit trat. Der Mangel an Praxis trieb ihn seinen Lieblingsstudien immer mehr in die Arme, welche am wenigsten geeignet waren, seine mißliche pecuniäre Lage zu verbessern. Die Neigung zur Poesie und die aus ihr hervorgehende Bekanntschaft mit Bodmer und Wieland sollte jedoch dazu führen, daß O. sich ein wirkliches Verdienst um die deutsche Litteratur erwarb. Durch den Briefwechsel mit Bodmer angeregt betheiligte sich O. an dessen Nachforschungen nach Handschriften zur alten „schwäbischen Poesie“. Auf einem Ausfluge nach Hohenems gelang es ihm im Juni 1755 die Handschrift C des Nibelungenliedes aufzufinden, von welcher Entdeckung er am 29. Juni desselben Jahres Bodmer in Kenntniß setzte. Wird durch diesen unlängst festgestellten Thatbestand auch keineswegs das Verdienst Bodmer’s um die Wiedererweckung unseres Nationalepos geschmälert, so wird man doch in Zukunft nicht versäumen dürfen, den Namen Obereit’s neben dem Bodmer’s in der Geschichte der germanischen Philologie mit Ehren zu erwähnen, zumal das aus seinen Briefen ersichtliche Interesse an der Poesie des Mittelalters in jenen Tagen noch selten zu finden ist.

Die sonstigen Bestrebungen Obereit’s gehören zumeist der Geschichte der menschlichen Verirrungen an. Seine Neigung zum Mysticismus wuchs von Jahr zu Jahr, und seine unablässig fortgesetzten alchemistischen Versuche verschlangen den Rest seines geringen Vermögens. Gleichwohl gelang es O., sich durch seine Schriften, deren meist ungeheuerliche Titel der Verworrenheit und vollendeten Stillosigkeit des Inhalts vollkommen entsprechen, einen Namen zu machen und wenigstens in den Kreisen der Schwärmer und Geheimbündler seiner Zeit einen gewissen Grad von Berühmtheit zu erreichen. Infolge seiner Abhandlung „Universalis confortativa medendi methodus“ (Karlsruhe 1767), ernannte ihn die königlich bayrische Akademie der Wissenschaften zu München zu ihrem Mitgliede, und der ihm befreundete Wieland verschaffte ihm als Kanzler der freien Reichsstadt Biberach und als „Comes Palatinus“ den Titel eines Doctors der Philosophie. Am bekanntesten aber machten O. seine Streitigkeiten mit dem berühmten Arzte Johann Georg Zimmermann zu Hannover, dessen großes Werk über die Einsamkeit durch Obereits Schriften veranlaßt wurde. Seit dem Tode seines Vaters im J. 1776 begann O. ein Wanderleben. Er hielt sich hintereinander in Winterthur, Bern und Zürich auf, fortwährend mit seinen auf die Veredlung der Metalle und auf die Auffindung des Steines der Weisen abzielenden Arbeiten beschäftigt. Im J. 1781 verließ er die Schweiz und wandte sich zunächst zum Besuche seines Bruders Ludwig O., welcher sich durch eine Reihe werthvoller mathematischer Arbeiten hervorgethan hat, nach Dresden. Von hier aus begab er sich nach Hannover, wo er mit seinem Gegner Zimmermann einen freundschaftlichen Verkehr anknüpfte, lebte dann eine Zeit lang auf dem Gute des Herrn Andreas Nitzsche zu Mengelsdorf in der Oberlausitz, zog 1784 nach Leipzig und wurde endlich durch Wieland nach Weimar geführt. Goethe und [90] Schiller erwähnen ihn wiederholt in ihrem Briefwechsel, und wir hören, daß er genöthigt war, sein Leben als Almosenempfänger zu fristen. Seit 1785 hatte er in Jena seinen Wohnsitz. Die dort aufblühenden philosophischen Studien zogen O. an, in dessen Leben das Studium der Philosophie, namentlich der damals herrschenden Kant’schen nunmehr in den Vordergrund trat. Er sollte dieser neuen Neigung wenigstens für einige Jahre ein sorgenfreies Leben verdanken. Der Herzog von Meiningen, der bei einem Besuche zu Jena Interesse an dem eigenthümlichen Mann gefunden hatte, ließ ihn 1786 nach Meiningen kommen. Hier blieb er in der Stellung eines „Hof- und Cabinetsphilosophen“, bis zum Jahre 1791, wo er wieder nach Jena übersiedelte, um während der letzten Jahre seines Lebens dem Studium der Fichte’schen Philosophie obzuliegen. Er starb daselbst am 2. Februar 1798. Obereit’s Schriften verzeichnet Meusel im Lexicon.

Die eingehendsten Nachrichten über O. findet man bei Friedrich Schlichtegroll, Nekrolog auf das Jahr 1798. Jahrg. IX, Bd. 2. Gotha 1803. S. 1–100. Damit ist zu vergleichen die Darstellung J. G. Zimmermanns im 3. Bande seines Werkes „Ueber die Einsamkeit“, Troppau 1783. S. 26–74 und Johannes Crueger, der Entdecker der Nibelungen. Frankfurt a. M. 1883.