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Artikel „Neokorus, Johann Adolf“ von Robert Chalybaeus in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 428–431, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Neokorus,_Johann_Adolf&oldid=- (Version vom 18. Oktober 2019, 08:22 Uhr UTC)
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Neokorus: Johann Adolf N. (Neokorus hat er sich selbst genannt, auch Ettahulphides, nach seinem Vater Adolf), geboren um 1550, höchst wahrscheinlich gestorben im J. 1630, Prediger in Büsum (Norder-Ditmarschen), Verfasser einer Chronik seines Heimathlandes, welche die Hauptquelle der ditmarsischen Geschichte bildet. Sein Geburtsjahr ist unbekannt, es muß dasselbe jedoch in den Anfang der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts fallen, einige Jahre vor der Eroberung Ditmarschens durch König Friedrich II. und die holsteinischen Herzöge Adolf und Johann im J. 1559. So fällt seine Jugend in die Zeit, in welcher sein Vaterland in drei Fürstenthümer getheilt war. Aus ein paar Bemerkungen in Neokorus’ Chronik hat man schließen wollen, daß er in Wöhrden geboren sei, jedenfalls hat er daselbst seine Jugend verlebt, da sein Vater Adolf Philipp, der 1580 dort starb, einige zwanzig Jahre Schullehrer und zweiter Prediger in Wöhrden gewesen ist. Seine Mutter Catharina stammte aus einem der angesehensten Geschlechter Ditmarschens, dem der Isemannen, auch sie starb in Wöhrden kurz vor ihrem Manne. Demnach hat Neokorus jedenfalls die erste Begeisterung für die Großthaten seiner Vorfahren in Wöhrden empfangen; die Kirche selbst, in welcher sein Vater predigte, war ein sprechendes Denkmal für den im J. 1319 über Graf Gerhard den Großen von Holstein erfochtenen Sieg, noch lebten sicher Leute, welche im J. 1500 von Wöhrden, dem Hauptquartier der Ditmarscher, aus nach Henningstedt gezogen waren; als Kind hatte er noch jedenfalls die Haupttrophäe aus jener Schlacht, den dänischen Danebrog, in der Kirche hängen sehen. Von seinen Eltern ward Johann Adolf für das Studium der Gottesgelehrtheit bestimmt und besuchte deshalb, freilich nur auf kurze Zeit, die Universität Helmstädt, welche im October 1576 gegründet worden war; auch Braunschweig, eine der wenigen größeren Städte, die er überhaupt gesehen, hat er damals besucht, in einem Dorfe in der Nähe von Helmstädt hat er auch im J. 1578 zum ersten Male gepredigt. In demselben Jahre wurde er trotz mancher Anfeindungen und selbst gegen den Wunsch der Regierung – auch der Superintendent des Norderteils, M. Marcus Wrange, gehörte zu seinen Gegnern – zum Schulmeister und Küster (daher sein Name Neokorus von νεώκορος, Tempelreiniger oder -Diener, d. h. Küster) in Büsum, dem alten Nordtorp, dem Hauptort der damaligen Insel Büsum, welche durch den sechs Kilometer breiten Wartstrom noch von dem Festlande getrennt war, gewählt. Am 18. März 1590 erfolgte dann seine Wahl zum zweiten Prediger auf Büsum. War nun schon seine erste Anstellung nicht ohne Widerspruch erfolgt, so durfte er sich auch als Prediger keines rechten Friedens erfreuen, schon bald nach seiner Einsetzung gerieth er in arge Mißhelligkeiten mit seinen Vorgesetzten. Von seiner Großmutter aus dem Geschlecht der Isemannen, welche auch auf Büsum eingesessen [429] waren, hatte er eine nicht unbedeutende Erbschaft gemacht, deshalb wurde ihm die Kapellanei, von welcher übrigens schon vor seiner Einsetzung ein Stück abgetrennt war, zu klein, und er stellte den Antrag, entweder ihm ein neues Haus zu bauen, oder ihm selbst einen Neubau auf eigene Kosten zu gestatten. Beides ward ihm aber, namentlich auf Veranlassung des ersten Pastors Dierksen, abgeschlagen, und weder bei dem Superintendenten, noch bei dem Landvogt und Landschreiber vermochte er mit seinem Gesuche durchzudringen, ja ein Theil seiner Gemeindeglieder zeigte sich ihm entschieden feindlich gesinnt, so daß er Mühe hatte, selbst seinen arg geschädigten Ruf durch das Zeugniß Anderer zu schützen; dennoch setzte er endlich seine Absicht durch, er erzählt uns von einem Hausbau, den er im J. 1594 ausgeführt hatte. Daß N. Feinde hatte, kann uns freilich nicht Wunder nehmen, er war ein Mann, der, wo es galt, sich nicht scheute, Gewalt und Unrecht entgegen zu treten, das zeigte sein Verfahren gegen den Kirchspielvogt Kruse, der in seiner Gemeinde Veranlassung zu schweren Klagen gegeben hatte. Johann Adolf trat an die Spitze der Unzufriedenen und ruhte nicht eher, bis der Betreffende bestraft war. Die Büsumer scheint er überhaupt nicht besonders geliebt zu haben, er nennt sie selbst in seiner Chronik ein frevelhaftes, muthwilliges, streitsüchtiges Volk, und er, der stets auf die sächsische Abkunft der Ditmarscher pocht, spricht diese den Büsumern ab, „weshalb sie auch allzeit und auch jetzt noch von den anderen Ditmarschern für geringer gehalten worden seien“. So ließen ihm denn seine Feinde auch später keine Ruhe. Schon längst hatte man den Plan gefaßt, die Insel Büsum mit dem Festland durch einen Damm zu verbinden, damit der Wartstrom auf beiden Seiten desselben aufschlicken könne. Schon im J. 1585 war ein solcher Damm denn auch glücklich geschlagen worden; im J. 1608, als die erste Aufschlickung schon vor sich gegangen war, wollte man zu beiden Seiten des alten Dammes neue Deiche anlegen, da mußte denn am 13. Juli Alles, jung und alt, mit Hand ans Werk legen, denn es galt, das Werk zur Zeit der Ebbe soweit zu fördern, daß die eintretende Fluth vor dem Damme Halt machen müsse. Da zog denn auch „Herr“ Johann Adolf mit seinem Wagen herbei, um nach Kräften mitzuhelfen, aber bei dem Hin- und Herjagen der Wagen stürzte sein Fuhrmann, ein schmächtiger junger Mensch, vom Wagen und fand dabei seinen Tod. N. hatte ihn mit dem Spaten bedroht, weil er ihm nicht schnell genug fuhr, so benutzten die Feinde Johann Adolfs diesen Umstand und klagten ihn des Todtschlags an, und es kostete ihm nicht geringe Mühe, sich von dem Verdachte zu reinigen. Und noch als siebzigjähriger Greis gerieth er mit seiner Gemeinde wieder in Streit, und es kam so weit, daß er im J. 1624 abgesetzt wurde und zwar, wie es scheint, nicht ohne Zuthun der Regierung. Er spricht selbst von seinem „Fall“ und erwähnt die letzte Predigt, die er vor demselben gehalten habe. Auf der anderen Seite wußten seine Landsleute auch seine Landeskunde zu schätzen und zu verwerthen. So ward er im Jahre 1598 als Sachverständiger von den Büsumern nach Dieksand geschickt, um das Recht derselben auf diese Insel, als noch von den alten Inseln Helmsand und Tötel, welche früher den Büsumern gehört hatten, herstammend, gegen die Eingesessenen des Kirchspiels Marne geltend zu machen. – Die nöthigen Vorarbeiten zu seinem Geschichtswerk scheint er in der Mitte der neunziger Jahre, also bald nachdem er sich ein neues Heim geschaffen hatte, begonnen zu haben, und dieselben waren im J. 1598 soweit gediehen, daß er damit anfangen konnte, seine Aufzeichnungen ins Reine zu schreiben; fortgeführt hat er seine Chronik bis zum Jahre 1619. In dem Gildenbuche einer Armengilde, welche er in Büsum gegründet hatte, finden wir seinen Namen bis zum Jahre 1630, er ist wol in diesem Jahre gestorben, den Tod des in demselben Jahre im Norderteil verstorbenen Landvogts Bruhn scheint [430] er nicht mehr erlebt zu haben. – Das Geschichtswerk des N. führt den Titel: „Dithmersche historische Geschichte van ehrer Ankumbst, Seden, Gebruken, Geschlechter, Kluffte, Landen, Steden, Flecken, Dorpern. Item van ehren Regimentt, Religion, Policien, Krigen, Vorruckingen, Vormehringen, Handelen und dapferen manlichen Daden uth velen geloffwerdigen Historicis, olden geschrevenen Chronicis, eigentlicken Vortekenissen, Breven, Instrumenten, Privilegien, Vordregen unde Monumenten thosamende gedragen, ock eines Deles nun erstlick angemercket unde uppe getekenet mit sonderbaren mechtigen Vlite, grothen schwerer Moyte unde Arbeith, dorch Johannem Neokorum Ettahulphidem in demsulvigen Lande bordich. Anno 1598.“ Geschrieben ist dasselbe in der plattdeutschen Mundart der Ditmarscher und nimmt unstreitig in der älteren mundartigen Litteratur einen hervorragenden Platz ein, es zeigt einen für seine Zeit in hohem Grade ausgebildeten Satzbau und Abrundung der Perioden und läßt erkennen, daß der Verfasser nie verlegen gewesen ist, den treffenden Ausdruck zu finden. Gerade die Klarheit der Diction macht es auch dem, dem die plattdeutsche Mundart nicht geläufig ist, möglich, sich ohne allzugroße Schwierigkeit in das Verständniß des Werkes hineinzuarbeiten. Dabei thut diese sorgsame Durcharbeitung der Natürlichkeit und Treuherzigkeit des Erzählers durchaus keinen Abbruch. Von 1559 an ist die Erzählung allerdings ganz annalistisch. Freilich hat der Verfasser, wie es die Sitte der Zeit mit sich brachte, eine große Vorliebe für Citate aus allen möglichen Schriftstellern des Alterthums und eine gewisse Neigung, mit seiner Belesenheit zu prunken, die ihn besonders im ersten Theil, in dem er eine Anzahl „Opinionen, Meinungen, Konjekturen, Anmodungen und Thonödiginge“ über Ankunft und Ursprung der Ditmarscher vorbringt, zu wunderlichen Behauptungen verleitet. Die Hauptquellen, denen er bei Erzählung der eigentlichen ditmarsischen Geschichte in früherer Zeit gefolgt ist, sind neben Helmold’s Slavenchronik, Albert Kranz’ Saxonia und Vandalia und dem Presbyter Bremensis, vor allem Karsten Schröder, dessen ditmarsische Chronik die Zeit von 1140–1590 umfaßt, und die Collectaneen des als ditmarsischen Geschichtschreibers lange Zeit überschätzten Johann Russe, wie eine Anzahl von später verloren gegangenen handschriftlichen Aufzeichnungen, wie Joh. Junge, Karsten Sivert, Andreas Brus u. a. Für die Zeit Heinrich’s von Zütphen hat er die Schrift Luther’s über denselben, für die Geschichte der letzten Fehde namentlich die Schriften der beiden Ranzau’s benutzt. Doch hat er auch nicht versäumt, Originalurkunden zu sammeln, soweit solche noch vorhanden waren, denn die meisten hatten bei Eroberung des Landes ausgeliefert werden müssen. Vollständig zuverlässig ist N. aber erst von der Zeit an, welche er selbst erlebt oder in der er aus der Erinnerung von Zeitgenossen geschöpft hat, also erst von der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts an. Daß er übrigens über die Landesgeschichte nicht gerade besondere Studien weit von seinem Heimathsorte angestellt hat, geht aus seiner mangelhaften Kenntniß von der für Ditmarschen so wichtigen Geschlechterverfassung hervor, welche allerdings zu des Neokorus’ Zeit fast schon jede Bedeutung verloren hatte, während Anderes aus dem Leben der alten Ditmarscher, z. B. die Hochzeitsgebräuche, Tänze u. dgl. in hohem Grade ausführlich behandelt ist. Er kennt nur die Namen der auf Büsum, in den benachbarten norderditmarsischen Kirchspielen und in Meldorf eingesessenen Geschlechter, bei den anderen ist meistens durch Striche angedeutet, daß er die Sache späteren genaueren Untersuchungen vorbehalten hat, und es ist lebhaft zu bedauern, daß dies unterblieben ist. Denn gerade in diesem Punkte ist N. für uns fast einzige Quelle, die späteren ditmarsischen Chronisten haben ihn hier einfach abgeschrieben. Die Originalhandschrift des N. (895 Seiten fol.) befindet sich in der Kieler Universitätsbibliothek, der sie von Dahlmann zum Geschenk [431] gemacht worden ist. Das Manuscript hat dadurch arg gelitten, daß derselbe es seiner Zeit einem Setzer in die Hände gegeben hat, auch ist eine Anzahl Blättter durch Wasserflecke unbrauchbar gemacht, sonst ist die Handschrift deutlich und gut leserlich, nur gegen das Ende flüchtiger. In derselben Bibliothek befinden sich noch drei alte vollständige Abschriften, so daß das in der Originalhandschrift Unlesbare leicht hat ergänzt werden können. Herausgegeben ist das Werk des N. bis jetzt nur einmal durch Dahlmann im J. 1827 in zwei Bänden, gedruckt Kiel in der königlichen Schulbuchdruckererei, in Commission der Universitätsbuchhandlung, mit einer Karte „des Freistaates“, einem Anhang, bestehend aus Auszügen anderer ditmarsischer Chronisten, wie Henning Swyn, Hans Detlef von Windbergen u. a., dreiundzwanzig kleineren, von Dahlmann verfaßten Abhandlungen, meistens die Culturgeschichte und Verfassung Ditmarschens betreffend, welche freilich durch genauere Untersuchungen bereits vielfach Berichtigungen erfahren haben, und einem Glossar.