ADB:Meyer-Merian, Theodor

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Artikel „Meyer-Merian, Theodor“ von Alois Emanuel Biedermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 628–630, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Meyer-Merian,_Theodor&oldid=- (Version vom 10. August 2020, 02:44 Uhr UTC)
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Meyer-Merian: Theodor M.-M. von Basel, Dichter und Volksschriftsteller. – Geboren zu Basel am 14. Januar 1818, studirte M.-M. in Basel, Freiburg und Berlin Medicin, promovirte 1842 und war bis zu seiner Verheirathung (1846) Assistenzarzt im Bürgerspital zu Basel. Neben seiner ärztlichen Praxis trat er auch als Privatdocent an der Universität auf. 1851 wurde er Spitaldirector, in welcher Stellung er mit gleicher Pflichttreue im Großen und im Kleinen eine ungewöhnliche Geschäftstüchtigkeit entfaltete. Für jede Verbesserung der Anstalt ergriff er mit rascher Energie die Initiative, und was er angegriffen, das führte er mit fester Ausdauer durch. Seine ärztlichen Kenntnisse und gemeinnützigen Bestrebungen namentlich für physische und moralische Volkshygiene legte er in einer Reihe von Monographien nieder, darunter zwei gekrönte Preisschriften: „Ueber menschliche Behandlung der Thiere“ (1850) und „Sicherer Wegweiser zu einer gesunden Wohnung“ (1859), namentlich eine vortreffliche Abhandlung aus seinem Todesjahr „Volkslitteratur und Volksschrift“ (1867). Früh wandte er sich auch, zuerst angeregt durch Wilhelm [629] Wackernagel, der Poesie zu und widmete, mit den Jahren eher zunehmend, seine Mußestunden zur Erholung von der Prosa des strengen Pflichtlebens der Dichtung in Versen und Prosa, deren durchgehender Charakter in scheinbarem Contrast mit seiner Weise, sich im Leben nach außen zu geben, gerade sein innerstes Wesen enthüllte: einen weichen zarten Kern in stachlicher Schale. Im Leben eine markige Gestalt, von practisch nüchternem derben Realismus und keckem, drastischen Witz, legte er in seiner Poesie die ganze Zartheit und Weichheit eines tief innerlichen Gemüthes nieder. Die Gestaltungskraft für größere Compositionen ging ihm ab; es blieb da meist etwas Unfreies, Unbeholfenes. Dafür bewies er eine Meisterschaft in der Schilderung des Stilllebens, des Stilllebens im weitesten Umfang: sowohl im Gebiete der Natur als des menschlichen Lebens. Auch er hatte seine Sturm- und Drangperiode, im Religiösen wie im Politischen. Seine erste, noch anonym erschienene Gedichtsammlung „Aus den Liedern eines Schweizers“ (1844) gibt davon Zeugniß. Nachher aber wandte er sich mit Vorliebe der Schilderung des vor der Welt Verborgenen in seinem inneren Werthe zu. Auch das Kleinliche im Kleinen malte er mit wohlwollendem Humor aus, den strafenden Spott für das Schlechte aufsparend, das sich groß macht. Im Religiösen war das officielle Kirchenthum dem nüchternen Naturforscher zu massiv, die Vergeistigung des Philosophen dem Dichter zu dürftig; aber als Dichter hat er mit tief religiösem und poetischem Sinn das Religiöse auch in seiner naivsten Form zart und sinnig dargestellt: ein echt religiöser Volksschriftsteller. Es war in ihm ein Stück Hebel und ein Stück Bitzius. An Hebel erinnert nicht blos die Basler Mundart in mehreren seiner Liedersträuße, so in seinem „Wintermayeli“ (1857) und in „Us der Heimat“ (dem Andenken Hebel’s an dessen 100. Geburtstag gewidmet, 1860), sondern auch der freie Natursinn und heitere Humor, der sie durchweht. Ferner die beiden lieblichen Idyllen: „Der Strauß, ein Idyll“ (1856) und „Die Nachbarn, ein städtisches Sittenbild aus der Gegenwart“ (1864) und das „Neue Thiergärtlein für die Kinder“ (1855). Auch als Kalendermann wetteiferte M.-M. mit Hebel. Er schrieb vier Jahrgänge eines „Schweizerischen Hausboten“ (1853–56) und von 1863–65 den „Kalender des Basler hinkenden Boten“. In beiden hat er den echten Ton einer naturwüchsigen und zugleich durch und durch edlen Popularität in der rechten Mischung von Scherz und Ernst aufs glücklichste getroffen. Auch die sinnigen Vignetten und kleinen Bilder sind alle von seiner kunstfertigen Hand. Mehr mit Bitzius verwandt sind seine fünf großen Erzählungen: „Der verlorene Sohn, eine Handwerkergeschichte“ (1853), „Kienseppli, oder Almosen und Wohlthaten“ (1855), „Johanna, oder Himmel und Erde, aus dem Leben eines Weibes“ (1858). „Mareili, oder das Bettelmädchen auf dem Letthofe“ (1860), und „Dienen und Verdienen, eine Dienstbotengeschichte“ (1865). Er theilt mit Bitzius die lehrhafte Tendenz, ist in der Erfindung weniger reich als dieser, in der Ausführung aber freier von allen Auswüchsen. Den charaktervollen, thatkräftigen Mann voll Witz und Humor zog besonders auch das Drama an. Doch gerade die Witzspiele wollten ihm weniger gerathen. Zum puren Witzspiel war er zu substantiell gemüthvoll, zu wenig leicht in beiderlei Sinn des Wortes. Zwar „Die Lichtfreunde, eine Thierkomödie“ (1856), eine Satire auf aufklärerische Extravaganzen, sind leicht und duftig und haben einen wahrhaft poetischen Schluß. Zwei anderen Lustspielen dagegen, „Hanswurst im neunzehnten Jahrhundert“ und „Die Laterne von Lalenburg“, die anonym unter dem Titel „Alte Komödien auf neuen Brettern“ (1858) erschienen, fehlt, so viel köstlichen Witz sie auch im Einzelnen enthalten, doch im Ganzen zu sehr die geniale Leichtigkeit, die zu dergleichen gehört. Zu vier Dramen höheren Stils nahm er den Stoff aus der vaterländischen Geschichte, deren Technik zwar die Routine [630] des Theaterschriftstellers vermissen läßt, die aber nicht nur einen edlen vaterländischen Sinn und große politische Gedanken, sondern auch eine feine Charakterzeichnung und hohe poetische Züge enthalten. Das erste ist „Adelbert Meyer“ (Bürgermeister von Basel, ein Vorfahr des Dichters im 17. Jahrhundert), in frei gereimten Jamben. Dann: „Arnold von Winkelried“ (1861), in welchem der Dichter dem an sich ja ganz undramatischen Stoff gleichwohl eine tiefdramatische Folie zu geben wußte. Ferner „Alte und neue Liebe, oder die Mühle von Stanzstaad“, aus dem Heldenkampfe der Unterwaldner gegen die Franzosen, in Prosa (1862). Endlich „Samuel Henzi“, Trauerspiel in fünf Acten (1867), ein Stoff, der bekanntlich schon Lessing zur dramatischen Behandlung gereizt hat. M. wurde aus der Vollkraft praktischen Wirkens und poetischen Schaffens durch die Krankheit, ein Lebercarcinom, hinweggerafft, über die er einst seine Doctordissertation geschrieben hatte. Er selbst hatte sein Uebel nicht erkannt; als aber sein Arzt, aufs Gewissen gefragt, es ihm nannte, wies er ihn lächelnd an seine Frau, daß sie ihm aus seinem Pult seine Dissertation darüber gebe. Er starb am 5. Decbr. 1867.

Vgl. den Nekrolog in der Neuen Zürcher Zeitung (26.–29. Decbr. 1867) v. B. – Th. M.-M., litterarische Skizze, von Friedrich Oser (1868). – Th. M.-M. Ein Lebensbild von J. J. Oeri, nebst einem Anhang von Gedichten des Verstorbenen (1870).