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Artikel „Lange, Joachim“ von Paul Tschackert in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 634–635, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lange,_Joachim&oldid=- (Version vom 23. August 2019, 21:51 Uhr UTC)
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Band 17 (1883), S. 634–635 (Quelle).
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Lange: Joachim L. Als im 17. Jahrhunderte innerhalb des deutschen Protestantismus das Christenthum wesentlich in der „reinen Lehre“ gefunden wurde und die Pflege des christlichen Lebens noch dazu unter den Nachwirkungen des 30jährigen Krieges erlahmte, entstand im Pietismus Spener’s und Francke’s die heilsame Reaction, welche das Christenthum wieder zu einer Beschaffenheit der Persönlichkeit machte. Allerdings ist auch diese mächtige Bewegung schnell einseitig geworden und deshalb verkümmert, indem sie die individuelle Frömmigkeit zum ausschließlichen Lebenszwecke des Menschen machte und Wissenschaft, Kirche und Cultur ignorirte. Schon die zweite Generation der Pietisten erlebte daher, daß ihre Geistesrichtung gegenüber dem strenggeschulten Denken der Wolff’schen Philosophie nicht Stand halten konnte. Zu ihnen gehörte Joachim L. Er war 1670 (26. October) zu Gardelegen in der Altmark geboren und in seiner Jugend frühzeitig zur Frömmigkeit angeleitet worden. Daher schloß er sich 1689 in Leipzig als Student den durch ihren Pietismus bald berühmt gewordenen Magistern August Hermann Francke und Kaspar Schade an, und als Francke Leipzig verlassen mußte, folgte L. ihm nach Erfurt und Halle. Später finden wir ihn in Berlin; aber da er aus ängstlicher Scheu zur Uebernahme eines Pfarramtes noch keine Glaubensfreudigkeit empfand, wurde er Erzieher in dem pietistischen vornehmen Hause von Canitz, durch welches er hohe Connexionen in Berlin bekam und behielt. Nachdem er darauf zwei Jahre in Cöslin in Pommern als Rector gewirkt hatte, übernahm er 1698 das Rectorat des Friedrich Werder’schen Gymnasiums in Berlin, dazu noch im nächsten Jahre ein Predigtamt. In dieser Stellung entfaltete er eine durchaus achtungswerthe Thätigkeit. Eine martialische und stets arbeitsfrische Persönlichkeit wußte er mit sicherer Hand Disciplin einzuführen und aufrecht zu erhalten, eine lateinische Grammatik, eine philosophische Propädeutik und andere Hülfsbücher, die seiner Feder entstammten, bildeten die Grundlage seines Unterrichts. Er war in Berlin seinen Schülern ein geistlicher Vater, bis er 1709 nach Halle berufen wurde. [635] Hier eröffnete sich ihm die Thätigkeit, wegen welcher man ihn in der Culturgeschichte des 18. Jahrhunderts zu nennen pflegt, die Professur an der damals unzweifelhaft berühmtesten theologischen Fakultät Deutschlands. Er hat in dieser seiner Eigenschaft von 1709 bis an seinen Tod (7. Mai 1744) Vorlesungen über Dogmatik und Moral, über Exegese des Alten und des Neuen Testamentes gehalten und mit staunenswerther Federfertigkeit in jedem Jahre ein bis zwei Schriften veröffentlicht; allein deswegen könnten wir ihn vergessen: denn seine anfangs stark besuchten Auditorien verödeten, als die wolffisch angehauchten Studenten an der Gottseligkeit des „Schulmajors“ keinen Geschmack mehr fanden, und seine wissenschaftlichen Schriften haben alle keine Bedeutung mehr. Genannt muß er aber doch immer wieder werden, weil er gegen die zwei wissenschaftlichen Gegner des Pietismus sich zu Tode gekämpft hat. Der erste Gegner war die kirchliche Orthodoxie, durch den Dresdener Superintendenten Valentin Ernst Löscher würdig und gelehrt vertreten. L. hatte für dessen Wissenschaft und Kirchlichkeit kein Verständniß; der Vergleich von Löscher’s Streitschrift Timotheus Verinus (1711, 1718) mit Lange’s „Antibarbarus Orthodoxiae“ fällt zu Ungunsten des letzteren aus; der hallesche Theologe erscheint mehr als barbarischer Klopffechter. Der Streit erlosch in Kursachsen auf Befehl von oben. Inzwischen hatte der Philosoph Wolff ungeahnten Einfluß in Halle gewonnen. Da die Pietisten unfähig waren, ihn wissenschaftlich zu widerlegen, soll L. durch seine Connexionen heimlich in Berlin gegen ihn intriguirt haben. Ueber die berüchtigte Ausweisung Wolffs vom 8. Novbr. 1723 ist allerdings auch L. erschrocken; aber man war doch in Halle den gefährlichen Neuerer los. Eine Kabinetsordre des Königs Friedrich Wilhelm I. von 1729 verlangte von jedem lutherischen Kandidaten in Preußen ein zweijähriges Studium in Halle; da hob sich die Fakultät; aber mit der Zahl ihrer Studenten nahm ihre geistige Kraft nicht zu. L. erlebte vielmehr noch den triumphirenden Einzug Wolff’s in Halle im J. 1740 und den Eintritt des Wolffianers Baumgarten in die theologische Fakultät 1743. Und doch hatte Niemand den Pietismus muthiger vertheidigt als Joachim L.; aber durch den Mangel an Kirchlichkeit und an Wissenschaftlichkeit hatte er dennoch allen Einfluß verloren.

Vgl. Tholuck, Gesch. des Rationalismus, 1865, S. 12 ff. G. Frank, Gesch. d. prot. Theol., 2. Bd. 1865, S. 144. Wagenmann, Art. „Lange“ in Herzog’s Realencyklopädie, 2. Aufl., 8. Bd. 1881.