ADB:Harrach, Ferdinand Bonaventura Graf von

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Artikel „Harrach, Ferdinand Bonaventura“ von Anton Victor Felgel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 629–632, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Harrach,_Ferdinand_Bonaventura_Graf_von&oldid=- (Version vom 29. November 2020, 23:09 Uhr UTC)
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Harrach: Ferdinand Bonaventura H., Graf, geb. am 14. Juli 1637, † 1706, ein Enkel Karl’s, des ersten Grafen v. H., war der einzige Sohn des Grafen Otto Friedrich v. H., des Stifters der noch blühenden jüngeren Linie des gräflichen Hauses – aus dessen Ehe mit Lavinia, geb. Gräfin v. Gonzaga-Novellara, der Wittwe des Grafen Vratislaw von Fürstenberg; Kaiser Leopold, dem er schon als Kammerherr gedient hatte, als derselbe noch Erzherzog war, ernannte ihn alsbald nach seinem Regierungsantritte zum Reichshofrathe, 1659. Als Ludwig XIV. den Kaiser gebeten hatte, Taufpathe seines zweitgebornen Sohnes zu sein, wurde H. an den französischen Hof gesandt, das kaiserliche Antwortschreiben zu überbringen und im Namen des Kaisers den Herzog von Orleans um die Stellvertretung zu ersuchen. Im Februar 1669 traf H. – damals kaiserlicher Kämmerer und Ritter des goldenen Vließes – in Paris ein und trat Ende des nächsten Monates, nachdem er am 24. März der Taufe des jüngeren Herzogs von Anjou beigewohnt hatte, wieder seine Rückreise an. Im Sommer 1673 wurde H., der auch daß Obersterblandstallmeisteramt in Oesterreich ob und unter der Enns bekleidete, an die Königin von Spanien gesandt. Im J. 1676 von Madrid abberufen, ward er im folgenden Jahre geheimer Conferenzrath. Namentlich seit seiner Ernennung zum Oberststallmeister 1684 viel um die Person des Kaisers beschäftigt, hatte H. durch sein stilles, einnehmendes Wesen und dadurch, daß er ihm mit Bitten und Vorstellungen für sich oder für Andere niemals lästig fiel, sich das Herz und Vertrauen Leopold’s erworben, dem er zumal auf Jagden ein willkommener Gefährte war. Oft pflegte sich der Kaiser mit H. von dem übrigen Gefolge zu entfernen, um sich in traulichem Zwiegespräche über die öffentlichen Angelegenheiten zu ergehen. Ohne außergewöhnlichen Einfluß auf die Staatsgeschäfte galt H. als wahrer Freund [630] des Monarchen, als erklärter Liebling seines Herzens. Es war eine Folge und ein klarer Beweis des in ihn gesetzten Vertrauens, als er im J. 1696 – als außerordentlicher Botschafter an den spanischen Hof bestimmt – sich auf den schwierigsten, wichtigsten diplomatischen Posten gesetzt sah. Kaiser Leopold trennte sich schwer von seinem Lieblinge. Bereitwilligst gestattet er ihm, eines wichtigen Familienprocesses willen, die Abreise zu verschieben. Erst am 13. März 1697 verließ H. Wien und begab sich über Florenz nach Madrid, wo er Ende Mai anlangte. Seine Hauptaufgabe war, den König Karl II. zur Einsetzung des Erzherzogs Karl zum Erben der spanischen Monarchie zu bewegen. Zu diesem Ende sollte er dem Könige und seinem Hofe zu Gemüthe führen, daß wenn Karl II. keine Leibeserben hinterlasse, die spanische Monarchie dem Kaiser und dessen männlichen Erben nach dem Rechte der Blutsverwandtschaft gebühre. Wollte man in Madrid die französischen Collateralen und den weiblichen Stamm vorziehen, dann sollte H. dagegen vorstellen, daß der römische Kaiser und Erzherzog Karl dem spanischen Könige einen Grad näher verwandt sei, daß sowol die Infantin Anna, da sie an Ludwig XIII. vermählt wurde, als auch die Infantin Maria Theresia bei ihrer Vermählung mit Ludwig XIV. ausdrücklich in ihrem und ihrer Nachkommen Namen auf die spanische Erbfolge verzichtet hätten. Auch sollte er die Nachtheile darlegen, welche für Spanien daraus erwachsen müßten, daß es im Falle der Berücksichtigung der bourbonischen Ansprüche ein Accessorium Frankreichs wurde. Gegen die bairischen Ansprüche sollte H. die feierliche Verzichtleistung der Kurfürstin Maria Antonia und die Schwäche Baierns, welches ja unvermögend wäre Spanien gegen Frankreich zu behaupten, geltend machen. Auch sollte H. den König erinnern, wie man in der spanisch-österreichischen Dynastie stets die Erhaltung und Blüthe des Hauses Oesterreichs berücksichtigt habe und den König ersuchen, von dieser Tradition nicht abzuweichen. Er sollte kaiserliche Hilfstruppen versprechen und mittheilen, daß der Kaiser geneigt sei einen seiner Prinzen nach Spanien zu senden, wenn der König es wünsche. Auch erbot sich der Kaiser in diesem Falle zur Bestreitung des erzherzoglichen Hofstaates eine ergiebige Summe zu senden. Die freundliche Aufnahme, welche H. bei König und Königin fand, ließ ihn anfangs günstigen Erfolg seiner Sendung hoffen. Der König schien für den Fall mangelnder Leibeserben der Nachfolge des Erzherzogs Karl nicht abgeneigt. Die Reise des Erzherzogs aber und wie sie zu bewerkstelligen sei, das bedurfte nach seiner Ansicht noch reiflicher Erwägung. Dringend ließ der König den Kaiser um Bewahrung des Geheimnisses bitten, denn darauf beruhe der schließliche Erfolg. Bei der Königin Maria Anna fand H. ungemeines Wohlwollen und offenes Entgegenkommen. Gleich bei seiner ersten Privataudienz am 2. Juni stellte sie ihm ihre kräftigste Unterstützung in Aussicht. Ihre Vertraute, die Gräfin Berlepsch, hatte H. durch reiche kaiserliche Geschenke ebenfalls gewonnen. Sorgfältig bewahrte H. das tiefste Geheimniß über die Erbfolge-Angelegenheit, wie es von König und Königin so dringend verlangt worden war. Durch die Umgebung der Königin aber wurden dem Hofe bald die Bestrebungen und Aussichten Harrach’s offenbar. Allerdings wurden die Gegenbemühungen der anti-österreichischen Partei, die den Staatsrath beherrschte, diesmal durch den überwiegenden Einfluß der Königin vereitelt. Harrach’s Versuche, sie mit einigen einflußreichen Häuptern der Opposition, namentlich mit Portocarrero, zu versöhnen und dieselben dadurch der österreichischen Sache zu gewinnen, scheiterten aber an der Heftigkeit der Königin. Doch gelang es H. im Vereine mit ihr durchzusetzen, daß der König in einem eigenhändigen Schreiben an den Kaiser die Einsetzung des Erzherzogs Karl zum Thronerben in Aussicht stellte und den Wunsch aussprach, daß der Erzherzog [631] nach Spanien kommen möge. Außerdem wurde um Uebersendung kaiserlicher Hilfstruppen ersucht. Dieses ihm sehr wichtig scheinende Schreiben schickte H. Ende Juni durch seinen Sohn nach Wien. H. selbst arbeitete im Auftrage der Königin eine Denkschrift aus, welche ausführlich zu erweisen suchte, wie wünschenswerth, ja nothwendig die Reise des Erzherzogs nach Spanien sei. Sie war zur Vorlage an den Staatsrath bestimmt. Auch gelang es H. mit Hilfe der Königin die Anstrengungen Portocarrero’s zu Gunsten des bairischen Kurprinzen abzuwehren. Dagegen bemühte sich H. vergebens im Staatsrath eine günstige Entscheidung wegen der kaiserlichen Hilfstruppen zu erreichen. Die Verhandlungen wurden namentlich durch den Einfluß Portocarrero’s verschleppt, bis die Capitulation von Barcelona am 11. August und der darauf folgende Ryswicker Frieden eine der kaiserlichen Sache äußerst ungünstige Wendung herbeiführten. Anfangs wurden Harrach’s dringendste Vorstellungen, die spanische Monarchie, namentlich Catalonien, gegen etwaige erneute französische Angriffe sicher zu stellen mit ausweichenden und beschwichtigenden Redensarten beantwortet. Im October 1697 wurde aber sogar die ohnehin kleine spanische Armee auf die Hälfte ihres Standes reducirt. In Wien fanden Harrach’s Berichte über Spaniens gänzliche Wehrlosigkeit nicht den verdienten Glauben. Man kam über die Bedenken, welche sich der Uebersendung des Erzherzogs und kaiserlichen Hilfstruppen nach Spanien entgegenstellten, nicht hinweg. Die Weisungen, welche H. aus Wien erhielt, erschwerten seine Stellung stetig. Harrach’s Vorschläge, welche auf Veränderungen im Regierungssysteme hinausliefen und namentlich auch die Ersetzung des Almiranten Melgar und des Beichtvaters Pater Matilla durch der österreichischen Sache ergebene Personen bezweckten, hatten nicht den gehofften Erfolg. Das Project der Rückberufung des verbannten Oropesa scheiterte an dem schroffen Widerspruche der Königin. H. bedurfte seiner ganzen Gewandtheit den völligen Bruch mit ihr zu vermeiden. Hatte H. im Laufe des J. 1697 schon wiederholt gekränkelt, so brachten ihn zu Ende dieses Jahres die Aufregungen und Anstrengungen in Erfüllung seiner Mission vollends auf das Krankenlager. Einen verhängnißvollen Schritt unternahm H., indem er im Jänner 1698 die Gräfin Berlepsch durch Drohungen und Einschüchterungen an das kaiserliche Interesse zu fesseln vermeinte. Er schuf sich dadurch nur eine intriguante und gefährliche Feindin. Im Februar erkrankte der König sehr bedenklich. Vergeblich rieth H. der geängstigten Königin, ihren Gemahl auf das Land und dadurch aus dem Bereiche seiner ränkevollen Umgebung zu bringen, vergebens ermahnte er sie vor allem den Cardinal Portocarrero nie mit dem Könige allein zu lassen und ebenso die Einflüsterungen anderer der bairischen oder französischen Partei Angehörigen von dem Könige fern zu halten. Der Königin versprach H. baldigst kaiserliche Hilfe und er beschwor sie, alles zu versuchen, um Karl II. zur Abfassung eines Testamentes zu vermögen, welches den Erzherzog Karl zum Erben, sie selbst aber zur Regentin bis zu dessen Großjährigkeit einsetze. Anfang März berichtet H. seine Freude über die trotz aller Hindernisse doch erfolgte Rückberufung Oropesa’s und er ist noch voll guter Hoffnung für das endliche Obsiegen der kaiserlichen Sache. Doch schon unternahm es die geistliche Umgebung des kranken Königs denselben ganz zu umgarnen, den Einfluß der Königin lahm zu legen. Und als mit der Genesung des Königs der Einfluß seiner Gemahlin wieder stieg, da rächte sich die Gräfin Berlepsch, indem sie Harrach’s Mitwirkung bei der Rückberufung Oropesa’s der Königin im gehässigsten Lichte darzustellen wußte. H. büßte in der That die Unterstützung der Königin ein. Als der Kaiser dem Drängen Harrach’s endlich nachgab, kamen seine Zugeständnisse zu spät. Harrach’s Einfluß bei den maßgebenden Mitgliedern des Staatsrathes reichte nicht aus. [632] Noch eine letzte Warnung vor den schlimmen Folgen, welche ihr Abfall von der kaiserlichen Sache für sie selbst heraufbeschwören werde, ließ H. der Königin und der Gräfin Berlepsch durch eine Mittelsperson zukommen. Am 9. October konnte H. endlich die von ihm ersehnte Abreise aus Spanien antreten. Den anfänglichen Erfolgen hatte der Ausgang seiner Mission nicht entsprochen. H. selbst verhehlte sich nicht, daß er den Zweck seiner Sendung ganz verfehlt habe. „Die zaudernde und ängstliche Politik des Kaisers, verbunden mit unzeitiger Sparsamkeit, hatte neben dem Hochmuthe der Königin jeden weiteren Erfolg verhindert.“ H. fand bei dem Kaiser den herzlichsten Empfang. Gleich in der ersten Audienz nach seiner Rückkehr aus Spanien wurde er zum Obersthofmeister ernannt. Kraft seines neuen Amtes übernahm er den Vorsitz in der Staatsconferenz und damit die Oberleitung der auswärtigen Politik. Nachdem er noch bei der Erbhuldigung des Kaisers Josef I. – 22. September 1705 – das Obersterblandstallmeisteramt ausgeübt hatte, starb er – des Kaisers ältester Minister – am 15. Juni 1706, die Brunnenkur in Karlsbad gebrauchend.

Wurzbach, Biogr. Lexikon, Bd. VII und die daselbst 373 ff. angegebene Litteratur, namentlich Arneth (Alfred A. v.), Prinz Eugen von Savoyen (Wien 1858), 3 Bde. – Gaedeke (Arnold), Die Politik Oesterreichs in der spanischen Erbfolgefrage, 2 Bde. (Lpzg. 1877). – Akten des k. k. Haus-, Hof- und Staatsarchives in Wien.