Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Zwickau und seine Kohlen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, 34, 37, S. 442–445, 470–472, 506–508
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[442]
Zwickau und seine Kohlen.
Nr. 1.

Es nimmt uns Wunder, wenn wir hören, daß im fernen Westen in zehn und zwanzig Jahren Städte mit Tausenden von Bewohnern aus Wildnissen emporwachsen, und dabei übersehen wir, daß sich in unserer unmittelbaren Nähe Erscheinungen wenn auch nicht gleicher, so doch ähnlicher Art zutragen, die aber um so mehr geeignet sein dürften, unser Interesse zu erregen, als sie mächtig mit in den Strom des Lebens eingreifen, dessen Fluthen wir alle mehr oder minder anheimgegeben sind. Zwar können wir nicht Städte ausweisen, die binnen wenigen Jahren aus den ersten Anfängen bis zu einer ansehnlichen Bedeutung aufstiegen, wohl aber solche, die vor wenigen Jahrzehenden wie müde Greise ein armseliges Dasein hinschleppten, und heute wie thatkräftige Jünglinge nach wohlgeführtem Laufe sich anschicken, noch ruhmvollere Bahn zu betreten. Welche Stadt wir hier namentlich im Sinne haben, lehrt schon die Ueberschrift.

Zwickau in Sachsen hat seit einer Reihe von Jahren einen so mächtigen Aufschwung genommen, daß es der, welcher es zwanzig bis dreißig Jahre nicht gesehen hat, kaum wieder erkennen kann, und es arbeitet in industrieller Hinsicht mit solcher Kraft und mit so bedeutenden Mitteln, daß seine Thätigkeit weithin fühlbar wird und für die Entwickelung des industriellen Lebens in seiner näheren und ferneren Umgebung maßgebend geworden ist.

Und doch war es vor etwa dreißig Jahren noch eine todte armselige Stadt, von so wenigem Interesse, wie es nur ein von dem großen Markte des Lebens abgeschnittenes Landstädtchen haben kann. Auf seinen Straßen zeigte sich nicht die geringste Spur von einem regeren gewerblichen Leben; fast unheimliche Stille herrschte, wenn sie nicht etwa durch den Marsch einer kleineren oder größeren Truppe von Soldaten unterbrochen wurde oder die liebe Schuljugend nach der Entlassung aus ihren Käfigen die Straßen zu ihren Tummelplätzen machte.

Daß die Stadt mit einer sehr starken Garnison belegt war, war für sie ein wahres Glück, und ihr Verbleiben beinahe eine Lebensfrage: durch sie wurde doch einige Bewegung in das matt hinschleichende Leben der Stadt gebracht; aus ihrer Bekleidung und Verpflegung zog das gewerbliche Leben doch einige Nahrung und ihre Einquartiernng in die Wohnungen der Bürger ließ die weitläufigen Räume der Häuser doch nicht ganz leer erscheinen.

An Größe fehlte es den Häusern nicht, und viele zeigten durch ihre architektonische Schönheit, daß Zwickau in vergangenen Jahrhunderten auch einmal ruhmvollere Tage gesehen haben müsse; aber jetzt standen sie da vernachlässigt und traurig über den Verfall aller irdischer Größe, und setzten die Armseligkeit der Gegenwart nur in um so grelleres Licht. Auf den Straßen wuchs Gras, an den einsameren Stellen so reichlich und so hoch, daß es abgehauen werden konnte, und in den unteren Theilen der Stadt wurde durch das aus der Mulde in die Stadt geleitete in offenen Bächen fließende Wasser so viel Unrath und Schlamm zusammengeführt, daß förmliche Sümpfe entstanden. Diese verschwanden nur dann einmal, wenn es diesem oder jenem Feldbesitzer beikam, den in ihnen lagernden Düngestoff für seine Felder zu benutzen. Vor der Stadt dehnten sich als Zeugen dafür, daß Grund und Boden noch wenig Werth hatten, große mit Weiden und Pfützen wohlausgestattete Anger hin, den Schweinen und Gänsen der Bürger angenehmen Aufenthalt zu gewähren, und der Baum, der die Sümpfe liebt, die Erle gedieh in der Umgebung von Zwickau am üppigsten. Für 10,000 Thlr. hätte man ganze Straßen von Zwickau kaufen können und wer 20 bis 30 Thlr. Miethzins gab und geben konnte, mußte sich in guten Verhältnissen befinden und ganze Häuser zu seinen Wohnungs- oder Arbeitszwecken brauchen.

Und jetzt? In den günstig gelegenen Straßen drängen sich fast die Menschen in geschäftiger Eile vom frühen Morgen bis zum späten Abend und nicht einmal die Ruhe der Nacht läßt sie ganz leer werden; aus 6000 Menschen sind 16,000 geworden. Schwere Lastwagen rasseln fortwährend, zuweilen in langen, ununterbrochenen Zügen über das Pflaster, die meisten mit Steinkohlen und Coak, doch viele auch mit anderen Gütern beladen. Das Pflaster, dessen Erneuerung und Ausbesserung die möglichste Sorgfalt gewidmet wird, will doch niemals in rechten Stand kommen. Es vergeht keine halbe Stunde, in der nicht das gellende Pfeifen des Dampfwagens daran erinnert, daß Zwickau mit den Hauptlebensadern der Zeit, den Eisenbahnen, in lebhafter Verbindung steht, und nicht lange mehr wird es dauern, so werden von hier aus die Locomotiven [443] lange Kohlenzüge nach dem gewerblichen Chemnitz fahren und bis in das Herz des Erzgebirges dringen, um zu zeigen, daß der jetzt so arme Landstrich noch reiche Schätze birgt, wenn man nur die rechten Mittel anwendet, sie zu heben.

Die alten rußigen Häuser haben auch geglaubt, es sei nun an der Zeit, ein freundlicheres Gewand anzuziehen, ihr Inneres wohnlicher und besser herzurichten und die hundert Jahre wenig oder gar nicht benutzten Räume zum Wohnen für Menschen dienstbar zu machen. Früher hatten sie Mangel an Bewohnern, jetzt droht ihnen Ueberfüllung. Diesem Uebelstande suchen zwar zahlreiche Neubauten vorzubeugen; aber sie stehen mit dem starken Zufluß von Wohnung suchenden Menschen noch lange nicht in richtigem Verhältniß. Daher kommt es, daß bereits ein großer Mangel an Wohnungen fühlbar wird und es der Arbeitsmann und kleine Handwerker, hauptsächlich wenn er mit Kindern gesegnet ist, für ein Unglück halten muß, wenn ihm sein Hauswirth die Wohnung kündigt. Denn es ist sehr zweifelhaft, ob er wieder Wohnung findet und ob er nicht die Stadt, die ihm und seiner Familie doch manche Annehmlichkeit bietet, mit dem Dorfe vertauschen muß, wo er zwar dieselben hohen Preise wie in der Stadt zahlen muß, aber ohne die von der Stadt gebotenen Vortheile haben zu können: Dieser Wohnungsmangel erregt schon allgemeine Aufmerksamkeit und bei den Berg- und Fabrikherren, die nur dann den höchsten Gewinn erzielen können, wenn ihnen gute Arbeitskräfte in ausreichender Weise zu Gebote stehen, beinahe Besorgniß. Es wird auch diesem Mangel durch die Privatbauten nur sehr wenig abgeholfen, weil dabei auf die Herrichtung von kleineren Wohnungen, wie sie der Arbeiter braucht und bezahlen kann, nur sehr wenig Rücksicht genommen wird. Die einzige Abhülfe besteht darin, daß von den großen Etablissements Arbeitercolonieen gegründet werden, wie es schon der umsichtige und vorsorgliche hiesige Fabrikant Herr Fickentscher bei seiner Glashütte gethan hat. Wie verlautet, ist der Beschluß zur Errichtung von Arbeiterwohnungen bereits auch bei zwei der größten Kohlenwerken gefaßt worden, und andere ziehen diese Frage in ernsteste Erwägung.

Die Stadt Zwickau aber wird, wenn auch ein kleiner Theil der Arbeiter aus ihrer Mitte wandern sollte, wohl schwerlich wieder Gras auf seinen Straßen wachsen sehen; denn es ist und bleibt doch der Mittelpunkt für die ganze Umgegend und auch die etwa auswandernden Arbeiter werden, wenn sie in die Stadt kommen, um ihre Lebensbedürfnisse einzukaufen, jedes Grashälmchen, das sich mühsam durch die Steine zwängen wollte, mit niedertreten helfen. Nur in der Nähe der Kirchen will das Gras nicht ganz verschwinden und es muß zeitweilig die absichtlich raufende Hand dem zufällig zertretenden Fuße zu Hülfe kommen. Ob der Grund dieser Erscheinung darin zu finden ist, daß sich das weltliche Treiben von der Heiligkeit jener Orte ehrerbietig zurückzieht, oder daß die Zwickauer ihre Gotteshäuser nicht so fleißig besuchen, wie sie wohl sollten, mag hier unentschieden bleiben.

Noch mehr in die Augen fallen die Veränderungen, welche die Umgebung von Zwickau erlitten hat. Die Sümpfe des Stadtgrabens haben sich in schöne Gärten verwandelt; aus den Erlenwäldern sind theilweise prächtige Wiesen geworden und von allen den Sümpfen und Teichen, welche namentlich an der Westseite der Stadt sich hinzogen, ist außer einem kleinen unbeachtbaren nur der große durch seine Sagen altberühmte Schwanenteich mit seinem klaren Wasser und glänzenden Spiegel übrig geblieben. Um ihn herum ziehen sich geschmackvoll angelegte Parkanlagen, zwar noch jung an Jahren, aber schon stattlich herangewachsen in dem trefflichen Schlammboden.

Wendest du aber deinen Blick weiter, namentlich südwärts, so findest du da, wo früher die Sense, der Pflug und die Axt die Herrschaft führten, die Scholle gefangen genommen von der umfriedigenden Mauer; ganz neue Stadttheile sind angelegt und gewinnen mit jedem Jahre an Ausdehnung. Das bauliche Wesen ist so im Schwunge, daß alle die Ziegeleien, welche in großer Menge in der überaus lehmreichen Umgebung von Zwickau im Gange sind, nicht genug Backsteine liefern können. Ueber die Wohnhäuser aber ragen empor die mächtigen Dampfessen, hier viereckig, dort achteckig und dort rund, aber alle stets umqualmt von dickem Rauch und zum größten Verdruß für die Hausfrauen ganze Wolken von Ruß ausstreuend.

Man kann sich denken, daß die Luft im Zwickauer Thale empfindlichen Nasen nicht recht zusagen will, wenn der Wind den Qualm aus 50, 60 und noch mehr Dampfessen, der unzähligen anderen Rauchgelegenheiten jetzt gar nicht zu gedenken, zur Erde niederdrückt und dem Menschen zum Einathmen aufzwingt. Die Nase der Einheimischen ist etwas abgehärtet und muß stark angesprochen werden, ehe sie etwas einzuwenden hat; der Lunge aber mag solche rauchgeschwängerte Luft keinen erheblichen Schaden zufügen, sonst könnte die Zwickauer Gegend keine sogar für Schwachbrüstige doch so gesunde sein.

Unter den Essen, von denen die höchste und schönste, die der Bockwaer Wasserhaltungs-Maschine, bis zu 90 Ellen aufsteigt, keucht es aus ehernen Lungen und arbeitet es, hier nur mit einigen Pferdekräften, dort mit 20, noch anderswo mit 30 und 50, 150, ja 200 Pferdekräften, bei Tag und bei Nacht, über der Erde und unter der Erde. Daß bei solcher tausendpferdigen Arbeit, zumal wenn Tausende von kräftigen Menschenhänden rüstig mit zugreifen, den Tag lang etwas Ordentliches fertig wird, wird wohl ohne weitere Versicherung Glauben finden. Wer es aber nicht glaubt, der stelle sich nur einen Tag lang an die Kohlenbahn und zähle die langen Reihen von je mit 80 Centnern beladenen Lowrys, welche die Dampfer stärkster Art vom frühen Morgen bis in die späteste Nacht den Berg hinauf zur Höhe des Bahnhofes schleppen, und zähle die Lastwagen, welche an einem Tage die von Zwickau nach Bockwa führende Straße passiren.

Will er aber noch etwas sehr Schönes, den Unkundigen Ueberraschendes, wohl auch auf den ersten Augenblick Erschreckendes sehen, so lasse er sich am finstern Abend von kundiger Hand in’s Freie führen. Bald werden ihm an vielen Stellen die leckenden und züngelnden Flammen aus ganzen Colonieen von Gluthöfen in die Augen fallen, die den bewölkten Himmel über und über mit Feuerschein überziehen. Er kann nicht anders glauben, als daß bedeutende Feuersbrünste die ganze Gegend heimsuchen und die Werke der Menschen verzehren. Aber das Feuer ist gebannt in wohlverwahrte Oefen, steht im Dienste der Menschen und muß die Steinkohlen zu Coak brennen. Daneben überzieht von Süden her eine in kurzen Pausen hochauffahrende weißblaue Flamme die Gegend weithin mit einem falben Lichte. Das ist die Gichtflamme aus den Hohöfen der Königin-Marienhütte in Cainsdorf, einem Werke, das mit eben so großer Anstrengung, als glücklichem Erfolge nach der Ehre aufstrebt, unter den großartigsten Hüttenwerken Deutschlands genannt zu werden. Von Zeit zu Zeit dringen auch dumpfe Schläge durch die Nacht, wie ferner Kanonendonner: sie[WS 1] kommen aus dem Walzwerke derselben Marienhütte, deren Walzen speiend und schießend sich sträuben, wenn sie die kurzen weißglühenden Eisenpaquete zu langgestreckten, kunstvoll ausgekehlten Eisenbahnschienen pressen sollen. Von allen Seiten aber haucht und ächzt und stöhnt und keucht es in langathmigen Zügen aus den Abzugsröhren der Dampfmaschinen; bei Tage verliert sich ihr Blasen unter dem Lärm der vielseitigen Tagesarbeit, aber in der Stille der Nacht dringt ihr Keuchen weithin durch die Luft, klagend, daß nur ihnen niemals eine Stunde der Ruhe vergönnt ist.

Die ganze Nacht hindurch geht das Schaffen und Arbeiten, und wenn am frühen Morgen der müde Nachtarbeiter zur Ruhe geht, ist die von ihm verlassene Arbeit für den Tag von seinem Nachfolger schon wieder aufgenommen und es beginnen auch Tausende von Händen mit neuer Kraft die Thätigkeit, die Berge abträgt, Thäler ebnet, Flüsse verlegt, Sümpfe in feste Straßen verwandelt, kurz es entwickelt sich ein Leben der Arbeit, wie es so großartig und vielseitig in keiner anderen Gegend des gewerbfleißigen Sachsens zu finden ist.

Und wer hat solch reiches Leben in der noch vor wenig Jahrzehenden so todten Gegend geschaffen? Das ist ein Geschenk des schwarzen Goldes, welches die Tiefe der Zwickauer Gegend in reichen Ablagerungen unter dem Namen der Steinkohle birgt. Ueber diese, ihre Lagerstätten, ihre Gewinnung, die Größe ihres Reichthums, über den Betrieb u. s. w. werden wir in unserem nächsten Artikel das Weitere berichten und in Zahlen und Schilderungen unseren Lesern ein anschauliches Bild der dortigen großartigen Industrie zu geben suchen.

[444]
Die Gartenlaube (1857) b 444.jpg

Zwickau und seine Kohlenwerke,
aus der Vogelschau dargestellt von A. Eltzner[WS 2].
Erklärung der Ziffern:
1. Königin Marienhütte. – 2. Eisenbahn von Zwickau nach Schwarzenberg. – 3. Kohlenschacht von Kraft und Lücke. – 4. Nieder–Cainsdorf. – 5. Straße nach Planitz. – 6. Planitzer Kunstschacht. – 7. Planitzer Himmelfahrtschacht. – 8. Planitzer schiefe Ebene und neuer Schacht. – 9. Planitzer Coaksöfen. – 10. Hinter–Neudörfel (Dorf). – 11. Himmelsfürst, Steinkohlenbauverein zu Nieder–Planitz und Vorder–Neudörfel. – 12. Vorder–Neudörfel (Dorf). – 13. Vereinsglückschacht (Zwickauer Steinkohlenbauverein). – 14. Auroraschacht (Zwickauer Steinkohlenbauverein). – 15. Sarfertschacht. – 16. Hoffnungschacht (Erzgebirg. Actienverein). – 17. Spinnerei von Petrikowsky. – 18. Schedewitz (Dorf). – 19. Vertrauenschacht (Erzgebirg. Actienverein). – 20. Orleansfabrik. – 21. Chemische Fabrik. – 22. Stadt Zwickau. – 23. Eisengießerei. – 24. Porzellanfabrik. – 25. Bürgergewerkschacht. – 26. Glas– und chemische Fabrik v. F. C. Fikentscher. – 27. Segen Gottesschacht (Erzgebirg. Actienverein). – 28. Hülfegottesschacht (Neuer Bürgergewerkschacht). – 29. Bahnhof. – 30. Paradiesbrücke. – 31. Röhrensteg. – 32. Hering’s Brauerei. – 33. Coaksöfen des Baron v. Milkau. – 34. Oberhohndorfer Forst–Steinkohlenbauverein. – 35. 36. Oberhohndorf–Schader Steinkohlenbauverein. – 37. Frisch Glück Schacht. – 38. Stölzel Schacht. – 39. Bescheer Glück Schacht. – 40. Oberhohndorf, Freistein Schacht. – 41. Kästner Schacht. – 42. Vereinigt Feld Schacht. – 43. Kästner u. Stephan Schacht. – 44. Ehrler Schacht. – 45. Winterschacht. – 46. Rauschacht. – 47. Reinsdorf. – 48. Martinschacht. – 49. Jung Wolfgangschacht. – 50. Fünfnachbargruben. – 51. Alter Consortschaftl. Maschinenschacht. – 52. Kästner’s Erben. – 53. 54. Heringsschächte. – 55. Kästner’s Erben. – 56. Wasserhaltungsmaschine. – 57. Dorf Bockwa. – 58. Hering Schacht. – 59. Coaksöfen von Hering u. Comp. – 60. Eisenbrücke. – 61. List Erben Schacht. – 62. Straße nach Schneeberg.

[470]
Nr. 2.

Der Zwickauer Steinkohlenbergbau ist sehr alt und wohl der älteste in Deutschland. Seine ersten Anfänge reichen bis in das 10. Jahrhundert n. Chr. zurück, als noch die betriebsamen Sorbenwenden Bewohner der Zwickauer Gegend waren. Der Sage nach wurden die ersten Steinkohlen auf Planitzer Flur von Hirten zufällig aufgefunden. Dort lagen die Kohlen, wie man auch heute noch [471] sehen kann, zu Tage aus. Die Hirten nun sollen ein Feuer, das sie sich angezündet hatten, mit dort herumliegenden Kohlen umstellt und dabei verwundert bemerkt haben, daß die schwarzen Steine selbst in Brand gerathen waren. Ein großer Werth konnte freilich dem nun aufgefundenen Brennmaterial nicht beigemessen werden zu einer Zeit, die Holz in Hülle und Fülle hatte, so daß man noch i. J. 1514 in Zwickau die Klafter hartes Holz für 6 gGr. und die Klafter weiches für 2½ gGr. kaufen konnte. Nur nach und nach erhielten die Steinkohlen mit dem Steigen der Holzpreise einen etwas höhern Werth und es wurden hauptsächlich die Feuerarbeiter der näheren und ferneren Umgebung von Zwickau je länger, desto bessere Kohlenabnehmer.

Der erste Abbau der Kohlen war, da dieselben zu Tag auslagen, nur Tagebau; als man sie aber endlich bei dem steten Fallen der Kohlenflötze nach der Tiefe durch den Tagebau nicht mehr gewinnen konnte, stellte sich das Abteufen von Schächten, – senkrecht niedergebrachten, mit Holz ausgefütterten, länglich viereckigen Löchern – von selbst ein. Auch in Nieder-Cainsdorf, in dem der Bockwaer Commun zugehörigen Walde konnten die ersten dort ebenfalls zu Tage ausstreichenden Kohlen durch Tagebau gewonnen werden. Wann man damit begonnen hat, darüber gibt es keine zuverlässigen Nachrichten, nur so viel läßt sich mit Sicherheit angeben, daß der Kohlenbau dort in der Mitte des 16. Jahrhunderts schon über 100 Jahre im Gange war. Denn ein Zwickauer Bürger sagt in einer Bittschrift v. J. 1551 ausdrücklich, daß sein Schwager, ein gewisser Müller in Bockwa, sowie dessen Vater und Großvater „schon länger als 100 Jahre“ Kohlen dort gefördert hätten.

Freilich brachte der Abbau, da das Bedürfniß nach Kohlen noch keine wesentliche Steigerung erfahren hatte, nur sehr bescheidenen Gewinn, und je mehr die Grundbesitzer in Bockwa Schächte zum Abbau der Kohlen unter ihren Grundstücken niederbrachten, desto mehr mußte die Befürchtung rege werden, es möchte der Kohlenpreis nach und nach so weit herabsinken, daß sich die Kohlenförderung zuletzt gar nicht mehr der Mühe verlohne. Um nun der völligen Entwerthung der Kohle vorzubeugen, vereinbarten sich der Besitzer des Rittergutes Planitz und die Kohlengrubenbesitzer in Bockwa um das Jahr 1520 dahin, daß die Kohle von Keinem von ihnen unter einem bestimmten Preise verkauft werden dürfte und daß die Reiheladung eingeführt werden solle, d. h. es sollte die Verladung von Kohlen allemal nur bei einem Grubenbesitzer erfolgen und dabei war genau geordnet, in welcher Reihe die Besitzer aufeinander folgen sollten, und welches Quantum sie nach Verhältniß ihres Grundbesitzes abgeben durften. Als nun die Auffindung von Kohlen in Oberhohendorf i. J. 1530 und in Reinsdorf i. J. 1540 erfolgt war, übten die dortigen Besitzer zuerst eine Zeit lang freien Kohlenverkauf, sahen sich aber bald genöthigt, sich der Planitz-Bockwaer Kohlenordnung anzuschließen. Es wurden zwar zu verschiedenen Malen Versuche gemacht, die das freie Verfügen über das Eigenthum aufhebende Reiheladung abzuschaffen; aber gewöhnlich dauerte der freie Verkauf nicht lange, weil man bald erkennen mußte, daß er von zwei unvermeidlichen Uebeln das größere sei. Nun bemühte man sich, der Kohlenordnung solche Gestaltung zu geben, daß die bei der Reiheladung immer vorkommende Bevortheilung möglichst in Wegfall gebracht würde; denn wer einmal an der Reiheladung war, suchte dieselbe thunlichst weit auszudehnen, und wendete allerhand Mittel an, um die zur Beaufsichtigung der Verladungen angestellten Beamten über das abgegebene Kohlenquantum zu täuschen. So entstanden nach und nach neun Kohlenordnungen, von denen die letzte v. J. 1740 bis 1823 in Geltung blieb. Dann aber wurde der Kohlenverkauf völlig freigegeben. Denn der Kohlenbedarf war inzwischen so gewachsen, daß die Aufhebung der Reiheladung, welche die Benutzung des Grundeigenthums der Kohlenwerksbesitzer monopolistisch beschränkte, zur unumgänglichen Nothwendigkeit geworden war.

Die Straßen waren in guten Zustand gekommen, und ermöglichten das Verfahren der Kohlen in weitere Entfernung; der Preis des Holzes war so gestiegen, daß ein dasselbe ersetzendes billigeres Brennmaterial nur angenehm sein mußte; die bessere Herrichtung der Oefen hatte den Leuten deutlich gemacht, daß das Brennen der Kohlen auch ohne üblen Geruch geschehen, und mit den Forderungen der Reinlichkeit recht wohl in Einklang gebracht werden könne, und den Ausschlag gab die Erfindung der Dampfmaschine und deren Verwendung als fortbewegende Kraft auf eisernen Bahnen.

Die Dampfmaschine war es auch, welche allein die Kraft hatte, den Feind des Kohlenbergbaues siegreich niederzuwerfen, dem er sonst in nicht zu weiter Ferne hätte ganz erliegen müssen. Dieser mächtige Feind war das Wasser. Es konnte natürlich nicht ausbleiben, daß die Schächte im Laufe der Jahrhunderte immer tiefer und tiefer niedergebracht werden mußten, bis endlich der Zudrang des Wassers so heftig wurde, daß ein Tiefergehen nicht mehr möglich war. Zu Planitz und Hohendorf, die beide auf ansehnlichen Höhen liegen, sicherte man sich den Abbau der Kohlen bis auf eine Tiefe von 50 bis gegen 70 Ellen durch Anlegung von Stollen, d. h. man trieb vom Fuße der Berge aus wagrecht gehende Löcher in deren Inneres bis zu den zu entwässernden Schächten, setzte diese mit den Stollen in Verbindung und ließ die Wasser in ihnen abfließen. Die Kohlen aber, die unterhalb des Stollens und im Thale lagen, waren für jene Zeit kaum abbaubar. Die Lösung der Aufgabe, ganze Bäche voll Wasser aus der Erde zu heben, und dem Bergmann die Kohlenförderung aus jeder Tiefe zu ermöglichen, blieb der Dampfmaschine vorbehalten. Ihre erste Verwendung zur Wasserhaltung bei dem Kohlenbergbau fand sie in Oberhohendorf im Jahre 1826, doch bald folgten auch andere Kohlenbergwerksbesitzer dem gegebenen Beispiele nach.

Der jetzt erzielte Gewinn bei dem Kohlenbergbau war sehr bedeutend, und mehrte sich noch, als i. J. 1830 die Cokbrennerei Eingang fand. Denn durch diese wurden die klaren Kohlen, welche früher fast werthlos waren, eine gesuchte Waare. So wuchs der Wohlstand und Reichthum der Bergherren zusehends.

Bei solchen Ergebnissen des Steinkohlenbergbaues lag der Gedanke, die Planitz und Bockwa zunächst liegenden Fluren behufs ihrer Kohlenführung zu untersuchen, sehr nahe; und doch mußte der Anstoß hierzu erst von außen her durch Herrn Professor Breithaupt aus Freiberg gegeben werden. Dieser stellte im Jahre 1837 das Gesuch, auf den bei Niederplanitz liegenden, der Commun Zwickau zugehörigen Feldern des Pietzschischen Gutes und des rothen Vorwerkes, unter welchen er Kohlen erwartete, Bohrversuche anstellen zu dürfen. Dadurch wurde plötzlich den Zwickauern der Staar gestochen: sie unternahmen unter starker Betheiligung der Commun selbst auf jenen Feldern zwei Bohrversuche, die glücklich zur Auffindung von zwei 12 und 14 Fuß mächtigen Kohlenflötzen führten, von denen das erstere – ein Rußkohlenflötz – in einer Tiefe von 80 Lachter – 1 Lachter gleich 7 Fuß, – das andere – ein Pechkohlenflötz – in einer Tiefe von 110 Lachter erbohrt wurde. Auf solche Grundlage hin wurde der „Zwickauer Steinkohlenbauverein“ gegründet, der mit so glänzenden Erfolgen arbeitete, daß seine Actien, auf welche im Ganzen 46 Thlr. eingezahlt worden sind, jetzt schon einen Werth von 340 Thlr. haben. Dieser Verein hat jetzt zwei große Schächte in vollem Betrieb, die Schächte „Vereinsglück“ und „Aurora.“ Jeder derselben hatte zur Wasserhaltung eine Dampfmaschine von 20 Pferdekräften und zur Kohlenförderung eine dergleichen von 16 Pferdekräften; beide sind bis auf die beiden erbohrten Flötze niedergebracht und bei dem Abteufen der Aurora war man noch so glücklich, bei 75 Lachter Tiefe das vier Fuß mächtige sogenannte Schichtenkohlenflötz anzuhauen.

Das Kohlenfeld des Vereins umfaßt jetzt, nachdem zu dem ursprünglichen Felde noch mehrere Grundstücke erworben worden sind, 513 Scheffel. Die Kohlenförderung ist im Jahre 1856 bis auf 182,802 Karren – eine Karre gleich fünf Dresdner Scheffeln – gestiegen, wird sich aber fast verdoppeln, wenn der dritte im Abteufen begriffene, auf Doppelförderung eingerichtete Schacht, der „Glückauf-Schacht“ in vollen Betrieb gebracht sein wird. Das Werk beschäftigt jetzt 400 Arbeiter und hat im Jahre 1856 an Arbeitslöhnen 63,688 Thlr. ausgezahlt.

Professor Breithaupt ließ sich dadurch, daß sein erster Versuch zur Gründung eines großen Steinkohlenwerkes wenigstens für ihn nicht gelungen war, nicht von der weiteren Verfolgung seines Planes abhalten. Er erwarb mit zwei anderen Herren auf Lichtentanner-Planitzer-Marienthaler Flur, westlich von der Stadt Zwickau, das Kohlenunterirdische von 3000 Scheffeln Areal und gründete im Jahre 1840 den „erzgebirgischen Steinkohlen-Actien-Verein,“ welcher sodann im Jahre 1841 beinahe die ganzen Fluren von dem Dorfe Schedewitz, – 250 Scheffel lauter mächtige Kohlenflötze führendes Feld – an sich brachte. Der erste Versuch auf Lichtentanner Flur verunglückte, denn der Bohrer traf das Urgebirge, unter welchem niemals Kohlen lagern. Dagegen wurden im Jahre 1841 auf Niederplanitzer Flur 2 Pechkohlenflötze von 9 Fuß 10 Zoll und 20 Fuß 5 Zoll Mächtigkeit erbohrt. Der [472] zum Abbau der hier lagernden Kohlen niedergebrachte Schacht erhielt den Namen „Segen-Gottes-Schacht“ und ist 138 Lachter tief. Die Wasserhaltung und Kohlenförderung besorgen 2 Dampfmaschinen, die erstere von 50, die letztere von 20 Pferdekraft.

In dem auf Schedewitzer Flur niedergebrachten „Hoffnungs-Schachte“[WS 3] wurde bei 83 Lachter Tiefe das erste Flötz – Pechkohle – von 6 Fuß 6 Zoll Mächtigkeit, bei 99 Lachter das zweite Flötz – Rußkohle – von 8 Fuß 5 Zoll Mächtigkeit und bei 128 Lachter das dritte Flötz – Rußkohle – von 12 Fuß Mächtigkeit erreicht. Zur Wasserhaltung hat, da jede Minute 60 Cubikfuß Wasser zuführt, eine 140pferdige Dampfmaschine aufgestellt werden müssen und die Förderung ist einer Maschine von 20 Pferdekraft überwiesen. Ein zweiter Schacht auf Schedewitzer Flur, der „Vertrauens-Schacht“[WS 4] ist noch im Bau begriffen, doch schon so weit vorgerückt, daß er binnen einem Jahre in Betrieb sein wird. Diese Schachtanlage, unter der Leitung des als erste bergmännische Autorität bei dem Zwickauer Bergbau allgemein anerkannten Herrn Bergverwalter Modrach stehend, wird nicht nur die umfangreichste auf Zwickauer Revier, sondern es werden auch die wohldurchdachten Pläne mit solcher Genauigkeit und Solidität unter ungeheuerem Kostenaufwand ausgeführt, daß das Werk nach seiner Vollendung jedenfalls als eine Musteranstalt in seiner Art dastehen wird.

Die Kohlenförderung auf beiden Schächten betrug im Jahre 1856 196,330 Karren, von denen 42,132 Karren von der Cokbereitung und Feuerung der eigenen Maschinen in Anspruch genommen wurden. Eine Actie des Vereins, auf welche 100 Thlr. eingezahlt sind, hat jetzt schon einen Werth von 330 bis 340 Thaler.

Ein drittes großes Steinkohlenunternehmen steht ebenfalls in Beziehung zum Herrn Professor Breithaupt. Dieser vermuthete nämlich im Jahre 1841 auf den westlich von Zwickau gelegenen, Bürgern der Stadt zugehörigen Feldern Steinkohlen, konnte aber zur Begründung eines Unternehmens nicht gelangen, weil sich die betroffenen Grundstücksbesitzer, nachdem sie sich zuvor mit noch vielen anderen Zwickauer Grundbesitzern vereinigt hatten, zum eigenen Abbau der unter ihren Feldern lagernden Steinkohlen entschlossen. Sie traten unter dem Namen „Bürgergewerkschaft“ zusammen und besitzen jetzt einen Feldcomplex von 863 Scheffeln. Ein Bohrversuch wurde nicht erst angestellt, sondern sofort ein Schacht abgeteuft. Mit diesem erlangte man im Jahre 1846 bei 128 Lachter Tiefe das erste Flötz – Pechkohle – von 2 Ellen 8 Zoll Mächtigkeit und bei 147 Lachter das zweite Flötz – Pechkohle – von 7 Fuß 5 Zoll Mächtigkeit. Zur Wasserhaltung und Förderung sind zwei Dampfmaschinen von 24 und 12 Pferdekräften aufgestellt. Der zweite von der Bürgergewerkschaft niedergebrachte Schacht ist der unlängst zum Betrieb gekommene „Hülfe-Gottes-Schacht“; dieser ist nicht nur für Doppelförderung eingerichtet, sondern auch mit einer Fahrkunst versehen, welche den Bergleuten das ermüdende und zeitraubende Ein- und Ausfahren an den Fahrten erspart.

Als eine besondere Merkwürdigkeit möchte hier noch erwähnt sein, daß der Bürgerschacht auch Zufluß von salzhaltigem Wasser hat. Obgleich aber dessen Salzgehalt ein nur sehr geringer ist, so hat es doch dem rühmlichst bekannten Fickentscher Veranlassung zur Errichtung einer Saline gegeben, durch welche er unter Verwendung der sonst ganz nutzlos verfliegenden Hitze von mehreren Coköfen dem Wasser sein weniges Salz noch mit Vortheil abzunehmen weiß.

Die Kohlenförderung vom Jahre 1856 ist noch nicht bekannt geworden, im Jahre 1855 betrug sie 84,261 Karren. Der Verein beschäftigt auf seinen beiden Schächten ungefähr 300 Arbeiter und zahlt 14tägig gegen 3000 Thlr. Löhne aus.

Im Jahre 1847 kam noch der Steinkohlenbau-Verein zu Nieder-Planitz und Vorder-Neudörfel zu Stande. Er besaß ursprünglich nur etwas über 9 Scheffel Areal; es ist aber nach und nach bis auf 80 Scheffel vermehrt worden. Das erste 7 Fuß mächtige Pechkohlenflötz wurde in einer Tiefe von 77½ Lachter erreicht und ihm folgte nach einem Zwischenmittel von nur 1 Lachter ein zweites Pechkohlenflötz von 14 Fuß Mächtigkeit. Demungeachtet hat der Verein bis jetzt nicht mit besonders günstigen Erfolgen gearbeitet. Erst konnte er mit seiner Verwaltung nicht recht in Ordnung kommen, und in diesem Jahre hat der Betrieb in Folge eines ausgebrochenen Grubenbrandes ganz eingestellt werden müssen. Jetzt arbeiten die beiden Maschinen des Vereins von 30 und 15 Pferdekräften, die Wasser aus dem über und über „ersoffenen“ Himmelfürst[WS 5] zu heben; es wird aber kaum zu ermöglichen sein, die Kohlenförderung noch in diesem Jahre wieder zu beginnen.

Die Versuchsarbeiten zur Auffindung immer neuer Kohlen haben zwar niemals aufgehört; aber erst seit zwei Jahren hat sich hierin eine so umfängliche Regsamkeit und kühne Unternehmungslust entwickelt, wie sie in solchem Grade vorher noch nicht vorhanden gewesen ist. An allen Punkten, wo die Geognosten Kohlenführung mit Wahrscheinlichkeit vermuthen, wird rüstig gebohrt, mit Dampf und mit der Hand und viele Bohrlöcher sind schon so weit vorgerückt, daß wir noch in diesem und im nächsten Jahre entscheidende Aufschlüsse erhalten müssen. Ein Aufschluß von durchgreifender Wichtigkeit ist auch schon in diesem Jahre durch den Zwickau-Oberhohendorfer Steinkohlenbau-Verein dadurch gegeben worden, daß er jenseits des östlichen „Vorschusses“, hinter welchem nach Ansicht der Meisten Kohlen nicht zu finden sein sollten, 3 schöne Kohlenflötze allerdings in sehr bedeutender Tiefe erbohrt hat, ohne daß noch das Urgebirge erreicht worden wäre.

Nothwendig ist es, daß sich die Kohlenförderung sobald als möglich verdoppele und verdreifache. Denn wenn auch im Jahre 1856 bei dem Zwickauer Bergbau ungefähr 14⅓ Millionen Centner Kohlen gewonnen worden sind, während 1830 nur erst 3½ Millionen Centner geliefert werden konnten: so ist doch der Bedarf nach Eröffnung der sächsisch-bairischen Eisenbahn und danach der bis unmittelbar an die bedeutendsten Werke führenden Kohlenbahn so gestiegen, daß er zeitweilig kaum zur Hälfte befriedigt werden kann, und es steht zu befürchten, daß dieses für die Kohlenconsumenten ungünstige Verhältniß sich noch greller herausstellen werde, wenn die Eisenbahnen nach Chemnitz und Schwarzenberg in Betrieb kommen.

Wenn man aber bedenkt, daß in dem jetzt schon im Abbau begriffenen Kohlengebirge auf dem rechten Ufer der Mulde bereits 9 über einander liegende Flötze mit einer Gesammtmächtigkeit von 107 Fuß, und in dem auf dem linken Ufer der Mulde ebenfalls 9 Flötze mit einer Gesammtmächtigkeit von 120 Fuß Kohlen nachgewiesen sind, übrigens aber nach dem Urtheile der gediegensten Geognosten zu erwarten steht, daß in wenigen Jahren das jetzt aufgeschlossene Kohlengebirge nur den kleineren Theil des Gesammtkohlengebirges bilden werde: so darf mit Zuversicht angenommen werden, daß der Zwickauer Steinkohlenbergbau in der Zukunft jeden, auch den ungeheuersten Kohlenbedarf zu befriedigen im Stande sein werde.

Die Beschaffenheit der Kohlen anlangend, so hat zwar jedes Flötz seine eigenthümliche Kohle und der Bergmann arbeitet bald im Schichtenkohl, bald im Lehkohl, bald im Zachkohl, bald in noch anderem Kohl; aber im Handel unterscheidet man blos 2 Arten von Kohle, die Pechkohle und die Rußkohle. Die Pechkohle ist hart, spröde und meist vom tiefsten schwarzen Glanze, färbt nicht ab und brennt sehr lebhaft; die Rußkohle ist weicher, besitzt keinen Glanz, färbt ab und brennt matter. Früher war man der Rußkohle wenig zugethan; aber seit man bemerkt hat, daß sie eine mildere Wärme gibt, länger im Feuer nachhält, weniger Schlacken macht und weniger Ruß im Ofen und in der Esse ansetzt, und seit sie namentlich zur Heizung der Locomotiven viel verwendet wird, hat sie in der Achtung der Leute und, was dasselbe sagen will, im Preise wohl 100 Procent Ausschlag erlitten.

Um nun unsern Lesern, von denen wohl die wenigsten den Kohlenbergbau durch Augenschein kennen gelernt haben, ein Bild von der Gewinnung der Kohlen und den Anstalten, welche dieselbe nöthig macht, vor die Augen zu stellen, laden wir sie ein, mit uns eine große Schachtanlage zu besuchen und zu den Arbeitsstätten der Bergleute hinabzufahren.

[506]
Fahrt in einen Zwickauer Kohlenschacht.[1]

Nachdem wir die Erlaubniß eingeholt und uns zugleich überzeugt haben, daß die Wetter im Schachte besser geworden und es wieder „brennt“, eilen wir am frühen Morgen zum Schacht, ziehen in der Expedition Hosen und „Bergkittel“ an, schnallen das Leder um, setzen den Schachthut auf und hängen die Blende vor. Nun sind wir fertig zum Einfahren und schlagen in Begleitung des dienstthuenden Obersteigers den Weg zur Grube ein. Die Fallthüre öffnet sich und die Tiefe gähnt schwarz herauf. Es kommt Manchem, wenn er die Fahrt betritt, der Schwindel an; wir aber kennen den Schwindel nicht und müssen uns nur wundern, wie Jemand, der fast nicht mehr sieht, als er greifen kann, vom Schwindel gefaßt werden kann.

Jede Fahrt ist sechs Ellen lang; ihre ursprünglich sehr breiten Sprossen sind schon bedeutend ausgetreten, aber hier und da zeigt eine neue eingezogene, daß sorgsame Augen über gute Instandhaltung der Fahrten wachen. Ist man an drei Fahrten heruntergefahren, so wird dem Fuße ein Ruhepunkt auf einer Bühne, die von achtzehn zu achtzehn Ellen wiederkehrt. Auf der Bühne wird links um die Fahrt herum getreten, und es kann die linke Hand die wohl zwei Ellen über die Bühne hervorstehende neue Fahrt schon erfassen, während die rechte die alte noch hält. Zehn Fahrten haben wir auf diese Weise passirt; da hält der Steiger mit Fahren an und macht darauf aufmerksam, daß hier die Schachtmauerung zu Ende ist und der Holzausbau beginnt. Bei kleinen Schächten, wie sie früher alle waren, geht der Holzeinbau von oben bis unten; aber große Schächte müssen, je nachdem man zeitiger oder später auf Gebirge kommt, das im Stande ist, eine so gewaltige Mauer mit Sicherheit zu tragen, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig und noch mehr Ellen mit Mauern von 1 bis 1½ Elle Stärke ausgefüttert sein. Unterhalb der Mauer folgt in Zwischenräumen von 1½ Elle ein viereckiger Kranz von starkem Holz und die Zwischenräume sind mit Schwarten sorgfältig verkleidet. Zur rechten Hand rollen in einer durch eine Bretterwand abgeschlossenen Abtheilung des Schachtes am Drahtseile die Förderwagen – Hunde genannt – auf und nieder, die vollen auf, die leeren nieder; zur linken geht das Gestänge für die Drucksätze seinen einförmigen Gang. Die Last des Gestänges, worunter man sich nicht etwa schwache Stangen, sondern je nach der Tiefe vier, sechs, acht, zehn Zoll starkes, vollkantig gehauenes, mit Eisen vielfach beschwertes Holz denken muß, ist ungeheuer. Die Aufgabe der Wasserhaltungsmaschine ist es, dieses an die eine Seite des Balanciers angehängte Gestänge aufzuheben. Wenn es aber wieder niedergeht, so drückt es einzig durch seine Last, welche die der Wassersäule übertrifft, die in luftdicht verschlossenen, in Absätzen von der Schachtsohle bis zu Tage senkrecht aufsteigenden Röhren aufgestellt ist, die Schachtwasser zu Tage aus, wo es theils zur Kesselspeisung, theils zum Kohlenwaschen verwendet wird, theils unbenutzt fortläuft.

Endlich sind wir bis auf die Sohle des Schachtes gekommen und befinden uns gegen 500 Ellen tief in der Erde. Ein helles Glückauf tönt uns mehrstimmig entgegen; einige Förderleute stehen da mit dem eben herangeschobenen Förderwagen; sie warten, bis der leere Hund von oben niederrasselt, schieben ihn rasch weg und vertauschen ihn mit einem vollen. Ein kräftiger Zug, und zu Tage verkündet die Schelle, daß man unten fertig ist. Der Dampf strömt wieder ein in die Fördermaschine und wenige Minuten, so sieht die Kohle wieder den Tag, dem sie vor vielen Tausend Jahren entrückt ward. Können genug Kohlen herzugeschafft werden, so können in einem Tage über 300 Karren zu Tage gefördert werden.

Wir biegen nun ein in die Strecke, welche vom Schachte aus in das Kohlenflötz hineingetrieben ist. Zu beiden Seiten steht mehr als reichhoch der schwarze Kohlenstock, die Decke ist vor dem Einstürzen gesichert durch Querhölzer, welche von Zeit zu Zeit an bedenklicheren Stellen eingezwängt sind. Ist aber die Strecke und also auch die Decke breiter, so wird das Querholz und mit ihm die Decke von starken zu beiden Seiten ausgestellten Holzstöcken, den sogenannten Stempeln, getragen. Auf dem Boden aber liegen in den Hauptstrecken vier eiserne Schienen, zwei für die vollen und zwei für die leeren Hunde. Die Strecken werden bis an die Grenze des Kohlenfeldes getrieben und die Grenze selbst umfahren; der einen Strecke läuft parallel eine zweite; beide werden durch Seitenstrecken mit einander in Verbindung gesetzt und so nach und nach der erst im Ganzen umfahrene Kohlenstock in lauter einzelne Pfeiler getheilt. Nun werden die Pfeiler von außen herein nach einander abgebaut; nach dem Abbau werden die Stempel so viel als möglich wieder herausgerissen – geraubt –; die wenigen stehen bleibenden sind nicht mehr im Stande, die auf ihnen lagernde ungeheuere Last zu tragen; sie knistern und knallen und zerfahren zuletzt mit furchtbarem Prasseln und krachen in Tausende von kleinen Splittern; die frühere Kohlendecke bricht donnernd herein und füllt den durch den Kohlenabbau gewordenen leeren Raum wieder aus. Es ist zu Bruch gebaut worden.

Nach weitem Weg durch die Strecken finden wir endlich den Häuer vor Ort; die Frucht seiner Arbeit sahen wir schon oft, wenn uns in den Strecken die vollen Hunde begegneten. Es arbeiten allemal zwei Häuer zusammen an einem Ort. Zuerst treiben sie in den Fuß der Kohle mit ihrem spitzen Kohleisen eine möglichst tiefe Kerbe hinein, – sie schrämen – eine Arbeit, die sie fast nur liegend vollbringen können und wobei sie sich vor dem Herabstürzen von Kohlenstücken dadurch zu sichern suchen, daß sie Holzstücken gegen den abzubauenden Kohlenstock stemmen. Dann führen sie eine gleiche Kerbe herunter, – sie schlitzen. Natürlich, daß der nun von drei Seiten losgelöste Kohlenstock die Neigung hat, die ihm entzogene Auflage wieder zu erlangen: er zerspringt, knistert und prickelt, wie wenn er jeden Augenblick in helle Flammen, ausbrechen wollte. Aber es würde dem Häuer zu lange dauern, wenn er warten sollte, bis der Kohl von selbst sich löste. Darum hilft er mit seinem Eisen nach oder, wenn ihn das auch zu langsam zum Ziele führt, so muß die erprobte Kraft des Pulvers ihm seine Dienste leihen. Ein Loch ist bald gebohrt, eine Patrone haftet darin mit brennender Lunte, der Häuer weicht ein Stück zurück, ein dumpfer Knall und ein gut Theil Arbeit ist gethan. Die Kohlenwand ist, so weit sie geschrämt und geschlitzt, niedergebrochen, und was noch steht und hängt, ist so durchschüttert, daß das Eisen halbe Arbeit hat.

Es haben sich nun vor Ort die Kohlen so aufgehäuft, daß der Häuer, um seine Arbeit von Neuem beginnen zu können, erst räumen muß. Der Hund wird von den Förderleuten herzugeschafft und von den Häuern so lange gefüllt wieder fortgeschickt, als der gewonnene Vorrath reicht. Der Zimmerling aber muß auch immer zur Hand sein, daß er die durch den fortschreitenden Abbau immer auf’s Neue blosgelegte Decke mit seinen Stempeln zur rechten Zeit vor dem Einbruch sichern kann.

Um den Förderleuten die Arbeit zu erleichtern oder auch stellenweise möglich zu machen, sind auf den Hauptstrecken gewöhnlich Bremsberge angebracht. Es liegen nämlich die Flötze fast niemals wagerecht, sondern fallen in der Regel von oben nach unten in einem Winkel, dessen Grade ziemlich verschieden sind. Die Kohlen werden von da an abgebaut, wo sie am wenigsten tief liegen, nach dem Fallen zu. Wenn sie also zum Förderschacht geschafft werden sollen, haben die Hunde den Berg herunterzulaufen. Dabei würden sie, da sie auf eisernen Bahnen gehen, so in’s Rennen kommen, daß die Förderleute sie nicht mehr beherrschen können. Darum steht auf der Höhe des Berges eine Bremse, welche an einem langen Drahtseile den vollen Hund in mäßigem Laufe herunterläßt, während er zugleich auf der anderen Seite den an das andere Ende des Drahtseiles gehängten leeren Hund zum Füllen heraufziehen muß. Wo aber der Weg wagerecht oder wenig geneigt fortgeht, muß der Fördermann seinen Hund selbst fortschieben.

Der Besucher eines großen Schachtes hat sich vor diesen Hunden, die ihre Ankunft allerdings schon von Weitem donnernd verkünden, gehörig in Acht zu nehmen, zumal da in den Strecken nicht überall so viel Raum ist, daß man ungefährdet zur Seite stehen könnte, während der Hund vorbeifährt.

Nach dem Gesagten scheint es vielleicht, als ob der Kohlenabbau mit ungestörter Regelmäßigkeit stattfinden könnte. Aber dem ist nicht so. Nicht immer geht ein Flötz in gleicher Stärke und in gleichem Fallwinkel fort. Das Flötz, das drei, vier Ellen mächtig ist, schwindet auf einmal auf eine Elle Mächtigkeit zusammen; hier zählt der Fallwinkel eines Flötzes vier Grad und dort sechs, [507] acht, zehn Grad; hier erhält plötzlich die Sohle des Flötzes, die sonst immer wagerecht geht, eine starke Neigung, und dort ist das Flötz auf einmal ganz weg. Im letzteren Falle ist es dann entweder ganz alle oder der Bergmann hat es nur mit einem Versetzen zu thun. Um das Flötz wieder zu erlangen, macht er Querschläge durch das taube Gebirge, wobei ihm die Lage und Richtung desselben und gar manche andere nur seinen Augen erkennbare Andeutungen den rechten Weg zeigen müssen. Er findet das Flötz schon wieder, aber einen guten Theil des Gewinns haben ihm die Versuchsarbeiten genommen.

Und die Wetter, wie viel Verdruß machen sie ihm! Er führt Luftkanäle – Lutten – von unten bis oben herauf; er heizt in verschiedenen Tiefen unausgesetzt Oefen und unterhält Feuer, um die Luftströmungen zu befördern; er läßt seine Ventilatoren klappern, und wenn die heißen, schwülen Sommermonate kommen, brennt es doch gleich Wochen lang nicht, mag er auch noch so verdrüßlich drein schauen.

Uns hat es geglückt; den ersten Tag, wo es nach langer Pause wieder brannte, sind wir angefahren; drum waren wir auch guten Muthes, als uns der flinke Hund der Finsternis wieder entrückte und wohlbehalten dem Lichte des Tages wiedergab. Glückauf!

Haben wir nun Gelegenheit genommen, die Gewinnung der Kohlen in der Tiefe der Erde anzusehen, so dürfen wir es wohl nicht verabsäumen, die mit dem Kohlenbergbau eng zusammenhängende Cokfabrikation kennen zu lernen.

Die Coköfen werden immer zusammengebaut und bilden eine ununterbrochene bald kürzere, bald längere Reihe. Der einzelne Ofen ist backofenähnlich und bildet ein längliches Viereck; im Innern hat er ungefähr eine Elle über dem Boden einen von vorn nach hinten sanft ansteigenden Heerd, und nicht nur das Gewölbe besteht ganz aus feuerbeständigen Thonziegeln, sondern es sind auch alle Seiten mit derartigen Ziegeln sorgsam ausgefüttert. Lehmziegel würden bei dem hohen Hitzgrade, welchen die Oefen auszuhalten haben, schmelzen und aus ihnen erbaute Oefen gar bald zusammenbrechen. An der hintern Seite wird mitten durch das Gewölbe eine Esse – Fuchs genannt – herausgeschleift und an der vordern Seite hat der Ofen eine etwa drei Fuß hohe und breite viereckige Oeffnung. Soll der Ofen gefüllt werden, so werden die Kohlen von oben durch den Fuchs hineingeworfen und mit leichten Krücken durch die vordere Oeffnung so lange gleichmäßig auf dem Heerde vertheilt, bis sie ungefähr eine Elle hoch liegen, wozu in den Regel zehn Karren Kohlen erforderlich sind. Wird der Ofen zum ersten Male gebraucht, so muß unter die Kohlen ein bedeutendes Holzfeuer gemacht werden, damit dadurch nicht nur die Kohlen entzündet, sondern auch hauptsächlich der Heerd in Hitze gebracht wird. Ist der Ofen aber schon in gehörigem Gang, so ist er noch über und über glühend, wenn die Kohle eingeworfen wird, und es entzündet sich diese selbst. Nach Beendigung des Einwerfens wird die vordere Oeffnung mit Ziegelsteinen ganz versetzt und die Fugen zwischen den Steinen mit Lehm verklebt. Es dauert nicht lange, so steigt aus dem Fuchs ein schwarzer, dicker, von gelben Schwefeladern durchzogener Qualm; dieser wird je länger, je lichter; die Flamme bricht durch und herrscht zuletzt allein; ihre erst gelbe Farbe wird weißer und weißer, verschwindet endlich ganz und nur die über dem Fuchs heftig erzitternde Luft zeugt von der aus dem Ofen drängenden Hitze. Nach zwei bis drei, auch vier Tagen, je nach der Größe des Ofens wird die an der vorderen Seite versetzte Oeffnung wieder geöffnet und nun der fertige Cok mit einer langen und starken eisernen Krücke, welche auf einem dicken, quer über die Oeffnung eingelegten eisernen Stabe ruht, stückweise losgebrochen und herausgezogen. Er bricht, wenn er gut ist, säulenartig und je schwächer die Säulen werden, um so lieber hat man ihn. So wie er aus dem Ofen fällt, wird er von schon mit gewaltigen Schaufeln bereit stehenden Arbeitern ausgenommen und dann zum Auskühlen ausgebreitet. Dieses Auskühlen geht mit ziemlicher Schnelligkeit vor sich; denn so wie die Oefen wieder mit Kohlen versorgt sind, wird auch schon der kaum erst ausgepackte Cok entweder in Körbe zum Versand durch die Eisenbahn oder auf die Wagen der Fuhrleute verladen. Die kleinen Stücken, welche liegen bleiben, geben den sogenannten Zünder, der für die Schmiedefeuer und für die Stubenöfen verwendet wird, während die großen Stücken zur Unterhaltung großer Maschinenfeuer und zum Schmelzen des Eisens und Silbers genommen werden.

Guter Cok sieht silbergrau aus und ist sehr hart; bisweilen finden sich Stückchen von solcher Härte, daß man mit ihnen wie mit einem Diamanten Glas schneiden kann. Bei genauerer Betrachtung wird man am Cok oft die prächtigsten Bildungen wahrnehmen. Hier sind ganze Seitenflächen mit kleinen runden, wellenförmig aufgehäuften Silberperlchen bedeckt, dort breitet ein Bäumchen seine seinen Aeste und Zweige aus, hier steht eine wohlgeordnete Säulengruppe, dort scheint eine wogende Silberfluth plötzlich erstarrt zu sein, hier baut sich ein Gebirge im Kleinen zackig und grotesk empor, dort steigt man auf sanften Wellenlinien zur Höhe, und wer möchte alle die wundersamen Bildungen nennen, die das schöpferische Element des Feuers in seinem Gluthofen an den unförmlichen Kohlen hervorzaubert!

Zum Cokbrennen werden nur klare Pechkohlen verwendet. Die Nußkohle gibt ein so schlechtes Product, daß man weitere Versuche, ihr einen leidlichen Cok abzugewinnen, aufgegeben hat. Bevor jedoch die Kohlen in den Ofen eingeworfen werden, müssen sie in einer besonders dazu hergerichteten Wäsche von Steinen, Schiefer und anderem Unrath mit Hülfe des Wassers gereinigt werden. Es werden nämlich die Kohlen in eine Rinne, durch welche Wasser gelassen werden kann, eingeworfen; dem Wasser wird darin gerade so viel Fall und Kraft gegeben, daß es die leichteren Kohlen mit fortnimmt in einen großen Kasten, in welchem sie sich ansammeln, während die schweren Steine und Schieferstücken in der Rinne liegen bleiben und der Kohlenstaub und Schmutz theilweise mit dem Wasser fortgeht.

Anlangend den chemischen Proceß, welchen die Kohle bei der Verwandlung in Cok erfährt, so ist derselbe auch für den Laien unschwer einzusehen. Die Kohle besteht nicht nur aus reinem Kohlenstoff, sondern es sind derselben auch viele harzige Fettigkeiten und Schwefeltheile, meist in Verbindung mit erdigen und metallischen Stoffen, beigemischt. Diese letzteren müssen ausgeschieden werden, wenn man die Kohle in Cok verwandeln will; denn guter Cok ist eben nur der reine Kohlenstoff. Zur Verbrennung des reinen Kohlenstoffes ist heftiger Zutritt von Sauerstoff nöthig, oder wie man im Leben sich ausdrückt, es muß viel Zug vorhanden sein, während die übrigen Theile der Kohle schon verbrennen oder als Gase ausscheiden bei geringem Zutritt von Sauerstoff. Ist der Cokofen nach Einwerfung frischer Kohlen an der vorderen Seite zugesetzt und mit Lehm verstrichen, so kann zuerst gar kein Sauerstoff in den Ofen treten. Aber schnell trocknet die Hitze den Lehm, so daß er zwischen den Steinen kleine Risse bekommt, durch welche schon so viel Sauerstoff zutreten kann, daß eine Verbrennung der Fett- und Schwefeltheile stattfindet. Ist aber der Zutritt des Sauerstoffes durch die selbstgewordenen Risse noch zu gering, so hilft der Cokser durch ein Loch, welches er zwischen zwei Ziegel macht, noch nach. Sind auf diese Weise je nach der Größe des Ofens in zwei bis vier Tagen die Anhängsel des Kohlenstoffes ausgeschieden, so bleibt der wegen Mangel an Sauerstoff nicht verbrannte Kohlenstoff übrig, und der Cok ist fertig. Dieser aber verbrennt auch, wenn die Feuerstätte, wo er verbrennen soll, starken Zufluß von Sauerstoff hat, und erzeugt dann höhere Hitze, als die Kohle, ohne noch Rauch entwickeln zu können.

Wie bedeutend die Cokfabrikation bei dem Zwickauer Bergbau ist, läßt sich daraus erkennen, daß weit über 200 Oefen im Gange sind, von denen jeder durchschnittlich in 3 Tagen 30 bis 32 Centner Cok bereitet.

Schließlich dürfte es doch wohl noch der Mühe werth sein, einen Blick auf die Männer zu werfen, die ihre beste Kraft und Leib und Leben daran wagen, um der Tiefe der Erde ihre schwarzen Schätze zu entreißen.

Des Bergmanns Leben ist ein Leben voll Mühe, Arbeit und Gefahr. Die kleinste Unvorsichtigkeit rächt sich bei ihm hier mit einer leichten Verwundung, dort mit Verstümmelung und augenblicklichem Tod, und sei er auch noch so vorsichtig, er weiß doch nicht, ob er die gesunden Glieder, die er in den Schacht mit hinabnimmt, auch wieder heraus bringt. Daraus ist erklärlich, daß der Bergmann in der Regel eine ernste Anschauung vom Leben erhält, und daß er, dem fortwährend unwiderstehlich wirkende Gewalten feindlich gegenüber stehen, seinen Leib und sein Leben unter den Schuh Gottes stellt, dessen Willen alle Gewalten dienen müssen. Der Bergmann ist religiös; Leichtsinn und Frivolität kommt wohl bei dem jüngeren Bergmann noch vor, aber hält nicht nach bis in die reiferen Jahre. Fährt er zur Grube hinab, so thut [508] er es mit Gott, und fährt er wieder heraus, so denkt er dankend an Gott, dessen Schutz ihm zu Theil ward. Die schöne Gewohnheit bei dem Regalbergbau, daß die Bergleute vor ihrer Einfahrt im Huthause gemeinschaftlich beten, ist bei dem Zwickauer Steinkohenebergbau noch nicht eingeführt.

Aberglaube, sonst bei den Bergleuten sehr gäng und gäbe, ist bei dem Zwickauer Kohlenbergmann fast gar nicht zu finden. Er fürchtet sich nicht vor der Tücke der Kobolde, noch hofft er auf Segen aus den Händen der Berggeister. Er glaubt an die unwandelbar wirkenden Gesetze der Natur, an die Stärke seiner Maschinen, an die Festigkeit seiner Bauten, an die Zuverlässigkeit seiner Drahtseile und Fahrten, an die Kenntnisse, Erfahrung und Gewissenhaftigkeit seiner Vorgesetzten.

Muth und Entschlossenheit, rasches, energisches Handeln sind Eigenschaften, welche der Kohlenbergmann in hohem Grade besitzen muß, wenn er nicht jeder Gefahr zum Raube werden will. Eine schnelle Wendung bringt ihn aus dem Bereiche eines unversehens herabstürzenden centnerschweren Kohlenstückes; ein kühner Griff bewahrt ihn vor dem Fall in schauerliche Tiefe: eine entschlossene That rettet ihn und seine Kameraden vom sonst unvermeidlichen Tode.

Seine Arbeit ist voll Mühsal, gleichviel, ob er den Schacht erst niederbringt, oder vor Ort arbeitet, oder die losgearbeiteten Kohlen bis zum Förderschacht schafft, oder mit dem Einbaue in den Schacht beschäftigt ist, oder ob er vor der Gluth der Kessel und Coköfen sein Werk treibt. Bald liegt er, bald sitzt er, bald kniet er, bald lauert er, bald steht er, bald schwebt er, in allen Stellungen und Lagen muß er sein gewichtiges Werkzeug zu gebrauchen wissen. Dabei hat er zeitweilig nicht nur von der Nässe zu leiden, sondern muß sich auch oft mit einer schweren und drückenden Luft begnügen, die so mit schädlichen Gasarten angefüllt ist, daß das Grubenlicht kaum das zur Arbeit nothwendige Licht gewähren will. Diese „bösen Wetter“ werden namentlich im heißen Sommer bisweilen so arg, daß ihretwegen die Arbeit eingestellt werden muß. Noch schlimmer, als die bösen Wetter, sind die schlagenden Wetter; diese bestehen aus Wasserstoffgas, das sich, wenn es mit Feuer in Berührung kommt, sofort entzündet und den darein gerathenen Bergmann jämmerlich verbrennt. Diese schlagenden Wetter kommen zwar im Zwickauer Revier nur selten vor; aber doch fordern sie von Zeit zu Zeit ein Menschenleben.

Bei solchen Mühen und Beschwerden, die der Kohlenbergmann zu ertragen hat, können natürlich nur gesunde und kräftige Arbeiter gebraucht werden. Die Umgegend von Zwickau liefert die meisten und besten; die aus dem Obergebirge ankommenden Bergeleute halten gewöhnlich nicht lange aus, sei es, daß ihnen die Arbeit zu schwer ist, sei es, daß sie vom Heimweh ergriffen werden.

Der Verdienst des Kohlenbergmanns ist ziemlich hoch. Die Zimmerlinge, welche den ganzen Einbau in den Schacht zu besorgen haben, und aus den Häuern genommen werden, erhalten für die zwölfstündige Schicht 16 Ngr., die Häuer, welche die Kohlen vom Kohlenstock losarbeiten, 15 Ngr., die Förderleute, welche die Kohlen vom Orte bis zum Förderschachte schaffen, 12 Ngr., die Tagearbeiter 10 Ngr. Dieser Lohn wächst aber noch beträchtlich dadurch, daß die Bergleute sehr oft 1¼, ja sogar 1½ Schicht machen, und daß sie fast fortwährend im Gedinge arbeiten, wobei ihnen der Lohn nicht nach der Dauer der verwandten Zeit, sondern nach der Größe der gelieferten Arbeit gezahlt wird. Dabei ist es jetzt nichts gar Seltenes, daß ein tüchtiger Zimmerling oder Häuer den Tag über seinen Thaler verdient.

Daß der Bergmann bei so anstrengender Arbeit mit schmaler Kost nicht zufrieden ist, kann wohl nicht befremden. Wenn aber der Eine oder der Andere im Genuß geistiger Getränke nicht das rechte Maß hält, so ist das zwar bedauerlich und für die betreffenden Personen mit großer Gefahr verbunden; aber im Allgemeinen kann dem Zwickauer Kohlenbergmann die Mäßigkeit und Nüchternheit, ohne welche er sein Werk nie zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten verrichten könnte, nicht abgesprochen werden.

Für Krankheits-, Unglücks- und Todesfälle ist bei jedem großen Kohlenwerke eine sogenannte Knappschaftscasse errichtet. Ihr müssen nicht nur alle Arbeiter, sondern auch alle Officianten, bis zum Bergverwalter herauf, beitreten. Für die Beiträge, welche sie an diese Casse bezahlen, erhalten sie in Krankheitsfällen freie ärztliche Behandlung und Medicin, auch einen Theil ihres Arbeitslohnes, und wenn sie arbeitsunfähig geworden sind, wird ihnen eine kleine Pension auf Lebenszeit gewährt, die nach ihrem Tode theilweise sogar auf ihre Hinterlassenen übergeht. Diese Knappschaftscassen sind bei den häufigen Unglücksfällen, die bei dem Kohlenbergbau vorkommen, überaus heilsam wirkende Einrichtungen, zumal da der treue Arbeiter in der ihm gereichten Unterstützung nicht ein Almosen, sondern die Befriedigung eines während seiner Arbeitszeit wohlerworbenen Anspruches zu erblicken hat.

Alljährlich einmal versammeln sich die gesammten Bergleute eines Werkes zur Feier eines Knappschaftsfestes. Dabei halten sie in ihrer malerischen Kleidung feierliche Aufzüge, manchmal auch mit Kirchenparade und Bergpredigt verbunden. Bei dem darauf folgenden gemeinschaftlichen Mahle und Tanze wird freilich der bergmännische Ernst einmal ganz vergessen; wir wollen es aber den Männern, deren Leben eine fortgesetzte Reihe von Mühe und Gefahr ist, nicht verdenken, wenn sie die wenigen Rosen, die ihnen auf ihrem Lebenswege blühen, mit raschem Griffe pflücken, mag auch dem Einen oder Andern dabei ein kleiner Dorn in die Finger fahren.

Alle Ehre den braven Bergleuten, den Männern der Arbeit und Gefahr!


  1. Dritter und letzter Artikel von: „Zwickau und seine Kohlen.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: siie
  2. Adolf Eltzner (1816–1891), deutscher Kupfer- und Stahlstecher, Zeichner und Fotograf
  3. Der Schacht heißt richtig „Hoffnung-Schacht“.
  4. Der Schacht heißt richtig „Vertrauen-Schacht“.
  5. Der Schacht heißt richtig „Himmelsfürst-Schacht“.