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Titel: Zwei Schillerreden
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 288
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[288] Zwei Schillerreden. Nachdem der allgemeine Schiller-Jubel bereits seit Monaten verrauscht ist, und man mit nüchternen Blicken Alles anschaut, ist es Pflicht gerade solcher periodischer Blätter, wie die Gartenlaube, welche nicht flüchtig wie eine Alltagszeitung, sondern mit Bedacht in stiller Zurückgezogenheit gelesen wird, aus dem großen Wuste dieser neuesten Schillerliteratur die Perlen herauszulesen und darauf aufmerksam zu machen. Hierzu gehört aber ohne Zweifel eine Rede, welche am 10. November vor ausgewählten, wenn auch nur wenigen Zuhörern von Dr. Paul Möbius in dem Thomasgymnasium zu Leipzig gehalten worden und bei J. J. Weber in Leipzig in Druck erschienen ist. Es ist sicher für eine Rede ein lobendes Zeugniß, wenn selbst diejenigen, welche den mächtigen Einfluß des lebendigen Wortes erfahren haben, sie nachher mit Aufmerksamkeit und innerer Befriedigung durchlesen können. Und in der That ist dies dem Schreiber dieser Zeilen, der Zuhörer war, so ergangen. Um so mehr muß daher die genannte Rede diejenigen interessiren und anziehen, welchen sie ganz neu ist. Hierzu kommt noch, daß die oft berührte religiöse Frage in ihr in einer Weise behandelt wird, die sicher gerade auf die Leser der Gartenlaube einen angenehmen Eindruck hinterlassen dürfte.

Die kostbare Geistessaat, welche am großen Schillertage an den einzelnen Orten ausgestreut worden ist, fängt überhaupt an mehr und mehr Gemeingut zu werden, und ein patriotisches, nach hohen Zielen der Humanität und Geistesfreiheit ringendes Herz schlägt hoch entzückt von der Fülle von Schönheit und Kraft, die dieser Aussaat innewohnt und eine Ernte verspricht, wie Deutschland noch keine gesehen. Wenn nun ein Säemann noch jung an Jahren, ein Lehrer nach höherer Bildung strebender Jugend und ein Prediger des reinen Christenthums, ein echter Priester ist, so wünscht sich ein solches Herz Glück zu so ausgezeichneter Bekanntschaft. Einen solchen wackern Säemann lernen wir in Eduard Dressel, evangelischem Prediger und Gymnasiallehrer in Coburg, kennen, dessen am Schillerfeste ausgeworfener herrlicher Samen im Druck niedergelegt ist und die weiteste Verbreitung verdient. Seine „Rede zur Säcularfeier Schiller’s, im herzoglichen Gymnasium zu Coburg gehalten“, ist in der Riemann’schen Hofbuchhandlung erschienen, unter den Perlen der Redekunst, welche unser Nationalfest zu Tage gefördert, ohnstreitig eine der kostbarsten. Wahrlich, sie sollte in jedes humanen Deutschen Hand und Herzen sein! Voll Würde und Schönheit, voll Kraft und Gediegenheit, bringt sie mit den erhabensten Anschauungen des Menschenthums einen seltenen Gedankenreichthum, in die gefälligste Form gekleidet. Und dabei kein gemachtes Wort, keine Phrase, alles volle, echte Saatkörner voll treibender Lebenskraft. Wohl den Staaten, die Männer von solcher Geistesreife, wie Möbius und Dressel, aus den Reihen ihrer Jünglinge hervortreten sehen, und zehnfach Heil dem Vaterlande, das diese Männer zu den Lehrern seiner Jugend, zu den Vorkämpfern in den Geistesschlachten seiner Männer zählt!