Zustand der Literatur in Genf

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Titel: Zustand der Literatur in Genf
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aus: Das Ausland, Nr. 75. S. 300.
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
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Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Scans bei Commons
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Zustand der Literatur in Genf[1].


Die verschiedenen Zweige der Wissenschaft und Kultur tragen nicht immer gleich reiche Blüthen und Früchte bei einer und derselben Nation. Die Schönheit und Reife der einen ist oft weiter und herrlicher gediehen, als die der andern. Genf bietet davon ein treffendes Beispiel dar. In diesem kleinen Lande, oder vielmehr in dieser Stadt (denn in der letztern konzentrirt sich das ganze geistige Leben des erstern), wo der ewige Tempel der Weisheit allen Gottheiten geöffnet steht, stehen einige glänzend im Vordergrunde, vor allen der allgewaltige Merkur, während andere, obgleich aus edlerem Stoff gearbeitet, in dem Schatten der Vergessenheit schlummern.

Betrachten wir die Sache unter ihrem wahren Gesichtspunkte. Genf ist weder Abdera noch Athen. Es ist eine reiche, freie, gewerbthätige Stadt. Dem Prinzip der Duldung gehorchend, erhebt es sich, wie eine glückliche Oase mitten aus der Wüste, welche Intoleranz, Trug und Wahn ringsumher ausbreiten. Die Regierung dieses kleinen Staats, ist und will nichts mehr seyn, als das Haupt der glücklichen Genfer Familien. Niemand fürchtet, Jeder liebt und achtet sie. Sie ist die erste, unter der allmächtigen Aegide des Gesetzes, die ihm unbedingt ohne Ausnahme gehorcht. Durch ihr Beispiel lehrend und gebietend, durch ihre Macht leitend und schirmend, gibt sie der öffentlichen Meinung einen wohlthätigen Impuls, der immer die herrlichsten Früchte trägt.

Um so auffallender ist die Vernachläßigung, fast möchte man sagen, die Nichtachtung, mit welcher die Literatur zu Genf behandelt wird. Es ist beinahe zum Sprichwort geworden, daß diese Stadt keinen Dichter, und nur wenige ausgezeichnete Schriftsteller aufzuweisen habe. Männer wie Sismondi, Dumont, Candolle und früher J. J. Rousseau, die beiden Pictet, Necker, Deluc u. a., gehören durch ihre Arbeiten und Verbindungen mehr dem Auslande als ihrer Vaterstadt an.

Fast alle literarischen Institute in Genf sind unbedeutend. Die unter dem pomphaften Titel „Bibliothèque universelle“ erscheinende Monatsschrift ist nicht mehr das, was sie früher war, als sie diesen Namen, den sie statt dem ursprünglichen der Bibliothèque britannique angenommen, wirklich verdiente. Ihre Einseitigkeit geht immer crescendo, und bald wird man sie bescheidener Bibliothèque genévoise, oder Bibliothèque de la rue de Saint-Germain nennen können.

Das „Journal de Genève,“ von einer Gesellschaft redigirt, die sich eine Ehre daraus macht unschriftstellerisch zu seyn, d. h. die aus allen möglichen Elementen, mit Ausnahme des eigentlich literarischen, zusammengesetzt ist, könnte sich mit größerm Rechte „Chronique curieuse des Rues-Basses et de Saint-Gervais“ nennen. Seine Tendenz ist schwankend, wie der Preis der langen und kurzen Waare in den Remisen seiner Redaktoren. Der Patriotismus in ihm richtet sich nach der Hausse und Baisse in den Handelsspekulationen der Herren Chaponnière und Comp.

Der unlängst verstorbene „Courrier du Léman“ und die ganz neuerdings erblichenen „Archives genévoises“ waren beides uneheliche Kinder; der Courrier der seltsamsten Art von Unabhängigkeit, die vielleicht je im alten Allobrogengau existirte, von barschem Republikanismus und linkischer Höfelei, aus Holbachischer Freigeisterei und Malanischer Mommerei[2] zusammengestoppelt; die Archives der Aristokratie der Rue de l’hôtel de ville, in schwachen Spiritus gesetzt von einem jener gehorsamen Sancho Pansa’s, an denen es nirgends fehlt.

Dieß ist, nebst der „feuille d’avis (dem Anzeigeblatt)“ die wöchentlich zweimal erscheint, Alles, was Genf an inländischen literarischen Produkten erzeugt. Diese Armuth wird um so auffallender, wenn man bedenkt, daß es in dieser Stadt wenigstens 2000 Personen gibt, die im Stande seyn könnten, ihren Verstand auch außer der Atmosphäre des Einmaleins geltend zu machen, dadurch für das Gemeinbeste der Menschheit zu wirken, und die größtentheils nur gewaltsam alle Kräfte des schärfsten, durchdringendsten Geistes auf die Regel de tri beschränken.

Dieser für die Ehre, den Ruhm und selbst für den künftigen Wohlstand Genfs äußerst traurige Umstand, der von Tag zu Tag immer greller, immer drohender hervortritt, ist indessen der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht entgangen. Aber seltsam genug ist diese Besorgniß nicht von oben, oder von den Aeltesten unter den Schriftgelehrten, sondern, wenn man so sagen darf, von unten, oder von den Jüngsten ausgesprochen worden. Diese Letztern beurkunden öffentlich ihren Beruf, die Stützen der schwankenden Literatur ihrer Vaterstadt zu werden. Schon vor einiger Zeit sagte Adolph Peschier, einer der Talentvollsten unter ihnen, öffentlich:

„Unsere Gleichgültigkeit, hinsichts der Literatur, ist so groß, daß dieß Studium bei uns nicht im mindesten unterstützt wird. Wir haben Gesellschaften jeder Art zur Beförderung der strengeren Wissenschaften, der Künste, der Industrie, und kaum gibt es eine zur Emporhebung der Literatur. Aus besonderer Vorliebe dafür, faßten vor drei Jahren einige Jünglinge den Entschluß, sich zu gewissen Zeiten zu versammeln, sich gegenseitig Aufsätze vorzulesen, für das Talent der Kritik sich zu bilden, und in der so nothwendigen Kunst der Improvisation sich zu üben.“

„In der Besorgniß, sich auf einem unbekannten Wege zu verirren, wendeten sie sich bittend an das Wohlwollen ihrer Professoren, und legten ihnen eine Probe ihrer bescheidenen Versuche vor. Einige derselben schenkten ihren gewesenen Zöglingen geneigtes Gehör. Sie hörten mit Nachsicht, verbesserten mit Milde, deuteten leichtere oder größere Fehler an, und zollten mehr als einmal glücklichen Inspirationen Beifall.“

„Andere, von dem traurigen Vorurtheil befangen, das viele Genfer beherrscht, würdigten nicht, so schwach begonnenen Versuchen ihre Aufmerksamkeit zu schenken, und zeigten sich in den Versammlungen nie. Diese Hintansetzung konnte denen, die davon betroffen wurden, nicht anders als fühlbar seyn. Sie wendeten alles Mögliche an, ein so trauriges Vorurtheil zu beseitigen.“

„Mit Eifer und Beharrlichkeit brachten sie es endlich so weit, ihre Zahl zu vermehren, und, was noch mehr werth war, einige geschickte Literatoren für sich zu gewinnen. Aber es würde ihnen noch bei weitem angenehmer seyn, das ganze Publikum ihre Aufforderung beantworten und sein Bestreben mit dem ihrigen verbinden zu sehen, um dem Verfall der National-Literatur zuvorzukommen.“

In der letzten Hälfte Dezembers 1827 hat derselbe Adolph Peschier einen Cursus der Literatur, nebst einer Uebersicht von ihrem Zustande in Europa im 14ten, 15ten und 16ten Jahrhundert eröffnet, der sich sehr gut ankündigt und der nicht unwichtige Resultate hervorbringen kann. Hoffen wir, daß durch diese und ähnliche Bemühungen der Zustand der Literatur zu Genf sich allmälig, wenigstens in etwas, heben wird.


  1. Wir geben diesen Bericht eines unserer Correspondenten, um wenigstens die Eine Seite des literarischen Treibens in Genf hervorzuheben, obgleich die andere augenscheinlich zu sehr in Schatten gestellt, und überhaupt Genfs geistiger Reichthum zu wenig gewürdigt ist.
    Anm. d. Red.
  2. Daß das Unwesen der sog. Mommiers in der Schweiz, auch in Deutschland allgemein bekannt sey, können wir voraussetzen.