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Titel: Die Insel Cypern
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aus: Das Ausland, Nr. 75. S. 297–298.
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: New Monthly Magazine
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Zypern zur Zeit der griechischen Aufstände um 1823
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Die Insel Cypern.

(New Monthly Magazine.)

Wir schifften uns auf einer leichten Handelsbarke von Beyrouth nach Cypern ein, und stiegen in Larnica ans Land, dem Aufenthaltsort aller europäischen Consuln auf der Insel Cypern. Es liegt unter einem ungesunden brennenden Klima. Die Umgebungen sind sandig, der Boden von der Hitze verbrannt; nur wenige grüne, schattige Stellen. Während zwei Drittheilen des Tags kann man es in den Straßen vor Hitze nicht aushalten.

Ich war an den englischen Consul, Vandiziani, einen gebornen Griechen, empfohlen. Er nahm uns aufs freundlichste auf. Die Insel genoß zu dieser Zeit einer trügerischen Ruhe. Die Niedermetzelungen der Griechen hatten nur aufgehört, um bald darauf mit vermehrter Wuth wieder zu beginnen. Kurz vor unserer Ankunft waren mehrere Priester erwürgt worden, und eines Abends, als wir ruhig im Vorsaale des Consulathauses saßen, ermordete ein türkischer Soldat einen Griechen vor unsern Augen.

Der Pascha von Egypten, unter dessen Schutz die Insel gestellt ist, hatte zwei tausend Mann Truppen hiehergeschickt, um jeder Empörung zu begegnen. Auf einmal erhielten wir die Nachricht, diese Truppen seyen in Aufruhr, weil sie keinen Sold erhielten; sie wollten auf das Arsenal marschiren, sich der Schiffe bemächtigen und nach Egypten zurückkehren. Die ganze Stadt kam in Schrecken. Der österreichische Consul flüchtete sich zu Schiffe; der englische verrammelte sein Haus, entschlossen es im Fall der Noth mit uns und seiner Dienerschaft zu vertheidigen. Indessen ging die Nacht vorüber. Die Truppen hatten sich nach Famagusta gewendet und waren dort von den Anführern durch Versprechungen wieder zur Ruhe gebracht worden.

Um ihr Leben zu retten, waren mehrere Griechen auf Cypern Muselmänner geworden. Einer von ihnen, ein reicher Kaufmann, von großer Corpulenz, kam oft in das Haus des Consuls, und jammerte wie er (es war gerade das Fest des Ramadans) fasten und drei und sechszigmal des Tages, das Gesicht gegen Mecca gewendet, sich niederwerfen und mit der Stirne die Erde berühren müsse. Die Muselmänner bewachten ihn mit Argusaugen.

Einer andern Familie hatte man einige Tage Bedenkzeit gegeben, um zwischen dem Koran und dem Tode zu wählen. Bereits hatte der Mann eingewilligt, Muselmann zu werden; seine Gattin aber blieb unbeweglich und zog den Tod vor, so wie schon oft in diesem Kriege die Frauen den Männern an großartigen Entschlüssen vorangegangen waren.

Durch die Nähe Egyptens, die Abreise aller ausgezeichneten Griechen und die Schwäche derer, die blieben, sah sich die Insel ohne Widerstand dem Uebermuth ihrer Unterdrücker preisgegeben. Die Schlösser waren zerstört, die Gärten verwüstet, die Besitzer Bettler, und die Frauen, im Schoose des Reichthums erzogen, nun umherirrend, ohne Familie und Obdach. Die herrlichsten Ländereien konnte man um einen Spottpreis erhalten. Ich sah, wie ein prachtvolles Schloß mit einem dazu gehörigen Dorfe und einer großen Domäne um vier tausend Gulden verkauft wurde.

Wir nahmen uns vor, das Innere der Insel zu besuchen. Der Consul gab uns seinen Secretär und einen seiner Bedienten zur Begleitung. Ein Janitschar, mit einem eigenen Diener, diente uns als Schutzwache. So waren wir zu neun. Unser erstes Nachtlager war in einem kleinen griechischen Dorfe, wo wir sehr gut aufgenommen wurden. Mit Anbruch des Tages setzten wir uns wieder zu Pferde. Das Wetter war herrlich und der Himmel so rein, daß die fernsten Berge hell und klar vor uns lagen. Bald stießen wir auf ein hohes, halb zerstörtes Gebäude, alles öde und leer. Ein Landmann, den wir an dem Teiche des Gartens fanden, erzählte, daß der Herr von den Türken ermordet, Frau und Kinder aber genöthigt seyen zu dienen.

Von hier gelangten wir in Cytherens anmuthiges Thal. Ein griechischer Priester empfing uns freundlich in seiner malerischen Wohnung, mitten in einem schönen Garten von Orangen und Citronen voll Blüthen und Früchten. Unsere Abendkost bestand in Ziegenfleisch, zu verschiedenen Ragouts zubereitet.

Das Dorf besteht aus einer Anzahl isolirter Strohhütten, deren jede ihren Garten und, so groß ist der Ueberfluß an fließendem Wasser, auch fast jede ihren kleinen Bach hat. Das Feld ist bedeckt mit Orangen-, Citronen-, und Maulbeerbäumen. Auch die Seidenernte ist beträchtlich. Mitten unter den Strohhütten lag das verlassene Haus eines griechischen Bojaren.

Die umliegenden Berge mit ihren mannigfaltig geformten Gipfeln bildeten die malerische Umgebung. Von einem derselben aus genoßen wir eine herrliche Aussicht auf das Meer und auf die schroffen Ufer von Caramanien.

Indem wir unsern Zug ins Gebirg fortsetzten, gelangten [298] wir nach einigen Stunden in das Kloster St. Chrysostomus, das auf zwei Seiten von Felsen eingeschlossen, über einem jähen Abgrund hängt, gegen Morgen eine große Ebene beherrschend, in deren Mitte die Stadt Nicosia liegt. Nur zwölf Mönche leben in diesem einst berühmten, nun verarmten Kloster. Es ward vor mehreren Jahrhunderten von einer der reichsten Damen gegründet. Unter dem Portikus der Kirche beleuchtet eine ewige Lampe ihr Grab, in welchem ihre beiden geliebten Dienstfrauen an ihrer Seite ruhen.

Auf der Spitze des Bergabhangs stehen noch die kolossalen Ruinen eines alten festen Schlosses der Tempelherren. Noch steht eine lange Reihe von Zellen, zwischen ungeheuern Mauern. Herrlich ist der Umblick von dieser Höhe, auf die weite Ebene, auf die duftumhüllten Berge, die sie umkränzen, auf das Meer, das an die schwärzlichen Felsen schlägt, und auf Asiens blühende Küsten.

In Nicosia nahm uns der Erzbischof der Insel, ein geborner Cyprier, ein ehrwürdiger Greis, mit der rührendsten Gastlichkeit auf. Lange Zeit lieh sein Ansehen, sein festes unerschütterliches Betragen, vielen Verfolgten Schutz und Hülfe; endlich unterlag aber auch er muselmännischem Uebermuth und empfing die Palme des Märtyrerthums.

Die Lage Nicosias in der Mitte einer weiten Ebene macht hier die Hitze unleidlich drückend. Die Häuser sind fast alle im venetianischen Style gebaut, so daß man in den Straßen nirgends den willkommenen Schatten findet, den in den meisten übrigen Städten der Levante die zeltähnlichen Vorsprünge und Dächer der arabischen Bauart gewähren.

Eines Tages besuchten wir, mit Erlaubniß des Gouverneurs, die Moschee der Stadt, einst eine christliche Kirche, von den Venetianern im gothischen Style gebaut und der heiligen Sophia geweiht. Als die Türken sich Nicosias bemächtigten, zerstörten sie die meisten Spuren des katholischen Cultus, doch war es unmöglich, dem gothischen Gotteshaus das Ansehen einer Moschee zu geben. Der Betstuhl des Imans steht an der Stelle des Hauptaltars, und die Mauern sind bedeckt mit goldnen Inschriften aus dem Coran. Als wir eintraten, erklärte der Iman gerade einige Stellen des heiligen Buches, wovon jeder der Zuhörer ein Exemplar in der Hand hielt. Aber stärker noch als die Worte des Muselmanns verkündigte das majestätische Gebäude selbst die Hinfälligkeit der menschlichen Dinge. Hier wurden die alten Könige von Cypern gekrönt, hier stiegen sie in ihre Gruft; hier ruht die sterbliche Hülle so mancher Kämpfer für den Glauben, so manches stolzen venetianischen Senators, und nun rufen die Muselmänner ihren Propheten an auf den Gräbern derer, die einst im Kampfe gegen sein Volk ihr Blut vergossen.

Die Frauen von Cypern scheinen bei weitem nicht mehr jene Schönheit zu besitzen, die sie einst im Alterthume so berühmt machte. Ihre Formen tragen noch den alten griechischen Character, aber in Armuth, Unwissenheit und Sklaverei ist jene bezaubernde Anmuth und Harmonie untergegangen. Dagegen hat das griechische und circassische Blut das Geschlecht der Ottomanen zum schönsten der Erde gemacht.

Von Nicosia wanderten wir nach Dale, dem alten Idalia. Die alten Gebäude liegen in Trümmern; Strohhütten stehen an ihrer Stelle, aber die Reize der Gegend konnte weder der Krieg noch die Zeit vernichten. Noch ist es von freundlichen Gehölzen und würzigem Strauchwerk umschattet, in deren Mitte ein kleines Flüßchen rauscht, an dessen Ufern die Hütten des Dorfes stehen. Eine Stunde von diesem liegen große Schutt- und Trümmerhaufen – Reste des alten Idalias; aber keine Säule steht mehr aufrecht, keine Inschrift verkündet seine versunkene Pracht. Auch ein hoher Hügel zur Rechten ist noch mit Ruinen umkränzt. In der Nähe des Hügels lebt in einer erbärmlichen Strohhütte eine Familie von Aussätzigen – diese Krankheit war in der Familie erblich, daher die ganze Umgegend sie floh. Längst hätten sie vor Hunger sterben müssen, wenn nicht von Zeit zu Zeit einzelne mitleidige Hände ihnen in einiger Entfernung von ihrer einsamen Hütte Lebensmittel hinlegten. –

Den andern Morgen sagten wir dem Tempel der Venus Lebewohl und kehrten nach Larnica zurück.