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Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten/5. Theaterdiener und Theaterfriseur

Textdaten
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Autor: Adolph Meyer
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Titel: Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten
5. Theaterdiener und Theaterfriseur
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 306–308
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Hierzu Berichtigungen in Heft 21 und Heft 24
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Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten.


5. Theaterdiener und Theaterfriseur.


Im sogenannten technischen Personale der deutschen Schaubühne findet man zuweilen Persönlichkeiten von urkomischer Wirkung, die dem Gedächtniß, hat man sie im Leben nur einmal gesehen, unverwischbar sind. Fast Alle, die zu diesem Genre gehörten und die ich auf meiner langen Bühnenlaufbahn Gelegenheit hatte zu beobachten, deckt längst die gute Mutter Erde. Einige von ihnen verdienen ihrer Originalität wegen der Vergessenheit entrissen zu werden.

Als Knabe ward mir unter des berühmten Ludwig Devrient Zeiten Gelegenheit, bei der königlichen Bühne zu Berlin einen Mann kennen zu lernen, dessen originelles Thun und Treiben in seinem Amte als Theaterdiener mir unvergeßlich ist. Jeder, der dem königlichen Theater irgend wie nahe stand, wird sich des alten würdigen Zeger, vom Damenpersonal der königlichen Bühne kurzweg „Zegerchen“ genannt, wohl noch erinnern. Zu jener Zeit war Zeger schon ein hochbetagter Mann, der eine höchst interessante Vergangenheit hinter sich hatte. Seine subalterne Stellung bei der Bühne wußte er durch eine nicht nachzuahmende Würde und Wichtigthuerei Leuten gegenüber, die mit Gesuchen zum Generalintendanten kamen, zu bemänteln, doch behandelte er Niemanden unhöflich oder gar grob, im Gegentheil, sofort schnallte er diesen gegenüber die Protectionsmiene vor und that so, als ob er allein der Mann sei, der ihre Wünsche erfüllen könne. „Das wollen wir schon’s machen, mein lieber Mann. Ich und der Herr Generalintendant werden uns die Sache überlegen. Kommen Sie man morgen wieder!“

Nie sah man Zeger vor seinem Chef oder sonstigen Vorgesetzten kriechen oder Klatschereien hinterbringen. Der Alte ging seinen geraden Weg, doch lag in seiner Art zu reden eine gewisse Vertraulichkeit, die nicht den mindesten Schein von vorlautem Wesen an sich trug. Mich zeichnete der alte Zeger ganz besonders vor anderen Knaben meines Alters aus; ich war sein kleiner Protégé. Diese seine Vorliebe für mich brachte mich sehr oft mit ihm in Berührung. Durch kleine Dienstleistungen, die ich dem guten Alten herzlich gern that, erwarb ich mir immer mehr und mehr seine Gunst. Wo es etwas Besonderes gab, trieb ich mich im Opern- wie im Schauspielhause umher, und so sammelte sich Manches in meinem Raritätenkästlein, Gedächtniß genannt, von dem ich dann und wann etwas auskrame, um damit Andere zu erfreuen.

Es war mir gestattet mich mitunter im Vorzimmer des Generalintendanten, damals Graf von Röder, blicken zu lassen, um hin und wieder dem alten Zeger, der Vormittags darin Dienst hatte, einen Gang abzunehmen; stets empfing er mich dann mit den Worten: „Na, sackerlotscher Junge, bist Du da? Des is mir lieb, deß Du gekommen bist. Sollst für mich wohin gehen. Kann jetzt hier nich fort. Ich und der Chef müssen immer bei der Hand sind, sonst geht hier alles drunter und drüber. Da nimm die Rolle! Es ist die Lady Macbethen; trage sie zu Frau Krelingern! Sie soll mir den einzigen Gefallen thun und übermorgen die Macbethen spielen, denn wird geändert, nimmt das Gerenne und Gelofe für mich keen Ende;“ und damit schob er mich zur Thüre hinaus, der ich vor Stolz und Freude außer mir war, mit Frau Krelinger sprechen zu können, und mit der Rolle nach der Charlottenstraße Nr. 73 rannte. Wirklich hatte ich das Glück, die berühmte Tragödin persönlich zu sprechen und ihr die Rolle der Lady Macbeth zu übergeben, die sie versprach übermorgen zu spielen. Diese Nachricht überbrachte ich denn sofort triumphirend dem alten Zeger, der schmunzelnd zu mir sagte: „Siehst Du wohl, mein Jüngken, was Keener fertig kriegt, kriege ich fertig. Die Krelingern hat nich spielen wollen, hat es dem Chef rund abgeschlagen – nu spielt sie doch.“ Dabei steckte er mir als Botenlohn ein Galeriebillet zu der Abendvorstellung in die Hand.

Ich hatte die Erlaubniß, mich im Schauspiel wie in der Oper als Pagen oder sonstiges stummes Gesindel verwenden zu lassen, wozu auch die Affen in der Zauberflöte gehörten. Für solche Dienste gab es allabendlich zwei Groschen, die der Inspicient oder Statistengeneral, wie wir Jungens ihn nannten, Herr von Michelis, auszuzahlen hatte. Dieser Herr verdient, daß seiner hier vorübergehend gedacht wird. Herr von Michelis spielte, so lange er der königlichen Bühne angehörte, nur eine Rolle, den Samiel im Freischütz. Die hoffnungsvollen Herren Söhne des Herrn von Michelis, die sich auch, um Statisten zu machen, auf der Bühne umhertrieben, besangen den Herrn Papa folgendermaßen:

„Mein Vater soll auf Erden
Nichts mehr als Teufel werden.“

War im Opern- oder Schauspielhause eine Generalprobe, so sah man den alten Zeger, das schwarze Sammetkäppchen schief auf dem beschneiten Haupte, im ersten Coulissenflügel stehen, den Oberregisseur Stavinsky, der neben dem Souffleurkasten in einem [307] Sessel saß, mit seinen großen Augen unaufhörlich beobachten, als wenn er jeden Gedanken unter dessen Stirn entziffern wollte. Zeger hatte wirklich schöne Augen, auf die er sich nicht wenig einbildete, denn sie hatten, wie er selbst sagte, Aehnlichkeit mit den Augen des alten Fritzen. „Mein Großvater selig,“ erzählte er oft, „wenn der mich so auf seinem Knie reiten ließ und mir dabei in die Ogen sah, sagte immer: ‚Der Junge hat die ganzen Ogen von dem ollen Fritzen.‘“

Stavinsky trug stets ein großes spanisches Rohr mit einem Goldknopfe, mit dem er bei Proben bald hierhin, bald dorthin deutete, wenn etwas nicht nach seinem Sinne gemacht wurde; dabei zog sich dann seine hohe Stirn in düstere Falten, die Zeger sofort nachahmte, indem er zu irgend Jemandem, der gerade in seiner Nähe stand, sehr wichtig thuend sagte:

„Da! Das habe ich längst vorhergesehen, daß die Krelingern ihm das nicht recht macht. So was kann sie och nich; das müssen Sie einmal von meiner Tochter bei mir zu Hause sehen, die hat das weg. Ich und Stavinsky wissen gleich, wo der Hase im Pfeffer liegt. Wir kennen den Rummel. Was die dramatische Kunst anbelangt, will ich ’mal zwei Menschen, wie ich und Stavinsky, suchen, die so rinnjedrungen sind, er durch das Studium, ich durch das viele Sehen.“

Hatte Stavinsky den alten Zeger gerufen, so zog dieser sein Käppchen, ging mit dem sogenannten Trauerspielschritt gravitätisch zu dem Oberregisseur und fragte echt Berlinisch: „Wat befehlen Sie, Herr Stavinsky?“

Hatte Zeger Dienst im Vorzimmer des Generalintendanten, so zeigte er Leuten, die zum ersten Male mit ihm in Berührung kamen, seine wichtige Breitspurigkeit, ohne sie zu verletzen; vor solchen Leuten spielte er den allmächtigen Protector und that, als ginge Alles durch seine Hand. Niemandem konnte der gutmüthige alte Mann irgend etwas abschlagen, wenn es in seiner Macht lag, die an ihn gestellte Bitte zu gewähren. Dahin gehörte ganz besonders das schnelle Anmelden beim Generalintendanten. Wehe aber der Persönlichkeit, die ihm irgendwie Interesse erregte! Sie konnte sicher sein, mit der Meldung zuallerletzt an die Reihe zu kommen. Solch eine Persönlichkeit nahm er, um sich die Langeweile zu vertreiben, sofort für sich in Beschlag; sie fiel ihm zum Opfer. Mit freundlichem Lächeln reichte er so einem Opfer einen Sessel, und indem er sich diesem schmunzelnd gegenübersetzte, sagte er zu seinem Langeweilevertreiber:

„Haben Sie man Geduld! Sie kommen och an die Reihe. Der große Ludewig ist bei dem Chef drinn – der macht nich lange. Hören Sie ihn, wie er kräht? Das is ein Mensch? Was sage ich, Mensch? Ein Gott is er! So einen Künstler kann man mit der Laterne suchen – so einen findet man nicht mehr. Haben Sie ihn gestern als Franz Moor gesehen? Groß! Alle Hökerweiber auf dem Gensd’armenmarkt haben eine Gänsehaut bekommen, so schrecklich niederträchtig war er.“

„Habe den großen Devrient gestern als Franz gesehen und theile vollkommen Ihre Meinung,“ erwiderte schüchtern das Opfer und erhob sich dabei aus seinem Sessel.

Doch indem er sein Opfer schnell wieder in den Sessel drückte, sagte er: „Des is mir lieb, daß Sie derselben Ansicht sind. Bin ein oller Kunstkenner, der in seinem Leben Vieles gesehen hat.“

„Wollen Sie mich nicht dem Herrn Generalintendanten –“

„Melden?“ rief der alte Zeger. „Das versteht sich! Aber warten Sie man noch ein Bischen! Der Generalintendant loft Ihnen nich fort,“ und dabei drückte er sein Opfer, das sich abermals erhoben, wieder in den Sessel. „Zuerst müssen die vier Balletmädchen, die da am Fenster stehen und zusammen tuscheln, über Seite gebracht werden. Die Couleur kennen Sie nich. Sie wollen Zulage – kriegen sie och, denn unser alter König geht gar zu gerne in das Ballet. Das ist eine Sorte! Lasse ich die nich vor Ihnen rinn, giebt es hier einen Mordspectakel.“

Als die Mädchen in der Fensternische bei ihrer Berathung etwas allzu laut wurden, erhob sich Zeger von seinem Sessel, und voller Würde auf das vierblätterige Kleeblatt zuschreitend, rief er:

„Ruhig hier oben! Hier ist keen Balletsaal, wo Ihr dem Balletmeister Hoguet auf der Nase danzen könnt. Hier bin ich. Verstanden?“ Und sich wieder zu seinem Opfer wendend, sagte er, indem er es wieder in den Sessel drückte: „Was sagen Sie zu der Gesellschaft? Den Schlag könnte Einem die Bande an den Hals ärgern.“

Da trennte sich ein Blättchen vom Kleeblatte, hüpfte wie eine Elfe auf den Zehenspitzen gar zierlich zu dem alten Zeger, und ihm vertraulich die Schulter klopfend, sagte das Blättchen, ihn hold anlächelnd: „Papa Zegerchen thut uns nichts, der hat uns Alle viel zu lieb.“ Und damit sprang es in die Fensternische zu den Gefährten zurück.

„Na, was sagen Sie zu der Gesellschaft?“ fragte Zeger sein Opfer, es abermals in den Sessel drückend. „Schmeicheln kann die Sorte wie die Katzen.“

Da öffnete sich plötzlich die Thür des gräflichen Bureaus, und es erschien in derselben ein Mann, hell wie ein Prometheus, vom Sonnenglanze umstrahlt, dessen Kopf dichte dunkle Locken schmückten und dessen Augen, zwischen denen eine Adlernase thronte, glühende Funken zu sprühen schienen. Freundlich begrüßte er Alle, die sich im Vorzimmer befanden, und indem er dem alten Zeger vertraulich auf die Schulter klopfte, rief er:

„Na, Alter, wie habe ich Dir gestern als Franz gefallen?“

Schmunzelnd erwiderte Zeger: „Jottvoll! Das heißt: Sie waren niederträchtig – man konnte Ihre Schlechtigkeiten gar nicht mehr mit ansehen.“

„Das freut mich. Guten Morgen!“ Und damit ging der Mann mit dem Feuerblicke schnell zur Thür hinaus.

„Wissen Sie, wer das war?“ fragte er mit leuchtenden Augen sein Opfer. „Das war mein Ludewig, mein großer Ludewig Deverient. Mich fragt er jedes Mal, wie er mir gefallen habe. Auf mein Urtheil giebt er Alles. Der Ludewig is ein großer, großer Künstler. Wenn der einmal dahin geht, wo ihn keen Inspicient wieder zur Scene rufen kann, kommt so Einer nie wieder, und bei alledem ist er eine Seele von einem Menschen. So niederträchtig, wie er auf der Bühne ist, so gut ist er im Leben. Alles giebt er weg, wenn er auch selbst nichts hat.“

Da tönte die Glocke im Bureau des Chefs.

„Komm’ gleich wieder,“ ruft Zeger seinem Opfer zu und eilt in das Bureau des Generalintendanten, aus dem er sofort wieder erscheint und den Balletmädchen zuruft: „Rinn, Bande!“ Sie eilen schnell in’s Bureau des Generalintendanten. Und sich zu seinem Opfer wendend, sagte er: „Wenn die Bagage fertig ist, kommen Sie ran. Habe Sie dem Generalintendanten schon gemeldet,“ und setzte sich ihm behaglich wieder gegenüber. „Hier war das früher, noch unter Brühl’s*[1] Zeiten, ganz anders, mein lieber junger Mann. Wie Iffland noch Generaldirector war, gab es noch so eigentlich keenen königlichen Hoftheaterdiener, wie ich es gegenwärtig bin – noch lange nich; da wurden olle ausgediente Unterofficiere von der Garde mit langen Zöpfen commandirt, die etwas lesen und schreiben konnten; die mußten den Dienst besorgen. Ich bin der erste, wirklich studirte, angestellte königliche Hoftheaterdiener; dazu hat mir der Geheimerath Rust verholfen, dessen Famulus ich war, das heißt, ich barbierte ihn und leistete bei seinen Operationen allerlei Handleistungen. In seinem Hause habe ich mir die hohe Bildung zu eigen gemacht, denn da verkehrten alle großen Dichters. Im Jahre 1803 war Schiller bei Rusten zum Besuch; das war Ihnen ein lieber leutseliger Mensch! der echte Schwabe! keene Idee von Stolz. Auch Goethe kam zum Besuch – der war gerade das Gegentheil von Schillern, der reene Fürst! puh! der war stolz! Auch der Oberconsistorialrath Herder aus Weimar und Herr Wieland kamen zu Rusten. Diese ganze Dichtergesellschaft habe ich an der Nase gehabt, denn ich habe Alle barbieren müssen. Den Schiller sehe ich noch wie lebend vor mir; der hatte Ihnen ein Gesichte voller Sommersprossen, als wenn es ihm Einer aus Niederträchtigkeit mit gelbem Ocker bespritzt hätte.“

Plötzlich stürmten die vier Ballerinen mit einem „Guten Morgen, Papa Zegerchen!“ zur Thür des Bureaus und durch das Vorzimmer.

„Na nu man rinn, junger Mann! Nu sind Sie dran“ – damit schob er sein Opfer in das Bureau seines Chefs.

Zeger besaß während seiner langen Dienstzeit einen speciellen Freund, der in seiner Art ebenso originell war, wie er; dieser war der alte Hoftheaterfriseur Brenicke. Jeder Berliner von damals, der irgend wie dem Theater nahe gestanden, [308] wird sich dieser drolligen Figur noch erinnern. Brenicke trug Winter und Sommer einen hechtgrauen Anzug mit gleichen Gamaschen. Mochte es regnen oder schneien, mochte Sonnenschein oder Sturm herrschen, stets trug er sein graues Mützchen in der Hand auf seinem Rücken. Niemand hat Brenicken auf der Straße je mit bedecktem Kopfe gesehen. Aus den weiten Taschen seines Rockes sahen neugierig verschiedene Brenneisen in die Welt. Jeden Morgen zehn und Abends fünf Uhr sah man dieses originelle Männlein von der „Alten Schönhauser Straße“ nach dem Opern- oder Schauspielhause gehen. So hat der berühmte Maler Wilhelm Krüger unsern Brenicke auf einem Bilde verewigt, das sich gegenwärtig im Winterpalaste zu St. Petersburg befindet; es stellt eine große Parade „Unter den Linden“ vor Nicolaus dem Ersten von Rußland dar.

Brenicke gehörte schon unter Iffland dem königlichen Theater an und wurde erst unter dem Generalintendanten Herrn von Küstner pensionirt. Zeger, der alte verdienstvolle Regisseur Weiß und dieser Brenicke waren ganz besonders befreundet; sie gaben zusammen ein kostbares Trifolium ab. Obgleich Brenicke schon lange nichts mehr im Theater zu thun hatte, konnte er es nicht über’s Herz bringen, je eine Aufführung zu versäumen. War in beiden Häusern Vorstellung, so ging er aus dem einen in das andere, ordnete hier und da an den Frisuren der Damen etwas, und war solches geschehen, ging er in die Garderobe des alten Weiß, wo er entweder mit Letzterem eine Partie Schach oder, war Zeger zugegen, Präferenz spielte. Dieses harmlose Vergnügen wurde dem Trifolium durch ein Mandat des Generalintendanten bald zu Wasser gemacht.

Als Hermann Hendrichs in voller Jugendblüthe zum ersten Male die königliche Bühne als Don Carlos betrat, saß während der Vorstellung das Trifolium in der Garderobe, um sich an einer Partie Schach, die Weiß und Brenicke spielten, während Zeger interessevoll zusah, zu ergötzen. Weiß, im Costüm des Domingo, die hohe Stirn mit der Hand stützend, dachte eben einen siegverheißenden Zug zu thun, als plötzlich von unten herauf aus dem Zuschauerraum ein ungeheures Pfeifen und Trommeln erscholl. Weiß, im Zuge inne haltend, sagte: „Na, das ist doch zu toll von den Berlinern! So einen talentvollen Menschen wie den Hendrichs auszupfeifen! Was wollen denn die Berliner? Die jugendlichen Liebhaber und Helden wachsen nicht auf den Bäumen.“

Da wird plötzlich die Thür der Garderobe aufgerissen und der Inspicient ruft mit Stentorstimme: „Herr Weiß! Um des Himmels willen! Sie kommen ja! Das Publicum wüthet! Eine Mordpause!“

„Ach so!“ antwortete Weiß, indem er mit dem weiten Aermel seiner Mönchskutte das ganze Schachspiel zusammenfegte, „das galt mir.“

Und damit ging er gelassen zur Garderobe hinaus. Dieser Affaire wegen wurde dem alten Brenicke der Zutritt zur Bühne verboten. Mit jenem Verbote hat die Generalintendanz den alten Mann schach und matt gesetzt; Niemand sah das freundliche Männlein mehr Abends fünf Uhr hinter der „neuen Wache“ hervor kommen, um in’s Opern- oder Schauspielhaus zu gehen, sein Schach oder Präferenz zu spielen – der Tod setzte ihn bald darauf matt. Kurz nach ihm starb auch Zeger, von Allen geehrt und geachtet.

Adolph Meyer.




  1. * Generalintendant vor Röder.