Zur Geschichte des Aberglaubens/Aus Litthauen

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Autor: Cl. J.
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Titel: Zur Geschichte des Aberglaubens/Aus Litthauen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 601-603
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[601]
Zur Geschichte des Aberglaubens.
Nr. 2.
Aus Litthauen.

Wie tief noch heutzutage, in unsrem sogenannten „aufgeklärten“ Zeitalter, der Aberglaube in den höheren Kreisen der menschlichen Gesellschaft eingewurzelt ist, davon haben wir ein schlagendes Beispiel gehabt, als die Epidemie des Tischrückens ihren Rundgang durch die ganze Welt machte, begleitet von Klopfgeistern, Psychographen, Emanulectoren und wie alle diese Erfindungen eines überreizten Gehirns heißen, welche entweder selbst etwas „Übernatürliches“ sein sollen, oder denen doch die Kraft zugeschrieben wird, uns mit einer bisher unbekannten, unsichtbaren Geisterwelt in Verbindung zu setzen! Ja selbst noch in diesem Augenblick, wo die Mehrzahl der einst Gläubigen lächelnd über ihren Irrthum die Achseln zuckt, macht ein kaum erschienenes Buch von sich reden, das durch seinen Titel der Leserwelt „die neuesten Manifestationen aus der Geisterwelt“ verspricht; und als Bürgen für diese Mittheilungen treten Personen auf, die nicht allein den höchsten militärischen und kaufmännischen Kreisen angehören, sondern deren Namen auch überall mit Achtung genannt werden!

Wenn also der Aberglaube noch da eine Stätte findet, wo der tageshelle Schein der Aufklärung seine dunklen Schatten längst vertrieben haben sollte: kann es uns Wunder nehmen, wenn ihm in den untern Schichten der Gesellschaft noch hier und da ganz das alte Recht eingeräumt wird, dessen er sich in längstvergangenen Tagen fast überall zu erfreuen hatte? Vorzugsweise begegnet man noch seinem Einfluß unter den Landleuten, und von sämmtlichen durch Sprache und Sitte verschiedenen Theilen unseres preußischen Vaterlandes ist es wiederum vorzugsweise Litthauen, wo sich der Aberglaube in voller Kraft und Geltung vorfindet und sich ein festes, unzerstörbares Reich gegründet zu haben scheint. Hier floriren noch die längst vergessen geglaubten Erzählungen vom „drehenden Schlüssel“, vom „bösen Blick“, von „wunderbaren Zauberkräutern“ etc. und anstatt bei Diebereien das Gericht, bei Krankheiten den Arzt zu Rathe zu ziehen, hält man sich an alte Traditionen, deren Wahrheit nicht im Mindesten bezweifelt wird. Nebenbei, oder vielleicht steht dieser Grund sogar in erster Reihe, hat das Verfahren, das hierbei angewendet wird, den Vortheil, daß es gar nicht, oder doch bei weitem weniger kostspielig ist, und so bleibt halt Alles beim Alten! Jedermann weiß, wie schwer sich der Bauer sein sauererworbenes, schönes Geld vom Herzen reißt; könnte er richterliche und ärztliche Hülfe beanspruchen, ohne sich diesen Schmerz bereiten zu müssen: ich glaube, er würde sich bald überzeugen, daß der Doctor doch bessern Rath weiß, als diese oder jene kluge Frau, und daß eine Nachforschung bei verübten Verbrechen, welche im Namen des Gesetzes geschieht, doch von besserem Erfolge gekrönt sein möchte, als es nach den Aussagen des „drehenden Schlüssels“ der Fall ist.

Karten, Kaffeegrund, Handflächen und Zahlen sind dem, der sie zu ordnen und darin zu lesen weiß, untrügliche Wahrheitsspiegel, und für einige Metzen Kartoffeln oder etwas Korn erhält man so viel „Zukünftiges“ in den Kauf, als man nur irgend wissen will. Trifft die Voraussage nicht ein, nun, so liegt es entweder an dem Unglauben des Fragers, oder man gibt gar nicht weiter Acht darauf; erweist sich aber irgend eine der größtentheils schlau combinirten Prophezeiungen als wahr, so steigt der Glaube an die Zauberkraft des Propheten um hundert Procent, und der unzweifelhafte Thatbestand geht von Mund zu Mund. Man könnte über die Ammenmärchen lachen, die man hier und da hört, wenn sich nicht gar zu viel Tragisches dazwischen mischte, das nur zu unzweifelhaft beweist, wie unrecht es ist, den Aberglauben des Volkes als „harmlos“ und „unschuldig“ zu bezeichnen. Man sollte ihn im Gegentheil gefährlich und verwerflich nennen, da er oft in seinen Folgen verhängnißschwer und schrecklich ist. Mir ist gerade dies Thema so recht lebhaft vor die Seele geführt worden, da sich kürzlich mehrere Fälle in der hiesigen Gegend ereigneten, die das Gesagte in allen Punkten bestätigen, und ich denke, es wird dem Leser nicht uninteressant sein, in Nachstehendem einige Züge aus dem Leben abergläubischer Menschen zu erhalten, die zum Theil gleichzeitig zeigen, wohin ein thörichter Wahn seine Anhänger führen kann.

Im eignen Hause traten mir bereits mehrere Male bedenkliche Anzeichen des Aberglaubens entgegen. Drei oder vier Tage hintereinander ereignete es sich, daß die Magd des Morgens beim Oeffnen des Stalles ein todtes Huhn in demselben vorfand, ohne daß wir uns die Ursache dieser Erscheinung zu erklären wußten. Es war dies recht verdrießlich, um so mehr als es die besten Exemplare meines Hühnerhofes waren, welche mir auf diese unerklärliche Weise starben. Da hörte ich denn zufällig, daß die Leute auf dem Hofe durchaus nicht zweifelhaft seien, auf welche Weise die Hühner um’s Leben gekommen. Ich forschte nach und erfuhr zu nicht geringem Staunen einstimmig aus dem Munde Aller, daß das nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könne. Es mußte durchaus ein mit dem bösen Blick behafteter Mensch, der es nicht gut mit uns meine, auf dem Hofe gewesen sein und seine Augen auf die armen Hühner geworfen haben, was natürlich deren Tod zur Folge gehabt hatte. Ich forderte meine Leute auf, mir doch gelegentlich einmal einen Menschen, mit dem „bösen Blick“ behaftet, zu zeigen, oder mir wenigstens einen solchen zu nennen, aber Alle weigerten sich standhaft dies zu thun und riefen im Tone innigster Ueberzeugung: „Bei Leibe nicht! Das bringt groß’ Unglück!“

Zur Zeit der Ackerbestellung im Frühjahr vertheilten wir an arme, brave Menschen unentgeltlich Kartoffeln zur Saat. Eines Tages stellte sich zu dieser Vertheilung eine unbekannte alte Frau mit ihrem Sack auf dem Rücken ein und stellte sich in die Reihe der Empfänger. Da es aber strenger Grundsatz in unserm Hause ist, nur wirklich Hilfsbedürftigen und Unbescholtenen mitzutheilen, so bestellte ich die Alte, die sich Matschull nannte, auf den folgenden Tag wieder und stellte in der Zwischenzeit Erkundigungen über sie bei dem Ortsschulzen an. Dieselben ergaben kein erfreuliches Resultat. Die Alte genoß keines vortheilhaften Rufes; ihr früherer Lebenswandel war keineswegs moralisch gewesen, hieß es, und jetzt stehe sie, die durchaus nicht hülfsbedürftig war, im Geruch der Zauberei, sie treibe jedenfalls einen Handel mit Kräutersäften, leide an „langen Fingern“, d. h. verwechsele die Begriffe zwischen Mein und Dein mit unzweifelhafter Absichtlichkeit, obgleich ihr noch niemals ein derartiges Factum bewiesen werden konnte, und gelte allgemein als Diebeshehlerin.

Nachdem ich diese Auskunft erhalten, wies ich die Alte mit ihrem Kartoffelgesuch natürlich ab, indem ich ihr gerade heraus sagte, daß ich nichts Gutes über sie gehört habe und sie auch durchaus nicht hülfsbedürftig sei. Als ich dies sagte, befand sich eine unserer Mägde zufällig ganz in der Nähe, und ich bemerkte, wie die alte Matschull einen raschen stechenden Blick auf dieselbe warf, wie um sich zu überzeugen, ob das Mädchen meine Worte vernommen habe oder nicht. Kaum aber hatte die Magd die unheimlich funkelnden Augen der Alten auf sich gerichtet gesehen, als sie schwankte, erbleichte und sich an dem nahen Treppenpfosten festhalten mußte, um nicht umzusinken. Als die Matschull sich gleich darauf entfernte, ohne auch nur ein Wort weiter zu verlieren, aber mit einem Lächeln des niedrigsten Triumphes auf den Lippen, bat mich die Magd himmelhoch, die Alte nicht so abzuweisen, sondern sie zurückzurufen und ihr das Verlangte zu geben.

„Und warum das, Dore?“ fragte ich.

„Weil sie sonst Unheil über das Haus bringt!“ rief das Mädchen händeringend und brach in Thränen aus. „Haben Sie nicht gesehen, welche Kraft ihr Blick besitzt? Wen die ansieht, dem geht es durch Mark und Bein.“

Ich schalt das Mädchen ernstlich über ihren thörichten Glauben und bot alle meine Ueberredungskraft auf, sie von ihrer Ansicht abzubringen – vergeblich. Sie blieb dabei: „Nun, Sie werden es sehen, Sie werden es sehen! Morgen vielleicht schon werden Sie anders denken.“

Aber Gottlob lag dazu auch nicht die geringste Veranlassung vor. Ich hege zwar sehr begreiflicher Weise immer den Wunsch, daß ich vor Heimsuchungen jedweder Art behütet werden möchte, aber nach dem an sich höchst unbedeutenden Vorfall mit der alten Matschull steigerte sich dieser Wunsch in mir zu einem fieberhaften Verlangen. Nicht etwa aus Furcht vor dem bösen Blick der Alten, sondern weil ich hoffte, es müsse den Aberglauben meiner Leute [602] curiren, wenn sie den Beweis in Händen hätten, daß sie kein „Unheil über das Haus“ gebracht habe. Und in der That, mein sehnlicher Wunsch erfüllte sich; es blieb während mehrerer Wochen Alles auf unserm Hofe und im Hause in bester Ordnung; kein Mensch, kein Thier erkrankte oder litt Schaden; Alles gedieh herrlich, und was unternommen wurde, hatte erfreulichen Fortgang.

Aber trotzdem und obgleich ich nicht ermangelte, diese Thatsache gelegentlich recht hervorzuheben, gelang es mir nicht, den Aberglauben zu entkräften.

„Ja, es ist wahr, bis jetzt ist noch Alles gut gegangen,“ hieß es als Entgegnung. „Aber wer weiß, wie es noch kommt!“

So viel Spielraum gestattet also der thörichte Mensch den zufälligen Möglichkeiten, um sich angstvoll an einen schrecklichen Gedanken seiner Einbildungskraft festzuklammern. Sollte uns in diesem Sommer noch der oder jener Unglücksfall, oder irgend ein Mißgeschick treffen, was bei einem großen Hausstande sehr möglich ist, ja worauf man sogar mit ziemlicher Sicherheit rechnen kann, so bin ich überzeugt, daß es heißen wird: „Das kommt von dem Blicke der Matschull!“ Sollte aber Alles so bleiben, wie es jetzt ist, und der Himmel uns gnädig vor jedem Unfall bewahren, dann – ja dann fürchte ich, wird man am Ende gar uns selbst für einen Genossen des Gott-sei-bei-uns halten.

Neulich war uns auf einer Ausfahrt nach dem nächsten Städtchen im Gewirr des Jahrmarktes ein kleiner Hund abhanden gekommen. Das Thierchen ist uns sehr lieb, und sein Verlust war uns recht schmerzlich. Heute plötzlich, nachdem er drei volle Tage fortgewesen, findet sich Jorrick wieder bei uns ein, abgemagert und verschüchtert, aber rührend in seiner Freude des Wiedersehens. Im ganzen Hause ist das kluge, wachsame und allerliebste Thierchen gern gesehen, und der Jubel bei seiner Heimkehr war allgemein. Was aber mußte ich bei dieser Veranlassung erfahren? Und zwar ganz durch Zufall, denn seit dem Besuch der Matschull und meinen ernstlichen Gegenvorstellungen hütet sich meine Umgebung, irgend eine Andeutung ähnlicher Art zu machen.

Ein alter Förster war heute Morgen kurz vor Jorrick’s Rückkehr auf dem Hofe gewesen und hatte das allgemeine Lamento über das Verschwinden des Hundes vernommen.

„Den wollen wir schon wieder bekommen!“ hatte der Alte mit großer Bestimmtheit gesagt, war an einen auf dem Hofe stehenden Wagen herangetreten und hatte dreimal durch die Speichen des rechten Vorderrades hindurch den Namen des Hundes gerufen. Dann aber fällte er den weisen Spruch: „Nun muß das Thier wiederkommen, – oder es ist bereits todt!“ Und Jorrick kam wieder! das Rufen durch das Wagenrad hatte ihn zurückgebracht!

Doch nun zu einem andern Falle, der, wie ich im Beginn dieser Zeilen schon erwähnte, traurige Folgen hatte.

Wenige Meilen von hier entfernt liegt mitten im Walde auf einer sogenannten Blöße das kleine Dorf Branditten. Ein Eigenkäthner daselbst, – d. h. ein Eigenthümer von etwa 6 bis 10 Morgen Landes, nebst Wohn- und Stallgebäude, – Grigat mit Namen, hatte vor Jahr und Tag ein hübsches junges Mädchen aus einer benachbarten Ortschaft geheirathet. Er war ein guter, braver Mann, hatte aber sehr wenig äußere Vorzüge und besaß vor allen Dingen eine gar wunderlich geformte, häßliche Nase, die oft zu Scherz und Neckerei Veranlassung gab. Der Frau war dies sehr verdrießlich, da sie ihren Gatten wirklich lieb hatte; wenngleich man behauptet, daß sie seiner Bewerbung lange Zeit ausgewichen sei, und zwar nur – der Nase wegen.

Vor einigen Wochen nun wurde jenen beiden Leutchen in Branditten ein Kind geboren, und die Freude der Eltern war um so größer, als das kleine Mädchen ungewöhnlich groß und kräftig war. Aber – o Entsetzen! bald zeigte es sich, daß das kleine Wesen die Anlage zu des Vaters ungestaltetem Gesichtserker mit auf die Welt gebracht hatte. Es war ganz unzweifelhaft, daß die kleine Nase das naturgetreue Abbild ihres großen Vorbildes zu werden versprach; derselbe Ansatz, dieselbe Biegung, dieselbe Richtung nach rechts – nur Alles ganz en miniature!

Die junge Frau war ganz außer sich. Sie galt für die größte Schönheit weit und breit, und nun sollte ihr Kind dem Vater, ja sie konnte sich’s nicht ableugnen, dem häßlichen Vater gleichen und, anstatt Verehrung und Bewunderung zu finden, verlacht und verspottet werden! Es heißt in einem allerliebsten Wiegenliede einer Mutter, das ich einstmals irgendwo singen hörte:

Hab’ seine Nase immerhin,
Doch habe auch sein Herz!

Doch konnte sich Frau Grigat zu dieser erhabenen Denkungsweise nicht aufschwingen. Sie grämte sich vielmehr Tag und Nacht über das „Unglück“, von dem sie betroffen worden, und äußerte sogar mehrmals zu einer Nachbarin, daß sie lieber gar kein Kind besitzen möchte, als ein so mißgestaltetes.

„Hm,“ sagte die Nachbarin einmal auf solche Aeußerung, „wenn Euch die Sache so zu Herzen geht, müßt Ihr doch nicht die Hände in den Schooß legen.“

„Wie meint Ihr das?“

„Nun, ich an Eurer Stelle wäre längst zur alten Szivat nach Misaneiken gegangen! Die weiß für Alles Rath, und es wäre nicht das erste Mal, daß sie häßliche Kinder hübsch gemacht hat.“

„Kann sie denn auch eine häßliche Nase gegen eine hübsche vertauschen?“ fragte die junge, Mutter mit sichtlicher Spannung.

„Der Fall mag bisher noch nicht dagewesen sein,“ entgegnete die weise Rathgeberin. „Aber es kommt doch auf einen Versuch an; was kann’s am Ende schaden, wenn’s auch nicht nützt?“

Das war der Frau Grigat einleuchtend, und unter dem Vorwande, eine kranke Verwandte zu besuchen, welche in der Nähe von Misaneiken wohnte, erbat sich Frau Grigat von ihrem Manne die Erlaubniß zu einer kleinen Fußreise. Das Kind nahm sie natürlich mit sich, da sie demselben noch die Brust reichte, und wanderte nun durch Hitze und Staub, Regen und Wind zwei volle Tage, bis sie endlich mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte Misaneiken erreichte.

Frau Szidat hörte mit der ruhigen Würde der Ueberlegenheit die Klagen und Bitten der jungen Mutter an, besichtigte das Kind und meinte dann mit anerkennungswerther Offenheit und Bescheidenheit, daß ihr ein solcher Fall noch nicht vorgekommen sei. „Indeß.“ fügte sie zuversichtlich hinzu, „es ist ja nichts in der Welt unmöglich, und wer nur die geheimen Kräfte der Natur kennt und richtig zu benutzen weiß, der kann mit ihnen Wirkungen hervorbringen, die dem gewöhnlichen Menschen Wunder zu sein scheinen.“

Diese schöne Floskel imponirte der Clientin nicht wenig und steigerte nur um so höher ihre Zuversicht, je unverständlicher und gelehrter ihr die Worte der Alten erschienen.

„Ihr wollt mir also helfen?“ fragte sie erfreut.

„Meinen Willen lenkt eine höhere Macht, – ich muß mich dem Wohle meiner Mitmenschen opfern!“ erwiderte die schlaue Alte.

„Ihr werdet also meinem armen Kinde zu einer andern Nase verhelfen?“

„Das kann ich nicht versprechen! Aber ich will den Versuch machen. Jedenfalls aber wird Eure Tochter nach dem Trank, den ich für sie bereiten werde, so liebenswürdig und klug werden, daß sie doch alle Herzen für sich gewinnen soll, selbst wenn sie ihre alte Nase behalten müßte.“

Frau Grigat seufzte; indeß war doch das Versprechen der hülfreichen Frau nicht zu verachten, und während sie einen blanken Thaler aus dem Schnupftuchszipfel ausband und vor der „klugen Frau“ auf den Tisch legte, bat sie dieselbe, doch ja mit der Mischung des Wundertrankes nicht zu zögern, da sie große Eile habe.

Frau Szidat versprach, noch in derselben Nacht – versteht sich zur Mitternachtszeit – die Kräuter aus dem Walde zu holen und sofort den erforderlichen Decoct zu brauen.

„Und dann,“ rief Frau Grigat, „geben wir ihn gleich morgen früh der Kleinen ein!“

„Bei Leibe nicht!“ warnte die Szidat. „Jetzt ist die Zeit nicht dazu. Hier bei mir darf das auch nicht geschehen, wie denn überhaupt Niemand wissen darf, daß ich Euch gefällig gewesen bin. So etwas wird leicht mißverstanden, und bringt dann beiden Theilen nur Verdruß und Unannehmlichkeiten. Ihr reist morgen früh ruhig zurück in die Heimath, und erst wenn der Mond im ersten Viertel steht, um ein Uhr des Nachts, gebt Ihr dem Kinde ganz heimlich den ersten Löffel von meinem Saft ein. Um zwei Uhr Mittags den zweiten, Nachts um die dritte Stunde den dritten Löffel und so fort, bis die Flasche leer ist.“

Frau Grigat ließ sich diese Vorschrift noch einige Male wiederholen, um sie ja recht genau befolgen zu können, und nachdem sie der Alten noch goldene Berge versprochen, wenn ihr Trank sich wirksam erzeigen sollte, verließ sie dieselbe und begab sich zu der [603] ganz in der Nähe von Misaneiken wohnenden kranken Verwandten. Dort blieb sie einen Tag und eine Nacht, erhielt verabredetermaßen in dieser Zeit den verheißenen Zaubersaft und machte sich mit demselben und ihrem Kinde auf den Rückweg.

Durch die beiden anstrengenden Märsche, die der jungen Mutter begreiflicherweise nicht zuträglich sein konnten, hatte natürlich auch das Kind gelitten. Es begann unruhig zu werden, verlor den Appetit und magerte zusehends ab. Man gebrauchte allerlei Hausmittel; die eine Nachbarin rieth dies, die andere jenes an; aber – es half nichts! Das Kind wurde nur immer schwächer und bleicher. Trotzdem aber stand Frau Grigat nicht von ihrem Vorhaben ab, die Mixtur der Szidat zu erproben, als der Mond in sein erstes Viertel gerückt war.

Der Mann hatte sich zu einem Pferdemarkte begeben, – um so ungestörter konnte sie ihre heimliche Unternehmung in’s Werk setzen. Pünktlich um ein Uhr stand sie von ihrem Lager auf, holte den sorgfältig verborgenen Trank herbei und flößte davon dem Kinde einen Löffel voll ein, den die Kleine geduldig hinunterschluckte. Aber was war das? Kaum hat die Mutter sich wieder zu Bette gelegt, als sie ein ganz sonderbares Geräusch vernimmt, ein leises Stöhnen, Glucksen, Röcheln. Sie springt entsetzt auf und eilt an die Wiege des Kindes, das mit weit aufgerissenen Augen in derselben liegt und die wunderlichsten Grimassen schneidet.

„Aha,“ denkt die thörichte Frau in ihrem fast unglaublich erscheinenden Wahne, „das Mittel beginnt zu wirken! Die Züge fangen ja schon jetzt an sich zu verändern! O, mein Kind wird schön werden, so schön wie ein Engel!“

Immer mehr und mehr veränderten sich die Züge des Kindes; der Blick wurde matter, die Muskeln schlaffer, bis nach Verlauf von wenigen Minuten das ganze Antlitz eine gelbliche, wachsartige Färbung annahm. Die leisen Klagelaute verstummten, der kleine Körper streckte sich – und das Leben entfloh!

Nun erst begriff die Mutter, was vorgegangen war! Mit einem wilden Schrei warf sie sich auf die Leiche ihres Kindes, riß sie aus der Wiege und preßte sie mit verzweiflungsvoller Heftigkeit an ihr Herz. Umsonst, – die kleinen Glieder wurden nur mit jedem Augenblick kälter und steifer! Das laute Schreien und Jammern der Mutter rief die Nachbarn herbei. Der Vorfall ward offenkundig und gab der Staatsanwaltschaft Veranlassung, eine Anklage gegen Frau Grigat auf fahrlässige Tödtung ihres Kindes zu erheben.

Natürlich wurde die Szidat zur Verantwortung gezogen. Sie versuchte zwar anfänglich, ihre Theilnahme an der verübten Missethat abzuleugnen, mußte aber endlich doch die Aussagen der Grigat bestätigen. Da sie indeß der Grigat ausdrücklich gesagt haben wollte, daß das Kind nicht leidend sein dürfte, wenn es den Trank eingeflößt erhielte, – die Grigat wußte sich dieser Mahnung nicht zu entsinnen! – und da eine chemische Analyse ergab, daß das Gebräu allerdings keine absolut giftigen Substanzen enthalte, wohl aber ein übermäßig scharfer Pflanzendecoct sei, der einem gesunden Magen nicht schädlich sein würde, – so ward die Szidat durch das Geschwornengericht von der gegen sie erhobenen Anklage wegen Mitschuld an einer fahrlässigen Tödtung freigesprochen, dagegen aber wegen unbefugter Verabreichung von Medicamenten und betrüglicher Quacksalbereien zu mehrwöchentlicher Gefängnißstrafe verurtheilt.

Frau Grigat, welche erweislich aus Unverstand und Leichtgläubigkeit ihr Kind getödtet hatte, wurde für unzurechnungsfähig erklärt und demgemäß freigesprochen.

Aehnliche Fälle ereignen sich nur zu häufig und liefern den Beweis, wie nöthig es ist, durch Unterricht und Volksschriften endlich auf Beseitigung der tief eingewurzelten Krankheit des Aberglaubens zu wirken.

Cl. J.