Wenn wir einmal sterben

Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Wenn wir einmal sterben
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aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 542–544
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[542]
Wenn wir einmal sterben.
Von Friedrich Gerstäcker.

Oft, wenn ich in meinem Zimmer sitze und mein Blick über die aus allen Welttheilen zusammengetragenen Gegenstände schweift, die mir so lieb sind, weil sich an jedes einzelne eine andere, oft freudige, oft bittere Erinnerung knüpft, fällt mir eine Scene aus früherer Zeit ein.

In einem großen alten Hause in ** hatte ein alter Herr viele lange Jahre hindurch so abgeschlossen gelebt, daß er mit Niemandem da draußen – wenigstens nie direct – in Berührung kam. Eine alte Haushälterin und ein alter Gärtner besorgten seine Arbeiten, und nur Abends, wenn in dem obersten Erkerstübchen, wo die alte Haushälterin schlief, Licht angezündet wurde, sah man, daß die Leute drinnen noch lebten, denn sonst ließ sich den ganzen Tag keine Seele weder an einem der dicht verhangenen Fenster noch in der Thür blicken.

Der Eigenthümer selber verließ seine Wohnung nie – einen Tag im Jahr ausgenommen – am ersten Weihnachtsfeiertag, [543] und dann auch nur – mochte es wettern und stürmen, wie es wollte – um hinaus auf den Gottesacker zu gehen und daselbst ein Grab zu besuchen. Allerdings hatten sich die Müßiggänger in der Stadt schon die größte Mühe gegeben, um herauszubekommen, wer unter dem kleinen einfachen Hügel ruhe, an dem der Greis eine volle Stunde betete – aber vergebens. Kein Kreuz, keine Tafel kündete den Namen. Der frühere Todtengräber war gestorben, aus dem Buch, das er mit wunderlichen Zeichen und Figuren geführt, ließ sich nichts Bestimmtes mehr herausfinden, und die Leute sahen sich gezwungen, ihre eigenen Geschichten darüber zu ersinnen. Es läßt sich denken, daß die abenteuerlichsten Gerüchte die Stadt durchliefen – aber auch nur eine Zeit lang. Wie der alte Herr Jahr nach Jahr das Nämliche trieb, dabei Niemandem etwas in den Weg legte, wurde man es endlich müde, sich um ihn zu bekümmern, und erst sein Tod erweckte die schon fast vergessenen Gerüchte von Neuem – allein auch sein Tod brachte keine Aufklärung über sein früheres Leben.

Wie es mit dem Testament gewesen war, weiß ich nicht mehr, nur soviel erinnere ich mich, daß die Erben keineswegs zufrieden sein mußten, denn große Legate waren den Dienern vermacht, und die außerordentlich einfache und dadurch fast werthlose Einrichtung des Hauses sollte in dessen Räumen selber öffentlich versteigert werden.

Nach alle dem läßt es sich denken, daß ein großer Theil der Bewohner von ** neugierig war, die Räume zu betreten, die bis jetzt von dem alten wunderlichen Mann als unnahbares Heiligthum verschlossen und verriegelt gehalten waren. Die von dem Magistrat herbeorderten Beamten hatten wirklich ihre Noth, die zudringlichen Gaffer in ihren Schranken zu halten, damit sich im Gedränge nicht auch verworfenes Gesindel mit einschlich und die Hand an fremdes Eigenthum legte.

Stube nach Stube wurde deshalb nur derart geöffnet, daß man eine andere erst aufschloß, wenn die in der einen befindlichen Gegenstände verkauft und ihren jetzigen Besitzern überwiesen waren. Dadurch bekamen es die Neugierigen endlich satt, sich nur herumstoßen und drängen zu lassen, ohne weiter etwas zu sehen, als öde Zimmer und altmodische Möbel und Schränke. Nach und nach verliefen sich die Meisten und es blieben fast nur Solche zurück, die wirklich Lust zu kaufen hatten.

So gelangten wir endlich, nachdem eine Masse von Schränken, Tischen, Stühlen, alten Bildern, zu Spinneweb gewaschenen Gardinen und hundert andern Kleinigkeiten verkauft oder vielmehr um einen Spottpreis verschleudert waren, in die Studirstube des alten Mannes – wenn ein Platz so genannt werden kann, in dem ein nur wenig benutzter Schreibtisch und ein kleines dürftiges Regal mit einigen zwanzig, meist französischen und holländischen Büchern stand.

Der Verstorbene war augenscheinlich kein Gelehrter gewesen, das aber hier jedenfalls der Platz, wo er seine meiste Zeit, die langen Jahre seiner Einsamkeit, träumend und durch nichts gestört verbracht, und es überkam mich ein eigenes und drückendes Gefühl, als ich die kalten, gleichgültigen Gesichter sah, die sich hier jetzt mit prüfenden Blicken in dem engen Raum umschauten und die Gegenstände taxirten. Es war mir, als ob ein Grab entweiht würde, das Grab einer Seele, deren Träume bis jetzt hier eingesargt gewesen.

Aber was kümmerte das die Käufer oder den Auctionator, der Stück nach Stück ruhig und gleichmüthig unter den Hammer brachte! Vor dem Tische stand, ein alter, mit Leder überzogener Lehnstuhl, über dem Tische hing ein kleines, ziemlich mittelmäßig ausgeführtes Bild, eine Landschaft mit einer alten knorrigen Eiche im Vordergrund, die an dem Ufer eines Weihers stand. Unter der Eiche lag ein Frauenhut und ein Brief. In dem Lehnstuhl war der alte Mann gestorben, und auf dem Tische stand ein kleines flaches Mahagonikästchen.

Ein Jude kaufte den Tisch, den Lehnstuhl und nachher das Kästchen auch, das Bild, da Niemand darauf bieten wollte, bekam er zu. In dem Kästchen stak der Schlüssel, er öffnete es, es lagen einige Sachen darin, und er wühlte mit der Hand darin herum. Als ihm das Kästchen zugeschlagen war, drehte er es um und schüttete den Inhalt auf den Boden. Es enthielt auch nichts Aufhebenswerthes: ein paar trockene, schon fast verkrümelte Blumen, ein Stückchen Holz mit ein paar dürren Blättern, ein paar Streifen vergilbtes Papier mit unleserlichen Zügen, ein kleines Stück blauseidenes Band, einen zerschnittenen Handschuh und noch eine Anzahl anderer, ebenso werthloser verwitterter Dinge. Was sollte der Käufer mit dem Plunder machen? er wurde später mit dem übrigen Staub und Gerumpel hinausgekehrt, und doch war er das Heiligthum eines ganzen Lebens gewesen.

Und wenn wir einmal sterben?

In meinem Zimmer hängen eine Unmasse von werthlosen Dingen, Waffen aus allen Welttheilen von Stein, Holz, Stahl, Wallroß- und Haifischzähnen, und wenn ich einmal sterbe, finden sie vielleicht ihren Weg in ein Naturaliencabinet, wo denn der Aufseher mit Hülfe des Katalogs den Besuchern erklären kann: das Stück stammt dort, jenes von da her, diese Waffen führen die australischen Eingebornen, jene sind auf den Südseeinseln, in Afrika, in Californien, in Südamerika, in China, in Java daheim – das bleibt Alles, denn die Erinnerung ist todt, die ihnen jetzt Leben verleiht.

Jenes alte lederne Jagdhemd, mit seinen indianischen Ausfranzungen, habe ich aus selbsterlegten Hirschdecken auch selber gegerbt und genäht und manches lange Jahr getragen; jenes alte Messer führte ich zweiundzwanzig Jahr in Freud und Leid; jene Bolas holte ich mir aus den chilenischen Cordilleren, und wie der Blick darauf fällt, sitze ich wieder bei dem tollen Trinkgelage jener Stämme, sehe die mit trübem Aepfelwein gefüllten Kuhhörner im Kreis herumgehen und die junge dicke Kazikentochter mir gegenüber, die mir jenes Diadem von bunten Perlen gab. Die Lanze dort schleuderte einst ein australischer Wilder nach mir; jene Mumienhand steckte mir ein junger ägyptischer Epigone unter den Tempelsäulen von Karnak in die Tasche, da ich sie ihm nicht um den üblichen Sixpence abkaufen wollte; jenen Bogen erhandelte ich von einem kalifornischen Indianer um selbstgegrabenes Gold aus seinen Bergen. Mit diesen Stücken trockenen Guiavenholzes rieb sich ein bildschönes Mädchen auf Tahiti einst Feuer, um ihre Cigarre daran anzuzünden; jenen Wallfischzahn brach ich selber aus dem Kiefer eines frischgefangenen Cachelot; den Tabaksbeutel aus dem Fuß eines Albatroß arbeitete ich mir inmitten eines furchtbaren Sturmes am Cap Horn; das Hirschgeweih da oben holte ich mir aus der Vandong-Ebene in Java, und jene kleinen ungeschickt geschnittenen Figuren aus vegetabilischem Elfenbein kaufte ich auf dem Markt zu Quito.

Und welche Unzahl von Kleinigkeiten, die ein Anderer unbedingt zum Kehrichthaufen verdammen würde, bilden die Schätze, die ich um mich her aufgehäuft! Vier Steinbrocken, die jeder Geologe verächtlich bei Seite werfen würde: ein gewöhnliches Stück Kalkstein mit ein paar dunklen Flecken darauf – die Schweißtropfen meines ersten starken Gemsbocks, den ich hoch am Karwendelgebirg in Tyrol in voller Flucht durch’s Herz schoß; ein gewöhnlicher Kieselstein, aus den Wassern des Pozuzu in Peru – die Erinnerung an den Uebergang jenes reißenden Bergstroms, an einer einzelnen wilden Rebe; ein kleines Stück Granit vom 16,000 Fuß hohen Gipfel der Cordilleren in Peru; ein anderes verwittertes Gestein vom höchsten Paß der La Plata-Staaten nach Chile; eine gelbe Feder vom Kopf eines Kakadu, des ersten, leider nicht des einzigen, den ich im australischen Wald erlegen und verzehren mußte, um nicht zu verhungern; ein langes Stück Koralle, das ein australisches Mädchen als einzigen Schmuck und Kleidungsstück durch den Nasenknorpel trug; ein rothes Band, das ich, in dem jetzt verschütteten Mendoza, im Knopfloch fuhren mußte, um unter Rosas’ Regierung einen Paß auf der Polizei zu bekommen; der alte hölzerne Quirl und Löffel, mit dem ich in Ecuador tagtäglich, lange Monate hindurch, meine Chocolade quirlte und rührte; selbstgewaschenes Gold aus Californien; Silber aus Cerro de Pasco, der höchsten Stadt der Welt; Wüstensand aus Aegypten; künstliche Federblumen aus Brasilien, und was mein Schreibtisch an geheimen Schätzen birgt, an trockenen Blumen und an Liebeszeichen aus der Jugendzeit, Du lieber Gott, was Anderes ist das, als was der Trödler dort in dem alten Haus, aus jenem Mahagonikasten auf die Erde schüttete: Plunder – und doch ein Lebensalter hindurch mit dem eigenen Herzblut erkauft und gehegt und gepflegt!

Und wer von uns Allen hat nicht solche Liebeszeichen, wem von uns Allen ruft nicht ein Band, ein trockenes Blatt, ein alter, wieder und wieder gelesener Brief alle Liebe und, wenn auch schmerzliche, Erinnerungen in der Seele wach? und wenn wir einmal sterben? dann kommen rauhe Hände und zerstören diese „Leichen [544] unserer Erinnerung“, denn das Leben fehlt ihnen, was ihnen diese für uns eingehaucht.

Und können wir uns deshalb von ihnen trennen? Nein, es ist nicht möglich, denn sie bilden einen Theil, und zwar den edelsten Theil unseres Selbst, sie sind die kleinen unscheinbaren, aber trotzdem unzerreißbaren Glieder jener Kette, die uns an die Heimath binden, sie sind die Tröster in mancher bitteren, sorgenschweren Stunde, die Märchenerzähler unserer eigenen Jugend, und wie der Mensch, wenn ihm die Hoffnung genommen würde, zum Selbstmörder werden müßte, und wie er deshalb die Hoffnung hegt und pflegt, weil er mit ihr die Brücke zu seiner Zukunft baut, so hält er auch die kleinen Zeichen fest als theuere Gaben der Vergangenheit.

Wohl wäre es besser, wir selber vernichteten diese kleinen unscheinbaren Liebesboten, wenn wir einmal fühlen, daß unser Ende naht; aber wer fühlt das? Wer mag es sich bis zum letzten entscheidenden Augenblick wohl eingestehen: Jetzt ist’s vorbei, jetzt weist der Zeiger auf die letzte Stunde? Nicht Einer aus Tausenden. Noch mit zitternder Hand, mit schon halbgebrochenem Auge fällt unser Blick darauf, und wenn wir dann sterben, dann fliegt mit unserer Seele auch die Seele unserer Reliquien – Gott nur weiß wohin, und unsere Leichen werden Staub.