Weltverbesserer/Urchristliche und mittelalterliche Staatsideale und Weltverbesserungsgedanken

Textdaten
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Autor: Dr. J. O. Holsch
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Titel: Urchristliche und mittelalterliche Staatsideale und Weltverbesserungsgedanken
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 122–224
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[122]
Weltverbesserer.
Von Dr. J. O. Holsch.
II.
Urchristliche und mittelalterliche Staatsideale und Weltverbesserungsgedanken.

Platos Staatsidee war, wie wir sahen, lediglich eine planmäßige, rücksichtslos durchgedachte Einführung der Ideen der Gerechtigkeit und Weisheit in das wirkliche Leben. Die persönlichen Vermittler dabei, die Philosophen, sollten besondere Geistesträger, sozusagen reine Geistesmenschen sein.

Woher aber schöpften diese berufsmäßigen Weisheitsträger diesen ihren überragenden Geist? Wurde er nicht mit ihnen geboren? Und wenn – welch höhere Macht stand jenseit dieses Ursprungs?

Für jeden, der sich bewußt bleibt, daß zwischen dem Griechen Plato und zwischen dem Israeliten Jesus von Nazareth drei bis vier Jahrhunderte mit kreuz- und querlaufenden, äußeren wie inneren Zwischenentwicklungen liegen, tritt unmittelbar zu Tage, daß die Beziehungen zwischen Plato, Nach- und Neuplatonismus und zwischen dem Urchristenthum durchaus dem Gesetz einer ununterbrochenen Geistesentwicklung entsprechen. In der griechischen Philosophie, besonders aber bei Plato, erscheint das Geistige, erscheinen die „Ideen“ noch nicht völlig losgerissen von der Wirklichkeit des diesseitigen Seins und Lebens; es ist noch eine gewisse Verschwommenheit in dem Verhältnisse beider.

Das wurde mit einem Schlage anders, als das Urchristenthum in die Welt trat. Mit ihm fallen Diesseits und Jenseits ausgesprochen, ja man darf sagen, schroff auseinander; ein Zeitalter beginnt, in welchem der schärfste Gegensatz zwischen dem irdisch- materiellen und zwischen dem himmlisch-geistigen Leben das Denken und Fühlen der Menschen durchzieht. Man könnte dieses Zeitalter das der „Transcendenz“ nennen, d. h. dasjenige, in welchem die Vorstellungen vom Jenseits eine Vorherrschaft über das Denken und Empfinden der Menschheit übten.

Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Grundrichtung der Geister in ihrer vollen Schärfe und Klarheit bloßzulegen, weil sie allein eine Erklärung zu bieten vermag für die merkwürdigen Blüthen gesellschaftlichen Denkens, welche den zweitausendjährigen Zeitraum zwischen einem Plato und einem – Thomas Morus ausfüllen.

Paulus, aus Kleinasien, wo griechische Weltweisheit mit orientalischer Mystik sich kreuzte, von Geburt Jude, von Erziehung Grieche, also in Person der lebendigste Zeuge für das Zusammenfließen beider Kulturströme, fand zu Athen auf demselben Marktplatze über den ein Sokrates gewandelt war, nur noch die letzten, sophistisch verschulten Ueberbleibsel einstiger griechischer Geisteskraft vor. Dort, wie später im Herzen der alten Welt, in Rom, verkündigte er Jesum: aber nicht den „Jesus im Fleisch“, d, h. wie er auf Erden wandelte, sondern den „Christus im heiligen Geiste“, wie er ihn in seinen Briefen nennt, d. h. den Gottessohn, der nach paulinischer Lehre jenseitig, rein geistig, schon vor seinem Kommen [123] in die Welt vorhanden war, der nur zeitweise in die Hülle des Fleisches sich begeben hat und nun wieder droben im Himmel, in der andern Welt thront, wohin er auch die Seinigen in absehbarer Zeit bringen wird.

Wir finden: der Geist als jenseitiger ist hier alles, dagegen das Fleisch, die Welt, die Materie diesseits ist nichts. Was der Mensch auf dieser Erde ist, Knecht, Sklave oder Freier, Mann oder Weib, Jude oder Grieche, reich oder arm, Krüppel oder Wohlgestalt – es kommt gar nicht in Betracht gegenüber der einen Thatsache, daß sie alle in Christus voll übernatürlichem Geiste beseligte Kinder einer anderen Welt sind, die gar nicht mit Menschenhänden gemacht ist, deren Güter ganz andere sind als diejenigen, welche die Erde hat, gewährt und begehrt.

So der ursprüngliche Christus- und Christengeist, ein Geist, der mit einer in der ganzen Menschheitsgeschichte beispiellos dastehenden, unsagbaren Kraft und mit der Schnelligkeit des Sauerteigs jenes große Menschengefüge durchdrang, welches man um die Wende unserer Zeitrechnung das römische Reich nannte.

Wenn hier also das höchste Ziel, das wahre Glück des Menschen, jenseit des äußeren, irdisch-wirklichen Lebens, und zwar des Familien- wie des Staatslebens, zu suchen ist, wenn alles Gute von dort kommt und dorthin wieder führen muß – wie soll da der Gedanke der „Weltverbesserung“, der weitläufigen Einrichtung auf dem Boden des diesseitigen Lebens Kraft und Nachdruck gewinnen? Diese Welt mit allem, was sie bietet an Last und Lust – sie liegt ja im Argen, wer dürfte ihr sein Sinnen und Denken widmen?

Es wäre eine durch und durch oberflächliche, ja eine verkehrte Behauptung, zu sagen, die ersten Christen oder gar Christus selbst hätten Gütergemeinschaft geübt oder verlangt. Trotzdem werden gerade gegenwärtig in gelehrten wie in ungelehrten Kreisen derartige Auffassungen mit Vorliebe gepflegt. Weder die Berichte der Evangelien noch die der Apostelgeschichte, welche besonders hierzu verwendet werden, lassen solche Ausdeutung zu, selbst die bekannte Erzählung von Ananias und Saphira nicht. Diese Leute haben ihre irdischen Güter, Geld, Aecker, Nahrungsmittel u. s. w. durchaus nicht abgegeben, um zu theilen, sondern um sich eines unwichtigen, ja eines unter Umständen ihr wahres Glück, ihr ewiges Seelenheil gefährdenden Ballastes zu entledigen! Man müßte also statt von einer „Gütergemeinschaft“ von einer gemeinschaftlichen „Güterentledigung“ reden. Die Abgabe von Gütern zu gemeinem Besten in den ersten christlichen Gemeinden hat nicht im geringsten den Sinn, die weniger bemittelten Mitchristen oder Heiden „glücklich, zufrieden“ zu machen, ihre „gedrückte Lage“ zu verbessern oder gar etwaige „gerechte Forderungen“ derselben zu befriedigen – vielmehr entsprang sie einer ernsthaften inneren Verachtung dieser Güter und verlangte eine solche auch von dem Empfäuger – da sein Herz an dieselben zu hängen, Sünde wider den Heiligen Geist war.

In diesem Grundzuge, der durch die „Wolke christlicher Märtyrer“ bezeugt ist, liegt etwas so Wirklichkeits- und Staatsfremdes, daß es ganz begreiflich erscheint, wenn die Vertreter des römischen Weltreiches diese gänzliche innere Verneinung des herrschenden Staates und demgemäß aller seiner lebendigen Mächte und Träger unheimlich, ja im höchsten Grade staatsgefährlich fanden. Sie war es auch wirklich, denn sie half nicht nur das römische Staatsgebilde zersetzen, sie drängte sogar zu einem ganz anderen, zu einem neuen Staatsideal hin.

Diese Sachlage sprach sich in den ersten Jahrhunderten mehr in einem unmittelbaren Gemeindebewußtsein aus; später wurde sie in den verschiedenartigsten Formen, die theilweise an Seltsamkeit nichts zu wünschen übrig lassen, lehrhaft ausgestaltet. Wir treten nach dem Siege des Christenglaubens in eine Kette von Jahrhunderten ein, in denen man sich über ganz andere Dinge Gedanken machte als über die beste Verfassung der menschlichen Gesellschaft. Während die Völkermassen gährend sich verschoben und vermischten, zerbröckelte der stolze Bau des Römerreiches. Augustinus, jener große Kirchenvater des fünften Jahrhunderts nach Christus, hat zwar 22 Bände über das Wesen eines Staates, eines Reiches geschrieben, aber es war nicht die gesellschaftliche Verfassung der Menschen, über die er schrieb, sondern diejenige des Reiches Gottes. Die künftige Besserung und die schließliche Seligkeit der abgefallenen Engel war jenen Zeiten eine weit wichtigere Frage als die Verbesserung der gegenwärtigen Lage der Menschen. Und noch viel später fiel es einem Franciscus von Assisi nicht ein, in der Wohlhabenheit oder in der wirthschaftlichen Unabhängigkeit seiner Zeitgenossen ein erstrebenswerthes Ziel des Staates zu erblicken: vielmehr übt und verlangt er nachdrücklich und mit großartigem Erfolg das Gelübde der Armuth. Peter von Amiens brachte, auf einem Esel reitend, mit dem bloßen Zeichen des Kreuzes beinahe ganz Mitteleuropa zur Wallfahrt nach dem Heiligen Grabe, nachdem im Jahre 1000 unter der fieberhaftesten Erregung weiter Kreise der Eintritt des „Tausendjährigen Reiches“ mit der Herrschaft Christi vergeblich erwartet und ersehnt worden war. Und während diese felsenfeste allgemeine Ueberzeugung von dem Gegensatze des himmlischen Lebens und Strebens zum irdischen die dichterisch wie die wissenschaftlich angelegten Naturen jener Zeiten beschäftigte, spielte sich praktisch jenes großartige Ringen ab, bei welchem das aufkeimende, wirklichkeitsgeborene „irdische“ Königthum dem „überirdischen“ Machtanspruche eines „katholischen“ d. h. weltumfassenden Papstthums unterlag. Diese Vorherrschaft des kirchlichen Oberhauptes war auch wirthschaftlich deshalb jenen Zeiten natürlich, weil weitaus die Mehrzahl der Bevölkerung ihr Einkommen aus dem reinen Bodenertrag zog, der weit weniger von der Arbeit und dem planmäßigen Eingreifen der Menschen als von der Witterung, d. h. höheren himmlischen Mächten, abhängig ist. Es ist unter diesen Umständen begreiflich, daß alle Menschheits- und Weltverbesserer, an denen auch in diesem langen Zeitraume kein Mangel war, ihre Gedanken beinahe ausschließlich einem Gebiete zuwandten, nämlich dem religiösen. Da man lediglich von einer Menschenverbesserung die Weltüberwindung – „Weltverbesserung“ kann man hier überhaupt nicht sagen – erwartete, so ist die geschichtliche Heerstraße durch jene Jahrhunderte gekennzeichnet durch eine Schar von Schwärmern, Sektierern, Klosterstiftern etc., welche alle die Seelen ihrer Zeitgenossen zu verbessern, zu retten unternahmen, aber immer wieder durch die überlegene Macht der organisierten Kirche aufgesogen oder ausgerottet wurden. Zu den merkwürdigsten und bezeichnendsten Erscheinungen dieser Art gehört der bis in das Zeitalter der Reformation hineinwirkende Abt Joachim de Floris, welcher vom Ende des 12. bis Beginn des 13. Jahrhunderts in Süditalien gelebt hat. Er verband mit einer rücksichtslos scharfen Verurtheilung der Verweltlichung und Ueppigkeit unter den „Prälaten“ die Verkündigung einer neuen dritten und letzten Weltperiode; nachdem das Zeitalter des Vaters und das des Sohnes abgelaufen sei, so verkündete er, trete mit dem Jahre 1260 das letzte, das höchste Weltalter ein, dasjenige des Heiligen Geistes, das mit dem heiligen Benedikt seinen Ursprung nehme. Ein letzter Kampf mit dem Antichrist gehe diesem Zeitalter voran; dann erfolge die Wiedervereinigung mit den griechischen Katholiken, die Bekehrung der Juden, ein Reich der Freiheit, des Lichtes, in welchem die Seligkeit eines in heiligen Betrachtungen verbrachten, einfachen und beschaulichen Lebens sich auf die christliche Menschheit niedersenke, in welchem die Priester wirklich die Träger des Heiligen Geistes seien. Man denke nicht, daß die Schriften dieses Mannes und sein Ansehen, welches durch Jahrhunderte sich forterhielt, lediglich eine kirchliche Angelegenheit gewesen seien – man beachte wohl, daß ein Richard Löwenherz diesen weissagenden Abt zu sich nach Messina berief, um sich von ihm die Offenbarung Johannis erklären zu lassen.

Von Joachim de Floris an, der selbst vom Heiligen Lande die ersten Eindrücke religiöser Begeisterung mitgebracht hatte, glühte bis zu den Hussiten die Sehnsucht nach dem kommenden Tausendjährigen Reiche fort, zum Theil verbunden mit der Sehnsucht nach dem „Heiligen Lande“, und noch in dem Zeitalter der Reformation flammte sie nachhaltig auf. Wohl wurde in all diesen Erwartungen, Weissagungen und Reformgedanken, angelehnt an die Schilderungen des Propheten Jesaja, auch der Fülle irdischer Gaben, der paradiesischen Fruchtbarkeit der Natur etc. gedacht, aber diese Seite ist völlig Nebensache, sie tritt in den Hintergrund gegenüber der Seligkeit der Geister, welche, befreit von irdischem Wesen, von fleischlichen Schlacken, die reine und unmittelbare Gottesgemeinschaft genießen.

Wir können daher dieses Zeitalter, dessen Anschauungen so lange auch unsere Vorfahren beherrscht haben, nicht verlassen, ohne gerade im Hinblick auf gegenwärtige Weltverbesserungspläne und -gedanken diesen bedeutsamsten Zug desselben besonders hervorzuheben. „Das Leben der Lust“ – so sagt in zutreffender Weise ein neuer Bearbeiter der Utopien aller Zeiten – „das in späteren Utopien eine so große Rolle spielt, tritt hier ganz zurück, und höhere Ideale sind es, welche die Menschheit bewegen. Die [124] Religion beherrschte damals die ganze Litteratur. So ist es auch begreiflich, daß Chiliasten und andere Phantasten des Mittelalters eine Aenderung der Verhältnisse und die Herbeiführung einer goldenen Zeit nicht durch eine menschliche Revolution , sondern von der göttlichen Allmacht erwarteten.“

Trotz alledem wäre es weder ganz zutreffend noch auch ganz gerecht, wenn man sagen wollte, jene Utopisten des Mittelalters seien dabei weiser gewesen als diejenigen der Gegenwart. Nein! Wer nur immer das Mittelalter kennt, weiß, wie schroff hier „Ideal“ und „Wirklichkeit“ sich gegenüberstanden, weiß, welch entsetzliche Greuelthaten die frommen Kreuzfahrer im Heiligen Lande, bei der Eroberung der Heiligen Stadt unter dem Rufe „Gott will es“ verübten, weiß, wie nicht ausnahmsweise, sondern sehr oft furchtbare Wütheriche unmittelbar vor oder nach dem Genusse des Abendmahls die größten Blutbäder planten, wie die Religion selbst zur Ursache von Grausamkeiten wurde, welche unsere Zeit nicht mehr kennt. Die Lebensideale des Mittelalters waren wohl höher schweifende, phantastischere als diejenigen der neueren Zeiten, aber ihr Einfluß auf das wirkliche Handeln der Menschen war weit geringer, als man gewöhnlich annimmt. Was „höher“ war, das war eigentlich nur der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Denken und Handeln, zwischen Weltanschauung und Weltgestaltung.

Somit glauben wir, daß, wie die Entwicklung des Menschengeschlechts und des Menschengeistes überhaupt, so auch die Staatsideale, die gesellschaftlichen Erkenntnisse und Ziele der Menschen vorwärts, nicht rückwärts schreiten; von ursprünglich phantastischen, unwirklichen Umrissen an beginnend, ringen sie sich zu immer größerem Wirklichkeitssinn und zu immer deutlicherem Wirklichkeitsgehalte durch.

Ein leuchtendes Beispiel hierfür scheint uns ganz besonders derjenige Mann zu sein, der, zwischen Mittelalter und Neuzeit mitten inne stehend, mit einem ganz eigenartigen Werke gleichsam den Typus für die eigentlichen „Weltverbesserungspläne“ geschaffen hat. Dieser Mann ist Thomas More, der berühmte, gelehrte Lordkanzler Heinrichs VIII. von England; er hat 1478 bis 1535 gelebt und sein Werk „Ueber den besten Staat und die neue Insel Utopia“, erschienen im Jahre 1516, hat mit dem Namen zugleich auch die Litteraturgattung der „Utopien“, der „Nirgendheime“, für die Folgezeit eröffnet. Von dieser denkwürdigen Schrift das nächste Mal!