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Titel: Was man im Gebirge erlebt
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1875) b 576.jpg
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Regen-Metamorphose einer Wiener Künstlerin.
Nasses Stillleben im Hochgebirge.

[580] Was man im Gebirge erlebt. (Mit Abbildungen Seite 576 und 577.) „Durchgemacht und durchgelacht ist die Berglustbarkeit, liebe Freunde. Nun laßt sie uns zu Papier bringen!“ Diese schöne Rede hielt ein Mann von der Feder an zwei Männer vom Stifte in einem Tiroler Gebirgswirthshause im kühlen Grunde, zu welchem sie aus den höheren Regionen der Sennhütten herunter gekommen waren. Die Namen dieser durch treffliche Leistungen bekannten Künstler sind den Freunden der Gartenlaube längst nicht mehr fremd: L. Braun schreibt sich der Eine und H. Heubner der Andere, und Jeder von Beiden wiegte eine absonderliche Idee im filzbedeckten Haupte, während der Eine die Skizzenmappe auf’s Knie, der Andere auf den Tisch legte, Jeder nach seiner Art,

„denn die Gewohnheit nennt er seine Amme.“

Braun war von seiner Aufgabe entzückt: das verräth sein Bild der Sennhütte. Sie war wie tausend andere und enthielt das tausend Mal gesehene Personal. Aber mit frischer Naturwahrheit, ganz abweichend von den süßlichen Mimilivorstellungen, welche der Plattländer an die Sennhütten zu knüpfen pflegt, hat Braun auf seinem Bilde das kecke, fröhliche Gebirgsleben wiedergegeben. Seine Gestalten, sowohl der Sennerinnen mit den Wildheuerhosen, wie der Sennbuben, tragen das frische Roth der Wirklichkeit auf den Wangen.

Während wir uns noch an dem Bilde Braun’s erfreuten, vernahmen wir ein herrannahendes Durcheinander von Stimmen, und zur Thür herein grüßten mehrere Reisedämchen und Reiseherren. Ich freute mich der lustigen Schaar; es waren keine verzwickten Modekinder, sondern frische und sogar namhafte Bühnengenossen, darunter eine unserer beliebtesten Tragödinnen, so daß es mir wirklich leid thut, zum Ausputze dieser Zeilen nicht einige Namen nennen zu dürfen. Ich hab’s versprochen, sie nicht mit diesem Scherze in die Oeffentlichkeit zu bringen, denn der Himmel begnadete uns mit einem gar absonderlichen gemeinsamen Geschicke.

Wir hatten uns der Gesellschaft natürlich zum Hinabsteigen in’s Thal angeschlossen; das Wetter, das den Tag über uns leidlich günstig gewesen, hatte endlich die Geduld verloren und brach, als wir nur noch die letzte Viertelstunde Wegs bis zu unserer Herberge vor uns hatten, mit solchem Wasch- und Badeeifer über uns her, daß wir so pudelnaß, wie nur menschenmöglich, aber trotzalledem mit vollem Lachen – denn der Humor war selbst bei den Damen nicht mit den Kleidern verdorben worden – in’s Wirthshaus hineintrieften.

O, diese quatschende und patschende Gesellschaft! Die angeklebten Schleier und die Spritzbrünnchen der Stiefeletten bei jedem Auftreten! Das ganze Haus lief zusammen – aber die Hausfrau war weise und der Wirth klug und bei Beiden guter Rath nicht theuer. Männlein und Fräulein wurden in zwei Gemächer getrennt und beiden Theilen alle nur vorräthigen Kleidungsstücke des Haushalts zugetheilt. Die nasse Waare aber, alles Gewand vom Kopfe bis zu den Füßen, ward zu den beiden Thüren hinausgereicht, um zu einer gemeinsamen Draperie des großen Kachelofens in der Wirthsstube vereinigt zu werden.

Nach vorgenommener Umkleidung bildeten wir Mannsleute eine recht stattliche Gesellschaft von Bauern und Burschen, nahmen auch keinen Anstand, in unserm Costüme in die Gaststube zu wandern und einen Tisch mit unseren lebenden Bildern zu schmücken. Da – mitten in dieser gemüthlichen Unterhaltung, öffnet sich die Thür zum Gemache der Frauen, und herein tritt mit ehrfurchtgebietender Gravität, mit den Kleidern der Wirthsleute halb männlich, halb weiblich costümirt, die Hände feierlich erhoben, eine abenteuerliche Gestalt.

„Dich begrüß’ ich in Ehrfurcht,
Prangende Halle,
Säulengetragenes, herrliches Dach,“

tönte es aus ihrem redegewaltigen Munde, und betroffen und fast erschrocken starrte Alles auf die groteske Erscheinung. Als aber aus allen Ecken und Winkeln des engen Zimmers das Ach und O freudigen Erstaunens erscholl, winkte sie still mit der Hand und fuhr in gehobenem Tone fort:

„Schwer liegt der Himmel von Madrid auf mir,
Wie das Bewußtsein eines Mords. Nur schnelle
Veränderung des Himmels kann mich heilen – “

und mit unnachahmlicher Grazie wies sie zum Fenster hin, wo noch immer der Regen prasselnd anschlug. Im Zimmer war es still, als ob ein Engel durch dasselbe schreite. Da plötzlich erscholl von der Tafelrunde der tiefe Baß des Heldenspielers:

„Beim wunderbaren Gott, das Weib ist schön!
Welch’ edler Anstand, welch’ ein holdes Wesen,
Wie einfach jeder Zug und doch wie auserlesen!
Unschuld und Grazie gehen ihr zur Seite,
Und keine Tugend fehlt in dem Geleite.“

Die Hand auf die Joppe des Wirths legend, da, wo der Sage nach, das Herz pochen soll, verneigte sich die Schöne mit verschämten Blicken:

„O, stille, Prinz! von diesen kindischen
Geschichten, die noch jetzt mich schamroth machen!“

Es war ein herrlicher Anblick: unsere Tragödin – denn keine andere war es – in den Unterkleidern der Frau Wirthin und der kurzen Joppe des Vater Wirthes! Sie, die sonst nur gewohnt war, das griechische Gewand der Iphigenie in classischen Falten über die Schulter zu werfen, den Harnisch und den Helm der Johanna von Orleans im Lampenlichte leuchten zu lassen oder die stolze Schleppe der jungfräulichen Königin von England gravitätisch über die weltbedeutenden Bretter zu wälzen – sie, die sonst so schlanke Gestalt im groben Gewande der Frau Wirthin, das noch dazu zum erforderlichen Umfange künstlich ausgefüllt war!

Die komische Wirkung, welche diese Figur hervorrief, prägte sich auf allen Gesichtern aus, und allgemeine Heiterkeit ergriff die Gesellschaft – eine Scene, die wiederzugeben kein Stift ausreichen dürfte. Der Künstler hat deshalb auch nur zwei Momente der prächtigen Situation herausgegriffen, die Tragödin und das Stillleben am Ofen.