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Autor: A. Godin
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Titel: Das Geständniß einer Frau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, 34, S. 562–564, 576–580
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Das Geständniß einer Frau.


Es ist am 6. August 1871, dem ersten Jahrestage der Schlacht bei Spichern. Schon seit Sonnenaufgang sind Hunderte aus St. Johann und Saarbrücken dem Mockerthale zugewandert, welches der Volksmund längst zum „Ehrenthale“ umgetauft hat. Niemand weiß, wann und wie der schöne Name entstand, wer ihn zuerst gefunden, wiederholt und weiter getragen hat. Auf einmal war er da, von Tausenden zugleich genannt, anerkannt für alle Zeiten.

Seit dem gestrigen Abende sind liebende und ehrende Hände nicht müde geworden, die Grabstätten der gefallenen Helden mit frischem Blumenschmucke zu zieren. Die Mutter, Wittwe oder Waise, welche dem Orte, wo ihr ein geliebtes Herz verstaubt, auch noch so ferne lebt, darf sicher sein, daß der Hügel, nach dem sie sich heute doppelt schmerzlich sehnt, wenigstens nicht ungeschmückt bleiben wird. Dieselben Samariterinnen, welche in jener unvergeßlichen Zeit der einzigen auf deutscher Feldmark ausgefochtenen Schlacht des glorreichen Krieges Tag und Nacht die Verwundeten beherbergt und gepflegt haben, bringen sowohl Denen, die sie nicht genesen sehen durften, wie Jenen, deren Blut sofort den Boden gedüngt hatte, welchen sie vertheidigten, unermüdlich den freundlichen Zoll der Liebe. Die langen Reihen der Grabhügel, die noch vereinzelten Kreuze sind verschwenderisch mit Blumen und Laubwerk bedeckt.

Jetzt ist es später Abend. Die bis nach Sonnenuntergang mit immer neuen Menschengruppen angefüllte Gräberstätte ruht schweigend und einsam unter dem sommerlichen Nachthimmel, aus dem bereits einzelne Sterne steigen. Die Schritte der Traurigen wie der Müßigen sind verhallt; kein Laut ist mehr zu vernehmen, als das leise Rauschen, womit der Abendwind hin und wieder durch die Laubgänge streift – es klingt fast wie ein schwaches Echo des Chorals, welchen heute die Bergknappen hier angestimmt hatten: „Wie sie so sanft ruhn“ – Alles ringsum ist in das weiche Grau des Spätabends gehüllt, aus dem nur hin und wieder die goldene Inschrift eines der Kreuze, oder eine weiße Atlasschleife hervorblickt, die sich schwach am dunkeln Lorbeerkranze bewegt.

So lautlos die Landschaft, ist sie doch nicht völlig menschenverlassen. Auf der angrenzenden, nach Forbach führenden Fahrstraße hält ein Wagen, und zwischen den Gräbern des weiten Friedhofes weilen zwei vereinzelte Frauen. Die eine derselben sitzt mit ineinander gefalteten Händen ganz still auf einer rohgezimmerten Bank, welche das Bedürfniß längeren Verweilens hier hatte entstehen lassen; ihre Augen haften auf der zweiten, jugendlichen Gestalt, die in geringer Entfernung über die Böschung eines gleich einem grünen Acker lang hingestreckten, berasten Hügels niedergeworfen liegt, beide Arme um den Fuß eines einfachen Marmorkreuzes geschlungen, das aus einem Meere von Blüthen aufragt.

Minute auf Minute verrinnt. Der Himmel bedeckt sich weithin mit Sternen; die Luft wird kühler. Nun erhebt sich die Sitzende und nähert sich mit leisem, raschem Tritte der Knieenden, welche ihren gegen den Schaft des Kreuzes gestützten Kopf nicht wendet, als die Andere bereits dicht neben ihr steht. Als sie ihre Schulter berührt fühlt, zuckt sie heftig zusammen.

„Linda!“

Die Arme des jungen Mädchens lassen vom Kreuze ab; im nächsten Augenblicke steht sie, gleichsam mechanisch aufgerichtet, auf ihren Füßen und wendet ihrer Gefährtin ein Gesicht zu, das kalt, weiß und schimmernd ist, wie eine Schneeflocke.

„Du willst gehen?“ sagt sie ausdruckslos.

„Es ist spät; es wird kalt.“

Das scheint auch Linda momentan zu empfinden. Sie schauert, hüllt sich fest in ihr Mäntelchen und thut einige Schritte vorwärts. Vielleicht ist es der leise, kaum hörbare Seufzer der Erleichterung, welcher der Anderen entschlüpft, der sie aus ihrer Starrheit zur Besinnung weckt; sie macht sich plötzlich von dem Arme los, den Jene in den ihrigen geschoben, ist mit zwei Schritten zurück an der eben verlassenen Stätte, und beugt sich, eine Ranke Immergrün zu pflücken. Ihre kalten Lippen pressen sich fest, minutenlang auf die Initialen, welche dem Marmor eingegraben sind, ein kurzes, abgebrochenes Stöhnen durchschneidet einen Augenblick die Todtenstille, dann folgt sie der Vorausgeschrittenen zum Wagen. In der nächsten Minute rollen dessen Räder der Hügelkette entlang, deren Umrisse sich kaum gegen den Horizont abheben, über den Exercirplatz, durch die ruhige Stadt, über die neue Brücke hinweg nach der Vorstadt Sanct Johann. Dort hält der Wagen vor einem ansehnlichen Hôtel in der Nähe des Bahnhofes.

Es ist eine Stunde später. Mutter und Tochter haben sich mit Thee erwärmt, der keinen Schimmer von Farbe auf die Wangen des jungen Mädchens gebracht hat; selbst ihre Lippen sind blaß, und sie ruht schlaff und ohne jede Elasticität der Bewegung auf dem Sopha. So man aber auch die ganze Erscheinung, würde sie doch Niemand als welk bezeichnen. Der warme, unbesiegbare Hauch der Jugend liegt auf ihr und verleiht ihrer Blässe zarten Schmelz, gleich dem einer weißen Camellie.

Zart und noch jugendlich ist auch die Erscheinung der Mutter; wie aber die Züge Beider im Schnitte nicht die geringste Aehnlichkeit verrathen, so gilt dies noch weit mehr für die Seele, welche sich in diesen Zügen ausdrückt.

Frau Delbring blickt zuweilen in ein Buch, das aufgeschlagen vor ihr liegt, öfter über den Tisch hinweg auf Linda. Endlich bricht sie das Schweigen: „Willst Du nicht zur Ruhe gehen, liebes Kind?“

Das junge Mädchen fährt mit plötzlicher, unvermittelter [563] Heftigkeit aus dem scheinbaren Halbschlummer in die Höhe, preßt beide Hände leidenschaftlich vor das Gesicht und ruft in bitterem Tone: „Zur Ruhe – zur Ruhe, Mama? Wie käme mir Ruhe, wenn es nicht die wäre, die ich täglich erbettele, die nicht kommen will, die mich mit ihm vereint?“

Die Mutter kniet neben ihr nieder und legt leise den Arm um sie. „Linda! als ich Deinem Wunsche nachgab, hoffte ich Anderes. Kind, liebes Kind! nicht so darf man des Lebens Schmerzen tragen. Ich meinte, die Thränen an dem Grabe vergossen, nach dem Du Dich so heiß sehntest, würden Dir Augen und Herz erlösen, damit Du endlich wieder Himmel und Erde erkennst.“

„Der Himmel, Mama? Der ist so fern! Und die Erde? Was gäbe es dort noch für mich?“

„Vielleicht keine Freuden, jedenfalls Aufgaben,“ sagte die Mutter sanft. „Du hast Dein Glück, Deine Zukunftshoffnung verloren – das ist hart, mit dem Geliebtesten darf und soll aber nicht auch das eigene Leben begraben werden. Das ist weder Gottes Wille, noch des Menschen würdig. Deinem bittern Schmerze ward Zeit gegönnt, und daß er in Dir so feste Wurzeln geschlagen, ehrt Dich vor mir. Was aber Wurzel schlug, darf kein öder Dornstrauch sein und bleiben: es muß grünen, muß Blüthe und Frucht tragen, und das, Linda, fordere ich jetzt von Dir. Was Du so ganz besessen, bleibt Dir unverloren, wenn Du dem Leben, den Deinen giebst, was nicht Dir allein gehört.“

Ein schwaches Roth huschte über des Mädchens Wange. „Du bist strenge mit mir, Mama, vielleicht hast Du Recht, wenn Du forderst, daß ich – daß ich über mich hinaus denken und etwas leisten soll. In Einem aber kannst Du mich nicht beurtheilen, weil Du mich hierin nie verstehen kannst.“

„Und was wäre dies, Linda?“

„Eben noch sagst Du: ‚Was Du so ganz besessen, bleibt Dir unverloren.‘ Und was habe ich denn besessen? Ich war Braut, glückliche Braut – auf Stunden, auf Tage drängt sich alles arme Glück zusammen, das mir geworden, das mein Leben, mein ganzes, langes Leben mit so viel tausend Stunden und Tagen hätte ausfüllen sollen. Ich durfte nicht besitzen, was mein war. Was weißt Du hiervon, Mama? Du hast meinen Vater geliebt, ja, und hast ihn verloren, aber lange Jahre glückseliger Vereinigung sind Dir zuvor geworden. Du kannst wohl sprechen: ‚Was man ganz besessen, bleibt unverloren.‘ Hättest Du Deines Herzens Liebe, Deiner einzigen, nie zu verschmerzenden Liebe entsagen müssen, ohne solch’ vereintes Leben – dann, Mama, könntest Du mich verstehen.“

Frau Delbring antwortete nicht. Sie erhob sich schweigend, und ging mit gesenktem Haupte im Zimmer auf und nieder. Ein eigenthümliches Leuchten war in ihr mildes Auge getreten; ihre Lippen bewegten sich unhörbar. Nach einigen Minuten sagte sie in ruhigem Tone: „Ich will Dir etwas erzählen, Linda, was ich nie einem Menschen zu erzählen dachte – am wenigsten Dir.“

Sie zog einen Schemel neben das Sopha und setzte sich dem jungen Mädchen zu Häupten, etwas in den Schatten. Linda erhob einen Augenblick den Kopf, welchen sie nach ihrem leidenschaftlichen Ausbruche tief in das Kissen geborgen, und blickte ihre Mutter an; das feine, klare Gesicht sah etwas blasser aus, als gewöhnlich. „Erzähle, Mama!“ sagte sie.

„Zuvor eine Frage. Du warst kaum erwachsen, als wir Deinen lieben Vater verloren, aber nach Deiner ganzen Art einsichtig genug, um mir antworten zu können. Glaubst Du – glaubst Du, daß Dein Vater glücklich gewesen ist?“

Linda stützte den rasch erhobenen Kopf mit den Armen. Ihr Blick belebte sich: „Wie so?“

„Glücklich durch mich?“ Ein leises Roth, das die zartgeschnittenen Züge der Mutter sehr verschönte, überhauchte ihr Gesicht.

„Wer könnte hierüber in Zweifel sein, Mama? War ich nicht überdies zugegen, als Dir Papa in seiner letzten Stunde für all das Glück dankte, das Du ihm stets gegeben? Ich war noch jung, als er uns verließ, aber ich war kein Kind mehr. Und ist es nicht gerade die Erinnerung an Euer harmonisches Leben, die mich so heiß empfinden läßt, was ich – verlieren mußte?“ Ihr Kopf sank schwer auf die Polster zurück.

„So laß Dir erzählen! – Du weißt, daß sich Dein Vater seine beiden Frauen aus Baiern geholt hat, und ich beklagte oft, daß Zufälligkeiten mir stets den Wunsch vereitelt, Dich nochmals in meine Heimath zu führen, welche Du nur als Kind einmal mit mir besucht hast. Ja, mein Baiern ist reich an Schönheit – wohin Du auch wandern magst, überall tritt Dir neuer Reiz entgegen, gartengleiche Landschaften, wunderbar lockendes Gebirge, blaue, lachende Seen. Ich liebte von Kind auf die Natur mit einer Innigkeit, deren Wärme manchmal belächelt wurde, wenn Preis und Lob all des Schönen, das mein Herz entzückte, gar kein Ende nehmen wollte. Und weil ich es so liebte, im Freien zu genießen, und nichts mich sicherer von trüben Gedanken befreien konnte, als ein neuer Eindruck dieser Art, schlug meine Mutter, unmittelbar nach der Hochzeit meiner einzigen Schwester, einen Ausflug nach dem Salzkammergute vor.

Ich war damals sehr niederschlagen. Das Haus und die ganze Welt erschienen mir wie ausgestorben, nachdem Dein Vater unsere geliebte Aelteste entführt hatte. Du konntest kaum eine Erinnerung an Deine wirkliche Mutter behalten, Linda – sie ging so früh von Dir, so früh, daß Du mir ihren Namen gabst, ohne Dir des Wechsels bewußt zu werden, aber Du hast von ihr erfahren; Du kennst ihr Bild und kannst Dir eine Vorstellung davon machen, welche Leere sie zurückließ. Sie war die Schönste, Wärmste, Lachendste, der ich je auf Erden begegnete; wo sie gewesen war und verschwand, schien das Sonnenlicht nicht mehr so hell zu sein, wie zuvor. Ich hatte sie über Alles geliebt und vermißte sie nun über Alles. Das Haus, welches ihre heitere Gegenwart erfüllt hatte, machte mir bange; die Alles beseelende Stimme tönte uns nicht mehr; ich durchirrte die verlassenen Räume wie ein ruheloser Geist. Deshalb machte sich meine gute Mutter mit mir auf den Weg, sobald die gewohnte häusliche Ordnung wieder hergestellt war, ohne über Zeit und Ziel unserer Reise etwas festzustellen. Es wartete ja zu Hause Niemand unserer Heimkehr, und da ich gern nach der Natur zeichnete, lockte mich hier und dort ein schöner Punkt zum Verweilen. So ließen wir uns denn auch schon am zweiten Tage unserer Tour zu einem Abstecher nach dem Chiemsee anregen, fuhren nach Prien, und wanderten dem Seeufer zu, um uns auf die Inseln hinübersetzen zu lassen.

Es war in den letzten Tagen des Mai – in einem jener seltenen Jahre, wo dieser Monat wirklich zum Wonnemond geworden. Fast ohne Unterbrechung stieg Tag um Tag eine goldene Sonne am klar blauen Himmel auf, die kein sengendes Feuer, nur segenspendende Wärme niedersandte, und eine Fülle des Werdens, Schaffens und Blühens erzeugte, wie ich mich nie erinnere, sie ähnlich geschaut zu haben. Der Flieder namentlich hing allerwärts in so schweren Trauben und Dolden und strömte so alles durchdringende Düfte aus, daß ich seine Blüthezeit seither nicht mehr von der Erinnerung an jene Tage trennen kann. Es war noch in den frühen Morgenstunden, als wir unseren Spaziergang durch frisches Grün, jung belaubte Bäume und blumengestickte Wiesen unternahmen – verzeih’, wenn ich von alledem ausführlicher spreche, als Dir wohl nöthig erscheint! Du wirst aber bald verstehen, welche Bedeutung dieser Tag für mein Leben gewann, und die heitere, freie Stimmung, in welche mich jener kurze Weg versetzte, war gleichsam die Saat alles dessen, was später aufgehen sollte.

Nachdem wir einen Schiffer gefunden, der uns zur Herreninsel bringen konnte, stießen wir fröhlich vom Ufer. Auf dem lichtgrünen See dahin zu schwimmen, die sonnenbeglänzte, von frischem Schnee leuchtende Kompenwand, das lachende Ufer mit seinen freundlichen Häusern vor dem Auge, einen vollen Tag auf den grünen Inseln in Aussicht – das erschien mir wie ein Fest. Schlief auch meine Sehnsucht nicht ein, war doch alle Traurigkeit gewichen.

Unser Schiffer hatte erst wenige Ruderschläge gethan, als wir durch einen Zuruf vom Ufer her veranlaßt wurden, dorthin zurückzublicken und einen jungen Mann eiligen Schrittes näher kommen sahen. In seiner erhobenen Hand flatterte ein Taschentuch; daß er sich mit uns in Beziehung zu setzen versuchte, war unverkennbar. Im ersten Augenblick glaubten wir einen Bekannten vermuthen zu dürfen, als er aber den Uferrand erreicht hatte, sahen wir, daß wir uns hierin getäuscht. Diese schlanke Gestalt, die den Kopf mit besonders freier Haltung trug, war uns [564] völlig fremd. Ohne anzufragen, hatte unser Schiffer den Kahn ruhen lassen, und die Worte des Fremden drangen sonor durch die stille Morgenluft: ‚Gestatten mir die Damen Mitbenutzung des Bootes? Es ist kein zweites zu haben.‘

Wir wußten das, und da meine Mutter sofort ein bejahendes Zeichen gab, brachte der Schiffer mit ein paar Ruderstößen den Kahn an das Land. Im Momente, als der junge Mann im Begriffe war, hineinzuspringen, gab ein plötzlicher leichter Windstoß dem Boote unerwartet einen Ruck, der es wohl eine Elle weit in den See zurückgleiten ließ. Unwillkürlich entfuhr mir ein leiser Schreckenslaut, der jedoch ungerechtfertigt war, denn der Fremde schwang sich mit gewandter Geistesgegenwart so glücklich vorwärts, daß er im Nachen auf seine Füße zu stehen kam, wenn auch er selbst und das leichte Schiff dabei in’s Schwanken geriethen. Er grüßte artig, fuhr sich, ehe er den Hut wieder auf das dunkle Haar drückte, mit einer ihm eigenthümlichen Bewegung flüchtig über die Stirn und sagte, während er Platz nahm, lächelnd zum Schiffer:

‚Bei einem Haar läge ich jetzt im See.‘

Der Schiffer schmunzelte behaglich. ‚Das hätte uns auch nichts geschadet,‘ sagte er.

‚So? Wenn Sie hineingefallen wären, dann hätte mir das freilich auch nicht geschadet.‘

Die Munterkeit, womit diese raschen Worte getauscht wurden, theilte sich uns blitzartig mit. Wir mußten lachen, und wenn auch die Ueberfahrt ohne eigentliches Gespräch zwischen der kleinen Zufallsgesellschaft von Statten ging, war doch von der ersten Secunde eine stumme Beziehung hergestellt, die sich in den Mienen verrieth, welche, hier wie dort, das Geplauder zwischen Mutter und Tochter, wie zwischen dem Reisegefährten und dem landeskundigen, mit frischem Mutterwitze begabten Schiffer bald mit einem Lächeln, bald mit einem Blicke begleitete. Wie freudig, wie vogelleicht fühlte ich mich schon auf dieser Fahrt!

Wir landeten. Jeder ging seine eigenen stillen Wege. Der unserige wendete sich nach dem Hochwalde, der uns mit seinem jungen Frühlingsschmucke und würzigen Dufte weit länger gefesselt haben würde, hätten wir nicht über unsere sehr karg zugemessene Zeit bereits andere nicht mehr rückgängig zu machende Verfügungen getroffen. Während wir zuletzt dem stattlichen Benedictinerkloster entlang durch die Gartenanlagen wanderten, lockte mich ein umlaubter Sitz, der den Blick auf See und Gebirge frei läßt; ich ließ meine Mutter nach dem Baumrondell vor dem Wirthshause vorausgehen und versank in eine jener Träumereien, die ich mir immer nur verstohlener Weise gönnte, da sie mir als ‚Verzückung‘ schon so manches spöttelnde Wort zugezogen.

Als ich mich losriß und langsam vorwärts schlenderte, sah ich schon von Weitem unsern Gefährten im Gespräche mit meiner Mutter und erfuhr, nachdem ich mich Beiden zugesellt, daß er Erlaubniß erbeten und erhalten, sich auch unserer Fahrt nach Frauenwörth anzuschließen. Natürlich blieb er von nun an in unserer Gesellschaft. Ich sah auf dem Tische, vor welchem meine Mutter stand, neben dem Plaid des Fremden ein Skizzenbuch aufgeschlagen, und spähte hinein. Als er meine verstohlenen Blicke bemerkte, reichte er es mir gefällig herüber. Das offene Blatt zeigte eine flüchtige, mit großer Wahrheit ausgeführte Skizze von Frauenwörth, das so ruhig schlummernd inmitten des Wassers vor uns lag, wie ein Kind in der Wiege. Still und weltverloren grüßte mich das kleine grüne Eiland mit seinem altersgrauen Kloster, rings von der Sonne umglänzt – stiller und weltverlorener noch das mit großer Einfachheit und Innigkeit wiedergegebene Abbild, von dem ich den Blick nicht losreißen mochte, denn hier fand ich, was mir selbst nie gelungen war zu erreichen. Es schien mir unmöglich, mich darüber zu äußern; ich sah nur meine Mutter an, die über meine Schulter in das Buch blickte. Unsere Augen begegneten sich und sprachen: ‚Ein Künstler!‘ – Dann schifften wir Alle hinüber zu derselben Fraueninsel und saßen dort unter den alten Linden –“

Die Erzählerin brach ab. Ihre grauen Augen blickten mit sanftem Leuchten wie in weite Ferne. Schon lange schien sie mehr an lang versäumten Erinnerungen fortzuspinnen, als des Ohres zu gedenken, das sie aufgefordert hatte, ihr zuzuhören. Deshalb wandte sie wohl auch so befangen den Kopf und erröthete leicht, als Linda das kurze Schweigen unterbrach. „Und dann, Mama?“

Frau Therese strich sich über die Stirn. „Du hast oft gehört, daß Deine Großmutter eine vielseitig gebildete Frau war, Linda. Während wir im Freien tafelten, einzige Gäste der köstlichen Einsamkeit, unterhielt sie sich lebhaft mit unserem Genossen. Beide sprachen viel über die Schätze der Münchner Kunstsammlungen, und der junge Mann, der sich uns inzwischen unter dem Namen ‚Rainer‘ vorgestellt hatte, erwies sich darin so heimisch, daß sich unsere Ueberzeugung befestigte, in ihm selbst einen Künstler zu sehen.

Nach Tische überfiel meine Mutter plötzliche Müdigkeit; sie lehnte ihren Kopf an den Stamm, der uns beschattete, und überließ es uns jungen Leuten, weiter zu plaudern. Ich weiß nicht, wie lange sie ihre Augen geschlossen hielt, auch nicht, ob sie wirklich schlief, oder nur ruhte, ich weiß nur, daß diese Stunde unter den schwankenden Linden, im Glanze des Sees und der Alpen, mit den einzelnen leisen Vogeltönen zu Häupten, von mir nie vergessen worden ist. Wir sprachen von Allem, was es zwischen Himmel und Erde giebt; wenigstens schien es mir so. Wenn ich mich später auf diese Stunde besann, mußte ich staunen, denn ich war ziemlich schüchtern, Fremden gegenüber beinahe scheu, und doch wußte dieser kaum Gekannte mein Innerstes aus mir hervorzulocken, ohne daß mir nur in den Sinn kam, es vor ihm zurückzuhalten. Wir erfuhren von einander, wie wir über alles dachten, was das Leben lebenswerth macht. Er ließ mich auch von meiner Heimath, vom Verluste des Vaters durch den Tod, von dem der Schwester durch das Leben erzählen, und ich erzählte ihm willig. Er selbst sprach nichts über seine äußeren Verhältnisse.“

[576] „Abends, während die Sonne unterging,“ fuhr Frau Therese in ihrer Erzählung fort, „ruderten“ wir zurück und wanderten zusammen durch die hellen Wiesen, an denen ich Morgens so leichtherzig vorübergekommen war, nach Prien. Ich mochte nicht sprechen und pflückte hier und da eine Feldblume. So war ich den andern Beiden um einige Schritte nachgeblieben, als ich sah, daß sich Rainer an einer Stelle, wo sich ein Weg nach links abzweigte, von meiner Mutter verabschiedete. Sie blickte nach mir zurück, winkte und setzte ihren Weg langsam fort.

Ohne es selbst zu wissen, war ich stehen geblieben, und schon stand Rainer neben mir.

‚Leben Sie wohl, Fräulein!‘ sagte er zögernd. ‚Mein Weg führt hier ab; der Freund, mit dem ich nach Tyrol reise, erwartet mich in Seebruck.‘

Ich antwortete nichts, und sah auf die verdämmernden Berge; sie erloschen allmählich im Abendschatten.

‚Leben Sie wohl!‘ sagte ich wie ein Echo und ging vorwärts, nachdem ich mich gegen Rainer verbeugt hatte. Er war noch neben mir.

‚Wollen Sie mir eine dieser Blumen schenken, Fräulein?‘ sagte er plötzlich.

Ich gab ihm eine der verspäteten Genzianen, deren tiefes feuriges Blau ich heute zum ersten Mal geschaut hatte.

‚Die blaue Blume!‘ sagte er langsam. ‚Wenn Wünsche sich erfüllen, Fräulein, dann sehe ich Sie wieder.‘“

Frau Therese schwieg.

„Und hat er Dich wieder gesehen?“ fragte Linda mit lebhaft forschendem Blicke.

[577] Die Mutter antwortete nicht gleich. Endlich sagte sie leise: „Ja.“

Sie erhob sich und ging mit unhörbarem Schritte auf und nieder. Linda ließ ihre Füße niedergleiten, gesellte sich zu ihr und wanderte mit ihr durch das Zimmer, indem sie den Arm leicht um ihre Schulter schlang.

„Wie schwül es ist!“ sagte Frau Therese.

Mit einer Elasticität der Bewegung, welche den feinen Gliedern lange gefehlt hatte, rückte das junge Mädchen zwei Sessel in die Nische eines Fensters, dessen Flügel sie weit öffnete. Belebende Kühle strömte herein. Sie zog die Mutter mit sich dorthin, nahm, als Beide einander gegenüber saßen, deren Hände in die ihrigen und küßte erst die eine, dann die andere. Darauf bat sie: „Erzähle!“

Frau Therese nickte; sie beschattete einen Moment ihre Augen mit der Hand; dann fuhr sie gelassen fort. „Es folgten inhaltsschwere Jahre. Deine Geburt, Linda, war eine letzte, hohe Freude vor langer Trauerzeit. Wie im Triumph bist Du auf der Welt empfangen und zur Taufe getragen worden; fast unmittelbar nachher begann Deine Mutter zu klagen. Niemand von uns Allen, sie selbst am wenigsten, ahnte den Ernst eines Leidens, das verhängnißvoll werden sollte. Sie erholte sich wieder, brachte eine Zeit voll Heiterkeit und Freude bei uns zu und kehrte, scheinbar genesen, in ihr Haus zurück. Ein Jahr später wurde Dein Bruder geboren; nun ging es rasch mit ihr abwärts. Inzwischen waren meine Mutter und ich an den Rhein übergesiedelt, um ihr nahe zu bleiben. Wir sahen dieses leuchtende, wärmende Leben erlöschen, wie eine Sonne – es wurde Nacht für uns Alle.

Dein Vater bat, daß wir bei ihm bleiben möchten; dies war in der That nothwendig, sollte er sich nicht von den Kindern trennen. Das Notariat, welches ihm reichliches Einkommen sicherte, und ein eigenes Haus, das er sich erbaut hatte, fesselten ihn an die kleine Landstadt. Er rechnete uns als Opfer an, daß wir fortan sein Stillleben theilen wollten; es war keines. Meiner Mutter war durch den Verlust ihres geliebtesten Kindes fast das Herz gebrochen; sie begehrte von der Außenwelt nichts mehr, und ich – nun, was mich vor ein paar Jahren eine Uebersiedelung noch hätte fürchten lassen, konnte nicht mehr in Betracht kommen. Laß Dir gestehen, Linda, was ich mir damals kaum selbst gestand! Ich hatte gewartet – lange – lange gewartet, den Ton noch einmal zu hören, der verstummt blieb. Ich hörte auf, zu warten, so oft aber eine fremde Gestalt [578] mir näher zu treten versuchte, schob sich der dunkle Kopf mit jener edlen Bewegung, die ihm eigen war, dazwischen, und trennte mich von allem Neuen. Nun, Jahre waren hingegangen; auch das trat zurück. Unser jetziger Entschluß war ganz nach meinem Herzen; was mir der Aufenthalt in einer großen Stadt geboten hatte, ward durch die Freude, womit ich Dich und den Kleinen pflegte, durch meinen Hang zum Naturgenuß mehr als aufgewogen.

So lebten wir ein paar Jahre friedlich hin, ohne daß sich die Entbehrung des theuern Geistes, welcher das Haus, in dem er gewaltet, so früh verlassen, in uns abgeschwächt hätte. Dann ward abermals eine Stelle leer: meine theure Mutter starb nach kurzem Krankenlager. Einige Monate nach ihrem Verluste sprach Dein Vater mit mir über unsere gemeinschaftliche Zukunft. Ich weiß nicht, waren ihm Bemerkungen zu Ohren gekommen, oder hatte ihn eigene Weltkenntniß bestimmt – kurz, er sagte mir offen, wir seien Beide noch zu jung, um auf die Dauer neben einander fortzuleben, ohne das Gerede der Welt herauszufordern. Nachdem er geäußert, daß er sich nie von seinen Kindern trennen würde, und mich vor dem Gedanken solcher Trennung nicht weniger erschrecken sah, frug er mich in Ruhe und Freundschaft, ob ich mich entschließen könnte, die Stelle Eurer Mutter und seiner Hausfrau in Wahrheit auszufüllen, und ich willigte ein.

Ich war damals kaum vierundzwanzig Jahre alt, doch schien es mir, als läge bereits ein langes, langes Leben hinter mir, und vor mir sah ich nichts, wonach ich lebhaft begehrte, als nur das Eine, bei Euch bleiben zu dürfen. Ich wußte, daß Nichts und Niemand auf Erden Deinem Vater ersetzen konnte, was ihm Fanny gewesen, ich wußte aber auch, daß er mir stets herzlich zugethan war, und vergalt dies mit gleicher treuer Freundschaft. Wir verbanden uns stille, und – Du hast vorhin das rechte Wort gefunden, Linda – ein harmonisches Leben knüpfte unser Aller Existenzen täglich fester aneinander.

So vergingen etwa drei Jahre. Der Ruf Deines Vaters als tüchtiger und redlicher Charakter führte ihm mehr und mehr Clienten zu; er vermochte zuletzt die ihn bedrängenden Geschäfte nicht mehr zu bewältigen und that Schritte, sich einen fähigen Concipienten zu gewinnen. Um dies zum Abschluß zu bringen, reiste er nach der Kreishauptstadt und schrieb mir bald von dort, daß er gefunden, was er wünschte, und mit dem jungen Manne, den er sich engagirt habe, nächster Tage zu Hause eintreffen würde.

Als Beide anlangten, stand Rainer vor mir. Seine Ueberraschung war nicht geringer als die meinige; obgleich ich damals der Verheirathung meiner Schwester gegen ihn erwähnt hatte, war der Name ihres Mannes nicht genannt worden. Die Erinnerung an meine liebe Mutter ergriff mich bei diesem unerwarteten Auferstehen vergangener Stunden mit Gewalt und füllte mir Herz und Augen. Mein Mann, im ersten Moment erstaunt, orientirte sich bald. Er begriff meine Stimmung, die für Alles, was mit der Verlorenen zusammenhing, immer reizbar blieb, und lenkte mit dem glücklichen Humor, welcher ihm zu Gebote stand, zum Scherz hinüber, indem er Rainer mit dessen Eroberung seiner Schwiegermutter neckte, die noch nach Jahren gern des ‚Künstlers‘ gedacht hätte, der sich jetzt, im umgekehrten Processe der Raupe und des Schmetterlings, als Actenwurm entpuppte. Daß Deinem Vater selbst aus einem gleichlautenden Namen kein Zusammenhang mit einer wohl gehörten, aber unbeachteten, längst vergessenen Episode meines Lebens aufgegangen war, begriff sich leicht.

Die Jahre, welche seit jenem Maitage verflossen waren, hatten Rainer wenig verändert, nur gesellte die Erscheinung des Mannes Kraft und Ruhe zur Anmuth des Jünglings. Er flößte auf den ersten Blick Vertrauen ein und wurde bald vom ganzen Hause fast wie ein Familienmitglied betrachtet. Vielleicht erinnerst Du Dich seiner noch? Er war Euch Kindern ein stets bereiter Spielgefährte. Dem Hausvater galt er schon bald als tüchtiger Geschäftsbeistand; mir selbst war er ein stilles Spiegelbild einer frühen Jugend, die ich mich längst gewöhnt hatte, in unendlichen Weiten zurückliegend zu denken. Das Hausleben fügte sich harmonischer als je. Rainer wohnte nicht bei uns, schien aber dem leisen Zuge gern zu folgen, womit ihn Dein Vater auch außer den Geschäftsstunden an sich zu fesseln suchte. Auf meines Mannes Anregung nahm ich nun auch meine lange in Ruhe gebliebene Zeichenmappe wieder hervor, und gab mich auf den Ausflügen, welche wir gern in Familie unternahmen, in Rainer’s Schule. Nie war ich zufriedener, herzensruhiger als in jener Zeit. Das Leben füllte sich mit leichten freudigen Pflichten, jeder einzelne Tag war gleichsam durchdrungen von Frische und Wärme. Warum das anders werden mußte, ist Gottes Geheimniß, wie alle Schmerzen es sind.

Noch weiß ich’s, wie heute. – Dein Vater, den ein Geschäft über Land führte, hatte mir vorgeschlagen, ihn auf dem Gange zu begleiten. Es war auch im Mai. Ich mußte noch eine häusliche Arbeit beenden und ging dann mit Hut und Schirm in das Bureau, ihn abzurufen. Er begab sich in das Nebenzimmer, um sich gleichfalls zum Ausgang zu rüsten. Rainer trat indessen von seinem Pulte zu mir heran und sprach irgend etwas Gleichgültiges. Ich sah auf, ihm zu antworten, aber keine Silbe kam über meine Lippen. Seine Augen ruhten auf mir mit einem stillen Blicke, der mich bis in das Innerste traf. Mit demselben Blicke hatte er einst gesagt: ‚wenn Wünsche in Erfüllung gehen, sehe ich Sie wieder.‘ – Was ich durch Zeit und Erlebnisse längst und für immer überwunden meinte, ward mit plötzlicher Gewalt lebendig, war wieder da. – Er war da, Rainer, und füllte mir die Welt aus.

Von diesem Augenblicke an vermieden wir einander, fast zu ängstlich, zu absichtlich. Dem man aus dem Wege geht, das hört darum nicht auf zu sein. Ich klammerte mich an Lebende und Todte, um Hülfe zu finden, und fand sie auch. Er aber stand allein.

Erinnerst Du Dich noch unseres Hauses in Burg, Linda? Es ruhte in heiterer Einsamkeit mitten in der schönen Landschaft, mit Ausblick auf Strom und Hügel – wie lachend war der Garten, wie still das grünumhegte Eckplätzchen, wo wir an warmen Abenden draußen zu speisen pflegten! Schon kam der Hochsommer heran. Eines Nachmittags sagte mir Dein Vater, Rainer würde zum Abendtische kommen, was lange nicht geschehen war, denn er hatte in jüngster Zeit jeder Aufforderung auszuweichen gewußt.

Ihr Kinder waret schlafen gegangen. Die ersten Sterne kamen heraus. Wir Drei saßen nach Tisch im Garten bei angeregtem Gespräch. Ein Gefühl von Ruhe, wie ich es lange nicht mehr genossen, zog in mir ein. Alles, was mich während der letzten Monate wider Willen so schmerzlich beglückt, so schwer bedrängt hatte, wich zurück wie ein banger Traum. Friedlich empfand ich zwischen uns Allen nur schöne Gemeinsamkeit. Die lange, heimliche Qual erschien als selbstquälerischer Wahn.

Das Gespräch der Männer wendete sich auf die öffentlichen Angelegenheiten, und wieder trat die Uebereinstimmung zu Tage, welche Beide in allen wesentlichen Lebensfragen zum gleichen Ziele führte, wenn auch zuweilen auf verschiedenem Wege. Ein Zeitungsartikel, über welchen sie ihre Ansichten austauschten, veranlaßte Rückblicke auf das letzte, vielbewegte Jahrzehnt. Da sagte Rainer, der nachdenklich geworden, mit leichtem Wechsel der Farbe: ‚Sie wissen schwerlich, Herr Delbring, daß Sie mit einem politisch Compromittirten verkehren. Die Jahre, von welchen wir soeben sprachen sind mir ziemlich verhängnißvoll geworden.‘

‚Inwiefern?‘ fragte Dein Vater aufmerksam.

‚Ich bin ein Pfälzer,‘ sagte Rainer. ‚Nach abgelegtem Staatsexamen gönnte ich mir ein paar Monate zu reisen, ehe ich mein Berufsleben in der Heimath antrat. Die Nachricht der Ereignisse von 1848 trafen mich in Italien. Sie wissen, wie es im darauf folgenden Jahre in der Pfalz, in Baden aussah. Ich erkläre Ihnen wohl ein anderes Mal, wie es zuging, daß ich nach meiner Heimkehr von der Bewegung, deren unseliger Ausgang ihr schon an die Stirn geschrieben war, mitgerissen und fortgewirbelt wurde. Für mich persönlich war das Ende der Dinge mehrjährige Haft, und vom Staatsdienste habe ich zunächst keine Förderung zu erwarten. Dies der Grund, weshalb Sie mich gegenwärtig als Ihren Concipienten beschäftigen, vorausgesetzt,‘ er lächelte ernst, ‚daß mich diese Mittheilung nicht auch bei Ihnen compromittirt. Es fand sich bisher kein einfacher Anlaß, sie überhaupt zu äußern.‘

Dein Vater drückte ihm freundschaftlich die Hand. ‚Tempi passati,‘ sagte er, ‚wenn sich damals der Patriotismus vergriff, [579] so war dies für junge, feurige Köpfe mehr als verzeihlich. Denk’ ich heute noch jener Tage – –‘ Er beendete den Satz nicht (wie blieb mir doch jedes Wort, jede Miene dieses Abends in’s Gedächtniß gegraben!), da unser Hausmädchen eben herantrat und ihm meldete, daß ihn Jemand zu sprechen wünschte.

‚So spät?‘ sagte er verwundert, erhob sich und ging in das Haus.

Was ich eben vernommen, hatte einen Wirbel von Gedanken in mir aufgeregt; ich wagte nicht, das unterbrochene Thema fortzusetzen, dem ich ohnehin eine stumme Zuhörerin geblieben war, und fand ebenso wenig den Uebergang zu etwas Allgemeinem. So schwieg ich und sah in das durchsichtige Halbdunkel hinaus, das sich über den Garten breitete. Allmählich fing aber die Pause an mir bedrückend zu werden, und ich wandte mich mit einer Bemerkung über die Stille solcher Sommernacht Rainer zu. Sein Gesicht erschien mir in dem dämmerigen Sternenlichte so ungemein blaß, daß mir plötzlich sehr bange wurde.

Er antwortete mir nicht, sah mich aber unverwandt an. Mit einem Male bog er sich über den Tisch hinweg zu mir herüber und sagte erregt: ‚Sie wissen nun, weshalb ich Sie nicht früher wiedersah.‘

Ich bewegte die Lippen doch fühlte ich mich nicht Herr meiner Stimme und blieb stumm.

‚Dachten Sie überhaupt je daran, daß wir uns wiedersehen sollten?‘ fragte er und sein meist so stilles Auge wurde dunkel. Ohne meine Antwort zu erwarten, fuhr er in kurzen, abgebrochenen Sätzen fort: ‚Sie wissen es jetzt. Als ich damals von Ihnen ging, hoffte ich auf eine Zukunft. Es kam anders. Sobald mir Freiheit wurde, suchte ich Sie auf. Sie lebten nicht mehr in München. Ich forschte weiter, da ich aber keinen weiteren Anhalt hatte, als Ihren Namen, glückte es mir nicht, Sie zu finden. Auch wäre ja schon Alles zu spät gewesen, viel zu spät. Nun habe ich Sie wiedergesehen. Ich muß es tragen – wir – wir müssen es tragen.‘

Er brach gewaltsam ab und fuhr zusammen. Es lohte heiß über sein Gesicht. Der kräftige Schritt Deines Vaters kam über den Kies zu uns herüber. Er sah stark erregt aus; über seinen Augen lagen tiefe Falten. ‚Das war eine merkwürdige Mittheilung, wozu ich eben hineingerufen wurde,‘ sagte er und ließ sich schwer in den Sessel fallen. ‚Sollten Sie es für möglich halten, Rainer – der Rentamtmann von A. ist eines namhaften Cassendefectes überwiesen und bereits in Haft. – Wer hätte dem Manne Solches zugetraut! Er galt überall als Ehrenmann. Was ihn wohl soweit gebracht hat? Häusliche Sorgen? Schulden? Er hat eine starke Familie, das ist wahr – aber doch – weiß Gott!‘ Er schüttelte den Kopf und berührte Rainer’s Arm, indem er ihm sein ehrliches, von der Kunde durchschüttertes Gesicht voll zuwendete. ‚Alles, Rainer, Alles!‘ sagte er mit aufleuchtendem Blicke voll Nachdruck – ‚Alles – nur kein Schurke sein!‘

Rainer zuckte zusammen, als hätte ihn plötzlich eine Flamme versengt, und stand mit unwillkürlicher Bewegung auf. Seine Hand schloß sich fest um die Lehne des Sessels; er sah mich über die Schulter meines Mannes hinweg einen Augenblick an. Es war ein Blick voll unaussprechlicher Qual. Dann wandte er sich ab, fuhr sich flüchtig mit der Hand über die Stirn und nahm den eben verlassenen Sitz wieder ein. Seine Stimme klang gelassen, wie immer, als er Deinem Vater auf die Details antwortete, welche derselbe von der erhaltenen Mittheilung gab.

Delbring sah zufällig nach mir hinüber. ‚Friert Dich, Therese?‘ sagte er; ‚Du bist ganz blaß.‘

‚Es wird kühl; ich will hineingehen – gute Nacht!‘ sagte ich stammelnd, und ging in das Haus. Welche Nacht! – Als sie aber hinter mir lag, fühlte ich mich getroster. Der Entschluß, Deinem Vater offen zu sagen, wie mir zu Muthe war, mußte uns Allen helfen – freilich um den Preis seiner eigenen, heiligen Ruhe. Dies blieb uns erspart. Als er aus dem Bureau zum Mittagstische kam, sah ich auf den ersten Blick, daß ihn etwas verstimmte, doch pflegten wir in Gegenwart der Kinder, der ab- und zugehenden Dienstleute niemals Persönliches zu berühren. Sobald wir allein waren, kam es zum Vorscheine.

‚Freilich bin ich verstimmt,‘ sagte er auf meine erste Hindeutung, ‚und habe wohl Ursache dazu. Rainer will fort. Was sagst Du dazu? Und es ist keine Rede davon, ihn halten zu können. Schon lange war ihm anzumerken, daß ihm etwas im Kopfe spukt – er ist ja seit Monaten ein völliger Eremit geworden. So oft ich fragte, hieß es: ‚Familienangelegenheiten‘ – nun, ich dränge mich nicht in die meiner Freunde. Jetzt ist es aber heraus. Seine verwittwete Schwester scheint mit ihren Haus- und Kindersorgen nicht zurechtkommen zu können; irgend ein Proceß ist dort im Gange, kurz, sie meint ihn durchaus in ihrer Nähe zu brauchen, und er will sich brauchen lassen. Als ob ich ihn nicht auch brauchte! Der wird mir nie ersetzt – uns Allen nicht; seines Gleichen wächst nicht viel.‘

Nun durfte ich schweigen. – Wir begegneten uns in den nächsten Tagen nur vorübergehend; Rainer arbeitete unablässig, um seinem Nachfolger, der bereits verschrieben war und den er abzuwarten versprochen, keinerlei Rückstände zu hinterlassen. Bald traf der Andere ein –“

Beide Hände im Schooße gefaltet, versank Frau Therese in Schweigen.

„Und dann – kam das Scheiden?“ fragte Linda halb flüsternd.

Die Mutter lächelte eigenthümlich. „Ehe Rainer abreiste, frühstückte er auf Deines Vaters Wunsch mit uns in dessen Zimmer. Wir konnten Alle nicht recht zu Worte kommen. Da sprangst Du herein, Linda, schautest uns der Reihe nach an und sagtest zu mir: ‚Ei, warum seid Ihr denn so traurig, daß der Onkel Rainer fortgeht? Es ist ja schon ein neuer im Bureau.‘

Dein Vater lachte; Rainer nickte mit leisem, bitterem Lächeln vor sich hin, sah nach seiner Uhr und stand auf. ‚Ist es wirklich schon Zeit für die Post?‘ fragte Delbring. ‚Ich begleite Sie – erlauben Sie mir nur noch ein Wort an den Schreiber.‘

Rainer stand mir gegenüber, schon den Hut in den Hand. Er sah durchscheinend blaß, aber ganz ruhig aus. ‚Haben Sie Dank für alle Freundlichkeit, gnädige Frau!‘ sagte er halblaut, ‚und – vergessen Sie, was ich gefehlt habe!‘ Ich war außer Stande, zu antworten. Unsere Hände lagen einen Augenblick in einander; unsere Augen sagten sich Lebewohl, über die Lippen kam das Wort nicht. Dein Vater meldete sich bereit, und beide Männer gingen von dannen.

Kurze Zeit darauf dröhnte der schwere Postwagen an unserm Hause vorüber. Als mein Mann heimkam, trat er für einen Moment bei mir ein. ‚Ich soll Dir noch Grüße bestellen, Therese. Warum hast Du Dich aber von unserm Rainer so kalt verabschiedet? Du hättest ihm wohl zum Abschiede einen Kuß spendiren können!‘

Sein treuherziges Auge blickte mich voll Freundlichkeit an; da fiel ich ihm um den Hals und mußte weinen.“ –

„Und Rainer?“ fragte Linda nach einer Pause; „was ist aus ihm geworden?“

„Er schrieb ein paar Mal an Papa, dann schlief der Briefwechsel ein, wie alle Privatcorrespondenzen meines Mannes, die ich ihm nicht im Laufe der Zeit abnahm. Doch erfuhren wir später Manches aber unsern Freund – oft und öfter; nicht durch ihn selbst, wohl aber durch die Stimme der Oeffentlichkeit. Ich nannte Dir nur seine Vornamen; der andere Name, den er trägt, gehört zu jenen, die unser Vaterland heute mit Stolz zu den seinen zählt. – Sein Leben hat sich reich erfüllt.“

Mutter und Tochter verstummten. Kaum ein Athemzug regte sich in dem schwacherhellten, lautlosen Zimmer. Da schlug es vom Thurme elf Uhr.

„Komm nun zur Ruhe, mein Kind!“ sagte Frau Therese, indem sie sich gelassen erhob und liebkosend aber Linda’s Haare strich.

Das junge Mädchen glitt auf die Kniee nieder und drückte ihr Gesicht in der Mutter Gewand. „Ich habe Dich verstanden,“ sagte sie mit schüchterner Innigkeit. „Du gabst mir viel – habe Dank! – Es war wohl anders, aber auch Dir war es die eine, einzige Liebe.“ Sie preßte ihre Lippen auf Frau Theresens Hand. „Ich kenne Dich, Mama; ich sehe Dich Tag um Tag, Jahr um Jahr für Andere leben, um Andere sorgen; Freud’ und Leid der Deinen ist allezeit Deine Freude und Dein Leid; Du tröstest die Armen und hilfst ihnen. Du hast meinen Vater allezeit glücklich gemacht, und wir sind ganz Deine Kinder – Deine Liebe hast aber auch Du nicht besitzen dürfen. Verzeih’ [580] mein vermessenes Wort von vorhin – Du kannst mehr noch begreifen, als mein bitteres Weh. Aufgeben müssen, ist vielleicht noch härter, als verlieren. Ich will dem Leben sein Recht geben wie Du es gethan hast. Gott helfe mir! Amen!“

„Amen!“ sagte die Mutter aus tiefster Seele und schloß die zarte Gestalt fest in ihre Arme. „Gehörst Du von nun an uns und der Menschheit wieder, dann wirst Du auch erfahren, daß aus Dornen oft die Rose keimt.“

A. Godin.