Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere/5

Textdaten
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Autor: Carl Vogt
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Titel: Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere Nr. 5
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15–16, S. 230–232; 246–248
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[230]
Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere.[1]
Von Carl Vogt in Genf.
Nr. 5.
Das Insect und seine Beschaffenheit – Seine Entwickelung – Die Larven und Puppen – Die Verwandelung – Die Insecteneier: wie und wohin sie gelegt werden.

Meine Herren!

Ein ungeheueres, meist geflügeltes Heer, dessen wechselnde Lebenszustände gewissermaßen beständig mit dem Herrn der Schöpfung im Kriege leben, soll uns in dieser und den folgenden Vorlesungen beschäftigen. Meist verhältnißmäßig klein und unscheinbar werden sie uns nicht sowohl als Individuen, denn als Massen gefährlich, und liefern eine neue Bestätigung des Satzes, daß der Einfluß der Thiere auf die tellurischen sowohl, wie auf die ökonomischen Verhältnisse der Erdoberfläche im Allgemeinen um so größer ist, je kleiner die Art selbst. Die mikroskopischen Infusionstierchen, die winzigen Wurzelfüßer, die unscheinbaren Polypen haben ganze Berge aufgebaut, während die gewaltigen Elephanten und Nashörner nur einige Knochen hinterlassen haben. Ganz so verhält es sich hier. Der Wildschaden, den Eber und Hirsche veranlassen, steht durchaus in keinem Verhältnisse zu den ungeheueren Verheerungen, welche Raupen, Fliegenmaden, Heuschrecken und ähnliches unscheinbares Gewürm dem Menschen zufügen können.

Unter Insecten verstehen wir heutzutage Gliederthiere mit drei wohlgesonderten Hauptabschnitten des Körpers: Kopf, Brust und Hinterleib, von denen jeder wieder aus mehreren Ringen zusammengesetzt ist und ganz besondere Functionen zeigt. Der Kopf trägt unter allen Umständen, bei dem ausgebildeten Insecte wenigstens, ein Paar Fühlhörner von mannigfaltiger Form und Größe, welche sowohl zum Tasten, als auch zum Riechen und vielleicht selbst zum Hören geeignet sind. Ferner finden sich am Kopfe die gewöhnlich zusammengesetzten Augen, die nur wenig ausgebildeten Insecten, wohl aber vielen Larven fehlen, und zu welchen sich häufig noch einzelne Punktaugen gesellen. Endlich sind an der Unterseite des Kopfes die in außerordentlicher Mannigfaltigkeit gestalteten Mundwerkzeuge aufgehängt, deren wir noch weiter zu gedenken haben werden.

Die Brust trägt die Bewegungswerkzeuge: auf der oberen Fläche ein oder zwei Paar Flügel, die auf den beiden hintern Brustringen befestigt sind; auf der unteren Fläche drei Paar Füße, nie mehr und nie weniger, deren Bau zu mannigfaltigen Unterscheidungsmerkmalen Veranlassung giebt.

[231] Im Hinterleibe endlich, der gewöhnlich aus neun Ringen zusammengesetzt erscheint, finden sich hauptsächlich die Organe des vegetativen Lebens: der Darmcanal, das Herz, die Absonderungs- und Geschlechtswerkzeuge. Der Hinterleib trägt keine gegliederten Anhänge, wie die beiden vorderen Körperabtheilungen, die zur Bewegung bestimmt sind, wohl aber häufig solche, die mit dem Fortpflanzungsgeschäfte in Verbindung stehen.

Es wäre sonach leicht, ein Insect von den beiden anderen großen Gruppen der Gliederthiere, den Krustern und den Spinnen, zu unterscheiden. Ist das Thier geflügelt, so ist es jedenfalls ein Insect; ist es ungeflügelt, so genügen die sechs Beine zur Unterscheidung von den Spinnen, welche deren acht besitzen, und der anhanglose Hinterleib und das Vorhandensein von Luftöffnungen, die zu einem verzweigten Luftröhrensysteme im Innern des Körpers führen, zur Unterscheidung von den Krustern.

Wir haben bisher nur von dem vollkommenen Insecte, dem Bilde (imago) oder der Fliege gesprochen, und in der That treten auch nur bei diesem die Unterscheidungszeichen in aller Schärfe hervor. Alle Insecten durchlaufen aber, ehe sie zu diesem Zustande der Vollkommenheit gelangen, verschiedene Zustände, die uns hier um so wichtiger sein müssen, als einige dieser Zustände es gerade sind, welche uns den meisten Schaden zufügen, und andere vorzugsweise zur Vertilgung der Art geeignet erscheinen. Bevor wir indessen diese Zustände näher in’s Auge fassen, möge es uns gestattet sein, noch einige Augenblicke bei dem Zustande des vollkommenen Insectes zu verweilen.

Bei der ungeheueren Mehrzahl der Insecten dauert dieser Zustand, in welchem allein das Fortpflanzungsgeschäft vorgenommen werden kann, verhältnißmäßig nur kurze Zeit; ja man könnte fast als allgemeines Gesetz aufstellen, daß das Insectenmännchen nur so lange lebt, bis es die Begattung vollzogen, das Weibchen, bis es für die Brut gesorgt hat. Ungemein viele Männchen nehmen während der kurzen Dauer ihres vollkommenen Zustandes gar keine Nahrung zu sich und erhalten ihr Leben einzig auf Kosten des während ihres Larvenzustandes angesammelten Stoffes; ja es giebt einige, deren Mundöffnung gänzlich verschlossen ist und keinerlei Aufnahme von Nahrungsmitteln gestattet. Wenn die Weibchen länger leben, wie z. B. das Bienenweibchen oder die Königin drei Jahre, so liegt der Grund eben darin, daß die Sorge für die Brut, das Ablegen von Eiern, erst mit diesem Zeitpunkte beendet ist. Im Ganzen aber sind diese Fälle nur seltene Ausnahmen, und bei dem großen Heere der Insecten gilt die Regel, daß ihre Erscheinungszeit auf wenige Tage oder Wochen, im höchsten Falle auf die Dauer eines Jahres beschränkt und deshalb auch in Folge der Ablaufszeit der verschiedenen Verwandlungszustände an gewisse Jahreszeiten gebunden ist.

Gewöhnlich erscheint das vollkommene Insect nur einmal während eines Jahres zu bestimmter Zeit, die nicht mehr wechselt, als die Erscheinungszeit der Knospen und Blüthen; in andern Fällen giebt es aber mehrfache Generationen innerhalb eines und desselben Jahres. Regel für die große Mehrzahl ist, daß der Entwickelungscyklus für alle verschiedenen Verwandlungszustände sich während der Dauer eines einzigen Jahres abspinnt. Häufig aber findet man auch, daß ein mehrjähriger Cyklus zur Abspinnung dieser Verwandlungen gehört. Nehmen wir ein Beispiel an dem allbekannten Maikäfer. Das vollkommene Insect erscheint nur einmal im Jahre, je nach der Strenge des Winters und dem Auftreten des Frühjahres oft schon im April, gewöhnlich erst im Mai. Das Männchen lebt nur wenige Tage, das Weibchen etwa vierzehn Tage, bis es für seine Eier gesorgt hat. Da aber nicht alle Maikäfer zu gleicher Zeit auskriechen, so zieht sich die Flugzeit über sechs Wochen, ja manchmal über zwei Monate hinaus. Der Maikäfer entwickelt sich aber nicht innerhalb eines Jahres; er lebt mehrere Jahre hindurch als Engerling unter der Erde, so daß z. B. die Nachkommen der Maikäfer, welche im Mai 1861 schwärmen, erst im Mai 1864 als Maikäfer wieder auf der Oberfläche erscheinen. Es stellt sich also ein Entwickelungscyklus von wenigstens drei Jahren heraus, und wenn im Jahre 1861 ein bedeutendes Flugjahr sein sollte, so ist es wahrscheinlich, daß im Jahre 1864 ebenfalls große Maikäferschaaren erscheinen werden; während die dazwischen liegenden Jahre durch weit geringere Schwärme sich kennzeichnen würden.

Das vollkommene Insect allein trägt Flügel, mit denen es sich in die Lüfte erheben kann, ein oder zwei Paare, je nach der Organisation der Ordnung, der es angehört. Doch finden sich auch hier Ausnahmen. Es giebt Insecten, welche ihrer ganzen übrigen Organisation nach zu geflügelten Ordnungen gehören, aber dennoch ihr ganzes Leben hindurch vollkommen ungeflügelt bleiben. Die Bettwanzen gehören unzweifelhaft zu der Ordnung der mit vier Flügeln versehenen Wanzen, und doch erhalten sie niemals und unter keinen Umständen, in keiner Periode ihres Lebens Flügel; die stets ungeflügelt bleibenden Flöhe gehören nicht minder, allen Zügen ihrer Organisation zufolge, zu den zweiflügeligen Mücken.

Auch unter den Geschlechtern herrschen Verschiedenheiten hinsichtlich der Anwesenheit der Flügel. Das Männchen besitzt stets die ausgebildeteren Bewegungswerkzeuge: es flattert umher, um das Weibchen aufzusuchen, das gewöhnlich schon um deswillen weit schwerfälliger erscheint, weil sein Leib mit Eiern vollgepfropft ist. Häufig fehlen dem Weibchen sogar die Flügel ganz, sodaß es einzig auf seine Füße als Bewegungsorgan angewiesen ist, während das Männchen im Gegentheile mit stattlichen Flügeln die Lüfte durchschneiden kann. So ist das bekannte Johanniswürmchen das ungeflügelte Weibchen eines kleinen Käfers; so ist das Weibchen des Forstspanners genöthigt, mit langen Stelzenbeinen die Bäume zu erklimmen, auf deren Knospen es seine Eier ablegen soll, während das Männchen vier große Schmetterlingsflügel trägt, mit denen es an kalten Herbstabenden umherflattert.

Sehen wir von diesen Anomalien und Ausnahmen ab, so bieten die Flügel nach Zahl, Form und Bildung so wesentliche Verschiedenheiten dar, daß sie füglich als wesentliches Unterscheidungsmerkmal der einzelnen Gruppen verwendet werden können, ja sogar von dem Vater der heutigen Naturgeschichte, von Linné, einzig verwendet wurden.

Nicht minder wichtig erscheinen die Mundtheile, welche von Fabricius im Gegensatze zu Linné zur Eintheilung der Insecten benutzt wurden. Es ist mir unmöglich, auf die Anordnung derselben näher einzugehen, so sehr auch der Gegenstand zu gründlicher Besprechung reizt; denn es giebt kaum ein Object der vergleichenden Naturforschung, welches so sehr wie dieses einen glänzenden Beweis für den Scharfsinn und die Beobachtungsgabe der Forscher lieferte. Es giebt Insecten mit kauenden und solche mit saugenden Mundtheilen; die Larven aller Insecten besitzen nur kauende Mundtheile, und durch die feinsten Untersuchungen ist nachgewiesen worden, in welcher Weise die kauenden Theile sich modificiren mußten, um endlich einen Saugrüssel herzustellen. In der Weise aber, in welcher die Mundorgane bei den einzelnen Insecten umgewandelt sind, liefern sie die ausgiebigsten Charaktere für die Unterscheidung der einzelnen Gruppen, der Ordnungen, Familien und Gattungen.

Die dritte und vielleicht wesentlichste Verschiedenheit findet sich endlich in der Art und Weise, wie das Insect den Umlauf seines Lebens besteht und seine Verwandlungen durchmacht. Gestatten Sie mir, auch hierauf mit einigen Worten einzugehen und mich ganz an diejenigen Erscheinungen zu halten, die einem Jeden von uns wohlbekannt sind.

Der Schmetterling legt Eier, aus welchen kleine Räupchen oder Larven ausschlüpfen. Wir wissen Alle, daß diese wurmförmig sind, nur kleine, höchst unvollkommene Füße besitzen, aber eine bedeutende Gefräßigkeit entwickeln, in Folge deren ihr Körper in überraschender Schnelligkeit zunimmt. Die Haut, welche keine große Dehnbarkeit besitzt, wird ihnen im buchstäblichen Sinne des Wortes zu wiederholten Malen zu enge, sodaß sie abgesprengt und gewechselt wird. Nach jeder Häutung erscheint die Raupe größer und sie häutet sich so oft, bis sie endlich ihre definitive Größe erreicht hat. Außer den Anlagen sämmtlicher Organe findet sich nun in dem Raupenkörper eine bedeutende Menge von Bildungsstoff abgelagert, der während der folgenden Zeiten verwendet werden soll. Denn nur während dieses ersten Larvenzustandes wächst das Insect in Wahrheit; nur während dieses Zustandes sammelt es sämmtlichen Bildungsstoff, der zur Ausbildung der Bewegungsorgane, der Geschlechtswerkzeuge, kurz aller jener Organe verwendet werden soll, die später bei dem vollkommenen Insect sich vorfinden. Es ist ein sehr allgemein verbreiteter Irrthum, daß man glaubt, die vollkommenen Insecten wüchsen noch während dieses Zustandes; kleine Fliegen seien z. B. junge Fliegen, welche mit der Zeit größer würden, und ich habe mich selbst als Knabe vergebens abgemüht, kleine unscheinbare Arten gewisser Schmetterlinge, die mir aus der Puppe geschlüpft waren, durch reichliche Fütterung mit Honig größer [232] wachsen zu machen. Vergebliche Mühe! Was als Larve nicht groß wurde, wird als vollendetes Insect den Mangel nicht nachholen.

Doch kehren wir zu unsern Schmetterlingen zurück. Sobald die Raupe das Endziel ihres Wachsthums erreicht hat, verwandelt sie sich in eine Puppe. Sie schließt sich von der Außenwelt ab; in einen festeren Panzer gehüllt, nimmt sie keine Spur von Nahrung und communicirt mit der Außenwelt nur durch ihre Athmung, die, wenn gleich in vermindertem Maße, während des ganzen Puppenzustandes fortgesetzt wird. So bleibt die Puppe oft während langer Zeit; aber während sie nach außen unveränderlich erscheint, arbeitet im Inneren die bildende Thätigkeit auf Kosten des Materials, welches die Larve aufspeicherte. Nun werden alle Organe, deren das vollkommene Insect bedarf, so angelegt und ausgebildet, daß es nur ihrer Entfaltung beim Auskriechen aus der Puppe bedarf, um sie in Thätigkeit zu versetzen. Nach längerer oder kürzerer Dauer dieses Zustandes sprengt auch in der That das vollkommene Insect die Puppenhülle und tritt aus derselben zur Fortpflanzung des Geschlechtes gerüstet hervor.

Alle Insecten, welche als Larven aus dem Ei hervorkommen und einen ruhenden Puppenzustand durchlaufen, nennen wir Insect mit vollkommener Verwandlung.

Nehmen wir für die andere große Reihe der Insecten als Beispiel eine Heuschrecke. Auch hier legt das vollkommene Insect ein Ei, und aus diesem Ei schlüpft ein Geschöpf, das mehr oder minder entfernte Aehnlichkeit mit dem vollkommenen Insecte hat, gewöhnlich indessen eine weit größere Aehnlichkeit, als bei der vorigen Reihe. Dies ist die Larve, die ebenfalls eine bedeutende Gefräßigkeit entwickelt, schnell wächst, sich mehrmals häutet. Bei jeder Häutung aber wird sie dem vollkommenen Insecte ähnlicher, indem namentlich ihre Flügel sich nach und nach entwickeln. Anfangs zeigt sich keine Spur derselben, bei der nächsten Häutung erscheinen stummelförmige Ansätze, die bei der nächsten größer werden und bei der letzten endlich als vollkommene Flügel hervortreten. Fast möchte man diese Wandlungen mit denjenigen in der Bekleidung der eidgenössischen Armee vergleichen, und gewiß, wenn Disteli, der geistreiche Carricaturenzeichner, noch lebte, so würde er wohl nicht verfehlt haben, in einigen neuen Blättern zu seinem „Leben eines Heuschreck“ diese Wandlungen bildlich darzustellen. Aermelweste, Frack oder Schwalbenschwanz und Waffenrock wiederholen etwa in der stufenweisen Entwickelung der Schöße die Entwickelung der Flügel des Heuschrecks. Während dieser ganzen Entwickelungszeit aber frißt das Thier beständig, spinnt sich niemals in einen ruhenden Zustand ein, sondern geht nur durch mehrfache Häutungen dem endlichen vollkommenen Zustande entgegen.

Wir nennen alle Insecten, welche sich in dieser Weise entwickeln, Insecten mit unvollkommener Verwandlung.

Combinirt man die Charaktere, welche aus den drei Grundzügen der Organisation der Insecten, aus der Zahl und dem Bau der Flügel, aus der Anordnung der Mundtheile und der Art der Verwandlung, hervorgehen, so hält es leicht, eine Art Schlüssel zu construiren, aus welchem man mit wenigem Untersuchen und Nachdenken sogleich die Ordnung herleiten kann, zu welcher ein Inseet, das man antrifft, gehört. Dies ist aber ohne Zweifel schon ein großer Gewinn für denjenigen, welcher, ohne tiefer eingehende naturgeschichtliche Kenntnisse zu besitzen, dennoch die Feinde kennen lernen möchte, welche ihm schädlich werden. Ich füge eine solche Tabelle hier bei, die wenigstens dazu dienen wird, die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zu leiten.


Verwandlung. Mundwerkzeuge. Flügel. Namen.
Zahl. Beschaffenheit.
Vollkommen. Kauend. Vier. Vordderflügel hornige, steife Decken – Hinterflügel häutig, doppelt zusammengelegt. Käfer.
Vollkommen. Kauend mit einer rüsselförmigen Zunge. Vier. Häutig, mit wenigen Adern. Hautflügler. Hymenoptera.
Vollkommen. Kauend. Vier. Häutig, netzförmig gegittert. Netzflügler. Neuroptera.
Vollkommen. Saugend – weicher Rüssel aus zwei seitlichen Hälften zusammengesetzt und aufgerollt. Vier. Mit farbigem Staube bedeckt. Schmetterlinge. Lepidoptera.
Vollkommen. Saugend – weicher Rüssel aus einem Stücke. Zwei Häutig, geädert. Zweiflügler. Diptera.
Unvollkommen Kauend. Vier. Vorderflügel häutig – Hinterflügel fächerartig zusammengelegt. Geradflügler. Orthoptera.
Unvollkommen Saugend – gegliederter Stechschnabel. Vier. Vorderflügel meist halbhornig; Hinterflügel gegittert. Halbflügler. Hemiptera.

Sehen wir uns nun nach den verschiedenen Zuständen der Insecten etwas näher um.

Was zunächst die Eier betrifft, so giebt es wohl nirgend, in keiner Classe des Thierreichs, so außerordentlich viele Gestalten und mannigfaltige Abänderungen der inneren Organisation, als gerade in den Eiern der Insecten. Von der vollkommensten Kugelform durch alle Eigestalten hindurch bis zum langgestreckten Cylinder, von der Linsengestalt bis zu derjenigen einer Tonne oder Birne, findet man wohl alle Gestalten, die der auf die Spitze getriebene Formensinn ausklügeln könnte, und selbst damit begnügt sich die Natur nicht. Dort schwankt das Ei auf einem unendlich langen dünnen Stiele, mittelst dessen es wie ein feiner Pilzauswuchs an die Oberfläche des Blattes geklebt ist; hier hängt es an einem langen dünnen Faden, dessen elastisches Ende einen förmlichen Knoten schlingen kann; dort zeigen sich Hörner oder flügelartige Verlängerungen, mittelst deren das Ei im flüssigen Elemente sich an der Oberfläche hält. Wer kennt nicht die ekelhaften Maden, welche in Abtritten und Dunglöchern Umherkriechen und mittelst der wurmförmigen Zusammenziehung ihres Körpers und peitschenförmigen Schwanzes an rauhen Oberflächen sogar in die Höhe zu kriechen wissen? Sie schlüpfen aus den Eiern der Dungfliege, die mit großen breiten Flügeln versehen sind, welche das Einsinken des Eies in der übelriechenden Jauche verhindern. Aehnliche und schmäler lanzettartig gestaltete Flügel besitzt das Ei der Essigfliege, welches auf die gährende Maische gelegt wird. Wunderbar sind ferner an dem Ei der Insecten die mannigfaltigen Sculpturen der äußeren Eihaut, zwischen denen sich Poren befinden, welche theils zum Luftwechsel, theils auch zum Durchgange der befruchtenden Samenfäden bestimmt sind.

Häufig werden die Eier einzeln gelegt und noch obenein an verborgene Orte in die Erde, in Risse und Furchen der Rinden, selbst in das Innere des Pflanzengewebes oder in andere Thiere, auf deren Kosten die auskriechenden Larven sich nähren sollen. Gewöhnlich sind auch die Eier sehr klein, wie sich dies bei der kleinen Statur der Insecten und der Menge von Eiern nicht anders erwarten läßt, und ihre Farbe entspricht meistens den Gegenständen, auf welchen sie angeheftet werden. Denn selten nur ist die Farbe der Eier weißlich oder graulich; häufig ist der Dotter gelb, grün, roth, braun oder selbst schwarz, so daß es meistens sehr schwer hält, die Eier aufzufinden und zu zerstören.

Freilich erleichtern viele Insecten dies indem sie die Eier haufenweise zusammenlegen und oft noch durch besonderen Leim zu einem Ganzen verkitten oder durch andere Bedeckungen auffällig machen. Das einzelne, grünlichgrau gefärbte Ei des Ringelspinners (Bombyx neustria), das vollkommen die Farbe der Zweige hat, an die es angesetzt wird, wäre gewiß äußerst schwierig zu finden; da aber das Weibchen einige hundert Eier in solcher Weise um den Zweig legt und zusammenverkittet, daß sie einen förmlichen festen Ring wie ein Armband um denselben bilden, so kann man die Ringe mit leichtester Mühe auf den Zwergbäumen sehen, sobald dieselben entblättert sind, sie absprengen und zerstören. Ebenso dürfte es schwer sein, ein einzelnes Ei des Goldafters (Bombyx chrysorrhoea) zu finden; da aber der Schmetterling sich selbst die goldrothen Haare, die seinen Hinterleib schmücken, ausreißt und damit seinen auf die Unterfläche der Blätter geklebten Eierhaufen so überzieht, daß derselbe einem zolllangen Zunderschwamme nicht unähnlich sieht, so wird auch hier die Auffindung und Zerstörung leicht. Ebenso weiß man, daß die in den Rindenrissen der Nadelholzbäume abgelegten Eier der Nonne sogar so häufig sind, daß sie scheffelweise gesammelt werden können.

[246]
Die Larven und ihre Gefräßigkeit – Käferlarven, Hautflügler, Netzflügler und Raupen – Das Leben der Larven – Maskirte und gemeißelte Puppen –
Das Auskriechen aus der Puppe.

Von besonderer Wichtigkeit erscheint für uns die Lebensdauer der Eier von dem Augenblicke ihrer Ablagerung bis zum Ausschlüpfen der darin gebildeten Larven. Gewöhnlich ist die Lebensdauer nur kurz, einige Tage oder Wochen; in vielen Fällen aber spinnt sie sich über den Winter hinweg und vermittelt die Fortdauer der Art von einem Sommer zum andern. Zur Ausbildung der Larve im Innern des Eies gehört stets eine gewisse Menge von Wärme, die für jede Art verschieden und im Allgemeinen nach [247] derjenigen geregelt ist, deren die Pflanzentheile bedürfen, von welchen die Larven sich nähren. Sowie jede Art von Insecteneiern einen bestimmten Grad von Kälte vertragen kann, der in gewissen Fällen sogar sehr tief herabsinkt, sodaß z. B. die Eier des Forstspanners eine Kälte von etwa 20 Graden vertragen können, ohne zu Grunde zu gehen: so bedarf es auch eines gewissen Wärmegrades, um sie zur Entwickelung zu bringen. Wir wissen dies am besten durch die Seidenzucht, bei welcher man die Eier in der Kälte hält, in kalten Kellern aufbewahrt, wenn man ihr Ausschlüpfen verzögern will, dagegen in die Wärme bringt, sobald man Futter genug an frisch ausgeschlagenen Maulbeerblättern besitzt. Am häufigsten findet sich das Ueberwintern der Eier bei denjenigen Arten, deren Existenz ganz auf diejenige der weichen grünen Pflanzentheile und der abfallenden Blätter gegründet ist; ja es giebt Gattungen, wie die Blattläuse, deren überraschend schnell aufeinander folgende Generationen lebendig geborener Jungen nur während des Sommers erscheinen, während über den Winter hinüber die Existenz der Art durch Eier gesichert ist.

Aus dem, was ich schon oben über die Gefräßigkeit der Larven bemerkte, geht schon zur Genüge hervor, daß diese hauptsächlich die Verderber sind, gegen welche wir anzukämpfen haben, und daß in den Fällen, wo wir gegen die vollkommenen Insecten Krieg führen, wir damit nur die Pflanzschulen künftiger Verderber, nicht aber diese selbst bekämpfen. Der zarte Schmetterling, der von Blume zu Blume gaukelt und mit weichem Saugrüssel Honig schlürft, ist wahrlich unfähig, irgend welchen Schaden zu stiften; aber indem wir ein Weibchen tödten, zerstören wir zugleich viele Hunderte von Eiern, aus denen gefräßige Raupen geschlüpft wären.

Die Larven haben gewöhnlich die Gestalt eines Wurmes, sind in den meisten Fällen ganz fußlos oder nur mit kurzen Stummelfüßen versehen, zeigen aber in ihrer sonstigen Organisation, ihrer Lebensweise und Nahrung so unendlich viele Verschiedenheiten, daß es unmöglich ist, sie unter allgemeinen Gesichtspunkten aufzufassen. Man kann wohl sagen, daß es nicht eine Substanz pflanzlichen oder thierischen Ursprungs giebt, welche nicht einer Insectenlarve zur Nahrung oder zum Wohnorte dienen könnte. Ja sogar an Metallen nagen zuweilen ihre scharfen Hornkiefer, um sich durch dieselben einen Weg zur Nahrung zu bahnen. Fast alle führen ein verborgenes, heimliches Leben: jene in der Erde oder im Moder, diese im festen Holz und innersten Mark der Pflanzen; die einen in Aesern, die andern im lebenden Fleische, in Wurzeln oder Samen, in Knochen oder Haaren, ja im festen Horn oder auch in den inneren Organen der Thiere. Wenige nur sind fleischfressende Räuber und werden uns nützlich, indem sie kleineren Insecten nachstellen; die meisten sind uns im Gegentheile schädlich, indem sie unsere Pflanzungen, unsere Ernten, unsere Vorräthe, ja selbst unsere Kleidungsstücke und Wohnungen zerstören. Auf diese Weise führen die Insectenlarven eine ungeheuere Menge pflanzlichen und thierischen Stoffes in die allgemeine Circulation der organischen Substanzen über, indem sie wieder anderen Thieren zur Nahrung dienen. Viele von ihnen sind in der That mit der kleinen Polizei der Natur betraut, und ihr Wirken erreicht in dieser Hinsicht ganz bedeutende Proportionen. Sie schaffen die modernden Stoffe, die kleinen Aeser, alle jene Substanzen, die durch ihre Ausdünstung dem Menschen sogar gefährlich werden können, fort und verwandeln sie in ihrem Körper in frischen lebenden Stoff, der andere Verbindungen eingeht.

Nur selten bekommt man die Käferlarven zu Gesicht; selbst diejenigen, welche vom Raube leben, wie die Larven der Lauf- und Sandkäfer, suchen sich in Erdlöchern zu verbergen, aus denen sie gelegentlich auf ihre Beute hervorstürzen. Diese Raublarven haben dann auch gewöhnlich ziemlich lange Beine, während die übrigen Käferlarven, deren Wirkungskreis beschränkt ist, entweder nur kurze Füße oder Stummel besitzen, die ihnen höchstens zum Nachschieben dienen können. Die Raublarven sind meistens schwärzlich, diejenigen aber, welche im Innern von Gewächsen und Früchten, sowie in der Erde von Wurzeln leben, gewöhnlich hellgelblich oder röthlich gefärbt. Bei allen ist der Kopf stark hornig und die Kiefer kräftig ausgebildet, und wahrlich, sie haben eine solche Ausbildung nöthig bei der Lebensweise, die sie führen. Eine Anzahl von diesen Larven bohrt in die Rinde, den Bast, das Holz und das Mark der Gewächse, in die Früchte von der saftigsten Beere bis zu der härtesten Steinfrucht. Andere nähren sich von unseren Vorräthen, wie die Mehlwürmer; andere endlich zernagen unsere Pelze, unsere Wollenstoffe, unsere naturhistorischen und kunstgeschichtlichen Sammlungen, unsere Möbel und Geräthe. Meist zeigen die vollkommenen Insecten nur insofern Sorge für ihre Nachkommenschaft im Larvenzustande, als sie die Eier an diejenigen Orte legen, an welchen die Larve sich nähren soll, was allerdings in einigen Fällen, wie z. B. bei den meisten Rüsselkäfern, nicht geringer Arbeit und Sorge bedarf. Sonst aber leben die Larven meist auf eigene Faust, ohne daß die längst gestorbenen Eltern sich weiter um sie kümmern könnten.

Anders verhalt es sich bei den meisten Hautflüglern. Denn wenn auch die Larven der Holzwespen, ähnlich wie diejenigen der Käfer, im Holze der Gewächse wohnen, und diejenigen der Sägewespen, nachdem die Eier einmal an den Ort gebracht sind, an welchem sich die Larven entwickeln sollen, sich selbst überlassen bleiben: so findet man doch bei den meisten Hautflüglern, namentlich den Wespen, Bienen, Ameisen und Hummeln, die rührendste und zärtlichste Sorge für die Nachkommenschaft. Während viele Holzwespen raupenähnliche Larven besitzen, die man auch Afterraupen genannt hat und die sich gewöhnlich durch die noch größere Anzahl falscher Füße, als die echten Raupen besitzen, vor diesen auszeichnen: erzeugen jene genannten, mit Giftstacheln bewaffneten Hautflügler nur fußlose, unbehülfliche Larven, welche meistens sogar während der ganzen Zeit ihres Larvenlebens gefüttert werden müssen. Die Nester, Gesellschaften und staatlichen Einrichtungen, welche wir bei vielen dieser Insecten bewundern, sind einzig durch die Sorge für die Nachkommenschaft bedingt und zusammengehalten, und soweit geht die Natur in der Strenge ihrer Einrichtungen, daß bei vielen Gesellschaften, wie bei den Bienen und Ameisen, durch besondere Nahrung die weiblichen Individuen in solcher Weise verstümmelt werden, daß ihre Geschlechtstheile sich nicht ausbilden und diese geschlechtslosen Arbeiter einzig für das Gesammtleben des Stockes und die Besorgung der Nachkommenschaft verwandt werden können.

Der Netzflügler, die für uns in Betracht kommen, sind nur wenige und diese, wozu namentlich die Florfliegen und Ameisenlöwen gehören, besitzen höchst eigenthümliche räuberische Larven mit breitem, plattgedrücktem Leibe und langen, zangenähnlichen, an der Spitze durchbohrten Kiefern, mittelst deren sie ihre Beute aussaugen. Es besitzen diese Larven einen so eigenthümlichen Typus, daß sie sich in keiner Weise verkennen und mit den übrigen verwechseln lassen.

Auch die Larven der Schmetterlinge, die wir gewöhnlich mit dem Namen der Raupen bezeichnen, lassen sich im Allgemeinen leicht erkennen, obgleich es in der That Formen giebt, die durch ihren schildförmigen Körper oder die sonderbaren Auswüchse, welche sie besitzen, ihre Verwandtschaft ziemlich verleugnen. Wenige von ihnen nur leben im Innern der Gewächse, wie z. B. die großen braunrothen Raupen des Weidenbohrers (Cossus ligniperda) im Holze der Weiden und Pappelbäume, oder die Larven der Glasflügler (Sesia) in den Stengeln verschiedener Sträucher und Kräuter. Die meisten Raupen nähren sich von den grünen Theilen der Gewächse, von Knospen, Blättern und saftigen Stengeln; nur wenige nagen in trockenen Früchten, in Vorräthen, ja selbst in Tuch, Wolle oder Wachs. Alle Raupen aber zeichnen sich dadurch aus, daß sie außer den drei wahren Füßen, welche unmittelbar hinter dem hornigen Kopfe an den ersten drei Körperringen stehen, meistens noch eine größere oder geringere Anzahl sogenannter falscher Bauchfüße besitzen, welche gewöhnlich mit einem scheibenartigen Saugnapfe enden und paarweise an den Ringeln des Hinterleibes stehen. Die echten Füße, welche gewöhnlich mit Krallen versehen sind, entsprechen einzig den sechs Füßen des vollkommenen Insectes: schneidet man einen solchen Fuß der Raupe ab, so erscheint der Schmetterling beim Ausschlüpfen ohne den entsprechenden Fuß, während die Verletzung eines Bauchfußes keine weiteren Folgen nach sich zieht. Gewöhnlich besitzen die Raupen fünf Paar solcher Bauchfüße, von welchen die vorderen etwa unter der Mitte des Bauches, das letzte dagegen ganz hinten am Ende angebracht ist. Manchmal fehlen diese mittleren Paare, wie bei den Spannerraupen, sodaß dann die Thiere einen ganz eigenthümlichen Gang [248] annehmen, indem sie durch wechselnde Ausdehnung und Zusammenziehung ihres Körpers den Raum gewissermaßen wie mit einem Cirkel durchmessen.

Die Larven der Zweiflügler endlich dürften wohl ihren Aufenthaltsorten nach als die Dreckpeter unter den Insecten bezeichnet werden. Ihr Element ist in der That der Moder, der Mulm und die Jauche. Fußlose Würmer, die wir unter dem Namen der Maden zu bezeichnen pflegen, leben sie in stehenden Gewässern, Tümpeln und Wasserbütten, wie die seltsamen Larven der Schnaken und Mücken, in der Jauche der Cloaken und Miststätten, in allen faulenden Pflanzen- und Thierstoffen, in den eiternden Wunden und Beulen, ja selbst im Magen und Darmschleim lebender Thiere. Aber auch frische Nahrung verschmähen sie nicht, ziehen jedoch meistens weichere Stoffe, wie Beeren und Steinfrüchte, den härteren Geweben vor.

Eigentlichen Kunsttrieb oder besondere höhere geistige Eigenschaften zeigen die Larven niemals in dem Grade, wie die vollkommenern Insecten. Die materielle Arbeit, das Aufspeichern von Nahrungs- und Bildungsstoff beherrscht sie vollständig und beschränkt ihr Treiben während der größten Zeit ihrer Lebensdauer fast nur auf die Sorge um das tägliche Brod. Diese Lebensdauer ist aber oft lang, namentlich bei Käfern, und wenn der Maikäfer einen Cyklus von drei Jahren durchläuft, so wissen wir mit Bestimmtheit, daß die Larven gewisser Prachtkäfer wenigstens acht Jahre im Holze bohren, und daß der Hirschkäfer wahrscheinlich ebenso lange als Larve in den Eichen haust, ehe er sich in der Erde gewissermassen einpackt. Erst gegen das Ende des Larvenlebens, wenn die zur Verwandlung nöthige Stoffmenge angeeignet ist, entwickeln sich einige Kunsttriebe, die sich wesentlich darauf beziehen, der Puppe Schutz und Schirm während ihres Todtenschlafes zu gewähren. Die meisten Käferlarven bleiben an den verborgenen Orten, wo sie sich aufgehalten, oder steigen in die Erde hinab, wo sie sich eine kunstlose Hülle aus einfacher Seide spinnen oder zuweilen auch eine Art Kugel von Erde zusammenkneten, in deren Innerem sich eine geglättete Höhle befindet, in welcher die Puppe ruht.

Am weitesten gehen die Raupen mit ihrer Sorge für das Puppenleben, und bekanntlich zieht die menschliche Oekonomie von dem Cocon, welchen der Seidenwurm spinnt, jenen unschätzbaren Stoff, den kein anderer zu ersetzen im Stande ist. Andere Raupen kriechen in die Erde, in der sie bald vollkommen nackt, bald nur von dünner Hülle umgeben ruhen; andere endlich hängen sich, wie diejenigen des Kohlweißlings oder Schwalbenschwanzes, an dem hinteren Ende auf oder schlingen noch einen Gürtel um die Brust, der sie in wagerechter Stellung erhält. Gewöhnlich findet die Umwandlung in die Puppe fast unmittelbar nach der Anfertigung des äußern Gehäuses oder Gespinnstes statt. Es giebt aber auch Larven, wie namentlich die Larven vieler Sägewespen, welche noch wochenlang innerhalb ihres Gespinnstes in Raupengestalt verharren und erst wenige Tage vor der Umwandlung zum vollkommenen Insect die Puppenhülle annehmen.

Es begreift sich leicht, daß fast alle diejenigen Larven, welche von grünen, hinfälligen Pflanzentheilen leben, den Winter im Puppenzustande verbringen, und daß nur diejenigen, welche in beständigeren Nahrungsmitteln leben, wie z. B. die Holzbohrer oder Wurzelfresser, dem Wechsel der Jahreszeiten keine Rechnung tragen. Doch kann man auch diese Regel nicht zu einer allgemeinen machen; denn es giebt viele jährige Insecten, deren Larven von Blättern u. dgl. leben und dennoch als Larven in einer Art von Winterschlaf die kalte Zeit zubringen. So jene über und über mit langen Haaren dicht besetzten Raupen, welche man die Bärenraupen zu nennen pflegt und die einzeln, im Grase unter Moos oder dürren Blättern versteckt, den Winter zubringen; so die Raupen des Baumweißlings und des Goldafters, welche in ihren dichtgesponnenen Nestern selbst starken Kältegraden trotzen und bei der ersten Frühlingswärme in hellen Haufen hervorbrechen, um die jungen, frischen Knospen abzuweiden.

Die Puppen selbst lassen sich meistens, je nach den verschiedenen Insectenordnungen, leicht unterscheiden. Bei den Käfern und Schmetterlingen, sowie den Netzfaltern trifft man meistens sogenannte maskirte Puppen, bei welchen die allgemeinen Körperumrisse, sowie die einzelnen Körpertheile zwar erkenntlich, aber doch nur gewissermaßen als Basrelief ausgearbeitet sind. Man erkennt an solchen Puppen Kopf, Brust und Hinterleib, man sieht auch die rudimentären Flügel und die Beine, aber nur in Relief angedeutet und nicht frei herausgearbeitet. Nur der Rüssel macht häufig bei den Schmetterlingen oder Rüsselkäfern eine Ausnahme, indem er als schnabelförmige Verlängerung in eigener Scheide auf der Unterfläche sich darstellt. Die Puppenhaut selbst ist eine neue Haut, welche sich anfangs weich und zart unter der alten Larvenhaut gebildet hat, die bei dem Hervortreten der Puppe gesprengt wird und meistens als verschrumpfter Balg daneben liegt.

Bei vielen Hautflüglern geht die Ähnlichkeit der Puppe mit dem Insect noch weiter. Jedes Glied hat hier seine Scheide, in welcher es, stramm an den Leib angezogen, unbeweglich ruht: Fühlhörner, Füße, Flügel – Alles läßt sich an diesen gemeißelten Puppen auf den ersten Blick unterscheiden und zeigt sich sogar annähernd in derselben Form, wie in dem vollkommenen Insect. Man braucht nur die feine Hülle eines sogenannten Ameiseneies – denn jene großen, ovalen Körper, welche die Ameisen häufig im Sommer an die Sonne schleppen und die man zur Nahrung der Nachtigallen namentlich sammelt, sind nichts Anderes als die Puppen und keineswegs Eier – man braucht nur, sage ich, vorsichtig eine solche Hülle mit der Scheere zu öffnen und man wird die junge Ameise darin finden, weiß und unbeweglich, aber mit allen Gliedern, die in eigene Scheiden gehüllt sind.

Am merkwürdigsten unter allen erscheinen die Puppen der Zweiflügler, die aus Maden hervorgehen. Die Madenhaut selbst schrumpft ein und bildet nun eine außerordentlich enge, flaschen- oder tonnenförmige Puppe, in welcher die Fliege enger zusammengeschnürt liegt, als die Kinder im mittelalterlichen Wickel. Man begreift in der That kaum, wie die eben geborene Fliege, die den dreifachen Raum ihrer Tonne einzunehmen scheint, innerhalb derselben Platz hatte, und sieht auf der anderen Seite die Möglichkeit, ein, daß die Larven selbst innerhalb des Leibes der Mutter sich entwickeln und erst die kleinen kernförmigen Puppen von derselben gelegt werden, wie dies wirklich bei den schmarotzenden Lausfliegen (Hippobosca) der Fall ist.

Soll ich Ihnen nun noch das Auskriechen der vollkommenen Insecten aus der Puppe beschreiben? Ich glaube, daß dies kaum nöthig sein dürfte. Sie wissen Alle, daß die Puppenhaut gesprengt wird, daß sie bald wie ein Deckel sich abhebt, bald einen klaffenden Riß erhält, aus welchem das junge Insect, anfangs noch sehr weich und zart, mit Mühe sich hervorarbeitet und die Erstarrung seiner äußeren Hüllen erwartet. Sie wissen, daß die Flügel, welche anfangs völlig verkrumpelt und unscheinbar am Leibe lagen, sich zusehends dehnen und steif werden, bis sie ihrer eigentlichen Bestimmung dienen können, und Sie wissen auch, daß dieser Entwicklungsproceß nicht gestört werden darf, wenn die Flügel in ihrer vollständigen Ausbreitung sich entfalten sollen. Oft genügen wenige Minuten, um dem Insect die letzte Vollständigkeit zu verleihen; oft aber bedarf es auch längerer Zeit, wie man denn nicht selten im Winter schon Maikäfer findet, die zwar vollkommen ausgebildet, aber noch weich innerhalb der Erde des Augenblickes harren, wo sie an der Oberfläche erscheinen können.

Von den Insecten mit unvollkommener Verwandlung ist wenig zu sagen. Denn wenn man bei ihnen Larven und Puppen unterscheidet, so geschieht dies fast nur in Beziehung auf die successive Ausbildung der Flügel, während im Uebrigen mit geringen Ausnahmen Lebensweise und Nahrung der Puppen dieselben sind, wie bei dem vollkommenen Thiere.

Indem wir uns so mit den allgemeinen Grundzügen der Organisation der Insectenwelt vertraut gemacht haben, können wir nun zur speciellen Betrachtung der einzelnen Ordnung selbst übergehen.




  1. Siehe Jahrgang 1861, Nr. 36 und 37.