Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere/4

Textdaten
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Autor: Carl Vogt
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Titel: Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere - Erste Vorlesung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36–37, S. 566–568; 583–585
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[566]
Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere.
Von Carl Vogt in Genf.
Nr. 4.
Landschnecken – Ihre Wanderungen – Ihre Feinde – Regenwürmer und deren Muskelkraft – Die Sage von zerschnittenen und wieder zusammen geheilten Regenwürmern – Der Tausendfuß – Abenteuer eines preußischen Officiers – Die Kellerasseln und Spinnenthiere – Zecken und Milben – Ehren Hahnemann und die Krätze.

Meine Herren!

Ehe ich zu den Insecten übergehe, welche unsere sämmtlichen übrigen Stunden ausfüllen sollen, glaube ich in der heutigen Vorlesung einige Thiere zusammenfassen zu müssen, die weder zu den Wirbelthieren, noch zu den Insecten gehören und nicht ohne Einfluß auf die menschliche Oekonomie sind. Die Einen sind Weichthiere, Mollusken, nackte oder mit einem Haus versehene Landschnecken, die schleimigen Körpers auf fleischiger Sohle dahingleiten und zwischen ihren weichen Lippen starke Hornkiefer oder selbst eigenthümliche Raspelinstrumente tragen, sogenannte Zungen, d. h. hornige Bänder, auf welchen eine Unzahl von feinen Zähnen auf regelmäßigen Längs- und Querreihen aufgestellt sind. Diese Raspelzunge arbeitet mit ihren feinen Hornzähnchen gegen einen hornigen Unterkiefer und kann auf diese Weise sehr bedeutende Wirkungen besonders auf weiche Pflanzengewebe hervorbringen.

Alle unsere Landschnecken athmen durch Lungen. Betrachten Sie einmal eine ruhig dahin kriechende Schnecke, so werden Sie auf der rechten Seite des Körpers in ziemlicher Entfernung hinter dem Kopfe ein eirundes Loch gewahren, welches die Schnecke von Zeit zu Zeit schließt und wieder öffnet. Die Höhle, welche sich hinter diesem Loche befindet, führt nicht nur in einen geräumigen Athemsack, sondern auch in die Mündungen des Darmcanales und der Geschlechtstheile. Das Athembedürfniß ist indeß bei den Schnecken bei weitem nicht so groß, als bei anderen Thieren, und sie können Wochen lang mit zugesponnener Schalenöffnung harren, ohne bedeutenden Schaden darunter zu leiden.

Feuchtigkeit ist ein absolutes Bedürfniß, Dunkelheit eine Wohlthat für die Schnecken. Ihr Körper sondert beständig eine Masse zähen, fadenziehenden Schleimes ab, der auf allen ihren Wegen zurückbleibt und in Gestalt eines silberglänzenden, feinen Ueberzuges ihre Spur verräth. Nur wenn die Unterlage durch diesen Schleim feucht gemacht ist, können sie auf derselben vorwärts gleiten, weshalb sie auch auf Asche, Sägemehl, das sich noch obendrein an den Schleim anhängt, nur mit größter Mühe vorwärts gelangen. Man hat hieraus auch die Anweisung zum Abhalten der Schnecken von Gartenbeeten begründet, die darin besteht, daß man die Wege herum mit höchst feinem, trockenem Sand, Sägemehl, Asche, Hammerschlag oder Kohlenstaub bestreut. Nur hat man leider dabei vergessen, daß die Verwüstungen der Schnecken im Allgemeinen nur in feuchten und nassen Jahren zu fürchten sind, wo durch das häufige Regnen alle diese Gegenstände eine so glatte Oberfläche bekommen, daß die Schnecken mit leichter Mühe darüber weggleiten. Eine längere Reise über einen breiten Weg bei heißem Sonnenscheine würde eine nackte Schnecke unzweifelhaft tödten. Der reichlich abgesonderte Schleim, mit welchem sie sich gegen die Einwirkung der Sonnenstrahlen zu schützen sucht, wird bald so zähe, daß alle Bewegungen aufhören. Sie trocknet förmlich wie zu einem Stückchen Horne aus und geht gänzlich zu Grunde, sobald dieser Zustand länger andauert. Deshalb verbergen sich auch die nackten Schnecken während der heitern und trockenen Tage in der Erde, unter Hecken und Blättern, am Fuße der Stämme und Mauern und kommen nur Nachts, sobald der Thau beginnt, oder bei anhaltendem Regenwetter hervor.

In den Feldern und Gärten ist es namentlich die kleine graue, gelbliche oder bräunliche Feldschnecke (Limax agrestis), welche in nassen Jahren, wie z. B. 1816 und 1817, die furchtbarsten Zerstörungen anrichtet und mit Vorliebe jungen Klee und sprossendes Getreide, Salat und Bohnen, Erdbeeren und Kürbisfrüchte, sowie Rüben und Kohlrabi anfrißt. Vom ersten Frühjahre an kriecht sie aus der Erde, wo sie selbst bis zu einer Tiefe von 3 Fuß ihr Winterquartier aufschlägt und fest zusammengezogen das Eintreten der Frühlingsregen erwartet, ja häufig schon bei Thauwetter durch das niedersickernde Naß zu früh geweckt wird, daß sie selbst unter dem schmelzenden Schnee an [567] der Oberfläche anlangt. Die Fortpflanzung findet den ganzen Sommer hindurch, vom Mai bis in den November hinein statt, und da die Thiere Hermaphroditen sind, d. h. weibliche und männliche Geschlechtsorgane stets vollständig auf einem einzigen Individuum ausgebildet sind, so befruchten sie sich immer wechselseitig und legen mehrere Hunderte von Eiern unter dürre Blätter, sowie in die Erde, an Mauern und Hecken. Nichts ist leichter, als sich solche Eier zu verschaffen; man braucht nur einige Schnecken in einem feuchten Kasten mit Salatblättern zu füttern und man wird fast regelmäßig Morgens an der unteren Fläche dieser Blätter Häufchen von verhältnißmäßig großen, runden Eiern finden, welche eine höchst dünne Kalkschale besitzen und in deren Innerem ein kleiner, mit bloßen Augen nur unter günstigen Umständen sichtbarer Dotter in einer sehr großen Menge wasserhellen Eiweißes schwimmt. Die Entwickelungszeit dieser Eichen dauert 14 Tage bis 3 Wochen. In Zeit von 2 Monaten ist bei gutem Futter das ausgeschlüpfte Schneckchen schon zu mehr als halber Größe herangewachsen.

Die großen rothen und grauen, nackten Waldschnecken (Arion empiricorum und hortensis), welche man häufig zur Herstellung schleimiger Fleischbrühe benutzt, namentlich für Brustkranke, sowie die graumarmorirten sehr großen Kellerschnecken (Limux maximus), die sich an einzelnen Orten ziemlich häufig finden, kommen doch fast nie in solcher Menge vor, daß sie erheblichen Schaden zufügen könnten; doch sind sie ebenso unangenehme Gäste, als die großen Weinbergsschnecken mit dem gelbbräunlichen Gehäuse (Helix pomatia), und die Busch- und Strauchschnecken (Helix nemoralis und hortensis) mit gelber oder röthlicher, häufig mit braunen Binden gezierter Schale, die an Zierbüschen und Obstbäumen zuweilen nicht unerheblichen Schaden anrichten.

Die Feinde der Ackerschnecken sind nicht gering an Zahl. Kröten und Blindschleichen nähren sich fast ausschließlich von ihnen; Maulwürfe, Spitzmäuse, Enten, Hühner, Dohlen, Krähen, Elstern und Raben stellen ihnen eifrig nach, und selbst der goldschimmernde Laufkäfer verschmäht sie nicht. Ihr bester Jäger ist, wie schon angeführt, in Gärten die Kröte, und das beste Mittel, um sie zu hegen, Einfassungen von Buchs um die Beete zu pflanzen, in deren dichten, immergrünen Blättern sie sich leicht verbergen können. Auf Grasplätzen sammelt man sie leicht, indem man ein nasses Bret die Nacht hindurch auf das Gras legt und durch Begießen die Feuchtigkeit in der Umgegend erhält. Auf Gartenbeeten kann man sie sammeln, indem man frische Kürbisschnitte umherlegt, welchen sie begierig nachziehen. Nur hat diese Sammelmethode den Uebelstand, daß sie erst im Herbste angewendet werden kann, wenn die Kürbisse der Reife nahe sind, und daß gerade im Frühjahre die Schnecken durch Benagen der jungen Pflänzchen den meisten Schaden thun.

Soll ich Ihnen auch von den Regenwürmern (Lubricus agricola) reden, die ein heimliches Leben unter der Erde führen, nur bei warmem Regenwetter hervorkommen und dann stets noch die Vorsicht brauchen, daß sie mit einem Theile ihres Hinterleibes in ihrem Loche stecken bleiben, um bei der geringsten Erschütterung der Erde schnell in dasselbe sich zurückziehen zu können? Sehr schädlich sind sie gerade nicht, aber doch sehr gefräßig, und die humusreiche Erde genügt ihnen nicht allein, „sie suchen nach vermoderten Vegetabilien,“ wie ein Beobachter sagt, „und wenn sie deren nicht finden, so präpariren sie sich ihren Fraß, indem sie, was ihnen vorkommt, in ihre Löcher herunterziehen. Jedermann weiß, daß die Strohhalme, Federn, Blätter, Papierstreifen, welche man des Morgens auf den Höfen und in den Gärten in der Erde stecken sieht, als wären sie von Kindern hineingepflanzt, während der Nacht von den Regenwürmern verschleppt werden. Wenige jedoch werden gesehen haben, wie mit so schwachen Werkzeugen ein Wurm im Stande ist, so große Gegenstände zu überwältigen. Wenn man jedoch den Widerstand erprobt hat, den der Wurm dem entgegensetzt, der ihn aus dem Loche hervorzuziehen versucht, so wird man sich über die Muskelkraft eines nur aus Muskeln und Haut bestehenden Thieres nicht so sehr verwundern. Ein starker Strohhalm wird in der Mitte gefaßt und so scharf angezogen, daß er zusammenknickt, und so in’s Loch hinabgezogen; ein breite Hühnerfeder mit der Fahne war ohne Schwierigkeit in ein enges Loch gezerrt; ein an der Spitze gefaßtes grünes Blatt von einer Himbeerstaude zerreißt.“ Jungen Setzlingen wird der Regenwurm auf diese Weise besonders schädlich, indem er sie in sein Loch hinabzieht. Die Laufkäfer, die Skolopender und Tausendfüße, besonders aber die Maulwürfe sind die gefährlichsten Feinde der Regenwürmer.

Eines Vorurtheiles muß ich hier noch erwähnen. Gärtner haben mir öfters Regenwürmer gezeigt, an deren Leib der sogenannte Gürtel, ein rother, mehrere Linien breiter Ring, besonders angeschwollen war. „Da sehen Sie, der ist gewiß mit dem Spaten mitten von einander geschnitten worden und wiederzusammengeheilt.“ Ich weiß nicht, ob Regenwürmer, wie andere niedere Thiere, einen verlorenen Theil wieder zu ersetzen vermögen; es liegen keine weiteren Erfahrungen darüber vor. Aber das weiß ein jeder Naturforscher, daß jeder Wurm einen solchen Gürtel besitzt, der besonders zur Begattungszeit stark anschwillt und in dem Fortpflanzungsgeschäfte eine wesentliche Rolle spielt. So viel Hunderte von Würmern auch bei dem Umgraben eines Gartenbeetes zerschnitten werden, so habe ich doch nie einen vernarbten oder in der Reproduction begriffenen Wurm gefunden und glaube deshalb, daß die getrennten Theile sehr bald sterben und zu Grunde gehen.

An feuchten, dumpfigen Orten, unter Rinden und im Moose, in Kellern und unter der Erde finden wir häufig kleine, schlangenartige, aus sehr vielen Ringen zusammengesetzte Gliederthiere, welche einen deutlichen Kopf mit Augen und Fühlhörnern besitzen und auf einer Unzahl von Beinen umherlaufen, weshalb man sie auch Tausendfüße (Myriapoden) genannt hat. Es sind gewissermaßen Mitteldinge zwischen Krustern und Insecten; denn während sie einerseits, wie diese letzteren, durch vielfach im Körper verzweigte Luftröhren athmen, besitzen sie gegliederte Anhänge oder Beine an allen Ringen des Körpers in derselben Weise, wie die Krebsthiere. Die großen Skolopender der südlichen Gegenden sind ihres giftigen Bisses wegen berüchtigt; die kleineren, bei uns lebenden Arten können mit ihren schwachen Kieferzangen zwar ein kleines Insect bewältigen und, wie wir eben sahen, den Regenwurm erfolgreich angreifen, aber nicht einmal die Haut des Menschen verletzen. Sie erscheinen also eher als nützliche Thiere, wenn auch einige Arten, wie besonders der gelbliche Julus mit blutrothen seitlichen Tupfen, gern an gefallenes Obst und gelbe Rüben geht, in welche er Höhlungen bohrt.

Der sogenannte elektrische Tausendfuß leuchtet in der That nicht nur in der Dunkelheit mit schwachem Glühen, sondern läßt auch eine leuchtende Spur zurück, wo er kriecht. Man findet ihn besonders gern in Miststätten, in allen, feuchten Ställen und Gewölben, wo er Nachts nach Nahrung umherschleicht. Ein preußischer Husarenlieutenant mußte eines Tages im siebenjährigen Kriege auf einer Streife in einem alten Gemäuer übernachten, wo er auf einem Bündel Stroh am Boden schlief. Es war eine schaurige, kalte Regennacht; der Wind heulte grauslich und schüttelte die morsche Thüre gewaltig. In der Nacht wurde das Heulen so stark, daß der Lieutenant aufwachte. Er sah zu seinem Schrecken an dem Boden, an den Wänden, selbst an der Decke leuchtende Streifen und Züge, die, seltsam in einander verschlungen, hie und da einige Aehnlichkeit mit hebräischen Lettern boten. Jetzt ward es dem tapferen Lieutenant doch etwas unheimlich zu Muthe; er glaubte vielleicht in den leuchtenden Zügen, deren Bedeutung er leider nickt enträthseln konnte, sein eigenes „Mene tekel“ zu erblicken, das ihm aus einem Versehen der höllischen Hofkanzlei in alttestamentlicher, ihm unverständlicher Schrift zugefertigt wurde. Seine aufgeregten Sinne ließen ihn auch schon den bekannten Schwefelgeruch verspüren, und in dem Heulen des Sturmes glaubte er den höllischen Chor der Dämonen zu hören, die der Empfangnahme seiner armen Seele entgegenjauchzten. Da indessen unser Lieutenant zur Armee des alten Fritz gehörte, so ermannte er sich sehr bald, griff nach seinen Waffen, tappte aber dabei auf einen der Lichtstreifen, der sich vor ihm zu bewegen schien. Er fühlte etwas, wie einen leichten Stick, und bemerkte nun, daß die leuchtende Materie an seinen Fingern hängen blieb. Jetzt war alle Furcht verschwunden. Er schlug Licht, sah bei dem Scheine der Laterne einiges Gewürm, das auf dem Boden umherkroch, fing einige Exemplare davon auf und schickte sie in einer Federspule eingeschlossen dem Pastor Götze, nicht dem berüchtigten Hauptpastor, den sein Streit mit Lessing so bekannt gemacht hat, sondern dem Pastor Götze in Magdeburg, der in jener naiven Zeit lebte, wo ein Pfarrer sich noch mit Eingeweidewürmern, Insecten und mikroskopischen Thieren beschädigen durfte, ohne daß die Stillen im Lande ein Aergerniß an seiner Frömmigkeit nahmen. Der Pastor Götze, ein gewiegter Naturforscher, dessen Name noch heute einen vortrefflichen Klang besitzt, [568] erkannte sogleich den elektrischen Tausendfuß und zog aus der ganzen Geschichte nur den Schluß, daß de Geer Unrecht habe, wenn er das Leuchten der Thiere bezweifle. Zu bedauern ist freilich, daß die Geschichte nicht in bessere Hände kam. Für einen Verfasser von Tracrätchen oder einen Zögling des Rauhen Hauses wäre sie wohl einige Pfund Sterling werth gewesen.

Die Kellerasseln (Oniscus murarius) gehören in die Nähe der Tausendfüße, obgleich sie von ihnen wesentlich verschieden und in ihrer Organisation mehr den eigentlichen Krustenthieren genähert sind. Ihre Athmung wird durch eigenthümliche Blättchen mit verzweigten Höhlungen bewerkstelligt, die unter den Klappen am Hinterleibe verborgen sind und die auch beim Weibchen zum Schutze der Eier während der Entwickelung dienen. Die verschiedenen Arten, von denen einige sich kugeln können, leben, wie schon der Name andeutet, an feuchten, dunkeln Orten und verbergen sich im Freien Tags über unter Steinen und faulenden Blättern, um Nachts ihrem Fraße nachzugehen, der besonders aus modernden Pflanzenstoffen besteht. Solche Lebensweise könnte ihnen nun wohl schwerlich zum Vorwurfe gereichen; aber da sie außerdem auch noch die süßen Obstbaumfrüchte, welche man in den Kellern aufbewahrt, namentlich die Birnen, an solchen Stellen, wo die Oberhaut schon etwas beschädigt ist, und selbst die Spalierfrüchte, die noch an den Bäumchen hängen, angreifen und Höhlungen hineinfressen, so thut man wohl besser, wenn man sie so viel als möglich zu vertilgen strebt. Auch sollen sie eine ganz besondere Vorliebe für einige Arten von Sämlingen und Setzlingen haben, besonders für die Petunien, die in den Mistbeeten oft gänzlich von ihnen verwüstet wurden. Da diese Blumen jetzt eine Lieblingspflanze für die moderne Cultur geworden sind, so dürfte allerdings einige Vorsicht in dieser Beziehung anzurathen sein.

Die Spinnenthiere oder Arachniden, welche die eigentlichen Spinnen, die Skorpionen und Geißelspinnen, die Weberknechte, Zecken und Milben begreifen, zeichnen sich fast alle durch ihren räuberischen, heimtückischen Charakter und das Gift aus, welches sie theils in ihren Kinnladen, theils in ihrem Schwanze tragen. Durch den vielfachen Wechsel ihrer Formen und die Mannigfaltigkeit ihrer Organisation wiederholen sie gewissermaßen in der Reihe der Gliederthiere die Reptilien, mit denen sie sonst übrigens im Entferntesten keine Aehnlichkeit haben. Trotz ihrer Häßlichkeit und Grausamkeit sind doch die meisten unter ihnen dem Menschen nur nützlich, indem ihr Gift nur kleineren Thieren schädlich ist, unter welchen sich zahlreiche Feinde den Menschen befinden. Denn was sonst ihnen aufgebürdet wird, ist größtentheils Fabel und Verleumdung und kann vor der besonnenen Naturforschung nicht Stich halten.

Die Zecken (Ricinus) und Milben (Acarus) sind meistens Schmarotzer und fallen demnach nicht in den Kreis unserer Beschäftigungen, obgleich Vieles über sie zu sagen wäre. Namentlich unter den Angriffen der Milben hat die Menschheit nicht wenig gelitten, da ja, wie jetzt festgestellt ist, eine häßliche, fast mikroskopische Bestie aus dieser Familie, die Krätzmilbe (Sarcoptes scabiei), die alleinige Ursache jener juckenden Hautkrankheit und ihrer Ansteckung ist. Das kleine Thier gräbt sich in die Oberhaut ein, legt in diese Gänge Eier; die Jungen graben weiter und bringen durch die Reizung Pusteln und Schärfe hervor. Kömmt nur eine einzige Milbe lebend auf die Haut einen anderen Menschen, so erzeugt sie bei diesem dieselbe Krankheit. Soviel die Menschen früher, wo man die Ursache der Krankheit nicht kannte, durch diese selbst, sowie durch die langwierige Behandlung geplagt wurden, ebenso viel wurden die Geister angefüllt mit pathologischem Unsinn über die schreckhaften Folgen der vermeintlichen Krankheit. War ja doch die allgemeine Krätzkrankheit, die Psoriasis, das hohe Parateroß, auf welchem seiner Zeit Ehren Hahnemann, der Erfinder der gleichwerthigen Homöopathie, vor der staunenden Menge einhertrabte und sich Ruhm und Geld erwarb! „Zurückgetretene Krätze“ war zu jenen Zeiten das Schibboleth für alle chronischen Krankheiten ohne Ausnahme, und da es wohl nie einen Menschen gegeben hat, der nicht einmal in seinem Leben ein Bläschen oder eine Blüthe auf der Haut gehabt hätte, so war die innere Krätze gleich demonstrirt und die Ursache der Krankheit gefunden. Heutzutage, wo man das Thierchen kennt, wo man seine Lebensweise bis in die kleinsten Einzelheiten erforscht hat, heutzutage sind alle jene Hirngespinste einer auf die Leichtgläubigkeit gegründeten Speculation in ihr Nichts zerfallen. Man heilt die Krätze, indem man die Milben tödtet; man tödtet sie so schnell als möglich, in wenigen Stunden, mit einigen Bädern und ätzenden Einreibungen, was früher für ein Verbrechen an der Zukunft des Menschen gehalten wurde, und man weiß nichts mehr von all den schauderhaften Uebeln, welche die zurückgetretene Krätze verursachen sollte.

[583]
Die Milben – Ihr Vorkommen auf den Nahrungsmitteln – Die Käsemilbe – Die Webermilbe – Der Weberknecht – Die Spinnen – Gewebespinnen und Jagd- oder Wolfsspinnen – Grausamkeit denselben – Die Tarantel – Die Sage von den Folgen ihres Bisses – Ihre Wohnungen und ihr Fang.

Kehren wir aber zu unserem eigentlichen Gegenstande zurück.

Da haben wir denn eine Menge von Milben, die alle der Krätzmilbe mehr oder weniger ähnlich sehen und die auf unseren Vorräthen mancherlei Verwüstungen anrichten, ja selbst zum Theil nicht ungern gesehen werden, da man sie gewissermaßen als Beweise für die Güte der Waare ansieht. Alter Käse zerfällt nach und nach in Staub. Betrachtet man den Staub näher mit einer Lupe, so wimmelt es darin von unzähligen kleinen, achtfüßigen Milben, die den Käse nach und nach so aufzehren, daß nur sie selbst mit ihren abgelegten Hautbälgen und ihrem Unrathe übrig bleiben. Das ist aber gerade die rechte Höhe, und kein Feinschmecker würde billigen, daß man ihm alten Roquefort ohne dieses Milbenpulver vorsetzte. Es ist in der That die Käsemilbe (Acarus siro), die schon dem alten Linné bekannt war, welche diesen Unfug anrichtet. Auf gedörrten Zwetschen und Pflaumen von Bordeaux, auf Feigen und Datteln zeigt sich ein weißlicher oder gelblicher Anflug, der die Güte der Waare bekundet; denn es ist ja nach der Meinung der verständigen Hausfrauen ausgeblühter Zucker. Die Lupe zerlegt auch diesen Anflug in kleine Milben, welche sich allerdings von dem Zucker der getrockneten Früchte nähren. In altem Brod, in Mehl, an Rosinen, an allen modernden Stoffen finden sich verschiedene Milbenarten, die man erst bei genauerer Untersuchung erkennt.

Die kleine grünliche Webermilbe oder Pflanzenspinne (Trombidium telarium) treibt auf Linden und Bohnen, sowie in unseren Gewächshäusern und Mistbeeten mancherlei Unfug. Sie legt sich auf der Unterseite der Blätter äußerst feine, seidenartige Gespinste an, wahre Nester, in welchen Tausende dieser Thiere wimmeln und den grünen Saft so aussaugen, daß die Blätter welken und abfallen, die Pflanzen kränkeln und zu Grunde gehen. Doch entwickeln sie sich nur bei trockenem, heißem Wetter und lassen sich leicht schon durch häufiges Bespritzen mit kaltem Wasser entfernen.

Von besonderem Nutzen sind dagegen außer den eigentlichen Spinnen die sogenannten Weberknechte oder Kanter (Phalangium opilio), diese sonderbaren Krakehler, welche auf ihren unendlich langen Beinen einen kurzen, fast kugeligen Leib schwankend einhertragen und bei der leisesten Berührung die langen Stelzenbeine fahren lassen, die sich geraume Zeit hindurch noch zuckend bewegen. Es sind nächtliche Thiere, die Tags über sich gern in ein Versteck drücken, Nachts aber überall umherklettern und hauptsächlich die Stubenfliegen überfallen, welche sie aussaugen.

Sehen wir uns bei den eigentlichen Spinnen um, die in zwei Abtheilungen zerfallen, die Gewebespinnen, die ein künstliches Gewebe zum Fangen der fliegenden Insecten anfertigen, das bei jeder Art seine ganz specielle Form und Größe hat, und die Jagd- oder Wolfsspinnen, welche kein solches Gewebe verfertigen, sondern höchstens irgend ein Versteck sich anlegen, aus welchem sie sich auf ihre lebende Beute stürzen. Alle Spinnen besitzen große, hakige Kinnladen, die in ähnlicher Weise wie die Giftzähne der Schlangen durchbohrt sind und mit einem Giftbläschen in Verbindung stehen. Diese scharfen Haken schlagen sie in den Leib ihres Opfers ein, das fast augenblicklich durch den Einfluß des Giftes gelähmt und getödtet wird; dann saugen sie das Innere auf und lassen den leeren Balg fallen. Grausam und unersättlich tödten die Spinnen alles, was in ihr Bereich kommt; ja sogar die schwächeren Thiere ihrer eigenen Gattung, und was sie nicht gerade zur augenblicklichen Nahrnng bedürfen, spinnen sie [584] meistens in ein Gewebe ein, um es so lange aufzuheben, bis sie es bei Gelegenheit aussaugen können.

Auf dieser Grausamkeit beruht denn auch die eigenthümliche Einrichtung, wodurch bei ihnen die Begattung und Befruchtung ermöglicht wird. Die Taster der Männchen sind nämlich löffelartig geformt und verdickt und können in ihren Höhlungen die befruchtende Flüssigkeit aufnehmen. Die Männchen laden diese Taster förmlich, sobald sie sich anschicken, den meist um die Hälfte größeren und stärkeren Weibchen in ihrem Netze einen Besuch abzustatten. „Denn,“ sagt de Geer, „nur zur Zeit der Begattung haben sie mit den Weibchen Gemeinschaft, und haben auch alsdann alle Vorsicht nöthig, um nicht von ihnen gefressen zu werden, welches oft geschieht, wenn sie zu kühn zu Werke gehen. Denn es ist kein Thier in der Welt grausamer und blutdürstiger, als eine Spinne. Indessen findet man auch gewisse Arten kleiner weiblicher Spinnen, die mit den Männchen in ihren Netzen ziemlich vertraulich leben, ob sich diese gleich immer aus Furcht in einiger Entfernung halten. Ich habe die besondere Begattungsart der Spinnen oft mit angesehen, wobei das Männchen ein Opfer der Grausamkeit des Weibchens wurde. Einmal sah ich, daß sich das Männchen einer großen Kreuzspinne dem im Mittelpunkte des Netzes sitzenden Weibchen mit aller Vorsicht und ganz langsam näherte, wie gewöhnlich ein paarmal zurückfuhr und wieder ansetzte, endlich auf einmal auf das Weibchen lossprang, dasselbe umhalsete und sich zum Werke anschickte. Es gelang ihm aber sehr übel. Denn den Augenblick faßte dieses das Männchen mit den Zangen, überspann es, und es wurde nachher rein ausgesogen. Ich wurde wirklich dabei mit Abscheu und Unwillen erfüllt.“

Man kann diese Liebe unter Schrecken nicht selten an schönen Herbsttagen bei den großen Kreuzspinnen beobachten, die an Reblauben so häufig ihre Netze spinnen. Das Männchen nähert sich mit der unendlichsten Vorsicht; bei der geringsten Bewegung des übermächtigen Weibchens schaudert es entsetzt zurück oder stürzt sich an einem Faden zur Erde, und sobald es nur mit seinem Taster die Geschlechtsöffnung des Weibchens berührt und damit die Begattung vollzogen hat, zieht es sich auf dan Schleunigste zurück, weil es selbst nach diesem Liebesdienste in unmittelbarer Lebensgefahr schwebt.

Die Jagdspinnen oder Wolfsspinnen (Lycosida), die man häufig im Nachsommer mit einem Säckchen antrifft, in welchem sie die Eier oder kaum ausgeschlüpften Jungen tragen, erhaschen ihre Beute im Sprunge. Es ist wirklich interessant zu sehen, wie ein solches Thier einer Fliege nachstellt, die etwa an einer weißgetünchten, von der Sonne hell beschienenen Wand sitzt, an der man die Bewegungen der meist schwarzen Wolfsspinne und der dunkelen Fliege am besten aus der Ferne belauschen kann. Die Fliege sitzt ruhig und putzt sich mit den Vorderfüßen. Die Wolfsspinne rennt augenblicklich auf sie zu, aber in solcher Weise, daß sie stets dem Hinterleibe der Fliege gegenüber steht und von dieser nicht gewahrt werden kann. Die Fliege dreht sich um sich selbst; die Wolfsspinne rennt im Kreise, um stets ihren Posten dem Hinterleibe gegenüber zu wahren. Dreht sich die Fliege mehrmals hin und her, so sieht es gerade aus, als sei die Wolfsspinne mittelst eines unsichtbaren Perpendikels an ihren Hintern gebunden; so genau folgt sie im Kreise rennend und stets sich mehr nähernd den Bewegungen der Fliege. Endlich ist sie nahe genug und dann stürzt sie sich in gewaltigem Sprunge wie ein Tiger auf ihre sorglose Beute, die sie selbst im Fallen von der Wand nicht losläßt und augenblicklich aussaugt.

Zu der Gattung der Wolfsspinnen gehört auch die berüchtigte Tarantel (Lycosa tarantula), welcher italienische Leichtgläubigkeit jene eigenthümliche Krankheit zugeschrieben hat, die Oken nach den Beobachtungen des schwedischen Arztes Kähler im vorigen Jahrhundert folgendermaßen beschreibt: „Wenn ein Mensch stiller wird als zuvor, viel nachzudenken scheint, stets unruhig ist, den Appetit verliert, schwere Glieder bekommt, mark- und kraftlos wird, ein Drücken unter dem Herz, große Beängstigung empfindet, eine gelbliche Gesichtsfarbe bekommt; endlich die Zähne wackelig werden, der Harn häufig und bleich abgeht, und der Mensch allmählich scheu und melancholisch wird; wenn dieser Zustand zwei bis drei Jahre dauert: so glaubt man, die Tarantel habe ihn gestochen, obschon weder er noch Jemand anders etwas davon weiß, und das Uebel müsse durch Musik gehoben werden. Man läßt sodann Musikanten kommen, meistens mit einer Geige oder Cither, welche nun eine eigene Melodie spielen, wozu anfangs der Kranke den Takt giebt mit einem hohlen und jämmerlichen Geschrei, roth im Gesichte wird und endlich in völligen Tanz geräth. Je älter und schwerer die Krankheit ist, desto länger dauert der Tanz und oft zwei Stunden ohne Unterbrechung. Wollten die Musikanten früher aufhören, als der Anfall vorüber ist, so glaubt man, daß der Kranke sterben müsse. Bei einem falschen Ton thut er einen jämmerlichen Schrei,rückt den ganzen Leib und gebehrdet sich, als wenn er die gräßlichste Pein ausstände. Zuweilen wird das Herzdrücken und die Angst so heftig, daß er nicht mehr tanzen kann; dann faßt er mit den Händen einen Tisch oder Stuhl und tritt den Takt mit den Füßen. Ist der Anfall vorüber, so fällt er in starken Schweiß, und man giebt ihm ein Glas Wasser oder Wasser mit Wein und läßt ihn eine Stunde ruhen. Nachher läßt man ihn noch drei Tage hinter einander tanzen, aber immer nach einer besonderen Musik, weil eine andere nicht auf ihn wirkt. Hört er während dieser Zeit zufällig dieselbe Musik, so kann er sich des Tanzens nicht enthalten; nachher aber hat er das ganze Jahr keine Lust mehr dazu, als bis wieder die nämliche Zeit kommt, wo das alte Heilmittel wieder versucht wird. Es giebt Leute, welche 16 bis 25 Jahr getanzt haben. Geht die Krankheit zu Ende, so kommt an irgend einem Gelenk eine Geschwulst, worauf man die Blätter von der Eselsgurke legt, um sie in Eiterung zu bringen. Vornehme Leute halten die Krankheit geheim. Bei meinem Aufenthalte zu Tarent ließ ich zwei Musikanten kommen, um diese Musik zu lernen. Zufällig ging ein Mädchen durch das Zimmer und fing sogleich, als es die Musik hörte, an zu tanzen und hielt damit drei Stunden an, obschon es nichts von einem Tarantelstich wußte. Das ganze Uebel ist offenbar nichts als eine Art Milzsucht, welche durch die sitzende Lebensart, besonders des weiblichen Geschlechts, in der schmutzigen Stadt hervorgebracht wird.“

Leon Dufour, der bekannte Entomologe, dem die Kenntniß der Insecten so viel verdankt, erzählt Folgendes von der Tarantel, die er in Spanien zu beobachten Gelegenheit hatte: „Sie bewohnt vorzugsweise trockene, sandige Gegenden, die der Sonne ausgesetzt sind, und baut sich dort tiefe Höhlungen, in welchen sie lauert. Ein solcher Tarantelbau besteht aus einem cylindrischen Loche, das häufig einen Zoll Durchmesser hat und über einen Fuß rief in den Boden hineinreicht. Anfangs ist dieser Gang ganz senkrecht; aber in vier bis fünf Zoll Tiefe bildet er einen Winkel und setzt sich erst eine Zeit lang in horizontaler Richtung fort, um später erst wieder in die Tiefe hinab zu gehen. In der Ecke dieses Winkels sitzt die Tarantel als Schildwache, um von dort aus wie ein Pfeil auf ihre Beute zu stürzen. Dort sieht man in der Tiefe ihre funkelnden Augen, die wie Diamanten glitzern und wie Katzenaugen im Dunkeln leuchten.

Gewöhnlich findet sich auf dem äußeren Loche ein trichterförmiger Aufsatz, der einen Zoll über den Boden emporragt, zwei Zoll im Durchmesser hat und aus Holzstückchen gebaut ist, die mit etwas Lehm zu einem Ganzen verkittet sind. Der Aufsatz ist sehr fest und von innen mit einem dichten Seidengewebe übersponnen, welches sich durch die Röhre und den ganzen Bau hindurch fortsetzt. Diese kunstreiche innere Auskleidung ist der Spinne äußerst nützlich, sowohl zur Erhaltung der Reinlichkeit, als zur Verhinderung des Einsturzes, wie auch zur Erleichterung des Erkletterns im Inneren, indem die Fußkrallen daran einen sicheren Halt haben. Der Aufsatz fehlt zuweilen, in den meisten Fällen aber ist er vorhanden, und sein Nutzen läßt sich auch leicht einsehen. Die innere Röhre ist dadurch vor Regen und Überschwemmungen geschützt; die heftigen Winde können den Eingang nicht verwehen; der Aufsatz selbst bietet den Fliegen und übrigen Insecten, von denen die Tarantel sich nährt, einen willkommenen Ruhepunkt.

Der Mai und der Juni sind die geeignetsten Monate, um sich Taranteln zu verschaffen. Als ich sie zum ersten Male in der Tiefe des ersten Stockwerkes in ihren Röhren entdeckte, glaubte ich mich ihrer mit Gewalt und lebhafter Verfolgung bemeistern zu können. Stundenlang belagerte ich sie förmlich in ihrer Festung, indem ich mit einem großen Pflanzenmesser Laufgräben anlegte, diese bis zu einer Tiefe von einem Fuß und einer Breite von zwei Fuß ausgrub, ohne jemals die Tarantel erhaschen zu können. Nach wiederholten vergeblichen Versuchen gab ich diese Art des Angriffes auf und bediente mich der List, die mir besseren Erfolg versprach. Ich nahm einen Grashalm, an dessen oberem Ende sich eine kleine Aehre befand, und bewegte diesen leise an der Oeffnung [585] der Röhre. Ich merkte bald, daß die Tarantel aufmerksam wurde und sich auf diese Weise ködern ließ. Sie kletterte langsam tastend empor und stürzte sich öfters mit einem gewaltigen Sprunge aus der Oeffnung, die ich dann geschwind schloß, dem Grashalme nach, den ich eiligst zurückzog. Die so ausgeschlossene Tarantel war äußerst unbehülflich und ließ sich dann leicht in eine Papierdüte jagen, in welcher ich sie einschloß. Zuweilen aber auch traute die Tarantel nicht ganz oder hatte weniger Hunger, sodaß sie dann in ganz geringer Entfernung von der äußeren Oeffnung Halt machte und in keiner Weise zu bewegen war, ihre Röhre zu verlassen. In diesem Falle suchte ich mich genau über die Richtung des Ganges und die Tiefe, in der sie saß, zu vergewissern und stieß dann plötzlich ein breites Messer schief so unter ihr durch, daß ich ihr den Rückzug in den Gang verschloß. Im sandigen Boden fehlte ich darin selten; Steine dagegen vereitellen manchmal mein Manöver. Gewöhnlich sprang dann die ersckreckte Tarantel aus ihrem Loche hervor; in anderen Fällen aber blieb sie hartnäckig auf meiner Messerklinge sitzen, wo ich sie dann mit einem heftigen Stoße mitsammt der Erde emporschnellte und mich so ihrer bemächtigte. So fing ich manchmal bis zu fünfzehn Taranteln in einer Stunde. Die Bauern der Pouille fangen nach dem Bericht von Baglivi die Taranteln auf andere Weise. Sie ahmen, indem sie in der Nähe des Loches in einen Grashalm blasen, das Summen der Bienen nach. Die Tarantel, welche dies hört, glaubt ein Insect summen zu hören, stürzt zum Fange desselben hervor, wird aber von dem listigen Bauer selbst gefangen.

Die Tarantel ist eine häßliche, haarige und, wie man sieht, wilde Jagdspinne, aber dem Menschen so wenig gefährlich, daß sie sich sogar leicht zähmen, locken und aus der Hand mit lebendigen Insecten füttern läßt.“

Als Hausgenossen möchte ich sie nun freilich nicht haben, denn sie ist, trotz der rothen Binde über den Unterleib, ausnehmend häßlich, und da sie weit größer und stärker als die Kreuzspinne ist, so dürfte ihr Biß allerdings nickt schmerzlos, wenn auch ungefährlich sein.