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Textdaten
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Autor: Johann Christian Schuchardt
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Titel: Vorlesungen über Kunst
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 162-164
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[162]
Vorlesungen über Kunst.
Von Chr. Schuchardt in Weimar.
1. Ueber die vervielfältigenden Künste.
Was sind vervielfältigende Künste? – Der Holzschnitt eine deutsche Erfindung. – Ein heiliger Christoph der bekannte Aelteste. – Betrügerische Nachahmungen. – Die Erfindung der Buchdruckerkunst eine Folge der Erfindung des Holzschnittes. – Clair-obscur (Helldunkel) ebenfalls deutsche Erfindung. – Neuester Stand der Holzschneidekunst.

Die Gegenstände, worüber ich in dieser Stunde etwas mitzutheilen gedenke, sind so allgemein bekannt, daß es fast überflüssig scheinen könnte, nur ein Wort darüber zu sagen. Wer kennt nicht Holzschnitte, Kupferstiche aller Art und Lithographien!

Es geht aber damit, wie mit tausend andern Dingen, welche wir täglich gebrauchen, die wir benennen, ohne nur zu fragen, woher sie kommen, wie sie entstehen, was für Anstrengungen ganznr Generationen, oft ganzer Jahrhunderte erforderlich waren, um sie zu dem jetzigen Grad der Vollkommenheit zu bringen.

Sich davon, soweit es geht, eine allgemeine Kenntniß, eine Klarheit zu verschaffen, das unterscheidet in gewisser Beziehung den Gebildeten, der auf Alles achtet, was die Menschheit nach ihrem Ziele bewegt, von dem Ungebildeten, der gedankenlos durch das Leben geht, der eben so gleichgültig das Product der edelsten Anstrengung hochbegabter Menschen ansieht, wohl gar dem Untergange weiht, wie er eine Blume unbeachtet unter seine Füße tritt.


Es veranlaßt dieses Thema, vielerlei zur Sprache zu bringen; und „Wer Vieles bringt, wird manchem Etwas bringen,“ meint schon der Theaterdirector in dem Vorspiel zu Faust. Das läßt auch mich hoffen, daß man am Ende diese Stunde nicht für eine ganz nutzlos verbrachte zu halten veranlaßt sei.

vielleicht ist die Bezeichnung „vervielfältigende Künste“ nicht ganz deutlich, weshalb ich einige Worte darüber vorausschicken will. Man nennt jetzt alles Kunst, was über das gewöhnliche Handwerk hinausgeht, ja selbst dieses, sobald es mit feinem Sinn, mit Geschmack und Eleganz betrieben wird. Und deshalb verdient ein Handwerker oft mit mehr Recht den Namen eines Künstlers, als manche Andere, welche die Kunst handwerksmäßig betreiben. Wer sich nun zum Lebensberuf gewählt hat, Werke der bildenden Kunst in einer Weise darzustellen, daß sie auf mechanischem Wege vervielfältigt werden können, den rechnet man dann mit Recht zu den Künstlern, wenn er es in einem solchem Grade fähig ist, daß er die vorzüglichsten, die wesentlichsten Eigenschaften eines edlen Kunstwerkes zur Anschauung bringt. Die Vervielfältigung geschieht nur durch Abdruck und deshalb zählt man diese Künste auch zu den Druckkünsten.

Von welcher außerordentlichen Wichtigkeit die Erfindung sei, bildliche Darstellungen der verschiedensten Art in’s Unendliche zu vervielfältigen, davon kann unsere Zeit, die in Ueberfluß fast erstickt wird, gar nicht mehr das volle Bewußtsein, das rechte lebendige Gefühl haben; der Ueberfluß macht uns gleichgültig, ungenügsam. Durch die Erfindung, bildliche Darstellungen durch den Druck zu vervielfältigen, hat auch die wichtigste der Erfindungen, die Buchdruckerkunst, erst ihre Vollendung, ihren Abschluß erhalten. Tausende von Büchern sind nicht im Stande, durch ihre Beschreibungen von Gegenständen das zu leisten, was eine bildliche Darstellung vermag. Es gibt auch fast keine Wissenschaft, die sie völlig entbehren könnte: Geschichte aller Art, Geographie, Astronomie, Naturwissenschaften, wie stände es damit ohne Abbildungen; nicht zu gedenken der Verbreitung edler Kunstwerke, welche die Spitze aller höhern menschlichen Ausbildung überhaupt ausmachen.

Diese Wichtigkeit ist auch der Grund, weshalb verschiedene Nationen sich so lange und erbittert um die Ehre der Erfindung der verschiedenen Manieren der vervielfältigenden Künste gestritten haben und noch streiten.

Dem Material nach, dessen man sich dabei bedient, gibt es zwei Hauptgattungen der Vervielfältigungen: in Holz und Metall; der Manier, der Art und Weise nach gibt es ebenfalls nur zwei Hauptgittuugen: Hochschnitt und vertieft gravirte Darstellungen. In neuester Zeit ist noch eine dritte Art hinzugekommen: der chemische Druck von Stein- oder Metallplatten.

Von diesen Unterschieden, von der Zeit der Erfindung jeder der verschiedenen Manieren, und darüber, wem die Ehre der Erfindung jeder derselben zukommt oder noch bestritten werde, will ich jetzt das Hauptsächlichste mittheilen.

Die älteste Manier der vervielfältigenden Künste ist der Hochschnitt. Gewöhnlich sagt man Holzschnitt, weil am häufigsten Holz dabei verwendet worden ist. Erst in neuester Zeit haben Einige gemeint, durch genaue Untersuchungen ermittelt zu haben, daß man zu den frühesten Hochschnitten Metall gebraucht habe. Nun läßt sich zwar ziemlich genau erkennen, ob ein Abdruck von einer Holz- oder Metalltafel genommen sei, es ist aber damit nichts gewonnen, weil es auch sehr viel alte Holzschnitte gibt, und von den ältesten Metallschnitten keiner ein bestimmtes Datum hat, am allerwenigsten eines, das älter wäre, als das auf dem bekannten ältesten Holzschnitte.

Bei den Hochschnitten in Holz und Metall sind die Linien, welche Umrisse und Schattenstriche, also die bildliche Darstellung geben, hochstehend; die Grundfläche aber, welche beim Abdruck auf dem Papier weiß bleiben soll, wird vertieft. Es ist ganz so wie beim Bücher- oder Letterndruck; und gewöhnlich werden Holzschnitte auch in derselben Presse und zwar, wenn es erforderderlich ist, zugleich mit dem nöthigen Text, darum in beweglichen Lettern, abgedruckt.

Das älteste Denkmal dieser Gattung ist ein heiliger Christoph, welcher das Christuskind auf seinen Schultern durch’s Wasser trägt. Er ist bekannt unter dem Namen des Burxheimer Christoph, weil er 1769 in dem Kloster Burxheim in Ottobeuern, Kreis Schwaben, entdeckt wurde. Dieser Holzschnitt hat die lateinische Unterschrift: Cristoferi faciem, die quacunque tueris, illa nempe die morte mala non morieris[1] und die Jahrzahl 1423. Es ist davon nur ein einziges Exemplar bekannt, das eben genannte, und das befindet sich jetzt in der Bibliothek des Lord Spencer in England. Im Jahr 1806 erkaufte zwar das Pariser Kupferstichcabinet ein zweites Exemplar; bei dem Vergleich aber mit dem Lord Spencer’schen, zu welchem Zweck der Besitzer seinen Bibliothekar, Herrn Dibdin, mit dem Schatze nach Paris kommen ließ, ergab es sich, daß das Pariser Exemplar nur eine Copie sei, aus einem Journal entnommen, das Herr von Murr in Nürnberg herausgegeben hat, und zwar aus dem Jahrgang 1776. Durch Färben des Papiers und sonstige Manövres hatte man demselben ein veraltetes Ansehen gegeben. Ueber den förmlichen Congreß, der zu dieser Vergleichung zusammengerufen wurde, ist zwar so recht Bestimmtes nicht zu Tage gekommen. Herr Dibdin gibt aber in seiner Reise nach Frankreich an, daß das Pariser Exemplar von einer spätern Platte, aber ebenfalls mit der Jahrzahl 1423 bezeichnet, genommen sei. Mr. de Laborde dagegen, als tüchtiger Kenner und Schriftsteller in diesem Feld bekannt, spricht bestimmt aus, daß das Pariser Exemplar nichts als ein mit Kaffee gefärbtes Exemplar aus dem von Murr’schen Journal sei.

Hätte der Director des Pariser Cabinets die nöthige Kenntniß von der Beschaffenheit des Papieres in den verschiedenen Perioden gehabt, oder sich darüber belehren lassen, so würde er sich diese Demüthigung erspart haben. Diese Kenntniß ist oft deshalb entscheidender als selbst die feinste Kunstkenntniß, weil sie bestimmt nachzuweisen ist, während die aus dem gründlichsten Studium gewonnene Kenntniß diejenigen nicht überzeugen kann, welche nicht einen gleich gebildeten Sinn haben. Ja, es begegnet nicht selten, daß die Unwissenheit in solchen Fällen siegt, weil auf ernstes Studium sich gründende Kenntniß von ihr so gern verdächtigt, für Sonderbarkeit, Caprice, Dünkel ausgelegt wird.

Einen andern Beleg zu dem Gesagten will ich noch anführen: In einer Cölner Auction kam vor einigen Jahren eine Raphael’sche Zeichnung vor, die der verstorbene Besitzer um hohen Preis [163] erkauft und sehr werth gehalten hatte. Da ein Kunsthändler mit seiner Meinung, daß sie uuecht sei, nicht durchdringen konnte, so trug er darauf an, daß dieselbe von der dicken Unterlage abgelöst würde. Und was kam zum Vorschein? Das Papierzeichen N. (Napoleon) mit einer Krone darüber. Napoleon hat aber bekanntlich nicht zur Zeit Raphael’s gelebt. Nun wurde die Zeichnung um soviel Kreuzer verkauft, als Thaler dafür würden gezahlt worden sein. Ein Kunstliebhaber muß auch diese äußere Kenntniß haben, wenn er nicht beständigen Betrügereien will preisgegeben sein.

Niemand hat nun bestritten. daß der erwähnte Holzschnitt ein deutsches Product sei, und Niemand hat bis jetzt vermocht, einen älteren nachzuweisen. Die Ehre der Erfindung des Holzschnittes war deshalb den Deutschen unbestritten. Nur die Niederländer wiederholten ihre Versuche, ihnen diese Ehre zu entreißen, und glaubten vor einigen Jahren ihres Sieges gewiß zu sein. 1845 fand man nämlich in Mecheln in einem alten Koffer einen Holzschnitt eingeklebt, worauf sich angeblich die Jahrzahl 1418 befand.[2] Die königliche Bibliothek in Brüssel erkaufte denselben um hohen Preis und der Bibliothekar Baron von Reiffenberg veröffentlichte darüber eine besondere Broschüre in französischer Sprache: La plus ancienne gravure connue avec une date, der älteste Holzschnitt mit Jahrzahl, und gab dazu eine Nachbildung in Steindruck.

Bald darauf erschien eine andere Schrift dagegen,[3] deren Verfasser sich nur mit den Anfangsbuchstaben C. D. B. genannt hat (Herr von Brou, Bibliothekar des Herzogs von Aremberg), worin das Alter dieses Holzschnittes und die Richtigkeit der Jahrzahl bezweifelt wurde.

Durch eine Reihe von Costümefiguren nach Gemälden, Miniaturen und andern Denkmalen wies er nach, daß der fragliche Holzschnitt nur aus der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts stammen könne. Für Herrn von Reiffenberg trat zwar noch eine andere Schrift in die Schranken, deren Verfasser sich M. J. A. L. redacteur de la renaissance nennt, jedoch ohne sonderlichen Erfolg. Seitdem ist, soviel ich weiß, nichts weiter in der Sache geschehen, als daß Herr Inspector Passavant in Frankfurt a. M. im deutschen Kunstblatt erklärt hat, daß jedenfalls die Jahrzahl gefälscht sei; man bemerke auch noch ein L, 50, an der durch eine kleine Null ausgefüllten Stelle. Danach lautete die Jahrzahl 1468, was mit der Erklärung des Herrn de Brou übereinstimmt.

Der deutsche Christoph hat also diesmal gesiegt. Ob er sich aber gegen wiederholte Angriffe halten wird, kann man nicht voraussagen. Das soll uns Deutsche aber nicht hindern, uns der Ehre dieser Erfindung bis dahin voll zu erfreuen. Den Streit über Holz- oder Metallschnitt lasse ich deshalb unbeachtet, weil das zu weit führen würde und weil es gar kein wesentlicher Punkt ist, ob man Metall, Holz oder Stein verwendet, es wird immer Hochschnitt bleiben. Nur erwähne ich noch, daß der Holzschnitt die Erfindung der Buchdruckerei herbeigeführt hat. Wie man bei dem Burxheimer Christoph sehen kann, so ist die Unterschrift auf dieselbe Tafel ausgeschnitten. Und so verfertigte man auch größere Werke mit bildlichen Darstellungen und Text, welche vorzugsweise xylographische Werke genannt werden. Dergleichen sind die sogenannte Armenbibel, Heilspiegel, die Kunst zu sterben u. a. Ersteres, ein Auszug aus der Bibel mit bildlichen Darstellungen, wird deshalb so genannt, weil er für Unbemittelte, namentlich für Prediger gemacht wurde, für welche die Anschaffung der ganzen Bibel in jenen Zeiten zu theuer gewesen wäre. Diese Werke sind sehr alt, reichen aber noch in die Zeit nach der Erfindung der Buchdruckerkunst herein, weil die Verfertiger nicht sogleich ihre Beschäftigung, ihren Broderwerb aufgeben konnten. Bei späteren Aufgaben hat man die bildlichen Darstellungen benutzt und den Text darum in beweglichen Lettern beigefügt.

Wenn eine wichtige Erfindung einmal gemacht ist, so bemächtigt man sich derselben, beutet sie aus, verwendet und erweitert sie. Und so ist es auch mit dem Holzschnitt gegangen. Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts bemühte man sich, einfarbige Malereien, getuschte Zeichnungen durch Holztafeln herzustellen. Auf eine derselben wurden die Umrisse und tiefsten Schatten ausgeschnitten und auf eine andere nur die Lichter ausgestochen und sorgfältig auf die erste abgedruckt. Dadurch erzielte man drei verschiedene Farbentöne: das hellste Licht, den Mittelton und einen tieferen Schattenton. Diese Gattung nennt man Helldunkel, Clair-obscur, was man, meiner Ueberzeugung nach, irriger Weise mit dem Begriff von Helldunkel in der Malerei verwechselt hat. Hier bedeutet es nur wörtlich eine Zeichnung mit helleren und dunkleren Tönen derselben Farbe. Eigentliches Helldunkel habe ich bei keinem dieser Blätter bemerkt, dazu reichen die Mittel in keiner Weise aus. Nach und nach hat man diese Gattung von Holzschnitt sehr vervollkommnet, und namentlich haben die Italiener Vortreffliches darin geleistet.

Die Erfindung selbst ist ebenfalls eine deutsche, nur streitet man sich darüber, wer der Erfinder sei, an welchen Namen man sie knüpfen solle. Lange galt der Maler und Holzschneider Hans Burgmaier in Augsburg dafür, ein Zeitgenosse Dürers, von dem man ein Blatt mit der Jahrzahl 1510 kennt. Am allgemeinsten wurde aber ein anderer Künstler dafür gehalten, den man Johann oder Hans Ulrich Pilgrim nannte, weil er seine Blätter mit I. V. und zwei gekreuzten Pilgerstäben bezeichnet hat. Die Gründe für diese Annahme sind durch nichts unterstützt, da keins der zehn Blätter, welche man von ihm kennt, eine Jahrzahl hat, auch von seinen sonstigen Lebensverhältnissen nichts bekannt ist. Unsere Zeit, die mit außerordentlicher Thätigkeit der Erforschung und Feststellung von dergleichen schwebenden Fragen und Irrthümern sich zuwendet, hat den Kupferstecher Lödel in Göttingen veranlaßt, die sämmtlichen Blätter dieses Meisters, welche sehr selten und theuer sind, in Copien herauszugeben, und derselbe glaubt, daß sie von einem Straßburger Künstler, Namens Wächtelin oder Vuchtelin, gemacht seien; das Werk ist noch nicht erschienen. Nach andern Arbeiten, welche unter Wächtelin’s Namen gehen, habe ich mich von der Richtigkeit dieser Annahme noch nicht überzeugen können; doch sind das Werk und die angegeführten Beweisgründe erst abzuwarten. Erfreulich war es mir aber, als ich bei meinen Studien über Lucas Cranach ein Blatt von diesem Meister nachweisen konnte, das vom Jahre 1506 ist und welches in der Hitze des Gefechtes übersehen worden. Es ist darauf Venus mit Amor dargestellt. Die Abdrücke davon in Helldunkel sind sehr selten, nicht so die Abdrücke von einer Platte, wovon es sogar neuere gibt.

Eine Korrespondenz des kaiserlichen Rathes Conrad Peutinger zu Augsburg mit dem Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen belehrt uns, daß ersterer veranlaßt wurde, mancherlei Erfindungen Cranach’s mit großen Kosten nachmachen zu lassen, und da er zu gleicher Zeit mehrere Holzschneider, darunter auch Burgmaier, für die Werke, die Kaiser Maximilian durch ihn ausführen ließ, beschäftigte, so ist es möglich, daß diese Erfindung von Wittenberg nach Augsburg kam.

Die ersten Arbeiten dieser Art waren nur mit zwei Platten gedruckt, bald aber wollte man ausführlichere, vollendetere Kunstwerke herstellen, steigerte die Zahl immer mehr und suchte auch schon frühzeitig farbige Bilder auf diesem Wege zu erzielen, wie ein Muttergottesbild von Albr. Altdorfer zeigt, wovon ein Facsimile in dem R. Weigelschen Werk vor Kurzem erschienen ist.

Die Holzschneidekunst war, wie freilich alle Kunst, im vorigen Jahrhundert in Verfall gerathen. Da legte ein englischer Kupferstecher, John Bewick, durch seine Abbildungen zu der Geschichte der vierfüßigen Thiere 1790 und zu der Naturgeschichte der britischen Vögel 1797 den Grund zu deren erneutem Aufblühen, und dessen Sohn Thomas verbesserte das technische Verfahren weiter, so daß diese Kunst in ihrer neuen Gestalt von England ausgegangen ist.

Diese in neuester Zeit fast in’s Unglaubliche gesteigerte Technik hat freilich auch dadurch geschadet, daß sie, auf Kosten des eigentlichen Kunstwerthes, überschätzt worden ist, daß man Künstelei, Kunststückchen für Kunst hält. Das Material, der Stoff, dessen sich eine Kunstgattung für ihre Aufgaben bedient, bestimmt ihre Grenzen. Holzschnitte, welche Kupferstiche, Stahlstiche, Radirungen, Lithographien ersetzen wollen, sind Künsteleien, Surrogate, die nur solche befriedigen können, denen das Mühselige der Arbeit, das Ueberwinden von Schwierigkeiten für Kunst gilt; gleich denen, die lieber einen Purzelbaum schlagen sehen, als die ausdrucksvollen graziösen Bewegungen einer fein gebildeten Tänzerin.

[164] Die jetzige Technik der Holzschneiderei ist freilich eine ganz veränderte, so daß man eigentlich gar nicht mehr von Holzschnitt, sondern nur von Holzstich reden sollte, da man sich nicht mehr, wie früher, feiner Messerchen zum Umschneiden der einzelnen Striche von beiden Seiten, sondern des Grabstichels bedient, wie der Kupferstecher, nur zu umgekehrtem Zweck: der Kupferstecher vertieft die Linien, welche das Bild geben, der Holzstecher vertieft die Zwischenräume, welche weiß bleiben sollen. Was dem Kupferstecher die größte Schwierigkeit macht, die tiefsten Schattenmassen, ist für den Holzstecher das Leichteste.

Da es sich hier nicht um eine erschöpfende Geschichte der Holzschneidekunst handelt, so wünsche ich nur, mich deutlich genug ausgesprochen zu haben, und will später ein Gleiches mit der Kupferstecherkunst versuchen.



  1. An dem Tage, an welchem Du das Bild des heiligen Christophs anschauest, wirst Du nicht eines schlimmen Todes sterben.
  2. Es ist darauf vorgestellt die gekrönte Madonna auf dem Thron, in einer Gartenumzäunung, von vier Heiligen umgeben: Sancta Katerina, Barbara, Theorettisa (Theresia?) und S. Margoreta, wie die Beischriften und Attribute angeben. Darüber schweben drei Engel mit Kränzen.
  3. Quelques mots sur la gravure au millesime de 1418. (Einige Worte über den Holzschnitt mit der Jahrzahl 1418.)