Von Schleswig nach Missunde

Textdaten
<<< >>>
Autor: Gustav Rasch
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Von Schleswig nach Missunde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 187–190
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[187]
Aus den Landen des verlassenen Bruderstammes.
4. Von Schleswig nach Missunde..

Wer kennt nicht, wenn er jemals in Schleswig-Holstein gewesen ist, Doris Esselbach, die Wirthin zur „Stadt Hamburg“ in Schleswig? Und wen kennt sie selbst nicht, wen hat sie nicht gesehen und nicht gesprochen? Alle Personen, welche während der letzten sechszehn Jahre auf dem militärischen oder politischen Theater in Schleswig-Holstein irgend eine Rolle von Bedeutung gespielt haben, sind bei ihr vorübergegangen. Der alte Wrangel, General v. Willisen, der tapfere Sieger von Eckernförde, Capitain Jungmann, der brave Theodor Preußer, General v. Baudissin, General von Bonin, Louise Aston, der Major v. der Tann, die preußischen und österreichischen Civilcommissare von damals und heute, General de Meza und General Schleppegrell, Prinz Friedrich Karl und der Kronprinz von Preußen, General v. Gablenz und der Herzog von Coburg, – Alle hat sie gekannt, mit Allen hat sie gesprochen, von Allen weiß sie charakteristische Aeußerungen und Züge zu erzählen. Dänen, Oesterreicher, Preußen, Hannoveraner und Sachsen, alle Streiter für und gegen Schleswig-Holstein sind auf Stunden oder Tage in ihrem gastlichen Hause eingekehrt. Die Deutschen sagen von ihr, sie sei dänisch, die Dänen, sie sei deutsch, Alle aber stimmen darin überein, daß sie eine so energische und intelligente Frau sei, wie nur eine in Schleswig-Holstein.

In die Stadt Hamburg, das Haus dieser Doris Esselbach, ging ich, um mir Extrapostpferde nach Missunde zu bestellen. Frau Esselbach ist nämlich zugleich Posthalterin in der Stadt Schleswig, und man sagt von ihr, daß kein Mann der Stelle eines Posthalters jemals so gewachsen gewesen sei, wie Frau Esselbach in Schleswig, und daß sie, wenn es nöthig, selbst zuweilen Courierstiefeln anziehe und zu Pferde steige. Ein Kellner führte mich, wie er sagte, „zu seiner Madame“. Frau Esselbach saß in ihrer kleinen Schreibstube vor dem Schreibtisch. Ich sah sie heute zum ersten Male. Sie war eine stattliche Frau in den vierziger Jahren.

Sie empfing mich anfangs ziemlich kalt und machte mir große Schwierigkeiten wegen der Pferde; allein bald kamen wir in eine lebhafte Unterhaltung, die sich über eine Menge von Persönlichkeiten und Tagesfragen erstreckte. Von Minute zu Minute wurde sie wärmer, und ich erhielt, wenn auch nicht, was ich wünschte, so doch einen Platz im Postwagen, der nach Eckernförde fahren sollte. Vorerst ging aber sein Weg nicht weit. Er fuhr um die Ecke bis zur Eisenbahnstation und dann hielt er still, um die Ankunft des Zuges von Flensburg zu erwarten. „Eine Stunde dauert es gewiß noch bis dahin,“ sagte gleichmüthig der Postillon, knöpfte seinen rothen Mantel auf, zog eine Pfeife heraus und schlug nach alter Sitte mittelst Stahl und Stein sich Feuer an. Meine beiden Reisegefährten blieben mit schleswig-holsteinischer Ruhe, welche durch nichts erschüttert werden kann, sitzen. Das konnte ich nicht aushalten. Nach den Tagen des Schneesturmes und des tiefen Winters war heute ein heiterer Frühlingstag am blauen Himmel aufgestiegen. Ich verließ den Wagen und schaute mich um. Dort rechts breitete sich die Stadt Schleswig mit ihren rothen Dächern und weißen Wänden an den blauen Ufern der Schlei wie ein ungeheures Hufeisen aus, dort erhob sich der Dom mit seinem gewaltigen Dache und seinem Glockenthürmchen darauf, der ehrwürdige, alte Dom, von dessen Kanzel der „Swine-Martens“, der einst in Tönning als Pastor zugleich dem Schnapsladen seines Schwiegervaters vorstand, zwölf Jahre vor leeren Bänken gepredigt hatte. Jetzt war der Wirksamkeit des Biedermanns ein Ende gemacht worden.

Ich wandte mich zunächst nach Schloß Gottorf, welches sich links vor mir aufbaute. Das Schloß ist durch Demolirungen und Neubauten vollständig modernisirt worden, obschon Schleswig selbst eine der ältesten Städte des Landes ist. Die Dänen hatten vor, das Schloß vor ihrem Abzuge aus Schleswig in die Luft zu sprengen. Glücklicherweise wurden sie durch ihren eiligen Rückzug an der Ausführung dieses vandalischen Gedankens gehindert. In den letzten Jahren hatten sie das Schloß, welches einst die Wohnung von Herzogen und Königen war und später als Reliquie sorgsam in der alten, burgartigen Gestalt erhalten wurde, in einen Dragonerstall verwandelt. Man wollte auf diese Weise die Erinnerung an eine Zeit austilgen, wo Schleswig eigene Herzöge hatte. Es war das Ministerium Oersted, welches diese vandalische Maßregel beschloß, dasselbe Ministerium, dem die preußische Kreuzzeitung so oft Zeugnisse ihres Wohlgefallens ertheilte. In der zum Schlosse führenden schönen Buchenallee hatten die Dänen aber in den letzten Tagen ihrer Herrschaft wieder in barbarischster Weise gehaust. Fast die Hälfte der stattlichen Bäume war mit der Axt umgeschlagen. Im Innern des unschönen und winkeligen Schloßhofes brannte ein hellloderndes Feuer; Bettstellen, Matratzen und alle mögliche Lazarethgegenstände standen und lagen umher. In den untern Räumen stöhnten die Verwundeten aus den Gefechten bei Oberselk, bei Wedelspang, bei Bustorf und bei Oeversee unter ihren Schmerzen und unter den Händen der Aerzte. Es war zu traurig da drinnen. Ich ging darum wieder hinaus in den heitern milden Tag und in den goldnen Sonnenschein und betrachtete mir die im Schlosse aufgefahrenen Kanonen jeden Kalibers, welche die Oesterreicher den Dänen abgenommen hatten. Endlich kam der Zug von Klosterkrug angebraust; unser Postwagen fuhr ab.

Der Weg von Schleswig nach Eckernförde ist recht hübsch. Die Landschaft bietet keine großartigen Contraste, aber sie ist das Bild einer Idylle, in welche zuweilen ein leiser schwermüthiger Hauch [188] hineinweht. Bis nach Fleckebye führt der Weg fast immer den Ufern der Schlei entlang. Zuerst rollte der Wagen im langsamen Trab durch Friedrichsberg, das westliche Dritttheil der Stadt Schleswig, welches aus einer einzigen, anderthalb Stunden langen Straße besteht. Dann kamen wir wieder an den Schanzen bei Friedrichsberg vorüber. Wären sie vertheidigt worden – sie waren gar nicht armirt und auch im Bau noch nicht einmal vollendet – so wäre wahrscheinlich der Friedrichsberg dabei in Flammen aufgegangen. Von Bustorf führt die Straße nach Eckernförde in südöstlicher Richtung. Ueberall waren zu beiden Seiten des Weges die Bäume von den Dänen umgehauen worden, um die Straße in der Richtung nach Eckernförde mit den Kanonen bestreichen zu können. Nochmals erschien das Bild der Stadt Schleswig mit ihrem altersgrauen Dome jenseits des blauen Seespiegels der Schlei. Unwillkürlich kam mir von Neuem Swine-Martens in die Gedanken, wie er, zuviel Portwein im Kopfe, in der Straße umhertaumelte. Er wollte seine fette Pfründe gar nicht verlassen. „Ich habe mit meinen lieben Schleswigern die Tage der Trübsal getheilt, ich will auch in den Tagen der Freude bei ihnen bleiben,“ sagte er mit schwermüthiger Stimme. Aber die lieben Schleswiger wollten nichts davon hören, und Abends um sechs Uhr, an demselben Tage, wo die Oesterreicher in Schleswig eingezogen waren, verließ er die Stadt.

Dann erschien links von der Straße die Kirche von Haddebye, eine der ältesten des Landes. Nun ging’s über eine Nothbrücke; die Dänen hatten hier den Damm, auf dem die Landstraße hinlief, durchstochen. Mit jedem Schritte wurde die Landschaft mannigfaltiger, die Ebene verwandelte sich in bewaldetes Hügelland, und zuweilen blitzte der von der Nachmittagssonne vergoldete blaue Wasserspiegel durch die Baumgruppen. Jetzt rollte der Wagen durch die ersten zu Fleckebye gehörigen stattlichen Höfe und hielt dann vor dem Wirthshause. Fleckebye war seit den letzten zehn Jahren der Wohnsitz des Hardesvogts Blaunfeldt. Dort drüben auf der andern Seite der Straße stand sein Haus, ein prächtiges, modernes Landhaus von stattlichsten Verhältnissen und mit einem im englischen Geschmack angelegten Garten umgeben, mit der Aussicht auf die Waldung um Louisenlund und auf die Schlei. Blaunfeldt hatte auf seiner Hardesvogteistelle jährlich mehr als 7000 Thaler herauszuschlagen gewußt, wie den Lesern der Gartenlaube bekannt, durch die seinen Amtseingesessenen völlig willkürlich aufgelegten Strafgelder. Wenn er es dabei gar zu toll trieb, so griff wohl das Appellationsgericht in Flensburg zuweilen in die Wirthschaft ein, welche ihres Gleichen übrigens in Schleswig nicht gefunden hat; aber das geschah selten und genirte Blaunfeldt sehr wenig. Jetzt stand das schöne Haus einsam und verlassen. Der Besitzer befand sich in Rendsburg im Kerker, sein Sohn saß als Spion im Gefangenhause in Kiel, und seine Frau war in Berlin und Kopenhagen, um das Leben ihres Mannes zu erflehen.

In Fleckebye erhielt ich ohne Schwierigkeit Postpferde nach Missunde. Wieder kam ich jetzt über ein Terrain, welches mit der Hauptstellung bei dem Danewerke fortificatorisch verbunden war. Es war das Defilé zwischen der Schlei und der Eckernförder Bucht. Gegen einen Angriff von der Eckernförder Seite her hatte man versucht, sich folgendermaßen zu sichern. Vom Louisenlunder Schloßgarten, dessen Bäume ich drüben sah, längs der „großen Breite“, einer Bucht der Schlei, war eine größere und kleinere Dämmung angelegt, welche Beide mit Schleußen versehen waren. Durch diese Schleußen konnten zwei Auen so angestauet werden, daß sie eine künstliche Ueberschwemmung des ganzen Terrains von Fleckebye bis Windebye Noer bei Eckernförde hervorbringen. So lange der Feind nicht die Dämmung durchbrochen hatte, welche der Sicherheit halber noch mit Redouten versehen ist, brauchte die dänische Armee nur die Chaussee zu besetzen und zu vertheidigen. Bei dem Dorfe Borby, nördlich von Eckernförde, war überdies eine Batterie zur Bestreichung des Dammes der durch und nach Eckernförde führenden Chaussee angelegt. Weshalb auch diese kleineren und sehr geschickt angelegten fortificatorischen Anlagen zur Vertheidigung des Defilés zwischen der Schlei und der Eckernförder Bucht, durch welches hindurch die Preußen auf der Eckernförder Chaussee gerade nach Missunde los drangen, nicht benutzt worden sind, ist mir, vom mililärischen Standpunkte aus, vollkommen unbegreiflich. Daß die Dänen den Gedanken gehabt hatten, es zu thun, sah ich an einer Stelle des Dammes, auf dem die Chaussee hinlief, wo man Durchstechungsversuche gemacht hatte. Der Wagen bog jetzt in nördlicher Richtung auf einem Landwege nach Missunde ein. Kaum konnten die Pferde in dem tiefen Boden fortkommen. Nach einer halben Stunde fuhr ich zwischen zwei Schanzen hindurch. An der linken Seite erhob sich neben der zweiten eine dritte Schanze. Den sich nach dem Dorfe Missunde ziemlich steil senkenden Weg aufwärts zogen, wie man auf der Abbildung sieht, sechs Pferde eine Kanone. Es war eine von den Kanonen, welche die Dänen in den Schanzen zurückgelassen hatten.

Einige funfzig Schritt abwärts hielt ich vor dem ersten, strohgedeckten Hause von Missunde, in welchem die österreichische Feldwache lag. Der Sergeant, welcher dieselbe commandirte, erbot sich, mich in den drei Schanzen umherzuführen. Gern nahm ich sein Anerbieten an. Beide Schanzen waren noch fast ganz in demselben Zustande, in welchem sie von den Dänen geräumt waren. Nur einige Kanonen waren bereits von ihrem Bette genommen und fortgeschafft; andere standen noch dort und richteten ihre Mündungen auf das Defilé, welches ich soeben passirt hatte. In der Mitte jeder Schanz befand sich ein kolossales Pulvermagazin, in dem noch bedeutende Vorräthe vorhanden waren. Das Dach war bombensicher eingedeckt. Der Zugang zu demselben war durch eine Palissadenreihe geschlossen. Wenige Schritte von dem Pulvermagazine standen Blockhäuser aus dicken Balken, so groß, daß sich ein ansehnlicher Theil der Besatzung dahin zurückziehen konnte. Noch bedeckte Stroh den gedielten Boden. Kartätschen und Shrapnells lagen zerstreut umher, dazwischen Lederhelme und mit Blut befleckte Kleidungsstücke. Noch standen die Munitionswagen da, welche die Dänen in der Eile ihres Abzuges zurückgelassen hatten. Der Sergeant langte mit der Hand einige Shrapnells heraus, um mir zu zeigen, daß darin sechsunddreißig kleinere Kugeln enthalten seien. Dann stiegen wir auf die Brustwehr und überblickten die äußeren Befestigungen der Schanzen und das Defilé, in dem vor wenigen Tagen die sogenannte Recognoscirung gegen die Schanzen stattgefunden hatte. Dort drüben links erhob sich der Boden zu einer geringen Höhenanschwellung. Auf derselben waren die preußischen Kanonen aufgefahren gewesen, um die an dieser Seite der Schlei liegenden drei Schanzen zu beschießen, die ungefähr 25 Fuß hoch sein mochten, während der vor denselben befindliche Graben eine Tiefe von etwa 15 Fuß haben konnte. An der äußeren Seite des Grabens, nach der Seite hin, von wo die feindlichen Truppen im Fall eines Bajonnetangriffs die Schanzen stürmen mußten, waren zwischen eingerammten Pfählen drei starke Drähte in der Höhe von vier Fuß parallel mit dem Boden gezogen – um die Stürmenden einige Minuten zurückzuhalten und ihnen so eine neue Salve zu geben. In der Mitte der Grabenböschung hatte man eine starke Palissadenreihe angebracht, welche erst niedergehauen werden mußte, bevor die Stürmenden an der jenseitigen Böschung hinaufsteigen konnten. Die Schanzen waren nach dieser Seite hin vortrefflich befestigt und hätten, selbst wenn es den angreifenden Truppen gelungen wäre, bis an den Rand des äußeren Grabens vorzudringen, nur mit großem Verlust genommen werden können.

Missunde ist der wichtigste Punkt für die Befestigungen an der Schlei. Der Besitz der Position von Missunde schließt den Besitz der Stellung bei Schleswig in sich, weil man, im Besitz von Missunde, die Schleswiger Position im Rücken angreifen kann.

Ist Missunde genommen und setzt man sich im günstigen Terrain des Landes Angeln fest, so bleibt den Dänen nichts mehr übrig, als in Angeln eine Schlacht anzunehmen oder sich auf Flensburg und von dort hinter die Düppler Schanzen zurückzuziehen. Die Dänen haben diese Wichtigkeit der Position von Missunde auch wohl erkannt und deshalb zur Deckung derselben sieben Schanzen angelegt, drei diesseits, vier jenseits der Schlei, außerdem einen befestigten Brückenkopf.

Zum Schluß will ich eine Episode aus dem am 3. Febr. hier stattgefundenen Artilleriegefecht erzählen, wie sie mir ein Augenzeuge berichtete, eine That, welche ebensowohl von großer Bravour, wie von wahrer Menschlichkeit zeugte. Ein dänischer Schütze hatte sich aus der Schanze weit voraus an die Höhe geschlichen, worauf die preußischen Kanonen standen, und feuerte von dort auf die Bedeckungsmannschaften. Er war ein guter Schütze und verwundete Menschen und Pferde. Endlich traf ihn eine Kugel. Schwerverwundet sank er nieder. Jetzt band er sein Taschentuch um die Spitze seines Bajonnets und winkte nach der Schanze hinauf, daß man ihn holen solle. Vergebens. Rechts und links schlugen die dänischen Kugeln neben ihm nieder.

[189]
Die Gartenlaube (1864) b 189.jpg

Schanze am jenseitigen Ufer der Schlei.  Brückenkopf am diesseitigen Ufer der Schlei.
Bei Missunde, Mitte Februar.
Originalzeichnung unseres Specialartisten E. Wolperding.

[190] Da gingen drei Kanoniere von denselben Bedeckungsmannschaften, auf welche er geschossen hatte, zu ihm heran, nahmen ihn mitten im Feuer der dänischen Schanzen auf und trugen ihn hinter die preußische Batterie in Sicherheit.

Der Abend dunkelte bereits mächtig herein, als ich mich wieder in den Wagen setzte, um durch die einzige Straße des Dörfchens Missunde zum Ufer der Schlei zu gelangen. Missunde ist ein gar elendes Fischerdorf, das höchstens einige dreißig strohbedeckte Häuser zählt. Langsam fuhr meine Kutsche die holprige Straße abwärts, welche sich steil zum Ufer der Schley hinabsenkt. Fast an allen Häusern hatte die Beschießung der Schanzen durch die preußischen Kanonen ihre zerstörenden Spuren zurückgelassen. Die Schlei hat hier kaum eine Breite von hundert Schritt. Dicht am Strande sah ich die Mauern eines großen, steinernen Gebäudes, das vollkommen ausgebrannt war. Des Daches beraubt, ragten die Ruinen der äußeren Mauern schauerlich gegen den schneebedeckten Abendhimmel auf. Es war ein trauriges Bild der Zerstörung und der Verlassenheit. Einige Pontons aus der hier von den Dänen geschlagenen Schiffbrücke, auf welcher sie bei ihrem Rückzuge aus den Schanzen die Schlei überschritten hatten, lagen noch in dem graugelbgefärbten Wasser. Auf der Fähre setzte ich auf das linke Ufer über und blieb in dem einsamen Wirthshause drüben über Nacht. Selbst bis hierher hatten die Todesgeschosse ihren Weg gefunden. Eine Granate war durch das Dach geschlagen. Noch überall an den Wänden der Stube, innerhalb welcher sie geplatzt war, zeigte sich die Wirkung der gefüllten Kugel. Ich war daher herzlich froh, als mich der andere Morgen von diesem Orte des Grausens und des Jammers erlöste.
Gustav Rasch.