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Titel: Sie wartet
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 190
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Besuch des Bagno zu Toulon
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[190] Sie wartet. Wir hatten den Winter in der beiläufig weit über Gebühr gepriesenen Provence zugebracht und uns – schreibt eine englische Touristin – an der Nacktheit, der vegetationslosen Dürre des Landes wenig erquickt. Toulon war für den Rückweg aufgespart worden. Hier wurde natürlich Frankreichs größter Kriegshafen mit seinen gewaltigen Arsenalen und dem damit in Verbindung stehenden Orte des Schreckens, dem Bagno der Galeerensträflinge, in Augenschein genommen.

Jeder Fremde, der sich im glücklichen Besitze eines ordnungsmäßig ausgestellten und mit dem kaiserlichen Visa bereicherten Passes befindet, kann sich ohne Schwierigkeit auf dem dicht neben den Kriegswerften eingehausten Admiralitätsamte eine Einlaßkarte verschaffen, auf welche hin er zu einer bestimmten Stunde durch die Räume von Arsenal und Bagno geführt, besser, getrieben wird. So kam es, daß wir die kleine Gesellschaft von einigen vierzig Personen, Damen und Herren, bildeten, die sämmtlich zur gleichen Zeit Einlaß gefunden hatten. Unser Führer, der für die ihm überlieferte Fremdenzahl verantwortlich war, hatte die größte Noth von der Welt, seine Heerde gehörig zusammenzuhalten und nicht aus dem Auge zu verlieren. Der arme Mann betrachtete uns mit einem Blicke entschiedenen Mißtrauens; er schien in beständiger Angst zu schweben, daß Einer oder der Andere von uns etwa einen Anker oder ein Schiffstau in die Tasche stecken oder gar Lust verspüren möchte, sich den Reihen der Bagnosträflinge einzuverleiben, die wir in den verschiedenen Höfen des Arsenals bei der Arbeit trafen oder unter militärischer Escorte an uns vorüberziehen sahen.

Es war ein Anblick, welcher schaudern machte und zugleich das Herz mit unsäglichem Weh erfüllte, – diese Hunderte von Männern mit dem Eisenring um die Knöchel und der klirrenden Kette, in gelbem Beinkleid und rother Blouse und so viele mit der verhängnißvollen grünen Mütze aus dem Kopfe, – dem Zeichen lebenslänglicher Verurtheilung! Wirklich erlöst die Mehrzahl der hier Eingekerkerten nur der Tod von ihren Ketten, Niemand aber findet Aufnahme, der nicht mindestens eine zwanzigjährige Strafzeit zu erdulden hat. Lebenslang, zwanzig Jahre, – zwanzig endlose Jahre in der sengenden Sonne des Mittags und dem schneidenden Mistral (dem scharfen Nordwind, einer Geißel der französischen Südküsten), zwanzig Jahre voller Zwang und Schweigen und Schande, – wer kann den Gedanken ausdenken? Und keine Minute der Fesseln ledig, selbst nicht im Schlafe! Denn durch die übrigens weiten und luftigen Schlafsäle laufen mächtige Eisenstangen, an welche mit Hülfe von Ringen die Füße der Sträflinge angeschlossen werden.

In den Blicken der Meisten lauerte ein wahrhaft entsetzlicher Ausdruck von Haß und Ingrimm; selten, daß Einer uns ansah, wenn wir, in einer natürlichen Anwandlung von Theilnahme und Mitleid, ihnen guten Morgen boten. Manche schienen völlig stumpf und verthiert, doch Einzelne waren auch heiter und guter Dinge und grüßten uns mit einer frechen Freundlichkeit. Beinahe die Hälfte aller uns begegnenden Sträflinge waren lahm, Alle aber hatten jenen schlürfenden Gang, welchen der schwere Eisenring oft schon nach wenigen Monaten selbst dem früher flinksten Fuße zu geben pflegt. Dieser eigenthümlich schleppende Gang ist das unvertilgliche Kennzeichen früheren Bagnolebens und wird dem entsprungenen Sträflinge oft zum Hauptverräther.

Wir machten noch Jeder ein paar kleine Einkäufe in dem Bazare, in dem die zum Theil meisterhaft gearbeiteten Horn- und Elfenbein, Holz- und Cocosnußschnitzereien der Gefangenen ausgestellt sind. Sämmtliche Verkäufer sind Sträflinge, und der Cassirer, der mit bestem Anstande die Honneurs des Magazins macht und überhaupt das ganze Geschäft leitet, war ein auf Lebenszeit verurtheilter – Mörder. Ich athmete auf, als wir damit unsern traurigen Besuch abgethan hatten und das hohe Gitterthor des Bagno’s wieder hinter uns in’s Schloß fiel. Unser Führer überzählte uns, er hatte uns Alle noch glücklich beisammen und legte eben die Hand an die Militärmütze, um sich zu verabschieden, als er eine ärmlich gekleidete Frau wahrnahm, die vor dem Eingange rastlos auf und nieder schritt. Jedes mal, wenn sie an das Gitter kam, blieb sie einen Augenblick stehen und warf einen langen, scheuen Blick zwischen den Eisenstäben hindurch, dann begann sie ihre unruhige Wanderung von Neuem, um immer wieder vor dem Thore des Grauens Halt zu machen.

„So ist sie,“ sagte unser Führer, „nun seit neun Jahren, mit wenigen Ausnahmen, Tag für Tag gekommen. Unsere Wachen kennen sie so genau, wie ihre Schilderhäuser, und Mancher weiß noch recht gut, was für ein schönes junges Weib sie war, als sie zum ersten Male erschien. Heut sieht sie wie sechzig Jahre aus, und ist doch vielleicht keine dreißig. Ja, ja, das arme Geschöpf hat sich furchtbar verändert, so daß der drin, auf den sie wartet, sie, trotz aller ihrer Treue, nicht wieder erkennen wird, – wenn er einmal herauskommt!“

Er versuchte zu lächeln, allein ich bemerkte wohl, wie dies nur ein mißlungener Versuch war, die Theilnahme zu verbergen, mit welcher er im Stillen das unglückliche Weib betrachtete.

„Wer sie beobachtet hat, wie wir, der sieht, daß sie’s nicht mehr lange treiben wird,“ fuhr er fort; „ja, sie reibt sich auf, sie härmt sich zu Tode um Einen, der drin ist; sie stirbt vom Warten.“

In diesem Momente kam die Frau an uns vorüber und bot unserem Cicerone einen kaum hörbaren „guten Morgen“; dann machte sie sich eilends davon und verschwand. Der gutmüthige Mann hatte seine Mütze berührt und ihren Gruß erwidert, wandte sich aber rasch zu mir, als schäme er sich seiner Höflichkeit und setzte, wie entschuldigend, hinzu: „Der Weg hier steht Jedermann offen; wir haben also kein Recht, ihn dem Weibe zu verbieten, auch keines, es anzuhalten und auszufragen. Vor neun Jahren, als sie zum ersten Male hier durch das Gitter schaute, da wollte sie vergehen vor Weinen und Schluchzen, – jetzt hat sie schon lange keine Thränen mehr, – aber ihr Blick ist immer so schmerzvoll und traurig, ach, so traurig, daß man sie gar nicht ansehen kann, ohne selber betrübt zu werden. Was hatte sie für volles, glänzend schwarzes Haar, und nun ist’s schloßweiß und dünn geworden! Einmal frug ich sie, ob ich ihr vielleicht drüben in der Admiralität eine Einlaßkarte verschaffen sollte, sie wolle doch wohl Jemanden sehen, der drinnen wäre? Gott im Himmel, das Gesicht, das sie machte, als ich ihr dies sagte, – ich vergeß’ es in meinem Leben nicht wieder! Solch einen Blick von Schrecken und Angst, und ich weiß nicht, was noch, hatt’ ich nie gesehen und werde keinen wieder sehen, und wenn ich sie nicht gehalten hätte, so wäre sie umgesunken. Geantwortet aber hat sie mir keine Sylbe, sondern wie sie wieder stehen konnte, schlich sie davon. Einmal hob sie ihre Hand in die Höhe, als wollte sie sprechen, doch es ging ihr kein Wort über die Lippen. Und dann ist sie zwei Tage nicht wieder gekommen, und ich dachte schon, ich hätte mit all meinem guten Willen das arme Ding gekränkt und fortgescheucht. Indeß endlich am dritten Vormittag – war sie wieder da, aber so verändert und krank, daß ich sie selber kaum wieder erkannte. Und da, an diesem Tage ist’s gewesen, wo sie mir zum ersten Male ihr leises „Guten Morgen“ gesagt hat, – ’s ist schon mehr als acht Jahre nun, und seitdem hat sie Niemand wieder in ihrem wunderlichen Thun gestört.“

„Können die Unglücklichen drin durch Ihre Vermittelung mit ihren Angehörigen verkehren?“ frug ich.

„Durch meine Vermittelung nicht. Nur unsere obersten Vorgesetzten wissen, wer und was die Sträflinge unsers Bagno’s draußen in der Welt gewesen sind; für mich und alle anderen Wächter und Aufseher verliert der Sträfling jede Identität, sobald ihn das Gitter hier eingelassen hat; für uns ist er fortan ein namenloses Ding, das nur die ihm gegebene Ziffer von den Hunderten anderer Namenlosen unterscheidet. Wir wissen blos aus den Streifen der Kleidung und aus der Farbe der Mützen, zu welcher Strafzeit jeder der uns Ueberlieferten verurtheilt ist.“

Er hatte dies kurz und dienstmäßig geantwortet, als er sich aber wandte, sah ich, wie er verstohlen die Hand an die Augen führte.

Mich litt es keine Stunde mehr in Toulon; der scheue Blick, der durch das Gitter spähte, verfolgte mich auf Schritt und Tritt, und lange waren die grausigen grünen Mützen das Schreckbild meiner Träume. – Wer ist der Unglückliche gewesen, welchem eine solche Treue, solch’ eine Alles überdauernde, Alles verzeihende und Alles überwindende Liebe gewidmet war? Was hatte er verbrochen? War er am Ende gar unschuldig, – ein zweiter Alamontade? – – Wie hieß das Weib? Trug es mittel- oder unmittelbar vielleicht Mitschuld am Verbrechen des Gatten und hatte deshalb nicht den Muth dem Unglücklichen zu nahen? Wo war es daheim, dessen Leben neun lange Jahre einzig in dem Moment aufging, wo es von Weitem einen scheuen Blick auf den Schreckensort werfen dürfte, in welchem der Geliebte seines Herzens im Bagnoanzug, vielleicht mit der grünen Mütze, als namenlose Ziffer seine Kette schleppen mußte, das durch neun furchtbare Jahre nichts dachte, als ihn, nichts that als warten auf ihn, wartete, ob der drinnen nicht endlich heraus käme? Dies Alles weiß ich nicht und mochte nicht danach fragen; helfen konnt’ ich ja doch nicht. Wohl aber kann ich die Arme verstehen, welche das Sehnen ihrer Seele nicht zu stillen wagte, um ihr gefallenes Idol nicht sehen zu müssen in der Schmach seiner Erniedrigung, – ob sie sich auch verzehrte in diesem Sehnen, – ob das Herz ihr dabei brach! –