Vom italienischen Kriegsschauplatze

Textdaten
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Autor: G. R.
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Titel: Vom italienischen Kriegsschauplatze
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 735-736
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[735] Vom italienischen Kriegsschauplatze. König Ferdinand II. war ein Tyrann, das verkörperte Princip des Absolutismus, aber ein Tyrann von Geist und Energie. Er war Niemandes Werkzeug; Alles war Werkzeug in seiner kraftvollen und mächtigen Hand. Er hat viel für Neapel gethan. Als er die Regierung übernahm, war Alles in einem Zustande der Auflösung und des vollständigen Verkommens; aber Alles, was er geschaffen hat, schuf er für sich, zur Befestigung seiner absoluten Regierung und seiner Dynastie. Das Wohl des Landes stand bei ihm in zweiter, das Wohl der Unterthanen in gar keiner Reihe. Er baute prächtige Schlösser und Paläste und schuf feenhafte Gärten, um selbst darin zu wohnen, er schuf eine vortreffliche Armee von 137,000 Mann und eine Flotte von 149 Kriegsschiffen, um damit seine absolute Regierung gegen jeden Angriff zu vertheidigen, von welcher Seite er auch kommen möge. Um die Volksbildung kümmerte er sich gar nicht; für Anlegung von Schulen und Universitäten hatte er keine Mittel, oder vielmehr die absichtliche und vollständige Vernachlässigung der Volksbildung war ihm ein Mittel zu seinen Zwecken. Für Handel und Industrie hat er nichts gethan. Neapal hat weder Manufacturen noch Fabriken. Der Handel nach auswärts mit einheimischen Producten wurde möglichst erschwert, nicht befördert, denn alle commerziellen und industriellen Verbindungen des Landes mit andern europäischen Ländern stimmten mit der vollständigen Abgeschlossenheit, worein er das Land Neapel versetzt zu sehen wünschte, nicht überein. Handel und Verkehr befördern die Bildung des Volkes und bringen Ideen und Gedanken mit, welche seinen absolutistischen Regierungsprincipien schnurstracks entgegenliefen. Darum haßte der König alle industriellen und commerziellen Beziehungen mit dem Auslande. Am liebsten hätte er das Land mit einer so hohen chinesischen Mauer umzogen, daß selbst die Luft des Himmels hätte draußen bleiben müssen. Er baute deshalb weder Straßen noch Eisenbahnen. Alle Straßen im Lande sind in einem fabelhaft schlechten Zustande; durch ganz Calabrien, von Reggio bis Neapel, geht eine einzige Straße, und auch diese Straße wäre wahrscheinlich gar nicht vorhanden, wenn die Römer sie nicht vor zweitausend Jahren gebaut härten.

In Calabrien reist Niemand, wer nicht dringendst dazu gezwungen ist, und dieser muß sich zwanzig Mann Bedeckung mitnehmen, sonst ist er nicht sicher, todtgeschlagen oder wenigstens ausgeplündert zu werden. Alle die Geschichten, welche man von calabrischen Räubern erzählt, wie sie Reisende gefangen nehmen, sich nach ihren Verhältnissen erkundigen und hohe Summen für ihre Freilassung erpressen, sind wahr; sie sind noch heute an der Tagesordnung. In Sicilien gibt es außer der Straße von Palermo nach Catanea gar keine Straßenverbindung. Wer im Innern der Insel zu thun hat, kann nur zu Maulesel oder zu Pferde hingelangen, und auch dann nur unter sicherer Bedeckung. Ich habe einen Bekannten in Messina, der ein großes Gut im Innern der Insel hat, und es niemals sah. „Ich muß mich ganz auf meinen dortigen Intendanten verlassen, dem ich die Besitzung für eine gewisse Summe in Pacht gegeben habe,“ sagte er zu mir. „Es ist für mich zu mühselig, weitläufig und – auch gefährlich, selbst hinzureisen; ich habe es für einen Spottpreis gekauft; ich wollte, ich wäre es wieder los.“ Alles Korn, was zur Verschiffung in die Häfen nach Palermo und Messina gebracht wird, wird durch Maulesel dorthin befördert. Dem Maulesel werden drei Säcke Getreide aufgeladen; einen frißt er unterweges, der zweite wird gestohlen, nur der dritte kommt häufig an. Trotz alledem ist der Handel Siciliens mit Getreide und Südfrüchten bedeutend; so fruchtbar ist das Land. Die Römer nannten Sicilien bekanntlich schon die Kornkammer Italiens. Eisenbahnen gibt es natürlich in Neapel nicht. Die kurzen Eisenbahnsteige von Neapel nach Gaeta, Caserta, Pompeji und Salerno legte König Ferdinand einzig und allein aus selbstsüchtigen Zwecken an, um schnell nach seinen Lustschlössern und Festungen hinkommen zu können und um schnell Soldaten, Kanonen und Häscher nach Neapel bringen zu können. Neapel könnte die erste Handelsstadt Europa’s sein; seine Lage zwischen Afrika, dem Orient und dem Occident, seine vortrefflichen Häfen berechtigen es dazu, und Neapel ist als Handelsstadt ohne alle Bedeutung. Der Handel Neapels ist in Livorno und in Genua zu suchen. Neapel selbst hat kaum hundert Firmen von einiger Bedeutung, und die Inhaber dieser Firmen sind Deutsche, Franzosen und Engländer. Die Dampfschifffahrt zwischen Neapel, Messina, Palermo und dem Orient ist meistens in den Händen auswärtiger Kaufleute und Gesellschaften.

Persönlich war König Ferdinand ein jovialer und geistvoller Herr. Selbst seine persönlichen und politischen Feinde wissen nicht genug von seiner persönlichen Liebenswürdigkeit zu erzählen. In seiner Regierungsweise, in seiner Härte und Energie gegen seine Feinde war er ein zweiter Tiberius oder Nero. Jedes Gesetz war ihm gleichgültig; sein Wille war sein Gesetz. Die von ihm beschworene Constitution vom Jahre 1848 wurde niemals durch ein Gesetz abgeschafft; sie existirt rechtlich noch heute. Trotzdem ließ er gegen seine Feinde die Tortur und den Stock anwenden; er ließ die Verdächtigen ohne Urtel einsperren und hielt sie zehn Jahre lang im Kerker; schon der Ausdruck der Freude oder der Betrübniß auf dem Gesichte genügte, um Jemanden auf die Liste der Verdächtigen zu bringen. Er ließ die politischen Gefangenen, welche ihm lästig wurden, nach Amerika deportiren, obschon die Strafe der Deportation im neapolitanischen Gesetzbuch nirgends vorkommt. In einem seiner Deportationsdecrete sind die Namen von elf Personen vorhanden, welche schon gestorben waren, und unter sechszig, welche deportirt wurden, kamen fünf vor, welche ihre Strafe schon ganz verbüßt hatten. Gen. Massari, Mitglied des Turiner Parlaments, wurde in contumaciam zum Tode durch den Strick verurtheilt. Er bewies von Turin aus, daß eine Namensverwechslung stattfinde, daß er während der Zeit, wo er des Verbrechens des Hochverraths in Neapel angeschuldigt wurde, in Mailand gewesen sei. Das Alibi war unzweifelhaft; jeder Gerichtshof hatte es anerkannt; aber Massari blieb verurtheilt.

Als es zum Sterben ging, ließ der König seine Familie zusammenrufen und dictirte seinem eigenen Sohne, dem König Franz II., sein Testament selbst in die Feder. Dann ermahnte er alle Familienmitglieder, einig zu bleiben, und sprach zu ihnen die denkwürdigen Worte, die der greise Metternich einstens dem jetzt auch im Exil lebenden Großherzog von Tcscana schrieb: „Wenn wir Alle einig bleiben, können wir für immer zusammen in Italien bleiben; sonst holt uns alle zusammen der Teufel.“ Dann ließ er alle ersten geistlichen Würdenträger, welche in Neapel anwesend waren, kommen und erhielt die Sterbesacramente. Es fehlten Einige; da sagte der König: „Ich sehe, daß Mehrere fehlen; warum kommen sie nicht? sie werden doch wohl eine halbe Stunde übrig haben, um mich sterben zu sehen. Man lasse sie holen.“ Der Monarch behielt seine Besinnung bis zum letzten Augenblick. Derselbe ist übrigens nicht an der schrecklichen Krankheit gestorben, die man gewöhnlich als die Ursache seines Todes anzugeben pflegt. Ferdinand II. starb an der galoppirenden Schwindsucht, die sich bei ihm als Folge eines Fiebers eingestellt hatte, welches er sich durch Unvorsichtigkeit und Erkältung zugezogen hatte.

Sein Sohn Franz II., der jetzt in Gaeta eingeschlossene König, gleicht seinem Vater nicht im Mindesten. Er hat nichts von dessen Geist und Energie; er ist ein schwacher, kranker, halb schwachsinniger Mann. Man erzählt in Neapel furchtbare Dinge über die Ursache dieses körperlichen und geistigen Zustandes. Er sieht elend und kränklich aus, leidet an Nervenzucken, und kann nicht gerade stehen. Er geräth in Verlegenheit, wenn man ihn gerade ansieht und länger mit ihm spricht, tritt an’s Fenster und trommelt in seiner Verlegenheit auf den Fensterscheiben. „Was wird man im Auslande sagen, wenn Sie diesen Mann als einen König präsentiren?“ sagte der Gesandte einer großen auswärtigen Macht in Neapel zu einem von den Ministern kurz der dem Ausbruche der Revolution. Franz II. hat sich nach dem Tode seines Vaters in Regierungssorgen abgearbeitet; aber sein Geist ist zu schwach, um irgend eine Relation aufzufassen, geschweige denn eine Maßregel zu ergreifen. Seinem Vater war Alles Werkzeug zur Durchführung seiner absolutistischen Principien; er selbst war ein Werkzeug in den Händen seiner Stiefmutter und der Priester. Um ihn zu zerstreuen, verheirathete sie ihn. Die junge Königin von Neapel, eine Prinzeß von Baiern, ist eine Frau von Geist und Herz. Sie ist durch diese Heirath die unglücklichste Frau der Erde geworden, und ist sehr zu beklagen. Sie hat sich viel Mühe gegeben, den Geist ihres Mannes aufzurichten und ihn zu einem König zu machen. Bei seiner oft an Stumpfsinnigkeit grenzenden geistigen Schwäche war Alles unmöglich und vergeblich. Halbe Tage lang lag der König betend vor dem Bilde der heiligen Jungfrau. „Stehe doch auf,“ sagte sie zu ihm, „erinnere Dich, daß Du ein König bist; Du bist kein Mönch.“ Kurz nach der Verheirathung ging sie mit ihm am Meeresufer spazieren. Sie wurden von Bettlern umringt, welche um eine Gabe baten. Da zog der König seinen Geldbeutel heraus und suchte darin nach einigen halben Carlins. Die Königin riß ihm den Geldbeutel aus der Hand und warf alles darin enthaltene Gold entrüstet unter die Bettler. Der König fuhr oder ritt nie mit seiner Gemahlin aus; diesen Dienst übernahmen seine Brüder. Sein körperlicher Zustand ist zu schwach; er kann nicht längere Zeit zu Pferde aushalten. Die Königin suchte auf die Regierungsmaßregeln ihres Mannes Einfluß zu bekommen; alle ihre Bemühungen waren bei seiner geistigen Schwäche und bei der Macht, welche seine Stiefmutter und die Priester über ihn erlangt hatten, vergebens. „Ich sehe gar nicht ein, warum Du den Leuten dann durchaus keine Constitution geben willst; wir haben in Baiern auch eine [736] Constitution, und wir leben ganz gut bei dieser Constitution,“ sagte sie oft zu ihm. Ueber die in der Ebene von Sessa zwischen Gaeta und Capua stationirten Regimenter hat sie eine Revue abgehalten; er blieb in Gaeta – und betete vor dem Bilde der heiligen Jungfrau.

Daß einem so schwachen und schwachsinnigen Manne die Revolution bald über den Kopf wachsen mußte, ist natürlich. Die Königin hat sich alle mögliche Mühe gegeben, ihn zu bewegen, nach Calabrien zu gehen, als Garibaldi in Reggio landete, und sich an die Spitze der Truppen zu stellen. „Ich werde mit Dir zu Pferde steigen,“ sagte sie zu ihm, „und werde mit Dir fechten,“ aber Alles war vergebens. Später ermannte er sich etwas. „Indeß der Stoß war so gewaltig, die Revolution war in Neapel und Sicilien mit so großer Vorsicht und mit so vielen Mitteln vorbereitet,“ sagte zu mir ein sehr wohl unterrichteter Diplomat in Neapel, der die ganze Entwickelung mit angesehen hat, „daß selbst die Energie und der gewaltige Geist König Ferdinands nicht hätten widerstehen können. König Ferdinand hatte allen Ermahnungen des englischen, französischen und sardinischen Cabinets, ein Regierungssystem zu ändern, welches Gladstone mit Recht „die Negation Gottes“ nannte, das Gehör verweigert; dies entsetzliche Regierungssystem ist gefallen, indem englische, französische und sardinische Bemühungen mit vollem Rechte einem so gequälten Lande zu Hülfe kamen. Eine Revolution kann nicht gemacht werden, wenn der Stoff zu derselben fehlt; aber sie kann berbeigeführt werden, wenn so viel Zündstoff vorhanden ist, wie dies in Neapel der Fall war.

Die Garibaldi’sche Armee ist gut ausgerüstet, gut disciplinirt und von einem vortrefflichen Geiste beseelt. Die Nachrichten der Augsburger Allgemeinen Zeitung von einem Widerstand der Armee, von Opposition in derselben und namentlich von einer Opposition in den sicilianischen Truppen sind aus der Luft gegriffen, und kein Wort Wahres daran. Gerade die Truppen, welche kürzlich in Neapel ausgeschifft wurden, und welche aus Messina kamen, sind die Kerntruppen der Armee. Ich sah sie in Neapel einziehen und sah sie in den letzten Gefechten vor Capua. Sie schlugen sich vortrefflich, und die Begeisterung für ihren Führer war eine große und allgemeine. Es war Nachmittags drei Uhr. Ich stand mit dem Intendanten des General Türr im Schlosse von Caserta vor dessen Quartier. Einige Compagnien dieser sicilianischen Truppen kamen aus dem Gefecht zurück, welches seit Morgens acht Uhr gedauert hatte. Sie brachten ungefähr tausend Mann der neapolitanischen Truppen mit ihren Officieren als Gefangene in das Schloß, welche im Gefecht abgeschnitten waren. „Sehen Sie wohl, mein Herr,“ sagte der Officier französisch zu mir, „fast Alle sind Landsleute von Ihnen.“ – „Mein Herr,“ erwiderte ich ihm, „das ist ein Unglück für mein Vaterland.“ Die neapolitanischen Soldaten sahen sehr gleichgültig und dumm aus, und baten um Essen und Ruhe, wozu sofort die Anstalten getroffen wurden. Die Garibaldi’schen Truppen lagerten sich ganz ermüdet auf die Erde. Da kam Garibaldi mit seinem Stabe aus der Schlacht zurück. Auf einmal erhoben sich alle diese ermüdeten Menschen von der Erde, keiner von ihnen blieb liegen. Alle stürzten in den andern Hof und umringten unter dem Geschrei: „Viva Garibaldi, viva l’Italia!“ ihren General. Minuten lang dauerte das Rufen, das ganze Schloß schien von einem Freudentaumel ergriffen, Garibaldi stand auf der Freitreppe, welche zu seiner Wohnung führte, und dankte mit augenscheinlicher Rührung seinen tapfern Streitern. Es gelang mir erst nach einer Viertelstunde, durch die Massen hindurchzudringen, welche Mann an Mann gedrängt standen, um dem General einen Brief des General Cosenz zu übergeben. Garibaldi ist im eigentlichen Sinne des Wortes der Vater seiner Soldaten, welche in fast abgöttischer Verehrung an ihm hängen und deren Blut und Leben er unter Umständen schont, wo es kein anderer General thun würde.

Garibaldi ist momentan der erste und populärste Mann in Italien; er ist es nicht allein als Soldat, sondern auch „comme individu“, wie der Minister des öffentlichen Unterrichts in Neapel, dem ich durch Hrn. Imbriant, Poerio’s Schwager, empfohlen wurde, zu mir sich mit Recht ausdrückte. Er ist alt geworden in den letzten beiden Jahren, die Sonne Siciliens hat ihn sehr gebräunt; sein Haar beginnt grau zu werden. Er sieht älter aus, als er ist. Er hat drei Kinder; sein ältester Sohn dient unter ihm in der Armee, eine Tochter ist, wie man mir sagte, in Neapel, ein zweiter Sohn in einer Erziehungsanstalt in Liverpool. Garibaldi ist immer voran im Gefecht; er setzt sich mehr aus, als der General es thun sollte; aber er hat viel Glück. Wenn die Kugeln um ihn her einschlagen, bleibt er unversehrt. In Begleitung von nur fünf Mann seiner Officiere zog er in Neapel ein. „Mit Staunen habe ich dies angesehen,“ sagte zu mir ein sonst sehr conservativer neapolitanischer Bürger, „ein wohlgezielter Kartätschenschuß hätte ihn und seine ganze Begleitung zerschmettern können.“ Es ist dies ein Seitenstück zu seiner Einnahme von Varese. Garibaldi hat Varese eigentlich ganz allein genommen. Nachdem er die Oesterreicher über seine militärischen Bewegungen getäuscht und Verbindungen in der Stadt angeknüpft hatte, erfuhr er, daß Varese nur von einigen hundert Mann und einigen Officieren besetzt sei. Er ritt den Seinigen voraus und betrat die Stadt im Gefolge weniger Officiere. Er ließ sich in das Gebäude führen, wo die Oesterreicher einquartiert waren, und stieg die Treppe hinauf zu dem Zimmer, in welchem die Officiere saßen.

„Wer sind Sie?“ fragten ihn die österreichischen Officiere.

„Ich bin Garibaldi,“ erwiderte er, „und Sie, meine Herren, sind meine Gefangenen.“

Erstaunt und erschrocken ergaben sie sich. Sie glaubten den General von seiner ganzen Armee begleitet. Eine halbe Stunde später rückte eine Abtheilung der Alpenjäger in Varese ein und besetzte die Stadt. Garibaldi ist bekanntlich in Nizza am 4. Juli 1807 geboren; ist also jetzt 53 Jahre alt. Er ist ein Kind aus dem Volke; sein Vater war Fischer. „Garibaidi,“ sagte man mir in Neapel, und zwar von competenter Seite, „ist ein besserer Soldat, als er ein großer Taktiker ist.“ Ich bin natürlicherweise nicht im Stande, mir darüber ein Urtheil zu erlauben: aber das kann ich jedenfalls behaupten, Garibaldi ist der erste Soldat seiner Armee. Die Generale Türr, Nino Bixio und Oberst Rüstow gelten für die befähigtsten Officiere in der Armee, neben ihnen, vielleicht vor ihnen allen der Kriegsminister, General Cosenz, der eine außerordentliche Unerschrockenheit und persönlichen Muth mit großem Talent als Taktiker verbindet. Ich wurde dem General Cosenz durch den Minister des öffentlichen Unterrichts vorgestellt, und fand in ihm einen noch jungen Mann – er kann höchstens achtunddreißig Jahr alt sein – schlank, groß, blond, elegant in seinem Wesen und in seinen Manieren. Ich würde ihn für einen norddeutschen Edelmann gehalten haben. Er war früher, wie man mir sagte, Officier in der neapolitanischen Armee. Garibaldi ist kein guter Administrator, sagt man in Neapel. Der Vorwurf kann ihn, nach einer Dictatur von wenig Wochen, wohl nicht treffen. Ein ganzes Regierungssystem umzureißen, wie das neapolitanische war, und dafür ein anderes aufzubauen, ist keine Arbeit von vier Wochen. Man muß nur einen Begriff von dieser allgemeinen Versumpfung baben, welche durch die Regierung der Bourbonen in Neapel eingerissen ist, und sich diese Zustände mit eigenen Augen angesehen haben, um den General von einem solchen Vorwurf bis jetzt wenigstens vollständig frei zu sprechen. Alle Regierungsmaßregeln, welche ich in Neapel als die ersten Resultate der Garibaldi’schen Dictatur angesehen habe, zeugen von großem Verstande und vieler Mäßigung. Nur ein Vorwurf ist dem Dictator mit Recht zu machen, und dieser Vorwurf gilt andererseits für eine große Tugend, nämlich der Vorwurf eines edlen, großmüthigen Herzens.

„Warum läßt der General Capua nicht bombardiren?“ fragte ich einen der ersten Officiere der Garibaldi’schen Armee, „die Aufstellung Ihrer Batterie und die Stärke derselben läßt an dem Erfolge des Bombardements ja gar nicht zweifeln.“ – „O, mein Herr,“ erwiderte der Oberst mir, „das ist ein Beispiel von Edelmuth, wie es nicht wieder vorkommt,“ und machte ein äußerst unzufriedenes Gesicht.

Die lange Belagerung von Capua hat Garibaldi sehr in seinen Operationen aufgehalten. Die Generale Franz II. hätten wahrlich keine Umstände mit dem Bombardement gemacht. Man hat dies an Palermo gesehen. Und in diesem edlen, großmüthigen Herzen ist auch der Grund des Schwankens in der Garibaldi’schen Politik der letzten vier Wochen zu suchen – ein Schwanken, welches vielleicht in diesem Augenblick, wo ich diese Zeilen schreibe, vor einer bestimmten Richtung geschwunden ist. Garibaldi hat seine persönlichen, republikanischen Ueberzeugungen für jetzt der Einheit Italiens in der Vereinigung mit Piemont und Mittelitalien zum Opfer gebracht.
G. R.